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Fabian Göbel, Case Study Approach in:

Manfred Schwaiger, Anton Meyer (Ed.)

Theorien und Methoden der Betriebswirtschaft, page 355 - 372

Handbuch für Wissenschaftler und Studierende

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8006-3613-6, ISBN online: 978-3-8006-4437-7, https://doi.org/10.15358/9783800644377_355

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Fabian Göbel Case Study Approach Zusammenfassung Der Case Study Approach zählt neben dem „klassischen“ qualitativen Interview zu den am häu figsten eingesetzten Forschungsmethoden in der qualitativen Marketingforschung. Trotzdem fristet er vor demHintergrund der vorherrschendenDominanz quantitativer Forschungszugänge ein Schattendasein in wissenschaftlichen Publikationen, insbesondere im deutschsprachigem Raum. Der vorliegende Beitrag versteht sich als Plädoyer für mehr qualitative Forschung und beinhaltet neben wissenschaftstheoretischer Verortung eine anwendungsorientierte und um setzungsnahe Anleitung für den geneigten Forscher. Dabei werden neben Forschungsdesign, Vorgehensweise, einsetzbaren Methoden im Rahmen des Ansatzes und Gütekriterien auch insbesondere Erfolgsfaktoren für die praktische Umsetzung und Aufbereitung der Ergebnisse aufgearbeitet. Der Beitrag liefert somit einen Einstieg in die Anwendung dieser Methodik und beleuchtet den Beitrag, welchen der Ansatz zum wissenschaftlichen und praktischen Erkennt nisgewinn leisten kann. Dipl. Kfm. Fabian Göbel ist wissenschaftlicher Mitarbeiter und Doktorand am Institut für Marketing an der Ludwig Maximilians Universität München. Inhaltsverzeichnis 1 Problemstellung und Disposition . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 361 2 Case Study Approach . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 361 2.1 Einordnung des Case Study Approach als Forschungsansatz und Definition . . . 361 2.2 Definition und Vorgehensweise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 363 2.3 Grundlegendes Forschungsdesign im Case Study Approach . . . . . . . . . . . . . . . . 363 2.4 Ablauf und Vorgehensweise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 366 3 Das qualitative Interview als zentrale Methodik der Datenerhebung im Rahmen des Case Study Approach . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 369 3.1 Definition und Abgrenzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 369 3.2 Besonderheiten bei Planung und Ablauf von Experteninterviews . . . . . . . . . . . . 370 4 Gütekriterien im Rahmen des Case Study Approach . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 371 4.1 Konstruktvalidität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 371 4.2 Interne Validität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 372 4.3 Externe Validität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 373 4.4 Reliabilität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 373 5 Erfolgsfaktoren und Stolpersteine bei der Durchführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 374 6 Schlussbetrachtung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 375 360 Fabian Göbel Abbildungsverzeichnis Abbildung 1: Vorgehensweisen zur Theorieprüfung und bildung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 362 Abbildung 2: Forschungsdesigns im Rahmen des Case Study Approach . . . . . . . . . . . . . . 364 Abbildung 3: Vorgehensmodell im Rahmen des Case Study Approach . . . . . . . . . . . . . . . 367 Case Study Approach 361 1 Problemstellung und Disposition Der Case Study Approach zählt neben dem „klassischen“ qualitativen Interview zu den am häufigsten eingesetzten Forschungsmethodiken in der qualitativen Marketingforschung (vgl. H /G 2007, S. 63). Darüber hinaus findet er in der Wissenschaft in zahlreichen weiteren Forschungsgebieten Anwendung und wird dabei auf die unterschiedlichsten Fragestel lungen angewendet, wie z.B. Gruppeneffekte, organisationstheoretische Fragestellungen oder Unternehmensstrategien (vgl. E /G 2007, S. 25; Y 2003a, S. 4ff.). Case Studies oder Fallstudien können einen guten Ausgangspunkt für die Entwicklung vonTheorien darstellen (vgl. S 2007, S. 21; E 1989, S. 532). Oftmals ist der Beitrag wissenschaftlicher Publikationen, in denen diese Methodik zur An wendung kommt, von großem Erkenntnisgewinn (vgl. E /G 2007, S. 25). Dennoch erfahren die qualitativen Forschungsansätze im Vergleich zu quantitativen Verfahren nicht nur in der betriebswirtschaftlichen Forschung eine verhältnismäßig geringfügige Beach tung (vgl. K 2002, S. 126; H /G 2007, S. 64; B /G 2006, S. 37). Im Rahmen dieser Arbeit soll geklärt werden, wie der Case Study Approach in dieWelt derWis senschaft einzuordnen ist und welchen Erklärungsbeitrag dieser liefern kann. Auf der anderen Seite soll die Arbeit eine detaillierte praktische Anleitung zur Anwendung der Methodik für den interessierten Leser geben, weshalb die methodischen Aspekte eine besondere Gewichtung erfah ren. Denn nur wenn der Forschungsansatz in den Aspekten Forschungsdesign und Durchfüh rung mit extremer Sorgfalt konzipiert und durchgeführt wird, können klassische Stolpersteine der Methodik vermieden werden (vgl. Y 2003b, S. 1). Zusammenfassend ist dieser Beitrag also eine Synthese aus wissenschaftstheoretischer Verortung und umsetzungsnaher Darstellung der Case Study Forschung. 2 Case Study Approach Zunächst soll mit einer Einordnung des Forschungsansatzes in den wissenschaftstheoretischen Zusammenhang begonnen werden. 2.1 Einordnung des Case Study Approach als Forschungsansatz und Definition Der Fragestellung dieser Arbeit liegt der Gegensatz der wissenschaftstheoretischen Paradigmen des Positivismus und des Konstruktivismus zu Grunde. Die Wissenschaft spannt sich im Kon tinuum zwischen Positivismus und Konstruktivismus auf. Die Begrifflichkeiten werden dabei in dieser Arbeit bewusst so breit gewählt, um die Extrempunkte des Spektrums mit Positivismus auf der einen Seite und Konstruktivismus auf der anderen Seite darzustellen. Das normative oder positivistische Paradigma geht dabei von einem normativen Wirklichkeitsverständnis aus , welches eine außerhalb der Interpretation existierende Realität konstituiert (vgl. L 2005, S. 35). Das Interpretative oder konstruktivistische Paradigma hingegen geht davon aus, dass jede Interaktion ein interpretativer Prozeß ist, in dem die Handelnden sich durch sinngebende Deu tungen dessen, was der andere tut oder tun könnte aufeinander beziehen. Der Schwerpunkt der Betrachtung liegt hier auf den subjektiven Wahrnehmungen und den Bedeutungen, die diesen von den jeweiligen Personen zugewiesen werden (vgl. K 2002, S. 127). Das interpretative 362 Fabian Göbel Paradigma zieht aus seiner Konzeption sozialer Wirklichkeit die methodologische Konsequenz. Wenn Deutungen die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit formen, muss auch die Theoriebildung über diesen Gegenstandsbereich als interpretativer Prozess angelegt sein. An sätze qualitativer Sozialforschung können als die methodologische Ergänzung der grundlagen theoretischen Position des interpretativen Paradigmas verstanden werden (vgl. L 2005, S. 35). Qualititative Methoden können somit dem interpretativen Paradigma zugeordnet wer den, quantitative Methodiken eher dem normativen Paradigma. Das zentrale Unterscheidungsmerkmal zwischen quantitativer und qualitativer Forschung ist dabei die Art des Verwendung findenden Datenmaterials. Diese Unterschiede resultieren aus den verschiedenen zum Einsatz kommenden Forschungsmethoden (vgl. D /L 2005, S. 11). Grundsätzlich unterscheiden sich die Vorgehensweisen zur Theoriegewinnung. In der quanti tativen Position wird deduktiv, in der qualitativen Methodik wird induktiv vorgegangen (vgl. L 2005, S. 118). Abbildung 1 verdeutlicht die beiden Vorgehensweisen. Oftmals stützen herausragende Arbeiten mit entscheidenden Impulsen für Fortschritt und In novation ihre Erkenntnisse aus qualitativen Forschungszugängen (vgl. Y 2003a, S. 31ff.). Qualitative Methoden werden somit den Entdeckungszusammenhangsanforderungen der be triebswirtschaftlichen Forschung eher gerecht, quantitative Methoden werden vermehrt dem Begründungszusammenhang zugeordnet (vgl. C 1994, S. 90f.). Nachdem es in den letzten Dekaden vielfach eher an Innovationen im Entdeckungszusammenhang oderTheoriein novationen in den Wirtschafts und Sozialwissenschaften mangelt, versteht sich diese Arbeit auch als Plädoyer für mehr qualitative Forschung und induktive Vorgehensweisen. Der Case Study Approach ist eine von zahlreichen methodischen Vorgehensweisen, die den qualitativen Forschungsmethoden zugeordnet werden (vgl. H /G 2007, S. 65; S 2005, S. 444). Im Folgenden soll nun eine Definition erfolgen. Realität Modifizierte Theorie Realität Theorien und Hypothesen deduktiv Quantitative Sozialforschung Empirische Untersuchung Empirische Untersuchung Empirische Studie Qualitative Sozialforschung Theorien und Hyopthesen induktiv Realität Abbildung 1: Vorgehensweisen zur Theorieprüfung und -bildung [in Anlehung an lamneK 2005, S. 118] Case Study Approach 363 2.2 Definition und Vorgehensweise Zunächst soll das für die Arbeit zu Grunde liegende Verständnis geklärt werden. In der um gangssprachlichen Verwendung werden Fallstudien häufig synonym zu Anekdoten, Business Cases oder Fallbeispielen verwendet, mit welchen im didaktischen Zusammenhang insbesondere in der Aus und Weiterbildung gearbeitet wird (vgl. B /G 2006, S. 38). In Bezug auf den Forschungsansatz herrscht in der Literatur Uneinigkeit, die aus den unterschied lichen Zugängen zur Methodik resultiert (vgl. S 2005, S. 444). In weiteren Verlauf wird in dieser Arbeit das Verständnis von Yin zugrunde gelegt, da dieses häufig in der Literatur anzutreffen ist und gerade im betriebswirtschaftlichen Zusammenhang geeignet erscheint. Y (2003b, S. 13) definiert Fallstudien als „ [...] an empirical inquiry that investigates a contemporary phenomenon within its real life context, especially when the boundaries between phenomenon and context are not clearly evident“. Eisenhardt verweist in ihrer Definition auf einen weiteren zentralen Aspekt, den der unterschied lichen Verwendung findenden Datenquellen. „Cases are rich empirical descriptions of particular instances of a phenomenon, that are typically based on a variety of data sources“ (vgl. E /G 2007, S. 25). Die Fallstudie kann dabei in einem weiten Anwendungsgebiet universell eingesetzt werden. Je nach Forschungsfrage können Fallstudien zu unterschiedlichen Zielsetzungen beitragen. Es können sowohlTheorie testende als auch auf die (Weiter )Entwicklung vonTheorien abzielende sowie deskriptive Erkenntnisse gewonnen werden (vgl. E 1989, S. 535). Dabei eignet sich die Methodik in besonderemMaße, die Lücke zwischen qualitativen Erkenntnissen und der deduktiven Forschung zu schließen (vgl. E /G 2007, S. 25). Die Forschung setzt dabei an interessanten Fällen an, um hiervon ausgehend induktiv Theorien abzuleiten. Da aus dem Verfahren abgeleiteteTheorien ex definitionem aus besonders reichhaltigen empirischen Daten gewonnen werden, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass es sich bei den gewonnenen Erkenntnissen auch um quantitativ testbare handelt. Diese können so den quantitativen For scher bei der Generierung von Hypothesen und der Konstruktvalidierung unterstützen (vgl. B /G 2006, S. 40). Der Fallstudienansatz kann somit als komplementär zur deduktivenMainstream Forschung verstanden werden (vgl. E /G 2007, S. 25f.). Die besonderen Stärken einer Fallstudie liegen, im Vergleich zu anderen Untersuchungs methoden, in der umfassenderen und somit besseren Abbildung derWirklichkeit. Sie ermöglicht es, Entwicklungen, Prozessabläufe und komplexe Ursache Wirkungsbeziehungen unter Berück sichtigung einer Vielzahl von Determinanten und Einflussfaktoren zu untersuchen. (vgl. Y 2003b, S. 109f.). Je nach Forschungsfrage können unterschiedliche Forschungsdesigns gewählt werden, welche in der Folge erläutert werden sollen. 2.3 Grundlegendes Forschungsdesign im Case Study Approach Dem Forschungsvorhaben mittels der Case Study Methode können unterschiedliche Interes sensbereiche zu Grunde liegen. Grundsätzlich können dabei intrinsisch motivierte Fallstudien und instrumentell motivierte Fallstudien unterschieden werden (vgl. S 2005, S. 445). Bei der intrinsic case study liegt das Interesse des Forschers im Fall an sich, nicht in der Tatsache, dass der Fall generalisierbare Erkenntnisse liefern soll. Im Gegensatz hierzu soll die instrumental case 364 Fabian Göbel study genau diese liefern oder ein besonderes Phänomen untersuchen.Wird die Untersuchung auf mehrere Fälle ausgeweitet, spricht man von einer multiple case study ( vgl. S 2005, S. 446). Die Auswahl der in Betracht zu ziehenden Fallstudie(n) ist meist bereits die erste große Heraus forderung des Forschungsvorhabens (vgl. E /G 2007, S. 27). Denn reprä sentative Aussagen erfordern meist großzahlige Stichproben, was in offenen, qualitativen Unter suchungen oftmals nicht realisierbar ist (vgl. L 2005, S. 265). Dies ist insbesondere der Fall beim Fallstudienansatz, der Erkenntnisse aus reichhaltigen Datensätzen zahlreicher Quellen gewinnt. Daher wird auf das Auswahlverfahren des Theoretical Sampling zurückgegriffen. Das Sampling wird dabei anhand von Konzepten durchgeführt, die bestätigte Relevanz für die zu entwickelndeTheorie besitzen (vgl. G /S 2005, S. 53). Zentrales Merkmal ist dabei der Verzicht auf einen ex ante bestimmten Auswahlplan zugunsten einer schrittweisen Entwick lung des Samples (vgl. B . 2003, S. 154). Dies setzt voraus, dass der Forscher weiß, worauf er seine Aufmerksamkeit zu richten hat (vgl. L 2005, S. 266). Zunächst muss sich der Forscher die Frage stellen, welches Forschungsdesign für die zu Grunde liegende Forschungsfrage adäquat erscheint. In Bezug auf den Fallstudienansatz muss es das Ziel des Forschers sein „[...] to choose cases which are likely to replicate or extend the emergent theory“ (E 1989, S. 537). Dabei wird im Case Study Approach meist von einer 2×2 Matrix ausgegangen, wie Abbildung 2 zeigt: In einer Weiterentwicklung dieses Basismodells wird noch eine weitere Dimension integriert, so dass auch von 2x3 Dimensionen gesprochen wird (vgl. Y 2003a, S. 5). Dabei wird nach explorativem, beschreibendem und erklärendem (kausalen) Case Study Design unterschieden. Explorative Case Studies zielen dabei auf Generierung von Hypothesen und Fragestellungen für eine anschließende Studie (die nicht unbedingt eine weitere Case Study Untersuchung sein Embedded (multiple units of analysis) Multiple Case Design Holistic (single unit of analysis) Single Case Design Kontext Case Embedded Unit of Analysis 1 Embedded Unit of Analysis 2 Kontext Case Kontext Case Kontext Case Kontext Case Kontext Case Kontext Case Embedded Unit of Analysis 1 Embedded Unit of Analysis 2 Kontext Case Embedded Unit of Analysis 1 Embedded Unit of Analysis 2 Kontext Case Embedded Unit of Analysis 1 Embedded Unit of Analysis 2 Kontext Case Embedded Unit of Analysis 1 Embedded Unit of Analysis 2 Abbildung 2: Forschungsdesigns im Rahmen des Case Study Approach [in Anlehung an yin 2003b, S. 40] Case Study Approach 365 muss) ab. Eine deskriptive Vorgehensweise fokussiert die Beschreibung eines Phänomens in seinem Kontext. Explorative Case Studies setzen den Schwerpunkt der Betrachtung auf die Erklärung von Ursache Wirkungsbeziehungen. Zunächst muss die Entscheidung getroffen werden, ob ein Einzelfall oder mehrere Fallstudien in die Betrachtung einfließen. Die Einzelfallstudie weist dabei Parallelen zum Einzelexperiment auf. Für die Wahl eines Einzelfalles kann das Vorhandensein eines besonders starken und gut formulierten theoretischen Rahmens sprechen (vgl. Y 2003b, S. 39ff.). Um den vorgegebenen theoretischen Rahmen zu bestätigen, herauszufordern oder evtl. zu erweitern, kann ein einzelner Fall durchaus genügen und einen wertvollen Beitrag leisten. Eine weitere Begründung für die Wahl einer Einzelfallstudie liegt in der möglichen Besonderheit oder uniqueness des Falles (vgl. S 2007, S. 20). Derartige Fälle sind häufig in medizinischem Kontext anzutreffen, wenn besonders seltene Verletzungen oder Krankheiten auftreten. Dabei ist die Seltenheit allein schon Grund genug zur Beobachtung und Analyse. Auch Fälle, die als besonders typisch oder relevant angesehen werden rechtfertigen die Wahl. Bislang nicht zugängliche Fälle oder solche, die eine Beobachtung über einen längeren Zeitraum ermöglichen, komplettieren die Auswahl gründe für ein Einzelfalldesign. Als weiterer Aspekt der Planung des Forschungsdesigns steht die Wahl des Untersuchungs gegenstandes an (vgl. Y 2003b, S. 42f.). Eine Fallstudie kann dabei mehr als einen Unter suchungsgegenstand beinhalten. So können innerhalb eines Untersuchungsgegenstandes auch diverse Unteraspekte Gegenstand der Betrachtung sein. Eine politische Partei kann bspw. als Gesamtinstitution untersucht werden (holistic). Daneben kann aber auch das Auftreten der un terschiedlichen Parteiflügel innerhalb der Untersuchung von Interesse sein. Dies kann analog bis auf ein einzelnes Parteimitglied heruntergebrochen werden (embedded unit of analysis). ImGegensatz zur Einzelfallstudie kann ein Untersuchungsgegenstand auch mit mehreren Fällen untersucht werden. Diese Art der Untersuchung hat in den letzten Jahren stark an Bedeutung gewonnen (vgl. Y 2003b, S. 46). Der Vorteil vergleichender Fallstudien gegenüber der Einzel fallstudie liegt darin, dass gewonnene Erkenntnisse durch Ähnlichkeiten und Unterschiede zwi schen den Fällen untersucht werden können. (vgl. S 2005, S. 444f.). Das Einbeziehen mehr als eines Falles bietet dabei sowohl Vor als auch Nachteile. Zu den Vorteilen zählen dabei, dass einmultiple case designmeist aussagekräftigere Ergebnisse liefert, und somit die Gesamtstudie als weniger angreifbar im Sinne einer externen Validität gilt (vgl. H /F 1983, S. 15; E /G 2007, S. 27). Diese Tatsache begründet sich auch in der sogenannten replication logic, die im Folgenden näher betrachtet werden soll. Hierbei wird versucht, signifi kante Erkenntnisse aus einer Fallstudie mit weiteren Fallstudien zu vergleichen (vgl. Y 1981, S. 62). Ziel ist es dabei, Aussagen über die generelle Gültigkeit der Ergebnisse durch Überprü fung auf Auftreten bei den weiteren Fallstudien treffen zu können (vgl. Y 2003b, S. 46). Von zentraler Bedeutung ist bei einem derartigen Vorgehen die Entwicklung eines starken theo retischen Rahmens, der die Rahmenbedingungen, unter welchen das Phänomen auftritt, genau spezifiziert, ebenso wie die Rahmenbedingungen, unter welchen dies genau nicht der Fall ist. Der theoretische Rahmen dient dabei als Anhaltspunkt, der auf zusätzlich erhobene Fälle an gewendet werden kann. „Mulitiple cases enable comparisons that clarify whether an emergent finding is simply idiosyncratic or consistently replicated by several cases“ (E 1991, S. 625). So gelten emergente Theorien, Propositionen und Konstrukte als tiefer durch empi rische Nachweise verankert, wenn einmultiple case design Anwendung findet (vgl. E / G 2007, S. 27). 366 Fabian Göbel Auch im multiple case design stellt sich die Frage, welche Fälle Eingang die Betrachtung finden sollen. Hier steht nun weniger die zuvor angesprochene uniqueness im Vordergrund, sondern vielmehr der Beitrag, den die Fälle zur Replikation, Theorieerweiterung, konträrer Replikation oder zu Elimination alternativer Erklärungszusammenhänge leisten können (vgl. Y 2003b, S. 52). Als Richtgröße für eine multiple case Vorgehensweise nennt E (1989, S. 545) die Anzahl von vier bis zehn Fällen, da sich bei einer größeren Anzahl Umfang und somit Kom plexität der Auswertung erheblich erhöhen. Den Vorteilen gegenüber steht der Nachteil, dass vergleichende Fallstudien mit einem extrem hohen Kosten und Zeitaufwand verbunden sind (vgl. Y 2003b, S. 47). Nachdem in den vorangegangenen Ausführungen grundsätzliche Aspekte der Wahl des For schungsdesigns diskutiert wurden, soll nun im nächsten Schritt eine dezidierte Anleitung für den Forscher zur Erhebung und Durchführung des Fallstudienansatzes gegeben werden. 2.4 Ablauf und Vorgehensweise In der Literatur existiert kein allgemein erkanntes Vorgehensmodell in Bezug auf Untersu chungen mittels des Case Study Approach, allerdings wird häufig auf Eisenhardt Bezug genom men, dessen aus acht Phasen bestehendes Modell in der Folge diskutiert werden soll. Dieses Modell beschreibt die Vorgehensweise insbesondere für induktives Vorgehen im Rahmen von Fragestellungen, welchen die Generierung neuer Theorien zu Grunde liegt. Da sich die Vorgehensweise bei deduktiver Herangehensweise nur marginal unterscheidet, kann dieses Modell mit einigen Abstrichen als allgemeingültig angesehen werden. In Abschnitt 5 werden Erfolgsfaktoren und Stolpersteine der Methodik eruiert sowie ein kritischer Vergleich der beiden einflussreichsten Autoren, Yin und Eisenhardt, in Bezug auf die idealtypische Vor gehensweise der Methodik gegeben. Abbildung 3 zeigt das Phasenmodell nach Eisenhardt, welches in der Folge einer detaillierten Betrachtung unterzogen wird. Die erste Phase wird dabei als Vorbereitungsphase verstanden. Hier sollen in einem ersten Schritt die Forschungsfrage definiert werden, wobei diese im Sinne der induktiven Vorgehensweise auch noch sehr vage gestellt sein kann. Zusätzlich sollten a priori relevante Konstrukte aus der Lite ratur identifiziert werden, welche für die Erhebung eine Rolle spielen können. Dies ist zwar im Sinne der induktiven Vorgehensweise eher unüblich, kann sich aber im Verlauf des Forschungs prozesses als wertvolle Grundlage erweisen, sollten sich die ex ante definierten Konstrukte in der Tat als relevant erweisen. Ein derartiges Vorgehen unterstreicht nochmals die in Abschnitt 1 angesprochene Brückenfunktion zwischen induktiver und deduktiver Herangehensweise, die der Case Study Approach ermöglicht. In der Literatur wird dennoch darauf verwiesen, dass eine a priori Identifikation relevanter Konstrukte durchaus nützlich sein kann, der Forscher aber auch bereit sein muss, seine im Vorfeld festgelegten Annahmen zu verwerfen und im Sinne der Of fenheit der qualitativen Forschung auch weitere Konstrukte im Verlauf des Forschungsprozesses zu integrieren. „No construct is guaranteed a place in the resultant theory, no matter how well it is measured“ (E 1989, S. 536). Case Study Approach 367 Idealerweise sollte man sich einer theoriebildenden Fragestellung ohne vorherige Annahmen undHypothesen nähern.Was nach einemWiderspruch zu den vorangegangenen Ausführungen klingt, wird von E (1989, S. 536) wie folgt relativiert: „[...] investigators should formulate a research problem and possibly specify some potentially important variables, with some reference to extant literature“. Auch wenn der Forscher bereits Annahmen über relevante Variablen zu Grunde legt, sollte es jedoch unbedingt vermieden werden, Annahmen über Re lationen und Kausalitäten der in Betracht gezogenen Variablen zu treffen (vgl. E 1989, S. 536). In der zweiten Phase gilt es nun, die zu betrachtenden Fälle auszuwählen. Dabei gelten die in Ab schnitt 2.3 eruierten Kriterien des theoretical sampling (vgl. G /S 2005, S. 70ff.). In Phase drei wird die Auswahl der Erhebungsinstrumente getroffen. Dabei werden typischer weise unterschiedliche Methodiken kombiniert. Dies ist insbesondere ein Vorteil des Fallstu Vorbereitung ` 7*b]#;#B] C*? 3B?=D%8]&='?J&* ` B%]* 3B?=D%8]&='?J&* G*=;*%; C#* Z*'J%?N =#D% #] C*? /#*cWJ%c J] V]'B?aJ;#B]*] W8 6*?c#*?*] ` J A?#B?# 7*b]#;#B] C*? W8 8];*?=8D%*]C*] UB]=;?8!;* !J]] %#c'?*#D% =*#] ` #C*Jc*?4*#=* =Bcc;* aJ] =#D% C*? 3B?=D%8]&='?J&* B%]* "*&c#D%* ;%*B?*;#=D%* >]]J%a* ]T%*?]N 8a /*?W*??8]&*] W8 6*?a*#C*] >8=4J%c C*? 3Jcc=;8C#*] ` ^*B?*;#DJc 1JaAc#]& ` "* ]JD% 3?J&*=;*cc8]& #=; C#* >]WJ%c C*? [1;#D%A?BG*F W8 6J?##*?*] ` ]#D%; >]WJ%cN =B]C*?] /B?%J]C*]=*#] C*= #];*?*==#*?*]C*] 0];*?=8D%8]&=&*&*]=;J]C*= =Bcc;* J8==D%cJ&&*G*]C =*#] 78?D%'H%?8]& C*? 5?%*G8]& ` -G*?cJAA8]& 6B] 7J;*]&*]*?#*?8]& 8]C 5?%*G8]& #a 1#]]* C*? 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C 1994, S. 39; H /R 1999, S. 303f.). Da die Datenerhebung im Rahmen von Fallstudienarbeiten an keine bestimmte Erhebungsmethode gebunden ist, sollte sich die Auswahl situativ nach der Zielsetzung der Untersuchung richten, um relevante Daten zur Beantwortung der Forschungsfragen zu generieren (vgl. B / G 2006, S. 42). Als wesentliche Methodiken der Primärforschung gelten Expertenin terviews und Beobachtungen. Erstere der beiden zentralen Methodiken wird im Anschluss in Abschnitt 3 einer detaillierten Betrachtung unterzogen, um auch hier eine dezidierte Anleitung für das Vorgehen zu geben.1 Darüber hinaus werden auch sekundäre Quellen in Betracht gezogen. Unter dem Begriff documentation wird eine weitere Datenquelle verstanden, welche insbesondere bei der Untersuchung von Unternehmen zum Tragen kommt. Hierunter fallen neben E Mailverkehr, Meeting Agen das und Protokollen sämtliche weiteren schriftlichen Dokumente, welche Aufschluss über den zu untersuchenden Fall geben können. (vgl. Y 2003b, S. 85f.). Auch Unternehmensdatenbanken können als Quelle herangezogen werden und einen entscheidenden Beitrag leisten (vgl. Y 2003b, S. 89). Die nächste Phase umfasst die Erhebung. Dabei wird insbesondere auf die Erfassung sämt licher Details der Erhebung in Form von Feldnotizen verwiesen (vgl. E 1989, S. 539). Dies dient dabei im weiteren Verlauf der Erhebung sowohl dazu, eventuelle emergente Fragestellungen, die im Vorfeld missachtet wurden, in die Erhebung zu integrieren, als auch der Dokumentation des kontextuellen Umfelds der Erhebung. Gerade in Bezug auf die Inte gration neuer Fragestellungen im Verlauf der Erhebung besteht in der Literatur Uneinigkeit. E (1989, S. 539) betont ein iteratives Vorgehen, welches selbst während der Erhe bung die Aufnahme zusätzlicher Fragen in das Erhebungsinstrument gestattet. Y (2003b, S. 42) hingegen lehnt dies ab und sieht lediglich einen Pilot Case als Testfall vor, um letzte Änderungen vor der finalen Erhebung zu integrieren. Während das Vorgehen nach Eisenhardt mehr demKonzept der Offenheit qualitativer Forschung (vgl. L 2005, S. 21ff.) entspricht, eignet sich das Vorgehen nach Yin eher beiTheorie testenden Fragestellungen, da somit die Ver gleichbarkeit aller erhobener Fälle garantiert werden kann. Eine „goldene Regel“ existiert auch hier nicht, das Vorgehen muss in Abhängigkeit von der Forschungsfrage eruiert werden. In der anschließenden Phase erfolgt die Auswertung der erhobenen Daten. Dabei werden sowohl Einzelfälle untersucht, als auch fallübergreifende Ergebnisse ausgewertet. Dabei steht insbe sondere die Suche nach Mustern, die sich über mehrere Fälle ergeben im Vordergrund. Zudem erfolgt auch der Abgleich der Ergebnisse der unterschiedlichen Erhebungsmethodiken bzw. Datenquellen (vgl. E 1989, S. 540). In einem nächsten Schritt werden auf Basis der bisherigen Erkenntnisse und Befunde Hypothe sen motiviert und formuliert. Dabei stehen insbesondere emergente Beziehungen zwischen den betrachteten Variablen im Vordergrund. In dieser Phase sind zweiThemen von zentraler Bedeu tung. Zum einen muss der Konstruktvalidität Beachtung geschenkt werden, um die Güte der Erkenntnisse zu untermauern. Hier stehen in besonderemMaße die theoretische Definition und die Spezifikation des zum Einsatz kommenden Messinstrumentariums im Vordergrund (vgl. E 1989, S. 541). Zum anderenmuss der Abgleich der emergenten Relationen zwischen den Konstrukten mit den Befunden der einzelnen Fälle verglichen werden (vgl. E 1989, S. 542). Diese Aspekte erfahren in Abschnitt 4.1 eine detaillierte Betrachtung. Für weitere Ausführungen zurMethodik der Beobachtung vgl. L (2005, S. 547ff.), B /D (2006, S. 321ff.). Case Study Approach 369 Im Anschluss erfolgt der Abgleich der emergenten Konzepte mit der bisher bestehenden Litera tur. Dabei ist darauf zu achten, ein möglichst breites Spektrum an Literatur und insbesondere konfligierende Literatur in die Ausführungen einfließen zu lassen. (vgl. E 1989, S. 544). Wird dies versäumt, schwächt dies im Ergebnis die Güte der Erkenntnisse. Wenn es dem Forscher gelingt die emergenten Befunde mit der vorhandenen Literatur zu vernetzen, ist dies als Bereicherung im Sinne einer internen Validität zu sehen (vgl. E 1989, S. 545). In der finalen Phase kommt es nun darauf an, den richtigen Zeitpunkt für den Abschluß der Un tersuchung zu identifizieren. In Bezug auf die Integration zusätzlicher Cases sollte dann mit dem Sampling aufgehört werden, sobald theoretische Sättigung erreicht wurde (vgl. G /S 2005, S. 68f.). Sättigung bedeutet, dass keine zusätzlichen Daten mehr gefunden werden kön nen, mit deren Hilfe weitere Eigenschaften eines Aspekts entwickelt werden können. Dies ist der Fall, sobald in den Beispielen ausschließlich Wiederholungen ohne Erkenntnisgewinn auf treten. Im Rahmen des Case Study Approach wird in der Regel von einer Anzahl zwischen vier bis zehn Fällen ausgegangen (vgl. E 1989, S. 545). Auch in Bezug auf den iterativen Abgleich zwischen Theorie und Datenmaterial gilt die Sättigung als abschließendes Merkmal, d.h. auch hier sollte der Forscher aufhören, sobald aus weiteren Abgleichen nur noch geringe Erkenntnisgewinne resultieren. Im Folgenden soll nun ein detaillierter Überblick über das qualitative Interview als eine der zentralen Methodiken im Rahmen des Fallstudienansatzes gegeben werden. 3 Das qualitative Interview als zentrale Methodik der Da tenerhebung im Rahmen des Case Study Approach Interviews gelten als eine der wichtigsten Quellen im Rahmen des Fallstudienansatzes (vgl. Y 2003 S. 89). Daher werden in der Folge zunächst Definition und Ablauf dieser zentralen Methodik eruiert. 3.1 Definition und Abgrenzung Umgangssprachlich wird unter dem Begriff des Interviews meist das Gespräch eines Journalisten mit einer Persönlichkeit des öffentlichen Lebens zum Zwecke der publizistischen Verwertung verstanden. In der Folge wird der Begriff definiert als „[...] ein planmäßiges Vorgehen, mit wissenschaftlicher Zielsetzung, bei dem die Versuchperson durch eine Reihe gezielter Fragen oder mitgeteilter Stimuli zu verbalen Informationen veranlasst werden soll“ (S 1967, S. 137). Auf einem Kontinuum mit den Polen „vollständig strukturiert“ auf der einen und „wenig struk turiert, offen“ auf der anderen Seite lassen sich unterschiedliche Interviewformen unterscheiden. Dazu gehören fokussierte Interviews, Experteninterviews, problemzentrierte Interviews, narra tive Interviews, Tiefeninterviews und rezeptive Interviews (vgl. L 2005, S. 341ff.). Je nach Art der Fragestellung muss der Forscher sich für die passende Interviewform entscheiden.2 Im Rahmen des Fallstudienansatzes sind im Falle der Untersuchung eines bislang wenig erforschten Phänomens offene und wenig strukturierte Interviewformen zweckmäßig (vgl. Y 2003b, S. 90). Für einen vollständigen Überblick aller Interviewformen und Ihrer Einsatzgebiete vgl. L (2005, S. 383) und B /D (2006, S. 315). 370 Fabian Göbel Häufig findet im Rahmen des Fallstudienansatzes das Experteninterview Verwendung. Hierun ter fallen sämtliche offene oder teilstandardisierte Befragungen von Experten zu einem vorge gebenen Bereich oder Thema. Im Experteninterview tritt die Person des Experten in ihrer bio grafischenMotiviertheit in den Hintergrund. Stattdessen interessiert der in einen Funktionstext eingebundene Akteur (vgl. B . 2003, S. 57). Die Funktion des Experten, welche häufig in einer verantwortungsvollen Position und einem privilegierten Zugang zu Informati onen, Personengruppen, Organisationsabläufen und Entscheidungsprozesse gebunden ist, er möglicht den Einblick in Fach sowie Hintergrundwissen. Darüber hinaus interessieren spezielle Erfahrungen, die der Experte in seinemHandlungsumfeld gemacht hat (vgl. M /M 2007, S. 254). Als angemessenes Erhebungsinstrument gilt ein leitfadengestütztes Interview. Bei Ver zicht auf jegliche thematische Vorstrukturierung läuft der Forscher Gefahr, sich dem Experten als inkompetenter Gesprächspartner darzustellen und würde darüber hinaus dem auf funktions bezogenem Sonderwissen gerichteten, eng begrenztem thematischen Erkenntnisinteresse nicht gerecht (vgl. B . 2003, S. 58). Ein Leitfaden gestütztes Experteninterview lässt in der Regel genügend Spielraum, spontan aus der Interviewsituation heraus neue Fragen und Themenbereiche einzubauen, oder bei der Auswertung Themen herauszufiltern, welche bei der Leitfadenkonzeption nicht antizipiert wurden (vgl. B /D 2006, S. 314). Das Experteninterview kann somit sowohl fürTheorie testende als auch fürTheorie generieren de Fragestellungen interessante Erkenntnisse liefern. 3.2 Besonderheiten bei Planung und Ablauf von Experteninterviews Nachdem die Methodik spezifiziert wurde, soll nun noch auf einige Besonderheiten bei der Pla nung und Durchführung der Interviews hingewiesen werden. Neben der sorgfältigen Planung (inklusive der Bereitstellung von Audiorekordern, Speichermedien etc.) hängt das Gelingen eines Experteninterviews in hohem Maße vom fachlichen sowie methodischen Know how und dem Kommunikationsgeschick des Forschers ab. Da die Lebensnähe für qualitative Interviews von entscheidender Bedeutung ist, sollte die Erhebungssituation möglichst einer Alltagssituation entsprechen (vgl. L 2005, S. 396). Wesentlichen Einfluss auf den gesamten Ablauf des Interviews nimmt die Startphase. Daher sollte der Interviewer durch Smalltalk eine möglichst entspannte Atmosphäre erzeugen (vgl. B /D 2006, S. 310). Hauptaufgabe ist die Steuerung und Überwachung des Gesprächsablaufs. Dies beinhaltet die aufmerksame Beobach tung sowohl von eigenen Reaktionen als auch des nonverbalen Verhaltens des Gesprächspart ners. Zudem ist der Interviewer gefordert, weiterführende Fragen zu formulieren und Sorge zu tragen, dass der Interviewte nicht zu weit vom Thema abschweift (vgl. B /D 2006, S. 311). Eine gewissenhafte Durchführung setzt die Anpassungsfähigkeit und Flexibilität in der Frageformulierung, sowie Geduld und „Zuhören können“ voraus (vgl. Y 2003b, S. 59). Der Interviewer sollte darüber hinaus ebenfalls darauf gefasst sein, mit wortkargen sowie besonders redseligen Interviewpartnern konfrontiert zu werden (vgl. B /D 2006, S. 311). Nach dem offiziellen Ende des Interviews – markiert durch das Abschalten des Audiorekorders – schließt sich in der Regel eine Phase des informellen Austauschs an. Hier sollte der Interviewer trotz Erschöpfung besonders aufmerksam sein, da Befragungspersonen oftmals gerade nach Ausschalten des Aufnahmegeräts besonders wichtige oder persönliche Aussagen treffen sowie die Gesprächssituation kommentieren. Es empfiehlt sich daher unmittelbar nach Abschluss des Interviews Gesprächsnotizen zu machen. Diese können zu einem späteren Zeitpunkt als Vali ditätsbeurteilungen des Materials verwendet werden. Die Tonaufzeichnungen müssen vor einer interpretativen Auswertung transkribiert werden (vgl. B /D 2006, S. 311f.). Case Study Approach 371 Nachdem eine detaillierte Anleitung zur Handhabung von Experteninterviews gegeben wurde, sollen im Anschluss Gütekriterien qualitativer Forschung diskutiert werden. 4 Gütekriterien im Rahmen des Case Study Approach Die Qualität wissenschaftlicher Erkenntnisgewinnung kann sowohl bei quantitativer als auch bei qualitativer Forschung anhand einiger Gütekriterien gemessen werden. Zwar bedienen sich beide Forschungsparadigmen ähnlicher Terminologie, allerdings sind diese durchaus unter schiedlich (vgl. L 2005, S. 144). Die Konzepte der Objektivität, Reliabilität und Vali dität werden in modifizierter Form auch in der qualitativen Forschung verwendet, allerdings sind dabei die Begriffe Objektivität und Reliabilität eher ungebräuchlich, weshalb diese in der Folge auch nur am Rande erwähnt werden. Man spricht insbesondere von unterschiedlichen Kriterien der Validität, welche sicherstellen sollen, dass die erhobenen Daten das zum Ausdruck bringen, was auch erfasst werden sollte (vgl. B /D 2006, S. 326). Auch der Case Study Approach kann sich dem Bestreben um einen gewissen Rigor nicht entziehen (vgl. E 1991, S. 620). Dabei werden vier Gütekriterien unterschieden, welche in der Folge diskutiert werden sollen.3 4.1 Konstruktvalidität Zunächst die hierbei Kostruktvalidität zu nennen. Kritiker des Fallstudienansatzes verweisen oftmals auf die Tatsache, dass bei Fallstudien oftmals die Gegenstandsangemessenheit der zu Grunde gelegten Untersuchungsmethodik objektiven Standards nicht Stand hält, und somit ein hohes Maß an Subjektivität die Erhebung determiniert (vgl. Y 2003b, S. 35). Um diese Kri tikpunkte zu vermeiden, ist es von zentraler Wichtigkeit den Untersuchungsgegenstand genau zu spezifizieren, um in einem zweiten Schritt zu beweisen, dass die gewählten Messinstrumente den Untersuchungsgegenstand auch widerspiegeln. Dies lässt sich an folgendem Beispiel veran schaulichen: soll bspw. die Langeweile in Hörsälen durch Zählung der Anzahl der durch ein geritzte oder aufgemalte Zeichnungen und Sprüche gestalteten Bänke gemessen werden, sollte diese Interpretation nicht alleine der Intuition des Forschers überlassen werden. Vielmehr sollte eine derartige Vorgehensweise durch zusätzliche Beobachtungen oder Befragungen abgesichert werden. Nur so kann davon ausgegangen werden, dass die erhobenen Daten auch wirklich indikativ für die interessierenden psychologischen Konstrukte sind (vgl. B /D 2006, S. 328). Dabei ist auch auf eine a priori Spezifikation der Konstrukte durch Berücksichtigung relevanter Literatur zu achten. Auf diese Weise kann eine zielgerichtete Ergebung gewährleistet werden. Zur Absicherung der Konstruktvalidität können mehrere Vorgehensweisen angewandt werden. Zum einen kann durchMethodentriangulation garantiert werden, dass ein vorliegendes Phänomen aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet wird. Wenn sich die Erkenntnisse der unterschiedlichen Methoden als konvergent erweisen, kann davon ausgegangen werden, dass ein Phänomen valide gemessen wurde (vgl. Y 2003b, S. 97f.). Dabei wird die Annahme zu Grunde gelegt, dass durch Methodentriangulation die mit einzelnen Methodiken verbundenen Nachteile kompensiert werden können (vgl. H /R 1999, S. 296). Als zweite Vorgehensweise bietet es sich an, die sog. chain of evidence aufzubauen und auf recht zu erhalten. Darunter ist, analog zum Prinzip den Explikation nach L (2005, Für einen umfassenden Überblick über Gütekriterien qualitativer Forschungsmethoden vgl. M (2002, S. 142ff.). 372 Fabian Göbel S. 24), eine Vorgehensweise zu verstehen, dem externen Beobachter (also auch dem Leser der Fallstudien) von Beginn an sämtliche Erkenntnisse und Rückschlüsse offen zu legen und so mit nachvollziehbar zu gestalten. Dies bezieht sich dabei sowohl auf die ausgewählten Metho diken als auch auf die Interpretation des erhobenen Datenmaterials (vgl. Y 2003b, S. 105f.; E /G 2007, S. 29). Eine dritte Variante besteht darin, nach Abschluss der Auswertung die Ergebnisse nochmals mit den befragten Experten zu diskutieren. Durch dieses Vorgehen wird die Wahrscheinlichkeit einer Fehlinterpretation durch den Forscher minimiert und die inhaltlich fehlerfreie Wiedergabe der Befunde sichergestellt (vgl. Y 2003b, S. 159). Man spricht in diesem Zusammenhang auch von einer kommunikativen Validierung (vgl. B /D 2006, S. 328). Die genannten Ansatzpunkte kommen dabei im Ablauf der Untersuchung im Rahmen der Datenerhebung und bei der Zusammenstellung der Ergebnisse zum Tragen. 4.2 Interne Validität Genau wie bei der quantitativen Forschung gilt die interne Validität als das wichtigste Güte kriterium einer jeden Datenerhebung (vgl. B /D 2006, S. 327). Sie bezieht sich in diesem Zusammenhang auf die Gültigkeit der aufgestellten Kausalzusammenhänge und ihre intersubjektive Überprüfbarkeit (vgl. Y 2003b, S. 50). Im Case Study Approach kommt es sehr häufig zu Rückschlüssen des Forschers, insbesondere wenn die Fragestellung latente Konstrukte involviert, welche sich nicht direkt beobachten lassen. Aber sind die getroffenen Schlussfolge rungen korrekt? Haben sämtliche konfligierende Erklärungsmöglichkeiten Eingang in die Be trachtung gefunden? Sind die Befunde über mehrere Fälle konvergent? Mit diesen und weiteren zentralen Fragestellungen sieht sich der Forscher konfrontiert. Mit den in der Folge dargestellten Vorgehensweisen kann der Forscher seine Ergebnisse absichern. Die Exploration möglicher Kausalzusammenhänge kann durch sog. pattern matching erreicht werden. Dabei wird überprüft, in wie weit auftretende Befunde und Muster mit den deduktiv abgeleiteten Annahmen übereinstimmen. Während die Validität möglicher Zusammenhän ge mit Anzahl bestätigender Fallbeispiele erhöht werden kann, bieten konfligierende Befunde die Möglichkeit Zusammenhangsannahmen zu präzisieren und gegebenenfalls zu erweitern (vgl. E 1989, S. 538; Y 2003b, S. 116f.). Man überprüft also in einer iterativen Vorgehensweise in wie weit sich Erkenntnisse eines Cases auf die Daten der weiteren erhobenen Cases replizieren lassen. Ein weiterer Aspekt, über welchen die interne Validität gesichert werden kann, ist die Interpre tation der Befunde über das sog. explanation building. Im Gegensatz zum pattern matching liegt hier der Fokus nicht auf der Prüfung deduktiv abgeleiteter Hypothesen, sondern auf der Erklä rung eines kausalen Zusammenhangs (vgl. Y 2003b, S. 120). So kann bspw. eine Proposition über einen Kausalzusammenhang im Verlauf der Erhebung, nachdem der ursprüngliche Zu sammenhang nicht für alle Fälle bestätigt werden konnte, um eine zweite unabhängige Variable erweitert werden, mit dem Ziel den Erklärungsbeitrag über alle erhobenen Fälle ausweiten zu können. Dabei kann auf rein narrativer Basis oder theoriegestützt argumentiert werden, wobei letztere Variante sicherlich zu besseren Ergebnissen führt. Die Erkenntnisse können somit von im Vorfeld der Erhebung getroffenen Annahmen abweichen, was den Unterschied zum pattern matching ausmacht. Eine „goldene Regel“ in Bezug auf die Vorgehensweise existiert auch beim explanation building nicht. Erfolgskritisch sind dabei vor allem die korrekte Wiedergabe der Fakten der Cases, der Eingang alternativer Erklärungsmöglichkeiten in die Ausführungen so wie eine Schlussfolgerung, die sich anhand der empirischen Daten als die brauchbarste erweist (vgl. Y 1981, S. 61f.). Allerdings ist diese Vorgehensweise mit zahlreichen Schwierigkeiten Case Study Approach 373 verbunden. Sie verlangt dem Forscher nicht nur ein hohes Maß an analytischen Einblicken ab, es besteht vor allem die Gefahr, dass bei dieser iterativen Vorgehensweise die ursprüngliche Fragstellung in den Hintergrund gerät (vgl. Y 2003b, S. 122). Als weitere Methode kann der Einsatz von logic models genannt werden (vgl. Y 2003b, S. 127f.). Auch hier werden empirisch beobachtete Muster mit ex ante theoretisch abgeleiteten Annnahmen verglichen, wobei hier eine dynamische Betrachtung im Zeitverlauf erfolgt. Dabei liegt die Annahme zu Grunde, dass abhängige Variablen imModell zu einem späteren Zeitpunkt (bzw. einer späteren Phase des Modells) zu unabhängigen Variablen werden können. Es kann also als eine um die sequentielle Komponente erweiterte Form des pattern matching bezeichnet werden. An einem Beispiel kann dies wie folgt erläutert werden. Es soll ein Jugendlicher aus einer unteren sozialen Schicht betrachtet werden. Unabhängige Variablen seien im ersten Schritt Drogenkonsum, die Mitgliedschaft in einer Gang und das Begehen eines Verbrechens. Abhän gige Variablen seien die Mitgliedschaft in keiner Gang, in einer gewaltbereiten Gang oder einer Gang die mit Drogen handelt. Die Variablen werden dabei in unterschiedlicher Sequenz mit dem erhobenen Datensatz verglichen, bis sich eine Sequenz in ausreichendem Maße im Datensatz wiederfindet und somit als bestätigt angenommen werden kann (vgl. Y 2003b, S. 129f.). Darüber hinaus kann über eine argumentative Validierung die interne Validität gestärkt wer den. Diese kann angewendet werden, wenn mehrere Forscher sich der Interpretation widmen. Die Explikation von Übereinstimmungen, Widersprüchlichkeiten und der daraus abgeleiteten Argumentationskette ermöglichen es Forscher und dem Leser, sich ein eigenes Urteil über die zur Diskussion stehenden Aspekte zu bilden (vgl. L 2005, S. 156f.). 4.3 Externe Validität Da es das Ziel jedes Forschers sein muss, überzeugende und damit generalisierbare Erkennt nisse zu erzielen, stellt sich auch im Case Study Approach die Frage nach der externen Validi tät. Während bei großzahligen quantitativen Untersuchungen idealerweise ein repräsentativer Rückschluss von der Stichprobe auf die Grundgesamtheit gezogen werden kann, ist dies im Case Study Approach aufgrund der geringen Fallzahl nicht möglich. In diesem Ansatz ist das erklärte Ziel dabei nicht eine statistische Generalisierbarkeit, sondern eine analytische Generalisierbar keit (vgl. G /S 2005; Y 2003b, S. 27; L 2005, S. 153). Darüber hinaus kann im multiple case design anhand der Replikationslogik auf externe Validität geschlossen werden (vgl. Y 2003b, S. 34). 4.4 Reliabilität Die Frage nach der Reliabilität ist in der qualitativen Forschung strittig (vgl. B /D 2006, S. 327). Allerdings sollte sie in diesem Zusammenhang nicht gänzlich vernachlässigt werden. Es soll hierbei sichergestellt werden, dass ein weiterer unabhängiger Forscher bei der Auswertung der Ergebnisse zu gleichen Ergebnissen kommt. Um dies gewährleisten zu können, empfiehlt es sich, über die gesamte Erhebung ein Protokoll zu führen. Sollten mehrere Cases in betracht gezogen werden, eignen sich eigenständige Datenbanken für jeden Case, um die erho benen Daten zu archivieren und im Anschluss bei der Auswertung einen strukturierten Zugriff zu ermöglichen (vgl. Y 2003b, S. 37f.). Nachdem nun die relevanten Gütekriterien des Ansatzes erörtert wurden, soll im Anschluss noch auf einige do ś and dont ś, insbesondere im Rahmen einer Publikation der Erkenntnisse eingegangen werden. 374 Fabian Göbel 5 Erfolgsfaktoren und Stolpersteine bei der Durchführung Wie die vorangegangenen Ausführungen gezeigt haben, handelt es sich bei der Methodik des Case Study Approach um eine komplexe Methodik, deren Charme sich in der Generierung von reichhaltigen Daten und der damit verbunden Möglichkeit der Insight Gewinnung begründet. Dem gegenüber stehen die angesprochenen Herausforderungen in Bezug auf die Güte der Er kenntnisse sowie der nicht immer einfache Umgang mit zur Verfügung stehenden Datenflut. Deshalb sollen in diesem Abschnitt zusammenfassend einige Faktoren eruiert werden, die dem Forscher bei Durchführung und eventueller späterer Publikation des Forschungsvorhabens be hilflich sein können. Oftmals lesen sich Case Study Berichte wie schwer nachvollziehbare Berichte ohne Struktur, was aus der Natur der komplexen Methodik resultiert. Dies kann vermieden werden, indem man von Beginn an einen klaren konzeptionellen Rahmen erarbeitet, und diesen konsequent verfolgt (vgl. Y 1981, S. 64). In vielen deduktiven Studien wissenschaftlicher Journals ist es verbreitete Norm, zunächst die Theorie, gefolgt von empirischen Ergebnissen in knapper tabellarischer Form, darzustel len. Oftmals lässt sich die Vielzahl der Daten im Rahmen des Case Study Approach nicht so kompakt darstellen (vgl. E /G 2007, S. 29). Dies stellt Forscher vor die Herausfordeung, die reichhaltigen Daten auf ein gesundes Maß zu reduzieren, gleichzeitig aber noch die Vielseitigkeit seiner Ergebnisse adäquat darzustellen. Was sich im single case design noch über Verflechtung der theoretischen Zugänge mit Befunden und Zitaten aus diversen Interviews darstellen lässt, wird im multiple case design zu einer beinahe unlösbaren Aufgabe. „If the researcher relates the narratives of each case, then the theory is lost and the text ballons“ (E /G 2007, S. 29). Als Lösung für das Platzproblem können die nachfol gend eruierten Vorgehensweisen dienen. Zum einen sollte der emergente Theorierahmen schon im Fließtext mit empirischen Daten zu mindest einer Auswahl der Cases gestützt werden. Dies gilt dabei sowohl für quantitative als auch qualitative Daten (vgl. Y 1981, S. 60). Welche Daten Eingang in den Fließtext finden sollen hängt dabei in hohemMaße von der Forschungsfrage ab. „[...] the determination of what is mea ningful requires some sense of what the case study is all about“ (Y 1981, S. 60). Auf der anderen Seite sollte nicht auf ausgiebige Dokumentation in tabellarischer Form im Anhang verzichtet werden, um den Rigor und die Reichhaltigkeit der Daten zu explizieren. Dabei sollte insbeson dere jedem diskutierten Konstrukt eine eigene Tabelle gewidmet werden (vgl. E / G 2007, S. 29). Die Wiedergabe relevanter Daten in tabellarischer Form im Fließtext erfüllt darüber hinaus noch einen weiteren Zweck. Sie ermöglicht in hohem Maße das Aufrechterhalten der chain of evidence. Argumentationen können so durch Ausschnitte der empirischen Erkenntnisse ge stützt und somit Gedankensprünge zwischen Datenerhebung, cross case analyse und gezogenen Schlüssen und Fazits nachvollziehbar gemacht werden (vgl. Y 1981, S. 63). Falls dies nicht in adäquater Art und Weise erfolgt „[...] critics can rightfully question how specific conclusions were reached“ (Y 1981, S. 64). Case Study Approach 375 6 Schlussbetrachtung Während mit quantitativen Analysen in hohem Maße das Ziel verfolgt wird, aus bestehenden Theorien deduktiv abgeleitete Theorien und damit bestehendes Wissen zu testen, eignet sich der hier dargestellte Case Study Approach insbesondere dann, wenn es darum geht, komplexe, bislang wenig erforschte, Zusammenhänge in einem offenen Forschungszugang und ihrem spe zifischen Kontext zu betrachten. Auch im Rahmen der induktiven Theoriebildung findet der Ansatz zunehmende Beachtung. Mit dem Case Study Approach liegt dem geneigten Forscher eine Methode vor, welche einzelne Forschungsobjekte in all ihren relevanten Dimensionen zu erfassen versucht. Er kann dabei versuchen, unterschiedliche Investigationspfade in der Trian gulation zusammen zu führen. Gleichzeitig muss er den diskutierten Qualitätskriterien genü gen. Dabei wurde auch auf die teils unterschiedlichen Vorgehensweisen verschiedener Wissen schaftler hingewiesen. Dem Forscher bleibt es somit überlassen, wie er sein Forschungsdesign plant. Allerdings ist die Vorgehensweise auch mit zahlreichen Herausforderungen verbunden. Diese können jedoch oftmals durch Präzision im Ausdruck, ein konzeptionell durchdachtes Forschungsdesign und eine gut strukturierte chain of evidence gemeistert werden. Die durchaus komplexe Vorgehensweise, mit ihren in dieser Arbeit dargestellten Schwierig keiten, sollte den geneigten Forscher jedoch nicht abhalten, sich dieser Methodik zu bedienen. Denn wie S (2005, S. 451) treffend zusammenfasst „[...] on representational grounds, the epistemological opportunity seems small, but we are optimistic that we can learn some important things from almost any case“. Literaturverzeichnis BohnsaCK, r.; maroTzKi, W.; meUser, m. (2003): Hauptbegriffe Qualitativer Sozialfor schung, 1. Aufl., Opladen, 2003. BorCharDT, a.; göThliCh, s. e. (2006): Erkenntnisgewinn durch Fallstudien, in: Albers, S. 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References

Zusammenfassung

Dieser Sammelband bietet einen Überblick über relevante Theorien der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften sowie ausgewählte Methoden der qualitativen und quantitativen Forschung. Der Leser hat die Möglichkeit, jede hier behandelte Theorie und Methode in ihren grundlegenden Aussagen bzw. Funktionsweisen zu verstehen sowie hilfreiche Hinweise und Literaturquellen für ein vertiefendes Studium jedes Themenfeldes zu erhalten.

Studenten oder Doktoranden stehen vor dem gleichen Problem:

Wie können Forschungsfragen durch geeignete theoretische Konzepte fundiert werden, wie werden sie in Hypothesen transformiert und mit welchen empirischen Methoden überprüft?

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Der Überblick über die Theorien und Methoden der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften.

Der kompakte Sammelband ist empfehlenswert für Studenten und Doktoranden, die Forschungsfragen durch geeignete theoretische Konzepte fundieren, in Hypothesen transformieren und anschließend mit geeigneten empirischen Methoden überprüfen können.