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Sophie Ahrens, Soziale Netzwerktheorie in:

Manfred Schwaiger, Anton Meyer (Ed.)

Theorien und Methoden der Betriebswirtschaft, page 297 - 312

Handbuch für Wissenschaftler und Studierende

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8006-3613-6, ISBN online: 978-3-8006-4437-7, https://doi.org/10.15358/9783800644377_297

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Sophie Ahrens Soziale Netzwerktheorie Zusammenfassung Soziale Netzwerke sind Gefüge von konkreten oder abstrakten Akteuren, die durch Beziehungen miteinander verbunden sind. Kern der sozialen Netzwerktheorie ist die Wirkung von sozialen Netzwerken auf individuelles Handeln und die Entstehung, sowie Veränderung, von sozialen Netzwerken durch individuelles Handeln. Die untersuchten Fragestellungen beinhalten bei spielsweise die Identifikation von Meinungsführern in einem Netzwerk, die Untersuchung des Sinngehalts der eine Beziehung zwischen Akteuren konstituiert und von Innovationsprozessen in Netzwerken. Die soziale Netzwerktheorie differenziert sich in methodisch orientiert und theorieorientiert. Methodische Netzwerkforschung (Netzwerkanalyse) beschäftigt sich mit der formalen, mathematischen Beschreibung von sozialen Netzwerken. Zur zweiten Richtung gehö ren sowohl soziologischeTheorien, die als Basen herangezogen werden um soziale Netzwerke zu untersuchen, als auch eigene, aus der sozialen Netzwerkforschung entstandene,Theorien. In dem Beitrag wird die soziale Netzwerktheorie aus methodischer und theoretischer Sicht aufgearbeitet und ihre Leistungsfähigkeit erörtert. Dipl. Kffr. Sophie Ahrens ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin am Institut für Wirtschaftsinformatik und Neue Medien an der Ludwig Maximilians Universität München. Inhaltsverzeichnis 1 Einführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 301 2 Die Netzwerkanalyse als Methode der sozialen Netzwerkforschung . . . . . . . . . . . . . . 303 2.1 Anwendungsbereich . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 303 2.2 Instrumentarium der Netzwerkanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 304 3 Theoriediskussion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 307 3.1 Theoretische Basen der sozialen Netzwerkforschung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 307 3.1.1 Austauschtheorie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 308 3.1.2 Handlungstheorie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 308 3.1.3 Rollentheorie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 309 3.1.4 Balancetheorie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 309 3.1.5 Systemtheorie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 309 3.1.6 Strukturalismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 309 3.2 Aus der sozialen Netzwerkforschung entstandene Theorien . . . . . . . . . . . . . . . . 310 3.2.1 Strength of Weak Ties (vgl. G 1973) . . . . . . . . . . . . . . . . . 310 3.2.2 Embeddedness (vgl. G 1985) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 311 300 Sophie Ahrens Abbildungsverzeichnis Abbildung 1: Datentypen und Analyseverfahren der Netzwerkanalyse . . . . . . . . . . . . . . . 303 Abbildung 2: Analyseebenen und ansätze der Netzwerkanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 304 Abbildung 3: Königsberger Brückenproblem . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 305 Abbildung 4: Theoretische Basen der sozialen Netzwerkforschung . . . . . . . . . . . . . . . . . . 308 Abbildung 5: Mikro und makrosoziologische Perspektive der Netzwerkforschung . . . . . 310 Tabellenverzeichnis Tabelle 1: Grundbegriffe der Netzwerkanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 306 3.2.3 Structural Holes (vgl. B 1992) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 311 3.2.4 Actor Network Theory (vgl. L 1990) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 311 4 Leistungsfähigkeit der sozialen Netzwerktheorie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 311 Soziale Netzwerktheorie 301 1 Einführung Seinen Ursprung hat der Begriff soziales Netzwerk in der „formalen Soziologie“. S (1908, S. 10) sah die „Formen der Vergesellschaftung“, d.h. die Analyse der Geometrie von Beziehungen zwischen Individuen im Zentrum der Soziologie und begründete mit dieser Schwerpunktset zung ihre disziplinäre Selbständigkeit. Soziale Netzwerke werden definiert durch Beziehungen bzw. Relationen, in die Individuen oder abstraktere soziale Einheiten eingebettet sind (vgl. B 1979, S. 403–423). Ein Netzwerk ist ein Set von Akteuren, sogenannten „nodes“, die durch Beziehungen, so genannte „ties“, verbunden sind. Erstere können Personen, Gruppen, Konzepte u.v.m. sein. Beziehungen werden nach ihrem Inhalt in verschiedene Typen gegliedert. Jeder Beziehungstyp (z.B. Freundschaft, Verwandtschaft) definiert ein eigenes Netzwerk. Beziehungen zwischen zwei Akteuren sind dichotom, d.h. entweder vorhanden oder nicht vorhanden. Die vorhandenen Relationen zwischen den Akteuren können dabei gerichtet (z.B. Weisungsbefugnis) oder ungerichtet (z.B. räumliche Nähe) sein. Weiterhin können diese Beziehungen auch nach ihrer relativen Stärke gewichtet sein. Es wird angenommen, dass jedes Netzwerk aufgrund einer einzigartigen Kombination von Inhalten, Akteuren und Netzwerkstruktur seine eigenen Gesetzmäßigkeiten hat. Netzwerke können in ihrer Gesamtheit (meist strukturell) oder auf Individualebene un tersucht werden. Wird das Netzwerk eines fokalen Akteurs betrachtet, so spricht man von Ego Netzwerken. Die Perspektive des Ego Netzwerkes ist konsistent mit konventionellen individualistisch geprägten Theorien. Die Entwicklungen im Bereich der Informations und Kommunikationstechnologien haben eine Vielzahl von neuen Möglichkeiten der Vernetzung von Individuen und Organisationen geschaffen. Beispielsweise entstand durch das Internet eine neue Form von sozialen Netzwerken, die virtuellen sozialen Netzwerke (vgl. C 1996). Über Netzwerke wie facebook oder das deutsche Pendant StudiVZ können Menschen im Internet untereinander Kontakte knüpfen und Freundschaften pflegen. Zur Verbesserung ihrer Wertschöpfung organisieren sich auch Unternehmen zunehmend in Netzwerken, weshalb die Untersuchung von Netzwerkstrukturen in und zwischen Unternehmen ein aktuelles Forschungsgebiet der Organisations undManage mentforschung ist (vgl. S 2003). Mit der Zunahme solcher Netzwerke im Laufe der Zeit hat ein Wandel des wissenschaftlichen Verständnisses von individualistischen und atomistischen Erklärungsansätzen hin zu relati onalen, systemischen Theorien stattgefunden. Die soziale Netzwerktheorie hat dabei in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts enorm an Bedeutung gewonnen (vgl. B /F 2003, S. 991). Basierend auf der Definition eines sozialen Netzwerkes lässt sich die soziale Netzwerktheorie folgendermaßen charakterisieren: Sozialstrukturen dienen als Erklärung für individuelles Han deln und die Entstehung bzw. Veränderung von Sozialstrukturen ist mit individuellemHandeln erklärbar (vgl. J 2003, S. 13). Dieses Verständnis basiert auf der Annahme, dass das ganze Netzwerk Eigenschaften besitzt, die die einzelnen Individuen nicht haben können, welche wiede rum das Handeln von Individuen beeinflussen. Um folglich Verhalten und Strukturen erklären zu können, bedarf es einer Vorgehensweise, die diese netzinherenten Interdependenzen beachtet. Dazu werden Charakteristika dieser Verbindungen in ihrer Gesamtheit genutzt, um das Ver halten des Netzwerkes und/oder seiner Elemente zu interpretieren (vgl. M 1969, S. 2). 302 Sophie Ahrens Gegenstand der sozialen Netzwerktheorie ist die Untersuchung von Beziehungen technischer oder sozialer Art (vgl. L 1990; B 2002). Die soziale Netzwerktheorie differenziert sich in die methodisch orientierte und die theorieori entierte Netzwerkforschung.1 Die methodisch orientierte Netzwerkforschung, genannt Netzwerkanalyse, hat ihren Ursprung in der quantitativen Soziologie. Ihre strukturalistische Fundierung wird als wertvoller Kontrast zur Hauptrichtung der Sozialwissenschaften – dem Rational Choice Ansatz – gesehen, der sich auf die Beobachtung von zufällig ausgewählten Individuen fokussiert (vgl. K . 2006, S. 115). Mathematische Konzepte und technische Methoden dienen dabei der präzisen Be schreibung von Netzwerken. Maßzahlen wie z.B. „Dichte“ geben die Anzahl der Verbindungen innerhalb eines Netzwerkes an. Die Dichte kann auch als Kriterium herangezogen werden, um einzelne Netzwerke zu identifizieren und voneinander abzugrenzen. Die soziale Netzwerkana lyse ist die selbstbewussteste Tradition der Netzwerkforschung. Mittlerweile hat sie einen hohen Grad der Institutionalisierung erreicht: es werden jährlich Konferenzen abgehalten und es gibt etablierte Publikationsmedien wie die Zeitschriften Social Networks, Journal of Social Structure und Connections. Bei der theorieorientiertenNetzwerkforschung handelt es sich zum einen um soziologischeTheorien, die als theoretische Basen herangezogen werden um soziale Netzwerke zu untersuchen. Sie werden in Abschnitt 3.1 näher behandelt. Zum anderen sind aus der sozialen Netzwerkforschung auch neueTheorien und theoretische Konzepte entstanden, die in Abschnitt 3.2 dargestellt werden. Die theorieorientierten Ansätze lassen sich allgemein in einenmetaphorisch orientierten Forschungsan satz und in die Untersuchung vonNetzwerken als Form untergliedern. Diemetaphorisch orientierte Netzwerkforschung ist vor allem aufAnthropologen zurückzuführen.Umdie den sozialen Systemen innewohnendeMobilität undKomplexität zu untersuchen, wurde in dermetaphorisch orientierten Netzwerkforschung mit dem strukturellen Funktionalismus gebrochen. Kern früher anthropolo gischer Untersuchungen waren Netzwerk Phänomene wie beispielsweise „Verwandtschaft“. Beste hende sozialwissenschaftliche Interaktions Theorien wie die Austausch , Handlungs oder Rollen theorie dienten als Basistheorien für diesen Ansatz (vgl.M 1974). Netzwerke als Form, also die Untersuchung vonObjekten alsMaterialisierung vonNetzwerken, sind charakteristisch für die neuere Wissenschafts und Technologieforschung. Im Gegensatz zur Anthropologie stellt Netz werkforschung hier also einen strukturalistischen Forschungsansatz dar. Ein prominentes Beispiel aus der Betriebswirtschaftslehre ist die Organisationsforschung. Seit den siebziger Jahren ist die Netzwerkforschung in dieserDisziplin exponentiell gestiegen.DieDimensionen der Forschungsbei träge sind sehr unterschiedlich. Zu den untersuchtenThemen der Netzwerkforschung gehören So zialkapital,Wissensmanagement, Allianzen und Joint Ventures (vgl. B /F 2003). Ein vieldiskutierter Punkt ist die organisationale Einordnung desNetzwerkes. Aus Sicht der Soziologen sindNetzwerke eine eigeneOrganisationsform, die sich durch spezielle Austauschmechanismen und Effizienzvorteile von anderenOrganisationsformen abhebt (vgl. P 1990). Die Gegenposition wird von der Neuen Institutionenökonomie vertreten. Sie besagt, dass Netzwerke als Hybridform zwischenMarkt undHierarchie anzusiedeln sind (vgl.W 1991).2 Generell liegt in diesem Forschungszweig der Fokus in Bezug auf die betrachtete Kausalitätsrichtung auf Untersuchungen, die die Konsequenzen von Netzwerkstrukturen zum Gegenstand haben. Im Folgenden wird der Begriff soziale Netzwerktheorie nur verwendet, wenn beide Ansätze gemeint sind. Ist nur vom methodisch orientierten Ansatz oder nur vom theorieorientierten Ansatz die Rede so wird differenzierend Netzwerkforschung verwendet. Aus Perspektive der Transaktionskostentheorie wird diese Entwicklung unter dem Schlagwort „move to the middle“ in der Literatur diskutiert. Soziale Netzwerktheorie 303 Heute wird (soziale) Netzwerkforschung in den unterschiedlichsten wissenschaftlichen Diszi plinen verfochten (vgl. B 2002; N . 2003). Im Folgenden werden zunächst die Grundlagen der methodisch orientierten Netzwerkfor schung, der sogenannten Netzwerkanalyse, beschrieben. Nachfolgend wird die theorieorien tierte Netzwerkforschung vorgestellt. Theoretische Basen der sozialen Netzwerktheorie werden diskutiert und aus der Netzwerkforschung entstandene Theorien skizziert. Der Beitrag endet mit einer Einschätzung der Leistungsfähigkeit der Netzwerkforschung. 2 Die Netzwerkanalyse als Methode der sozialen Netzwerk forschung Die Netzwerkanalyse versteht sich als ein spezielles Set von Methoden (vgl. S 1991, S. 38).3 Nachfolgend wird zunächst der Anwendungsbereich dargestellt. Anschließend wird auf die Graphentheorie und das daraus entstandene Instrumentarium zur mathematischen Analyse von sozialen Netzwerken eingegangen. 2.1 Anwendungsbereich Das Feld der Netzwerkanalyse lässt sich hinsichtlich der untersuchten Datentypen und be trachteten Analyseebenen differenzieren. Daten werden ihrer Bedeutung nach in attribuierend, relational und ideell differenziert. Relationale Daten verbinden die einzelnen Elemente eines Netzwerkes miteinander. Sie dienen zur quantitativen Beschreibung der Netzwerkstruktur. Die Erhebung von relationalen Inhalten erfolgt ebenso wie bei den anderen beiden Datentypen durch klassische empirische Verfahren. Die Analyse attributiver, ideeller und relationaler Daten gestaltet sich unterschiedlich. Hier wird zwischen Variablenanalyse, typologischer Analyse und Netzwerkanalyse unterschieden. Einen Überblick über Erhebungsverfahren, Datentypen und Analyseverfahren bietet Abbildung 1. Die Harvard Strukturalisten um White sahen zwar eine Theorie der sozialen Strukturen in diesen netzwerkanalytischen Ansätzen (vgl. W . 1976, S. 732ff.), in der neueren Literatur wird jedoch von dieser Position Abstand genommen. Art der Recherche Ethnographie Dokumentenanalyse Survey Datenerhebung Beobachtungen Text Fragebogen, Interviews ideell relational Analyseverfahren Typologische Analyse Netzwerkanalyse Variablenanalyseattributiv Datentyp Abbildung 1: Datentypen und Analyseverfahren der Netzwerkanalyse [in Anlehnung an scott 1991, S. 3] 304 Sophie Ahrens Die Netzwerkanalyse differenziert zwischen verschiedenen Analyseebenen und ansätzen. So finden sich zum einen Analysen auf Mikroebene, die die Relationen zwischen Individuen unter suchen (dyadisch), zum anderen auch auf Makroebene, bei denen Relationsgebilde, also Netz werke selbst Gegenstand der Untersuchung sind. Eine Zwischenposition nimmt die Betrachtung von Akteuren ein, die sowohl auf Mikroebene, als auch auf Makroebene untersucht werden können. Weiterhin wird zwischen dem relationalen und dem positionalen Analyseansatz unterschieden (vgl. B 1980, S. 79–141). Der relationale Ansatz fokussiert jeweils nur einen Typ von Be ziehungen, der je nach Forschungsinteresse aus dem totalen Netzwerk extrahiert wird. Diese Relationen bilden den Schwerpunkt der Analyse. Insbesondere Dichten, Ausdehnungen und kohäsive Verbindungen in Form von Cliquen und Clustern sind Gegenstand der relationalen Analyse. Der positionale Ansatz bezieht sich auf einzelne Netzwerkinhalte (Knoten), deren Position innerhalb des Netzwerkes Gegenstand der Untersuchung ist. Hier sind beispielsweise die Zentralität, das Prestige oder strukturell äquivalente Positionen als Untersuchungsgegen stand anzuführen (vgl. L /W 1971, S. 63). Die Analyseebenen und ansätze sind in Abbildung 2 noch einmal gegenübergestellt. 2.2 Instrumentarium der Netzwerkanalyse Nachfolgend wird zunächst auf die Entstehung und Bedeutung der Graphentheorie für die Netzwerkanalyse eingegangen. Anschließend wird das Instrumentarium zur Beschreibung von Netzwerken erklärt. Abschließend werden die strukturbeschreibenden Konzepte, die aus der Netzwerkanalyse entstanden sind, vorgestellt. Soziale Strukturen wurden erstmals von Moreno in sogenannten Soziogrammen graphisch abgebildet (vgl. B et al. 1975, S. 148–161). DurchWeiterentwicklung zu Soziomatrizen und Affiliationsmatrizen wurde die Darstellung von Beziehungen zwischen einzelnen Netzwerkmitgliedern mit Hilfe von Binärcodierung möglich. Verfeinert wurde diese Darstellungsform durch die Harvard Strukturalisten, die ein Matrixver fahren, das auch als Blockmodellanalyse bekannt wurde, entwickelten (vgl. L /W Mikro- und makrosoziologische Ebene Relationaler und positionaler Ansatz Mikrosoziologisch Relationen von Individuen im Fokus Makrosoziologisch Relationsgebilde im Fokus Positional Netzwerkinhalte (Knoten) im Fokus Relational Bestimmter Relationstyp (Kanten) im Fokus Abbildung 2: Analyseebenen und -ansätze der Netzwerkanalyse Soziale Netzwerktheorie 305 1971, S. 49–80). Das Verfahren erlaubt es aus Beziehungsdaten auf Ebene der Individuen auf gesamtgesellschaftliche Positions und Rollenstrukturen zu schließen. Daten über relativ große Netzwerke lassen sich so verarbeiten ohne auf statistische Verfahren ausweichen zu müssen. Mathematische Rigorosität erlangte die Abbildung von Strukturmodellen durch die Anwen dung der Graphentheorie. Ihren Ursprung findet die Graphentheorie in dem als „Königsberger Brückenproblem“ bekannt gewordenen mathematischen Rätsel (vgl. H 1974, S. 11f.). Mittels kombinatorischer Topologie gelang Euler der Beweis, dass es nicht möglich ist über jede der sieben Brücken genau einmal zu gehen. Abbildung 3 visualisiert die Problemstellung, wobei die Relationen die sieben Brücken und die Knoten die vier voneinander getrennten Stadtteile symbolisieren. In der Netzwerkanalyse ist ein Graph die formale Definition eines sozialen Netzwerks. In Anleh nung daran beschreiben Wilson und Watkins ein Netzwerk als nicht leeres Set von Elementen, die als Knoten bezeichnet werden. Wenn zwischen zwei Knoten eine Verbindung (Relation) besteht, so wird diese Kante genannt. Diese abstrakt formale Terminologie erlaubt Netzwerke in einer einheitlichen Sprache zu beschreiben und mit mathematischen Analyseverfahren zu untersuchen. Generell wird zwischen egozentrischen (ego centric) und soziozentrischen (socio centric) Netz werkanalysen unterschieden. Die Untersuchung kann also entweder aus Perspektive eines be stimmten Knotens erfolgen oder auf das gesamte Netzwerk Bezug nehmen. Eine wichtigeMaßzahl für soziozentrische Netzwerkanalysen istDensity (Dichte). Sie beschreibt das generelle Level an erreichten Verbindungen in einem Graph. Die Dichte ist maximal, wenn alle Knoten mit allen anderen Knoten verbunden sind. Für viele Arten von Netzwerken gelten jedoch individuelle maximale Dichten, die unter dem absoluten Maximum liegen. Inclusiveness beschreibt hingegen die Zahl der Knoten, die durch Kanten einbezogen sind. Weitere wichtige Begriffe der Netzwerkanalyse sind in Tabelle 1 aufgeführt (vgl. W 1999, S. 25–100). Zu den wichtigsten strukturbeschreibenden Konzepten, die aus der Netzwerkforschung hervor gegangen sind, gehören Centralization, structural equivalence, role equivalence und structural cohesion (vgl. M 1993, S. 276–279). Centralization bezieht sich im Gegensatz zu Centrality nicht auf die relative Wichtigkeit einzel ner Akteure in einem Netzwerk, sondern beschreibt allgemein die Kohäsion oder Integration von Netzwerken (vgl. S 1991, S. 92ff.; B 1950). Stadtteil Brücke Abbildung 3: Königsberger Brückenproblem 306 Sophie Ahrens Structural Equivalence wird an den gemeinsamen Kontakten von zwei Knoten festgemacht und beschreibt soziale Positionen im Netzwerk (vgl. K /K 1982, S. 60ff.; L / W 1971). Das Konstrukt gibt Auskunft über die strukturelle Ähnlichkeit von zwei Positi onen in einem Netzwerk. Role Equivalence bedeutet, dass zwei Akteure, die sich in unterschiedlichen Netzwerken befin den, eine ähnliche Rolle (z.B. Eltern) spielen. Soziale Rollen können als Prädiktor dienen, um das Verhalten von Individuen vorherzusagen. Abweichungen zwischen Akteuren mit gleichen Rollen geben Auskunft über die Flexibilität von sozialen Strukturen (vgl. S 1978, S. 73–90). Ungerichteter Graph Gerichteter Graph Multiplexität Pfad Pfadlänge Distanz Degree Indegree/Outdegree Zahl der Knoten, zu denen ein betrachteter Knoten direkte Verbindung hat Relation ist direktional („Pfeil“) Anzahl der Rollen-Relationen zu einem anderen Knoten Eindeutiger, über Relationen führender Weg zwischen zwei Knoten Zahl der Kanten eines Pfades Kürzester Pfad zwischen zwei Knoten Gerichtete Kanten, die auf bzw. weg von betrachtetem Knoten zeigen Relation ist symmetrisch („kein Start- und Zielpunkt“) n=2 n=5 n=2 n=3 Tabelle 1: Grundbegriffe der Netzwerkanalyse Soziale Netzwerktheorie 307 Structural Cohesion ist bestimmt durch die Stärke der Bindung zwischen den Akteuren. Kenn zeichnend für die Bindung sind die Tendenzen der Akteure in dem Netzwerk zu bleiben und die Fähigkeit der Mitglieder zu sozialer Kontrolle und Gemeinschaftstätigkeiten im Netzwerk. Durchmesser sowie Dichte des Netzwerkes fördern die Kohäsion zwischen Akteuren (vgl. F 1998, S. 69f.). Die Netzwerkanalyse verfügt über ein umfangreiches analytisches Instrumentarium zur Be schreibung und Analyse sozialer Netze. So konnten zahlreiche wissenschaftliche Erkenntnisse im Rahmen der Netzwerkforschung gewonnen werden. Als problematisch erweist sich, dass bei einigen Maßen wie beispielsweise Density nicht berücksichtigt wird, dass die Maximalwerte solcher Kennzahlen netzwerkabhängig sein können. Dadurch ist der Vergleich zwischen ver schiedenen Netzwerken in der Praxis oftmals eingeschränkt. 3 Theoriediskussion In der jüngeren Literatur zur Diskussion der sozialen Netzwerkforschung wird die soziale Netz werktheorie als Orientierungsrahmen verstanden und nicht im positivistischen Sinne selbst als Theorie (vgl. N . 2006).4 Das bedeutet, dass unterschiedliche soziologische Theorien herangezogen werden, um soziale Netzwerke zu untersuchen und testbare Propositi onen abzuleiten (vgl. S 1984, S. 109). Diese grundlegenden Theorien, die sogenannten theoretischen Basen, werden nachfolgend betrachtet. 3.1 Theoretische Basen der sozialen Netzwerkforschung Soziologische Theorien thematisieren in der Regel soziale Beziehungen, allerdings mit unter schiedlichen Abstraktionsniveaus und aus verschiedenen Perspektiven. So werden diesbezüg lich insbesondere mikro und makrosoziologische Ausrichtungen, also die Ausrichtungen auf Individuen oder soziale Systeme, bzw. individualistische und kollektivistische Orientierungen unterschieden (vgl. S 1984, S. 110). Wichtige Basen der sozialen Netzwerkforschung, die Beziehungen zwischen einzelnen Personen adressieren (mikrosoziologisch) sind die Austauschtheorie, die Handlungstheorie, die Rollen theorie sowie auch die Balancetheorie. Eher makrosoziologisch orientiert sind die Systemthe orie sowie der Strukturalismus, die einen wichtigen Erklärungsbeitrag zum Verständnis von Netzwerken in ihrer Gesamtheit liefern und gewissermaßen die Notwendigkeit begründen, die Interaktion mikro und makrosoziologischer Prozesse zu erforschen. Diese theoretischen Basen der sozialen Netzwerkforschung sind in Abbildung 4 zusammengefasst. Nachfolgend wird kurz skizziert, was der Inhalt dieser Theorien ist, inwiefern sie einen Er klärungsbeitrag für die soziale Netzwerkforschung liefern können, und was ihre Limitationen bezüglich der Untersuchung sozialer Netzwerke sind. Letztere sind zugleich Gründe, die für die Eigenständigkeit der sozialen Netzwerktheorie sprechen. Zum Begriff derTheorie als Konstrukt, aus dem sich Aussagen über Ursache Wirkungszusammenhänge ableiten lassen vgl. C (1994, S. 11). 308 Sophie Ahrens 3.1.1 Austauschtheorie Die Austauschtheorie erklärt, warum Menschen überhaupt soziale Beziehungen eingehen (vgl. B 1968, S. 453ff.). Zentral für den Aufbau, Erhalt und Ausbau von sozialen Beziehungen ist, dass die Beziehung als belohnend empfunden werden kann oder wird. Bei der Herausbildung von sozialen Beziehungen gilt das Reziprozitätsprinzip, das insbesondere greift, bevor sich be stimmte Normen und Ziele für den Austausch etabliert haben. 3.1.2 Handlungstheorie Im Fokus der Handlungstheorie liegt der „Sinngehalt“, der eine bestehende soziale Beziehung dauerhaft konstituiert (vgl. W 1972, S. 13). Dieser Sinngehalt, z.B. Freundschaft oder Pie tät, kann unterschiedlicher Art sein und im Zeitverlauf variieren. Es spielt keine Rolle, ob oder wie viele Inhalte eine soziale Beziehung konstituieren. Im Einzelfall muss bei den Beteiligten auch nicht derselbe Sinngehalt mit der sozialen Beziehung verbunden sein. Es ist, wie schon in der Austauschtheorie angemerkt, durchaus möglich, dass sich dieser „gemeinsame Sinn“ erst durch den Austausch selbst und damit einhergehend durch den Aufbau von Normen und Zielen etabliert. Das beiderseitige Handeln muss sich jedoch zu einem gewissen Grad aufeinander be ziehen (vgl. W 1972, S. 15). Eine wichtige Rolle im Rahmen der Handlungstheorie spielen Handlungsorientierungen, also zielgerichtetes Handeln von Akteuren (vgl. R . 1979, S. 129ff.). Dieser Aspekt erhält bei der Analyse von Netzwerken besondere Bedeutung, da nicht nur gegenseitiges direktes Handeln, sondern insbesondere auch indirektes, über ande re „Verbindungen” zum Ziel führendes Handeln in die Untersuchung eingeschlossen werden kann. Durch indirektes Handeln können mehrere Elemente in einemNetzwerk zu sogenannten Handlungseinheiten zusammengeschweißt werden. Im Zusammenhang mit politischen Inte ressen und Wirkungskreisen sind diese Überlegungen interessant, da beispielsweise der Effekt einer Handlung auf andere Individuen untersucht werden kann (vgl. M 1977, S. 97–123; C 1969, S. 215–295). Als unzureichend wird an der Handlungstheorie kritisiert, dass sie Strukturalismus makrosoziologisch mikrosoziologisch Systemtheorie Soziale Netzwerkforschung Rollentheorie Austauschtheorie Balancetheorie Handlungstheorie Abbildung 4: Theoretische Basen der sozialen Netzwerkforschung Soziale Netzwerktheorie 309 das Netzwerk der sozialen Beziehungen nicht in ihre Betrachtung einschließt und ein regelhaftes an Normen und Rollen orientiertes Handeln maßgeblich betrachtet wird. Zudem findet das spontane und lose Kontaktknüpfen keine Berücksichtigung in der Theorie. 3.1.3 Rollentheorie Zu einem Status gehörende kulturelle Modelle, also Handlungsmuster und Verhaltensweisen werden in der Rollentheorie als soziale Rolle definiert (vgl. L 1979). Eine Schar von Rol lenbeziehungen wird als Rollenset bezeichnet. Interessant im Hinblick auf soziale Netzwerke ist die Annahme, dass die Struktur eines sozialen Systems durch ineinandergreifende Rollensets bestimmt wird. Ebenso wie bei der Handlungstheorie ermöglicht die Netzwerkforschung auch bei der Rollentheorie indirekte Beziehungen zwischen Akteuren zu untersuchen (vgl. N 1965, S. 12; M 1969, S. 45–46). 3.1.4 Balancetheorie Die Balancetheorie versucht zu erklären warum und unter welchen Umständen sich beim Men schen, der in Interaktion mit anderen Menschen ist, Einstellungen ändern (vgl. H 1946, S. 107–112). Im Kern besagt dieseTheorie, dass Menschen, die in Beziehung zueinander stehen, in ihren Einstellungen eine Tendenz zur Balance besitzen. Dieses Verhalten wird in der Sozial psychologie als Konsistenzbedürfnis bezeichnet, da eine nicht in Balance stehende Beziehung Unbehagen auslöst. Die Erklärungskraft der Balancetheorie ist bei der Analyse in großen Syste men jedoch limitiert. Erstens kann undmuss ein Element nicht mit allen anderen (Subsystemen) in Balance sein, zweitens gilt die Theorie auch nur für bestimmte Arten von Relationen. 3.1.5 Systemtheorie Eine wichtige makrosoziologische Basis liefert die Systemtheorie. Insbesondere P (1968, S. 734–739), Vertreter eines holistischen Makroansatzes, sah in den Netzwerkstrukturen ein Gefüge aus Rollen und Positionen, zwischen denen Relationen bestehen. Den Relationen wird dabei eine eigenständige, also emergente Qualität attribuiert. Durch elementare Relationen können Systeme höherer Ordnung entstehen, die aus dem Verhalten der einzelnen Mitglieder nicht zurückführbar sind. Weiterhin wird in der Systemtheorie davon ausgegangen, dass ein Sy stem neuer Ordnung wiederum Struktureffekte auf das Verhalten bzw. Handeln der Individuen haben kann. Sowohl die emergente Kraft als auch die interdependente Beeinflussung sind wich tige Argumente für die eigenständige Betrachtung der Netzwerke. Trotz ihrer Ähnlichkeit zur sozialen Netzwerktheorie bleibt die Systemtheorie auf einen metaphorischen Netzwerkbegriff beschränkt und überlässt das Feld der analytischen Betrachtung der Netzwerkforschung. 3.1.6 Strukturalismus Der Strukturalismus beruht auf der Grundannahme, dass überhaupt keine Phänomene isoliert auftreten, sondern stets in Verbindung mit anderen Phänomenen stehen. Die Kunst besteht darin, diese Verbindungen aufzudecken und deren logische Struktur zu (re ) konstruieren (vgl. M 1980, S. 335–375). Dabei interessieren sowohl die aggregierten Eigenschaften von Elementen als auch die emergenten Eigenschaften. Als Einheit der Analyse wird stets das Netz werk betrachtet. Eine Differenzierung erfolgt durch die Ebene der betrachteten Elemente. Diese können auf Mikroebene die einzelnenMenschen, auf Makroebene abstraktere, überindividuelle Elemente wie beispielsweise Organisationen sein. Der Strukturalismus bietet somit eine „vereini gende“ Sichtweise auf soziale Netzwerke. Anzumerken ist, dass der Strukturalismus die statische 310 Sophie Ahrens Betrachtungsweise vertieft. Das ist insofern kritisch weil auch die mikrosoziologischenTheorien kaum dynamische Betrachtungen aufweisen. Diese doppelte Sichtweise der Netzwerkforschung ist in Abbildung 5 zusammenfassend dar gestellt. Eine eigenständige Betrachtung der sozialen Netzwerktheorie ist insbesondere deswegen loh nend, weil sie mehr umfasst als die Erklärungsbereiche der genannten basalen Theorien. Die soziale Netzwerktheorie stellt zudem eine Bereicherung für viele atomistisch geprägte theore tische Perspektiven dar. 3.2 Aus der sozialen Netzwerkforschung entstandene Theorien Aus der sozialen Netzwerkforschung heraus sind wiederum eigene Theorien und theoretische Konzepte entstanden, die mittlerweile in vielen betriebswirtschaftlichen Forschungsbereichen Anwendung finden. Die wichtigsten sollen an dieser Stelle kurz aufgeführt werden. 3.2.1 Strength of Weak Ties (vgl. granoveTTer 1973) Die Argumentation beginnt mit der Feststellung, dass Bekannte (weak ties) weniger untereinander interagieren als enge Freunde (strong ties). EinNetzwerk aus Bekannten ist folglich durch eine gerin gere Dichte (Anzahl von Verbindungen zwischen den Akteuren) gekennzeichnet als ein Netzwerk aus engen Freunden (vgl. G 1983, S. 201). Diese „Cliquen“ von engen Netzwerken sind in sich relativ homogen (siehe Balancetheorie). Sie sind durch lose Bekanntschaften zwischen Akteuren aus den verschiedenen Cliquen verbunden. Granovetter stellt die Hypothese auf, dass di ese schwachen Verbindungen als Brücke zwischen Cliquen fungieren und so den Informationsaus tausch zwischen diesen Subgruppen ermöglichen. Dieser Zugang erlaubtMikro undMakroebene der Analyse zu verbinden und bietet eine inhaltliche Interpretation der Beziehungsstärke an. Sozialstrukturen als Erklärung für individuelles Handeln Veränderung von Sozialstrukturen aus individuellem Handeln erklärbar ? Emergenz: System nicht aus Eigenschaften der Individuen, sondern aus deren Zusammenwirken erklärbar Abbildung 5: Mikro- und makrosoziologische Perspektive der Netzwerkforschung Soziale Netzwerktheorie 311 3.2.2 Embeddedness (vgl. granoveTTer 1985) Als Gegenüberstellung zur neoklassischen Denke in der Ökonomie stellt Granovetter die Hypo these auf, dass jedes ökonomische Verhalten in einen größeren sozialen Kontext eingebettet ist. Das hat zur Folge, dass Entscheidungen durch soziale Beziehungen beeinflusst werden. Damit lässt sich die Rolle von Phänomenen wie Erfahrung oder Vertrauen in Transaktionen untersuchen. Beispielsweise bietet die Embeddedness Denke Erklärungsansätze zu „interlocking directories“ also der Unternehmensvernetzung durch gegenseitigeMandate in Aufsichtsräten und Steuerungs gremien (vgl. G 1985, S. 493ff.). Embeddedness liefert somit einen zusätzlichen theoretischen Zugang zur „Markt und Hierarchie“ Diskussion von W (1975). 3.2.3 Structural Holes (vgl. BUrT 1992) Structural Holes bezeichnen die Vermittler bzw. Insulatorposition zwischen zwei Kontakten, die anderweitig keine Beziehung zueinander haben (vgl. B 1992, S. 18). Die durch den Ver mittler intermediierte Beziehung führt dazu, dass die zwei Kontakte an diesen Netzwerkvorteile abgeben. Durch Informationszugang und Kontrollmöglichkeiten bieten sich zusätzliche Vorteile für den Vermittler. Das führt zu der Hypothese, dass Akteure mit vielen Vermittlungsrollen aus ihren sozialen Beziehungen Wettbewerbsvorteile realisieren können. Wettbewerb und Wett bewerbsposition sind auf soziale Beziehungen zurückzuführen, lautet demzufolge die zentrale Annahme dieser Theorie. 3.2.4 Actor Network Theory (vgl. laToUr 1990) Wissenschaftliche und technische Innovationen durch eine prozessorientierte Perspektive er klärbar zu machen ist das Ziel der Actor Network Theory. Natürliche, technische oder soziale Objekte werden zur Erklärung der Gesellschaft herangezogen. Beobachtungsgegenstand dieser poststrukturalistischen Theorie ist also der Prozess, in dem simultan Kultur, Gesellschaft und Natur entstehen (vgl. L 2007). 4 Leistungsfähigkeit der sozialen Netzwerktheorie Über die Jahre hat sich eine soziale Netzwerktheorie im Sinne eines Orientierungsrahmens entwickelt, der auf methodischen, metaphorischen und strukturalistischen Netzwerkverständ nissen beruht. Durch Möglichkeiten der Mikro und Makroanalyse, prozeduraler und struktureller Perspek tiven sowie die Verquickung von Deduktion und Induktion, leistet die soziale Netzwerktheorie einen großen Beitrag zur Beschreibung und Erklärung von Interaktion zwischen Akteuren und (sozialen) Netzwerken. Diese theoretischen undmethodischen Ansätze sind vielseitig einsetzbar, gerade auch in Kombination mit anderen Theorien. Das Instrumentarium der Netzwerkanalyse liefert Verfahren der Datenanalyse, die zur Identi fikation und Beschreibung von Relationen und Strukturen dienlich sind. Als problematisch ist anzumerken, dass einige Maße netzwerkabhängig sind und so der Vergleich von verschiedenen Netzwerken erschwert wird. Soziologische Theorien wie beispielsweise Handlungstheorie, Rollentheorie oder Systemtheorie dienen als theoretische Basis für die Untersuchung und Interpretation von sozialen Netzwerken. 312 Sophie Ahrens Aus diesen werden testbare Propositionen und Erklärungsansätze abgeleitet, die die soziale Netz werktheorie nutzt. Aus der Netzwerkforschung sind auch prominente Theorien und theoretische Konzepte wie „Strength ofWeak Ties“, „Structural Holes“, „Embeddedness“ und die „Actor Network Theory“ hervorgegangen. Diese tragen wesentlich dazu bei, den Ablauf komplexer Prozesse in sozialen Netzwerken besser zu verstehen, z.B. in der Innovationsforschung. Als Kritik an der sozialen Netzwerktheorie wird geäußert, dass eine allgemeine Theorie der sozialen Netzwerke mit testbaren Propositionen fehlt (vgl. B 1972, S. 2). Das zeigt sich auch in empirischen Arbeiten verschiedener Disziplinen, die den Netzwerkansatz nutzen. Die dort verwendeten theoretischen Prinzipien sind häufig entweder ad hoc formuliert oder bleiben unausgesprochen (vgl. S 1984, S. 109). Laut G (1979, S. 501) befinden sich viele Netzwerkmodelle in einem theoretischen Vakuum. Literaturverzeichnis BaraBási, a.-l. (2002): Linked: The New Science of Networks, Cambridge, 2002. Barnes, J. a. (1972): Social Networks, in: Module in Anthropology, Vol. 26, S. 1–29. Barnes, J. a. (1979): Network Analysis: Orienting Notion, Rigorous Technique or Substan tive Field of Study, in: Holland, P. W.; Leinhardt, S. [Hrsg.]: Perspectives on Social Network Research, New York, 1979, S. 403–423. Bavelas, a. (1950): Communication Patterns in Task Oriented Groups, in: Journal of the Acoustical Society of America, Vol. 22, No. 6, S. 271–282. BlaU, p. m. (1968): Interaction: Social Exchange, in: Sills, D. L. [Hrsg.]: International Ency clopedia of the Social Sciences, Bd. 7, New York, 1968, S. 452–458. BorgaTTa, e.; BogUslaW, r.; hasKell, m. r. 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Zusammenfassung

Dieser Sammelband bietet einen Überblick über relevante Theorien der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften sowie ausgewählte Methoden der qualitativen und quantitativen Forschung. Der Leser hat die Möglichkeit, jede hier behandelte Theorie und Methode in ihren grundlegenden Aussagen bzw. Funktionsweisen zu verstehen sowie hilfreiche Hinweise und Literaturquellen für ein vertiefendes Studium jedes Themenfeldes zu erhalten.

Studenten oder Doktoranden stehen vor dem gleichen Problem:

Wie können Forschungsfragen durch geeignete theoretische Konzepte fundiert werden, wie werden sie in Hypothesen transformiert und mit welchen empirischen Methoden überprüft?

Die Kernbotschaft: Auf dem Weg zu wissenschaftlicher Leistung müssen Theorien und Methoden Hand in Hand gehen.

Damit dies gelingen kann benötigt jeder Forscher eine grundlegende Kenntnis derjenigen Theorien und empirischen Methoden, die im jeweiligen Forschungsfeld Relevanz besitzen und für die Anwendung in Frage kommen. Das Verständnis von Theorien bzw. der Funktionsweise und Leistungsfähigkeit empirischer Methoden sind dabei essentiell. Erst dadurch werden eine zutreffende Auswahl und eine korrekte Anwendung von Theorien und Methoden zur Lösung des Forschungsanliegens ermöglicht.

Der Überblick über die Theorien und Methoden der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften.

Der kompakte Sammelband ist empfehlenswert für Studenten und Doktoranden, die Forschungsfragen durch geeignete theoretische Konzepte fundieren, in Hypothesen transformieren und anschließend mit geeigneten empirischen Methoden überprüfen können.