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Philipp Wiegandt, Die Transaktionskostentheorie in:

Manfred Schwaiger, Anton Meyer (Ed.)

Theorien und Methoden der Betriebswirtschaft, page 119 - 134

Handbuch für Wissenschaftler und Studierende

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8006-3613-6, ISBN online: 978-3-8006-4437-7, https://doi.org/10.15358/9783800644377_119

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Philipp Wiegandt Die Transaktionskostentheorie Zusammenfassung Die Transaktionskostentheorie ist eine Organisationstheorie, die dem Bereich der neuen Insti tutionenökonomie zuzuordnen ist. Sie beschäftigt sich mit den monetären Kosten, die bei der Durchführung von Transaktionen entstehen und versucht dadurch die Gründe der Existenz von Institutionen zu erklären. Untersuchungsgegenstand der Transaktionskostentheorie ist die individuelle Transaktion, wie sie in diversen Austauschbeziehungen zwischen spezifizierten Ak teuren stattfindet. Die Transaktionskostentheorie ist eine einfache und präziseTheoriekonstruk tion und stellt eine Erweiterung der Perspektive in der Erklärung organisatorischer Phänomene dar. Sie zeichnet sich durch einen hohen Erklärungsgehalt und das Aufzeigen eines allgemeinen Bezugsrahmens aus. Obwohl die Transaktionskostentheorie noch eine relativ junge Theorie ist und in weiten Teilen noch weiterentwickelt werden muss, hat sie vielfältige positive Beiträge zur Organisationsforschung und zu anderen Forschungsgebieten geleistet. Dipl. Kfm. Philipp Wiegandt ist Doktorand am Institut für Innovationsforschung, Technolo giemanagement und Entrepreneurship an der Ludwig Maximilians Universität München. Inhaltsverzeichnis 1 Einführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 117 1.1 Problemdarstellung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 117 1.2 Aufbau der Arbeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 117 2 Aspekte der Transaktionskostentheorie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 118 2.1 Transaktionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 118 2.2 Transaktionskosten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 118 2.3 Verhaltensannahmen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 120 2.4 Transaktionscharakteristika . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 120 2.5 Institutionelle Formen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 122 2.6 Auswahl der effizientesten institutionellen Form . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 124 3 Kritische Würdigung der Transaktionskostentheorie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 124 4 Schlussfolgerung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 127 116 Philipp Wiegandt Abbildungsverzeichnis Abbildung 1: Faktoren der Transaktionskostentheorie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 119 Abbildung 2: Transaktionskosten der drei institutionellen Formen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125 Die Transaktionskostentheorie 117 1 Einführung 1.1 Problemdarstellung Menschen werden täglich mit Organisationen konfrontiert. Sei es als Teil einer Organisation oder auch nur durch das Erleben deren impliziter oder expliziter Regeln. Da Organisationen für das tägliche Handeln von Menschen in verschiedenen Gesellschaftsbereichen und vor allem in der Wirtschaft von essentieller Bedeutung sind, nimmt das Phänomen Organisation in der Wissenschaft einen hohen Stellenwert ein. In der so genannten Organisationstheorie versu chen Wissenschaftler selbige zu erklären und zu verstehen und so die Organisationspraxis zu verbessern. Nun ist es aber so, dass Organisationen hochkomplexe soziale Gebilde sind und ein extrem breites Untersuchungsobjekt darstellen. Daher gibt es eine ganze Bandbreite an ver schiedenen Organisationstheorien, die das PhänomenOrganisation aus verschiedenen Blickwin keln betrachten, dabei aber teilweise wenig gemeinsam haben oder sogar widersprüchlich sind (vgl. bspw. B /M 1979; M 1986). Hinzu kommt, dass Organisationen unter verschiedenen theoretischen Perspektiven beleuchtet werden und auch über den Zweck dieser Forschungstätigkeit sowie dessen Forschungsstand Uneinigkeit herrscht (vgl. bspw. O / W 1990). Vor diesem Hintergrund wird in dem vorliegenden Beitrag eine prominente Organisationsthe orie – die Transaktionskostentheorie – näher betrachtet und ihr Beitrag zur Organisationsfor schung untersucht. Die Transaktionskostentheorie steht in enger Beziehung zur Theorie der Verfügungsrechte und der Principal Agent Theorie.1 Zusammen genommen stellen diese drei Theorien das Gebiet der neuen Institutionenökonomie dar (vgl. E 1998). Die neue Insti tutionenökonomie befasst sich mit Institutionen, in deren Rahmen ökonomischer Austausch durchgeführt wird, mit dem Ziel die Struktur, die Verhaltenswirkungen, die Effizienz und den Wandel von ökonomischen Institutionen zu erklären (vgl. bspw. M 1986). Dabei greift die neue Institutionenökonomie zentrale Kritikpunkte der neoklassischen Sichtweise auf und versucht eine Herangehensweise für deren Erklärung zu liefern. Allerdings stellen die drei oben genannten Theorien bisher noch verschiedene, sich ergänzende Ansätze dar und auch wenn die neue Institutionenökonomie es ermöglichen könnte Wirtschafts und Organisationstheorie miteinander zu verbinden, liegt bisher keine gesamthafteTheorie vor (vgl. bspw. E 1998). In diesem Rahmen beschäftigt sich die Transaktionskostentheorie näher mit dem Entstehen und den Effekten von Transaktionskosten sowie der Ableitung effizienter Handlungsempfehlungen (vgl. W 1975, S. 3 & S. 252; H 1995, S. 27–28) und soll im Folgenden genauer betrachtet werden. 1.2 Aufbau der Arbeit Um sich der Transaktionskostentheorie zu nähern erfolgt in Abschnitt 2 zuerst eine Darstellung der Transaktionskostentheorie mit ihren spezifischen Charakteristika und Hauptaussagen. Im Anschluss daran werden in Abschnitt 3 die Transaktionskostentheorie und ihr Erkenntnisbei trag zur Organisationsforschung kritisch gewürdigt. In Abschnitt 4 erfolgt eine Schlussfolgerung und die Einordnung der Transaktionskostentheorie in die verschiedenen Organisationstheorien. In der neuen Institutionenökonomie wird dieTheorie der Verfügungsrechte als globaleTheoriestruktur betrachtet, während sich die Principal Agent Theorie mit der Institution des Vertrags, sowie der Ausgestaltung von Austauschbeziehungen zwischen Auftraggeber und nehmer beschäftigt (vgl. bspw. E 1998) (vgl. in diesem Herausgeberband, H /R , sowie H ). 118 Philipp Wiegandt 2 Aspekte der Transaktionskostentheorie 2.1 Transaktionen Die Transaktionskostentheorie geht zurück auf C (1937) und W (1975, 1979). Sie beschäftigt sich mit den monetären Kosten, die bei der Durchführung von Transaktionen entstehen und versucht dabei die Gründe der Existenz von Institutionen zu erklären (vgl. K 1999, S. 5). Untersuchungsgegenstand der Transaktionskostentheorie ist die individu elle Transaktion, wie sie in diversen Austauschbeziehungen zwischen spezifizierten Akteuren stattfindet. Auch wenn der Transaktionsbegriff sehr häufig verwendet wird, so gibt es doch keine allgemein akzeptierte Definition des Begriffs. W (1985, S. 1) zufolge liegt zum Beispiel eine Transaktion vor, „wenn ein Gut oder eine Dienstleistung über eine technologisch differen zierbare Schnittstelle transferiert wird.“ Diese Beschreibung vernachlässigt den Transfer von Eigentumsrechten, der dem Austausch von Gütern oder Dienstleistungen inhärent ist.2 Dieser Tatsache wird unter anderem durch H (1995) Rechnung getragen. Diesem zufolge ist eine Transaktion „der Austausch von Gütern und Dienstleistungen, inklusive der Eigentums rechte der individuellen Güter und Dienstleistungen. Demzufolge ist eine Transaktion ein Prozess, der aus einer oder mehreren Aktivitäten besteht zur Klärung, Planung und Durchführung von Austauschbeziehungen mit ökono mischen, rechtlichen und sozialen Konsequenzen“ (H 1995, S. 37). In dieser weiter gefassten Definition umfasst eine Transaktion somit nicht nur den Austausch von Gütern und Dienstleistungen zwischen separaten Marktteilnehmern, sondern auch den Austausch immateriellen Wissens oder Informationen (vgl. bspw. H 1995, S. 34). Im Folgenden wird diese Definition einer Transaktion als Grundlage zur Beschreibung der Transaktionskostentheorie herangezogen. 2.2 Transaktionskosten Transaktionskosten entstehen bei der Anbahnung, Vereinbarung, Abwicklung, Kontrolle und Anpassung von Transaktionen (vgl. P . 2002, S. 68), wobei die Transaktionskosten theorie sowohl die Produktionskosten zur Erstellung des auszutauschenden Gutes als auch die Transaktionskosten, die durch die Abwicklung undOrganisation des Austausches entstehen, be trachtet (vgl. W 1985, S. 22). Die Produktionskosten umfassen dabei den Ressource naufwand für die Institution und die Leistungserstellung, während die Transaktionskosten den Ressourcenaufwand für die Information, Einigung, Steuerung und Kontrolle des Austausches enthalten. Des Weiteren wird in der Transaktionskostentheorie zwischen Ex ante und Ex post Transaktionskosten unterschieden (vgl. W 1985). Erstere umfassen die Kosten, die bis zum Abschluss eines Vertrages entstehen. Dies sind vor allem Informations , Verhandlungs und Vertragskosten. Im Gegensatz dazu umfassen die Ex post Transaktionskosten die Kosten, die zur Absicherung, Durchsetzung und möglichen Anpassungen des Vertrages entstehen. In der Transaktionskostentheorie kommt den Ex post Transaktionskosten eine starke Bedeutung zu. W (1985) vertritt die Auffassung, dass nicht alle im Verlauf einer Austauschbeziehung P (1982, S. 270) kritisiert, dass es Williamson nicht gelungen ist, eine allgemein gültige Transaktionsdefinition zu entwickeln, auch wenn er den Ansatz als solchen anerkennt. Die Transaktionskostentheorie 119 möglicherweise auftretenden Probleme von den Vertragspartnern im Vorhinein antizipiert wer den können und Verträge deswegen häufig unvollständig sind. Dies bedeutet, dass im Gegensatz zur Theorie der Verfügungsrechte und der Principal Agent Theorie, in der Transaktionskosten theorie nicht nur die Anreizstruktur der Verträge ausschlaggebend für eine effiziente Ressource nallokation ist, sondern die institutionelle Gestaltung des gesamten Austauschprozesses. Daher geht die Transaktionskostentheorie intensiv auf institutionelle Gestaltungsmöglichkeiten ein, welche die Absicherung, Durchsetzung und Anpassung von Transaktionen unterstützen. Die Transaktionskostentheorie beschäftigt sich somit mit zwei Dimensionen: der rechtlichen Ver tragsform und den Mechanismen, die den Transaktionspartnern zur Verfügung stehen (vgl. W 1975). Dabei bildet der möglichst sparsame Einsatz von Ressourcen das Effizi enzkriterium der Transaktionskostentheorie. Somit ist ein Kostenvergleich alternativer insti tutioneller Formen zur Abwicklung und Organisation von Transaktionen möglich, wobei die anfallenden Kosten als Maßstab der Vorteilhaftigkeit dienen. Während C (1937) sich im Rahmen der Transaktionskostentheorie hauptsächlich mit der Existenz und Beständigkeit von Firmen beschäftigte, ergänzte W (1975; 1979; 1985; 1989; 1990; 1991) den Theorieansatz um die Analyse effizienter Koordinationsformen für verschiedene Aufgaben. W (1989) unterscheidet dabei zwischen den zwei Extre men Markt und Hierarchie, die die Endpunkte eines Kontinuums institutioneller Formen – so genannter hybrider Formen – bilden. W (1989) und P (1982) untersuchten da rauf aufbauend welche institutionelle Form unter welchen Umständen das Optimum darstellt, wobei, wie bereits weiter oben erwähnt, die Transaktionskosten als Effizienzkriterium dienten. Dabei wird die institutionelle Form als das Optimum betrachtet, die unter den gegeben Bedin gungen die niedrigsten Transaktionskosten aufweist um das gegebene Ziel zu maximieren (vgl. W 1989, S. 136). Bei der Bestimmung der optimalen institutionellen Form ist allerdings zu beachten, dass die Höhe der Transaktionskosten selbst durch eine Reihe von Faktoren beeinflusst wird. Diese lassen sich in drei Dimensionen unterscheiden: Verhaltensannahmen, Transaktionscharakteristika und Trans aktionskostenatmosphäre. Durch das Zusammenspiel der menschlichen Faktorenmit Umfeldfak toren entstehen transaktionskostenrelevante Probleme (vgl. H 1995, S. 49; G 1997, S. 47). Die verschiedenen Faktoren der Transaktionskostentheorie sind in Abbildung 1 dargestellt. Verhaltensannahmen Transaktionskostenatmosphäre Transaktionskostenatmosphäre Begrenzte Rationalität Opportunismus Unsicherheit/ Komplexität Spezifität/ Strategische Bedeutung Transaktionscharakteristika Abbildung 1: Faktoren der Transaktionskostentheorie [Picot et al. 2002, S. 69;Williamson 1975, S. 40] 120 Philipp Wiegandt DieTransaktionskostenatmosphärewird dabei durch soziokulturelle und technologische Faktoren geprägt, während Verhaltensannahmen die Akteure der Transaktion und die Transaktionscha rakteristika selbst betreffen (vgl. W 1975, S. 37). Im Folgenden werden die Verhal tensannahmen und die Transaktionscharakteristika näher erläutert.3 2.3 Verhaltensannahmen In der Transaktionskostentheorie werden „begrenzte Rationalität“ und „Opportunismus“ als die beiden Hauptverhaltensannahmen genannt (vgl. W 1975, S. 40). Darüber hinaus gibt es noch eine selten genannte dritte Verhaltensannahme – die Risikoneutralität (vgl. W 1985, S. 388ff.). Auch wenn diese Annahme kontrafaktisch ist, wird sie von W (1985) genutzt, um die Argumentation zu vereinfachen und die Kernthesen zu präzisieren. Diese Kernthesen, sowie die gesamte Transaktionskostentheorie, werden von den oben genannten beiden Hauptverhaltensannahmen geprägt. Begrenzte Rationalität unterstellt dabei, unter Be zugnahme auf die verhaltenswissenschaftliche Entscheidungstheorie, dass die Transaktionsteil nehmer nur eine begrenzte Fähigkeit haben Informationen aufzunehmen und zu verarbeiten. So kommt es, dass die Transaktionspartner zwar intendieren rational zu handeln, sie aber auf Grund der begrenzten Informationsaufnahme und Verarbeitungsfähigkeiten nicht alle dafür notwendigen Informationen besitzen (vgl. P . 2002, S. 70). Opportunismus, als zweite Verhaltensannahme der Transaktionskostentheorie, unterstellt, dass jeder Transaktionspartner versucht, seinen eigenen Nutzen zu maximieren, teilweise zum Nachteil und auf Kosten des anderen Transaktionspartners. Als Beispiel für opportunistisches Verhalten führt W (1985, S. 47) das Zurückhalten oder Manipulieren von Informationen durch einen Transakti onspartner an.4 Aus den Verhaltensannahmen folgt, dass sich die Transaktionspartner bei der Transaktionsab wicklung mit Problemen konfrontiert sehen, die den Nettonutzen der Transaktion reduzieren können. Diese Annahmen sind eine notwendige Voraussetzung für die institutionelle Betrach tung in der Transaktionskostentheorie, da institutionelle Regelungen bei vollkommenen In formationen oder bei nicht opportunistischem Verhalten obsolet wären (vgl. C 1937).5 In beiden Fällen könnten die Transaktionspartner entweder die aus der Transaktion resultierenden Kosten und Nutzen Ex ante exakt planen und vertraglich fixieren oder vereinbaren, die aus den unvollständigen Verträgen möglicherweise resultierenden Probleme kooperativ zu lösen. Da dies aber in der Regel nicht der Fall ist, propagiert W (1985, S. 32) folgende Hand lungsmaxime: „Organisiere Deine Transaktion so, dass Dir aus Deiner begrenzten Rationalität möglichst geringe Kosten entstehen und versuche gleichzeitig, Dich vor möglichem opportuni stischen Verhalten Deines Vertragspartners zu schützen.“ 2.4 Transaktionscharakteristika Neben den Verhaltensannahmen spielen die Transaktionscharakteristika eine wichtige Rolle in der Transaktionskostentheorie. Transaktionscharakteristika beziehen sich dabei auf die Di mensionen, in denen Transaktionen differieren. Dies umfasst die Häufigkeit der Transaktion, Für weitere Informationen zur Transaktionskostenatmosphäre vgl. W (1979, 1990, 1991). Wie aus diesem Beispiel ersichtlich steht der Begriff „Opportunismus“ in enger Beziehung zu den Begriffen „Moral Hazard“ (Eigenschaften der Leistung des Partners unbekannt) und „Adverse Selection“ (Anstrengungen des Partners nicht beobachtbar) aus der Principal Agent Theorie, auch wennW (1985, S. 51) diese für eine Nutzung in der Transaktionskostentheorie als zu eng definiert betrachtet. Dies entspricht der neoklassischen Sichtweise in der Organisationstheorie. Die Transaktionskostentheorie 121 die mit der Transaktion verbundene Unsicherheit sowie das Ausmaß transaktionsspezifischer Investitionen (vgl. W 1990, S. 59–69). Die spezifischen Transaktionscharakteristika haben einen Einfluss auf die Entstehung von Transaktionskosten und somit auf die Identifika tion der passenden Koordinationsform (vgl. H 1995). Die Häufigkeit als ein Transaktionscharakteristikum bezieht sich darauf wie oft eine identische Transaktion zwischen den Transaktionspartnern durchgeführt wird. Mit steigender Frequenz einer Transaktion lassen sich Skalen , Synergie und Lerneffekte realisieren, was zu einer Re duktion der Transaktionskosten führen kann (vgl. H 1995, S. 80). Darüber hinaus gilt, dass bei zunehmender Häufigkeit einer Transaktion die auf diese Transaktion zugeschnittenen institutionellen Regelungen kostengünstiger umgesetzt werden können. Inwieweit diese Vorteile die Etablierung solcher institutionellen Regelungen rechtfertigen, hängt dabei stark von den wei teren Transaktionscharakteristika sowie den Regelungen selbst ab. Aus diesemGrunde spielt die Häufigkeit einer Transaktion in den meisten transaktionskostentheoretischen Arbeiten eher eine untergeordnete Rolle und ist oft nur von Bedeutung, wenn Unsicherheit und Faktorspezifität hoch sind (vgl. P . 2002, S. 72). Als weiteres Transaktionscharakteristikum wird die Unsicherheit über die exakten Modalitäten einer Transaktion betrachtet. Diese Unsicherheit tritt sehr häufig auf und spielt in der Trans aktionskostentheorie eine signifikante Rolle. W (1985) betont dabei besonders die Bedeutung von Unsicherheit in Verbindung mit begrenzter Rationalität. Er unterscheidet zwi schen „parametrischer Unsicherheit“ (W 1985, S. 57) und „Verhaltensunsicherheit“ (W 1985, S. 57). Ersteres bezeichnet die Unsicherheit über die Rahmenbedingungen einer Transaktion sowie deren Entwicklungen, zweites die Unsicherheit über das Verhalten der Transaktionspartner, resultierend aus opportunistischem Verhalten.6Obwohl die Implikationen aus beiden Arten der Unsicherheit durchaus verschieden sein können, gilt für beide, dass mit steigender Unsicherheit die Ex ante und die Ex post Transaktionskosten steigen. Die Ex ante Transaktionskosten steigen, da die Transaktionspartner nicht in der Lage sind, zukünftiges Ver halten vorherzusagen und daher versuchen, ein Teil der Unsicherheit durch möglichst vollstän dige Verträge auszuschließen. Dies wiederum führt zu einer höheren Komplexität und höheren Transaktionskosten (vgl. G 1997, S. 48).7Die Ex post Transaktionskosten steigen auch, da auf Grund der begrenzten Rationalität der Transaktionspartner die Verträge notwendigerweise unvollständig sind und bei zunehmender Unsicherheit die Wahrscheinlichkeit steigt, dass nicht alle Eventualitäten Ex ante vollständig berücksichtigt werden konnten. Die Höhe der Ex ante und Ex post Transaktionskosten sind wiederum von der Menge der transaktionsspezifischen Investitionen abhängig. Diesen transaktionsspezifischen Investitionen – das dritte Transaktionscharakteristikum – kommt eine große Bedeutung zu (vgl. W 1982, S. 555). W (1979, S. 142) beschreibt transaktionsspezifische Investitionen als Investitionen, die nur für ausgewählte Trans aktionen einenWert haben und auf wenige Nutzer zugeschnitten sind. Dies bedeutet, dass sie ei nen signifikant niedrigeren Nutzen in einem anderen Kontext als dem ursprünglich intendierten aufweisen (vgl. W 1989, S. 242). Transaktionsspezifische Investitionen werden dabei von den Transaktionspartnern getätigt um zur Erstellung eines auszutauschenden Gutes oder ei ner Leistung auf mehr oder weniger spezialisierte Inputfaktoren zurückgreifen zu können. Durch die Spezialisierung der Inputfaktoren auf die Erstellung eines bestimmten Gutes oder einer Der Verhaltensunsicherheit lassen sich laut E /G (2002) verschiedene Probleme aus der Transaktionskostentheorie zuordnen (z.B. Moral Hazard, Hold Up und Adverse Selection). Für weitere Informationen zu der Möglichkeit vollständiger Verträge A /T (1994). 122 Philipp Wiegandt Leistung lassen sich oft die Produktionskosten reduzieren.8 Durch solche transaktionsspezi fischen Investitionen können zwar Produktionskostenersparnisse realisiert werden, allerdings steigt auch die Möglichkeit für höhere Transaktionskosten, da zwischen den Transaktionspart nern eine besondere Abhängigkeit entsteht. Diese basiert darauf, dass nach der getätigten trans aktionsspezifischen Investition der Transaktionspartner nur durch Inkaufnahme von schlech teren Bedingungen in Form von geringeren Erlösen oder höheren Kosten gewechselt werden kann (vgl. W 1990, S. 70–72). Die Erlöseinbußen erreichen maximal die Höhe der Quasi Rente (Erlösdifferenz zur nächstbesten Verwendung). Die höheren Kosten ergeben sich aus den Mehrkosten für die Anbahnung und den Abschluss alternativer Transaktionen. Dies führt dazu, dass die Opportunitätskosten für die Beendigung der Transaktionsbeziehung an steigen und das Interesse der Transaktionspartner an einer dauerhaften Transaktionsbeziehung steigt. Daraus ergibt sich ein teilweise geringerer Konkurrenzdruck, allerdings steigt jetzt die Möglichkeit der Transaktionspartner diese Abhängigkeit opportunistisch auszunutzen, indem sie auf verschiedene Weisen versuchen, die Vereinbarungen einseitig zu ihren Gunsten nachver traglich zu verändern. So kann z.B. ein Transaktionspartner versuchen, nachvertraglich nied rigere Preise zu verlangen und sich dadurch Teile der Quasi Rente der transaktionsspezifischen Investition des Transaktionspartners anzueignen. Dieser wird aus Opportunitätskostenüberle gungen bereit sein, den Preis bis zum Erlösniveau der nächstbesten Verwendung zu senken (vgl. K . 1978). Eine Transaktion die sich durch eine hohe Faktorspezifität auszeichnet, erhöht also die Wahrscheinlichkeit, dass sich einer der Akteure opportunistisch verhält. Der Transaktionspartner, der in einseitiger Abhängigkeit zu dem anderen Transaktionspartner steht, hat daher ein Bedürfnis das Risiko dieser Abhängigkeit zu minimieren. Er wird versuchen, einen möglichst detaillierten Vertrag zu vereinbaren, welcher für beide Seiten akzeptabel ist. Dies resultiert allerdings in höheren Transaktionskosten für die Anbahnung und Kontrolle der Transaktion (vgl. G 1997, S. 48). Selbiges ist auch der Fall, wenn der Akteur versucht, alternative Transaktionspartner zu identifizieren (vgl. W 1989, S. 139–140). Ziel des Akteurs sollte es daher sein, eine möglichst ausgeglichene Beziehung mit dem Transaktionspart ner aufzubauen, um somit das Risiko opportunistischen Verhaltens zu reduzieren (vgl. H 1995, S. 64; P . 2005). Das Risiko transaktionsspezifischer Investitionen ist vor allem bei Unsicherheit hoch, da der Einsatz für die Transaktionspartner dementsprechend hoch ist. Bei unspezifischen Inputfaktoren treten diese Transaktionskosten aus opportunistischem Verhalten und den getroffenen institutionellen Regelungen zu dessen Bewältigung selten auf. Unsicherheit ist hier weniger entscheidend, da, wie bereits beschrieben die Transaktionspartner ohne größere Aufwände und Einbußen, die Transaktion auch mit einem anderen Transaktionspartner ab wickeln können. Hierdurch wird das opportunistische Verhalten begrenzt. Neben den Verhal tensannahmen und den Transaktionscharakteristika hängt die Höhe der Transaktionskosten aber auch von der institutionellen Form ab innerhalb derer die Transaktion abgewickelt wird. Verschiedene institutionelle Formen und deren Eignung als effiziente Koordinationsform im Rahmen der Transaktionskostentheorie werden im Folgenden näher erläutert. 2.5 Institutionelle Formen Wie bereits weiter oben erwähnt, ist die Analyseeinheit der Transaktionskostentheorie die Transaktion selbst, wobei jede Transaktion auf einem impliziten oder expliziten Vertrag basiert. W (1991, S. 281) unterscheidet ohne Anspruch auf Vollständigkeit zwischen sechs verschiedenen Formen transaktionsspezifischer Investitionen: standortspezifische Investitionen, anlagespezifische Investitionen, Investitionen in spezifischesHumankapital, abnehmerspezifische Investitionen, Investitionen in die Reputation und terminspezifische Investitionen. Die Transaktionskostentheorie 123 W (1985) unterscheidet – angelehnt an M N (1987, 1978, 1974) – zwischen drei verschiedenen Formen der Vertragsbeziehung: die klassische, neoklassische und relationale Vertragsbeziehung. Jede dieser Vertragsbeziehungen wird in einem unterschiedlichen institu tionellen Rahmen abgewickelt: über den Markt, langfristige Verträge oder in Organisationen. Klassische Vertragsbeziehungen beziehen sich auf den Austausch klar definierbarer Gegenstän de. Der Vertrag beschreibt eindeutig die Transaktionskonditionen und es findet nur eine be grenzte persönliche Interaktion statt (vgl. M N 1987). Ein Kaufvertrag für ein Standardgut ist ein Beispiel für eine klassische Vertragsbeziehung. In der Transaktionskostentheorie ist diese klassische Vertragsbeziehung Grundlage für marktbasierte Transaktionen zwischen autonomen Transaktionspartnern (vgl. W 1985, S. 69). Die neoklassische Vertragsbeziehung beschreibt Transaktionen bei denen nicht alle Bedin gungen Ex ante von den Transaktionspartnern vorhergesehen und vertraglich fixiert werden können. Dies bedeutet, dass die Transaktion sich nicht nur auf den direkten Austausch eines Gutes oder einer Leistung beschränkt, sondern auch nach Vertragsabschluss noch Kooperation zwischen den Transaktionspartnern erforderlich ist (vgl. W 1991). Beispiele für solche neoklassischen Verträge sind langfristige Lieferverträge und Kooperationsvereinbarungen. Sie werden von W (1985, S. 326) im Rahmen der Transaktionskostentheorie als hybride institutionelle Formen bezeichnet. Relationale Vertragsbeziehungen schließlich zeichnen sich durch eine weitergehende Offenheit bei der vertraglichen Fixierung und damit einhergehend der Etablierung einer sehr langfristigen Transaktionsbeziehung aus (vgl. M N 1978). Diese langfristige Transaktionsbeziehung erfordert gemeinsame Entscheidungs und Anpassungsprozesse zwischen den Transaktions partnern, wobei resultierende Probleme direkt zwischen diesen ohne Einschaltung von Gerich ten geklärt werden. Voraussetzung dafür sind langfristige Beziehungen, die aus gegenseitiger Abhängigkeit bestehen (vgl. P . 2005). Exemplarisch für diese Art von Verträgen sind Partnerschaften oder Beschäftigungsverhältnisse. Sie zeichnen sich in der Transaktions kostentheorie dadurch aus, dass sie innerhalb von Organisationen abgewickelt werden (vgl. W 1985, S. 75). Entscheidend für die Transaktionskostentheorie ist nun die Betrachtung der Kosten, die in den jeweiligen institutionellen Formen für die Abwicklung von Transaktionen entstehen. Die entstehenden Kostenunterschiede resultieren aus der gewählten institutionellen Form, der An reizintensität für einen effizienten Ressourceneinsatz sowie der Effizienz in der Handhabung der Transaktionskostenprobleme in Form von Opportunismus und Informationsproblemen (vgl. W 1991, S 277ff.).9 Wie bereits weiter oben beschrieben, entstehen diese aus den Ver haltensannahmen der Transaktionspartner – opportunistisches Verhalten und begrenzte Ratio nalität. Die zentrale Aussage der Transaktionskostentheorie besagt dabei, dass eine Transaktion bei gegebenen Verhaltensannahmen dann am effizientesten abgewickelt werden kann, wenn die Transaktionscharakteristika und die daraus resultierenden Anforderungen den Charakteristika der jeweiligen institutionellen Form am Besten entsprechen (vgl. P /F 1993). Die Auswahl der effizientesten Koordinationsform wird im Folgenden detaillierter dargestellt. Basierend auf den institutionellen Formen unterscheidetW (1991, S. 277) zwischen folgenden Charakteristika mit Einfluss auf die Effizienz von Transaktionen: Anreizintensität, Kontrollmechanismen, Anpassungsfähigkeit, Etablierung und Nutzung der institutionellen Form. 124 Philipp Wiegandt 2.6 Auswahl der effizientesten institutionellen Form Ausgehend von einer Transaktion, die bei Sicherheit und ohne transaktionsspezifische Investi tionen durchgeführt werden kann, stellt der Markt die vorteilhafteste institutionelle Form dar. Diese basiert auf einer starken Anreizintensität sowie einem intensiven Konkurrenzmechanis mus. Dadurch wird opportunistisches Verhalten begrenzt und eine wirksamere Kostenkontrolle im Vergleich zu einer hierarchischen Lösung sichergestellt (vgl. P 1991, S. 340). Dies ändert sich mit zunehmender Unsicherheit und transaktionsspezifischen Investitionen. Dann sind laut W (1979, S. 253–254) erst hybride und später hierarchische Formen zu bevorzu gen. Mit zunehmender Höhe transaktionsspezifischer Investitionen steigt die Abhängigkeit der Transaktionspartner voneinander und somit auch der Anreiz sich opportunistisch zu verhalten und sich ein Teil der Quasi Rente des Anderen anzueignen. Bei einer Marktlösung würde dies zu hohen Transaktionskosten in Form von Vertrags und Einigungskosten führen, sowie zu An passungskosten für den Vertrag bei Unsicherheit (vgl. W 1991, S. 278ff.). In diesem Fall bietet sich eine hybride institutionelle Form an, da diese verschiedene institutionelle Rege lungen – z.B. Anreiz oder Sanktionsmechanismen – anbietet, um sich vor opportunistischem Verhalten zu schützen und Ex post Anpassungen zu vereinfachen. Eine Möglichkeit dafür ist die gegenseitige Kapitalbeteiligung (vgl. P . 2002).10 Je höher die Unsicherheit und die transaktionsspezifischen Investitionen jedoch werden, desto schwerer wird es, alle Eventualitäten in einem Vertrag zu berücksichtigen und desto höher wird der Anreiz sich opportunistisch zu verhalten (vgl. K 1999, S. 10).11 Eine Möglichkeit dies zu umgehen stellt die organisationsinterne Leistungserstellung dar, da die Steuerungs und Kon trollmechanismen einer Organisation opportunistisches Verhalten einschränken, falls dies in einer Organisation überhaupt noch auftritt (vgl. K 1999, S. 12). Darüber hinaus verbessert sich der gegenseitige Informationsstand der Transaktionspartner. Beides führt dazu, dass sich Ex ante Transaktionskosten einsparen lassen und Ex post Anpassungen schnell und kostengünstig er folgen können (vgl.W 1979, S. 254). Abbildung 2 stellt die Transaktionskosten der drei institutionellen Formen in Abhängigkeit von Faktorspezifität unter Unsicherheit graphisch dar. 3 Kritische Würdigung der Transaktionskostentheorie Wie bereits in der Einführung erwähnt, ist die Transaktionskostentheorie zusammen mit der Theorie der Verfügungsrechte sowie der Principal Agent Theorie der neuen Institutionenöko nomie zuzuordnen. In diesem Rahmen beschäftigt sich die Transaktionskostentheorie mit den Problemen der Neoklassik und versucht, diese zu umgehen. Obwohl die Transaktionskostenthe orie noch eine relativ jungeTheorie ist und in weiten Teilen noch weiterentwickelt werden muss, hat sie doch schon vielfältige positive Beiträge zur Organisationsforschung und darüber hinaus auch zu anderen Forschungsgebieten wie z.B. der Mikroökonomik oder der Wettbewerbspolitik geliefert (vgl. bspw. A /W 1988; P 1982). Diese Erkenntnisgewinne wer den auch von Kritikern der Transaktionskostentheorie anerkannt (vgl. G /M 1996; G 1985). 0 Dies ist nicht nur ein Signal sich nicht opportunistisch zu verhalten und reduziert dadurchTransaktionskosten, sondern Opportunismus würde sogar beiden Seiten schaden (vgl. P . 2002, S. 81–84). Unvollständige Verträge und Faktorspezifität sind zwei wichtige Komponenten und verursachen viele der in der Transaktionskostentheorie besprochenen Problematiken (vgl. K 1999, S. 10–12). Die Transaktionskostentheorie 125 Die Transaktionskostentheorie trägt dabei in mehrerlei Hinsicht zu einer Erweiterung der Organisationsforschung bei. Trotz ihres vergleichsweise engen analytischen Fokus bietet die Transaktionskostentheorie einen Erklärungsversuch für das Bestehen von Organisationen sowie für die Vorteilhaftigkeit verschiedener institutioneller Formen zur Abwicklung von Transakti onen. Dafür greift sie sowohl auf etablierte organisationstheoretische Konzepte wie begrenzte Rationalität, Unsicherheit und Opportunismus zurück, als auch auf neue Erklärungsfaktoren wie transaktionsspezifische Investitionen. Des Weiteren liefert die Theorie Anhaltspunkte zur Gestaltung interorganisationaler Beziehungen und geht damit über die reine Betrachtung von Organisationen und ihrer Gestaltungsformen hinaus. Als weiterer positiver Punkt ist festzuhal ten, dass die Transaktionskostentheorie es vermag Ergebnisse anderer organisationstheoretischer Ansätze sinnvoll zu integrieren und sich ihre Ergebnisse auf allen drei Ebenen (der individuellen, der organisatorischen und der interorganisatorischen Ebene) organisationstheoretischer Analyse anwenden lassen (vgl. E /G 2002, S. 242).12 Kritiker bemängeln, dass die Theorie in weiten Teilen noch unvollständig und verbesserungs würdig ist (vgl. bspw. G /M 1996; G 1985). Dies wird allerdings auch von W (1985, S. 390) selbst gesehen. Er erkennt, dass die von ihm aufgestellten Cha rakteristika zur Beschreibung institutioneller Formen unvollständig sind und die Transaktions kostentheorie nur einen Teil möglicher Erklärungsfaktoren für das Entstehen von Transaktions kosten berücksichtigt. Auf Basis dieser Einschätzung werden von den Kritikern eine Reihe von Problemen und Schwachstellen der Theoriekonstruktion angesprochen, die noch ungelöst sind. Dies betreffen in großemMaße die getroffenen Annahmen. In Bezug auf das Verhalten der Ak teure wird vor allem die Begrenzung auf wenige Annahmen, sowie die Opportunismusannahme stark kritisiert (vgl. B 1990, S. 154ff.). Als weitere individuelle Verhaltensmerkmale, welche die Transaktionskosten beeinflussen können, werden unter anderem die persönliche Bereitschaft Für eine weiterführende Betrachtung der Integration anderer organisationstheoretischer Ansätze in die Transaktionskostentheorie vgl. bspw. A /W (1988). Tr an sa kt io ns ko st en Faktorspezifität/Unsicherheit Markt Kooperation Hierarchie Markt am effizientesten Hybrid am effizientesten Hierarchie am effizientesten Abbildung 2: Transaktionskosten der drei institutionellen Formen [Picot et al. 2002, S. 84;Williamson 1975, S. 284] 126 Philipp Wiegandt sich mit problematischen Situationen auseinanderzusetzen, die erforderlichen sozialen Fähig keiten für eine zwischenmenschliche Kooperation und die Fähigkeit der ökonomischen Akteure ein Problem intellektuell zu meistern genannt (vgl. B 1990, S. 154ff.). Bei der Opportu nismusannahme wird die Reduktion der Motivationsstruktur auf das Streben nach Geld und Gütern ohne Berücksichtigung eines möglichen komplexeren Motivationsmodells thematisiert. Dies kann opportunistisches Verhalten u.a. durch Solidarität, Traditionen, Anerkennung und Verantwortung unterbinden (vgl. G /M 1996; N 1996; D 1990). Ein ähnliches Bild ergibt sich bei den verschiedenen institutionellen Formen. Bisher herrscht eine ziemlich einfache Konzeptualisierung institutioneller Formen vor, die bei der Ope rationalisierung große Freiheiten eröffnet. Daraus ergibt sich, dass dieTheorie der Organisation genauer zu entwickeln ist und die verschiedenen institutionellen Gestaltungsmöglichkeiten sy stematischer zu analysieren sind (vgl. F 1992; D 1987; W 1985; A / W 1988). Darüber hinaus wird die Vernachlässigung relevanter Einflussfaktoren auf die Wahl der institutionellen Form als Kritikpunkt angebracht. Dies wiederum mindert die Erklärungsleistung der Theorie. So wird u.a. die Vernachlässigung von Machtaspekten (vgl. P 1986; F 1983), der Produktionskosten für die Wahl der institutionellen Form (vgl. E 1988; R /W 1985), der Interdependenzen zwischen verschie denen Transaktionen (vgl. W 1985) wie auch die Ausblendung der institutionellen Umwelt (vgl. M 1993; G 1985) kritisiert. Durch die Ausblendung der insti tutionellen Umwelt wird zwar eine Vereinfachung in der Theoriekonstruktion erreicht, die aber zu Lasten der Berücksichtigung von historischen, sozialen, politischen und rechtlichen Einfluss faktoren geht. So kann z.B. opportunistisches Verhalten in bestimmten Kontexten durch soziale Normen und traditionelle Standards effektiv beschränkt werden (vgl. D 1990; O 1980). Dies führt dazu, dass soziale Mechanismen eventuell kostengünstiger gegen Opportunis mus schützen als die von Williamson postulierten ökonomischen Mechanismen.13 Ungeachtet dieser Kritik gilt die Transaktionskostentheorie als logisch konsistente, mikroana lytisch begründeteTheorie, die durch ihren Allgemeinheitsgrad einen großen Erkenntnisbeitrag zur Organisationsforschung leistet (vgl. E /G 2002, S. 248). Die Theorie ermögli cht es, mit wenigen Faktoren viele Phänomene des Forschungsbereichs zu untersuchen. Dabei strebt sie keine vollständige Erklärung der verschiedenen institutionellen Formen an, sondern eine Identifizierung dieser grundlegenden Erscheinungsformen und deren Erklärungsfaktoren (vgl. W 1993, S. 125). Dieser hohe Allgemeinheitsgrad stellt insofern einen Vorteil dar, als die Transaktionskostentheorie dadurch einen Bezugsrahmen zur Verfügung stellt, in den verschiedene Forschungsgebiete in gemeinsamer Sprache miteinander interagieren können. Dies hat jedoch zur Folge, dass die Theorie dadurch meist Probleme und Phänomene nur be schreibt und kaum Lösungen aufzeigt (vgl. E /G 2002, S. 241–248). Allerdings ist dies aber kein spezifisches Problem der Transaktionskostentheorie. Generell bleiben inTheorien mit hohem Allgemeinheitsgrad die Aussagen nur wenig genau und die Besonderheiten des zu untersuchenden Einzelfalls außen vor. Bedingt durch den hohen Allgemeinheitsgrad eröffnet die Transaktionskostentheorie einen Blickwinkel auf Organisationen, der es ermöglicht, allge meine Erklärungen für Regelmäßigkeiten in Organisationsstrukturen und Mitgliederverhalten zu treffen. Allerdings liegt der Fokus der Transaktionskostentheorie dabei nur auf ausgewählten organisatorischen Phänomenen und blendet viele Erklärungsfaktoren sowie einzelfallspezifische Charakteristika aus. Die Tatsache, dass viele der theoretischen Aussagen der Transaktionsko stentheorie in empirischen Untersuchungen (vgl. S /K 2002) gestützt wurden Zur Überbrückung dieser Defizite ist es u.a. möglich, die Anzahl der Variablen zu erhöhen (vgl. O 1980), Opportunismus als Variable zu integrieren oder den Einfluss der institutionellen Umwelt explizit zu erfassen (vgl. W 1991). Die Transaktionskostentheorie 127 und Ergebnisse anderer Zweige der Organisationsforschung diesen entsprechen, weist darauf hin, dass die Transaktionskostentheorie zentrale Aspekte der Abwicklung von Transaktionen in institutionellen Formen erfasst haben könnte. Dies wird auch dadurch unterstützt, dass die Transaktionskostentheorie Anwendung in vielen Bereichen findet, wie der Mikroökonomie (vgl. bspw. T 1988), der Industrieökonomie (vgl. bspw. A 1984), der Organisations soziologie (vgl. bspw. O 1980) und der Betriebswirtschaft (vgl. bspw. P 1991). Die Transaktionskostentheorie schafft somit nicht nur einen Brückenschlag zwischen verschiedenen Disziplinen der Betriebswirtschaftslehre, sondern auch zwischen verschiedenen Fachrichtungen. Für die praktische Umsetzung der Transaktionskostentheorie in den verschiedenen Bereichen bleibt es aber wichtig, inwieweit es gelingt, die allgemeinen Aussagen der Theorie zu präzisieren und die spezifischen Charakteristika des Untersuchungsobjektes zu berücksichtigen. Dafür lei stet die Transaktionskostentheorie nämlich selbst kaum Unterstützung. Abschließend lässt sich sagen, dass die Transaktionskostentheorie die Organisationsforschung um einen ökonomisch fundierten Erklärungsversuch für verschiedene organisatorische Formen erweitert. 4 Schlussfolgerung Die dargestellte Transaktionskostentheorie lässt sich als eine einfache und präzise Theorie konstruktion beschreiben. Sie hat eine starke Bedeutung in der Organisationsforschung und stellt eine Erweiterung der Perspektive in der Erklärung organisatorischer Phänomene dar. Die Transaktionskostentheorie zeichnet sich durch einen hohen Erklärungsgehalt und das Aufzeigen eines allgemeinen Bezugsrahmens aus. Dabei bietet sie zusammen mit der neuen Institutionen ökonomie überzeugende Beschreibungen und Erklärungen organisatorischer Phänomene. Die Bedeutung beruht dabei nicht nur auf der reinen Anwendung in der Organisationsforschung, sondern auch in dem VersuchWirtschafts und Organisationstheorie miteinander zu verbinden. Nichts desto trotz gibt es Grenzen in der Erklärungskraft der Theorie. So fokussiert sie sich auf vertragstheoretisch interpretierbare organisatorische Phänomene und grenzt sich bei den getrof fenen Annahmen stark ein. Bei dem Versuch die Transaktionskostentheorie in die verschiedenen Organisationstheorien einzuordnen, stellt sich das eingangs beschriebene Problem der verschie denen theoretischen Perspektiven und der Uneinigkeit des Zweckes der Forschungstätigkeit innerhalb der Organisationstheorie wieder. Literaturverzeichnis aghion, s.; Tirole, J. (1994): The Management of Innovation, in: Quarterly Journal of Eco nomics, Vol. 109, No. 4, S. 1185–1209. alChian, a. 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Zusammenfassung

Dieser Sammelband bietet einen Überblick über relevante Theorien der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften sowie ausgewählte Methoden der qualitativen und quantitativen Forschung. Der Leser hat die Möglichkeit, jede hier behandelte Theorie und Methode in ihren grundlegenden Aussagen bzw. Funktionsweisen zu verstehen sowie hilfreiche Hinweise und Literaturquellen für ein vertiefendes Studium jedes Themenfeldes zu erhalten.

Studenten oder Doktoranden stehen vor dem gleichen Problem:

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Der Überblick über die Theorien und Methoden der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften.

Der kompakte Sammelband ist empfehlenswert für Studenten und Doktoranden, die Forschungsfragen durch geeignete theoretische Konzepte fundieren, in Hypothesen transformieren und anschließend mit geeigneten empirischen Methoden überprüfen können.