Content

8.1 Die Investitionsrechnungsverfahren in der Theorie in:

Hartmut Bieg, Heinz Kußmaul

Investition, page 254 - 257

2. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8006-3658-7, ISBN online: 978-3-8006-4434-6, https://doi.org/10.15358/9783800644346_254

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

Bibliographic information
8 Die Beurteilung der Investitionsrechnungsverfahren 8.1 Die Investitionsrechnungsverfahren in der Theorie Bei der Frage, welches Investitionsrechnungsverfahren in welchen Entscheidungssituationen zur Anwendung kommen sollte, kann man nicht zu einer allgemein gültigen Antwort kommen. In der Folge wird anhand von Abbildung 53 zuerst ein zusammenfassender Überblick über die verschiedenen statischen und dynamischen Verfahren der Investitionsrechnung gegeben. Vermögensendwertmethode Methode des internen Zinsfußes Kapitalwertmethode Annuitätenmethode Amortisationsrechnung Sollzinssatzmethoden Kapitalwertrate Statische Verfahren Dynamische Verfahren Verfahren der Investitionsrechnung Rentabilitätsvergleichsrechnung Amortisationsrechnung Gewinnvergleichsrechnung Kostenvergleichsrechnung Abbildung 53: Statische und dynamische Verfahren der Investitionsrechnung Aus Abbildung 53 wird ersichtlich, dass sich im Grundsatz die Gewinnvergleichsrechnung und die Annuitätenmethode entsprechen, wobei im einen Fall mit statischen Berechnungsweisen und im anderen Fall mit finanzmathematischen Techniken gearbeitet wird. Die Annuitätenmethode wiederum stellt nichts anderes als eine Variation der Kapitalwertmethode dar, während die Gewinnvergleichsrechnung einen Ausbau der Kostenvergleichsrechnung beinhaltet. Als Renditemaße haben sich in den klassischen Verfahren die Rentabilitätsvergleichsrechnung im statischen Bereich bzw. die Methode des internen Zinsfußes im dynamischen Bereich durchgesetzt. Zur Beurteilung der Rücklaufzeit im Sinne eines Risikomaßes wird in beiden Bereichen jeweils die Methode der Amortisationsrechnung herangezogen. Für den Fall abweichender Soll- und Haben-Zinssätze ergibt sich als Alternative und Weiterentwicklung zur Kapitalwertmethode die Vermögensendwertmethode. Als Alternative zur Methode des internen Zinsfußes stellen sich die Sollzinssatzmethode und die bisher noch nicht behandelte Kapitalwertrate dar. Bei der Kapitalwertrate wird der Kapi- 8 Die Beurteilung der Investitionsrechnungsverfahren234 talwert in Beziehung gesetzt zur Investitionsauszahlung, so dass sich ein relatives Vorteilsmaß ergibt: 0 0 Kapitalwert CKapitalwertrate Investitionssumme A ? ? Aufbauend auf den dargestellten Verfahren erfolgt die Berücksichtigung von Steuern und der Geldentwertung; die Ermittlung der optimalen Nutzungsdauer ist Bestandteil des jeweiligen Verfahrens (hier in diesem Buch dargestellt anhand der Kapitalwertmethode417). In Erweiterung der Vermögensendwertmethode ergibt sich die Möglichkeit zur Darstellung vollständiger Finanzpläne. Vollständige Finanzpläne können die jeweiligen Kapitalkosten und Wiederanlagen exakt berücksichtigen, wenn man davon absieht, dass man die Grundlage für die exakte Berechnung, nämlich die entsprechenden Anlagemodalitäten, nicht zur Verfügung hat. In der einfachsten Form der vollständigen Finanzpläne entspricht sie einer unter bestimmten Prämissen ausgestalteten Vermögensendwertmethode. Führt man derartige Modelle weiter, kommt man zu den Methoden der Investitionsprogrammplanung, die allerdings wegen ihrer umfassenden Datenerfordernisse im Bereich der Investitionsrechnung nicht zur praktischen Anwendung kommen (können). Versucht man auf der Grundlage dieser Überlegungen zu einer Sortierung der Verfahren zu gelangen, dann ist zunächst eine Einteilung zwischen Erfolgskriterium und „Risikokriterium“ vorzunehmen. Als klassisches Risikokriterium im Rahmen der statischen und dynamischen Verfahren hat sich die Amortisationsrechnung auch in der Praxis durchgesetzt. Neben der Amortisationsrechnung in ihrer statischen und dynamischen Variante sind hier verschiedene andere Verfahren zur Berücksichtigung der Unsicherheit dargestellt worden. Insbesondere – das wird auch aus Abbildung 54 (Seite 235) ersichtlich – finden das Korrekturverfahren, die Sensitivitätsanalyse und die Risikoanalyse Berücksichtigung (zu weiteren Verfahren siehe die Ausführungen in Abschnitt 6.4). Wenn man die Risikokriterien aussondert, bleibt die Beurteilung der Erfolgskriterien offen. Während bei der Beurteilung eines Einzelobjektes (Vorteilhaftigkeitsproblem) z.B. ein positiver Kapitalwert die gleiche Aussage liefert wie die Methode des internen Zinsfußes, da in diesem Fall der interne Zinsfuß unweigerlich über dem Kalkulationszinsfuß liegt, kann es beim Vergleich verschiedener Projekte (Wahlproblem) zu unterschiedlichen Reihenfolgen bei Anwendung verschiedener Methoden kommen. Die Einordnung der einzelnen Investitionsrechnungsverfahren ist also insbesondere dann von Relevanz, wenn zwischen verschiedenen Projekten auszuwählen ist. Teilt man die Verfahren der Investitionsrechnung dahingehend ein, wann sie jeweils zur Anwendung kommen sollen, dann ist an erster Stelle danach zu urteilen, ob im konkreten Beurteilungsfall Finanzgrenzen vorliegen oder nicht. Für den Fall, dass die Beschaffung von Finanzmitteln einen Engpass darstellt, sind Methoden heranzuziehen, bei denen die relative Vorteilhaftigkeit als Beurteilungsmethode herangezogen wird. In Abbildung 54 (Seite 235) sind diese als Relativmethoden bezeichnet worden, weil dort immer ein relatives Vorteilsmaß zur Anwendung kommt. Im statischen Bereich ist dies die Rentabilitätsver- 417 Vgl. Abschnitt 4.3. 8.1 Die Investitionsrechnungsverfahren in der Theorie 235 gleichsrechnung, im dynamischen Bereich die Methode des internen Zinsfußes und alternativ dazu die Sollzinssatzmethode in ihren verschiedenen Varianten sowie die Kapitalwertrate. Kapitalwertmethode Interne Zinsfuß-Methode Rentabilitätsvergleichsrechnung Sollzinssatzmethoden KapitalwertrateAnnuitätenmethode Gewinnvergleichsrechnung Kostenvergleichsrechnung Vermögensendwertmethode Absolutmethode Relativmethode FinanzgrenzenKeine Finanzgrenzen Keine MarktgrenzenMarktgrenzen Korrekturverfahren Amortisationsrechnung (statisch/dynamisch) Sensitivitätsanalyse Variationen und Verläufe Kritische Werte Risikoanalyse “Risikokriterium”Erfolgskriterium Anwendung von Verfahren der Investitionsrechnung Abbildung 54: Anwendung von Verfahren der Investitionsrechnung Für den Fall, dass im konkreten Einzelfall die Finanzgrenzen nicht maßgebend sind, spricht zunächst für den normalen Fall einer Investitionsrechnung alles dafür, ein hier als Absolutmethode bezeichnetes Verfahren heranzuziehen, also aus dem statischen Bereich die Kostenvergleichsrechnung bzw. besser die Gewinnvergleichsrechnung und aus dem dynamischen Bereich die Kapitalwertmethode bzw. alternativ die Annuitätenmethode und erweiternd die Vermögensendwertmethode. Deren Anwendung ist dann geboten, wenn im Einzelfall die Finanzressourcen keinen Engpass darstellen und wenn eine bestimmteAnzahl von Investitionsprojekten benötigt wird, was in Abbildung 54 unter dem Stichwort „Marktgrenzen“ ausgedrückt wird; vereinfacht ausgedrückt, geht es darum, dass zum Beispiel eine Maschine benötigt wird (oder 10 Maschinen usw.). In diesen Fällen bietet es sich an, jenes Investitionsprojekt auszuwählen, das absolut die höchste Vorteilhaftigkeit aufweist. Sollte allerdings eine Situation auftreten, die in Abbildung 54 unter dem Stichwort „Keine Marktgrenzen“ zum Ausdruck gebracht worden ist, dann wiederum bietet sich die Anwendung einer Relativmethode an. Wenn es also zum Beispiel möglich wäre, eine unbegrenzte Zahl von Investitionsobjekten (zum Beispiel Finanzanlagen) im Fall nicht vorhandener Finanzgrenzen zu erwerben, dann wäre es am besten, die größtmögliche Zahl der Projekte zu realisieren, die die relativ beste Vorteilhaftigkeit aufweisen. Wenn es zum Beispiel möglich ist, ein Projekt zum Anschaffungswert von 2 Millionen EUR zu erwerben oder ein Projekt zum Anschaffungswert von 1 Million EUR (bei jeweils gleicher Laufzeit), dann würde man für diesen Fall immer die jeweils doppelte Zahl des Projektes mit 1 Million EUR Anschaffungskosten erwerben, falls dieses Projekt die relativ bessere Vorteilhaftigkeit aufweist. Diese Art der Beurteilung kommt allerdings dann an ihre Grenzen, wenn man die Methode des internen Zinsfußes 8 Die Beurteilung der Investitionsrechnungsverfahren236 zugrunde gelegte Einteilung ganz eng sieht. Sollten keine Finanzgrenzen vorhanden sein und keine Marktgrenzen, dann wäre es am besten, immer die gleiche Zahl des jeweils absolut überlegenen Projektes heranzuziehen, das im Beispielsfall mit Anschaffungskosten von 2 Millionen EUR zugrunde liegt. Insofern kann diese Einteilung nur einen gedanklichen Hinweis für die Beurteilung von Investitionsrechnungsverfahren liefern, weil genau dieser zuletzt besprochene Fall sich sozusagen selbst ad absurdum führt. Im Ergebnis – sollte man diesen Extremfall als nicht gegeben ansehen – spricht vieles dafür, den konkreten Betrachtungsfall des Vorliegens von Finanzgrenzen als Hauptkriterium heranzuziehen, der dann entweder die Anwendung einer Absolutmethode oder einer Relativmethode indiziert. Welche Methode in den beiden Bereichen jeweils herangezogen wird bzw. werden soll, ist bereits im Vorfeld hinreichend diskutiert worden. Neben der Kapitalwertmethode spricht im Bereich der Absolutmethoden in bestimmten Fällen vieles für die Anwendung einer Vermögensendwertmethode, bei den Relativmethoden sollte als Ersatz der Methode des internen Zinsfußes ernsthaft die Anwendung von Sollzinssatzmethoden (Baldwin-Zinssatz- oder TRM-Methode) in Erwägung gezogen werden. 8.2 Die Investitionsrechnungsverfahren in der Praxis Von den diversen in der Vergangenheit durchgeführten Umfragen zur Thematik des Einsatzes von Investitionsrechnungsverfahren in der Praxis wird wird häufig die bereits 1997 veröffentlichte Untersuchung von Heidtmann/Däumler herangezogen.418 Die Studie, die sich auf mittelständische Unternehmungen bezog, welche im Jahr 1994 einen Jahresumsatz zwischen 20 und 399 Mio. DM aufwiesen, ist unter den Studien mit ausschließlichem Deutschland-Bezug nach wie vor die aktuellste.419 Aus der Untersuchung lässt sich entnehmen, dass an der Befragung Unternehmungen der verschiedensten Wirtschaftszweige – Maschinen- und Schiffbau, Bauindustrie, Auto- und Autozubehörindustrie, Eisen- und Stahlerzeugung, Mineralölindustrie und Bergbau, Energieversorgung, Dienstleistungsbetriebe, Nahrungs- und Genussmittelindustrie, Verlage und Papier, Handel, Elektrotechnik, Chemisch-Pharmazeutische Industrie sowie bestimmte andere Unternehmungen – teilnahmen.420 Eine Auswertung der Fragebögen der befragten Unternehmungen sowie telefonische Interviews ergaben, dass ca. 81,8% der Unternehmungen Investitionsrechnungsverfahren einsetzen. Die Verbreitung der Verwendung der verschiedenen Verfahren in den Unternehmungen kann aus Abbildung 55 (Seite 237) entnommen werden. 418 Vgl. z.B. Blohm, Hans/Lüder, Klaus/Schaefer, Christina: Investition. 9. Aufl., München 2006, S. 43-47. 419 Die von Brounen, De Jong und Koedijk im Jahr 2004 vorgelegte Studie ist aktueller, bezieht sich jedoch nicht ausschließlich auf Deutschland, sondern auch auf Großbritannien, die Niederlande und Frankreich; vgl. Brounen, Dirk/De Jong, Abe/Koedijk, Kees C. G.: Corporate Finance in Europe – Confronting Theory with Practice. In: Financial Management 2004, S. 71-102. 420 Vgl. dazu und zu den folgenden Ausführungen Heidtmann, Dietmar/Däumler, Klaus-Dieter: Anwendung von Investitionsrechnungsverfahren bei mittelständischen Unternehmen – eine empirische Untersuchung. In: Buchführung, Bilanz, Kostenrechnung, Beilage 2/1997.

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Zu Beginn dieses Lehrbuches wird auf die grundlegenden Prinzipien und Bestandteile der Finanzwirtschaft eingegangen. Daran schließt sich die umfangreiche Auseinandersetzung mit der Investition (und hier vor allem mit den Verfahren der Investionsrechnung) an. Dabei werden alle theorie- und praxisrelevanten Facetten behandelt. Zur Veranschaulichung der Inhalte dient ein durchgehendes Beispiel. Im letzten Kapitel wird sich mit Fragen der Unternehmensbewertung (inkl. DCF-Verfahren) auseinandergesetzt.

- Einführendes Lehrbuch in die Verfahren der Investitionsrechnung

- Behandelt werden theoretische wie praxisrelevante Fragestellungen.

- Zusammenhänge und finanzwirtschaftliche Entscheidungskriterien

- Einordnung von Investitionsrechnung und Investitionsentscheidungen

- Statische und dynamische Verfahren der Investitionsrechnung

- Dynamische Verfahren der Investitionsrechung

- Bestimmung der optimalen Nutzungsdauer und des Ersatzzeitpunktes von Investitionen

- Unsicherheit bei Investitionsentscheidungen

- Investitionsprogrammentscheidungen

- Entscheidungen über Finanzinvestitionen

"Insgesamt betrachtet liegt hier ein beachtliches Nachschlagewerk zum Themenkomplex Investition und Finanzierung vor, das jede einschlägige Frage in ihren Grundzügen beantwortet… Angehenden Betriebswirten und Praktikern kann das Handbuch uneingeschränkt empfohlen werden."

Ingo Nautsch in "Die Bank" zur Vorauflage der Bände.

Prof. Dr. Hartmut Bieg ist Inhaber des Lehrstuhls für Bankbetriebslehre an der Universität des Saarlandes.

Professor Dr. Heinz Kußmaul ist Direktor des Betriebswirtschaftlichen Instituts für Steuerlehre und Entrepreneurship am Lehrstuhl für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Betriebswirtschaftliche Steuerlehre, an der Universität des Saarlandes.

Für Studierende der Betriebswirtschaftslehre im Bachelor für das Fach Investition & Finanzierung an Universitäten, Fachhochschulen und Berufsakademien. Das Buch bietet aber auch Praktikern zahlreiche Anhaltspunkte zur Lösung von Investitionsproblemen.