2. Ziele des handelsrechtlichen Jahresabschlusses in:

Michael Wehrheim, Anette Renz

Die Handels- und Steuerbilanz, page 32 - 34

Bilanzierung, Bewertung und Gewinnermittlung

3. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3870-3, ISBN online: 978-3-8006-4433-9, https://doi.org/10.15358/9783800644339_32

Series: Vahlens Kurzlehrbücher

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2. Ziele des handelsrechtlichen Jahresabschlusses In der Betriebswirtschaftslehre wurden in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Zielen und Aufgaben des Jahresabschlusses unterschiedliche Vorstellungen und Konzeptionen entwickelt, die als „Bilanztheorien“ Rechtsprechung und Gesetzgebung in nicht unerheblichem Maße beeinflusst haben. Dies gilt in erster Linie für die statische und die dynamische Bilanzauffassung und ihre jeweiligen Vertreter. Insoweit ist eine Befassung mit den Bilanztheorien nicht nur wissenschaftshistorisch von Interesse, sondern vielfach unerlässlich für das Verständnis unterschiedlicher Konzeptionen zur Ausgestaltung der Rechnungslegungsinstrumente von Unternehmen. Die Vertreter der statischen Bilanzauffassung (insbesondere Nicklisch, 1923 und LeCoutre, 1934) weisen dem Jahresabschluss die Aufgabe zu, im Rahmen eines „Status“ stichtagsbezogen die Fähigkeit eines Unternehmens festzustellen, seine Schulden aus vorhandenem Vermögen decken zu können. Damit steht die Bilanz im Vordergrund der Betrachtung, die Ermittlung des Vermögens, der Schulden sowie des Reinvermögens (Vermögen - Schulden = Reinvermögen) dominiert, der Gewinn- und Verlustrechnung wird lediglich untergeordnete Bedeutung beigemessen. Letztere fungiert quasi als Unterkonto des Eigenkapitals und dokumentiert lediglich, wodurch sich betrieblich veranlasste Veränderungen des Reinvermögens ergeben haben. Vorrangige Aufgabe des Jahresabschlusses, in diesem Falle der Bilanz, ist es, die Schuldendeckungsfähigkeit (Moxter 1986) aufzuzeigen. Prinzipiell lässt sich zwischen einer „älteren statischen Schule“ (Vertreter insbesondere Fischer und Rehm, die die Vorschriften des ADHGB nicht unmaßgeblich beeinflusst haben) und einer „neueren“, vorwiegend betriebswirtschaftlich ausgerichteten statischen Schule (Nicklisch, LeCoutre) unterscheiden. Die Vertreter der neueren statischen Schule haben z.T. differenzierte Gliederungslehren zum Ausweis der Bilanzposten entwickelt; Simon hat mit seiner Konzeption, Anlage- und Umlaufvermögen unterschiedlich zu bewerten, das Bilanzrecht ganz maßgeblich beeinflusst und mitgestaltet. Die statische Auffassung hat sich, insbesondere in den Vorschriften zur Aufstellung Ziele des handelsrechtlichen Jahresabschlusses14 von Inventar und Bilanz (§§ 240f., 264f. HGB), sowie den handelsrechtlichen Bewertungsvorschriften (§§ 252f. HGB) niedergeschlagen. Während nach statischer Bilanzauffassung die Feststellung der Schuldendeckungsfähigkeit vorrangig ist, sehen die Vertreter der dynamischen Bilanzauffassung (insbes. Schmalenbach, 1919/1962, Walb, 1926/1966 und Kosiol, 1949/1976) die Ermittlung des jeweiligen Periodenerfolges als Hauptaufgabe des Jahresabschlusses. Der Periodenerfolg ist Maßstab der Wirtschaftlichkeit und Mittel zur Steuerung des Unternehmens und ergibt sich als Differenz zwischen Erträgen und Aufwendungen der Erfolgsrechnung (GuV-Rechnung). Erträge und Aufwendungen dokumentieren Werteentstehung und Werteverzehr, wobei die Erträge an den Einnahmen, die Aufwendungen an den Ausgaben „gemessen“ werden; würde die Rechnungsperiode eines Unternehmens mit der Gesamtlebensdauer (= Zeitraum von Gründung bis Liquidation) übereinstimmen, könnte eine Totalerfolgsrechnung des Unternehmens als reine Einnahmen- Ausgabenrechnung erstellt werden, da jeder Ertrag mit einer entsprechenden Einnahme, jeder Aufwand mit einer entsprechenden Ausgabe verbunden wäre. Zur Sicherstellung unternehmerischer Dispositionen wie auch unter Beachtung gesetzlicher Vorgaben ist eine solche „Totalperiode“ jedoch in einzelne überschaubare Zeitabschnitte, d.h. in Rechnungsperioden zu zerlegen. Der im Sinne der dynamischen Bilanzauffassung „richtige“ Erfolg einer Rechnungsperiode kann damit nicht über Einnahmen und Ausgaben, sondern nur über die Erträge und Aufwendungen dieser Periode ermittelt werden. Daraus folgt konsequenterweise, dass Realgüterbewegungen, die mit Einnahmen und Ausgaben verbunden sind und über die laufende Periode hinaus wirken, jeweils abgegrenzt und dementsprechend den Perioden zugerechnet werden müssen. Abgegrenzt wird nach dem Verursachungsprinzip, der Inhalt der dynamischen Bilanz besteht aus liquiden Mitteln, Kapital und Abgrenzungsposten; durch letztere werden „schwebende Geschäfte“, bei denen die Transformation von Geld über Sachwerte bzw. Forderungen und Schulden zu Geld noch nicht abgeschlossen ist, bilanziell dokumentiert. Die Bilanz stellt damit lediglich ein Hilfsmittel der Erfolgsrechnung dar, ihr Inhalt ist nicht an die statischen Größen „Vermögensgegenstand“ und „Schulden“ gebunden, sie ist vielmehr als transitorisches, der Erfolgsermittlung dienendes Konto zu verstehen. Ziele des handelsrechtlichen Jahresabschlusses 15 Weiterentwickelt wurde die „dynamische Bilanz“ u.a. durch Walb („finanzwirtschaftliche Bilanz“) und Kosiol („pagatorische Bilanz“). Die dynamische Bilanzauffassung hat sich vorrangig in den Vorschriften zur GuV (§§ 275f. HGB) sowie in der Bildung von Rechnungsabgrenzungsposten (§ 250 HGB) und Rückstellungen (§ 249 HGB) niedergeschlagen. Die Bilanztheorien wurden in den vergangenen 50 Jahren durch zahlreiche Arbeiten fortgeführt und weiterentwickelt; dabei sind im wesentlichen zwei Gruppen zu unterscheiden: 1. Arbeiten, die sich primär mit der Ausgestaltung konkreter handelsund/oder steuerrechtlicher Rechnungslegungsvorschriften befassen und 2. konzeptionelle Ansätze zur Rechnungslegung von Unternehmen. Zur letztgenannten Gruppe zählen z.B. die funktionsanalytische Bilanztheorie (Stützel 1967) sowie die zahlungsstromorientierten Ansätze von Moxter und Busse von Colbe.

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Zusammenfassung

In kompakter Form: Handels- und Steuerbilanz.

Dieses Lehrbuch liefert Ihnen in komprimierter Form einen umfassenden Überblick über alle wichtigen handels- und steuerrechtlichen Bilanzierungsfragen des Einzelabschlusses. Vor dem Hintergrund des eingearbeiteten Bilanzrechtsmodernisierungsgesetzes (BilMoG) wird zudem aufgezeigt, in welchen Bereichen nach wie vor eine Kongruenz zwischen Handels- und Steuerbilanz besteht, bzw. ob es nach dem Festhalten des Gesetzgebers zumindest an der materiellen Maßgeblichkeit gelingt, weiterhin eine Einheitsbilanz aufzustellen.

Teil A: Die Handelsbilanz

* Einführung in das Rechnungswesen

* Grundsätze ordnungsgemäßer Buchführung

* Bilanzgliederung und Inhalt der Bilanzpositionen

* Bilanzbewertungsnormen

* Gewinn- und Verlustrechnung

* Anhang Lagebericht

Teil B: Die Steuerbilanz

* Gewinnbegriff und Gewinnermittlungsverfahren

* Ansatz- und Bewertungsvorschriften der steuerlichen Gewinnermittlung

* Bilanzierung und Bewertung ausgewählter Aktiva und Passiva

Die Autoren

StB Prof. Dr. Michael Wehrheim leitet den Lehrstuhl für Betriebswirtschaftliche Steuerlehre und Externes Rechnungswesen an der Justus-Liebig-Universität Gießen.

Prof. Dr. Anette Renz ist Dozentin an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg.