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2.3 Berücksichtigung von Steuern im Rahmen der Investitionsrechnung in:

Dieter Schneeloch

Betriebswirtschaftliche Steuerlehre Band 2: Betriebliche Steuerpolitik, page 243 - 253

3. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8006-3697-6, ISBN online: 978-3-8006-4432-2, https://doi.org/10.15358/9783800644322_243

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206 Teil III: Steuern, Investition und Finanzierung 2.3 Berücksichtigung von Steuern im Rahmen der Investitionsrechnung 2.3.1 Einführung Die Frage, ob Steuern in der Investitionsrechnung berücksichtigt werden sollten, war lange umstritten13. Eine Nichtberücksichtigung wäre nur dann gerechtfertigt, wenn die Besteuerung keinen Einfluss auf die Vorteilhaftigkeit hätte. Es müsste dann Investitionsneutralität der Besteuerung gewährleistet sein. Diese beinhaltet: 1. Eine ohne Berücksichtigung von Steuern vorteilhafte (nachteilige) Realinvestition darf unter Berücksichtigung der Besteuerung nicht nachteilig (vorteilhaft) werden. 2. Die Rangfolge der Vorteilhaftigkeit von Realinvestitionen ohne Berücksichtigung von Steuern darf sich bei Berücksichtigung der Besteuerung nicht ändern. Jeder mit dem deutschen Steuerrecht Vertraute wird vermutlich annehmen, dass diese beiden Voraussetzungen einer Investitionsneutralität der Besteuerung nicht gewährleistet sind. Damit ist geklärt, dass die Besteuerung bei der Beurteilung von Investitionen berücksichtigt werden muss, wenn Fehlurteile vermieden werden sollen. Diese Erkenntnis hat sich inzwischen auch weitgehend im betriebswirtschaftlichen Schrifttum durchgesetzt14. Umstritten ist allerdings auch heute noch, in welcher Weise Steuern zu berücksichtigen und welche Steuerarten in die Betrachtung einzubeziehen sind. Diese Fragen sollen nachfolgend näher untersucht werden. Anschließend soll analysiert werden, in welcher Weise die Besteuerung die Ergebnisse der Investitionsrechnung beeinflussen kann. Hierbei wird der Analyse grundsätzlich die Kapitalwertmethode zugrunde gelegt. 2.3.2 Steuern in den Zahlungsreihen Steuern wirken sich zunächst einmal auf die Auszahlungsreihe einer Investition aus. Beeinflusst werden insbesondere die Bemessungsgrundlagen der Ertragsteuern. Infolge der Investition entstehen regelmäßig zusätzliche Erträge und Aufwendungen, steuerlich also zusätzliche Betriebseinnahmen und Betriebsausgaben. Damit ändert sich der steuerliche Gewinn der Folgezeit, d. h. E i. S. der in Teil I abgeleiteten und im Anhang 3 zusätzlich wiedergegeben Gesamtbelastungsgleichungen (I) oder (Ia) bzw. (II) oder (IIa). Zu beachten ist, dass bei gleicher Gesamt- 13 Vgl. Schwarz, H., Investitionsentscheidungen, 1962, S. 135 ff. und S. 199 ff.; Mellwig, W., Überlegungen, 1980, S. 16 ff.; Wagner, F.W., Steuereinfluß, 1981, S. 47 ff.; Mellwig, W., Modellprämissen, 1981, S. 53 ff. 14 Vgl. Schneider, D., Investition, 1992, S. 321; Bieg, H./Kußmaul, H., Investition, 2000, S. 175 ff.; Blohm, H./Lüder, K./Schaefer, C., Investition, 2006, S. 105 ff.; Kruschwitz, L., Investitionsrechnung, 2009, S. 112 ff. 2 Besteuerung und Investitionsentscheidungen 207 höhe aller zusätzlich zu erwartenden Gewinne deren zeitliche Verteilung erheblich voneinander abweichen kann. Wie aus der steuerlichen Gewinnermittlung bekannt, hängt die Verteilung eines Totalgewinnes und damit auch die Verteilung der Steuerzahlungen von der Ausnutzung von Bilanzierungs- und Bewertungswahlrechten und -ermessensspielräumen ab. Beispiel Der Geschäftsführer G der X-GmbH erwägt die Anschaffung einer zusätzlichen Maschine mit Anschaffungskosten von 1 Mio €. Er geht davon aus, dass die Maschine zu Beginn des Jahres 1 einsatzbereit sein kann. Die Nutzungsdauer der Maschine schätzt G auf 10 Jahre. Es kommen die Standardsteuersätze des Jahres 2009 zur Anwendung, d. h. es gilt skö = 15 %, solz = 5,5 %, h = 400 % und β = 0 15 . G nimmt an, dass aufgrund der Investition folgende zusätzliche Erträge und Betriebsausgaben entstehen werden (alle Angaben in T€). Jahr 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 Betriebseinnahmen + 250 + 300 + 300 + 300 + 300 + 300 + 300 + 300 + 300 + 300 Betriebsausgaben ohne AfA – 80 – 80 – 80 – 150 – 80 – 80 – 80 – 150 – 80 – 80 Bruttogewinn = Zahlungsüberschuss vor Steuern + 170 + 220 + 220 + 150 + 220 + 220 + 220 + 150 + 220 + 220 Lineare AfA – 100 – 100 – 100 – 100 – 100 – 100 – 100 – 100 – 100 – 100 Steuerlicher Gewinn + 70 + 120 + 120 + 50 + 120 + 120 + 120 + 50 + 120 + 120 Steuerzahlungen (29,825 % des steuerlichen Gewinns) – 21 – 36 – 36 – 15 – 36 – 36 – 36 – 15 – 36 – 36 Zahlungsüberschuss nach Steuern + 149 + 184 + 184 + 135 + 184 + 184 + 184 + 135 + 184 + 184 Anstelle der mindestens anzusetzenden linearen AfA in der dargestellten Form kann G auch eine 20 %ige geometrisch-degressive AfA geltend machen. Es ergibt sich dann Folgendes: Jahr 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 Bruttogewinn = Zahlungsüberschuss vor Steuern + 170 + 220 + 220 + 150 + 220 + 220 + 220 + 150 + 220 + 220 Degressive AfA – 200 – 160 – 128 – 102 – 82 – 66 – 66 – 66 – 65 – 65 Steuerlicher Gewinn – 30 + 60 + 92 + 48 + 138 + 154 + 154 + 84 + 155 + 155 Steuerzahlungen (29,825 % des steuerlichen Gewinns) + 9 – 18 – 27 – 14 – 41 – 46 – 46 – 25 – 46 – 46 Zahlungsüberschuss nach Steuern + 179 + 202 + 193 + 136 + 179 + 174 + 174 + 125 + 174 + 174 Zahlungsüberschuss nach Steuern bei linearer AfA + 149 + 184 + 184 + 135 + 184 + 184 + 184 + 135 + 184 + 184 Differenzen der Zahlungsüberschüsse + 30 + 18 + 9 + 1 – 5 – 10 – 10 – 10 – 10 – 10 15 Hinsichtlich der Definition der Standardsteuersätze s. Teil I, Gliederungspunkte 4.2.4 und 4.3.2. 208 Teil III: Steuern, Investition und Finanzierung Bereits aufgrund der Wahl der degressiven anstelle der linearen AfA werden die aus der Investition entstehenden zusätzlichen steuerlichen Gewinne in erheblichem Maße in die Zukunft verlagert. Im Jahr 1 entsteht sogar anstelle eines zusätzlichen Gewinns ein zusätzlicher Verlust. Erzielt die GmbH insgesamt in allen Jahren steuerlichen Gewinn, so ist ersichtlich, dass es durch die Inanspruchnahme der degressiven AfA möglich ist, Ertragsteuerzahlungen in die Zukunft zu verlagern, d. h. ein Teil der Auszahlungen in der Auszahlungsreihe der Investition fällt zeitlich später an. Dadurch wird die Vornahme der Investition vorteilhafter. Das Beispiel zeigt, dass durch die Ausnutzung von steuerbilanzpolitischen Aktionsparametern die Vorteilhaftigkeit von Realinvestitionen erhöht werden kann. Umsatzsteuer einschließlich der Vorsteuern braucht regelmäßig nicht in den Zahlungsreihen berücksichtigt zu werden. Der Grund besteht darin, dass die Umsatzsteuer wirtschaftlich als durchlaufender Posten angesehen werden kann. Allerdings steht einer Berücksichtigung der Umsatzsteuer in den Zahlungsreihen auch nichts im Wege. Es muss dann lediglich darauf geachtet werden, dass die Erfassung vollständig erfolgt. Eine nur teilweise Erfassung hingegen kann zu Fehlurteilen führen. Ob die Umsatzsteuer in den Zahlungsreihen erfasst werden soll, ist somit i. d. R. lediglich eine Frage der rechentechnischen Zweckmäßigkeit. Von dem Grundsatz, dass die Umsatzsteuer nicht in den Zahlungsreihen berücksichtigt zu werden braucht, gibt es Ausnahmen. Eine wichtige besteht dann, wenn der Unternehmer nicht oder nicht vollständig zum Vorsteuerabzug berechtigt ist. In diesem Fall entsteht durch die nichtabzugsfähige Vorsteuer eine Definitivbelastung. Diese muss berücksichtigt werden, wenn Fehlurteile vermieden werden sollen. Führt ein Unternehmer steuerfreie Ausfuhrlieferungen oder innergemeinschaftliche Lieferungen durch, so führen diese Umsätze nach § 15 Abs. 3 UStG nicht zum Ausschluss vom Vorsteuerabzug. Hier kann es zu einer permanenten Erstattung von Vorsteuern durch das Finanzamt kommen. Werden in derartigen Fällen die gezahlten Vorsteuern in der Auszahlungsreihe berücksichtigt, so ist darauf zu achten, dass die Erstattungen entweder in der Einzahlungsreihe oder aber als Negativbeträge in der Auszahlungsreihe aufgeführt werden. Viele Faktoreinsatzpreise enthalten als Bestandteil spezielle Verbrauchsteuern. Das gilt z. B. hinsichtlich der Mineralölsteuer, die im Benzinpreis enthalten ist. Weitere Beispiele sind die Bier- und Schaumweinsteuer, die insbesondere in den Faktoreinsätzen gastronomischer Betriebe enthalten sind. In derartigen Fällen ist es nicht zweckmäßig, den Steueranteil aus den Faktoreinsätzen herauszurechnen und in den Auszahlungsreihen der Investitionsobjekte gesondert zu berücksichtigen. Zweckmäßiger dürfte es vielmehr regelmäßig sein, die Faktoreinsätze brutto, d. h. einschließlich der Steueranteile zu erfassen. 2.3.3 Steuern im Kalkulationszinsfuß Im Schrifttum ist es bis zur Gegenwart umstritten, ob und ggf. welche Steuerbelastungen im Kalkulationszinsfuß zu berücksichtigen sind. Wird, wie hier, der Kalkulationszinsfuß als Zinsfuß einer alternativen Finanzanlage betrachtet, so ist 2 Besteuerung und Investitionsentscheidungen 209 die Berücksichtigung von Steuern zwingend geboten. Bei legalem Verhalten müssen dann nämlich die Zinsen der Ertragsbesteuerung unterworfen werden. In Teil I des Buches sind aus Bruttozinssätzen Nettozinssätze abgeleitet worden. Die dort ermittelten Nettozinssätze können im Rahmen der Investitionsrechnung als Kalkulationszinsfüße verwendet werden. Ein Blick auf die in Teil I ermittelten bzw. im Anhang wiedergegebenen Tabellen zeigt, dass die Nettozinssätze bei gleichem Bruttozinssatz je nach Lage des Einzelfalls weit auseinander liegen können. So kann z. B. ein Bruttozinssatz von 10 % zu einem Nettozinssatz von ebenfalls 10 %, er kann aber auch zu einem wesentlich niedrigeren Nettozinssatz führen. So ergibt sich z. B. aus Spalte 6, Zeile 13 der im Tabellenanhang (Anhang 1) befindlichen Tabelle T-11 für einen Bruttozinssatz von 10 % ein Nettozinssatz von lediglich rd. 5,05 %. Dieser Nettozinssatz ergibt sich für den Fall, dass der Einkommensteuersatz im oberen Plafond von 45 % (sei = 0,45) zur Anwendung kommt, sowohl Kirchensteuer von 9 % (ski = 9 %) als auch ein Solidaritätszuschlag von 5,5 % (solz =5,5 %) erhoben wird und die Zinsen mit einer Gewerbesteuer von 14 % (h = 400 %) belastet werden. Hierbei führen die Zinsen nicht zu einer Hinzurechnung nach § 8 Nr. 1 GewStG. Der Faktor für die Anrechnung von Gewerbesteuer auf die Einkommensteuer beträgt 3,8 (α = 3,8). 2.3.4 Einfluss der Besteuerung auf die Vorteilhaftigkeit von Realinvestitionen 2.3.4.1 Einführung Nachfolgend soll der Einfluss der Besteuerung auf die Vorteilhaftigkeit von Realinvestitionen anhand eines stark vereinfachenden Modells untersucht werden. Dieses Ausgangsmodell dient lediglich dazu, die Wirkungsweise der Besteuerung auf die Vorteilhaftigkeit eines Investitionsobjekts bzw. auf die relative Vorteilhaftigkeit mehrerer Investitionsobjekte zueinander herauszuarbeiten. Anschließend wird untersucht, inwieweit die gewonnenen Ergebnisse verallgemeinert werden können. 2.3.4.2 Formulierung des Ausgangsmodells Das Ausgangsmodell lässt sich wie folgt kennzeichnen: 1. Am Ende des Jahres t = 0 wird eine Investition mit einer Investitionsauszahlung I getätigt. 2. Ab dem Jahre t = 1 bis zum Jahre t = n entstehen aus der Investition zusätzliche Einzahlungen und Auszahlungen. Die jährlichen Zahlungsdifferenzen Zt entsprechen genau den zusätzlichen ertragsteuerlichen Bemessungsgrundlagen vor Abzug der steuerlichen Abschreibungen. Abweichungen zwischen Erträgen und Aufwendungen einerseits und Einzahlungen und Auszahlungen andererseits treten also mit Ausnahme der Abschreibungen nicht auf. 210 Teil III: Steuern, Investition und Finanzierung 3. Die steuerlichen Gewinne werden sofort versteuert. Zeitliche Verzögerungen zwischen Gewinnentstehung und Steuerzahlungen bestehen also nicht. 4. Entstehen in einzelnen Perioden steuerliche Verluste, so werden diese sofort verrechnet. Außerdem wird die Verlustverrechnung sofort zahlungswirksam. 5. Die Versteuerung der Gewinne findet während des gesamten Planungszeitraums zu einem einheitlichen Steuersatz s statt. Bei diesem Steuersatz handelt es sich um einen Differenzsteuersatz. 6. Außer der Versteuerung der Gewinne zu dem Steuersatz s findet keine Besteuerung statt. Insbesondere gibt es also auch keine Substanzbesteuerung. 7. Alle Supplementinvestitionen unterliegen dem Steuersatz s. 8. Das Investitionsobjekt wird bis zum Ende des Planungszeitraums vollständig abgeschrieben. Die Summe der Abschreibungen ⎝ ⎜ ⎛ ⎠ ⎟ ⎞ ∑ t = 1 n Abt entspricht also I. 9. Am Ende der Nutzungsdauer beträgt der Restverkaufserlös Rn = 0 Geldeinheiten bzw. der Restverkaufserlös entspricht genau den mit dem Verkauf entstehenden Veräußerungskosten. Der Kapitalwert nach Berücksichtigung der Steuern (Ks) kann aus Gleichung (8) abgeleitet werden. Zur Erinnerung sei Gleichung (8) nochmals aufgeführt. Sie lautet: (8) K = – I + ∑ t = 1 n Zt · q – t + R · q – n . Durch Einsetzen der bereits bekannten Beziehung q = 1 + i ergibt sich: (8a) K = – I + ∑ t = 1 n Zt · (1 + i) – t + R · (1 + i) – n . I in Gleichung (8a) führt lediglich über die Abschreibungen Abt zu steuerlichem Aufwand. Die jährlichen steuerlichen Gewinne betragen Zt – Abt. Hierauf ist der Steuersatz s anzuwenden. In dem hier verwendeten einfachen Ausgangsmodell ist es nicht erforderlich, den Nettozinssatz den Ableitungen in Teil I des Buches zu entnehmen. Der Nettozinssatz in, d. h. der Zinssatz nach Steuern, lässt sich vielmehr aus i durch den Abzug von i · s ermitteln. R in Gleichung (8a) nimmt annahmegemäß den Wert 0 an. Unter den genannten Voraussetzungen kann Gleichung (8a) wie folgt geschrieben werden: 2 Besteuerung und Investitionsentscheidungen 211 (25) Ks = – I + ∑ t = 1 n Zt · (1 + i – i · s) – t – ∑ t = 1 n s · (Zt – Abt) · (1 + i – i · s) – t . Wird (26) in = i – i · s gesetzt, so kann Gleichung (25) umgeformt werden zu: (27) Ks = – I + (1 – s) · ∑ t = 1 n Zt · (1 + in) – t + s · ∑ t = 1 n Abt · (1 + in) – t . 2.3.4.3 Vorteilhaftigkeit eines Investitionsobjekts vor und nach Steuern im Ausgangsfall Es stellt sich die Frage, welche Auswirkungen die Besteuerung auf die Vorteilhaftigkeit einer Realinvestition hat. Diese Frage kann durch einen Vergleich der Gleichungen (8) bzw. (8a) mit den Gleichungen (25) bzw. (27) beantwortet werden. Soll keine Veränderung der Vorteilhaftigkeit eintreten, so muss gelten: (28) K = Ks. Bei Einsetzen der Werte von K bzw. Ks ergibt sich hieraus: (29) – I + ∑ t = 1 n Zt · (1 + i) – t = – I + (1 – s) · ∑ t = 1 n Zt · (1 + in) – t + s · ∑ t = 1 n Abt · (1 + in) – t bzw. (30) ∑ t = 1 n Zt · (1 + i) – t = (1 – s) · ∑ t = 1 n Zt · (1 + in) – t + s · ∑ t = 1 n Abt · (1 + in) – t , (31) ∑ t = 1 n Zt · q – t = (1 – s) · ∑ t = 1 n Zt · qn – t + s · ∑ t = 1 n Abt · qn – t . 212 Teil III: Steuern, Investition und Finanzierung qn – t bezeichnet den Nettodiskontierungsfaktor (1 + in) – t . Die Bedingung der Gleichung (28), dass nämlich die Kapitalwerte vor und nach Steuern gleich groß sind, muss als seltener Grenzfall angesehen werden. Wird der Kapitalwert durch die Besteuerung nicht verändert, so soll hier von dem Fall der Investitionsneutralität der Besteuerung im engeren Sinne gesprochen werden. Wesentlich häufiger als der soeben behandelte dürfte der Fall sein, dass der Kapitalwert sich infolge der Besteuerung verringert. Es gilt dann also: (32) K > Ks bzw. (33) ∑ t = 1 n Zt · q – t > (1 – s) · ∑ t = 1 n Zt · qn – t + s · ∑ t = 1 n Abt · qn – t . Die Verringerung des Kapitalwerts durch die Besteuerung kann so weit gehen, dass aus einer vorteilhaften Investition eine nachteilige wird. Auf den ersten Blick weniger einleuchtend als der soeben behandelte Fall ist derjenige, dass der Kapitalwert durch die Besteuerung nicht sinkt, sondern steigt, dass also gilt: (34) K < Ks bzw. (35) ∑ t = 1 n Zt · q – t < (1 – s) · ∑ t = 1 n Zt · qn – t + s · ∑ t = 1 n Abt · qn – t . Dennoch ist dieser Fall durchaus möglich. Er kann durch die unterschiedliche Gewichtung der Ein- und Auszahlungen infolge verschieden hoher Zinssätze vor und nach Steuern zustande kommen. In Einzelfällen kann sogar aus einem negativen Kapitalwert vor Steuern ein positiver Kapitalwert nach Steuern entstehen. Im Schrifttum ist dieser Fall bekannt als das Steuerparadoxon. Beispiel Die X-GmbH erwägt, zum Zeitpunkt t 0 eine Maschine für 100 T€ anzuschaffen. Die betriebsgewöhnliche Nutzungsdauer beträgt 5 Jahre. Die Investition kann durch die Inanspruchnahme eines der X-GmbH eingeräumten Bankkredits i. H. v. 100 T€ finanziert werden. Der Zinssatz dieses Kredits beträgt 10 % p. a. Die Gewinne der X-GmbH unterliegen einem kombinierten Gewerbeund Körperschaftsteuersatz von 40 %. Weitere Steuerzahlungen fallen nicht an. Aus der Investition erwartet die X-GmbH die nachfolgend aufgeführten Einzahlungen und Auszahlungen, die zugleich Betriebseinnahmen und Betriebsausgaben in gleicher Höhe darstellen. Es ist von sofortiger Versteuerung der Gewinne und einem Sofortausgleich von Verlusten auszugehen. 2 Besteuerung und Investitionsentscheidungen 213 Es sind folgende Zahlungsreihen zu erwarten. t 0 t 1 t 2 t 3 t 4 t 5 Einzahlungen – + 30 + 30 + 45 + 60 + 85 Auszahlungen – 100 – 40 – 30 – 20 – 5 – 5 Zahlungssaldo – 100 – 10 0 + 25 + 55 + 80 K = – 100 – 10 · 1,1 – 1 + 0 · 1,1 – 2 + 25 · 1,1 – 3 + 55 · 1,1 – 4 + 80 · 1,1 – 5 . K = – 3,07. Ohne Berücksichtigung von Steuern ist diese Investition nicht vorteilhaft. Bezieht man die Steuerwirkungen sowohl in die Auszahlungsreihe als auch in den Diskontierungsfaktor mit ein, so ergibt sich Folgendes: t 0 t 1 t 2 t 3 t 4 t 5 Einzahlungen 0 + 30 + 30 + 45 + 60 + 85 Auszahlungen – 100 – 40 – 30 – 20 – 5 – 5 Zahlungssaldo – 100 – 10 0 + 25 + 55 + 80 Abschreibungen 0 – 20 – 20 – 20 – 20 – 20 Steuerlicher Gewinn 0 – 30 – 20 + 5 + 35 + 60 Steuerzahlungen (–) bzw. -erstattungen (+) 0 + 12 + 8 – 2 – 14 – 24 Zwischensumme 0 – 18 – 12 + 3 + 21 + 36 Abschreibungen 0 + 20 + 20 + 20 + 20 + 20 Zahlungsreihe nach Steuern – 100 + 2 + 8 + 23 + 41 + 56 Der Kalkulationszinsfuß nach Steuern beträgt (10 % – 40 % · 10 % =) 6 %, der Diskontierungsfaktor also 1,06 – t . Hieraus ergibt sich ein Kapitalwert von Ks = – 100 + 2 · 1,06 – 1 + 8 · 1,06 – 2 + 23 · 1,06 – 3 + 41 · 1,06 – 4 + 56 · 1,06 – 5 , Ks = 2,64. Ohne Berücksichtigung von Steuern ist der Kapitalwert also negativ, nach Berücksichtigung von Steuern hingegen positiv. 2.3.4.4 Vorteilsvergleich mehrerer Investitionsobjekte vor und nach Steuern An früherer Stelle ist herausgearbeitet worden, dass das Investitionsobjekt A dann vorteilhafter ist als das Investitionsobjekt B, wenn gilt: (36) Ka > Kb. Es stellt sich die Frage, welche Auswirkungen die Besteuerung auf die relative Vorteilhaftigkeit der Investitionsobjekte zueinander hat. Die Strukturen der Kapitalwertformeln vor und nach Steuern, wie sie sich z. B. aus den Gleichungen (8a) und (25) ergeben, lassen vermuten, dass je nach Lage des Einzelfalls die relative Vorteilhaftigkeit erhalten bleibt, dass sie sich aber auch umkehren kann. Der Beweis für diese Behauptung ist erbracht, wenn sich Beispiele für beide Fallgruppen finden lassen. Dies soll nunmehr geschehen. 214 Teil III: Steuern, Investition und Finanzierung Beispiel: Unveränderte Rangfolge Die Y-AG prüft die beiden alternativen Investitionsobjekte A und B. Sie rechnet mit folgenden Zahlungsüberschüssen. t 0 t 1 t 2 t 3 t 4 t 5 A – 900 + 500 + 500 – 100 + 400 + 300 B – 800 + 350 + 350 – 50 + 350 + 300 Der Finanzvorstand der Y-AG geht davon aus, dass sich alle Supplementinvestitionen mit 8 % p. a. brutto verzinsen. Die Y-AG unterliegt einem Ertragsteuersatz von 40 %. Beide Investitionsobjekte können - abweichend vom geltenden Steuerrecht - lediglich linear-gleichbleibend abgeschrieben werden. Im Übrigen gelten die Voraussetzungen des Ausgangsfalls. Ohne Berücksichtigung von Steuern ergeben sich folgende Kapitalwerte: Ka = – 900 + 500 · 1,08 – 1 + 500 · 1,08 – 2 – 100 · 1,08 – 3 + 400 · 1,08 – 4 + 300 · 1,08 – 5 , Ka = 410,44, Kb = – 800 + 350 · 1,08 – 1 + 350 · 1,08 – 2 – 50 · 1,08 – 3 + 350 · 1,08 – 4 + 300 · 1,08 – 5 , Kb = 245,89. Ohne Berücksichtigung von Steuern sind also beide Realinvestitionen vorteilhafter als die Vergleichsfinanzinvestition. Da Ka > Kb, ist die Investition A der Investition B vorzuziehen. Für die beiden Objekte ergeben sich folgende steuerlichen Gewinne, Steuerzahlungen und Zahlungsüberschüsse nach Steuern: t 1 t 2 t 3 t 4 t 5 A: Bruttoüberschuss + 500 + 500 – 100 + 400 + 300 AfA – 180 – 180 – 180 – 180 – 180 Steuerlicher Gewinn + 320 + 320 – 280 + 220 + 120 Steuern – 128 – 128 + 112 – 88 – 48 Zwischensumme + 192 + 192 – 168 + 132 + 72 AfA + 180 + 180 + 180 + 180 + 180 Nettoüberschüsse + 372 + 372 + 12 + 312 + 252 B: Bruttoüberschuss + 350 + 350 – 50 + 350 + 300 AfA – 160 – 160 – 160 – 160 – 160 Steuerlicher Gewinn + 190 + 190 – 210 + 190 + 140 Steuern – 76 – 76 + 84 – 76 – 56 Zwischensumme + 114 + 114 – 126 + 114 + 84 AfA + 160 + 160 + 160 + 160 + 160 Nettoüberschüsse + 274 + 274 + 34 + 274 + 244 Der Kalkulationszinsfuß nach Steuern beträgt (8 % – 40 % · 8 % =) 4,8 %, der Diskontierungsfaktor also 1,048 – t . Damit sind alle für die Ermittlung der Kapitalwerte nach Steuern erforderlichen Daten bekannt. Die Kapitalwerte betragen: Ka/s = – 900 + 372 · 1,048 – 1 + 372 · 1,048 – 2 + 12 · 1,048 – 3 + 312 · 1,048 – 4 + 252 · 1,048 – 5 , Ka/s = 262,08, Kb/s = – 800 + 274 · 1,048 – 1 + 274 · 1,048 – 2 + 34 · 1,048 – 3 + 274 · 1,048 – 4 + 244 · 1,048 – 5 , Kb/s = 160,62. 2 Besteuerung und Investitionsentscheidungen 215 Auch unter Berücksichtigung der Besteuerung weisen beide Investitionsobjekte positive Kapitalwerte auf. Damit sind sie beide vorteilhafter als die Vergleichsfinanzinvestition. An der Rangfolge der Vorteilhaftigkeit hat sich nichts geändert. Auch unter Berücksichtigung der Besteuerung ist das Investitionsobjekt A vorteilhafter als das Investitionsobjekt B. Nach diesem Beispiel für eine unveränderte Rangfolge der Vorteilhaftigkeit von Investitionsobjekten vor und nach Steuern, soll nunmehr ein Beispiel gebildet werden, in dem sich die Vorteilhaftigkeit umkehrt. Beispiel: Umkehrung der Rangfolge Die Z-AG prüft die beiden alternativen Investitionsobjekte C und D. Sie rechnet mit folgenden Zahlungsüberschüssen: t 0 t 1 t 2 t 3 t 4 t 5 C – 1.000 + 400 + 350 + 200 + 100 + 200 D – 1.000 + 250 + 270 + 300 + 250 + 200 Auf das Investitionsobjekt D kann eine 40 %ige erhöhte Absetzung vorgenommen werden. Im Übrigen gelten die gleichen Bedingungen wie im letzten Beispiel. Ohne Berücksichtigung von Steuern ergeben sich die folgenden Kapitalwerte: Kc = – 1.000 + 400 · 1,08 – 1 + 350 · 1,08 – 2 + 200 · 1,08 – 3 + 100 · 1,08 – 4 + 200 · 1,08 – 5 , Kc = 38,83, Kd = – 1.000 + 250 · 1,08 – 1 + 270 · 1,08 – 2 + 300 · 1,08 – 3 + 250 · 1,08 – 4 + 200 · 1,08 – 5 , Kd = 20,99. Auch in diesem Fall sind ohne Berücksichtigung von Steuern beide Realinvestitionen vorteilhafter als die Vergleichsfinanzinvestition. Da Kc > Kd, ist die Investition C der Investition D vorzuziehen. Nach Steuern hingegen ergeben sich für beide Objekte die folgenden steuerlichen Gewinne, Steuerzahlungen und Zahlungsüberschüsse: t 1 t 2 t 3 t 4 t 5 C: Bruttoüberschuss + 400 + 350 + 200 + 100 + 200 AfA – 200 – 200 – 200 – 200 – 200 Steuerlicher Gewinn + 200 + 150 0 – 100 0 Steuern – 80 – 60 0 + 40 0 Zwischensumme + 120 + 90 0 – 60 0 AfA + 200 + 200 + 200 + 200 + 200 Nettoüberschüsse + 320 + 290 + 200 + 140 + 200 t 1 t 2 t 3 t 4 t 5 D: Bruttoüberschuss + 250 + 270 + 300 + 250 + 200 AfA – 400 – 150 – 150 – 150 – 150 Steuerlicher Gewinn – 150 + 120 + 150 + 100 + 50 Steuern + 60 – 48 – 60 – 40 – 20 Zwischensumme – 90 + 72 + 90 + 60 + 30 AfA + 400 + 150 + 150 + 150 + 150 Nettoüberschuss + 310 + 222 + 240 + 210 + 180 Kc/s = – 1.000 + 320 · 1,048 – 1 + 290 · 1,048 – 2 + 200 · 1,048 – 3 + 140 · 1,048 – 4 + 200 · 1,048 – 5 , Kc/s = 17,41, 216 Teil III: Steuern, Investition und Finanzierung Kd/s = – 1.000 + 310 · 1,048 – 1 + 222 · 1,048 – 2 + 240 · 1,048 – 3 + 210 · 1,048 – 4 + 180 · 1,048 – 5 , Kd/s = 22,92. Unter Berücksichtigung der 40 %igen Abschreibung ist der Kapitalwert nach Steuern des Investitionsobjekts D größer als der des Investitionsobjekts C, bei dem annahmegemäß nur eine lineare AfA zulässig ist. Infolge der erhöhten Absetzung ändert sich somit die Rangfolge der Vorteilhaftigkeit der Investitionsobjekte. 2.3.4.5 Zur Verallgemeinerung der Ergebnisse Die bisherigen Ausführungen haben ergeben: 1. Eine Realinvestition, die ohne Berücksichtigung der Besteuerung vorteilhaft ist, kann unter Berücksichtigung der Besteuerung ebenfalls vorteilhaft sein, sie kann aber auch nachteilig werden. 2. Eine vor Steuern nachteilige Realinvestition kann nach Steuern ebenfalls nachteilig sein, sie kann aber auch vorteilhaft werden. 3. Die relative Vorteilhaftigkeit mehrerer Realinvestitionen zueinander kann vor und nach Steuern gleich sein, sie kann sich aber auch ändern. Diese Ergebnisse sind unter den Prämissen des Ausgangsmodells ermittelt worden. Sie lassen sich aber verallgemeinern, da sie auf Einflussgrößen beruhen, die nicht nur in dem Ausgangsmodell vorkommen. Derartige Einflussfaktoren sind: 1. Die Zahlungsströme der Realinvestition werden durch die Besteuerung verändert. 2. Die Diskontierung der Ein- und Auszahlungen vor und nach Steuern geschieht in unterschiedlicher Weise. 3. Können die Investitionsobjekte in unterschiedlicher Weise abgeschrieben werden, so führt dies zu einem unterschiedlichen Anfall von Steuerzahlungen. 4. Unterliegen die Gewinne der Investitionsobjekte unterschiedlichen Steuersätzen, so führt dies nicht nur zu zeitlichen Verschiebungen von Steuerzahlungen, sondern auch zu unterschiedlichen Zahlungshöhen. Neben diesen genannten gibt es, sofern das Ausgangsmodell verlassen wird, noch weitere steuerliche Einflussfaktoren, die die Vorteilhaftigkeit von Investitionen beeinflussen können. Genannt werden sollen nur beispielhaft • unterschiedliche Bilanzierungs- und Bewertungswahlrechte sowie -ermessensspielräume und • unterschiedliche Möglichkeiten des Verlustausgleichs, des Verlustabzugs und der Verlustverrechnung. 2.4 Beurteilung der Vorteilhaftigkeit von Finanzinvestitionen Wie bereits mehrfach ausgeführt, lassen sich bei der Beurteilung von Finanzinvestitionen ohne Bedenken die Regeln der Finanzmathematik anwenden. Dies hat u. a. zur Folge, dass interne Renditen ermittelt und diese miteinander verglichen

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References

Zusammenfassung

Die betriebswirtschaftliche Steuerlehre für BWLer.

Band 2 dieses zweibändigen Werkes behandelt die Steuerplanung aus der Sicht der einzelnen Unternehmen – das Kerngebiet der Betriebswirtschaftlichen Steuerlehre. Dabei geht es vor allem um methodische Grundlagen, die Steuerbilanzpolitik, die Berücksichtigung von Steuern im Rahmen von Investitions- und Finanzierungsentscheidungen sowie um die steuerlichen Aspekte bei der Rechtsformwahl und beim Rechtsformwechsel. Die Neuauflage beruht auf dem im Sommer 2009 geltenden Rechtsstand. Berücksichtigt sind somit bereits die Anfang 2009 in kraft getretenen Erbschaftsteuerreform, das Bilanzrechtsmodernisierungsgesetz 2009 sowie das im Rahmen des Konjunkturpakets II erlassene Gesetz zur Sicherung der Beschäftigung und Stabilität in Deutschland mit dem veränderten Einkommensteuertarif des Jahres 2010.

* Grundlegende Zusammenhänge und Instrumentarium der betrieblichen Steuerpolitik

* Steuerbilanzpolitik, sonstige zeitliche Einkommensverlagerungspolitik

* Berücksichtigung von Steuern im Rahmen von Investitions- und Finanzierungsentscheidungen

* Rechtsformwahl und Rechtsformwechsel

* Lösungen zu den Aufgaben

Das Buch wendet sich an Studierende der Betriebswirtschaft an Universitäten und Fachhochschulen, Angehörige steuerberatender Berufe, Unternehmensberater und Juristen.

Der Autor

Prof. Dr. Dieter Schneeloch, Steuerberater, ist o. Professor der Betriebswirtschaftslehre an der FernUniversität in Hagen.