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II. Teilprozessmodelle von Warenwirtschaftssystemen in:

Thomas Foscht, Bernhard Swoboda, Joachim Zentes

Handelsmanagement, page 711 - 713

3. Edition 2012, ISBN print: 978-3-8006-4265-6, ISBN online: 978-3-8006-4425-4, https://doi.org/10.15358/9783800644254_711

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

Bibliographic information
E. Warenwirtschaftliche Informationsprozesse 669 der jeweiligen Branchen bzw. Unternehmen zugeschnitten werden. Bei ERP-Systemen für den Handel handelt es sich um universelle betriebliche Standardsoftware-Systeme, die durch die Integration von handelsspezifischen Funktionalitäten als spezifische Branchenlösungen auf den Handel ausgerichtet werden (Schütte/Vering 2004). Sie werden zumeist in die Komponenten „Human-Resource“, „Finance“ und „Logistics“ unterteilt. Der Begriff der ERP-Systeme bezieht sich also in übergeordneter Form auf Systeme, die prinzipiell für alle Branchen denkbar sind. Warenwirtschaftssysteme sind oftmals Bestandteile solcher ERP- Systeme für den Handel. In der dargestellten Systematik beziehen sie sich auf den Teilbereich „Logistics“ in Handelsunternehmen. Im Folgenden wird die Funktionsweise von Warenwirtschaftssystemen skizziert. Zugleich werden ausgewählte Fragen der Informationslogistik und Einsatzmöglichkeiten von Managementunterstützungssystemen im Handel diskutiert. II. Teilprozessmodelle von Warenwirtschaftssystemen Warenwirtschaftssysteme können als Modelle der Kerngeschäftsprozesse von Handelsunternehmen interpretiert werden. Sie bestehen aus vier Ebenen bzw. Teilprozessmodellen (vgl. auch Hertel 1999, S. 4ff.), welche in Abbildung 5.49 dargestellt sind. Abbildung 5.49: Aufbau der Warenwirtschaftssysteme im Handel Quelle: Hertel/Zentes/Schramm-Klein 2011, S. 245; in Anlehnung an Hertel 1999, S. 6. 1. Warenprozessmodell: Auf der untersten Ebene stellt das Warenwirtschaftssystem ein Modell der Warenprozesse, also der physischen Warenflüsse, dar. Die Warenprozesse wie z.B. Entladen, Einlagern, Kommissionieren, Transport usw. werden dabei in einem IT-System abgebildet. Es wird dabei implizit davon ausgegangen, dass der IT-Einsatz ein unverzichtbarer Bestandteil eines WWS ist. Dies ist grundsätzlich nicht erforderlich, denn eine solche Abbildung des physischen Warenflusses könnte prinzipiell ebenso auch auf Karteikarten oder in sonstiger Weise erfolgen. Allerdings lassen W ar en pr oz es ss ys te m Wareneingang Lager/Filiale Warenausgang W ar en w irt sc ha fts sy st em (o pe ra tiv ) Wareneingang Lager Warenausgang Warenprozessmodell Dispositionsprozessmodell Abrechnungsprozessmodell M an ag em en tu nt er st üt zu ng ss ys te m Planung Steuerung Controlling Bestellung Bestandsführung BewertungBe-/Entlastung W ar en flü ss e B I-P ro ze ss eb en e 670 Fünftes Kapitel: Die Gestaltung der Supply Chain die Vielfalt und Mengenvolumina der Warenflüsse für die meisten Handelsbetriebe eine effiziente Modellierung nur in Form eines entsprechenden IT-Systems zu. 2. Dispositionsprozessmodell: Bei dem Dispositionsprozessmodell als zweiter Ebene des WWS handelt es sich um ein Modell der Prozesse eines Handelsunternehmens, die nicht direkt auf die Ware bezogen sind, die aber durch Warenprozesse ausgelöst werden bzw. die ihrerseits Warenprozesse auslösen, z.B. Warenbestellung, Auftragseingang, Rechnungseingang, Rechnungsprüfung, Rechnungsschreibung, Lieferscheinschreibung, Inventur usw. 3. Abrechnungsprozessmodell: Das Abrechnungsprozessmodell stellt die dritte Ebene eines WWS dar und bildet unter Verwendung von Einkaufs- und Verkaufspreisen und -konditionen die Vorgänge des Warenprozessmodells und des Dispositionsprozessmodells wertmäßig ab. Zum Beispiel werden die warenwirtschaftlichen Elementarfunktionen Wareneingang und Warenausgang als Belastung und Entlastung von Leistungsstellen abgebildet. 4. Business-Intelligence-Prozessebene (BI-Prozessebene): Auf dieser Ebene der WWS werden alle Informationen über sämtliche Waren-, Dispositions- und Abrechnungsprozesse gesammelt und den Steuerungs-, Kontroll-, Optimierungs- und Planungsprozessen dieser Ebene zur Verfügung gestellt. Diese Informations- und Planungsprozessebene dient der Steuerung, Kontrolle und Optimierung der Sortimente, Preise, Bestände und aller damit in Verbindung stehenden Waren-, Dispositions- und Abrechnungsprozesse des Modells. Das Zusammenwirken der vier Prozessebenen von Warenwirtschaftssystemen ist in Abbildung 5.50 beispielhaft dargestellt. Abbildung 5.50: Zusammenwirken der Prozessebenen in Warenwirtschaftssystemen Quelle: in Anlehnung an Arend-Fuchs 2004. Information undPlanung Disposition Warenbewegung Abrechnung Prozessebenen Limitplanung Bestellung Wareneingang Bewertung Beispiel 1 Beispiel 2 Sortimentsplan Verfügbarkeit Menge Umsatz E. Warenwirtschaftliche Informationsprozesse 671 Der Ausgangspunkt der Umsetzung vonWarenprozessen in Informationsflüsse kann z.B. an die Realisierung von Umsätzen anknüpfen (Beispiel 1). Dabei lösen in den Verkaufsstellen realisierte Umsätze Informationsprozesse auf der Abrechnungsprozessebene aus und sind mit Mengenänderungen auf der Warenprozessebene verbunden. Diese lösen dann Prozesse auf der Dispositionsprozessebene aus (z.B. in Form von Verfügbarkeitsprüfungen). Zudem wird die BI-Prozessebene der Warenwirtschaftssysteme, z.B. im Rahmen der Sortimentsplanung, angesprochen. Auf der anderen Seite können Informationsprozesse von der BI- Prozessebene angestoßen werden. Zum Beispiel kann, ausgehend von einer Limitplanung im Dispositionsprozessmodell, der dispositive Prozess der Bestellung ausgelöst werden, der auf der Warenprozessebene nach erfolgter Lieferung zu einemWareneingang führt, der entsprechend im Rahmen des Abrechnungsprozessmodells im Kontext der Verbuchung einer Bewertung (z.B. zu Einkaufs- oder Verkaufspreisen) unterzogen wird (Beispiel 2). III. Arten von Warenwirtschaftssystemen 1. Offene und geschlossene Warenwirtschaftssysteme Anhand der Informationsbasis, die im Rahmen der Warenwirtschaftssysteme erfasst wird, kann man die Warenwirtschaftssysteme in offene und geschlossene Warenwirtschaftssysteme unterscheiden. In offenen Warenwirtschaftssystemen erfolgt lediglich die Erfassung entweder der Wareneingangsdaten oder der Warenausgangsdaten. In geschlossenen Warenwirtschaftssystemen hingegen liegt die Zielsetzung darin, den gesamten Warenfluss zu erfassen. Es werden somit alle Phasen des Warenflusses von der Disposition bis zum Warenausgang abgedeckt (siehe Abbildung 5.51). Die Erfassung wird sowohl mengen- und wertmäßig als auch artikelgenau, d.h. nach Bewegungs- bzw. Bestandspositionen differenziert, durchgeführt. Die Abbildung der Warenprozesse erfolgt dabei möglichst unverzüglich, also zeitnah. Insbesondere bei automatischen Erfassungsprozessen ist dabei auch eine „real-time“ Umsetzung der Warenbewegungen imWarenwirtschaftssystem realisierbar. Abbildung 5.51: Kreislauf eines geschlossenen Warenwirtschaftssystems Quelle: West 1985, S. 132. Bedarfsermittlung Bestellvorschlag AutomatischerAbruf 7 Bestellung Auftragsrückstand 2 Wareneingang Auszeichnung Lagerung 3 Bestandsführung WWS-Inventur 6 VK-Datenerfassung 5 Rechnungsprüfung 4 Stammdaten (Listung) 1 Regulierung Buchhaltung

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References

Zusammenfassung

Modernes Handelsmanagement.

Zentes/Swoboda/Foscht, Handelsmanagement

3. Auflage. 2012.

ISBN 978-3-8006-4265-6

Handelsmanagement komplett

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