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II. Begriffliche Abgrenzungen in:

Thomas Foscht, Bernhard Swoboda, Joachim Zentes

Handelsmanagement, page 630 - 631

3. Edition 2012, ISBN print: 978-3-8006-4265-6, ISBN online: 978-3-8006-4425-4, https://doi.org/10.15358/9783800644254_630

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

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588 Fünftes Kapitel: Die Gestaltung der Supply Chain II. Begriffliche Abgrenzungen Bei der Gestaltung der Supply Chain wird in der Literatur eine Reihe von Begriffen verwendet, denen keine einheitliche Definition zu Grunde liegt; sie sind mehr oder weniger umfassend. Im Folgenden sollen daher die Begriffe Beschaffung, Logistik und Warenwirtschaft zunächst näher abgegrenzt werden. Die Beschaffung dient i.w.S. der Unternehmensversorgung. Zur Versorgung des Unternehmens kann die Beschaffung von Arbeitskräften (Personal), von Informationen, von Kapital, von Rechten, Sachgütern und Dienstleistungen, Technologien usw. gezählt werden. Beschaffung i.e.S. umfasst alle unternehmens- und marktbezogenen Tätigkeiten zur Versorgung des Unternehmens mit Waren, (direktem und indirektem) Material, Dienstleistungen, Rechten sowie Maschinen und Anlagen aus „unternehmensexternen“ Quellen mit dem Ziel, zum Erreichen nachhaltiger Wettbewerbsvorteile beizutragen (Kaufmann 2001, S. 39f.). Im Folgenden wird die Beschaffung eingeengt auf Ware (Handelsware bzw. „direkte Güter“), da die handelsspezifischen Aspekte im Vordergrund stehen und die Beschaffung von Ware, die i.d.R. nicht selbst be- oder verarbeitet, und an Dritte abgesetzt wird, geradezu konstitutiv für den Handel ist (vgl. hierzu die definitorischen Abgrenzungen im Ersten Kapitel). Synonym zu Beschaffung wird „Sourcing“ verwendet. Der Begriff Einkauf (Purchasing) wird unterschiedlich abgegrenzt. Einerseits wird er auf die Ebene der operativen Abwicklung bezogen, andererseits spricht man von „strategischem Einkauf“ und meint damit u.a. die Festlegung von Rahmenkonditionen bzgl. Zahlung und Lieferung (z.B. Rabatte, Boni, Skonti, Zahlungsziele u.Ä.) mit Lieferanten. Procurement wird heute meist im Zusammenhang mit elektronischen Prozessen, so auf der Basis der Internet-Technologie, verwendet: „E-Procurement“ meint dann die operative Abwicklung aller Beschaffungsaktivitäten, so die Online-Suche nach Lieferanten, das Aushandeln der Preise und Konditionen, z.B. in Form von „reverse auctions“ über Internet, wie auch die elektronische Übermittlung von Bestellungen oder die elektronische Übermittlung von Verkaufsdaten im Rahmen von herstellergesteuerten Nachschubversorgungssystemen. Der Begriff Logistik kann im Kontext der hier zu behandelnden Phänomene als der weitestgehende betrachtet werden. In der Literatur wird die Vielzahl der vorliegenden Definitionen oftmals in drei Gruppen zusammengefasst (Pfohl 2010, S. 12ff.). Der erste Definitionsansatz, dem hier gefolgt wird, kann als flussorientierte Definition bezeichnet werden.1 Er lautet in Anlehnung an Pfohl (2010, S. 12) wie folgt: „Zur Logistik gehören alle Tätigkeiten, durch die die raumzeitliche Gütertransformation und die damit zusammenhängenden Transformationen hinsichtlich der Gütermengen und -sorten, der Güterhandhabungseigenschaften sowie der logistischen Determiniertheit der Güter geplant, gesteuert, realisiert oder kontrolliert werden. Durch das Zusammenwirken dieser Tätigkeiten soll ein Güterfluss in Gang gesetzt werden, der einen Lieferpunkt mit einem Empfangspunkt möglichst effizient verbindet.“ In diesem Ansatz kommt das Streben nach Effizienz zum Ausdruck, was in der betriebswirtschaftlichen Logistikliteratur mit dem sog. „4 r“-Konzept charakterisiert wird (Pfohl 2010, S. 12): „Die Logistik hat dafür zu sorgen, dass ein Empfangspunkt gemäß seines 1 Vgl. zum Grundverständnis der Logistik auch Delfmann u.a. 2010. A. Gegenstand 589 Bedarfs von einem Lieferpunkt mit dem richtigen Produkt (in Menge und Sorte), im richtigen Zustand, zur richtigen Zeit, am richtigen Ort zu den dafür minimalen Kosten versorgt wird.“ Plowman (1964) erweitert diese Perspektive und spricht von den „seven rights“: Logistik heißt, die Verfügbarkeit des richtigen Gutes, in der richtigen Menge, im richtigen Zustand, am richtigen Ort, zur richtigen Zeit, für den richtigen Kunden, zu den richtigen Kosten zu sichern. Aus der hier im Vordergrund stehenden Perspektive wird der Begriff „Güter“ auf Waren im i.S.v. Endprodukten eingeengt, da dies für den Wertschöpfungsprozess des Handels typisch ist. Zur Steuerung der Güter- und Finanzflüsse stehen Planungs-, Koordinations- und Transaktionsinformationen im Vordergrund. Im Handel haben in diesem Zusammenhang die Warenwirtschaftssysteme als Basis der informatorischen Unterstützung eine herausragende Bedeutung. Allgemein besteht die Hauptaufgabe der Warenwirtschaftssysteme in der mengen- und wertmäßigen Steuerung des Warenflusses im Rahmen der Supply Chain von Handelsunternehmen. Abgrenzungen bzw. Definitionen von Warenwirtschaftssystemen fokussieren zumeist auf die inhaltlichen Bestandteile bzw. die Funktionen von Warenwirtschaftssystemen, wobei Warenwirtschaftssysteme allgemein als immaterielles Abbild der warenorientierten dispositiven, logistischen und abrechnungsbezogenen Prozesse – also als Abbild des physischen Warenflusses auf der informatorischen Seite – definiert werden. Dabei stehen Prozesse wie u.a. Dispositions-, Bestell-, Wareneingangs-, Lagerungs-, Warenausgangs-, Kassenabwicklungs-, Inventur- oder Berichtsprozesse im Vordergrund (Zentes 1985; 1988; Hertel 1999; Becker/Schütte 2004).1 III. Ströme und Partner in der Supply Chain 1. Relevante Ströme Die Steuerung der Ströme wie gleichermaßen der Einfluss auf die Partner in der Supply Chain hängen wesentlich von der Verteilung der Verfügungsrechte bzgl. der gehandelten Waren ab. Agiert ein Handelsunternehmen z.B. als Franchise-Nehmer oder als Agent (Handelsvermittler) in einem vertikalen Kontraktsystem, dann prägt dieses kontraktuelle Arrangement wesentlich die Waren-, Informations- und Finanzströme. Dies gilt gleichermaßen für einen (selbstständigen) Händler, der als Mitglied einer Einkaufsgenossenschaft die Ware vollständig über deren Zentrallager oder Warenverteilzentrum bezieht und im Rahmen einer Zentralregulierungsvereinbarung mit dieser Einkaufsgenossenschaft alle Zahlungen im Lastschriftverfahren abwickelt. Demgegenüber stehen Handelsunternehmen, die bspw. weltweit direkt bei Herstellern beschaffen und lieferantenspezifisch die korrespondierenden Logistik- und Finanzströme selbst gestalten. Als wesentliche Grundfunktion des Handels wird die Bedarfsanpassungsfunktion, insbesondere die raum- und zeitbezogene Überbrückungsfunktion, gesehen. Diese Grundfunktion wird durch die Initiierung von Warenströmen wahrgenommen. Charakteristisch für Warenströme in der Supply Chain ist dabei, dass ab der Herstellungsstufe die Ware weitestgehend unverändert durch die Versorgungskette geführt wird. Dabei wird die Gestal- 1 Vgl. zu den unterschiedlichen begrifflichen Abgrenzungen Hertel/Zentes/Schramm-Klein 2011, S. 12ff.

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References

Zusammenfassung

Modernes Handelsmanagement.

Zentes/Swoboda/Foscht, Handelsmanagement

3. Auflage. 2012.

ISBN 978-3-8006-4265-6

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