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II. Makro-Umfeld in:

Thomas Foscht, Bernhard Swoboda, Joachim Zentes

Handelsmanagement, page 57 - 87

3. Edition 2012, ISBN print: 978-3-8006-4265-6, ISBN online: 978-3-8006-4425-4, https://doi.org/10.15358/9783800644254_57

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

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D. Das Umfeld des Handels 13 Das infrastrukturelle Umfeld ist eng mit den technologischen Rahmenbedingungen verknüpft. Im Vordergrund stehen hier die Kommunikations- und Transportnetze. Neben dem generellen Unternehmensumfeld ist das spezifische Unternehmensumfeld bzw. das Mikro-Umfeld herauszustellen. Folgt man dem Porter’schen Modell (1980) der „Triebkräfte des Branchenwettbewerbs“, so sind dies die Wettbewerber bzw. der Wettbewerb in der Branche, die Lieferanten, die Abnehmer, potenzielle neue Konkurrenten und Substitutionen. Im Handel – dies gilt für den Einzelhandel und den Großhandel gleichermaßen (Zentes u.a. 2007) – spielt die Branche eine bedeutende Rolle (siehe Tabelle 1.4). So weisen die Elemente des Makro- wie des Mikro-Umfeldes branchenspezifisch, so im Food-Handel, im Near-Food- und im Non-Food-Handel, unterschiedliche Ausprägungen auf oder sie haben unterschiedliche Relevanz bzw. Auswirkungen. Dies wird im Folgenden dahingehend berücksichtigt, dass (fallweise) eine branchenspezifische Diskussion der Umfeldelemente erfolgt. Die Branche beeinflusst gleichermaßen die Ausgestaltung der Wettbewerbsstrategien. Das betrachtete Handelsunternehmen selbst wird hier nicht näher analysiert; seine Kompetenzen, Ressourcen u.Ä. werden im Zusammenhang mit den Wettbewerbsstrategien im Zweiten Kapitel behandelt. Tabelle 1.4: Umsatzanteile der verschiedenen Warenbereiche am gesamten Einzelhandelsumsatz in Deutschland 2009 vs. 2010 Warenbereich Umsatzanteil am Einzel-handelsumsatz 2009 Umsatzanteil am Einzelhandelsumsatz 2010 Nahrungs- und Genussmittel, Gesundheits- und Körperpflege 47,4% 47,7% Bekleidung, Schuhe, Lederwaren 11,0% 11,1% Technik 11,2% 11,3% Haushalts- und persönlicher Bedarf 11,0% 10,9% Baumarktspezifisches Sortiment 11,1% 11,0% Möbel, Haus- und Heimtextilien 8,3% 8,0% Quelle: GfK GeoMarketing GmbH. II. Makro-Umfeld 1. Politisch-rechtliches Umfeld a) Liberalisierung des Welthandels, regionale Integrations- und Sektoralabkommen Das nach dem Zweiten Weltkrieg von der Völkergemeinschaft formulierte Ziel, eine globale Reintegration der Weltwirtschaft zu erreichen, um die Vorteile internationaler Arbeitsteilung wieder zu nutzen, Vollbeschäftigung zu sichern und die Freiheit des internationalen Handels wiederherzustellen, führte zur Unterzeichnung des Allgemeinen Zollund Handelsabkommens (GATT, General Agreement on Tariffs and Trade) am 30. Oktober 1947 in Genf. Grundgedanke dabei war, einen gemeinsamen Verhaltenskodex zu schaffen, der die Grundlage der staatlichen Außenhandelspolitik bildet (vgl. hierzu umfassend Zentes/Swoboda/Morschett 2004, S. 108ff.). 14 Erstes Kapitel: Grundlagen, Abgrenzungen und Sichtweisen Durch multilaterale Verhandlungsrunden, sog. Zollrunden, wurden Zollsätze reduziert oder vollständig abgebaut, andere Handelsschranken und Diskriminierungen weit gehend beseitigt. Der Dienstleistungshandel wurde später in die multilateralen Regelungen aufgenommen (GATS, General Agreement on Trade in Services) wie auch der Schutz geistigen Eigentums garantiert (TRIPS, Agreement on Trade-Related Aspects of Intellectual Property Rights). DieWTO bildet heute den institutionellen Rahmen für das internationale Handelssystem. Diese Liberalisierungsfortschritte, die letztlich zu einer Öffnung der Märkte – auch für Direktinvestitionen im Ausland – führten (TRIMS, Agreement on Trade-Related Aspects of Investment Measures), dürfen jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass weiterhin Kernprobleme im internationalen Handel bestehen, so hinsichtlich der Agrarprodukte und immer wieder „auftauchende“ protektionistische Gesetze, Schutzund Verfahrensvorschriften i.S. nicht-tarifärer Handelshemmnisse („Neo-Merkantilismus“) (Sauernheimer 2004). Für den hier im Vordergrund stehenden Handel (i.S.v. Groß- und Einzelhandel) bedeuten diese Entwicklungen zunächst eine Ausweitung der potenziellen Beschaffungsmärkte (Global Sourcing) (Zentes/Hilt/Domma 2007a). Dies gilt sowohl hinsichtlich der Beschaffungsländer, aus denen Importe auf Grund reduzierter Zollsätze oder Kontingente attraktiver (wettbewerbsfähiger) werden, als auch bzgl. einzelner Produktbereiche, z.B. Textilien, bei denen größere Volumen importiert werden können, so nach Ablauf des „Agreement on Textiles and Clothing (ATC)“ am 31. Dezember 2004. Insofern vergrößert sich die Beschaffungsreichweite i.S. von Tietz (1993b, S. 194f.). Dies bedeutet auch ein Wachstumspotenzial für Groß- und Außenhandelsunternehmen (Zentes 2002; Zentes u.a. 2007). Die globalen Liberalisierungstendenzen fördern gleichermaßen die grenzüberschreitenden Absatz- bzw. Vertriebsaktivitäten der Handelsunternehmen (Absatzreichweite i.S. von Tietz (1993b, S. 192f.)), auf die im Zweiten Kapitel näher eingegangen wird. Parallel zur fortschreitenden Liberalisierung des Welthandels kommt es zur verstärkten Bildung regionaler „Wirtschaftsblöcke“ auf der Basis von Integrationsabkommen, eine Entwicklung, die oftmals auch kritisch als „Regionalismus“ eingestuft wird (Zentes/ Schramm-Klein/Morschett 2004 S. 10f.). Die weltweit am weitesten vorangeschrittene Integration zwischen selbstständigen Staaten ist die Europäische Union (EU). Europäische Union Die Europäische Union (EU), die seit der „zweiten Ost-Erweiterung“ am 01. Januar 2007 aus 27 Mitgliedstaaten besteht, verwirklichte – ausgehend von einer Zollunion – zum 01. Januar 1993 das Modell eines Binnenmarktesmit den Kernelementen freier Warenverkehr, freier Dienstleistungsverkehr, freier Kapitalverkehr und freier Personenverkehr. Im Jahre 2002 wurde die Europäische Währungsunion mit der Einführung einer gemeinsamen europäischen Währung (EURO) vollendet. Jedoch sind nicht alle Mitgliedsstaaten der EU Teilnehmerstaaten dieser Währungsunion; gegenwärtig (Juni 2011) gehören der Euro-Zone 17 Mitgliedsstaaten an. Parallel zu den Verhandlungen mit weiteren beitrittsinteressierten Staaten steht die EU in bilateralen Verhandlungen mit Staaten zum Abschluss sektoraler Abkommen als Vorstufe weiterer Integrationsschritte. Hervorzuheben sind die Sektoralabkommen der EU mit der Schweiz. D. Das Umfeld des Handels 15 Die fortgeschrittene politische und insbesondere wirtschaftliche Integration Europas hat weit reichende strategische und operative Konsequenzen für die Handelsunternehmen in den hier näher betrachteten Ländern, insbesondere in Deutschland und in Österreich. Dies gilt bzgl. der gesamten Wertschöpfungskette. So können die EU-Märkte sowohl beschaffungs- als auch absatzseitig als ein „Binnenmarkt“, 17 davon mit einheitlicher Währung, betrachtet werden. Gleichermaßen eröffnen sich neue Perspektiven für eine EU-weite Gestaltung der logistischen Prozesse und Strukturen, so die Errichtung von Regional- bzw. Zentrallägern, von denen aus eine grenzüberschreitende Distribution erfolgt u.v.m. Am Beispiel der Schweiz, einem Nicht-Mitgliedstaat, der jedoch von vier EU- Mitgliedstaaten geografisch „umzingelt“ ist, können wichtige handelsrelevante Gegebenheiten und Effekte aufgezeigt werden. So bestehen erhebliche Unterschiede zwischen den Endverbraucherpreisen in der EU und der Schweiz (siehe Abbildung 1.5), die zu Kaufkraftabflüssen führen (siehe Tabelle 1.5). Die verstärkte Ausschöpfung dieser Arbitragepotenziale durch die Verbraucher hat zugleich Preisreduzierungen in der Schweiz ausgelöst.1 Abbildung 1.5: Preisabstand zwischen der Schweiz und ihren Nachbarländern bei ausgewählten Konsumgütern im Jahre 2009 Quelle: in Anlehnung an BAK Basel 2010, S. 14. 1 Der Kaufkraftabfluss aus der Schweiz nach Deutschland, Frankreich, Italien und Österreich verstärkte sich im Sommer 2011 dramatisch auf Grund des „starken“ Schweizer Frankens in Relation zum Euro. 99,9 84,6 80,6 84,7 100 0 100 200 I F D A CH 56,8 61,7 64,0 64,9 100 0 100 200 I F D A CH 102,6 85,3 75,6 82,6 100 0 50 100 150 I F D A CH 84,1 86,3 95,0 96,7 100 0 100 200 I F D A CH Milch,Eier, Käse AlkoholfreieGetränke AlkoholischeGetränke Fleisch,Fleischwaren 16 Erstes Kapitel: Grundlagen, Abgrenzungen und Sichtweisen Tabelle 1.5: Direktimportwert und Kaufkraftabfluss aus der Schweiz von 1990 bis 2009 in Mrd. CHF Jahr Direktimportwert Kaufkraftabfluss 1990 > 0,3 > 0,6 1992 > 0,5 > 1,0 1994 > 0,7 > 1,5 1997 > 0,8 > 1,5 1999 > 0,9 > 1,6 2002 > 0,8 > 1,4 2003 > 1,1 > 1,7 2005 > 2,1 > 2,1 2009 kA > 1,8 Quelle: Coop 2009. NAFTA Das North American Free Trade Agreement (NAFTA) basiert auf einem bereits 1987 von den USA und Kanada geschlossenen Abkommen zur Bildung einer Freihandelszone zwischen diesen beiden Ländern. Die Gründung der NAFTA unter Einbeziehung Mexikos erfolgte 1992 in San Antonio/Texas. Nach den Ratifizierungen trat das Abkommen am 01. Januar 1994 in Kraft. Die NAFTA umfasst einen Wirtschaftsraum mit rd. 450 Mio. Einwohnern. Das Besondere an der NAFTA ist, dass es die erste Freihandelszone war, die Industrieländer mit einem Entwicklungsland verband. Insgesamt haben sich die teilweise übertriebenen Erwartungen nicht erfüllt (vgl. bereits Fuchs 2004, S. 215f.). MERCOSUR Der MERCOSUR wurde 1991 von Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay mit dem Ziel der Schaffung eines gemeinsamen Marktes des Südens (Mercado Común del Sur) gebildet. Zum 01. Januar 1995 wurde offiziell die Zollunion eingeführt. Dieser regionale Pakt, der ungefähr die Hälfte der Bevölkerung und der Wirtschaftsleistung Lateinamerikas umfasst, hat das Potenzial, „wirtschaftlich und politisch eine signifikante Rolle in der Welt zu spielen“ (Fuchs 2004, S. 216). Wenngleich der MERCOSUR als das am weitesten fortgeschrittene Integrationsprojekt zwischen sich entwickelnden Staaten eingestuft werden kann, ist sein Schicksal von Höhen und Tiefen gekennzeichnet (Fuchs 2004). Mit Blick auf die Zukunft stellt sich die Frage, ob NAFTA und MERCOSUR in eine gesamtamerikanische Freihandelszone (FTAA) münden oder ob sich der MERCOSUR zu einer gesamtlateinamerikanischen Freihandelszone ausweitet (vgl. bereits Fuchs 2004, S. 224ff.). ASEAN Die Association of South-East Asian Nations (ASEAN) ist ein Verband südostasiatischer Staaten (Indonesien, Malaysia, Philippinen, Singapur, Thailand, Brunei (seit 1984), Vietnam (seit 1995), Laos und Myanmar (seit 1997) sowie Kambodscha (seit 1999)); er existiert seit 1967. Ziel war zunächst die Schaffung einer „Zone des Friedens, der Freiheit und der Neutralität“, während die Förderung der wirtschaftspolitischen Zusammenarbeit bis weit in die 1980er Jahre hinein eher vernachlässigt wurde. Insofern war ASEAN durch eine primär politische Koordination und eine behutsame wirtschaftliche Kooperation gekennzeichnet. Im Jahre 1992 verabschiedete der ASEAN-Gipfel einen Gestaltungsrahmen zur Schaffung einer Freihandelszone, der ASEAN Free Trade Area (AFTA), die ursprünglich bis zum Jahre 2008 verwirklicht werden sollte. Auf dem Bangkok-Gipfel (1995) wurde eine beschleunigte Realisierung bis zum Jahre 2003 vereinbart (Stadtmann/Kaufmann/Weigand 2004). D. Das Umfeld des Handels 17 2002 wurde ein erstes Freihandelsabkommen zwischen China und den ASEAN-Staaten unterzeichnet. Bald darauf folgten erste Zollsenkungen zwischen den Mitgliedsstaaten. Am 01. Januar 2010 trat schließlich die Freihandelszone zwischen China und den zehn Mitgliedsstaaten der ASEAN in Kraft. Mit einer Bevölkerungszahl von ca. 1,9 Mrd. Einwohnern übertrifft die neue China-ASEAN-Freihandelszone sowohl die NAFTA als auch MERCOSUR bei weitem. Der Abschluss bzw. die Verwirklichung der skizzierten regionalen Integrationsabkommen hat nicht nur weit reichende Konsequenzen für die Handelsunternehmen in diesen Regionen, sondern auch für „außen stehende“ Unternehmen. Innerhalb dieser Regionen beinhalten diese politischen und wirtschaftlichen Integrationsschritte die gleichen strategischen und operativen Handlungspotenziale für Unternehmen wie sie im Zusammenhang mit der Europäischen Union erörtert wurden, so in der Beschaffung, im Vertrieb, in der Logistik. Für Unternehmen außerhalb dieser Regionen, so für EU-Unternehmen, sind sie gleichermaßen relevant. So erleichtern sie den Eintritt in diese Märkte, da von einem Land ausgehend („Brückenkopf“) grenzüberschreitende Aktivitäten wesentlich erleichtert werden bzw. durch gleichzeitiges Agieren in mehreren Ländern einer Region die „kritische Masse“ erzielt werden kann, um in den Bereichen Logistik, Produktion (z.B. Handelsmarken), Administration effizient zu arbeiten. Die aufgezeigten Liberalisierungs- und Integrationsschritte beinhalten auch in der Zukunft enorme Potenziale für Handelsunternehmen, sowohl auf der Beschaffungs- als auch auf der Absatzseite. Beispielhaft kann der indische Markt erwähnt werden, der bzgl. der Bevölkerungsentwicklung China langfristig überholen dürfte, ein Markt, der bisher für den Handel, so den Einzelhandel, weitestgehend abgeschottet war und sich nun schrittweise für ausländische Unternehmen öffnet. Indien will Investitionen in Multibrand-Einzelhandel erlauben Indien will den Multibrand-Einzelhandel für ausländische Investoren öffnen. Einem Bericht der indischen Tageszeitung The Economic Times zufolge, hat sich das indische Ministerium für Verbraucherangelegenheiten, Ministry of Consumer Affairs, in einem Brief an das indische Handelsministerium dafür ausgesprochen, ausländische Direktinvestitionen (FDI) von bis zu 49% im Multibrand-Einzelhandel zuzulassen. Bisher sind Investitionen im Multibrand-Einzelhandel in Indien generell verboten. Erlaubt sind Investitionen in Cash & Carry Wholesale (100%) und Investitionen zu 51% im Monomarken- Einzelhandel. Schätzungen einer Studie des Handelsministeriums von 2007 zufolge wird der Einzelhandelsmarkt bis Frühjahr 2012 jährlich um 13% wachsen. Zwischen 2007 und 2012 sollen die Einzelhandelserlöse von 322 Mrd. USD (253,3 Mrd. EUR) auf 590 Mrd. USD wachsen. Quelle: www.textilwirtschaft.de, 27. August 2010. b) Sektorale Deregulierung Ein weiteres handelsrelevantes Element des politisch-rechtlichen Rahmens stellt die sektorale Deregulierung dar (Zentes/Swoboda 2000a): Nicht nur Ländermärkte öffnen sich im Zuge der Liberalisierung, sondern auch bisher abgeschirmte bzw. regulierte Branchen. „Unter Deregulierung versteht man dabei die Aufhebung von einschränkenden Bestimmungen, um die Möglichkeit marktwirtschaftlichen Handelns zu erhöhen und durch mehr Wettbewerb zu höherer Produktivität beizutragen“ (Morschett 2002a, S. 126). Eine sektorale Deregulierung zeigt sich derzeit weltweit in vielen Branchen. In der EU wurde sie im Zusammenhang mit der Verwirklichung des Binnenmarktes ausgelöst. Sektoren, die dereguliert wurden bzw. gegenwärtig werden sind u.a. der Verkehrsmarkt, die Telekommunikation und die (leitungsgebundenen) Energien. Am Beispiel des Strom- 18 Erstes Kapitel: Grundlagen, Abgrenzungen und Sichtweisen marktes kann die Entstehung des Stromhandels illustriert werden: „Die alte Wertschöpfungskette wurde um den getrennten Handel und den Vertrieb/Service erweitert. Beide Wertschöpfungsstufen waren vorher integraler Bestandteil von Transport und Verteilung“ (Morschett 2002a, S. 130). Mit der Liberalisierung des europäischen Strommarktes gewinnt der Strom-Großhandel zunehmend an Bedeutung (Morschett 2002a, S. 131). c) Länderspezifische Aspekte der Binnenhandelspolitik i. Deutschland Trotz der zunehmenden politischen und wirtschaftlichen Integration innerhalb der EU behalten die Mitgliedstaaten – wie bereits erwähnt – teilweise Autonomie in (nationalen) binnenhandelspolitischen Fragen. Im Ergebnis führt dies zu unterschiedlichen Liberalitätsgraden, so hinsichtlich der Eröffnung neuer (Einzel-)Handelsstandorte, der Ladenöffnungszeiten, der Preis- und Konditionenpolitik sowie (abgeschwächt) der Konzentration und Kooperation. Nachfolgend werden die wichtigsten Regelungen exemplarisch verdeutlicht. Regelungen zur Konzentration und Kooperation Durch die neue EG-Kartellverordnung VO 1/2003 wurde der deutsche Gesetzgeber dazu veranlasst, das deutsche Recht dem EU-Recht hinsichtlich horizontaler und vertikaler Wettbewerbsbeschränkungen anzupassen. Im Zuge der 7. Novellierung des GWB (Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen), die am 01. Juli 2005 in Kraft trat, mit der eine noch weiter gehende Harmonisierung des deutschen Kartellrechts mit dem europäischen Wettbewerbsrecht einherging, wurden intensiv und kontrovers die Frage der zunehmenden Konzentration im Handel, insbesondere im Lebensmitteleinzelhandel, und etwaige gegensteuernde Maßnahmen diskutiert. Entstanden ist eine im Vergleich zum bisherigen Recht tief greifende Neuregelung, die einen Paradigmenwechsel für das nationale Recht darstellt. Wichtige Eckpunkte der Novellierung sind die Abschaffung des Anmelde- und Genehmigungssystems für freistellungsfähige Kartelle zu Gunsten des Prinzips der Legalausnahme, die Erweiterung der Befugnisse des Bundeskartellamtes sowie die Verschärfung der Sanktionen bei Kartellverstößen. Das System der Legalausnahme bedeutet eine automatische Freistellung von Vereinbarungen, wenn sie die einschlägigen gesetzlichen Voraussetzungen erfüllen; somit wird die bisherige Ex-ante-Regelung durch eine Ex-post- Kontrolle ersetzt (Schmidt 2005, S. 8). Statt einer Freistellung vom Kartellverbot durch eine behördlich erteilte Erlaubnis müssen Unternehmen nunmehr selbst (eigenverantwortlich) beurteilen, ob eine im Gesetz kodifizierte Ausnahme vom Verbot vorliegt (Wissmann 2006, S. 37). Mit der ersatzlosen Streichung der §§ 4-18 GWB sind auch die Regelungen der vertikalen Vereinbarungen entfallen. Das Kartellverbot wurde auch auf vertikale Wettbewerbsbeschränkungen ausgedehnt, womit das Gesetz nunmehr die Gleichbehandlung von horizontalen und vertikalen Wettbewerbsbeschränkungen vorsieht. Beide Formen unterliegen jetzt dem Verbot des neuen § 1 GWB (Ashurst 2005, S. 1): § 1 Verbot wettbewerbsbeschränkender Vereinbarungen Vereinbarungen zwischen Unternehmen, Beschlüsse von Unternehmensvereinigungen und aufeinander abgestimmte Verhaltensweisen, die eine Verhinderung, Einschränkung oder Verfälschung des Wettbewerbs bezwecken oder bewirken, sind verboten. D. Das Umfeld des Handels 19 Bislang waren die Tatbestände, wonach eine eigentlich unter das Kartellverbot fallende Vereinbarung freigestellt werden konnte, beispielhaft im Gesetz aufgezählt (Enumerativ- Prinzip). Nunmehr gilt, analog zum europäischen Recht, eine Generalklausel (§ 2 GWB), wonach eine Vereinbarung vom Kartellverbot freigestellt ist, wenn sie im Ergebnis wettbewerbsfördernd ist und den beteiligten Unternehmen keine unnötigen Beschränkungen auferlegt werden. Die Auslegung und Anwendung der Generalklausel wird dadurch erleichtert, dass die EG-Gruppenfreistellungsverordnungen (GVO) auf nationale Fälle entsprechend anwendbar sind; diese Gruppenfreistellungsverordnungen nehmen gewisse typisierte Vertragsmuster vom Kartellverbot aus und legalisieren somit summarisch eine Vielzahl gleicher Sachverhalte (Schulte 2005, S. 1502). Gruppenfreistellungsverordnungen gibt es u.a. für Liefervereinbarungen („Vertikal-GVO“), Forschungs- und Entwicklungsvereinbarungen („F&E-GVO“), Produktionsvereinbarungen („Spezialisierungs-GVO“) und Lizenzvereinbarungen („Technologietransfer-GVO“) (Novells 2005, S. 1). Die Inanspruchnahme der Vertikal-GVO setzt eine Begrenzung der Vertragslaufzeit auf fünf Jahre sowie einen Marktanteil des bindenden Lieferanten von maximal 30% am relevanten Markt voraus. Wenngleich Gruppenfreistellungsverordnungen durch das Prinzip der Legalausnahme an sich überflüssig wären, bleiben sie weiterhin bestehen, da sie die Rechtssicherheit für die beteiligten Unternehmen erhöhen. Nicht erlaubt ist die unbillige Behinderung von kleinen und mittleren Wettbewerbern durch Unternehmen mit überlegener Marktmacht.1 Dadurch sollen gezielte Verdrängungsstrategien verhindert werden: § 20 Abs. 4 GWB Verbot unbilliger Behinderung Unternehmen mit gegenüber kleinen und mittleren Wettbewerbern überlegener Marktmacht dürfen ihre Marktmacht nicht dazu ausnutzen, solche Wettbewerber unmittelbar oder mittelbar unbillig zu behindern. Eine unbillige Behinderung i.S. des Satzes 1 liegt insbesondere vor, wenn ein Unternehmen 1. Lebensmittel i.S. des § 2 Abs. 2 des Lebensmittel- und Futtermittelgesetzbuches unter Einstandspreis oder 2. andere Waren oder gewerbliche Leistungen nicht nur gelegentlich unter Einstandspreis oder 3. von kleinen oder mittleren Unternehmen, mit denen es auf dem nachgelagerten Markt beim Vertrieb von Waren oder gewerblichen Leistungen im Wettbewerb steht, für deren Lieferung einen höheren Preis fordert, als es selbst auf diesem Markt anbietet, es sei denn, dies ist jeweils sachlich gerechtfertigt. Das Anbieten von Lebensmitteln unter Einstandspreis ist sachlich gerechtfertigt, wenn es geeignet ist, den Verderb oder die drohende Unverkäuflichkeit der Waren beim Händler durch rechtzeitigen Verkauf zu verhindern sowie in vergleichbar schwerwiegenden Fällen. Werden Lebensmittel an gemeinnützige Einrichtungen zur Verwendung im Rahmen ihrer Aufgaben abgegeben, liegt keine unbillige Behinderung vor. Um die Wettbewerbsposition mittelständischer Unternehmen zu verbessern, bleiben Mittelstandskartelle weiter zulässig: 1 Diese Fassung des § 20 Abs. 4 GWB gilt bis 31. Dezember 2012. 20 Erstes Kapitel: Grundlagen, Abgrenzungen und Sichtweisen § 3 Abs. 1 GWB Mittelstandskartelle Vereinbarungen zwischen miteinander im Wettbewerb stehenden Unternehmen und Beschlüsse von Unternehmensvereinigungen, die die Rationalisierung wirtschaftlicher Vorgänge durch zwischenbetriebliche Zusammenarbeit zum Gegenstand haben, erfüllen die Voraussetzungen des § 2 Abs. 1, wenn 1. dadurch der Wettbewerb auf dem Markt nicht wesentlich beeinträchtigt wird 2. die Vereinbarung oder der Beschluss dazu dient, die Wettbewerbsfähigkeit kleiner oder mittlerer Unternehmen zu verbessern. Diese Ausnahme folgt den ordnungspolitischen und mittelstandspolitischen Empfehlungen einer Vorwärtsstrategie (Zentes/Hurth 1996): Gruppierungen kleiner und mittlerer Einzelhandelsunternehmen soll der Zugang zu den Instrumenten des Wettbewerbs eröffnet werden, der filialisierenden Unternehmen zur Verfügung steht. Regelungen zur Standortstruktur Die Frage der Standortstruktur des Einzelhandels wird meist im Spannungsfeld von „Erhaltung und Sicherung des Handelsstandortes Stadt“ und „Trend zum Standort Sekundäres Netz (Gewerbe-, Industrie-, Sondergebiete)“ diskutiert. So wird zu Recht angeführt, dass die Funktionsfähigkeit der Stadt – als gesellschaftlicher, kultureller und wirtschaftlicher Kristallisationspunkt des Lebens – maßgeblich vom Bestand eines attraktiven Handels und seiner verkehrlichen Erreichbarkeit bestimmt wird (vgl. bereits DIHT 1999, S. 8). Der Trend zum sog. Sekundären Netz (Tietz 1992b), der durch Konversionsflächen (z.B. Industrie-, Gewerbe-, Militärbrachen, meist an städtebaulich nicht-integrierten Standorten), die auf den Markt drängen, verstärkt werden dürfte (Zentes/Swoboda 1998a), wird aber auch wesentlich beeinflusst „durch eine oft einseitig am Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) orientierte städtische Verkehrspolitik und den vom Kunden/Bürger subjektiv empfundenen Mangel an Sicherheit in der Stadt“ (DIHT 1999, S. 5). Zudem wird der Trend begünstigt durch den Flächenbedarf im Rahmen der Notwendigkeit verschiedener Branchen, ihre Sortimentskompetenz deutlich zu erhöhen (Nattermann 2005, S. 5). Ein konsequenter Einsatz der Regelungen aus Raumordnung, Landesplanung und Bauleitplanung kann dazu beitragen, hier Kompromisslösungen zu finden (vgl. hierzu bereits Tietz 1993a, S. 718ff.). Von besonderer Bedeutung ist in diesem Zusammenhang die Baunutzungs-Verordnung (BauNVO); hinzuweisen ist insbesondere auf § 11 (Abs. 3) BauNVO. Regelung der Ladenöffnungszeiten Das in Deutschland geltende Ladenschlussgesetz wird seit Jahrzehnten heftig und kontrovers diskutiert (Tietz 1973b). Auch nach der Änderung über die Verlängerung der Ladenöffnung an Samstagen (15. Juli 2005) verstummte die Kritik nicht. Der Gesetzesstand sah vor, dass Verkaufsstellen für den geschäftlichen Verkehr mit Kunden werktags und samstags von 06.00 bis 20.00 Uhr geöffnet haben dürfen, also 84 maximal mögliche Wochenstunden; weiterhin waren vier verkaufsoffene Sonntage jährlich möglich. Im europäischen Vergleich lag Deutschland hiermit am unteren Ende der gesetzlich erlaubten Öffnungszeiten (KPMG 2005, S. 35f.). Das bislang geltende Ladenschlussgesetz schränkte den Handel in der Festlegung der für das jeweilige Unternehmen optimalen Ladenöffnungszeiten ein. Im Juni 2004 wurde die D. Das Umfeld des Handels 21 Klage von Galeria Kaufhof, dass das Ladenschlussgesetz gegen die Berufsausübungsfreiheit gemäß Artikel 12 GG verstoße, vom Bundesverfassungsgericht abgelehnt (o.V. 2004). Anders als für alle anderen Branchen und Wirtschaftszweige in Deutschland legte bislang der Bundesgesetzgeber für den Einzelhandel durch das Ladenschlussgesetz ein Zeitfenster fest, innerhalb dessen das Einzelhandelsunternehmen seine Disposition über die unternehmensspezifische Ladenöffnungszeit treffen kann. Das von 1956 stammende Gesetz berücksichtigt nur noch mangelhaft die veränderten Lebens- und Konsumgewohnheiten der Menschen in Deutschland. Dies zeigt sich auch darin, dass Dienstleistungsbranchen, die nicht an das Ladenschlussgesetz gebunden sind, aber einen dem Einzelhandel ähnlichen Charakter aufweisen (bspw. Videotheken, Tankstellen usw.) bzw. Verkaufsstätten, die auf Grund von Ausnahmeregelungen auch außerhalb der gesetzlichen Ladenöffnungszeiten ein eingeschränktes Warenangebot anbieten dürfen (Läden in Bahnhöfen, Flughäfen usw.), einen erheblichen Zulauf erfahren. Aus diesem Grund wurde Ende 2005 im Koalitionsvertrag zwischen SPD und CDU festgelegt, die Zuständigkeit für den Ladenschluss vom Bund auf die Bundesländer zu übertragen und so die Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten weiter voranzutreiben. Nach langwierigen Verhandlungen stimmte am 07. Juli 2006 auch der Bundesrat als letzte parlamentarische Hürde der Föderalismusreform zu, welche die Entflechtung der Zuständigkeiten von Bund und Ländern zudem für eine Reihe weiterer Themengebiete vorsieht. Nach Verabschiedung der Reform können die einzelnen Länder nunmehr selbst über die Ladenöffnungszeiten bestimmen. Gegenwärtig sehen zwölf Bundesländer die völlige Freigabe der Öffnungszeiten an Werktagen vor, während zwei weitere Länder (Sachsen und Rheinland-Pfalz) zumindest eine Lockerung vorgenommen haben; lediglich das Saarland und Bayern behalten den Status quo zunächst bei. Einer zu weit gehenden Liberalisierung der Öffnungszeiten besonders an Sonn- und Feiertagen ist (jedoch) das Bundesverfassungsgericht in seiner jüngsten Entscheidung entgegengetreten (BVerG, Urteil v. 1.12.2009 – 1 BVR 2857/07 und 1 BVR 2858/07). Neben der Ausgestaltung der Ladenschlusszeiten sollen die Länder künftig auch die damit verbundene Frage der Arbeitszeiten selbst regeln. In diesem Zusammenhang wird vor einer „Zersplitterung der Arbeitszeitgesetzgebung“ (Sigmund 2006, S. 4) gewarnt. Regelungen der Preise und Konditionen Regelungen der Preise und Konditionen betreffen einerseits die Transaktionen zwischen Unternehmen, so zwischen Industrie und Handel. Hierauf wurde im Zusammenhang mit den Regelungen zur Bekämpfung von Marktmacht bereits eingegangen. Im Folgenden stehen die Transaktionen zwischen Handelsunternehmen und Verbrauchern imMittelpunkt. Agieren Handelsunternehmen im juristischen Sinne als Eigenhändler, so besitzen sie grundsätzlich die „Preishoheit“. Die Preishoheit wird – wie bereits erwähnt – nach § 20 Abs. 4 GWB dahingehend eingeschränkt, dass Angebote unter Einstandspreis nicht zulässig sind. Eine weitere Einschränkung ist bei Verlagserzeugnissen gegeben, bei denen das Gesetz zur Sicherung der Buchpreisbindung vom 02. September 2002 (vertikale) Preisbindung für den Letztverkäufer zulässt. Auch Preise für Zeitungen und Zeitschriften können weiterhin gebunden werden; § 30 GWB normiert hierfür die Zulässigkeitsvoraussetzungen. Im Zuge der 7. GWB-Novelle wurde § 23, der unverbindliche Preisempfehlungen, die der Hersteller für die Weiterveräußerung seiner Markenware aussprechen konnte, aus dem Gesetz gestrichen. 22 Erstes Kapitel: Grundlagen, Abgrenzungen und Sichtweisen „Kartellamt durchleuchtet den Lebensmittelhandel – Einkaufsmacht der großen Ketten stößt auf Wettbewerbsbedenken“. Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15. Februar 2011, S. 9. Zum 24. August 2001 wurde das Rabattgesetz abgeschafft, das bis dahin die grundsätzliche Preishoheit der Eigenhändler einschränkte, in der Praxis jedoch oft umgangen wurde. Mit der Aufhebung wurde der preispolitische Handlungsspielraum – innerhalb der Grenzen des weiterhin gültigen UWG – maßgeblich erweitert (Zentes 2006, S. 16). Regelungen der Werbung und Verkaufsförderung Für Handelsunternehmen gelten – wie auch für Unternehmen anderer Sektoren – hinsichtlich Werbung und Verkaufsförderung im Wesentlichen die Bestimmungen des Gesetzes gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG). Von Bedeutung ist die Frage der vergleichenden Werbung. Die Änderungen, die zum 08. Juli 2004 in Kraft getreten sind, dienen der Umsetzung der EU-Richtlinien 97/55/EG über irreführende Werbung zwecks Einbeziehung der vergleichenden Werbung sowie der 2002/58/EG über die Verarbeitung personenbezogener Daten und den Schutz der Privatsphäre in der elektronischen Kommunikation. In Bezug auf vergleichende Werbung wurde hier das Regel-Ausnahme-Verhältnis umgekehrt, sodass nunmehr vergleichende Werbung grundsätzlich zulässig und nur ausnahmsweise unzulässig ist (Götting 2005, S. 81). Ebenso wie das Rabattgesetz wurde zum 24. August 2001 auch die Zugabeverordnung abgeschafft, die seit den 1930er Jahren das UWG als klassisches „Nebengesetz“ ergänzte und bis dahin Werbung und Verkaufsförderung, so etwa die Ausgestaltung von Kundenbindungsprogrammen vorrangig von Handels- und (sonstigen) Dienstleistungsunternehmen, einengte. Nunmehr liegt es im Ermessen des einzelnen Händlers, ob und wann Preisreduzierungen auf das Sortiment vorgenommen werden; insbesondere Schlussverkäufe sind ganzjährig zulässig und nicht mehr auf bestimmte Sortimente beschränkt, müssen aber – nach dem Verbot der Irreführung – auf einen überschaubaren Zeitraum begrenzt sein. „Dauer-Schlussverkäufe“ darf es auch nach neuem Recht nicht geben. Somit sind auch in Deutschland – mit einiger Verspätung – eine Reihe von Liberalisierungsbestrebungen durchgesetzt worden. Als Folge des Wegfalls von Rabattgesetz und Zugabeverordnung entwickelten sich Rabatte zum bevorzugten Marketinginstrument des deutschen Einzelhandels und es kam zu regelrechten „Rabattschlachten“ (Wenzel 2006, S. 63). Dennoch sind der Gewährung von Nachlässen und Zugaben durch das UWG Grenzen gesetzt: So sind etwa Rabatte untersagt, die auf Basis sog. „Mondpreise“ gewährt werden, ebenso wie unverhältnismäßig wertvolle Zugaben, da sie den Kunden irreführen. Erheblich vergrößert wurde der Handlungsspielraum bzgl. der Einsatzmöglichkeit von neuen Formen der Kundenbindung, so etwa Loyalitätsprogramme (Zentes 2006, S. 16). Ein weiterer Grund für die Aufhebung des Rabattgesetzes ist die Modernisierung des deutschen Wettbewerbsrechts, da sich seit dem Erlass des Rabattgesetzes vom 25. November 1933 und der Zugabeverordnung vom 09. März 1932 die Markt- und Wettbewerbsverhältnisse in Deutschland weit gehend verändert haben, insbesondere auch das Verbraucherleitbild. Das der Zugabeverordnung und dem Rabattgesetz ursprünglich zu Grunde liegende Leitbild des Verbrauchers war dasjenige eines uninteressierten, leicht zu täuschenden und damit schutzbedürftigen Verbrauchers. Dieser Verbraucherbegriff ist sowohl in der Praxis als auch in der Rechtsprechung überholt; nicht der flüchtig wahrnehmende Verbraucher ohne zumindest allgemeines Vorwissen ist mehr das Kriterium für die Beurteilung einer Irreführungseignung, sondern „ein durchschnittlich informierter, D. Das Umfeld des Handels 23 aufmerksamer und verständiger Verbraucher“ (Bundesgerichtshof 2005), der mit den Marktgegebenheiten vertraut ist und das Werbeverhalten mit situationsadäquater Aufmerksamkeit verfolgt (Götting 2005, S. 127f.). ii. Österreich Die wettbewerbsrechtlichen Regelungen Österreichs entsprechen strukturell weit gehend den deutschen Regelungen. So soll das Kartellgesetz (KartG) die Freiheit des Wettbewerbs schützen, während das UWG die Bekämpfung unlauterer Wettbewerbshandlungen regelt. Wesentlich liberaler waren in Österreich im Vergleich zu Deutschland lange Zeit die Regelungen der Preise und Konditionen. Das Rabattgesetz in Österreich wurde bereits 1992 durch dasWettbewerbs-Deregulierungsgesetz aufgehoben. Regelungen zur Konzentration und Kooperation Ausgangspunkt der Kartellgesetzgebung ist das Bestreben des Staates, Vereinbarungen zwischen konkurrierenden Unternehmen zu unterbinden, durch die diese an die Stelle des ansonsten zwischen ihnen bestehenden Wettbewerbs ein einheitliches Vorgehen setzen, um dadurch wirtschaftliche Macht zu bilden und diese zum Schaden ihrer Abnehmer zu nutzen. Das Kartellgesetz 2005 ist am 01. Januar 2006 in Kraft getreten und sieht im Vergleich zum Kartellgesetz 1988 einige Neuregelungen vor: Das Kartellverbot wird auf einseitige Wettbewerbsbeschränkungen ausgedehnt, um einen Rückschritt gegenüber der geltenden Rechtsgrundlage zu vermeiden. Durch eine Verfassungsbestimmung soll die Anwendung des Kartellgesetzes auch auf diejenigen Sachverhalte ausgedehnt werden, die bisher wegen der Zuständigkeit der Länder davon ausgenommen waren. Die Regelung über unverbindliche Verbandsempfehlungen werden nicht übernommen. Das Kartellregister wird nicht weitergeführt. Die Regelung über die Untersagung unverbindlicher Preisempfehlungen (sog. Mondpreisverordnungen) hat keinerlei praktische Bedeutung mehr und wird vom Kartellgesetz 2005 nicht übernommen. Regelungen zur Standortstruktur Die derzeitigen im Bereich des gewerblichen Betriebsanlagenrechts der Gewerbeordnung 1994 normierten Regelungen betreffend Einkaufszentren sind das Ergebnis eines mehrjährigen Entwicklungsprozesses. 1997 wurden – nicht zuletzt auch zur Verwirklichung des Zieles der Verwaltungsvereinfachung – u.a. Bestimmungen über die Genehmigung von Einkaufszentren bei gleichzeitiger Setzung von Maßnahmen zur Sicherung der Nahversorgung in die Gewerbeordnung 1994 aufgenommen. Als Grund für diese Regelungen wurden die in den vergangenen Jahren erfolgten einschneidenden Strukturveränderungen im Bereich des Handels gesehen, die zur Erosion und Destabilisierung von nahen Versorgungsstrukturen und zu einer ernsthaften Bedrohung für die Nahversorger geführt haben. Die abnehmende Zahl von Lebensmitteleinzelhandelsläden (sog. „Greißlersterben“) einerseits, der eine starke Expansion des Verkaufsflächenangebotes sowie eine hohe räumliche Angebotskumulation und eine hohe ökonomische Konzentration andererseits gegenüberstehen, sind Entwicklungen und Merkmale dieser sich ändernden Handelsstruktur. Folgen sind u.a. die Verödung und Entleerung von Stadt- und Ortskernzonen und Einkaufsstraßen sowie das Fehlen eines wünschenswerten „Branchenmixes“. 24 Erstes Kapitel: Grundlagen, Abgrenzungen und Sichtweisen Eine Neuregelung des Bereiches „Schutz der Nahversorgung“ erfolgte im Jahre 2000, wobei diese für Anlagen für Betriebe des Handels sowie ausschließlich oder überwiegend für Handelsbetriebe vorgesehene Gesamtanlagen (Einkaufszentren), die überwiegend dem Handel mit Konsumgütern des kurzfristigen und des täglichen Bedarfs dienen (Nahversorgung im engeren Sinn) und eine Gesamtverkaufsfläche von mehr als 800 qm aufweisen, gilt. Solche Betriebsanlagen dürfen für einen Standort nur genehmigt werden, wenn das Projekt keine Gefährdung der Nahversorgung der Bevölkerung des kurzfristigen und des täglichen Bedarfs im Einzugsgebiet erwarten lässt. Bei Gesamtanlagen (Einkaufszentren) muss zusätzlich der Standort für eine derartige Gesamtanlage gewidmet sein, wobei sich diese Widmung aus den raumordnungsrechtlichen Regelungen der Länder ergibt. Konsumgüter des kurzfristigen und des täglichen Bedarfs sind in der Einkaufszentren- Warenliste-Verordnung (Rechtsgrundlage § 77 Abs. 8 letzter Satz GewO 1994) taxativ aufgezählt. So sind dies bspw. diverse Lebensmittel oder Drogeriefachmarktartikel sowie Textilien, wie insbesondere Bekleidung, soweit sie nach Art und Preis Verbrauchsgütercharakter haben. Nicht unter die EKZ-Regelungen fallen bspw. Baumärkte, Gartencenter und Kraftfahrzeughändler. Regelungen der Ladenöffnungszeiten Die Öffnungszeiten sind in Österreich hauptsächlich im Öffnungszeitengesetz 2003 geregelt. Die Änderungen im Zuge der letzten Novelle hatten im Wesentlichen folgende Ziele zum Inhalt: Stärkung des Wirtschaftsstandortes Österreich, Schaffung von Arbeitsplätzen, Hintanhaltung von Kaufkraftabflüssen ins Ausland, Steigerung der Attraktivität Österreichs als Tourismusland, Schaffung konsumentenfreundlicher Regelungen, Schaffung flexibler Einsatzmöglichkeiten für Arbeiternehmer im Handel am Samstagnachmittag, Schaffung einer konsumentenfreundlichen Regelung für bestimmte Dienstleistungsbetriebe am Samstagnachmittag. So werden in der Regierungsvorlage zur Änderung des Öffnungszeitengesetzes von 1997 die folgenden Probleme genannt: „Die derzeit geltenden Ladenöffnungszeiten entsprechen z.T. nicht den wirtschaftlichen Erfordernissen. Im Vergleich zum europäischen Ausland sind die Offenhaltezeiten in Österreich noch immer äußerst restriktiv. Dadurch werden die unternehmerischen Dispositionsmöglichkeiten eingeschränkt, den Konsumenten nicht die entsprechenden Einkaufsmöglichkeiten und den Arbeitnehmern nicht die entsprechenden Beschäftigungsmöglichkeiten geboten.“ Im Kern gilt im Öffnungszeitengesetz 2003 die folgende Regelung: Montag bis Freitag: allgemein von 6 Uhr bis 21 Uhr Samstags: allgemein von 6 Uhr bis 18 Uhr D. Das Umfeld des Handels 25 wöchentlicher Öffnungsrahmen: Die Geschäfte dürfen innerhalb der Öffnungszeiten von Montag 6 Uhr bis Samstag 18 Uhr maximal 72 Stunden innerhalb einer Kalenderwoche offengehalten werden. Sonderregelungen, die eine weiter gehende Öffnung ermöglichen, gelten in Bezug auf die Verordnungsermächtigung der Landeshauptleute. Diese können, unter Berücksichtigung der Einkaufsbedürfnisse der Bevölkerung und der Touristen sowie besonderer regionaler und örtlicher Gegebenheiten, eine wöchentliche Gesamtoffenhaltezeit bis zum Ausmaß von 72 Stunden durch Verordnung festlegen. Regelungen der Preise und Konditionen, der Werbung und Verkaufsförderung Wie bereits erwähnt, existiert in Österreich seit 1992 kein Rabattgesetz mehr, sodass diesbezüglich Handelsunternehmen ein breites Aktivitätenspektrum offensteht. 2007 erfolgte eine UWG-Novelle, um den Verbraucherschutz auf europäischer Ebene zu harmonisieren. Zugaben werden nach § 9a UWG (letzte Novelle 2007) geregelt. § 9a UWG ersetzt das bisherige ZugabenG, das durch das WettbewerbsderegulierungsG 1992 aufgehoben wurde. Danach gilt ein differenziertes Zugabeverbot, d.h. ein Zugabeverbot, das zwischen Verbrauchern und Unternehmern unterscheidet. Grundsätzlich sind Zugabenankündigungen an Verbraucher laut EuGH nicht mehr generell verboten, da § 9a UWG mit den Richtlinien über unlautere Geschäftspraktiken als unvereinbar angesehen wird. Zugaben sind nur dann unzulässig, wenn sie irreführend sind oder eine aggressive oder unlautere Geschäftspraktik darstellen. Bezüglich der vergleichenden Werbung gilt in Österreich seit der UWG-Novelle 2007 eine liberale Lösung. So wird der reine Vergleich in § 2a Abs. 1 UWG ausdrücklich für zulässig erklärt: „Vergleichende Werbung, die weder gegen Abs. 1 noch gegen die §§ 1a, 2, 7 und 9 Abs. 1 bis 3 verstößt, ist zulässig.“ „Der Vergleich muss demnach wahr, sachlich und informativ sein und darf weder zur Irreführung geeignet, noch durch Pauschalabwertung, unnötige Bloßstellung oder aggressive Tendenzen das Gebot der Sachlichkeit verletzen; unvollständige Angaben verstoßen gegen § 2 UWG, wenn durch Verschweigen wesentlicher Umstände bei den Umworbenen ein falscher Gesamteindruck hervorgerufen wird, sodass die Unvollständigkeit geeignet ist, das Publikum in für den Kaufentschluss erheblicher Weise irrezuführen.“ iii. Schweiz Der Schweizer (Detail-)Handel agiert in einem grundsätzlich ähnlichen rechtlichen Umfeld wie Handelsunternehmen in Österreich und Deutschland. Als Nicht-EU-Land kennt die Schweiz aber auch Regelungen, die nicht deckungsgleich sind mit EU-Positionen. Regelungen zur Konzentration und Kooperation Grundlage des Kartellrechts ist das Schweizer Bundesgesetz über Kartelle und andere Wettbewerbsbeschränkungen vom 06. Oktober 1995 (KartG) in der Fassung vom 20. Juni 2003 in Verbindung mit der Verordnung über die Kontrolle von Unternehmenszusammenschlüssen vom 17. Juni 1996 sowie der Verordnung über die Sanktionen bei unzulässigen Wettbewerbsbeschränkungen vom 12. März 2004. Es bezweckt, volkswirtschaftlich oder sozial schädliche Auswirkungen von Kartellen und anderen Wettbewerbsbeschränkungen zu verhindern und damit den Wettbewerb im Interesse einer freiheitlichen markt- 26 Erstes Kapitel: Grundlagen, Abgrenzungen und Sichtweisen wirtschaftlichen Ordnung zu fördern. Die am 20. Juni 2003 verabschiedete Revision des Kartellgesetzes sowie die Verordnung über die Sanktionen sind am 01. April 2004 in Kraft getreten. So gelten Kartelle auf Grundlage der im Art. 31 Bundesverfassung garantierten Vertragsfreiheit nicht grundsätzlich als schädlich, jedoch hat der Gesetzgeber eine „Einengung der Kartellspielräume“ vorgenommen, so insbesondere bzgl. der unzulässigen Wettbewerbsabreden sowie dem Verhalten marktbeherrschender Unternehmen. In den konkreten Anwendungsbereich des Gesetzes fallen dabei Unternehmen des privaten und des öffentlichen Rechts, die Kartell- oder andere Wettbewerbsabreden treffen, Marktmacht ausüben oder sich an anderen Unternehmenszusammenschlüssen (sog. „Fusionskontrolle“) beteiligen (bfai 2005a). In der unternehmerischen Praxis hat die Revision des Gesetzes eine Verschärfung der Kartellrechtspraxis bewirkt. So wurden die bereits vorher beinhalteten horizontalen Wettbewerbsabreden um eine Kategorie von kartellrechtlich relevanten Abreden erweitert, den sog. „vertikalen Wettbewerbsabreden“. Diese vertikalen Wettbewerbsabreden sind insbesondere dann unzulässig, wenn sie dem Händler Mindest- oder Festpreise vorschreiben (Preisbindungen zweiter Hand) oder in Vertriebsverträgen Gebiete zuweisen und Verkäufe in diese durch gebietsfremde Vertriebspartner ausgeschlossen werden (sog. „absoluter Gebietsschutz“). Mit letzterem wird u.a. auch bewirkt, dass Parallelimporte von Gütern aus dem Ausland der kartellrechtlichen Beurteilung unterliegen und gegen die Abschottung des Schweizer Marktes vom Ausland vorgegangen werden kann. Maßgeblich für die Beurteilung ist die Bekanntmachung über die wettbewerbsrechtliche Behandlung vertikaler Abreden der Wettbewerbskommission (Weko) aus dem Jahre 2002, die neben den mittlerweile ins Gesetz aufgenommenen Abreden folgende vier Abreden als erheblich erachtet: Beschränkungen des Verkaufs an Endverbraucher innerhalb eines selektiven Vertriebssystems, Beschränkungen von Querlieferungen innerhalb eines selektiven Vertriebssystems, Beschränkungen, die den Lieferanten hindern, Bestand- bzw. Ersatzteile an andere als den an der Abrede beteiligten Händler zu liefern, Wettbewerbsverbote, die für eine Dauer von mehr als fünf Jahren oder für mehr als ein Jahr nach Beendigung der vertikalen Abrede vereinbart werden. Erhebliche Wettbewerbsabreden können indessen aus Gründen der Effizienz gerechtfertigt – und damit zulässig – sein. So gelten Abreden, die notwendig sind, um die Herstellungs- oder Vertriebskosten zu senken, Produkte oder Produktionsverfahren zu verbessern, die Forschung zu fördern oder um Ressourcen rationeller zu nutzen, entsprechend als zulässig. Eine grundlegende Voraussetzung ist aber, dass solche Abreden den beteiligten Unternehmen in keinem Fall die Möglichkeit geben, den wirksamen Wettbewerb zu verhindern bzw. zu beseitigen. Derzeit (Juni 2011) findet sich eine Gesetzesrevision in Bearbeitung. Die Wettbewerbskommission will, dass die Beurteilung vertikaler Abreden differenzierter erfolgt, nämlich durch eine Einzelfeldanalyse, die wettbewerbshindernde und –fördernde Wirkungen gegenüberstellt und auch gesamtwirtschaftliche Effizienzgewinne auf Grund einer besseren Koordination der Handelsstufen berücksichtigt. Im Bereich der zweiten grundlegenden Säule des Kartellgesetzes, dem Schutz vor dem Missbrauch einer marktbeherrschenden Stellung, ist des Weiteren der Begriff der „Marktbeherrschung“ mit der Revision hinsichtlich der Nachfragemacht weiter präzisiert worden. Als marktbeherrschend wird nun bezeichnet, wer auf einem Markt als Anbieter oder D. Das Umfeld des Handels 27 Nachfrager in der Lage ist, sich von den anderen Teilnehmern im Markt (Mitwettbewerbern, Anbietern oder Nachfragern) in wesentlichem Umfang unabhängig zu verhalten. Ist ein Unternehmen marktbeherrschend, so darf dessen Tätigkeit andere Unternehmen nicht in der Aufnahme oder Ausübung des Wettbewerbs behindern oder aber die Marktgegenseite benachteiligen (Grüninger/Hunziker/Roth 2006). Auch wurde im Rahmen der Revision das Sanktionssystem verschärft, sodass Unternehmen nun bei gewissen Verstö- ßen gegen das Kartellrecht direkt sanktioniert werden können. Regelungen zur Standortstruktur In der Schweiz besteht im Raumplanungs- und Baubereich eine im Grundsatz hohe Reglementierungsdichte, da neben (unterschiedlichen) kantonalen Regelungen zahlreiche Bauregelungen auf Gemeindebasis existieren. Dabei wirkt neben den oftmals langwierigen administrativen Verfahren auch die Mitwirkungskompetenz der Stimmbürger in bestimmten Fragen als tendenziell eher hemmend (vgl. bereits Tietz 1994a, S. 57). Im Wesentlichen gelten die Bestimmungen des Raumplanungsgesetzes (RPG, Bundesgesetz über die Raumplanung) vom 22. Juni 1979, dessen Revisionen darauf abzielen, Baubewilligungsverfahren zu vereinfachen und zu beschleunigen. Strukturelle Veränderungen des Lebensmittel-Detailhandels in der Schweiz Betrachtet man die strukturellen Veränderungen im Lebensmittel-Detailhandel (ohne Food- Fachhandel), so zeigen sich folgende Entwicklungen im Vergleich der Jahre 2000 zu 2009: Die Anzahl der Verkaufsstellen ging um 24% zurück. Dieser Trend in Richtung weniger Einkaufsstellen zeigt sich noch drastischer in der Langfristanalyse: Kamen im Jahre 1970 noch rd. sieben Verkaufsstellen auf 1.000 Haushalte, so sind es heute nur noch 1,3 Verkaufsstellen. Die Verkaufsfläche und die Umsätze sind im Vergleich zwischen 2000 und 2009 dagegen um 6,6% bzw. 13,1% gestiegen. Diese Tendenz in Richtung größerer Einheiten wird auch in der Zukunft erwartet. Damit ist der Umsatz pro Verkaufsstelle im betrachteten Zeitraum um 6,1% gestiegen. Abbildung 1.6: Vergleich des Lebensmittel-Detailhandels (ohne Food-Fachhandel) im Jahre 2000 und im Jahre 2009 (Veränderung in %) Quelle: GfK Switzerland 2010. 6,1 6,6 13,1 -24 -30 -25 -20 -15 -10 -5 0 5 10 15 20 Verkaufsstellen Umsätze Verkaufsfläche Umsatzpro Verkaufsfläche 28 Erstes Kapitel: Grundlagen, Abgrenzungen und Sichtweisen Eher schwierig einzuschätzen auf gesamtschweizerischer Ebene sind die künftige Handhabung und Entwicklung des Baurechts, da hier stark divergierende gesellschaftliche und politische Entwicklungen festzustellen sind. So lösten bspw. neuartige Freizeit- und Einkaufszentren, die in Richtung „Erlebnis-Shopping“ zielen, aber auch der Eintritt der deutschen Discounter Aldi und Lidl große politische Kontroversen und Aktivitäten aus. Auf Grund der verstärkt zur Verfügung stehenden Flächen durch Konversion von Post-, Gewerbe- und Industriearealen, z.T. auch innerstädtischen „Bank-Brachen“, wird von einer gleichbleibenden Verfügbarkeit von Handelsflächen – auch für eher großflächige Handelsformen – ausgegangen. Insofern sind auch Expansionsstrategien durch Filialisierung in Form von Neueröffnungen durchaus realistisch, wenngleich angemerkt werden muss, dass sich durch den Markteintritt von Aldi und Lidl ein „Kampf um Flächen“ ergeben hat. Interessant bleibt in diesem Kontext die Frage, wie sich die am Markt operierenden Handelsunternehmen hinsichtlich der Standortfrage auf die zunehmende Alterung der Bevölkerung einstellen und bei der Expansion diese wachsende Zielgruppe berücksichtigen (Bosshart/Staib 2005). Im Januar 2011 wurde von verschiedenen Staatsebenen gemeinsam ein „Raumkonzept Schweiz“ vorgestellt, wozu derzeit die Öffentlichkeit konsultiert wird. Regelungen der Ladenöffnungszeiten Die Ladenöffnungszeiten sind in der Schweiz nicht einheitlich geregelt. So sind die Kantone grundsätzlich frei, unter Beachtung der Handels- und Gewerbefreiheit, den Ladenschluss selber zu ordnen. Grundsätzlich sind die Regelungen in der Romandie restriktiver als in deutsch-sprachigen Kantonen. Oftmals wird den jeweiligen Gemeinden die Kompetenz übertragen, sodass die Regelungen sogar innerhalb eines Kantons stark divergierend sein können (Baur/Ott 2005, S. 48). Hinsichtlich der Ladenöffnungszeiten ist auch zukünftig u.a. auf Grund der unterschiedlichen Regelungen sowohl in den Kantonen als auch in den Gemeinden und der damit verbundenen Komplexität, der Interventionen der Gewerkschaften und der hohen Anzahl an Ausnahmeregelungen, die geografischen und anderen Besonderheiten Rechnung tragen, mit einer sich im Grundsatz nur langsam vollziehenden Liberalisierung zu rechnen. Dies sei an einem Beispiel verdeutlicht. So ist in diesem Kontext als Folge des geltenden Rechts bzw. der äußerst restriktiven Rechtspraxis des Schweizer Bundesgerichts in der Weisung des Staatssekretariats für Wirtschaft (SECO) vom 18. März 2004 zur Regelung der Bewilligungsvoraussetzungen für Sonntagsarbeit in der Adventszeit an die Kantone bspw. festgehalten, dass die Beschäftigung von Personal an höchstens zwei Sonntagen stattfinden kann. Dies ist allerdings nur bewilligungsfähig, sofern die gesuchstellenden Verkaufsstellen örtlich in einem engen Zusammenhang mit einem Weihnachtsmarkt stehen, bereits seit längerer Zeit – mindestens jedoch seit zehn Jahren – Sonntagsverkäufe durchführen oder wenn im konkreten Fall eine starke ausländische Konkurrenz vorliegt. Die schwach ausgeprägte Tendenz der Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten steht hierbei im Gegensatz zu einer Wandlung der Konsumgewohnheiten, hin zu einer Zunahme der Einkäufe im umliegenden Ausland, und zum zunehmenden Bestreben des Detailhandels, auf die sich wandelnden Konsumgewohnheiten einzugehen. Eine Ausnahme betrifft hierbei die Regelung nach Art. 39 Abs. 2 Eisenbahngesetz (EBG), die vorsieht, dass auf von Bahnunternehmungen als Nebenbetriebe definierte Betriebe, die Vorschriften von Kantonen und Gemeinden über die Öffnungs- und Schließungszeiten keine Anwendung finden. D. Das Umfeld des Handels 29 Regelungen der Preise und Konditionen, der Werbung und Verkaufsförderung Im Gegensatz zu den vergleichsweise restriktiven Ladenöffnungszeitenregelungen besteht in der Schweiz im „operativen Wettbewerbsrecht“ ein außerordentlich hohes Liberalitätsniveau, von dessen Fortbestand auch in der Zukunft im Grundsatz ausgegangen werden kann. So verfügen Schweizer (Handels-)Unternehmen über ein breites Spektrum an Instrumenten des Marketing, so bzgl. der Preise, Rabatte, Sonderangebote und Werbung. „Den lauteren und unverfälschten Wettbewerb im Interesse aller Beteiligten zu gewährleisten“ (Art. 1 UWG) bezweckt das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG). Unlauter und widerrechtlich ist jedes täuschende oder in anderer Weise gegen den Grundsatz von Treu und Glauben verstoßende Verhalten oder Geschäftsgebaren, welches das Verhältnis zwischen Mitbewerbern oder zwischen Anbietern und Abnehmern beeinflusst (Generalklausel) (bfai 2005b). Die Revision des UWG, die am 19. Dezember 1986 verabschiedet wurde (in Kraft getreten am 01. März 1988), führte zu neuen bzw. veränderten Bestimmungen über unlautere Werbe- und Verkaufsmethoden und anderes widerrechtliches Verhalten, bzgl. der Verleitung zu Vertragsverletzung oder -auflösung, über aktive und passive Bestechung, über die Verwertung fremder Leistung, über die Nichteinhaltung von Arbeitsbedingungen sowie über die Verwendung missbräuchlicher Geschäftsbedingungen. Der preispolitische Spielraum wird dabei durch die „Lockvogelregelung“ (Art. 3 Ziffer f.) eingeschränkt. Diese findet dann Anwendung, wenn ausgewählte Waren, Werke oder Leistungen wiederholt unter Einstandspreisen angeboten werden, diese Angebote in der Werbung besonders hervorgehoben werden und somit die Kunden über die Leistungsfähigkeit der Mitbewerber getäuscht werden. Täuschung wird in diesem Kontext dann vermutet, wenn der Verkaufspreis unter dem Einstandspreis vergleichbarer Bezüge gleichartiger Waren, Werke oder Leistungen liegt. 2. Sozio-ökonomisches Umfeld a) Überblick Ausgangspunkt der Analyse sind das verfügbare Einkommen und der private Verbrauch in den hier näher betrachteten Ländern. Diese Faktoren charakterisieren die Gesamtnachfrage der Konsumenten nach Waren und Dienstleistungen bzw. das Marktvolumen. Die Entwicklung dieser Größen und damit der Gesamtnachfrage wie auch der Nachfrage in den einzelnen Warenbereichen wird durch eine Vielzahl von Faktoren beeinflusst. Als wesentliche Determinante werden die demografischen Gegebenheiten betrachtet, so die Bevölkerungsentwicklung, die Verschiebung der Alters- und der Haushaltsstruktur. Darüber hinaus wird die handelsrelevante sozio-ökonomische Entwicklung wesentlich durch das Ausmaß der Arbeitslosigkeit und die Mobilitätsentwicklung geprägt. b)Länderspezifische Ausprägungen i. Deutschland Die Entwicklung des verfügbaren Einkommens und des privaten Verbrauchs in Deutschland verdeutlicht Abbildung 1.7. So ist nach dem krisenbedingten Einbruch im Jahre 2009 mit einem weiteren Wachstum zu rechnen. 30 Erstes Kapitel: Grundlagen, Abgrenzungen und Sichtweisen Abbildung 1.7: Entwicklung des verfügbaren Einkommens und des privaten Verbrauchs in Deutschland Quelle: Eurostat 2011; Statistisches Bundesamt 2011; DIW 2011. Die langfristige Entwicklung dieser zentralen Größen und damit der Gesamtnachfrage bzw. der handelsrelevanten Kaufkraft wird wesentlich durch die Bevölkerungsentwicklung geprägt. So ist in den nächsten Jahrzehnten von einem dramatischen Bevölkerungsrückgang von 81,8 Mio. im Jahre 2009 auf rd. 70,1 Mio. im Jahre 2060 (Variante „mittlere“ Bevölkerung, Obergrenze des Statistischen Bundesamtes) auszugehen, der die Attraktivität des deutschen Marktes aus Handelssicht wesentlich einschränkt. Zugleich ist eine fundamentale Verschiebung der Altersstruktur zu erwarten. So wird nach den Modellrechnungen zur Bevölkerungsentwicklung des Statistischen Bundesamtes der Anteil der Senioren (ab 60 Jahre) von 25,6% im Jahre 2008 über 37,3% im Jahre 2040 auf 39,2% im Jahre 2060 ansteigen (siehe Abbildung 1.8). Abbildung 1.8: Modellrechnung zur Bevölkerungsentwicklung in Deutschland (Angaben in %) Quelle: Statistisches Bundesamt 2009. 2.124.270 2.172.480 2.210.630 2.306.660 2.389.590 2.454.890 2.346.900 2.462.100 2.525.874 2.575.066 1.285.000 1.303.000 1.325.000 1.358.0001.379.000 1.413.000 1.411.000 1.445.0001.483.000 1.527.000 0 500.000 1.000.000 1.500.000 2.000.000 2.500.000 3.000.000 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011* 2012* verfügbares Einkommen privater Verbrauch * Prognose Mio. EUR 30,4 30,0 21,7 20,9 19,0 16,1 15,7 55,0 50,1 57,9 55,0 55,4 46,6 45,1 14,6 19,9 20,4 24,1 25,6 37,3 39,2 0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% 80% 90% 100% 1950 1970 1990 2001 2008 2040 2060 60 und älter 20-59 unter 20 Gesamtbevölkerung (in Mio.) 69,3 78,1 79,8 82,4 76,7 73,8 64,7 70,1 Obergrenze: Wanderungssaldo v. 200.000 Personen/Jahr Untergrenze: Wanderungssaldo v. 100.000 Personen/Jahr 82,0 D. Das Umfeld des Handels 31 Damit sind wesentliche Veränderungen in den Nachfragestrukturen zu erwarten. So schrumpft die Altersgruppe „unter 20“, eine enorme Attraktivitätssteigerung erfährt dagegen das Alterssegment „60 und älter“. Dies bedeutet Chancen, aber auch Herausforderungen hinsichtlich der Sortimente und Dienstleistungen, aber auch hinsichtlich der Formate, so der service- und bedienungsorientierten Be- und Vertriebstypen. Obwohl die Bevölkerung in Deutschland zurückgehen wird, bedeutet dies nicht auch einen Rückgang der Zahl der privaten Haushalte. Die Bevölkerungsentwicklung übt zwar einen äußerst wichtigen Einfluss aus, jedoch spielen andere Faktoren eine Rolle. So dürfte die Zahl der privaten Haushalte bis zum Jahre 2015 trotzdem um knapp zwei Mio. steigen. Konkret bedeutet dies – unter der Annahme konstanter Konsumausgaben pro Kopf – einen Rückgang der Food-Umsätze, dagegen steigende Umsätze in den Warenbereichen, so Möbel- und Elektrogeräte, die von der Anzahl der Haushalte abhängen. Die durchschnittliche Haushaltsgröße nahm auf Grund von Verhaltensänderungen der Bevölkerung – Trend zur Singleisierung, steigender Wohlstand, sinkende Geburtenrate, steigende Scheidungszahlen – in (West-)Deutschland von 1974 (2,60 Personen je Haushalt) bis 2009 (2,04 Personen je Haushalt) – deutlich ab. Im Jahre 2020 dürften in West- und Ostdeutschland über 75% der Haushalte Ein- bzw. Zwei-Personen- Haushalte sein. Die rückläufige Haushaltsgröße hat u.a. Auswirkungen auf Packungsgrößen und Verpackungsarten, so im Food-Bereich, und auf die Dimensionierung von technischen Produkten, so bei elektrischen Haushaltsgeräten. Die Entwicklung der Arbeitslosigkeit verläuft eher volatil (siehe Abbildung 1.9). In naher Zukunft wird mit einer weiterhin sinkenden Arbeitslosenquote gerechnet, die im Jahre 2012 laut OECD-Prognose einen Wert von ca. 6,2% erreichen könnte. Die Entwicklung der Arbeitslosenquote hat für den Handel eine herausragende Bedeutung, da sie wesentlich die Konsumentenstimmung und damit letztlich die Nachfrage beeinflusst. Abbildung 1.9: Entwicklung der Arbeitslosenquote in Deutschland Quelle: Bundesagentur für Arbeit 2009; Eurostat 2010. 7,3 8,5 9,8 10,6 10,4 11,5 12,7 12,3 11,7 10,7 10,3 10,8 11,6 11,7 13,0 12,0 10,1 8,7 7,5 6,5 0 5 10 15 1991 1992 1993 1994 1995 1996 1997 1998 1999 2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 32 Erstes Kapitel: Grundlagen, Abgrenzungen und Sichtweisen Die Pkw-Dichte (Anzahl Autos pro 1.000 Einwohner) – als Indikator derMobilität – steigt in den aktuellen Shell-Szenarien auf 571 im Jahre 2030. Der Pkw-Bestand dürfte danach von 41,7 Mio. im Jahre 2010 auf 44,8 Mio. im Jahre 2030 ansteigen (siehe Tabelle 1.6). Tabelle 1.6: Shell Pkw-Szenarien für Deutschland Quelle: Shell Pkw-Szenarien 2009; KBA 2011. Die Zunahme der Pkw-Dichte beeinflusst die Standortstruktur von Handelsunternehmen, so die Erreichbarkeit wohnortferner Outlets. Dieser Mobilitätszunahme stehen jedoch ökologische Aspekte („Klimaschutz“) als auch monetäre Aspekte, z.B. steigende Energiepreise, entgegen. Derartige Überlegungen werden im Zusammenhang mit der Diskussion der künftigen Entwicklungen der Handelsformate im Vierten Kapitel aufgegriffen. ii. Österreich Analog zur Analyse des sozio-ökonomischen Umfeldes in Deutschland zeigt Abbildung 1.10. die Entwicklung des verfügbaren Einkommens und des privaten Verbrauchs in Österreich. Danach ist eine grundsätzlich vergleichbare, jedoch positivere Entwicklung im Vergleich zu Deutschland festzustellen. So steigt der private Verbrauch von 2003 bis 2012 voraussichtlich um ca. 35%, während in Deutschland mit einem Wachstum von rd. 19% zu rechnen ist. Abbildung 1.10: Entwicklung des verfügbaren Einkommens und des privaten Verbrauchs in Österreich Quelle: Eurostat 2011; Statistik Austria 2011; Österreichisches Institut für Wirtschaftsforschung 2011. 220.601 228.985 238.508 252.350 266.533 277.937 272.078 280.157 286.785 292.524 122.000 128.000 134.000 139.000 144.000 148.000 149.000 153.000 159.000 165.000 0 50.000 100.000 150.000 200.000 250.000 300.000 350.000 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011* 2012* verfügbares Einkommen privater Verbrauch Mio. EUR * Prognose 2010 Szenario „Trend“ Szenario „Alternativ“ 2030 2030 Pkw-Dichte (Pkw je 1.000 Einwohner) 509 571 571 Pkw-Bestand (in Mio.) Neuzulassungen nach Antriebsarten (in %) - Otto - Diesel - alternativ 41,7 49,1 49,0 0,9 44,8 36,7 36,8 26,5 44,8 17,0 17,5 65,5 D. Das Umfeld des Handels 33 Die Bevölkerung wird in Österreich im Gegensatz zu Deutschland langfristig ansteigen (siehe Tabelle 1.3) und damit die Gesamtnachfrage positiv beeinflussen. Bzgl. der Bevölkerungsstruktur zeigt sich in Österreich eine ähnliche Entwicklung wie in Deutschland und in der Schweiz. So wird sich der Alterungsprozess in den nächsten Jahren – insbesondere bei langfristiger Betrachtung – wesentlich verschärfen (siehe Tabelle 1.7). Tabelle 1.7: Bevölkerungsentwicklung von 2010 bis 2050 in Österreich Jahr Insgesamt Bevölkerungsstruktur (in %) Alter (in Jahren) bis 14 15 bis 59 60 und älter 2010 8.388.478 14,7 62,1 23,1 2030 9.021.228 14,2 54,9 30,1 2050 9.447.226 13,4 52,5 34,1 Quelle: Statistik Austria 2011. Waren im Jahre 2010 noch 14,7% der Bevölkerung „bis 14“, wird ihr Anteil über 14,2 im Jahre 2030 auf 13,4% im Jahre 2050 zurückgehen. Der Anteil der Altersgruppe „60+“ wird dagegen von 23,1% über 30,1% auf über 34% ansteigen. Die Gesamtzahl der Privathaushalte in Österreich wird wie in der Vergangenheit auch künftig weiter steigen (siehe Tabelle 1.8). Die Haushalte werden im Durchschnitt weiterhin immer kleiner. Die durchschnittliche Haushaltsgröße wird von 2,29 Personen im Jahre 2010 über 2,18 im Jahre 2030 auf 2,14 im Jahre 2050 sinken. Bei positiver Bevölkerungsentwicklung verstärkt dies den Gesamtanstieg der Zahl der privaten Haushalte. Tabelle 1.8: Entwicklung der Privathaushalte in Österreich von 1991 bis 2050 Jahr Privathaushalte in 1.000 insgesamt 1 Person 2 und mehr Personen 1991 3.013,0 893,5 2.119,5 2001 3.339,7 1.119,9 2.219,8 2005 3.472,4 1.199,3 2.273,0 2010 3.621,1 1.303,5 2.317,6 2015 3.757,8 1.402,2 2.355,6 2020 3.874,1 1.498,2 2.375,9 2030 4.058,6 1.609,8 2.448,8 2050 4.357,1 1.801,0 2.556,1 Quelle: Statistik Austria 2008; 2010. Die Entwicklung der Arbeitslosigkeit (siehe Abbildung 1.11) zeigt eine volatile Tendenz; die Arbeitslosenquote ist von 3,7% im Jahre 1995 auf 5,2% im Jahre 2005 zunächst kontinuierlich angestiegen. Bis 2008 sank sie wieder auf einen Wert von 3,8%. Nach einem zwischenzeitlichen Anstieg liegt sie im Jahre 2010 schließlich bei 4,5%. Bis zum Jahre 2012 ist laut der Österreichischen Nationalbank mit einem weiteren Rückgang auf 4,3% zu rechnen. Die Arbeitslosenquote ist damit zwar wesentlich niedriger als in Deutschland, auch wesentlich geringer als in West-Deutschland, aber höher im Vergleich zur Schweiz. 34 Erstes Kapitel: Grundlagen, Abgrenzungen und Sichtweisen Abbildung 1.11: Entwicklung der Arbeitslosenquote in Österreich Quelle: Statistik Austria 2009; OeNB 2010. Bezüglich der Individualmobilität zeigt sich in Österreich eine ähnliche Entwicklung wie in Deutschland und in der Schweiz. So ist der Pkw-Bestand seit 1965 kontinuierlich angestiegen (siehe Tabelle 1.9). Dieser Anstieg bedeutet zugleich eine kräftige Zunahme der Pkw-Dichte. Tabelle 1.9: Entwicklung des Pkw-Bestandes in Österreich von 1965 bis 2009 Jahr Bestand an Pkws 1965 790.675 1970 1.197.484 1975 1.720.722 1980 2.246.950 1985 2.530.800 1990 2.991.284 1995 3.593.588 2000 4.097.145 2005 4.157.000 2009 4.360.000 Quelle: Statistik Austria 2010. iii. Schweiz Die makroökonomische Entwicklung der Schweiz – gemessen an den verfügbaren Einkommen und dem privaten Verbrauch – zeigt Abbildung 1.12. Danach wird der private Verbrauch (in CHF) von 2003 bis 2012 voraussichtlich um ca. 26% ansteigen. Den währungsbedingten Einfluss („starker Schweizer Franken“) verdeutlicht die Entwicklung des verfügbaren Einkommens, gemessen in Euro.1 Danach ist das verfügbare Einkommen seit 2010 geradezu exponentiell angestiegen.2 1 Dies gilt selbstverständlich auch hinsichtlich des privaten Verbrauchs. 2 Diese Entwicklung verstärkt neben den generellen Preisunterschieden zwischen der Schweiz und ihren EU-Nachbarn die Kaufkraftabflüsse aus der Schweiz; vgl. Abbildung 1.5 und Tabelle 1.5. 3,7 3,5 3,6 4,0 4,3 4,9 5,2 4,7 4,4 3,8 4,8 4,5 0 2 4 6 1995 2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 D. Das Umfeld des Handels 35 Analog zu Österreich und im Gegensatz zu Deutschland werden diese Größen durch die künftige Bevölkerungsentwicklung deutlich positiv beeinflusst. Betrachtet man die Bevölkerungsszenarien des Bundesamtes für Statistik (BfS), so zeigt sich in dem Szenario „mittel“ ein Wachstum der Bevölkerung bis zum Jahre 2050 auf ca. 9 Mio. (2010: 7,86 Mio.). Deutliche Verschiebungen zeichnen sich in der Schweiz auch in der Altersstruktur ab (siehe Abbildung 1.13). So dürfte bereits im Jahre 2030 der Anteil der Altersgruppe „65+“ bei 24,2% liegen. Im Jahre 2005 lag er noch bei 16,0%. Abbildung 1.12: Entwicklung des verfügbaren Einkommens und des privaten Verbrauchs in der Schweiz Quelle: Eurostat 2011; BfS 2008; BAK 10/2010; BAK 01/2011. Der bereits angesprochene generelle Trend zur Singleisierung zeigt sich auch in der Schweiz. So nimmt der Anteil der Ein- und Zweipersonenhaushalte von 2005 bis 2030 deutlich zu. Gesamthaft steigt die Zahl der Haushalte deutlich an. Dies wirkt sich – wie bereits erwähnt – positiv auf die einzelhandelsrelevante Nachfrage aus, so bei Möbeln, Haushaltsgeräten u.Ä. (siehe Abbildung 1.14). Abbildung 1.13: Entwicklung der Bevölkerung der Schweiz nach Altersgruppen von 2005 bis 2030 Quelle: BfS 2011. 295.433 295.042300.102 310.429 323.239 323.869 336.898 364.363 406.195 465.975 266.000272.000 279.000286.000 297.000309.000 310.000316.000 324.000336.000 0 50.000 100.000 150.000 200.000 250.000 300.000 350.000 400.000 450.000 500.000 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011* 2012* verfügbares Einkommen (Mio. EUR) privater Verbrauch (Mio. CHF) Anm.: Konsumausgaben privater Haushalte und privaterOrganisationen ohne Erwerbszweck, nominell. Verfügbares Einkommen (reale Größe) in Preisen gegenüber des Vorjahres. * Prognose 21,9% 20,8% 19,8% 19,5% 62,1% 62,1% 60,1% 56,3% 16,0% 17,1% 20,1% 24,2% 2005 2010 2020 2030 unter 20 20-64 65 und älter 7,46Mio. 7,86Mio. 8,40Mio. 8,74Mio. 36 Erstes Kapitel: Grundlagen, Abgrenzungen und Sichtweisen Abbildung 1.14: Entwicklung der Haushaltsgrößen von 2005 bis 2030 in der Schweiz Quelle: BfS 2008. Die wirtschaftliche Entwicklung in der Schweiz wird in den nächsten Jahren deutlich positiv eingeschätzt. Als Indikator gilt hierbei die Entwicklung der Arbeitslosenquote. Zwar lag sie im Jahre 2008 noch bei einem Wert von 2,6% und datiert im Jahre 2010 auf 3,9% (siehe Abbildung 1.15). Dennoch dürfte sie in den nächsten Jahren laut UBS deutlich abnehmen und im Jahre 2012 einen Wert von ca. 2,9% erreichen.1 Abbildung 1.15: Entwicklung der Arbeitslosenquote in der Schweiz Quelle: BfS 2011. Auch in der Schweiz ist eine weitere Zunahme des Personenverkehrs, auch des privaten Straßenverkehrs, zu erwarten, der in der höheren Pkw-Verfügbarkeit der künftigen Senioren und insbesondere der Seniorinnen begründet ist. Es wird jedoch erwartet, dass der Anstieg der Gesamtleistungen des Personenverkehrs in der Zukunft langsamer verlaufen wird als in den Jahren von 1970 bis 2000. Für den privaten Straßenverkehr wird glei- 1 Die Arbeitslosenquote könnte, abhängig von der Kursentwicklung des Schweizer Franken, ansteigen, so bei Schwächen der Export- und der Tourismuswirtschaft. 36,38% 37,53% 39,43% 40,7% 31,90% 32,86% 34,70% 35,59% 12,56% 11,99% 10,88% 9,99% 19,16% 17,62% 14,99% 13,73% 2005 2010 2020 2030 1Person 2Personen 3Personen 4Personen und mehr 3,248Mio. 3,436Mio. 3,740Mio. 3,901Mio. 1,8 1,7 2,5 3,7 3,9 3,8 3,3 2,8 2,6 3,7 3,9 0 2 4 2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 D. Das Umfeld des Handels 37 chermaßen eine Reduktion der Zuwachsraten erwartet. Dies resultiert aus den erwarteten umweltpolitischen Eingriffen und den gesellschaftlichen Grundhaltungen. Je nach Umweltpolitik ergeben sich im Personenverkehr Veränderungen im prozentualen Anteil der einzelnen Verkehrsmittel an den gesamten Verkehrsleistungen. So erwartet das Bundesamt für Raumentwicklung eine Zunahme der Personenverkehrsleistung bis zum Jahre 2030 von 16% gegenüber 2005, wobei der Schienenverkehr um 33% und der Straßenverkehr um ca. 16% zunehmen dürften. 3. Technologisches und infrastrukturelles Umfeld a) Überblick Wie bereits erwähnt, erfolgt aus infrastruktureller Sicht eine Fokussierung auf die verfügbaren Kommunikations- und Transportnetze. Diese werden beeinflusst durch technologische Innovationen, wenngleich technologische Entwicklungen auch andere gesellschaftliche und unternehmerische Bereiche prägen. Mit Blick auf den Handel sind insbesondere die Auswirkungen auf die Sortimentsdynamik, die Supply Chain-Prozesse und die Marktbearbeitungsprozesse, so in der Kommunikationspolitik, hervorzuheben. So wird die Sortimentsdynamik wesentlich durch den Fortschritt in Forschung & Entwicklung (F&E) bestimmt. Man denke etwa an neue Produkte in den Bereichen Unterhaltungselektronik, Telekommunikation, aber auch im Lebensmittelbereich, so „functional food“. Die Verknüpfung von computergestützter Produktentwicklung (Design, Konstruktion) und computergestützter Fertigung in Form von CIM-Systemen ermöglicht zunehmend das Erstellen von Einzelprodukten bzw. das individuelle Fertigen nach Wünschen und Spezifikationen einzelner Konsumenten (Customizing bzw. Mass Customizing). Auf die sortimentspolitische Dimension der F&E-Tendenzen wird hier nicht eingegangen (vgl. zur Sortimentspolitik und ihren Determinanten Abschnitt C.I. des Vierten Kapitels). Die Entwicklungen des technologischen und des infrastrukturellen Umfeldes leiten zugleich über zu den Determinanten des Mikro-Umfeldes. So führen – wie noch gezeigt wird – Entwicklungen in der Informations- und Kommunikationstechnologie zu Substitutionsgefahren (siehe Abbildung 1.4) für etablierte Akteure des Handels: Das Internet ermöglicht neuen Anbietern, den sog. „pure players“, Formen des virtuellen Handels. b) Informations- und Kommunikationstechnologie und Kommunikationsnetze Unter neuen Informations- und Kommunikationstechnologien wird ein äußerst breites und vielfältiges Spektrum von Apparaten, Verfahren und Systemen subsumiert (vgl. bereits Tietz 1987; Zentes 1987). Als gegenwärtige Schlüsseltechnologien können insbesondere das Internet mit seinen vielfältigen Ausprägungen sowie die Radiofrequenzidentifikation (RFID) herausgestellt werden. Auch im Bereich der Software zeigt sich eine entsprechende Dynamik. Zu erwähnen sind bspw. Konzepte wie Data-Warehousing und Data-Mining (vgl. hierzu auch Hertel/Zentes/Schramm-Klein 2011, S. 359ff.). Mit Blick auf die Anwendungen – sowohl in privaten Haushalten als auch in Unternehmen – kann die Verknüpfung unterschiedlicher Technologien herausgestellt werden: So können Konsumenten im Rahmen ihrer Einkäufe über Smartphones auf Preissuchmaschinen im Internet zugreifen; Handelsunternehmen stellen ihre Abverkaufsdaten, die am PoS erfasst werden, ihren Lieferanten über Internet-Portale zur Verfügung.1 1 Gleichermaßen entwickeln sich neue Anwendungsfelder im Consumer-to-Business-Bereich (C2B), auf die im Vierten Kapitel näher eingegangen wird. 38 Erstes Kapitel: Grundlagen, Abgrenzungen und Sichtweisen Relevanz für den Handel haben gleichermaßen die Ausstattung der privaten Haushalte mit neuen Technologien bzw. die Verfügbarkeit über neue Technologien, so der Zugang zum Internet – vom Arbeitsplatz oder von zu Hause aus. Im Folgenden werden die Entwicklung des Internets und die Auswirkungen auf den Handel in exemplarischer Form vorgestellt. Die RFID-Technologie wird als „enabling technology“ im Rahmen des Supply Chain Managements in Abschnitt B.II.6 des Fünften Kapitels behandelt. Internet Die umfassendsten Auswirkungen auf den Handel bzw. die Wirtschaft in ihrer Gesamtheit dürften von der geradezu rasanten Entwicklung des Internets ausgehen. Dies gilt sowohl im B2B-Bereich als auch im B2C-Bereich. So ermöglicht das Internet nicht nur vielfältige neue Formen der Information und Kommunikation, sondern auch den Aufbau neuer Distributionskanäle bzw. neuer virtueller Handelsformate. Die zunehmende Ausstattung privater Haushalte mit PCs, Smartphones und ähnlichen Geräten sowie der zunehmende (auch drahtlose, z.B. über WLAN) Netzanschluss dieser Geräte einerseits sowie die zunehmende Nutzung von Computern in der Freizeit andererseits können dabei als Indikatoren einer wachsenden Akzeptanz dieser Technologie interpretiert werden. Abbildung 1.16: Entwicklung der Internet-Nutzung in der Schweiz Quelle: MA-Net 2010; Net Matrix-Base 2010; BfS. So ist die Internet-Nutzung in Österreich von 55% im Jahre 2005, über 66,9% im Jahre 2007, auf 74,2% im Jahre 2010 angestiegen, in Deutschland von 55,1% über 60,2% auf 72%.1 Die Entwicklung der Internet-Nutzung in der Schweiz ist höher als in Deutschland und Österreich. 2010 gaben 82,1% der Bevölkerung ab 14 Jahren an, das Internet innerhalb der vergangenen sechs Monate mindestens einmal benutzt zu haben („Weitester Nutzerkreis“), 74,5% benutzten es in besagtem Zeitraum sogar täglich oder mehrmals pro Woche („Engerer Nutzerkreis“) (siehe Abbildung 1.16). Eine weitere Zunahme der Inter- 1 Dieser Indikator umfasst alle Privatpersonen im Alter von 16 bis 74 Jahren, die in den drei Monaten vor der Erhebung durchschnittlich einmal pro Woche auf das Internet zugegriffen haben. Einbezogen sind alle Nutzungsorte und Zugangsverfahren. ENK: Nutzung mehrmals pro Woche WNK: Nutzung einmal in den letzten 6 Monaten 0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 1997 1998 1999 2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 EngererNutzerkreis (ENK) WeitesterNutzerkreis (WNK) in % der Bevölkerung ab 14 Jahren D. Das Umfeld des Handels 39 net-Nutzung ist in den hier näher betrachteten Ländern (D-A-CH) auch für die Zukunft anzunehmen. Die Internet-Technologie trägt wesentlich dazu bei, Geschäftsprozesse elektronisch zu unterstützen oder gar zu elektronisieren, sowohl innerbetriebliche Prozesse als auch zwischenbetriebliche oder unternehmensübergreifende Prozesse. Insofern kann sie als „enabling technology“ des Electronic Business (E-Business) betrachtet werden: Sie ermöglicht eine elektronische Geschäftsabwicklung.1 Internet unterstützt oder eröffnet zugleich die elektronische Anbahnung und Abwicklung von Markttransaktionen, z.B. den Verkauf über das Internet. Diese elektronischen Markttransaktionen werden als Electronic Commerce (E-Commerce) bezeichnet und als eine Teilmenge des E-Business betrachtet. Abbildung 1.17: Entwicklung des E-B2C-Commerce in Deutschland Quelle: HDE 2010. Im E-Commerce kann im Wesentlichen – wie bereits erwähnt – unterschieden werden zwischen Business-to-Business-Transaktionen und Business-to-Consumer-Transaktionen. Elektronische B2B-Transaktionen sind einerseits im Beschaffungsbereich relevant, so der Einkauf über Internet-Portale (Zentes/Bartsch 2002).2 Auf der Absatzseite ist der Verkauf über Portale zu erwähnen, so von Großhandelsunternehmen und Verbundgruppen (Zentes u.a. 2007). Im Bereich der Business-to-Consumer-Transaktionen steht der Internet- Vertrieb – oder aus Kundensicht das Internet-Shopping – im Vordergrund. Die bisherige Entwicklung des E-B2C-Commerce in Deutschland verdeutlicht Abbildung 1.17. Wenngleich in allen Prognosen bzw. Schätzungen der künftigen Entwicklung des Internet-Shopping (in den hier betrachteten Ländern) ein deutlicher Anstieg erwartet wird, so differieren die Schätzungen doch beachtlich. Dies gilt gleichermaßen für die übrigen Formen des elektronischen Shopping wie TV-Shopping o.Ä. 1 Fragen der Online-Abwicklung administrativer oder logistischer Geschäftsprozesse, z.B. auf Internet-/Intranet-/Extranet-Basis, werden im Fünften Kapitel betrachtet. 2 Hierauf wird in Abschnitt D. des Fünften Kapitels näher eingegangen. 1,3 2,5 5,0 8,0 11,0 13,0 14,5 16,3 18,3 20,0 21,9 23,7 26,1 0 5 10 15 20 25 30 1999 2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011* Anm.: enthalten sind Transaktionen übermaterielle Güter, Dienstleistungen (z.B. Lieferservices), Nutzungsrechte (z.B. Reisen, Eintrittskarten) und Informationen (z.B. kostenpflichtige Downloads). Mrd. EUR * Prognose HDE. 40 Erstes Kapitel: Grundlagen, Abgrenzungen und Sichtweisen Obwohl die Marktanteile des E-B2C-Commerce zum gegenwärtigen Zeitpunkt – wie auch in den nächsten Jahren – gesamthaft noch vergleichsweise gering sind, zeigen sich bei einer branchenmäßigen Betrachtung bzw. einer warengruppenbezogenen Betrachtung erhebliche Unterschiede und damit auch unterschiedliche Relevanzgrade (siehe Abbildung 1.18). Im Food-Sektor spielt das Internet bisher als Verkaufskanal eher eine untergeordnete Rolle, auf Grund der logistischen Herausforderungen und der damit einhergehenden Transaktionskosten. Von den hier betrachteten Ländern ist insbesondere die Schweiz hervorzuheben, in der die Unternehmen Migros und Coop erfolgreich mit ihren Internet-Systemen „Le Shop“ und „coop@home“ operieren.1 Neue Abholkonzepte („Click & Collect“), auf die in Abschnitt B.III.5. des Zweiten Kapitels näher eingegangen wird, dürften jedoch zu einem Bedeutungsanstieg des Internets im Lebensmittelhandel führen. Abbildung 1.18: Umsätze der Top-5-Warengruppen im E-B2C-Commerce in Deutschland 2007 bis 2009 (in Mrd. EUR) Quelle: BVH 2010. E-Commerce eröffnet in einzelnen Warengruppen, z.B. Tonträgern, auch die Möglichkeit der elektronischen/digitalisierten Distribution: Elektronisch bestellte Produkte werden auch elektronisch „ausgeliefert“, z.B. Musik-Downloads. Amazon Mobile App Mit der Applikation Amazon Mobil können alle iPhone- und iPod touch-Nutzer seit Anfang 2010 von unterwegs bei Amazon.de und allen Marketplace-Anbietern Produkte suchen und kaufen. Kunden haben über die Applikation vollen Zugriff auf ihren Einkaufswagen, Wunschzettel, Zahlungs- und Liefermöglichkeiten, Bestellhistorie und können auch sämtliche Vorteile der Prime-Mitgliedschaft (z.B. verbilligter Expressversand) nutzen. Wie jede normale Bestellung über Amazon.de wird auch jede Bestellung über die Applikation durch Sicherheitsserver abgewickelt. Darüber hinaus können Kunden mit der experimentellen Applikationsfunktion „Amazon Memo“ mit der iPhone-Kamera fotografierte Produkte mit dem Produktsortiment von Amazon.de vergleichen. Wird ein passendes Produkt im Sortiment gefunden, wird der Teilnehmer via E-Mail über dieses Produkt informiert. Quelle: Amazon 2011. 1 In Europa ist in erster Linie das britische Lebensmittelhandelsunternehmen Tesco herauszustellen, das im Jahre 2010 ca. 2,4 Mrd. EUR über den Internet-Kanal vertrieben hat. 0,79 1,08 1,43 2,31 5,17 0,69 1,04 1,28 1,94 4,63 0,78 0,19 1,21 1,99 3,92 0 1 2 3 4 5 6 Hobby-,Sammel-und Freizeitartikel Computerund Zubehör Unterhaltungselektronikund Elektroartikel Medien Bekleidung,Textilien,Schuhe 2007 2008 2009 D. Das Umfeld des Handels 41 Die Entwicklung des Internets hin zu Web 2.0, ein Sammelbegriff für eine Reihe interaktiver und kollaborativer Elemente des Internets, bei denen der Benutzer nicht nur den Inhalt „konsumiert“, sondern Inhalte erstellt, bearbeitet und verteilt, unterstützt von interaktiven Anwendungen, führt zu gravierenden Veränderungen des Informations- und Kommunikationsverhaltens – sowohl von (Handels-)Unternehmen als auch von Verbrauchern. Mit Blick auf die Kommunikationspolitik von Unternehmen wird geradezu von einem „Paradigmenwechsel“ gesprochen. „Communities“ der Verbraucher sind – wie auch weitere Formen der Social Media – die neuen Plattformen der Kommunikation. Die Konsumenten kommunizieren hier nicht nur mit- und untereinander, sondern der von ihnen generierte „Content“ bildet auch den Ausgangspunkt für ein „Consumer-to-Business“-Marketing, so im Hinblick auf Individualisierung bzw. Customizing der Handelsleistungen (vgl. NCR 2011). Auf diese Aspekte wird in Abschnitt H.IV.2. des Vierten Kapitels näher eingegangen. Migipedia Im Juni 2010 startete das Schweizer Handelsunternehmen Migros in der Beta-Phase die Social Media Plattform „Migipedia“. Migipedia ist eine Dialog-Plattform für Migros-Kunden, um über mehr als 5.000 Migros Produkte zu diskutieren und diese zu bewerten. Auf der Plattform sind mehr als 18.000 Teilnehmer registriert (Stand Februar 2011). Der Einfluss der Online-Community lässt sich am Beispiel des „Migros Ice Tea“ verdeutlichen, der auf Migipedia bereits über 3.000 Mal kommentiert und bewertet wurde. So sprachen sich in einer auf Migipedia.ch lancierten Umfrage über 80% der Teilnehmer zu Gunsten einer PET-Flasche als zusätzlicher Verpackungsvariante neben dem klassischen Tetra-Pack aus. Auf Grund des positiven Echos in der Online Community verkauft das Unternehmen den Eistee seit Dezember 2010 zusätzlich in einer PET-Flasche. Quelle: Migipedia 2011. c) Transportsysteme und Transportnetze Neben den Kommunikationsnetzen sind mit Blick auf die infrastrukturellen Rahmenbedingungen die Transportsysteme und Transportnetze von Bedeutung, so insbesondere für denGüterverkehr, der hier im Vordergrund steht. Die „Straße“ wird im Güterverkehr im deutschsprachigen Raum weiterhin dominieren (siehe exemplarisch für Deutschland Abbildung 1.19), trotz zunehmender Stauprobleme und eines zunehmenden Umweltschutzes, insbesondere Klimaschutzbewusstseins („CO2-Emissionen“): Die „Straße“ bietet als Verkehrsträger die größte Flexibilität im Hinblick auf moderne Logistikkonzepte wie Just-in-time-Systeme oder Cross-Docking- Systeme, die im Fünften Kapitel näher behandelt werden. Diese Vorteile gelten insbesondere im Hinblick auf „kurze Relationen“, wie sie i.d.R. bei inländischen Transporten gegeben sind. Im Vergleich zu Deutschland und Österreich zeigt sich in der Schweiz ein deutlicher Bedeutungsanstieg der „Schiene“.1 1 Vgl. zur Entwicklung des Güterverkehrs in Österreich Trafico 2009, zur Entwicklung des Güterverkehrs in der Schweiz Bundesamt für Raumordnung 2004. 42 Erstes Kapitel: Grundlagen, Abgrenzungen und Sichtweisen Abbildung 1.19: Wachstum des Güterverkehrs in Deutschland von 2005 bis 2050 Quelle: ProgTrans 2007. Multimodaler Verkehr Multimodaler Verkehr – auch als Kombinierter Verkehr bezeichnet – liegt vor, wenn Waren bzw. Ladeeinheiten mit Wechsel des Verkehrsträgers transportiert werden, d.h., wenn der Transportablauf als integrierte Transportkette gestaltet ist, die vom Versender zum Empfänger über unterschiedliche Verkehrsträger führt. Man unterscheidet dabei die Verkehrsträger Straße (Straßenverkehr), Schiene (Eisenbahnverkehr), Schifffahrt (Seeschifffahrt, Binnenschifffahrt), Luftverkehr und Rohrleitungsverkehr. Wenngleich das Konzept des Kombinierten Verkehrs keineswegs neu ist, steht eine breite Umsetzung, auch in der Konsumgüterwirtschaft, noch aus. In der umweltpolitisch motivierten Forderung zur Förderung des Kombinierten Verkehrs, insbesondere der Verlagerung des Gütertransportes von der Straße auf die Schiene, sind sich – wie Spelthahn/ Schloßberger/Steger bereits 1993 (S. 100) feststellten – „alle gesellschaftlichen Kräfte vom ADAC bis zum BUND einig“. Als Haupthindernisse stellten Spelthahn/Schloßberger/Steger (1993, S. 100) in ihrer Studie bereits im Jahre 1993 – aus der Sicht von Spediteuren und Verladern – „mangelnde Kapazitäten, aber auch mangelnde Leistungsfähigkeit der Bahn“ fest, Hindernisse, die auch heute noch gültig sind. Zu Recht warnen die Autoren in Bezug auf den Kombinierten Verkehr vor falschen Illusionen, da sich u.a. Planungsverfahren v.a. wegen Einsprüchen von Anwohnern und Gegnern neuer Trassen und Terminals in die Länge ziehen. Als Fazit stellten sie (S. 100) fest: „Somit wird der Kombinierte Verkehr Straße/Schiene in Zukunft realistischerweise nicht in der Größenordnung zunehmen können, wie von Verlader- und Spediteurseite, aber auch von anderen gesellschaftlichen Gruppen gewünscht wird.“ In der Schweiz zeichnet sich bzgl. des Kombinierten Verkehrs ein verstärktes Engagement auch des Handels ab, was sich in dem bereits erwähnten Bedeutungsanstieg der „Schiene“ manifestiert. 404 707 873 95 170 227 64 87 100 0 100 200 300 400 500 600 700 800 900 1000 2005 2030 2050 Straßengüterverkehr Eisenbahngüterverkehr Binnenschifffahrt Mrd. Tonnenkilometer D. Das Umfeld des Handels 43 Schweizer Händler kauft Anbieter für kombinierten Verkehr Rail-Care – Ziel ist bessere Klimabilanz Die Coop Schweiz will mehr Gütertransporte von der Straße auf die Schiene verlagern. Sie hat Anfang September die Rail-Care AG übernommen, einen Spezialisten für den unbegleiteten kombinierten Verkehr, der bei der Filialbelieferung zum Einsatz kommt. Die Schweizer Coop hat sich zum Ziel gesetzt, den CO2-Ausstoß bis 2023 gegenüber 2008 zu halbieren. Hierzu soll die verstärkte Nutzung der Bahn anstelle des Lkw bei Strecken über 90 km beitragen. Jetzt hat Coop sich mit der Rail-Care AG, Härkingen, ein eigenes Unternehmen für den Kombi-Transport gekauft. Dieses beliefert im ersten Schritt die Supermärkte und die Pronto- Convenience-Shops mit Tiefkühlware. Quelle: www.lebensmittelzeitung.net, 09. September 2010. III. Mikro-Umfeld 1. Abnehmer a) Überblick Als zentrales Element des Mikro-Umfeldes können zunächst die Abnehmer, d.h. die Kunden, herausgestellt werden. Zu unterscheiden sind dabei im Wesentlichen private Abnehmer (Konsumenten) und gewerblich/institutionelle Abnehmer, die in erster Linie für den Großhandel („B2B-Handel“) relevant sind. In diesem Abschnitt erfolgt eine Beschränkung auf die privaten Abnehmer und damit auf den B2C-Bereich. Die Vielfältigkeit und Komplexität der Abnehmerstrukturen im B2B-Handel, so Industrie- und Handwerkskunden, Handelskunden, Großverbraucher usw., analysieren eingehend Zentes u.a. 2007.1 Mit Blick auf die privaten Abnehmer fokussieren die folgenden Ausführungen auf die sozio-kulturellen Entwicklungen; sozio-ökonomische Aspekte wurden im Zusammenhang mit den Rahmenbedingungen des Makro-Umfeldes erörtert. b) Sozio-kulturelle Gegebenheiten und ihre Entwicklung Als wesentliche Triebkräfte des Verbraucherverhaltens der Zukunft zeichnen sich gegenwärtig ab (vgl. Zentes/Bastian/Lehnert 2010): Individualisierung Digital Lifestyle Nachhaltigkeits-Orientierung. Darüber hinaus sind – wie auch in der Vergangenheit – die Convenience-Orientierung und die Preis-Orientierung als wichtige Einflussfaktoren herauszustellen. Die Convenience-Orientierung ist als eine gesellschaftliche Grundströmung („Wegnahme von Last/Stress”) zu begreifen. Auf diese Orientierung wirken in erheblichem Ma- ße sozio-ökonomische Entwicklungen (z.B. die angesprochene Singleisierung), aber auch sozio-psychologische und soziologische Phänomene, so das Streben von Frauen nach Vereinbarkeit von Familie (Ehefrau und Mutter) und beruflicher Karriere. Auf die Con- 1 Vgl. hierzu auch die Ausführungen zu den Betriebstypen des Großhandels im Dritten Kapitel und zu den Strategien des Großhandels im Fünften Kapitel.

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References

Zusammenfassung

Modernes Handelsmanagement.

Zentes/Swoboda/Foscht, Handelsmanagement

3. Auflage. 2012.

ISBN 978-3-8006-4265-6

Handelsmanagement komplett

Handelsunternehmen bauen ihre Wertschöpfungstiefe sowohl »up-stream« als auch »down-stream« aus. Auch Industrieunternehmen gestalten ihre Wertschöpfungsarchitekturen zunehmend um: Durch absatzmarktorientierte Vertikalisierung werden auch sie zu »Händlern«. Das Buch führt in die neuen Ansätze und Methoden des modernen Handelsmanagements ein und erklärt die Zusammenhänge in der Handelspraxis.

Handelsmanagement in der Praxis

Diese Ansätze und Methoden des Handelsmanagements werden vorgestellt:

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