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IV. Aussagefähigkeit des Behavioral Accounting für die Gestaltung verhaltenssteuerungsorientierter Systeme der Kosten- und Erlösrechnung in:

Marcell Schweitzer, Hans-Ulrich Küpper

Systeme der Kosten- und Erlösrechnung, page 671 - 673

10. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3804-8, ISBN online: 978-3-8006-4414-8, https://doi.org/10.15358/9783800644148_671

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

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A. Behavioral Accounting 639 Verhältnis besteht. Ferner kann die Verhaltenswirkung von Kontrollinformationen durch zusätzliche Angaben, geeignete Vergleichsgrößen und unterstützende Kommentare sowie Hilfen gefördert werden. Schließlich kommt es darauf an, dass die Information bei komplizierten Zusammenhängen die Leistungsstruktur möglichst gut widerspiegelt. Dies gilt um so eher, je mehr formale Anreize an die Kontrollinformationen geknüpft werden. Vielfach besteht die Tendenz, dass derartige Anreize sich deutlich auswirken, je nach ihrer Richtung und den Ausprägungen der anderen Einflussgrößen leistungsfördernd oder leistungsmindernd. IV. Aussagefähigkeit des Behavioral Accounting für die Gestaltung verhaltenssteuerungsorientierter Systeme der Kosten- und Erlösrechnung Die Ansätze des Behavioral Accounting liefern keine Komponenten für ein System der Kosten- und Erlösrechnung. Sie gewinnen daher eine völlig andere Bedeutung als die meisten der in Kapitel zwei und drei beschriebenen Ansätze. Sie bilden vielmehr eine wichtige Grundlage verhaltenssteuerungsorientierter Systeme der Kosten- und Erlösrechnung. Die in ihr entwickelten Hypothesen können in eine Theorie der Kosten- und Erlösrechnung einfließen. Durch das Behavioral Accounting wird eine Problemstellung beleuchtet, die in der Kostenrechnung zu wenig Beachtung gefunden hat. Es macht sichtbar, wie wichtig menschliche Verhaltensreaktionen für die Wirkung von Kostenund Erlösrechnungen sind. Deren Kenntnisse sind von zentraler Bedeutung für eine Erfüllung des Rechnungszwecks der Verhaltenssteuerung. Insofern besitzt der Gegenstand des Behavioral Accounting ein großes Gewicht für die Gestaltung verhaltenssteuerungsorientierter Systeme. Die in ihm bisher erarbeiteten Hypothesen, Modelle und Aussagen weisen auf die Vielzahl an relevanten Problemsituationen, Einflussgrößen und Zusammenhängen hin. Menschliches Verhalten ist von vielen Größen abhängig. Zudem sind die jeweils betrachteten Personen individuell geprägt und ihre Handlungssituationen in den Unternehmungen nur begrenzt vergleichbar. Dies führt dazu, dass theoretische Modelle die Wirklichkeit nur näherungsweise erfassen können. Die Vielfalt und Widersprüchlichkeit der Ergebnisse empirischer Erhebungen deutet darauf hin, dass die Komplexität der menschlichen Realität vor allem dort, wo sie sich auf das Verhalten von einzelnen bezieht, theoretisch nicht leicht zu erfassen ist. In dieser Komplexität ist ein Grund dafür zu sehen, dass die bisherige Forschung auf dem Gebiet des Behavioral Accounting auch nicht annäherungsweise ein geschlossenes Bild, sondern eher Bruchstücke an Einzelerkenntnissen liefert. Man kann auf kein durch Psychologie, Soziologie und/oder Sozialpsychologie fundiertes theoretisches Aussagensystem bauen. Statt eines oder weniger einheitlicher Grundmodelle zur Erklärung von Verhaltenswirkungen gibt es eine größere Zahl von Einzelmodellenmit höchstens geringer empirischer Bestätigung. Auch sind die im Behavioral Accounting entwickel- 4. Kapitel: Verhaltenssteuerungsorientierte Systeme der KER640 ten Ansätze auf sehr unterschiedliche Fragestellungen gerichtet, so dass sie sich nicht ohne weiteres verknüpfen lassen. In entsprechender Weise ergeben die Ergebnisse empirischer Erhebungen kein unmittelbar verwertbares Bild. Aus ihnen lassen sich nur Einzelergebnisse ableiten, die jeweils spezifische Probleme und Situationsbedingungen betreffen. Die Gründe für widersprüchliche Ergebnisse sind wenig geklärt. Zudem sind sie vorwiegend in Labortests insbesondere mit Studenten erarbeitet worden, die nicht der realen Situation entsprechen. Sie sind deshalb nur in eingeschränktem und genau zu prüfendem Maß auf Unternehmungen übertragbar. Die Aussagefähigkeit der bisherigen Ansätze des Behavioral Accounting ist aus diesen Gründen begrenzt. Dennoch lassen sich aus ihnen zumindest wichtige Einflussgrößen und Tendenzen der Verhaltenswirkungen von Informationen ableiten. Die mehrdeutigen Ergebnisse der theoretischen und empirischen Forschung weisen auf die Individualität und Vielfalt menschlichen Verhaltens hin. Sie sind einerseits ein Anlass für die Forschung, zu besser bestätigten Hypothesen zu gelangen, deren Anwendungsbereich klarer bestimmt ist und damit vielfach enger sein dürfte. Zum andern weisen sie den in der Praxis Handelnden darauf hin, dass keine deterministischen Zusammenhänge vorliegen und er sich nicht auf eindeutige Erkenntnisse verlassen kann. Er muss abwägen, welche von ihnen für seinen Handlungsrahmen Geltung haben dürften. Deshalb ist eine zentrale Funktion der bisher entwickelten Ansätze des Behavioral Accounting darin zu sehen, dass sie den Blick auf wichtige Probleme der Verhaltensbeeinflussung lenken und deutlich machen, welche Einflussgrößen wirksam sein könnten. Deren Beachtung erscheint für eine fundierte Gestaltung verhaltenssteuerungsorientierter Systeme der Kosten- und Erlösrechnung unumgänglich. An der Erarbeitung und Überprüfung empirischer Erkenntnisse führt für diese Systeme kein Weg vorbei. B. Institutionenorientierte Ansätze einer verhaltenssteuerungsorientierten Kosten- und Erlösrechnung (Principal-Agent- Ansätze) I. Zwecksetzungen und Struktur von Principal-Agent-Modellen 1. Zwecksetzungen von Principal-Agent-Modellen für die Kosten- und Erlösrechnung Die Agencytheorie ist ein Teil der Institutionentheorie, zu der neben ihr die Property-Rights- und die Transaktionskostentheorie gerechnet werden. Ein gemeinsames Merkmal dieser Theoriekonzepte liegt darin, dass sie Institutionen aus einem Netz verschiedenartiger Verträge heraus erklären und analysieren. Die Agency- oder Principal-Agent-Theorie erfasst Beziehungen zwischen einem oder mehreren Auftraggebern, den Principals, und einem oder mehreren Beauftragten oder Auftragnehmern, den Agents. Man fragt danach, wie das Verhalten des bzw. der Beauftragten durch die vertraglichen Regelungen gestaltet wird bzw. werden kann, die der Auftraggeber mit ihm schließt. In der positiven Agencytheorie ist man bestrebt, die institutionelle Gestaltung von Auftragsbeziehungen zu beschreiben und zu erklären. Diese Richtung hat einen starken empirischen Bezug. Kostenrechnerische Fragestellungen werden mit ihr kaum untersucht. Dagegen wird die normative Agencytheorie in zunehmendem Maße zur Analyse kostenrechnerischer Probleme der Verhaltenssteuerung herangezogen914. In dieser versucht man über formal-analytische Modelle herzuleiten, wie die Verträge zwischen Principal und Agent bei unterschiedlichen Bedingungen optimal zu gestalten sind. Dabei geht man in den Prämissen, der mathematischen Formulierung und der Ableitung von Modellergebnissen sehr streng vor. Durch die klare Angabe von Verhaltens- sowie Situationsprämissen und die Deduktion anhand mathematischer Modelle lassen sich formal abgesicherte Erkenntnisse herleiten. Im Unterschied zu verhaltenswissenschaftlichen Ansätzen besitzen der empirische Gehalt und die empirische Überprüfung der Prämissen sowie Ergebnisse dieser Modelle zumindest bislang kein zentrales Gewicht. Vielmehr handelt es sich um ein Konzept mikroökonomischer Analyse, bei dem die logische Analyse anhand formaler Modelle im Vordergrund steht. Mit der Betrachtung der Beziehungen zwischen Auftraggeber und Auftragnehmer sind Principal-Agent-Modelle vor allem auf Probleme der Verhaltenssteuerung gerichtet. Deshalb lassen sie sich für die Kosten- und Erlösrechnung im Hinblick auf diesen Rechnungszweck nutzen. Mit ihnen erhält man ein Instrumentarium zur theoretischen Analyse von Ansätzen und Verfahren der Kosten- und Erlösrechnung. Daher handelt es sich nicht im eigent- 914 Zum Überblick EWERT, R./WAGENHOFER, A. (Unternehmensrechnung), S. 423 ff.

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Zusammenfassung

Dieses Standardwerk liefert Ihnen einen umfassenden Überblick über die Aufgaben, Techniken und Systeme der Kosten- und Erlösrechnung. Zunächst führt es in die Grundlagen ermittlungsorientierter Systeme ein. Dazu gehören die Kostenarten-, Kostenstellen- und Kostenträgerrechnung, ein Spektrum, das in jeder Vorlesung zur Kostenrechnung gelehrt wird. Daran schließt sich die Darstellung planungs- und verhaltenssteuerungsorientierter Systeme an. Dabei handelt es sich um Methoden wie Prozesskosten-, Grenzplankosten- oder Deckungsbeitragsrechnungen und Target Costing, die im Alltag von höchster praktischer Relevanz sind. Abgeschlossen wird das Buch durch die Behandlung aktueller Weiterentwicklungen auf dem Gebiet der Kostenrechnung. Hierbei spielen insbesondere die Herausforderungen der Preisregulierung bei den Strom-, Gas- und Telekommunikationsmärkten eine große Rolle.

Die Autoren

Prof. Dr. Marcell Schweitzer lehrte Betriebswirtschaftslehre an der Universität Tübingen.

Prof. Dr. Dr. h.c. Hans-Ulrich Küpper ist Inhaber des Lehrstuhls für Produktionswirtschaft und Controlling an der LMU in München.