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I. Gegenstand und Zwecksetzungen des Behavioral Accounting in:

Marcell Schweitzer, Hans-Ulrich Küpper

Systeme der Kosten- und Erlösrechnung, page 641 - 644

10. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3804-8, ISBN online: 978-3-8006-4414-8, https://doi.org/10.15358/9783800644148_641

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

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4. Kapitel: Darstellung und Analyse verhaltenssteuerungsorientierter Systeme der Kosten- und Erlösrechnung In den vergangenen Jahren sind das Gewicht und die eigenständige Bedeutung des Rechnungsziels der Verhaltenssteuerung klarer erkannt worden. In vermehrtem Umfang hat man Ansätze entwickelt, mit denen sich Erkenntnisse und Informationen zu seiner Erfüllung ableiten lassen. Die Notwendigkeit einer speziellen Beachtung dieses Rechnungszwecks liegt darin, dass die Bestimmung optimaler Handlungsalternativen nicht ausreicht, die erarbeiteten Pläne müssen auch umgesetzt werden. Dazu sind die betroffenen Mitarbeiter so zu beeinflussen, dass sie die in der Planung ausgewählten Maßnahmen durchführen. Um dies zu erreichen, ist es erforderlich, im Rechnungssystem die Verhaltenseigenschaften der betroffenen Menschen, ihre individuellen Ziele sowie ihre jeweiligen Informationsstände zu berücksichtigen und die Informationsbereitstellung auf diese auszurichten. In den planungsorientierten Systemen geht man explizit oder implizit davon aus, dass die Entscheidungen von einem einzigen Entscheidungsträger oder von Entscheidungsträgern mit übereinstimmenden Zielen und Informationen getroffen werden. Darüber hinaus nimmt man an, dass deren Durchführung keine Probleme aufwirft, die sich aus individuellem und nicht plankonformem Verhalten der Mitarbeiter ergeben. Diese vereinfachenden Prämissen werden in den Systemen aufgehoben, die auf eine Verhaltenssteuerung gerichtet sind. Bei ihnen treten die als Entscheidungsträger oder Ausführende tätigen Personen in den Mittelpunkt der Betrachtung. Man untersucht, welche Größen für deren Verhalten bestimmend sind und wie sich dieses Verhalten mit Informationen der Kosten- und Erlösrechnung beeinflussen lässt. Sie sind auf die Durchführung der Planung gerichtet. Im Unterschied zu der im dritten Kapitel berücksichtigten Steuerung der Planrealisation liegt der Schwerpunkt jedoch nicht auf den in dieser Phase des Führungsprozesses zu treffenden Sachentscheidungen, sondern auf den Verhaltensinterdependenzen. In diesen Systemen bestimmt man daher Ziel- oder Vorgabegrößen, deren Wirkung auf das Verhalten durch eine Verknüpfung mit monetären Anreizsystemen verstärkt werden kann. Damit gewinnt die Frage eine Bedeutung, wie sich das Unternehmensziel erreichen lässt, auch wenn die untergeordneten Entscheidungsträger und die Ausführenden individuelle oder Bereichsziele verfolgen und über einen anderen Informationsstand als die zentrale Unternehmensleitung verfügen. A. Verhaltenswissenschaftliche Ansätze einer verhaltenssteuerungsorientierten Kosten- und Erlösrechnung (Behavioral Accounting) I. Gegenstand und Zwecksetzungen des Behavioral Accounting 1. Verhaltenswirkungen als Gegenstand des Behavioral Accounting Seit ca. 1960 ist in den angelsächsischen Ländern das Behavioral Accounting zu einer wichtigen Forschungsrichtung der Unternehmungsrechnung geworden. Sein Ausgangspunkt weicht zumindest in zweifacher Hinsicht von den bisher dargestellten Untersuchungen zur Kosten- und Erlösrechnung ab. Beim Behavioral Accounting ? stehen die Wirkungen von Informationen auf das Verhalten von Menschen im Zentrum der Betrachtung und ? bilden Theorien sowie Methoden der Verhaltenswissenschaften die Grundlage der Erkenntnisgewinnung. Die Informationsgewinnung und -bereitstellung in der Unternehmungsrechnung dient der Entscheidungsfindung und -durchsetzung. Planung und Steuerung im Sinne einer Planumsetzung sowie Verhaltensbeeinflussung sind daher ihre maßgeblichen Zwecksetzungen. Dies bedeutet vor allem, dass mit ihnen bei der Nutzung von Informationen für das Treffen eigener Entscheidungen und mit der Verwendung von Vorgabe- sowie Kontrollinformationen gegenüber Bereichen, Stellen und Mitarbeitern eigenes und fremdes menschliches Verhalten beeinflusst wird. Deshalb befasst sich das Behavioral Accounting mit den Beziehungen zwischen dem menschlichen Verhalten und der Unternehmungsrechnung836. Es rückt die hierbei auftretenden ein- und wechselseitigen Wirkungen in den Mittelpunkt der Untersuchung. Die Art derartiger Wirkungen lässt sich durch eine Betrachtung der verschiedenen Informationsarten837 veranschaulichen. Faktische Informationen wie Istkosten oder Isterlöse geben realisierte Tatbestände wieder. Sie vermitteln daher ein Wissen über Gegebenheiten der Wirklichkeit. Durch ihre Weitergabe wird der Kenntnisstand des Empfängers verändert. Soweit er die entsprechenden Inhalte akzeptiert, geht er bei seinen Entscheidungen von einer anderen Einschätzung der relevanten Fakten als vor dem Erhalt der Information aus. Prognostische Informationen beziehen sich auf künftige Tatbestände und bringen Erwartungen zum Ausdruck. Durch sie wird Verhalten insbesondere dann beeinflusst, wenn sie sich auf Wirkungen in Form von Belohnungen oder Bestrafungen beziehen, die den zu Beeinflussenden unmit- 836 Vgl. SIEGEL, G./RAMANAUSKAS-MARCONI, H. (Behavioral Accounting), S. 13 ff. 837 Vgl. hierzu WILD, J. (Unternehmungsplanung), S. 122 ff. A. Behavioral Accounting 611 telbar betreffen. Damit informieren sie über positive oder negative Anreize. Ganz offensichtlich und bewusst ist der Beeinflussungscharakter bei Vorgabeinformationen. Als Handlungsanweisungen sollen sie das Verhalten des Betroffenen unmittelbar bestimmen. Sie stellen präskriptive Informationen dar. In diese Klasse gehören auch Wertungen, mit denen der Informierende eine Beurteilung zum Ausdruck bringt. Vielfach will er damit beim anderen eine entsprechende Bewertung erreichen, die sich auf dessen Verhalten auswirkt. Schließlich kann eine Verhaltensbeeinflussung mit konjunktiven Informationen bezweckt werden. Diese zeigen lediglich Möglichkeiten auf, ohne einen Tatbestand fest zu behaupten oder vorauszusagen. Mit ihnen kann der zu Informierende auf denkbare Entwicklungen hingewiesen werden, damit er ggf. in seiner bisherigen Haltung verunsichert oder zu weiterer Informationseinholung veranlasst wird. Diese skizzenhaften Aussagen basieren auf Plausibilitätsüberlegungen. Sie nehmen höchstens indirekt Bezug auf typische Eigenschaften des Menschen und lassen wichtigere andere Einflussgrößen des Verhaltens außer Acht. Sie sind weder durch formale oder empirische Theorien, noch durch Ergebnisse empirischer Erhebungen untermauert. Daran wird deutlich, wie wichtig die weitere Forschung auf dem Gebiet des Behavioral Accounting ist. 2. Empirische Erkenntnisgewinnung als allgemeine Zwecksetzung des Behavioral Accounting Die allgemeine Zwecksetzung des Behavioral Accounting kann darin gesehen werden, empirisch prüfbare und nach Möglichkeit bestätigte Erkenntnisse über die Beziehungen zwischen Unternehmungsrechnung und menschlichem Verhalten zu gewinnen. Sie ist damit allgemeiner und grundsätzlicher als die in den vorigen Kapiteln gekennzeichneten Rechnungszwecke verschiedener Systeme. Die Arbeiten im Bereich des Behavioral Accounting haben zu keinem spezifischen System der Kosten- und Erlösrechnung geführt. Vielmehr bilden sie eine Basis, welche für die Gestaltung insbesondere verhaltenssteuerungsorientierter Systeme genutzt werden kann. Zudem handelt es sich um kein geschlossenes Aussagensystem, sondern um eine Vielzahl von Untersuchungen und Ansätzen, die sich auf verschiedenartige Problemstellungen beziehen. Die Arbeiten zu diesem Forschungsgebiet liefern kein einheitliches Bild838. 3. Spezifische Zwecksetzungen des Behavioral Accounting Aus der allgemeinen Zwecksetzung des Behavioral Accounting lassen sich mehrere konkretere Zwecke ableiten. Ihre Gemeinsamkeit besteht darin, empirische Hypothesen und Realtheorien über die Verhaltenswirkungen von Informationen zu formulieren und zu überprüfen. Hierzu ist es erforderlich, 838 Vgl. BIRNBERG, J.G. (Trends); SCHOENFELD, H.-M. (Behavioral Accounting). 4. Kapitel: Verhaltenssteuerungsorientierte Systeme der KER612 die wichtigsten Einflussgrößen für diese Verhaltenswirkungen sowie die Wirkungsformen von Informationen herauszufinden. Mit ihnen lassen sich dann Aussagen über das Verhalten der Benutzer von Rechnungsweseninformationen begründen. Soweit man derartige Kenntnisse besitzt, können diese zur Verhaltensbeeinflussung herangezogen werden. Für die Kosten- und Erlösrechnung liegt deshalb ein maßgeblicher Zweck darin, die Erkenntnisse zur Verhaltenssteuerung zu nutzen. Hierbei "... geht es darum, das Verhalten von Managern nachgeordneter Ebenen und von Mitarbeitern dahingehend zu beeinflussen, dass durch Benutzung geeigneter Informationen Kongruenz mit der Zielsetzung der Unternehmensleitung gesichert wird."839 Die Untersuchungen des Behavioral Accounting sollen danach zu einem wesentlichen Teil dazu dienen, das Handeln der in einer Unternehmung tätigen Personen auf die Unternehmensziele auszurichten. In dieser Zwecksetzung besteht eine Übereinstimmung mit den im nachfolgenden Abschnitt B beschriebenen Principal- Agent-Ansätzen. Jedoch geht man methodisch anders vor. Während man im Behavioral Accounting verhaltenswissenschaftliche Konzepte anwendet, sind die auf die Kosten- und Erlösrechnung angewandten Principal-Agent- Modelle formal entscheidungsorientiert. In ersteren stehen die Gewinnung empirischer Erkenntnisse und deren Überprüfung an der Realität im Zentrum. Dagegen sind für Principal-Agent-Ansätze eine strenge, eher normative Prämissensetzung und die logische Überprüfbarkeit der aus den Modellen abgeleiteten Ergebnisse maßgebend. Wenn man den Einfluss der Unternehmungsrechnung in der Realität beobachtet, wird rasch erkennbar, dass sie vielfach nicht die gewünschten Wirkungen auslöst. So kann es sein, dass ausführende Mitarbeiter auf anspruchsvolle Kostenvorgaben nicht mit einer Leistungssteigerung reagieren, sondern gleich schnell wie vorher arbeiten oder ihre Leistung sogar reduzieren. Kontrollen können dazu führen, dass Menschen eingeschüchtert werden und sich mehr auf eine Absicherung gegen Fehler als ein intensiveres Arbeiten konzentrieren. Man muss daher die Bestimmungsgrößen für das Auftreten 'dysfunktionaler' Wirkungen kennen, um sie durch eine entsprechende Gestaltung verhaltenssteuerungsorientierter Rechnungssysteme so weit wie möglich zu vermeiden. II. Verhaltenswissenschaftliche Grundlagen und wichtige Untersuchungsbereiche des Behavioral Accounting 1. Verhaltenswissenschaftliche Wurzeln des Behavioral Accounting Das Behavioral Accounting nutzt verhaltenswissenschaftliche Methoden und Theorien. Dabei greift es auf drei Nachbardisziplinen zurück, die Psychologie, die Soziologie und die Sozialpsychologie840. Diese verhaltenswissenschaftlichen Disziplinen versuchen, menschliches Verhalten 839 Vgl. SCHOENFELD, H.-M. (Behavioral Accounting), Sp. 282. 840 Vgl. SIEGEL, G./RAMANAUSKAS-MARCONI, H. (Behavioral Accounting), S. 16 ff.

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Zusammenfassung

Dieses Standardwerk liefert Ihnen einen umfassenden Überblick über die Aufgaben, Techniken und Systeme der Kosten- und Erlösrechnung. Zunächst führt es in die Grundlagen ermittlungsorientierter Systeme ein. Dazu gehören die Kostenarten-, Kostenstellen- und Kostenträgerrechnung, ein Spektrum, das in jeder Vorlesung zur Kostenrechnung gelehrt wird. Daran schließt sich die Darstellung planungs- und verhaltenssteuerungsorientierter Systeme an. Dabei handelt es sich um Methoden wie Prozesskosten-, Grenzplankosten- oder Deckungsbeitragsrechnungen und Target Costing, die im Alltag von höchster praktischer Relevanz sind. Abgeschlossen wird das Buch durch die Behandlung aktueller Weiterentwicklungen auf dem Gebiet der Kostenrechnung. Hierbei spielen insbesondere die Herausforderungen der Preisregulierung bei den Strom-, Gas- und Telekommunikationsmärkten eine große Rolle.

Die Autoren

Prof. Dr. Marcell Schweitzer lehrte Betriebswirtschaftslehre an der Universität Tübingen.

Prof. Dr. Dr. h.c. Hans-Ulrich Küpper ist Inhaber des Lehrstuhls für Produktionswirtschaft und Controlling an der LMU in München.