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E. Aussagefähigkeit ermittlungsorientierter Istkosten- und -erlösrechnungen in:

Marcell Schweitzer, Hans-Ulrich Küpper

Systeme der Kosten- und Erlösrechnung, page 237 - 240

10. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3804-8, ISBN online: 978-3-8006-4414-8, https://doi.org/10.15358/9783800644148_237

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

Bibliographic information
E. Aussagefähigkeit ermittlungsorientierter Istkosten- und -erlösrechnungen Istkosten- und -erlösrechnungen weisen im Allgemeinen keine tiefergehende produktions- und kostentheoretische oder entscheidungstheoretische Fundierung auf. Die Ermittlung der Istwerte erfordert geeignete Messverfahren, setzt jedoch im Normalfall keine empirischen Kosten- oder Leistungsfunktionen voraus. Die Erfassung von Kosten und Erlösen knüpft bei einer Vielzahl von Einsatz- und Absatzgüterarten an anderen Ermittlungssystemen der Unternehmungsrechnung an, beispielsweise der Finanzbuchhaltung in Bezug auf die Ein- und Auszahlungen, der Materialrechnung für die eingesetzten Stoffe sowie der Anlagenbuchhaltung und der Lohn- und Gehaltsrechnung. Die innerbetrieblichen Verbräuche können vielfach aus EDV-gestützten Systemen der Betriebsdatenerfassung abgeleitet werden. Die Systeme zur Erfassung der Istkosten und -erlöse können so gestaltet werden, dass ihre Ergebnisse in hohem Maße nachprüfbar und damit zuverlässig sind. Soweit Daten der Kosten- und Erlösrechnung aus der Finanzbuchhaltung und Bilanzrechnung abgeleitet werden, wird diesem Gesichtspunkt durch die Erfordernisse der steuerlichen und gegebenenfalls handelsrechtlichen Prüfung besonders Rechnung getragen. Aus diesen Gründen können in der Kosten- und Erlösartenrechnung Daten mit einem hohen Grad an Zuverlässigkeit gewonnen werden. Die Aussagefähigkeit der in der Stellen- und Trägerrechnung sowie der Stück- bzw. Periodenerfolgsrechnung ermittelten Daten wird maßgeblich durch die vorgenommene Verteilung von Kosten und Erlösen bestimmt. Eine verursachungsgemäße Zuordnung setzt die Kenntnis der empirischen Zusammenhänge und damit von Kosten- und Erlösfunktionen voraus. Derartige Funktionen werden jedoch in Systemen, die nicht zu Plankosten- und -erlösrechnungen ausgebaut sind, kaum aufgestellt. Vielmehr wendet man in ihnen üblicherweise Verteilungsverfahren und Schlüssel an, die auf Plausibilitäts- überlegungen beruhen. Hierdurch können die Überprüfbarkeit und die Aussagefähigkeit der ermittelten Daten maßgeblich beeinträchtigt werden. Die Art der Verteilung ist von den verfolgten Rechnungszielen her zu beurteilen. Die Erfüllung von Dokumentationszwecken ergibt sich aus den Vorschriften und Regelungen beispielsweise des Handels- bzw. Steuerrechts oder innerbetrieblicher Satzungen, welche die Dokumentation vorschreiben. Deshalb lässt sie sich nicht allgemein beurteilen. Soweit Abbildung und Dokumentation eine Grundlage für Planungs- und Steuerungszwecke sind, wird ihre Gestaltung und damit ihre Aussagefähigkeit von der Struktur des Gesamtsystems als Voll- oder Teilkostenrechnung bestimmt. Planung, deren Realisation in der Steuerung und Verhaltenssteuerung beziehen sich auf künftige Handlungen. Ihre Unterstützung durch ein Informationssystem erfordert daher zukunftsgerichtete Daten. Deshalb liefern Istrechnungen keine für sie geeigneten Informationen. Aus Daten der Vergangenheit lässt sich nur mit Hilfe theoretischer Hypothesen wie z.B. statistischen Zeitreihenanalysen auf künftige Ereignisse schließen. Diese sind aber 206 2. Kapitel: Ermittlungsorientierte Systeme der Kosten- und Erlösrechnung Teil einer Planrechnung. Damit sind rein ermittlungsorientierte Rechnungen, die keinen Bestandteil einer umfassenden planungs- oder verhaltenssteuerungsorientierten Rechnung bilden, zur Fundierung von Entscheidungen und damit zur Planung sowie die sie umsetzende Steuerung nicht geeignet. Jedoch lassen sich mit Istrechnungen einfache Formen der Kontrolle, nämlich Zeit- und Betriebsvergleiche, durchführen. Soweit diese dazu dienen sollen, das Verhalten von Entscheidungsträgern und Mitarbeitern zu beeinflussen, könnten sie eine verhaltenssteuernde Wirkung gewinnen. In Zeitvergleichen stellt man die Istkosten und/oder -erlöse des zu kontrollierenden Tatbestands, d.h. z.B. einer Stelle, eines Kostenträgers, des Periodenerfolgs o.ä., deren Ausprägungen zu einem früheren Zeitpunkt gegenüber. Ein positive Entwicklung kann der beispielsweise für die Stelle, das Produkt oder den Bereich Verantwortliche als Bestätigung und Motivation empfinden. Zeigen sich negative Veränderungen, so kann dies ein Ansporn zu intensivem und verbessertem Handeln sein. Ein solcher Vergleich zwischen vergangenen und heutigen Istgrößen hat jedoch nur eine begrenzte Aussagekraft, da in ihm die Ursachen der Kosten- und Erlösveränderungen und die Möglichkeiten einer besseren Zielerreichung nicht sichtbar werden. Für eine Analyse ihrer Ursachen würde man empirische Kosten- und Erlösfunktionen benötigen. Die Vergleichsgröße bildet als Istwert aus einer vergangenen Periode keinen zuverlässigen Normwert. Da dieser nicht über eine Planung bzw. kein Konzept zur Verhaltenssteuerung bestimmt worden ist, kann er z.B. auf unwirtschaftlichen Prozessen beruhen. Deshalb wird der jetzt gemessene Istwert möglicherweise mit einem schlechten älteren Istwert ("Schlendrian mit Schlendrian") verglichen. Eine positive Veränderung gegenüber früher muss nicht bedeuten, dass eine zufrieden stellende Zielerreichung vorliegt. Entsprechende Gesichtspunkte gelten für Betriebsvergleiche. Bei ihnen stellt man im Rahmen einer Istrechnung die realisierten Werte verschiedener Abrechnungsbezirke einander gegenüber. Also vergleicht man beispielsweise die Kosten oder Erlöse mehrerer Stellen, Abteilungen oder der ganzen Unternehmung. Dies ist aber nur zweckmäßig, wenn die verglichenen Einheiten vergleichbar sind. Sie müssen also zumindest ähnliche Kosten- und Erlösstrukturen aufweisen. Jedoch liefert die Gegenüberstellung ihrer Werte wie beim Zeitvergleich keine Anhaltspunkte über die Ursachen ihrer Differenzen. Hierfür wären ebenfalls Analysen auf der Basis von Kosten- und Erlösfunktionen erforderlich. Desgleichen ist aus den Istwerten ohne nähere theoretische Analysen nicht erkennbar, welche Einheiten wirtschaftlich arbeiten, ob und welche Verbesserungen erreichbar wären. Zeit- und Betriebsvergleiche geben aus diesen Gründen lediglich erste Anhaltspunkte der Kontrolle. Ihre Ergebnisse sind aber auch nicht ohne jede Aussagekraft. Erkenntnisse über Veränderungen in der Zeit oder über die eigene Position gegenüber anderen Einheiten können als Indikatoren genutzt werden, die tiefergehende Analysen auslösen. Ihre unmittelbar verhaltenssteuernde Wirkung ist jedoch begrenzt und nicht genau abschätzbar. Auch daran zeigt sich, dass Istrechnungen vor allem als Teil von planungs- und verhaltenssteuerungsorientierten Rechnungen aussagefähig werden. E. Aussagefähigkeit ermittlungsorientierter Kosten- und Erlösrechnungen 207 Sie lassen sich daher als erster Baustein für ein leistungsfähigeres System der Kosten- und Erlösrechnung einrichten. Soweit in einer Unternehmung bisher kein derartiges Rechnungssystem existiert, bietet es sich an, zuerst eine Istrechnung aufzubauen. Mit ihr erlangt man die empirischen Daten, die für die Analyse der Kosten- und Erlöszusammenhänge benötigt werden. Die Gestaltung der Istrechnung sollte sich an der vorgesehenen Struktur des umfassenderen Systems ausrichten. So ist es im Hinblick auf eine Teilkostenrechnung notwendig, eine differenzierte Datenerfassung und eine Aufspaltung in variable und fixe oder in unterschiedliche relative Einzelkosten vorzunehmen. Je präziser die Erfassung erfolgt, um so breiter ist die Verwendbarkeit der Daten für unterschiedliche Systeme und Rechnungsziele. Wegen der Ausbaufähigkeit von Istrechnungen besitzen die ermittlungsorientierten Systeme daher grundsätzlich eine gute Anpassungsfähigkeit. Die Aktualität der in ihnen ermittelten Daten hängt von den verwandten Instrumenten der Datenerfassung und der Geschwindigkeit ihrer Weiterverrechnung ab. Durch die Nutzung automatisierter Systeme der Betriebsdatenerfassung sowie von Daten- und Methodenbanken ist es durch entsprechendem Dialogbetrieb möglich, Istkosten- und -erlösrechnungen einzurichten, in denen man auf die jeweils aktuellen Daten zugreifen kann. Die Kosten für die Einrichtung einer Istrechnung hängen davon ab, welche Verfahren der Kosten- und Erlöserfassung sowie ihrer Weiterverarbeitung eingesetzt werden. Insbesondere die notwendige Hard- und Software kann recht aufwendig sein. Dennoch wird man die Wirtschaftlichkeit vielfach positiv sehen, wenn das Rechnungssystem zum Bestandteil eines planungsoder verhaltenssteuerungsorientierten Systems werden soll. Auch wenn die Informationen der Istrechnung selbst für Planungs- und Steuerungszwecke nicht, für Kontrollzwecke nur begrenzt verwendbar sind, tragen sie indirekt über die erweiterte Rechnung deutlich zum Nutzen des Gesamtsystems bei. Als notwendige Grundlage fast einer jeden Kosten- und Erlösrechnung wird man dieses Informationssystem meist als wirtschaftlich beurteilen können, wobei genauere Aussagen von seiner konkreten Ausgestaltung und Einbettung in eine umfassendere planungs- und/oder steuerungsorientierte Rechnung abhängig sind. 3. Kapitel: Darstellung und Analyse planungsorientierter Systeme der Kosten- und Erlösrechnung A. Kapitaltheoretische Ansätze und Systeme der Kosten- und Erlösrechnung I. Zielorientierung und Ebenen der Planungsrechnung 1. Ausrichtung der Planungsrechnung auf ein einheitliches Zielsystem Die betriebliche Planung geht rationalerweise von den Oberzielen der Unternehmung bzw. des Entscheidungsträgers aus. Diese sind in einer auf Dauer angelegten Unternehmung längerfristig. Für die Unternehmungsrechnung ergibt sich hieraus, dass ihre planungsorientierten Teilsysteme auf dasselbe Zielsystem ausgerichtet sein sollten. Dies gilt insbesondere im Hinblick auf das für erwerbswirtschaftliche Unternehmungen zentrale Erfolgsziel. Mit einer rationalen Unternehmungsführung ist es schwer vereinbar, in der kurzfristigen (Kosten- und Erlös-) Rechnung ein anderes Erfolgsziel zugrunde zu legen als in längerfristigen (Investitions- und Projekt-) Rechnungen. Kurzund längerfristige Planungen müssen aufeinander abgestimmt sein, was vor allem bedeutet, dass sie der Erreichung desselben Erfolgsziels dienen. Erfolgsziele der kurzfristigen Rechnung müssen dabei nicht identisch mit dem längerfristigen Erfolgsziel sein, da sich die kurzfristige Rechnung auf einen kürzeren Planungshorizont bezieht, von engeren Rahmenbedingungen ausgehen und vereinfacht sein kann. Jedoch müsste ihr Erfolgsziel aus dem längerfristigen Ziel der Planung systematisch abgeleitet sein, damit die kurzfristigen Entscheidungen auch zur Erfüllung des übergeordneten Ziels beitragen.222 In ihrer Zielwahl ist eine privatwirtschaftliche geführte Unternehmung innerhalb des von der Wirtschaftsordnung gegebenen Rahmens grundsätzlich frei.223 Aus rationalen Gründen ist lediglich zu fordern, dass die längerfristige Zielorientierung dem kurzfristigen Ziel übergeordnet ist. Die Untersuchungen der Kapitaltheorie haben eine Reihe von Gesichtspunkten geliefert, nach denen es für rationale Entscheidungsträger plausibel erscheint, bei längerfristigen Entscheidungen den Kapital- oder den Endwert als Erfolgsziel anzustreben. Die Akzeptanz dieser Zielgröße als ein für viele erwerbswirtschaftliche Unternehmungen geeignetes Erfolgsziel hat in Wissenschaft und Praxis deutlich zugenommen. 222 Vgl. SCHWEITZER, M. (Theoretische Anforderungen), S. 164 ff. 223 Vgl. SCHWEITZER, M. (Unternehmensrechnung) , Sp. 2028; SCHWEITZER, M./ZIOLKOWSKI, U. (Unternehmungsrechnung), S. 116 ff.

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Zusammenfassung

Dieses Standardwerk liefert Ihnen einen umfassenden Überblick über die Aufgaben, Techniken und Systeme der Kosten- und Erlösrechnung. Zunächst führt es in die Grundlagen ermittlungsorientierter Systeme ein. Dazu gehören die Kostenarten-, Kostenstellen- und Kostenträgerrechnung, ein Spektrum, das in jeder Vorlesung zur Kostenrechnung gelehrt wird. Daran schließt sich die Darstellung planungs- und verhaltenssteuerungsorientierter Systeme an. Dabei handelt es sich um Methoden wie Prozesskosten-, Grenzplankosten- oder Deckungsbeitragsrechnungen und Target Costing, die im Alltag von höchster praktischer Relevanz sind. Abgeschlossen wird das Buch durch die Behandlung aktueller Weiterentwicklungen auf dem Gebiet der Kostenrechnung. Hierbei spielen insbesondere die Herausforderungen der Preisregulierung bei den Strom-, Gas- und Telekommunikationsmärkten eine große Rolle.

Die Autoren

Prof. Dr. Marcell Schweitzer lehrte Betriebswirtschaftslehre an der Universität Tübingen.

Prof. Dr. Dr. h.c. Hans-Ulrich Küpper ist Inhaber des Lehrstuhls für Produktionswirtschaft und Controlling an der LMU in München.