Content

6.2.4 Mitwirkungs- und Dokumentationspflichten in:

Wolfram Scheffler

Internationale betriebswirtschaftliche Steuerlehre, page 472 - 476

3. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8006-3614-3, ISBN online: 978-3-8006-4406-3, https://doi.org/10.15358/9783800644063_472

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

Bibliographic information
444 6. Zwischenstaatliche Erfolgszuordnung er die Anteile noch nicht veräußert hat, hat er jährlich den schriftlichen Nachweis zu erbringen, dass die Voraussetzungen für die Stundung noch vorliegen (§ 6 Abs. 7 AStG). Kommt es nach dem Wegzug bei den Anteilen zu einer Wertminderung, wird die im Zeitpunkt des Wegzugs festgesetzte Steuer insoweit aufgehoben, sofern der Wertverlust im Zuzugsstaat nicht berücksichtigt werden kann (§ 6 Abs. 6 AStG). Bei anderen Wirtschaftsgütern als wesentliche Beteiligungen an Kapitalgesellschaften unterbleibt eine Besteuerung des Wertzuwachses im Zeitpunkt des Wegzugs: (1) Bei im Inland belegenen Grundstücken bleibt das deutsche Besteuerungsrecht sowohl im Nicht-DBA-Fall als auch im DBA-Fall bestehen (§ 49 Abs. 1 Nr. 2 Buchst. f, Nr. 8 EStG, Art. 13 Abs. 1 OECD-MA), sodass keine Notwendigkeit für eine Wegzugsbesteuerung besteht. (2) Bei den anderen Wirtschaftsgütern des Privatvermögens (so auch bei Anteilen an Kapitalgesellschaften, an denen der Steuerpflichtige zu weniger als 1 % beteiligt ist), verzichtet Deutschland nach dem Wegzug des Steuerpflichtigen auf seinen Besteuerungsanspruch. 6.2.4 Mitwirkungs- und Dokumentationspflichten (1) Erhöhte Mitwirkungspflichten bei Auslandssachverhalten (Grundsätze). Nach dem Amtsermittlungsgrundsatz haben die Finanzbehörden den steuerlich relevanten Sachverhalt zu ermitteln (§ 88 AO). Allerdings ist der Steuerpflichtige zur Mitwirkung bei der Ermittlung des Sachverhalts verpflichtet. Die Steuerpflichtigen müssen deshalb insbesondere die für die Besteuerung erheblichen Tatsachen vollständig und wahrheitsgemäß offen legen und die ihnen bekannten Beweismittel angeben (§ 90 Abs. 1 AO)74. Die grenzüberschreitend ausgeübte Geschäftstätigkeit kann im Inland allerdings nur dann entsprechend den gesetzlichen Vorschriften besteuert werden, wenn den inländischen Finanzbehörden die im Ausland verwirklichten steuerlichen Anknüpfungsmerkmale bekannt sind. Da aufgrund der völkerrechtlichen Souveränität der einzelnen Staaten die Finanzbehörden ihre Ermittlungsmaßnahmen ausschließlich im eigenen Hoheitsgebiet durchführen können, geht für grenzüberschreitend tätige Steuerpflichtige der Umfang der Anzeige-, Aufklärungs- und Mitwirkungspflichten über den im nationalen Bereich geltenden Umfang hinaus. Bei Auslandsachverhalten besteht insoweit eine erhöhte Mitwirkungspflicht, als der Steuerpflichtige den außerhalb von Deutschland verwirklichten Sachverhalt selbst aufzuklären hat, er im Ausland die erforderlichen Auskünfte einholen muss, er im Ausland lebende Zeugen im Inland zu stellen hat, er die erforderlichen Beweismittel, die sich im Ausland befinden, zu beschaffen hat und er Beweisvorsorge zu treffen hat (§ 90 Abs. 2 AO)75. Zusätzlich zur allgemeinen Verpflichtung, bei einer grenzüberschreitenden Geschäftstätigkeit den Sachverhalt aufzuklären und die erforderlichen Beweismittel zu beschaffen, bestehen folgende besondere Regelungen: • Die Gründung und der Erwerb von ausländischen Betrieben sowie Betriebsstätten, die Beteiligung an einer ausländischen Personengesellschaft und der Erwerb von Beteiligungen an einer ausländischen Kapitalgesellschaft, sofern eine unmittelbare Beteiligung von mindestens 10 % oder eine mittelbare Beteiligung von mindestens 25 % vorliegt oder die Summe der Anschaffungskosten aller Anteile mindestens 150 000 € beträgt, sind vom Steuerpflichtigen innerhalb eines Monats dem für ihn zuständigen Finanzamt nach amtlich vorgeschriebenem Vordruck mitzuteilen (§ 138 Abs. 2 AO). 74 Siehe hierzu BMF-Schreiben vom 12.4.2005 (Verwaltungsgrundsätze-Verfahren), BStBl. 2005 I, S. 570, Tz. 2–3.2; Tipke, K./Kruse, H.W., Abgabenordnung, § 90 AO, Tz. 1–17. 75 Siehe hierzu BMF-Schreiben vom 12.4.2005 (Verwaltungsgrundsätze-Verfahren), BStBl. 2005 I, S. 570, Tz. 3.3; Tipke, K./Kruse, H.W., Abgabenordnung, § 90 AO, Tz. 18–30. 6.2 Rechtsgrundlagen 445 • Der Abzug von Betriebsausgaben oder Betriebsschulden wird bei Leistungsbeziehungen mit bestimmten ausländischen Vertragspartnern von der Erfüllung von Mitwirkungsverpflichtungen abhängig gemacht, die über den in § 160 AO festgelegten Umfang hinausgehen: Offenlegung sämtlicher Geschäftsbeziehungen mit dem ausländischen Vertragspartner oder Abgabe einer Versicherung an Eides Statt (§ 16 AStG)76. • Ausdehnung der Pflicht zur Mithilfe im Rahmen der Sachverhaltsaufklärung bei der Beteiligung an einer Zwischengesellschaft, die eine Hinzurechnungsbesteuerung auslöst (§ 17 AStG)77. Kommt der Steuerpflichtige seinen Mitwirkungspflichten nicht oder nicht vollständig nach, führt dies beispielsweise zu einer Minderung der Ermittlungspflichten bei der Sachverhaltsaufklärung (§ 88 AO), zur Nichtberücksichtigung von Ausgaben und Schulden (§ 160 AO), zu einer Reduzierung des Beweismaßes der Finanzbehörden, möglicherweise zu einer Schätzung der Einkünfte nach § 162 Abs. 1, 2 AO sowie eventuell zur Durchführung von Straf- und Ordnungswidrigkeitsverfahren78. (2) Besondere Aufzeichnungs- und Vorlagepflichten nach § 90 Abs. 3 AO. Ergänzend zu den allgemeinen Mitwirkungspflichten des Steuerpflichtigen nach (§ 90 Abs. 1, 2 AO) bestehen im Zusammenhang mit grenzüberschreitenden Vorgängen mit nahe stehenden Personen besondere Mitwirkungs- und Dokumentationspflichten (§ 90 Abs. 3 AO)79. Um eine einheitliche Rechtsanwendung sicherzustellen, wird der Inhalt dieser besonderen Aufzeichnungs- und Vorlagepflichten durch die Gewinnabgrenzungsaufzeichnungsverordnung (GAufzV)80 und durch eine Verwaltungsanweisung des Bundesministeriums der Finanzen konkretisiert (Verwaltungsgrundsätze-Verfahren)81. Diese besonderen Mitwirkungspflichten wurden deshalb eingeführt, weil nach Ansicht des Bundesfinanzhofs außerhalb des Handelsgesetzbuches und des Steuerrechts für die zwischenstaatliche Erfolgszuordnung keine (weiteren) speziellen Nachweispflichten bestehen82. Der Gesetzgeber versucht durch die Erweiterung der Aufzeichnungsund Vorlagepflichten, den Finanzbehörden die Möglichkeit zu geben, bei international tätigen Unternehmen die zwischenstaatliche Erfolgszuordnung besser prüfen zu können. Mit der Einführung von speziellen Aufzeichnungs- und Vorlagepflichten für grenzüberschreitende Leistungsbeziehungen zwischen nahe stehenden Personen folgt der deutsche Gesetzgeber den internationalen Entwicklungen. Trotz erhöhtem Verwaltungsaufwand sind die erweiterten Mitwirkungspflichten auch für die betroffenen Unternehmen letztlich von Interesse, da die Angemessenheit der vereinbarten Verrechnungspreise besser nachgewiesen werden kann. Damit reduziert sich die Gefahr von Doppelbesteuerung, die daraus resultiert, dass die zwischenstaatliche Erfolgszu- 76 Vgl. BMF-Schreiben vom 14.5.2004, BStBl. 2004 I, Sondernummer 1, Tz. 16. 77 Vgl. BMF-Schreiben vom 14.5.2004, BStBl. 2004 I, Sondernummer 1, Tz. 17. 78 Vgl. BMF-Schreiben vom 12.4.2005 (Verwaltungsgrundsätze-Verfahren), BStBl. 2005 I, S. 570, Tz. 4.1–4.5. 79 Siehe hierzu Fischer, L./Kleineidam, H.-J./Warneke, P., Steuerlehre, 2005, S. 551–554; Fischer, W.W./Looks, C./im Schlaa, S., BB 2007, S. 918–923; Jacobs, O.H., International, 2007, S. 822–831; Kroppen, H.-K./Rasch, S., IWB 2003, Fach 3, Deutschland, Gruppe 1, S. 1977–1988; Rasch, S., BB 2007, S. 353–358; Schreiber, R., Stbg 2003, S. 474–488; Wassermeyer, F., DB 2003, S. 1535–1540; Wiechers, K., StuB 2006, S. 693–699. 80 Vgl. Verordnung zu Art, Inhalt und Umfang von Aufzeichnungen im Sinne des § 90 Abs. 3 der Abgabenordnung (Gewinnabgrenzungsaufzeichnungsverordnung) vom 13.11.2003, BStBl. 2003 I, S. 739, geändert durch Art. 9 des Gesetzes vom 14.8.2007, BGBl. 2007 I, S. 1912. Bei der GAufzV handelt es sich um eine Rechtsverordnung i.S.d. Art. 80 GG, die vom Bundesministerium der Finanzen mit Zustimmung des Bundesrats erlassen wurde (§ 90 Abs. 3 Satz 5 AO). 81 Vgl. BMF-Schreiben vom 12.4.2005 (Verwaltungsgrundsätze-Verfahren), BStBl. 2005 I, S. 570. 82 Vgl. BFH vom 17.10.2001, BStBl. 2004 II, S. 171. 446 6. Zwischenstaatliche Erfolgszuordnung ordnung von den inländischen Finanzbehörden anders vorgenommen wird als von den ausländischen Finanzbehörden. In den Anwendungsbereich von § 90 Abs. 3 AO fallen unbeschränkt und beschränkt Steuerpflichtige, die grenzüberschreitende Geschäftsbeziehungen mit nahe stehenden Personen im Sinne des § 1 Abs. 2 AStG unterhalten (§ 90 Abs. 3 Satz 1 AO). Die erhöhten Dokumentationspflichten gelten damit für die Verrechnungspreise, die mit einer in einem anderen Staat ansässigen Tochterkapitalgesellschaft vereinbart werden, an der der Steuerpflichtige eine Beteiligung von mindestens 25 % hält (§ 90 Abs. 3 Satz 1 AO). Sie sind bei der zwischenstaatlichen Erfolgszuordnung bei einer Betriebsstätten sowie bei der Beteiligung an einer Personengesellschaften entsprechend anzuwenden (§ 90 Abs. 3 Satz 4 AO, § 7 GAufzV). Die erweiterten Mitwirkungspflichten gelten sowohl für Outboundfälle als auch für Inboundsachverhalte. Betroffen sind also sowohl Geschäftsvorgänge eines inländischen Steuerpflichtigen mit seiner ausländischen Grundeinheit als auch die Erfolgszuordnung zwischen einem ausländischen Mutterunternehmen und seiner inländischen Betriebsstätte oder seiner inländischen Tochtergesellschaft. Die besondere Aufzeichnungsverpflichtung umfasst eine Sachverhaltsdokumentation und eine Angemessenheitsdokumentation (§ 90 Abs. 3 Sätze 1, 2 AO). Zur Sachverhaltsdokumentation gehören (1) allgemeine Informationen über Beteiligungsverhältnisse, den Geschäftsbetrieb und den Organisationsaufbau mit einer Beschreibung der Tätigkeitsbereiche der einzelnen Einheiten, (2) die Erläuterung der Geschäftsbeziehungen mit nahe stehenden Personen einschließlich der relevanten Verträge und Dokumente und einer Liste der wesentlichen immateriellen Wirtschaftsgüter sowie (3) eine Funktionsund Risikoanalyse mit einer Beschreibung der Wertschöpfungskette83. Durch die Angemessenheitsdokumentation ist darzulegen, ob und inwieweit bei der Verrechnungspreisfindung bzw. der Erfolgsabgrenzung zu einer Betriebsstätte der Fremdvergleichgrundsatz beachtet wurde. Im Rahmen einer Verrechnungspreisanalyse sind die angewandten Verrechnungspreismethoden, die Begründung der Geeignetheit der angewandten Methoden, die Unterlagen über die Berechnung bei der Anwendung der gewählten Verrechnungspreismethode sowie die zum Vergleich herangezogenen Preise und Finanzdaten unabhängiger Unternehmen einschließlich der vorgenommenen Anpassungsrechnungen zusammenzustellen. Der Steuerpflichtige muss aufzeichnen, weshalb er die angewandte Methode hinsichtlich der Art seiner Geschäfte und der sonstigen Verhältnisse für geeignet hält. Es ist allerdings nicht verpflichtet, Aufzeichnungen für mehr als eine Methode zu erstellen. Die Angemessenheit der vereinbarten Verrechnungspreise soll durch externe und interne Fremdvergleichsdaten belegt werden, soweit diese Daten zum Zeitpunkt der Geschäftsbeziehung bei dem Steuerpflichtigen oder bei einer ihm nahe stehenden Person vorlagen oder soweit der Steuerpflichtige sich die Daten mit zumutbarem Aufwand beschaffen kann. Mit Hilfe der Angemessenheitsdokumentation muss es einem sachverständigen fremden Dritten innerhalb einer angemessenen Frist möglich sein, zu prüfen, ob die Abgrenzung der Einkünfte dem Fremdvergleichsgrundsatz entspricht. Durch die Unterlagen soll das ernsthafte Bemühen des Steuerpflichtigen erkennbar werden, den Fremdvergleichsgrundsatz zu beachten. Die Beschaffung von Informationen aus Datenbanken und aus dem Internet ist möglich, sofern bestimmte Voraussetzungen eingehalten werden84. Der Steuerpflichtige muss in besonderen Fällen spezielle Aufzeichnungspflichten erfüllen. Dazu gehören beispielsweise Informationen über die Änderung der Geschäftsstra- 83 Zu Einzelheiten siehe § 1 Abs. 2, § 2, § 4 Nr. 1–3 GAufzV und BMF-Schreiben vom 12.4.2005 (Verwaltungsgrundsätze-Verfahren), BStBl. 2005 I, S. 570, Tz. 3.4.11. 84 Zu Einzelheiten siehe § 1 Abs. 1, 3, § 4 Nr. 4 GAufzV und BMF-Schreiben vom 12.4.2005 (Verwaltungsgrundsätze-Verfahren), BStBl. 2005 I, S. 570, Tz. 3.4.12. 6.2 Rechtsgrundlagen 447 tegien, der Abschluss von Umlageverträgen, Informationen über Verrechnungspreiszusagen und -vereinbarungen mit ausländischen Steuerverwaltungen, Aufzeichnungen über Preisanpassungen beim Steuerpflichtigen als Folge einer Verrechnungspreiskorrektur durch eine ausländische Finanzbehörde, Aufzeichnungen über die Ursachen von Verlusten und über Maßnahmen zur Beseitigung dieser Verluste, sowie bei Funktions- und Risikoänderungen innerhalb des Unternehmens Informationen über Forschungsvorhaben und laufende Forschungstätigkeiten, die im Zusammenhang mit einer Funktionsänderung stehen können und die in den drei Jahren vor der Durchführung der Funktionsveränderungen stattfanden, sofern ein Steuerpflichtiger regelmäßig Forschung und Entwicklung betreibt (§ 5 GAufzV). Die Unterlagen können schriftlich oder elektronisch erstellt werden. Die Aufzeichnungen sind grundsätzlich für jeden Geschäftsvorgang getrennt zu erstellen. Die Aufzeichnungen sind in deutscher Sprache aufzustellen, auf Antrag können hiervon Ausnahmen gemacht werden (§ 2 GAufzV). Für kleinere Unternehmen (sowohl Entgelte für unternehmensinterne Lieferungen nicht mehr als 5 Mio. € als auch Entgelte für unternehmensinterne Leistungen nicht mehr als 500 000 €) bestehen Erleichterungen (§ 6 GAufzV). Der Zeitpunkt der Erstellung der Dokumentationen ist grundsätzlich nicht näher bestimmt. Lediglich für außergewöhnliche Geschäftsvorfälle ist eine zeitnahe Erstellung der Dokumentationsunterlagen gesetzlich vorgeschrieben (§ 90 Abs. 3 Satz 3 AO). Zu den außergewöhnlichen Geschäftsvorfällen gehören insbesondere der Abschluss und die Änderung langfristiger Verträge, die sich erheblich auf die Höhe der Einkünfte des Steuerpflichtigen auswirken, Vermögensübertragungen im Zusammenhang mit Umstrukturierungen innerhalb des Unternehmens, die Übertragung und Überlassung von Wirtschaftsgütern und Vorteilen im Zusammenhang mit wesentlichen Funktions- und Risikoänderungen im Unternehmen, Geschäftsvorfälle im Zusammenhang mit einer für die Verrechnungspreisbildung erheblichen Änderung der Geschäftsstrategie, und der Abschluss von Umlageverträgen (§ 3 Abs. 2 GAufzV). Der enge zeitliche Zusammenhang mit dem Geschäftsvorfall gilt als erfüllt, wenn die Unterlagen innerhalb von sechs Monaten nach Ablauf des Wirtschaftsjahres angefertigt werden, in dem sich der außerordentliche Geschäftsvorfall ereignet hat85. Die Finanzverwaltung soll die Vorlage der erstellten Unterlagen in der Regel nur für die Durchführung einer Außenprüfung verlangen (§ 90 Abs. 3 Sätze 6, 7 AO). Fordert die Finanzbehörde den Steuerpflichtigen zur Vorlage der Sachverhalts- und Angemessenheitsdokumentation auf, sind die Unterlagen innerhalb von 60 Tagen nach der Aufforderung durch die Finanzverwaltung vorzulegen. Bei außergewöhnlichen Geschäftsvorfällen verkürzt sich die Vorlagefrist auf 30 Tage. In begründeten Einzelfällen kann eine Fristverlängerung gewährt werden (§ 90 Abs. 3 Sätze 8–10 AO). (3) Rechtsfolgen bei Verstößen gegen die Mitwirkungspflichten nach § 162 Abs. 3, 4 AO. Die Verletzung der besonderen Aufzeichnungs- und Vorlagepflichten nach § 90 Abs. 3 AO kann zur widerlegbaren Vermutung führen, dass die inländischen Einkünfte höher sind als in der Steuererklärung des Steuerpflichtigen angegeben (§ 162 Abs. 3 AO), und mit der Festsetzung eines Zuschlags i.S.d. § 162 Abs. 4 AO verbunden sein86. Verletzt der Steuerpflichtige seine Mitwirkungspflichten dadurch, • dass er keine Aufzeichnungen vorlegt, • dass die vorgelegten Aufzeichnungen im Wesentlichen unverwertbar sind, 85 Vgl. BMF-Schreiben vom 12.4.2005 (Verwaltungsgrundsätze-Verfahren), BStBl. 2005 I, S. 570, Tz. 3.4.8. 86 Vgl. Bruschke, G., DStZ 2006, S. 575–580; Kiesel, H./Theisen, M., IStR 2006, S. 284–288. 448 6. Zwischenstaatliche Erfolgszuordnung • dass die Aufzeichnungen zu außerordentlichen Geschäftsvorfällen nicht zeitnah erstellt werden oder • dass Zweifel an der Angemessenheit der zwischenstaatlichen Erfolgszuordnung deshalb nicht ausgeräumt werden können, weil eine im Ausland ansässige nahe stehende Person ihre Mitwirkungs- und Auskunftsverpflichtungen nicht erfüllt, ist dies für den Steuerpflichtigen nach § 162 Abs. 3 AO mit zwei Nachteilen verbunden: (1) Es wird die widerlegbare Vermutung aufgestellt, dass seine im Inland zu versteuernden Einkünfte höher sind als die von ihm in seiner Steuererklärung angegebenen Einkünfte (Vermutung der Einkunftsminderung). (2) Ist eine Schätzung vorzunehmen, so insbesondere dann, wenn für Verrechnungspreise die Angemessenheit nur innerhalb einer Bandbreite beurteilt werden kann, ist der für den Steuerpflichtigen ungünstigste Wert anzusetzen87. Legt der Steuerpflichtige keine oder eine unverwertbare Dokumentation vor, kann ein Zuschlag nach § 162 Abs. 4 AO festgesetzt werden. Der Zuschlag beträgt mindestens 5 % und höchstens 10 % des Mehrbetrags der Einkünfte durch die Berichtigung. Der Zuschlag beträgt mindestens 5 000 €, ein Höchstbetrag ist im Gesetz nicht vorgesehen. Legt der Steuerpflichtige die Dokumentation lediglich verspätet vor, beläuft sich der Zuschlag nach § 162 Abs. 4 AO auf mindestens 100 € für jeden vollen Tag, an dem die Vorlagefrist überschritten wurde, höchstens jedoch 1 Mio. €88. Da sich der Zuschlag nach § 162 Abs. 4 AO nach der durch die Berichtigung ausgelösten Erhöhung der Einkünfte richtet und nicht nach den durch die Berichtigung ausgelösten Ertragsteuerzahlungen, wird er unabhängig davon festgesetzt, ob das Unternehmen Gewinne erwirtschaftet oder Verluste ausweist. Der Zuschlag ist nicht als Betriebsausgabe abziehbar (§ 4 Abs. 5 Nr. 12 EStG). (4) Europarechtliche Kurzbeurteilung der besonderen Aufzeichnungs- und Vorlagepflichten bei grenzüberschreitenden Vorgängen mit nahe stehenden Personen. Da die besonderen Aufzeichnungs- und Vorlagepflichten nach § 90 Abs. 3 AO und die Rechtsfolgen bei Verstößen gegen diese Mitwirkungspflichten nur bei grenzüberschreitenden Sachverhalten anzuwenden sind, aber nicht bei rein inländischen Geschäftsbeziehungen, könnte ein Verstoß gegen die Grundfreiheiten des Binnenmarkts (Niederlassungsfreiheit) vorliegen89. Soweit sich die Grundeinheit (Outboundfall) bzw. die Spitzeneinheit (Inboundfall) in einem EU- oder EWR-Staat befinden, ist der persönliche und sachliche Anwendungsbereich der Grundfreiheiten betroffen. Ein Eingriff in die Grundfreiheiten ist offensichtlich. Offen ist allerdings, ob dieser Eingriff aufgrund der besonderen Situation bei Auslandssachverhalten deshalb gerechtfertigt ist, weil nur so der Sachverhalt ermittelt werden kann, bzw. ob die zusätzlichen Mitwirkungspflichten als verhältnismäßig angesehen werden können. 6.2.5 Schiedsverfahrenskonvention Bei der Schiedsverfahrenskonvention aus dem Jahre 1990 (Schiedsstellenkonvention, Schlichtungsübereinkommen) handelt es sich um ein multilaterales Abkommen zwischen den Mitgliedstaaten der EU90. Im Unterschied zu einer Richtlinie ist dieses in- 87 Vgl. BMF-Schreiben vom 12.4.2005 (Verwaltungsgrundsätze-Verfahren), BStBl. 2005 I, S. 570, Tz. 4.6.1, Tz. 4.6.2. 88 Vgl. BMF-Schreiben vom 12.4.2005 (Verwaltungsgrundsätze-Verfahren), BStBl. 2005 I, S. 570, Tz. 4.6.3. 89 Vgl. Hahn, H./Suhrbier-Hahn, U., IStR 2003, S. 84–86; Korts, S./Korts, P., IStR 2006, S. 872. 90 Vgl. Übereinkommen über die Beseitigung der Doppelbesteuerung im Fall von Gewinnberichtigungen zwischen verbundenen Unternehmen, Abl. L 225 vom 20.8.1990, S. 10 sowie BMF-Schreiben vom 13.7.2006, BStBl. 2006 I, S. 461. Die Schiedsverfahrenskonvention ist Teil des

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Besteuerung international tätiger Unternehmen

Das Handbuch gibt einen fundierten Überblick über die Besteuerung deutscher Unternehmen mit internationaler Geschäftstätigkeit. Der erste Teil vermittelt die Grundlagen zu:

* den betriebswirtschaftlichen Grundfragen (Doppelbesteuerung)

* der zwischenstaatlichen Erfolgszuordnung

* der Minderbesteuerung (Umsatzsteuer)

* den Normen des internationalen Steuerrechts

Zusätzlich werden die Zusammenhänge zwischen den steuerrechtlichen Regelungen und den Formen einer grenzüberschreitenden Geschäftstätigkeit detailliert aufgezeigt. Im zweiten Teil werden ausgewählte Teilbereiche der internationalen Unternehmensbesteuerung vertieft dargestellt:

* Empfehlungen zu Rechtsform und Finanzierung einer Auslandsinvestition

* die zwischenstaatliche Erfolgszuordnung und Verteilung der betrieblichen Funktionen zwischen dem Inland und Ausland

* die Umsatzsteuer bei einem grenzüberschreitenden Leistungsaustausch

Das Handbuch richtet sich an Studierende der Wirtschafts- und Rechtswissenschaften, Steuerberater, Wirtschaftsprüfer und Steuerfachleute in der Wirtschaft.

Der Autor

Professor Dr. Wolfram Scheffler ist Inhaber des Lehrstuhls für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Steuerlehre an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.