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Kapitel 3: Theoretische Ebene der Makroökonomie in:

Reiner Clement, Wiltrud Terlau, Manfred Kiy

Angewandte Makroökonomie, page 95 - 144

Makroökonomie, Wirtschaftspolitik und nachhaltige Entwicklung mit Fallbeispielen

5. Edition 2013, ISBN print: 978-3-8006-4480-3, ISBN online: 978-3-8006-4389-9, https://doi.org/10.15358/9783800643899_95

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Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 71 Kapitel 3 Kapitel 3: Theoretische Ebene der Makroökonomie (1) CH = Caut + c × Y (2) Y = CH + SH (3) Y = Caut + c × Y + SH (4) SH = - Caut + (1 – c) × Y = - Caut + s × Y 45° C Y Inhaltsübersicht 3.1 Makroökonomische Modellbildung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 72 3.1.1 Stammbaum der Makroökonomie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 73 3.1.2 Analysemethoden. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 77 3.2 Aggregierte Nachfrage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 86 3.2.1 Gütermarkt – Gleichgewicht von Investitionen und Sparen . . . . . . . . . . . . . 86 3.2.2 Geldmarkt – Einführung des Geldes in die Makroökonomie. . . . . . . . . . . . 90 3.2.3 IS-LM-Modell. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 97 3.2.4 Gesamtwirtschaftliche Nachfragefunktion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 103 3.3 Aggregiertes Angebot . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 106 3.3.1 Lohnfindung, Preissetzung und Arbeitsmarkt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 107 3.3.2 Gesamtwirtschaftliche Angebotsfunktion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 110 3.4 Gesamtwirtschaftliches Totalmodell . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 112 3.5 Fallbeispiele zu Kapitel 3 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 115 Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 72 Teil I Grundlagen: Die drei Ebenen72 Lernzielorientierte Sachverhalte •• Die makroökonomische Theorie erfasst die Realität in Modellen. Je nach der Vorstellung vom Ablauf wirtschaftlicher Prozesse unterscheiden sich diese Modelle. •• Makroökonomische Denkschulen unterscheiden sich vor allem in der Auffassung hinsichtlich der Stabilität marktwirtschaftlicher Systeme, der Erfolgsmöglichkeiten aktiver Wirtschaftspolitik und in der Frage, ob Menschen rational staatliches Handeln antizipieren können. •• Im Mittelpunkt der theoretischen Analyse stehen die Güter-, Geld-, Arbeitsund Devisenmärkte. Diese Märkte lassen sich isoliert untersuchen oder im Zusammenhang betrachten. •• Der Gütermarkt lässt sich vereinfacht durch die private Konsum- und Investitionsgüternachfrage beschreiben. Im Gleichgewicht herrscht eine Übereinstimmung von Sparen und Investieren. •• Die Motive der Geldhaltung lassen sich in eine Transaktion- und Spekulationskasse unterteilen. Im Gleichgewicht entsprechen sich Liquiditätspräferenz und Geldangebot der Notenbank auf dem Geldmarkt. •• Die Verknüpfung von Güter- und Geldmarkt lässt sich im IS-LM-Modell nachvollziehen. Dieses Modell eignet sich zur Diskussion der kurzfristigen Wirkungen der Finanz- und Geldpolitik. •• Die gesamtwirtschaftliche Nachfrage wird vom Preisniveau bestimmt. Das gesamtwirtschaftliche Angebot ergibt sich durch das Zusammenspiel von Preissetzungs- und Lohnsetzungsgleichung. •• Aus dem Zusammenspiel von gesamtwirtschaftlicher Nachfrage und gesamtwirtschaftlichem Angebot ergeben sich die zentralen makroökonomischen Größen Output, Beschäftigung und Inflation. •• Gesamtwirtschaftliche Totalmodelle sind geeignet, die Auswirkungen makroökonomischer Schocks und den Einsatz von wirtschaftspolitischen Instrumenten zu analysieren sowie mögliche Folgewirkungen zu simulieren. 3.1 Makroökonomische Modellbildung Volkswirtschaften sind immer wieder mit makroökonomischen Problemstellungen wie Arbeitslosigkeit, Inflation oder Rezession konfrontiert. Sollen derartige Instabilitäten durch die Wirtschaftspolitik beseitigt bzw. zumindest verringert werden, müssen ihre Ursachen verstanden werden. Die Frage nach den Ursachen zielt nach dem „Warum“ und ist der Theorie zugeordnet. Erklärt werden soll, •• warum einzelne makroökonomische Größen ein bestimmtes Niveau haben, •• warum sich diese Werte im Zeitablauf ändern und •• in welche Richtung diese Änderungen gehen. Die makroökonomische Theorie erfasst die Wirklichkeit in Modellen. Diese ähneln unter bestimmten Gesichtspunkten einer Straßenkarte (Abb. 3.1). Eine solche Karte hat z. B. die Funktion, alle für Autofahrer nutzbaren Strecken darzustellen. Dabei werden Vereinfachungen vorgenommen, z. B. Ortschaften durch Punkte, Straßen durch Linien mit unterschiedlichen Farben und Strichstärken beschrieben. Vernachlässigt werden z. B. Wanderwege, Hausnummern, Ampeln oder Angaben zur Verkehrsdichte. Je nach gewähltem Maßstab erscheinen die Konturen schärfer oder unschärfer. Die Realität selbst wäre sozusagen ein Maßstab 1:1 und würde uns aufgrund ihrer Komplexität keine Orientierung liefern. Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 73 Kapitel 3: Theoretische Ebene der Makroökonomie 73 3.1.1 Stammbaum der Makroökonomie Wir wollen nachfolgend den Stammbaum der Makroökonomie nachzeichnen (Abb. 3.2). Die daraus resultierenden Auffassungen finden sich teilweise in wirtschaftspolitischen Konzepten wieder. Klassik Die Konzeption der Klassik gehört im strengen Sinn nicht zur Makroökonomie, sondern eher zur Mikroökonomie. Ungeachtet dessen wollen wir sie an dieser Stelle berücksichtigen, da sich zentrale Gedanken auch in makroökonomischen Konzepten finden. Wichtigste Vertreter dieser Richtung sind Adam Smith (1723–1790), David Ricardo (1772–1823), Alfred Marshall (1842–1924) und Arthur Cecil Pigou (1877–1969). Diese Klassiker begründeten die Ökonomie als eigenständige ökonomische Disziplin und erklärten erstmals das Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage sowie die Verteilung knapper Ressourcen auf alternative Verwendungszwecke. Die Konzeption der Klassik geht von der immanenten Stabilität des privaten Sektors einer Marktwirtschaft aus. Ein marktwirtschaftliches System ist ohne staatliche Eingriffe in der Lage, wirtschaftliche Probleme wie Rezession und Arbeitslosigkeit zu beseitigen. Instabilitäten einer Marktwirtschaft sind aus dieser Sicht auf eine mangelnde Flexibilität von Güterpreisen und Löhne sowie einen nicht funktionierenden Wettbewerb auf Güter- und Arbeitsmärkten zurückzuführen. Beschäftigungsstand und Einkommen werden auf dem Arbeitsmarkt bestimmt. Im Fall flexibler Löhne kann es zu keiner unfreiwilligen Arbeitslosigkeit kommen. Abb. 3.1: Straßenkarte als Modell Quelle: http://www.hot-maps.de/europe/germany/nrw/bonn/homede.html Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 74 Teil I Grundlagen: Die drei Ebenen74 Durch die Produktionsfunktion ist der Arbeitsmarkt mit dem Gütermarkt verbunden. Jedes Güterangebot führt zu einer entsprechenden Nachfrage, d. h. es kann zumindest längerfristig keinen Nachfragemangel geben (Saysches Gesetz; vgl. dazu Kap. 18). Investitionsgüter werden über den Kreditmarkt durch Ersparnisse finanziert, die von den privaten Haushalten zur Verfügung gestellt werden. Das Kreditmarktgleichgewicht (S = I) führt zu einem gleichgewichtigen Zins. Dieser bestimmt, wie viel der Nachfrage auf Konsum und Investitionen entfallen. Der Geldmarkt bestimmt das Preisniveau, hat aber keine realen Effekte auf Arbeits- und Gütermarkt (Neutralität des Geldes). Das Geld dient nur zur Abwicklung von Transaktionen (Transaktionskasse). Keynesianismus John Maynard Keynes (1883–1946) kritisiert die Modelle der Klassik, in denen kein Platz für Unsicherheit und Erwartungen ist. Die Gesamtwirtschaft, so die Botschaft, ist mehr als die Summe ihre Teile. Damit gilt Keynes als eigentlicher Begründer einer makroökonomischen Perspektive. Im Gegensatz zur (neo-)klassischen Position geht die keynesianische Sichtweise vor dem Hintergrund der Weltwirtschaftskrise des Jahres 1929 von der Instabilität des privaten Sektors einer Marktwirtschaft aus. Psychologische Faktoren spielen eine große Rolle für das wirtschaftliche Verhalten von Menschen. Die Unsicherheit über die Zukunft führt zu Schwankungen und macht das wirtschaftliche System instabil. Die keynesianische Theorie rückt den Gütermarkt und damit die Nachfrageseite in den Mittelpunkt. Im Kern geht es also nicht mehr vorrangig um die Verteilung von Ressourcen, sondern um die kurzfristige Auslastung der Ressourcen. Entscheidend für die Höhe der Beschäftigung und des Volkseinkommens ist die Höhe der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage. Auch das Preisniveau wird auf dem Gütermarkt bestimmt. Steigen die Preise bei ausgelasteten Kapazitäten, kommt es zur Inflation. Makroökonomische Hypothesensysteme Märkte Preisreaktionen unvollkommen vollkommen langsam schnell Er w ar tu ng en st aa tli ch e Ei ng rif fe w en ig er fo lg re ic h er fo lg re ic h ra tio na l st at is ch Keynesianische Modelle Synthese Neoklassik Klassik Abb. 3.2: Makroökonomische Denkschulen Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 75 Kapitel 3: Theoretische Ebene der Makroökonomie 75 Das Angebot schafft sich nicht zwangsläufig selbst seine Nachfrage. Ein Gleichgewicht liegt nur vor, wenn die Ersparnisse der privaten Haushalte vollständig in Investitionen fließen (S=I). Liegt die Ersparnis oberhalb der Investitionen (S>I) kommt es zu einer Nachfragelücke, die durch staatliche Ausgaben geschlossen werden kann. Ersparnis und Konsumnachfrage werden nicht vom Zins, sondern vom Einkommen bestimmt. Der Zins selbst wird nicht auf dem Kreditmarkt, sondern auf dem Geldmarkt gebildet. Die Zinsabhängigkeit der Geldnachfrage kann dazu führen, das Geld nicht nachfragewirksam ist, sondern gehortet wird. Die Volkswirtschaft kann in einem Gleichgewicht bei Unterbeschäftigung verharren, wenn die Produktion nicht abgesetzt werden kann. Neoklassische Gegenrevolution Die neoklassische Gegenrevolution kritisiert keynesianische Modelle, da das menschliche Verhalten nicht systematisch hergeleitet wird. Es wird eine Mikrofundierung der Makroökonomie vorgeschlagen, die gesamtwirtschaftliche Sachverhalte aus dem Verhalten von Menschen erklären. Vertreter dieser Denkrichtung sind Milton Friedman (1912–2006), Thomas Sargant (1943), Robert Lucas (1937) und Edward Prescott (1940). Die Auffassung, dass Marktwirtschaften im Fall flexibler Preise und Löhne zu stabilen Gleichgewichten tendieren, erfährt eine Wiederbelebung. Der wirtschaftliche Organismus verfügt sozusagen über ein starkes Immunsystem, das wirtschaftliche Störungen selbst beseitigt, wenn die Preise flexibel und die Märkte funktionsfähig sind. Im Gegensatz zur keynesianischen Sichtweise wird zumindest ein längerfristiger gesamtwirtschaftlicher Nachfragemangel bestritten und stattdessen die Dominanz der Angebotsseite einer Ökonomie herausgestellt. Staatsversagen kann ebenso große Probleme bereiten wie Marktversagen. Rationale Akteure antizipieren staatliches Handeln. Der Wirkungsgrad der Wirtschaftspolitik sinkt dadurch. Der Staat soll sich folglich aus dem Marktgeschehen so weit wie möglich heraushalten. So soll sich die Geldpolitik vorrangig auf die Stabilisierung der Inflationserwartungen konzentrieren. Weitere zentrale Argumente sind: •• Konjunkturelle Arbeitslosigkeit und strukturelle Arbeitslosigkeit sind getrennte Sachverhalte. Strukturelle Arbeitslosigkeit wird z. B. durch zu hohe Löhne, zu große Gewerkschaftsmacht und ausgeprägte Kündigungsschutzregelungen verursacht. Diese Form der Arbeitslosigkeit lässt sich nicht durch keynesianische Nachfrageprogramme beseitigen. Damit werden nicht nur nachfrageseitige, sondern auch angebotsseitige Problemstellungen einer Ökonomie thematisiert. •• Menschen unterliegen keiner Geldillusion. Für sie zählen nur reale und keine nominalen Größen. Es gibt dann keinen Zielkonflikt zwischen niedriger Arbeitslosigkeit und niedriger Inflation. •• Bei rationalen Akteuren hängt die Ersparnis von der Höhe des Lebenseinkommens und nicht nur vom aktuellen Einkommen ab. Bei kurzfristigen Veränderungen des Einkommens, z. B. durch schuldenfinanzierte Steuersenkungen, wird das Verhalten nur geringfügig verändert. Wirtschaftspolitische Maßnahmen können daher verpuffen. Neue Synthese An den Modellen der Neoklassik wird kritisiert, dass die realen Märkte nicht so perfekt funktionieren, wie es unterstellt wird. Löhne und Preise sind häufig überwiegend starr und Informationen zwischen den Akteuren sind ungleich verteilt. Die Mikrofundierung der Neoklassik wird akzeptiert. Vertreter dieser Denkrichtung sind Gregory Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 76 Teil I Grundlagen: Die drei Ebenen76 Mankiw (1958), Oliver Blanchard (1948), Michael Woodford (1955) und Jordi Galí (1961). Die Marktwirtschaft tendiert aus dieser Sicht nicht zwangsläufig zu einem stabilen Gleichgewicht, zum Teil sind sogar mehrere Gleichgewichte möglich. Ein Marktversagen durch Marktunvollkommenheiten – beispielsweise ungleich verteilte Informationen – ist nicht auszuschließen. Der Staat sollte sich behutsam und stärker als von neoklassischen Ökonomen gewünscht, in das Marktgeschehen einmischen. Einigkeit besteht in der Ausrichtung der Geldpolitik, die hauptsächlich die Inflationserwartungen stabilisieren soll. Staatliche Finanzpolitik kann positive Effekte haben, allerdings sind diese kleiner als in keynesianischen Modellen unterstellt wird. Weitere zentrale Argumente sind: •• Konjunkturelle Arbeitslosigkeit und strukturelle Arbeitslosigkeit sind zu trennen. Eine Bekämpfung der konjunkturellen Arbeitslosigkeit ist durch aktive Wirtschaftspolitik möglich. •• Kurzfristig besteht ein Zielkonflikt zwischen niedriger Arbeitslosigkeit und niedriger Inflation. Ursächlich sind Rigiditäten in der Realwirtschaft (z. B. starre Preise, Informationsasymmetrien). Grundsätzlich passen sich Preise und Löhne nur verzögert an. •• Auch bei rationalen Akteuren hängt die Ersparnis z. B. wegen Kreditbeschränkungen teilweise vom aktuellen Einkommen ab. Kurzfristige Einkommensänderungen, z. B. durch schuldenfinanzierte Steuersenkungen, können durchaus zu Verhaltens- änderungen führen. Zeithorizonte Die beschriebenen Denkschulen unterscheiden sich vor allem in der Frage der Stabilität marktwirtschaftlicher Systeme und seiner Anpassungsmechanismen im Fall von Störungen. Unterschiedlich ist auch die Sicht der Akteure. Handeln diese vorausschauend und rational oder sind sie mit Unsicherheiten konfrontiert, die sich auch in ihren Entscheidungen zeigen? Bei allen Unterschieden zwischen makroökonomischen Theorien gibt es zwei akzeptierte Aussagen: •• Kurzfristig beeinflussen Nachfrageschwankungen die Produktion. •• Mittel- bis langfristig erreicht die Produktion eine Art Gleichgewichtsniveau, dass im Wesentlichen durch die Angebotsseite einer Ökonomie bestimmt wird. Zu klären ist, wie lang die „kurze bzw. mittlere Frist“ sind: •• Kurze Frist (1–3 Jahre): Analysiert wird die Entwicklung einer Ökonomie von Jahr zu Jahr. Größen wie der Kapitalstock werden fix gesetzt, zum Teil wird auch das Preisniveau als konstant angenommen. Es dominieren Schwankungen der Nachfrageseite einer Ökonomie. •• Mittlere Frist (3–5 Jahre): Das Angebot (z. B. Produktionspotential, verfügbare Ressourcen) rückt in den Vordergrund, das Preisniveau ist flexibel. •• Lange Frist (5–10 Jahre und darüber hinaus): Analysiert wird, was die Veränderungen einer Ökonomie im Trend bestimmt (z. B. Sparquote, technischer Fortschritt in der Wachstumstheorie). Alle ökonomischen Größen werden als flexibel betrachtet. Der Zeithorizont ist von großer Bedeutung in der Ökonomie. Betrachten wir dazu das Beispiel der Geldneutralität. Aus Sicht der klassischen Denkschule ist zwischen realen und nominalen Größen zu unterscheiden. Nominale Größen werden in Geldeinheiten, reale Größen in physischen Einheiten gemessen. Veränderungen der Geldmenge beeinflussen nominale Größen, nicht aber reale Größen. Diese Irrelevanz der Geldmenge für reale Größen wird als Geldneutralität bezeichnet. Wir betrachten dazu folgendes Gedankenexperiment. Es wird beschlossen den Meter um die Hälfte zu kürzen. In der Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 77 Kapitel 3: Theoretische Ebene der Makroökonomie 77 Folge wird jede in Meter gemessene Strecke doppelt so lang sein. Die reale Distanz von Punkt A nach Punkt B hat sich dadurch nicht verändert. Würde der Meter so angepasst, würden sich die Menschen irgendwann daran gewöhnen. Karten würden neu gedruckt und Wegweiser anders beschriftet. Kurzfristig würde eine solche Umstellung aber sicher zu großer Verwirrung führen. Mit ökonomischen Sachverhalten verhält es sich ähnlich. Es stellt sich die Frage, ob die Annahme der Geldneutralität realistisch ist. Langfristig können Konzepte wie die Geldneutralität Gültigkeit beanspruchen, in der Analyse kurz- und mittelfristiger Problemstellungen sind andere Konzepte sinnvoller. Jede Denkrichtung hat in der Interpretation bestimmter makroökonomischer Problemstellungen eine Art „Erklärungsnotstand“. So ist durch die Klassik nicht hinreichend zu erklären, warum es trotz sinkender Löhne und Preise zur Zeit der Weltwirtschaftskrise (1929) zu einem weiteren Anstieg der Arbeitslosigkeit gekommen ist. Die keynesianische Denkrichtung kann nicht erklären, warum staatliche Nachfrageprogramme zur Zeit der Stagflation in den 70er Jahren trotz Arbeitslosigkeit die Inflation, nicht aber das Wirtschaftswachstum stimuliert haben. Neoklassische Gegenrevolution und neue Synthese haben Schwierigkeiten in der Argumentation, wie es trotz unterstellter Rationalität der Akteure zur Finanz- und Wirtschaftskrise Anfang 2009 kommen konnte. Schlagwörter •• Klassik •• (Neo-)Klassik •• Keynesianismus •• (In-)Stabilität des privaten Sektors •• neoklassische Gegenrevolution •• neue Synthese •• kurze, mittlere und lange Frist 3.1.2 Analysemethoden Gegenstand der makroökonomischen Analyse sind die Märkte von Volkswirtschaften. Diese aggregierten Transaktionen werden durch Angebot und Nachfrage sowie Preise koordiniert (Abb. 3.3). Grundlegend ist die Einteilung in Güter-, Arbeits-, Geld-, Kapital- und Devisenmarkt. Dort ergeben sich die zentralen makroökonomischen Problemstellungen wie Konjunkturschwankungen, Arbeitslosigkeit, Inflation, Wechselkursveränderung und Wachstumsschwächen. Die makroökonomische Analyse ist überwiegend als positive Theorie zu verstehen, die Informationen über Eigenschaften der Ökonomie aufzudecken versucht und auf die Abgabe von Werturteilen verzichtet. Die Begründung der wirtschaftspolitischen Ziele selbst ist Gegenstand der normativen Theorie. Die genannten Märkte können isoliert betrachtet werden (Partialanalyse). Wichtig sind aber oft die wechselseitigen Zusammenhänge zwischen diesen Märkten, die nur im Rahmen einer Totalanalyse erkennbar sind. So kann die Ursache für Arbeitslosigkeit auf dem Arbeitsmarkt selbst begründet liegen, z. B. wenn die Kosten der Arbeit zu hoch sind oder die angebotene Arbeit nicht die erforderliche Qualifikation besitzt. Allerdings können die Ursachen der Arbeitslosigkeit auch auf dem Gütermarkt liegen, wenn z. B. eine geringe gesamtwirtschaftliche Nachfrage zu einer niedrigeren Kapazitätsauslastung der Unternehmen und in der Folge zur Entlassung von Arbeitskräften führt. Die einzelnen makroökonomischen Teildisziplinen (Inflations-, Konjunktur-, Wachstums- und Beschäftigungstheorie) können im Rahmen der Totalanalyse verknüpft werden (Abb. 3.4). Wir werden in diesem Kapitel zunächst schrittweise einzelne makroökonomische Märkte analysieren. Sie erhalten dadurch Einblick in die makroökonomische Modellbildung. Diese Schritte führen zum gesamtwirtschaftlichen Totalmodell, das die wichtigsten Märkte (Güter-, Geld- und Arbeitsmarkt) in einem Bild zusammenfügt. Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 78 Teil I Grundlagen: Die drei Ebenen78 Durch die Interaktion der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage und des gesamtwirtschaftlichen Angebots werden die (abhängigen) Grundvariablen und Ziele der Makro- ökonomie bestimmt: die Produktion (Output), das Preisniveau und die Beschäftigung. Die unabhängigen Variablen in diesem Modell können als Instrumente der Wirt- Außenhandel Gütermarkt (Güterpreise) Arbeitsmarkt (Löhne) InflationDevisenmarkt(Wechselkurs) Geldmarkt Kapitalmarkt (Zins) Konsum, Sparen, Investieren Wachstum (langfristig) Konjunktur (mittelfristig) Abb. 3.3: Gesamtwirtschaftliche Märkte Konjunkturpolitik Geldpolitik Lohnpolitik Sachinvestitionen technischer Fortschritt Arbeitskräfte Erwartungsbildung der Wirtschaftssubjekte Produktionsfaktoren Gütermarkt Geldmarkt Arbeitsmarkt Außenhandel Devisenmarkt Löhne Wechsel-kurse Wachstumspolitik Preisniveau Zinsniveau Vernetztes Denken in der Makroökonomie Abb. 3.4: Interdependenz gesamtwirtschaftlicher Märkte Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 79 Kapitel 3: Theoretische Ebene der Makroökonomie 79 schaftspolitik interpretiert werden (z. B. Zinsen, Steuern). Sie verändern die gesamtwirtschaftlichen Größen ebenso wie exogene Schocks (z. B. technischer Fortschritt, Naturkatastrophen). Wir werden das Gesamtmodell der Märkte oder Teile des Modells in den Kapiteln 4 bis 25 des Buches aufgreifen, um einzelne Problemstellungen darzustellen und zu analysieren. Funktionen Die Bedingungen auf den makroökonomischen Märkten werden häufig durch Funktionen mit einer oder mit mehreren unabhängigen Variablen beschrieben (Abb. 3.5). Bei einer Funktion mit einer unabhängigen (exogenen) Variablen wird einem Wert der unabhängigen Variablen x eindeutig ein Wert der abhängigen (endogenen) Variablen zugeordnet. Die allgemeine Formulierung lautet: y = f(x). Welche Variablen als endogen oder exogen betrachtet wird, ist von der Fragestellung abhängig. Endogene Variable können in bestimmten Zusammenhängen zu exogenen Variablen werden. Beispielsweise kann einerseits der private Verbrauch (C) in Abhängigkeit vom Einkommen einer Volkswirtschaft (Y) erklärt werden, also C = f(Y); andererseits entspricht das Einkommen der Güternachfrage eines Landes, die sich als Summe von privatem und staatlichem Konsum, Investitionen und Außenbeitrag ergibt: Y = C + G + I + NX. Von Interesse sind die Richtung und das Ausmaß des Zusammenhangs zwischen zwei Variablen. Mathematisch wird beides durch die Steigung der Funktion wiedergegeben, die bei differenzierbaren Funktionen (dies trifft bei ökonomischen Anwendungen in der Regel zu) durch die erste Ableitung der Funktion f‘(x) wiedergegeben wird: •• Wenn gilt: f‘(x) > 0 bzw. df/dx > 0 bzw. dy/dx > 0, liegt ein positiver Zusammenhang zwischen den beiden Variablen vor. Dies ist bei einer Konsumfunktion C = f(Y) der Fall. •• Wenn gilt: f‘(x) < 0 bzw. df/dx < 0 bzw. dy/dx < 0, liegt ein negativer Zusammenhang zwischen den beiden Variablen vor, z. B. bei einer Preis-Absatz-Funktion q = f(p). Funktionen einer unabhängigen Variablen sind bei der Erklärung ökonomischer Zusammenhänge eher selten. Zumeist hängt eine ökonomische Größe von mehreren unabhängigen Variablen ab. Die allgemeine Form dafür lauter: y = f(x1, x2, …xn). Aber die Analyse erfolgt üblicherweise derart, dass zunächst der isolierte Einfluss einer unabhängigen Variablen xi auf y betrachtet wird, wobei die Werte der anderen unabhängigen Variablen als gegeben angenommen werden. Wir drücken solche partiellen Einflüsse häufig durch die Redewendung „ceteris paribus“ (lateinisch: „alles andere gleich bleibend“) aus. Formal werden die Richtung und das Ausmaß des Zusammenhangs mit Hilfe der partiellen Ableitung df/dxi gemessen. Beispielsweise kann der Konsum der privaten Haushalte (C) in Abhängigkeit vom verfügbaren Einkommen (Yv) und einem Zinssatz (i) erklärt werden: C = f(Yv,i). Für die partiellen Ableitungen gilt: df/dYv > 0 und df/di < 0. Graphen Graphen sind die zeichnerischen Repräsentanten von Funktionen. Sie können ökonomische Sachverhalte anschaulich darstellen. Anschaulich zeichnen können wir allerdings nur Funktionen mit einer unabhängigen Variablen. Üblich ist es, den Funktionswert auf der vertikalen Achse (Ordinatenachse) und die unabhängige Variable auf der horizontalen Achse (Abszissenachse) aufzutragen. Eine lineare Funktion mit einer unabhängigen Variablen hat zwei Parameter, eine Konstante a und einen Steigungsparameter b: y = a + b × x. Die Konstante a gibt den Schnittpunkt mit der Ordinatenachse an. Der Steigungsparameter zeigt, um wie viele Einheiten sich y verändert, wenn x um eine Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 80 Teil I Grundlagen: Die drei Ebenen80 Einheit steigt. Wir betrachten dazu das Beispiel einer keynesianischen Konsumfunktion. Der Konsum (CH) wird hier als lineare Funktion des verfügbaren Einkommens (Yv) betrachtet (Abb. 3.5). Die Konstante Caut gibt den Schnittpunkt mit der vertikalen Achse wieder und kann als „Basiskonsum“ interpretiert werden. Die Konstante c repräsentiert die marginale Konsumquote. Sie gibt an um wie viele Geldeinheiten (z. B. €) der private Konsum ansteigt, wenn das verfügbare Einkommen um eine Geldeinheit ansteigt. Funktionen mit mehreren unabhängigen Variablen lassen sich weniger anschaulich oder gar nicht zeichnen. Beispielsweise müssten wir bei zwei unabhängigen Variablen eine dreidimensionale Darstellung wählen. Wenn eine Funktion mehrere unabhängige Variable hat, können wir nur den Zusammenhang des Funktionswertes y mit einer unabhängigen Variablen xi herausstellen und uns mit der Annahme behelfen, dass die anderen unabhängigen Variablen konstant bleiben. In der Makroökonomie ist es häufig so, dass es bei einem gegebenen Zusammenhang zwischen y und xi auch zu einer Veränderung einer anderen konstant gehaltenen exogenen Variablen xj kommt. Dazu müssen wir die Richtung des partiellen Zusammenhangs zwischen y und xj und die Richtung der Veränderung von xj selbst beachten. Ist z. B. der partielle Einfluss von xj auf y positiv, die Veränderung von xj selbst aber negativ, dann kommt es zu einer Verschiebung des Graphen nach unten, d. h. in negative Richtung. Betrachten wir dazu ein weiteres Beispiel (Abb. 3.5). Der Nettoexport (NX), also Exporte minus Importe, Deutschlands sei eine Funktion des inländischen BIP (YD) und des US- BIP (YUSA): NX = f(YD, YUSA) mit df/dYD < 0 und df/dYUSA > 0. Die Nettoexporte sind eine abnehmende Funktion des deutschen BIP. Mit zunehmendem Bruttoinlandprodukt in Deutschland steigen die Importe, während die Exporte konstant bleiben. Insgesamt sinken also die Nettoexporte. Welchen Einfluss hat nun eine Verringerung des US- Einkommens bzw. US-BIP? Der partielle Zusammenhang ist positiv, die Veränderung von YUSA jedoch negativ. Die Nettoexport-Relation verschiebt sich in diesem Fall nach unten, d. h. der Außenbeitrag verschlechtert sich, weil die Exporte aus Deutschland in die USA zurückgehen. Konsum (C) abhängige Variable verfügbares Einkommen (Yv ) unabhängige Variable C = Caut + c • Yv Caut Lage, Steigung und Verlagerung von Funktionen ∆Y ∆C c = ∆C/∆Y Nettoexporte (NX) abhängige Variable NX = f (YD, Y0USA) 0 deutsches BIP (YD) unabhängige Variable NX = f (YD, Y1USA) Y1USA < Y0USA ursprüngliche NX-Relation neue NX-Relation Abb. 3.5: Geometrie der Makroökonomie Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 81 Kapitel 3: Theoretische Ebene der Makroökonomie 81 Gleichungen, Gleichungssysteme und Gleichgewichte Eine Gleichung ist die analytische Darstellung einer Funktion. Zu unterscheiden sind: •• Verhaltensgleichungen: Sie spezifizieren die kausale Relation zwischen bestimmten Variablen auf der Basis von Hypothesen über das Verhalten von Wirtschaftssubjekten. Sie sind das Kernstück von Makromodellen. Der Konsum der privaten Haushalte (CH) kann beispielsweise durch die Gleichung: CH = 100 + 0,9 × Y erklärt werden. •• Technische Gleichungen: Sie sind ein Abbild technischer Gegebenheiten und Vorgänge in Gleichungsform. So ist die Produktionsfunktion die bei gegebenem technischen Wissensstand bestehende Beziehung zwischen dem Volumen der zur Produktion eingesetzten Produktionsfaktoren Arbeit (A) und Kapital (K) sowie dem erreichbaren Output (Y), z. B. Y = A0,6 × K0,4. •• Institutionelle Gleichungen: Sie spezifizieren eine kausale Beziehung, die sich aus institutionellen Nebenbedingungen ergibt. Dahinter steht das Verhalten von Institutionen wie Staat und Zentralbank. Eine einfache Steueraufkommensfunktion unter Verwendung eines durchschnittlichen Steuersatzes (t = 0,4) könnte lauten: T = t × Y = 0,4 × Y. •• Definitionsgleichungen: Sie stellen den rein definitorischen Zusammenhang zwischen einer ökonomischen Größe und anderen Variablen dar. Es handelt sich um sogenannte Identitäten. Ein Beispiel dafür ist die Definitionsgleichung zur Bestimmung der Verwendung des Bruttoinlandsproduktes: BIP = C + I + G + Ex – Im. Gleichungen haben in der Makroökonomie häufig die Form von Gleichgewichtsbedingungen, wobei das Gleichgewicht eine „stabile Situation“ meint. Die Gleichgewichtsbedingung für den Gütermarkt (ohne Ausland) lautet: Y = C(Y) + I + G. Da Y auf beiden Seiten der Gleichung vorkommt, kann es für diese Beziehung nur einen bestimmen Wert von Y geben. Wir finden diesen Gleichgewichtswert, indem wir Y isolieren und danach auflösen. Im Falle der Konsumfunktion C = 100 + 0,9 × Y ergibt sich bei einer Investition von I = 100 und staatlichen Konsumausgaben von G = 200: Y = 100 + 0,9 × Y + 100 + 200 und somit aufgelöst: Y = 4.000 Häufig müssen die wesentlichen Zusammenhänge eines komplexen ökonomischen Systems durch ein System von Gleichungen unterschiedlicher Art beschreiben werden. Die strikte Trennung zwischen unabhängigen und abhängigen Variablen in jeder einzelnen Gleichung wird dabei aufgehoben. Die abhängige Variable der einen Gleichung kann als unabhängige Variable in einer anderen Gleichung auftauchen. In diesem Fall ist eine Lösung eine bestimmte Kombination von exogenen Variablen, die mit allen Gleichungen im System vereinbar ist. Die Erfüllung von Gleichungen wird als makroökonomisches Gleichgewicht interpretiert. Derartige Gleichungssysteme lassen sich rechnerisch lösen und manchmal auch graphisch darstellen. Betrachten wir als Beispiel den Geldmarkt in Deutschland. Das Gleichgewicht auf diesem Markt ist gegeben durch die Relationen von Geldangebot und Geldnachfrage. Das Geldangebot (M) der Europäischen Zentralbank (EZB) sei für Deutschland fix und liege bei 1.000 Mrd. €. Die Geldnachfrage (L) sei abhängig vom nominalen BIP (Y) und dem Nominalzins (i). Die entsprechende Funktion lautet: (1) L(Y,i) = 0,2 × Y – 2.000 × i + 800 Nehmen wir an, das BIP betrage 2.000 €. Im Gleichgewicht stimmen Geldangebot und Geldnachfrage überein. Wir erhalten: (2) 1.000 = 0,2 × 2000 – 2.000 × i + 800 und somit: i = 0,10 (10 %). Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 82 Teil I Grundlagen: Die drei Ebenen82 Der gleichgewichtige Zins beträgt 10 %. Die gleichgewichtige Geldmenge wird durch das Geldangebot bestimmt und beträgt 1.000 Mrd. €. Zeichnerisch bestimmen wir die Lösung, d. h. das Gleichgewicht, durch den Schnittpunkt von Geldangebots- und Geldnachfragefunktion (Abb. 3.6). Diese Lösung ist eine statische Betrachtung. Sehr häufig begnügen wir uns nicht damit, ein Gleichgewicht zu bestimmen, sondern wir fragen, wie sich durch Variation einer Variablen das Gleichgewicht verändert. Wir vergleichen also das alte mit dem neuen Gleichgewicht. Solche Vergleiche bezeichnen wir als komparativ-statische Analyse. In unserem Beispiel kann sich das Gleichgewicht verändern, wenn sich z. B. das Geldangebot um 100 Mrd. € erhöht. (3) 1.100 = 0,2 × 2000 – 2.000 × i + 800 und somit: i = 0,05 (5 %). Graphisch verschiebt sich die Geldangebotsfunktion nach rechts. Im neuen Gleichgewicht ist die Geldmenge höher und die Zinsen sind niedriger. Wenn wir danach fragen, wie viel Zeit ein solcher Prozess in Anspruch nimmt und wie er konkret verläuft, dann tauchen wir in die dynamische Analyse ein. 1970 erhielt Paul Anthony Samuelson den Nobelpreis „für wissenschaftliche Arbeiten, durch welche er eine statische und dynamische wirtschaftliche Theorie entwickelte und aktiv zur Hebung des Niveaus der Analyse in der Wirtschaftswissenschaft beitrug“. Mikroökonomische Fundierung Obwohl die Makroökonomie auf den ersten Blick mit „gesichtslosen“ Aggregaten wie Konsum oder Beschäftigung zu tun hat, stehen hinter diesen Aggregaten menschliche Entscheidungen. In neueren Modellen werden makroökonomische Größen durch mikroökonomische Erklärungsansätze begründet. Beispielsweise lassen sich makroökonomische Konsum- und Investitionsfunktionen mit Annahmen über das individuelle Verhalten von privaten Haushalten bzw. Unternehmen verbinden. Das Handeln von privaten Haushalten, Unternehmen und staatlichen Organisationen wird durch Erwartungen über die Zukunft geprägt. Dies gilt etwa für die Lohnentwicklung, bei der die Erwartungen über die zukünftige Inflationsrate das Lohnniveau und nachfolgend die Arbeitsnachfrage beeinflussen. dynamische Analyse des Prozesses von A nach B komparativ-statischer Vergleich von A und B statische Betrachtung von Punkt A Samuelson, Paul Anthony 1915–2009 (USA) © Nobel Foundation Zentrale Analyseebenen der Makroökonomie i M, L 10% 1.000 ML (Y, i) 5% 1.100 A B Abb. 3.6: Statische, komparativ-statische und dynamische Analyse Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 83 Kapitel 3: Theoretische Ebene der Makroökonomie 83 In ähnlicher Weise sind zahlreiche andere ökonomische Variablen durch Erwartungen über zukünftige Entwicklungen bestimmt. Trotz der großen Bedeutung dieses Problemfeldes haben die Wirtschaftswissenschaften diesem Thema lange Zeit wenig Beachtung geschenkt. So war es in den 70er Jahren nicht ungewöhnlich, dass Erwartungshaltungen einfach als konstant vorausgesetzt wurden. 1995 erhielt Robert Emerson Lucas den Nobelpreis „für seine Formulierung der Theorie rationaler Erwartungen über das Verhalten der verschiedenen Teilnehmer am wirtschaftlichen Geschehen.“ Seitdem wird die Erwartungsbildung in viele Modelle explizit einbezogen. Betrachten wir dazu als Beispiel die Bildung von Inflationserwartungen (πe); (Abb. 3.7; vgl. auch Kap. 13): •• Statische Erwartungen: Die zukünftig erwartete entspricht der gegenwärtigen Inflationsrate: πe = πt. •• Adaptive Erwartungen: Wirtschaftssubjekte sind nicht in der Lage, die Zusammenhänge in der Wirtschaft exakt zu verstehen. Ihre Erwartungen sind daher nicht korrekt, sie passen diese aber unter Berücksichtigung beobachteter vergangener Fehler in der Inflationserwartung an, z. B.: πe = πt + (πt – πt-1). •• Rationale Erwartungen: Wirtschaftssubjekte bilden Erwartungen basierend auf einem Verständnis der Zusammenhänge in der Volkswirtschaft und machen lediglich zufällige aber keine systematischen Fehler, die formal durch Störgrößen (θ) dargestellt werden: πte = f(πt) + θt. Empirische Wirtschaftsforschung Die Gültigkeit von Theorien lässt sich mit Hilfe der empirischen Wirtschaftsforschung testen. Die Anwendung der damit verbundenen statistischen Hilfsmittel auf ökonomische Fragestellungen ist ein eigenes Wissensgebiet namens Ökonometrie. Es ist das große Verdienst Jan Tinbergens (1903–1994), dass er theoretische Wirtschaftsmodelle durch Nutzung der Wirtschaftsstatistik und der Mathematik überprüfbar machte. Konjunkturprognosen, aber auch Voraussagen über Defizite in öffentlichen Haushalten oder Wechselkursentwicklungen, wie sie heute selbstverständlich sind, wurden durch seine Arbeit erst möglich. Sein 1939 veröffentlichtes Hauptwerk, Statistical Testing of Business-Cycle Theories, markiert den Beginn der quantitativen Analyse in den Wirtschaftswissenschaften. Die Nationalökonomie wurde von einer beschreibenden auch Inflation morgen: πeInflation heute: πt Inflation gestern πt-1, πt-2,… Wirtschaftssubjekte Wirtschaftssubjekte Störgrößen, z.B. Ölpreiserhöhungen Störgrößen, z.B. Wechselkursänderungen Erwartungen Lucas, Robert Emerson 1937 (USA) © Nobel Foundation Bildung von Inflationserwartungen Abb. 3.7: Erwartungsbildung am Beispiel der Inflation Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 84 Teil I Grundlagen: Die drei Ebenen84 zu einer analytischen Wissenschaft. Im Jahr 1969 erhielt Jan Tinbergen den Nobelpreis „für Entwicklung und Anwendung dynamischer Modelle zur Analyse von Wirtschaftsprozessen“ (gemeinsam mit Ragnar Anton Kittel Frisch). Auch die späteren Arbeiten Tinbergens basieren stark auf der ökonometrischen Erklärung makroökonomischer Zusammenhänge. So werden formale Beziehungen zwischen Politik- und Zielvariablen abgebildet, die der Wirtschaftspolitik zu rationalen Entscheidungen verhelfen sollen (Abb. 3.8). Wenn wir einen Hinweis darauf enthalten wollen, ob zwei Variable miteinander in Beziehung stehen, dann betrachten wir häufig Zeitreihen. Wir können dann sehen, ob sich beide Variablen gleich- oder gegenläufig verhalten. Im ersten Fall gibt dies Hinweise auf einen positiven, im zweiten Fall auf einen negativen Zusammenhang. Paarweise empirische Zusammenhänge werden in der Makroökonomie häufig durch Korrelationskoeffizienten gemessen. Wir sprechen von positiver, negativer, schwacher und starker Korrelation. Der paarweise Zusammenhang zwischen zwei Variablen lässt sich auch graphisch belegen. Dazu tragen wir die empirischen Ausprägungen der Variablenkombinationen auf der Abszissen- und Ordinatenachse ab. Die Gestalt der Punktwolke gibt uns einen Hinweis auf die Art des Zusammenhangs. Mit Hilfe der Regressionsanalyse versuchen Ökonomen darüber hinaus den kausalen Zusammenhang zwischen zwei oder mehreren Variablen zu ermitteln. Hierfür ist eine Vielzahl von Schätzverfahren entwickelt worden, die lineare bzw. nicht lineare Zusammenhänge „bestmöglich“ analysieren. In der praktischen empirischen Anwendung wird meistens die gewöhnliche Methode der kleinsten Quadrate (OLS-Verfahren; ordinary least squares) verwendet, die lineare (und mit Einschränkungen auch nicht lineare) Beziehungen erfasst. Betrachten wir dazu ein weithin bekanntes Beispiel aus der Makroökonomie, die sogenannte Phillips-Kurve (Abb. 3.9; vgl. Kap. 13): •• Die empirische Beobachtung legt eine negative Korrelation zwischen Veränderung der Inflationsrate (π) und Arbeitslosenquote (ALQ) nahe. •• Die Punktwolke der Kombination von Inflationsveränderung und Arbeitslosenquote deutet ebenfalls auf eine negative Korrelation zwischen beiden Variablen hin. Tinbergen, Jan 1903 – 1994 (Niederlande) © Nobel Foundation Bedeutung von Makro-Modellen für die Politikberatung Makro Modell Politikvariable Zielvariable verändere z.B. • Steuern • Staatsausgaben Gleichungssystem mit abhängigen und unabhängigen Variablen Erhöhung des BIP Abb. 3.8: Tinbergen-Modell Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 85 Kapitel 3: Theoretische Ebene der Makroökonomie 85 Die mit dem OLS-Verfahren ermittelte Regressionsgerade für Deutschland im Zeitraum 1992 bis 2010 lautet: πt = – 0,594356 × ALQt + 6,73813 Bestimmtheitsmaß: R2 = 0,266 (t-Wert: –2,48) (t-Wert: 3,05) Entscheidend für die Frage des Zusammenhangs ist der Steigungsparameter. Er hat den Wert – 0,594356, ist also negativ. Wäre er positiv, würden die Daten der Theorie widersprechen, die einen negativen Zusammenhang vorgibt. Ein „ökonomisch sinnvoller“ Steigungskoeffizient genügt allein nicht, um die Theorie zu stützen. Es kommt darüber hinaus darauf an, ob die geschätzten Koeffizienten statistisch verlässlich sind („signifikant von Null verschieden“) und wie die Güte des gemessenen Zusammenhangs ist. Die Verlässlichkeit der Parameterschätzungen kann durch den Wert der t-Statistik (t-Wert) bestimmt werden. Er errechnet sich aus dem geschätzten Koeffizienten und seiner Standardabweichung. Wenn der T-Wert über 2,3 (bzw. unter –2,3) liegt, ist der geschätzte Parameter mit einer Irrtumswahrscheinlichkeit von 5 % von Null verschieden. Im obigen Beispiel ist dies der Fall. Ein Maß für die Güte des Zusammenhangs ist das Bestimmtheitsmaß (R2) der Regression, das zwischen 0 und 1 liegen kann. Es gibt an, welcher Anteil der Variation der abhängigen Variablen durch die Variation der unabhängigen Variablen erklärt wird. In unserem Beispiel liegt das Bestimmtheitsmaß bei 0,266. Wir können somit zwar nachweisen, dass der Zusammenhang zwischen beiden Größen signifikant ist. Das relativ geringe Bestimmtheitsmaß deutet allerdings darauf hin, dass dieser Zusammenhang unvollkommen ist. Zur weiteren Absicherung des Zusammenhangs müssen dann weitere erklärende Variable aufgenommen werden. Diese Erweiterung wird als Mehrfachregression oder multiple Regressionsrechnung bezeichnet. Sie ist typisch für πt = –0,594356 × ALQt + 6,73813 (–2,48) (3,05) R2 = 0,266 ordinary least squares: 1992–2010 Test auf Gültigkeit der Phillips-Kurve -2,00 0,00 2,00 4,00 6,00 8,00 10,00 12,00 1992 1994 1996 1998 2000 2002 2004 2006 2008 2010 Arbeitslosenquote Inflationsrate Abb. 3.9: Empirische Wirtschaftsforschung als Test von Theorien Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 86 Teil I Grundlagen: Die drei Ebenen86 makroökonomische Sachverhalte, da ökonomische Theorien häufig Funktionen mit mehreren Variablen beinhalten. Die Leistungsfähigkeit der empirischen Wirtschaftsforschung stößt vor allem dort an ihre Grenzen, wo lineare Zusammenhänge durch komplexere Beziehungen abgelöst werden. Zudem sind menschliche Verhaltensweisen nur bedingt der formalstatistischen Analyse zugänglich. Schlagwörter •• Funktionen, Graphen •• Gleichungen, Gleichungssysteme •• Gleichgewichtsbedingungen •• exogene, endogene Variable •• statische Analyse •• komparativ-statische Analyse •• dynamische Analyse •• statische, adaptive, rationale Erwartungen •• positive, normative Theorie •• Partialanalyse, Totalanalyse •• empirische Wirtschaftsforschung •• Ökonometrie 3.2 Aggregierte Nachfrage Die aggregierte Nachfrage gibt an, wie viel die Wirtschaftssubjekte in einer Periode bereit sind, für Güter auszugeben. Wir können die aggregierte Nachfrage als BIP interpretieren. Einflussgrößen der Nachfrageentscheidungen sind die Preise der Güter, das Einkommen, Zukunftserwartungen und das Geldangebot. Die aggregierte Nachfrage ergibt sich also aus dem Zusammenspiel von Gütermarkt und Geldmarkt. 3.2.1 Gütermarkt – Gleichgewicht von Investitionen und Sparen Wir wollen die Analyse zunächst einfach halten und eine geschlossene Volkswirtschaft ohne Staat unterstellen. Die Güternachfrage besteht nur aus der Konsumgüternachfrage der privaten Haushalte und der Investitionsgüternachfrage der Unternehmen. Im Rahmen der Modellbildung benötigen wir Verhaltensfunktionen zur Beschreibung dieser Größen. Private Konsumausgaben Die Konsumausgaben lassen sich durch die absolute Einkommenshypothese darstellen (vgl. Box 3.1; siehe auch Kap. 6). Diese unterstellt das fundamental-psychologische Gesetz des Konsumverhaltens, wonach die privaten Haushalte bei einem Anstieg ihrer Einkommen die Konsumausgaben (CH) nur in einem unterproportionalen Ausmaß erhöhen. Die durchschnittliche Konsumquote (CH/Y) nimmt also mit steigenden Einkommen ab (Tab. 3.1). Der Anstieg der Konsumausgaben bei einem Anstieg des Volkseinkommens um eine Einheit wird als marginale Konsumquote (c) bezeichnet (Abb. 3.10). Simultan mit der Konsumentscheidung fällt die Sparentscheidung (SH). Box 3.1: Konsum und Sparen – Die Verwendung des Einkommens (1) CH = Caut + c × Y (2) Y = CH + SH (3) Y = Caut + c × Y + SH (4) SH = – Caut + (1–c) × Y = – Caut + s × Y Hintergrund: Im einfachsten Fall lassen sich Konsum und Sparen in Abhängigkeit vom laufenden (verfügbaren) Einkommen darstellen. Mit steigendem Einkommen steigt der Konsum in einem unterproportionalen Ausmaß, während die Ersparnis zunimmt. Der autonome, einkommensunabhängige Konsum (Caut) wird vielfach als Existenzminimum einer Volkswirtschaft interpretiert. Diese Sichtweise ist insofern schwierig, Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 87 Kapitel 3: Theoretische Ebene der Makroökonomie 87 da es keine Situationen gibt, in denen das aggregierte Haushaltseinkommen einer Volkswirtschaft Null beträgt. Caut ist daher eher eine theoretische Größe. Sie bestimmt die Lage (Höhe) der Konsumfunktion und fängt verschiedene Einflüsse ein, die auf den Konsum wirken. Ändert sich das Einkommen, dann bewegen wir uns auf der Konsumfunktion. Ändern sich andere Daten des Modells, so führt das zu einer Verlagerung der Konsumfunktion. Würde es z. B. in der Bevölkerung zu einem positiven Stimmungsumschwung kommen, dann würde sich dieses in einem höheren autonomen Konsum niederschlagen. Die Konsumfunktion würde sich nach oben verlagern. Auch ein Einfluss auf die marginale Konsumneigung wäre denkbar. Betrachten wir ein Zahlenbeispiel: CH = 50 + 0,75 × Y. Der Achsenabschnitt ist durch den autonomen Konsum gegeben (Caut = 50). Um die Konsumfunktion zu zeichnen, wählen wir verschiedene Einkommensgrößen. Für ein Einkommen von 1.000 finden wir einen Konsum C in Höhe von 800. Der Schnittpunkt 1 mit der Winkelhalbierenden zeigt eine durchschnittliche Konsumquote von Eins, in der das Einkommen vollständig für den Konsum aufgewandt wird (Abb. 3.10). Sparen Die marginale Sparquote (s) beschreibt die Zunahme der Ersparnis bei einer Erhöhung des Einkommens um eine Einheit. Marginale Konsum- und marginale Sparquote ergänzen sich zu Eins. Die durchschnittliche Sparquote (SH/Y) nimmt mit steigenden Einkommen zu. Die Differenz zwischen Einkommen und Konsum erkennen wir grafisch als vertikalen Abstand von 45°-Linie und Konsumfunktion (Abb. 3.10). Da sich die beiden Geraden in Punkt 1 schneiden, wird bei einem Einkommen in Höhe von 200 weder gespart noch entspart. Hier liegt die Sparschwelle. Bei geringeren Einkommen ist das Sparen negativ, bei höheren Einkommen positiv. Bei einem Einkommen von 1.000 können wir einen Konsum in Höhe von 800 ablesen (Punkt 2). Es werden also 200 gespart. 200 200 1.000 800 1.000 Ausgaben = Nachfrage C = 50 + 0,75 × Y S = - 50 + 0,25 × Y Caut –Caut Sparschwelle 1 2 200 45° (Ausgaben = Einkommen) Konsum und Sparen als simultane Entscheidungen Abb. 3.10: Absolute Einkommenshypothese, Sparschwelle und Sparfunktion Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 88 Teil I Grundlagen: Die drei Ebenen88 Private Investitionen Für die Investitionen (I) unterstellen wir, dass sie aus einem autonomen Teil bestehen und negativ mit dem Zins (i) zusammenhängen: Iaut – d × i (vgl. Kap. 6). Höhere Zinsen führen zu einem Rückgang der Investitionen und umgekehrt. In unserem Zahlenbeispiel verwenden wir folgende Investitionsfunktion: (1) I = 300 – 1.000 × i Im Gleichgewicht des Gütermarktes entsprechen sich Ersparnis und Investitionen (I = S): (2) Y = 50 + 0,75 × Y + SH (3) SH = -50 + (1 – 0,75) × Y = –50 + 0,25 × Y Wir können nun die Gleichgewichtsbedingung I(i) = S(Y) betrachten. Somit gilt: (4) 300 – 1.000 × i = –50 + 0,25 × Y In einem Modell mit variablem Zins existiert für jede Zinshöhe ein Einkommen, das Sparen und Investieren in Übereinstimmung bringt. Das bestätigt sofort ein Blick auf Gleichung (4). Durch die Vorgabe eines Zinssatzes ist die linke Seite der Gleichung eindeutig bestimmt. Durch die Wahl eines geeigneten Einkommens kann dafür gesorgt werden, dass die rechte Seite der Gleichung denselben Wert annimmt. Wird ein anderer Zinssatz vorgegeben, dann ist ein anderes Einkommen erforderlich, um den Ausgleich herzustellen. Die möglichen Zinssatz-Einkommen-Kombinationen ergeben die IS-Kurve (IS bedeutet: Investieren = Sparen; vgl. Box 3.2 und Abb. 3.11). Jeder Punkt zeigt ein Gleichgewicht auf dem Gütermarkt. Beispielsweise betragen bei einem vorgegebenen Zins von 10 % die Investitionen 200 und das gleichgewichtige Einkommen (Y*) liegt bei 1.000: (5) Y = C + I = (50 + 0,75 × Y) + (300 – 1.000 × 0,1) = 0,75 × Y + 250 (6) Y* = 1.000 Auch ohne eine geometrische Konstruktion können wir uns klar machen können, welchen Verlauf die IS-Kurve zeigen muss. Wenn z. B. der Zins auf 5 % fällt, steigen die Investitionen von 200 auf 250. Um einen Ausgleich herzustellen muss das gleichgewichtige Einkommen auf 1.200 erhöht werden, denn nur dann wird eine Ersparnis von 250 erreicht (siehe Gleichung (3)). Sinkende Zinsen gehen also mit steigendem Einkommen einher und umgekehrt. Tab. 3.1: Absolute Einkommenshypothese Y C C/Y dC/dY = c S Interpretation 100 125 1,25 0,75 –25 negatives Sparen 200 150 1 0,75 0 Sparschwelle 500 425 0,825 0,75 75 positives Sparen 1.000 800 0,8 0,75 200 höchster Durchschnittskonsum 1.100 875 0,795 0,75 225 Rückgang des Durchschnittskonsums Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 89 Kapitel 3: Theoretische Ebene der Makroökonomie 89 Box 3.2: IS-Funktion – Das Gütermarktgleichgewicht (1) S = I (2) -Caut + (1-c) × Y = Iaut – d × i (3) IS-Funktion: Y = (Iaut+Caut)/(1-c) – (d/(1-c)) × i bzw. i = (Iaut+Caut)/d – ((1-c)/d) × Y (4) Steigung: dY/di = – d/(1-c) bzw. di/dY = – (1-c)/d Hintergrund: Die IS-Funktion ist der geometrische Ort aller Zins- Einkommens-Kombinationen, die ein Gleichgewicht auf dem Gütermarkt symbolisieren. Zins und Einkommen stehen in einem inversen Verhältnis. Die Steigung der Funktion ist abhängig von den Koeffizienten der Investitions- und Sparfunktion. Faktoren, die zu einer Verschiebung der IS-Funktion führen sind: Eine Erhöhung … führt zur … weil … des Einkommens Rechtsverschiebung die Ersparnis sinkt, der Konsum steigt des Konsums Rechtsverschiebung die Ersparnis sinkt, der Konsum steigt des Zinssatzes Linksverschiebung die Ersparnis steigt, der Konsum sinkt Ungleichgewichte und Anpassungsprozesse In der Ökonomie gibt es Ungleichgewichte. Bezogen auf die IS-Kurve signalisieren Punkte unterhalb der IS-Kurve eine Überschussnachfrage (I > S, inflatorische Lücke, Punkt P in Abb. 3.12) und umgekehrt Punkte oberhalb der IS-Kurve ein Überschussangebot (I < S, deflatorische Lücke, Punkt Q in Abb. 3.12). In einer Situation wie P, die eine Überschussnachfrage beschreibt, werden die Unternehmen ihre Produktion ausdehnen, sofern sie freie Kapazitäten haben (Abb. 3.12 stellt dies durch einen Pfeil dar). 45° C + I + ΔI C + I 1.000 1.200 Y Y Y i 10% 5% i I 10% 5% 200 250 Ursache Wirkung IS-Funktion Eine Senkung des Zinssatzes erhöht die Investitionen und das gesamtwirtschaftliche Einkommen. Die zunehmende Ersparnis führt zu einem Ausgleich von I und S. Investitionsfunktion Gleichgewichtsbetrachtung des Gütermarktes Abb. 3.11: IS-Kurve Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 90 Teil I Grundlagen: Die drei Ebenen90 Beachten Sie, dass die Anpassungsprozesse über die Produktion und nicht über den Zins verlaufen. Dies liegt daran, dass der Zins in diesem Modell nicht auf dem Güter-, sondern auf dem Geldmarkt bestimmt wird. Die IS-Kurve lässt sich durch die Einbeziehung des Auslandes und des Staates erweitern. Wenn die Exporte oder die Staatsausgaben steigen, verlagert sich die IS-Kurve nach rechts. Wenn die autonomen Importe oder die Steuern steigen, verlagert sie sich nach links, weil dem inländischen Kreislauf Einkommen entzogen wird. Zudem ändert sich bei einer Änderung des Steuersatzes oder der marginalen Importneigung die Steigung der Kurve. Da beide eine dämpfende Wirkung auf das Einkommen haben, wird die Kurve jeweils steiler, wenn die beiden Größen steigen. Schlagwörter •• absolute Einkommenshypothese •• Konsumfunktion •• Sparfunktion •• durchschnittliche Konsumquote •• durchschnittliche Sparquote •• marginale Konsumquote •• marginale Sparquote •• Sparschwelle •• IS-Funktion 3.2.2 Geldmarkt – Einführung des Geldes in die Makroökonomie Wir wollen nun Geld in die makroökonomische Analyse einführen. Anders als die Märkte für Güter ist der Geldmarkt in der makroökonomischen Theorie eine Fiktion, denn es existiert kein Ort des Tausches. Der Geldmarkt ist ein Spiegelbild des Tausches auf allen anderen Märkten. Da Güter und Faktorleistungen nur gegen Geld getauscht werden, entfalten sich Geldangebot und Geldnachfrage indirekt auf jedem dieser Märkte. Zins-Einkommen Diagramm: Überschussnachfrage (P) und Überschussangebot (Q) auf dem Gütermarkt lösen Anpassungsprozesse hin zur IS-Kurve aus, die über das Einkommen verlaufen. P (I > S) Q (I < S) Einkommen (Y) Zins (i) 10 5 1.000 1.200 IS-Kurve Ungleichgewichte auf dem Gütermarkt Abb. 3.12: Anpassungsprozesse im IS-Diagramm Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 91 Kapitel 3: Theoretische Ebene der Makroökonomie 91 Abzugrenzen von diesem theoretischen Konstrukt ist der Geldmarkt, auf dem sich die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank abspielt (vgl. Kap. 12). Ein Geldmarktgleichgewicht im theoretischen Sinne liegt dann vor, wenn das zu einem gegebenen Zeitpunkt vorhandene und durch den Finanzsektor bereitgestellte Geldangebot durch die Nichtbanken nachgefragt wird. Dieser Sachverhalt lässt sich durch die LM-Kurve abbilden (L – Liquiditätspräferenzfunktion, M – Money, d. h. Geldangebot). Zur Vereinfachung unterstellen wir ein durch die Notenbank vorgegebenes (autonomes) Geldangebot. Geldnachfrage und Kassenhaltung Geld ist aus Sicht vieler Menschen ein Anlagegut, das Zinserträge erzielen soll. Viele werden daher keine größeren Geldsummen in Form von Bargeld halten. Jedoch wird immer dann Geld benötigt, wenn es für den Kauf von Gütern eingesetzt werden soll. Diese Tauschmittelfunktion des Geldes wird durch die klassische Theorie der Geldnachfrage betont. Für jeden Kauf muss gelten, dass die Geldmenge (M), die als Bezahlung entrichtet wird, der Wertsumme aus Preisen und Mengen der Güter entspricht. Die Summe aller umgesetzten Güter entspricht dem Transaktionsvolumen. Da auch bereits existierende Güter umgesetzt werden (z. B. gebrauchte Häuser, Gebrauchtwagen), sind diese nicht im BIP enthalten. Trotzdem wird vereinfachend angenommen, dass der Bedarf an Transaktionskasse (LT) wesentlich durch das nominale BIP bzw. Einkommen (Ynom) pro Periode bestimmt wird. Die Geldnachfrage ist darauf ausgerichtet, die zeitlichen Unterschiede in den Zahlungseingängen und -ausgängen so zu überbrücken, dass der Wirtschaftsprozess nicht beeinträchtigt wird. Gehen wir davon aus, dass die privaten Haushalte zu Beginn jeden Monats durch Überweisung von Einkommen über eine Transaktionskasse von 250 Mrd. € verfügen und diese schrittweise bis zum Ende des Monats durch Güterkäufe im Unternehmenssektor abbauen (Abb. 3.13). Im Unternehmenssektor befinden sich am Ende des Monats wieder 250 Mrd. € „in der Kasse“, die erneut für die Entlohnung der privaten Haushalte eingesetzt werden. Im Monatsdurchschnitt verfügen die Unternehmen und privaten Haushalte bei unterstellter Gleichverteilung der Konsumgüterkäufe jeweils über eine Transaktionskasse von 250 × 0,5 = 125 Mrd. €. Durch Addition der Transaktionskassen ergibt sich die monatlich vorhandene Geldmenge von 250 Mrd. €. Da jede Geldeinheit im Jahresdurchschnitt 12 Mal genutzt wird, kann mit der vorhandenen Geldmenge von 250 Mrd. € ein wertmäßiger Umsatz bzw. ein nominales BIP (Ynom) von 12 × 250 Mrd. € = 3.000 Mrd. € abgewickelt werden. Die Zahlungsgewohnheiten bzw. -sitten finden ihren Niederschlag in der Umlaufgeschwindigkeit des Geldes (UG). Diese wird dadurch ermittelt, dass dem abgewickelten Transaktionsvolumen die benötigte Transaktionskasse gegenübergestellt wird: (1) UG = 3.000/250 = 12 Wird die Gleichung umformuliert, lässt sich die Nachfrage nach Transaktionskasse bei bekannter Umlaufgeschwindigkeit aufgrund des nominalen BIP bestimmen: (2) (1/12) × 3.000 = 250 Mrd. € Die Größe 1/UG wird als Kassenhaltungskoeffizient (kk) bezeichnet und gibt an, wie lange das Geld im Durchschnitt gehalten wird. Bei einem gegebenem Kassenhaltungskoeffizient, der im Beispiel 0,083 (= 1/12) beträgt, hängt die Höhe der Geldnachfrage nur von der Höhe des nominalen BIP ab. Würde sich das Zahlungsverhalten der Unternehmen so verändern, dass die Löhne nur noch alle zwei Monate gezahlt werden, käme es zu einer Verlangsamung der Umlaufgeschwindigkeit. Zur Abwicklung des BIP von 3.000 Mrd. € würde dann eine Transaktionskasse in Höhe von 500 Mrd. € (= 1/6 × 3.000 Mrd. €) benötigt. Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 92 Teil I Grundlagen: Die drei Ebenen92 Der Bedarf an Transaktionskasse steigt, wenn •• bei gleicher Periodendauer das nominale Einkommen bzw. das BIP steigt, •• bei gleichem Einkommen die Auszahlungsperiode verlängert wird, •• beide Effekte zusammentreffen. Da sich die Zahlungsgewohnheiten in einer Volkswirtschaft eher langsam ändern, können wir sagen, dass die Geldnachfrage (LT) eine relativ stabile Funktion des nominalen BIP oder Einkommens (Ynom) ist und ein tendenziell positiver Zusammenhang vorliegt (Abb. 3.14). Da die Geldnachfrage (L) nur aus Transaktionskasse besteht, kann diese mit der Geldmenge (M) gleichgesetzt werden. Wird das nominale BIP als Produkt von Preisniveau (P) und realem BIP (Yreal) dargestellt, ergibt sich die Quantitätsgleichung des Geldes (Box 3.3). Box 3.3: Quantitätsgleichung – Die Zweiteilung von Güter- und Geldkreislauf (1) LT × UG = Ynom bzw. UG = Ynom/LT (2) LT = (1/UG) × Ynom (3) LT = kk × Ynom (4) LT = kk × Ynom = M (5) M × UG = P × Yreal Hintergrund: Sie bringt zum Ausdruck, wie sich die Menge aller realwirtschaftlichen Transaktionen, das Preisniveau, die Geldmenge und die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes (U) zueinander verhalten. Es handelt sich um eine Identität und um keine Theorie. Die Quantitätsgleichung bringt die Zweiteilung der Wirtschaft in einen güter- und einen geldwirtschaftlichen Bereich zum Ausdruck (klassische Dichotomie). Sofern die Umlaufgeschwindigkeit konstant ist und das reale BIP von güterwirtschaftlichen Einflussfaktoren bestimmt ist, besteht eine enge Beziehung zwischen M und P. Jede Erhöhung des Geldangebots führt zwangsläufig zu einer Erhöhung des Preisniveaus. LT,H 30 Tage Zeit Zeit 250/2 LT,U Zeit LT 30 Tage Kassenhaltung Kassenhaltung 250 30 Tage Kassenhaltung von privaten Haushalten und Unternehmen durchschnittliche Kassenhaltung Abb. 3.13: Kassenhaltung und Zahlungsrhythmus Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 93 Kapitel 3: Theoretische Ebene der Makroökonomie 93 Neben dem Transaktionsmotiv gibt es weitere Ursachen der Geldnachfrage. Wir leben in einer Welt nominaler Größen. Geldrückflüsse sind unsicher und Zahlungen sind nicht immer zu planen. Deshalb halten wir eine Vorsichtskasse, um die Zahlungsfähigkeit abzusichern. Je unsicherer die Zahlungsrückflüsse sind, desto höher wird die Vorsichtskasse sein. Spekulationskasse Nach Auffassung von John Maynard Keynes vergleichen Wirtschaftssubjekte die Alternativen einer zinslosen Geldanlage (Spekulationskasse) und eines festverzinslichen Wertpapiers. Letztere erbringen für den Inhaber feste nominale Zinserträge pro Jahr. Der Gesamtertrag eines Wertpapiers ist durch feste nominale Zinszahlungen sowie durch Gewinne oder Verluste aus Kursschwankungen gegeben. Nehmen wir an, Sie besitzen Wertpapiere im Wert von 10.000 € und halten den gleichen Betrag an Spekulationskasse (Abb. 3.15). Die Wertpapiere erbringen beim Kurs von 100 € einen garantierten Nominalzins von 8 % (also 8 €). Der Nominalzins eines Wertpapiers ist Ausdruck für die effektive Verzinsung zum Zeitpunkt der Ausgabe des Wertpapiers: •• Fällt der Marktkurs auf 80 €, steigt die Effektivverzinsung auf 10 % [(8 €/80 €) × 100]. Sie werden z. B. 120 Wertpapiere für 9.600 € kaufen und dazu die Spekulationskasse nahezu aufbrauchen (Rest: 400 €). Zukünftig werden Sie eher mit steigenden Kursen rechnen. •• Steigt der aktuelle Kurswert des Wertpapiers wie erwartet auf z. B. 160 €, dann sinkt die effektive Verzinsung auf 5 % [(8 €/60 €) × 100]. In diesem Fall könnten Sie z. B. 150 Wertpapiere verkaufen und ihre Spekulationskasse auffüllen (150 × 160 € = 24.000 €). Ihre gesamte Spekulationskasse beträgt dann 24.400 €. Zukünftig werden Sie mit einem Sinken des Kurswertes rechnen. Die Wertpapiernachfrage ist das Spiegelbild der Nachfrage nach Spekulationskasse (Abb. 3.16). Wirtschaftssubjekte besitzen eine Vorstellung über die längerfristige „nor- Ynom LT 250 275 3.000 3.300 Die Elastizität der Nachfrage nach Transaktionskasse bezüglich des Einkommens ist Eins. Wenn die wirtschaftliche Leistung z.B. um 10% zunimmt, dann werden die damit verbundenen monetären Transaktionen ebenfalls um 10% zunehmen. Die Zahlungsgewohnheiten verändern sich also nicht wesentlich mit der Höhe des Einkommens. + 10% + 10% Kassenhaltung als Funktion Abb. 3.14: Geldnachfrage aus Transaktionszwecken Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 94 Teil I Grundlagen: Die drei Ebenen94 male“ Verzinsung eines Wertpapiers. Diese soll in unserem Beispiel bei 8 % liegen. Dieser Zins kann vom gegenwärtigen Zins abweichen (Tab. 3.2): •• Fall A: Der heutige Marktzins liegt oberhalb des Normalzinssatzes. Die Wirtschaftssubjekte werden mit Zinssenkungen bzw. Kurssteigerungen rechnen. •• Fall B: Der heutige Marktzins liegt unterhalb des Normalzinssatzes. Die Wirtschaftssubjekte rechnen mit einem Zinsanstieg und einem Kursabfall. Bei hohem Zins (niedrigem Kurs) ist die Wertpapierhaltung attraktiv. Neben dem Zinsertrag winkt ein Kursgewinn. Die Neigung zur Geldhaltung ist gering (Fall A). Bei niedrigem Zins (hohen Kurs) ist die Wertpapierhaltung nicht attraktiv, da Kursverluste erwartet werden. Personen halten eher Geld als Wertpapiere. Der erwartete „normale“ Zins ist keine für alle Personen gleiche Größe. Es gibt unterschiedliche Vorstellungen über die Höhe dieses Zinssatzes. Bei gegebenem Zins werden einige Personen mit Zinssenkungen, andere mit Zinssteigerungen rechnen. Dennoch kann der Zins ein derart niedriges Niveau erreichen, bei dem viele Wirtschaftssubjekte ausschließlich Geld halten. Die Nachfrage nach Spekulationskasse wird unendlich zinselastisch. Die Wirtschaft verharrt in der sogenannten Liquiditätsfalle. Fassen wir die vielfältigen Einflussfaktoren der Geldnachfrage zusammen: Eine Erhöhung der Variable bewirkt eine ……. der Geldnachfrage weil ………………………………… Preisniveau proportionale Erhöhung die benötigte Menge an Transaktionskasse steigt Kurs des Wertpapiers Zins in %, nominal Effektivzins (Rendite) in % Wertpapierbestand ( = Bestand – Käufe/Verkäufe) Spekulationskasse Ausgangssituation 100 8 (8/100) × 100 = 8 Bestand 100 10.000 Marktzins steigt, Kurs fällt 80 8 (8/80) × 100 = 10 Kauf: 120 Stück zu 80 €, Bestand: 220 400 Marktzins sinkt, Kurs steigt 160 8 (8/160) × 100 = 5 Verkauf: 150 Stück zu a 160 € Bestand: 70 24.400 Effektivzins = Nominalzins/eingesetztes Kapital Zusammenhang zwischen Kursen und Geldnachfrage Abb. 3.15: Wertpapierkurs und effektive Verzinsung Tab. 3.2: Wertpapiernachfrage und Zins Fall i (heute) Kurs erwarteter Zins erwarteter Kurs Kursdifferenz Gesamtertrag A 10 % 80 € 8 % 100 € +20 € +28 € B 5 % 160 € 8 % 100 € –60 € –52 € Gesamtertrag = Wertpapiervergütung (8 €) + Kursdifferenz Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 95 Kapitel 3: Theoretische Ebene der Makroökonomie 95 Eine Erhöhung der Variable bewirkt eine ……. der Geldnachfrage weil ………………………………… Einkommen Erhöhung die Zahl der Transaktionen steigt Zins Senkung die Opportunitätskosten der Geldhaltung steigen Vermögen Erhöhung ein Teil des Vermögens in Geld gehalten wird Risiko der Geldhaltung Senkung die Geldhaltung risikoreicher wird Risiko alternativer Anlageformen Erhöhung die Geldhaltung relativ risikoärmer wird Effizienz des Zahlungsverkehrs Senkung die Menschen mit weniger Geld auskommen erwartete Inflation Senkung die Opportunitätskosten der Geldnachfrage durch Entwertung des Geldwertes steigen Geldmarktgleichgewicht (LM-Kurve) Der Geldmarkt lässt sich wie folgt beschreiben: Größe allgemein Zahlenbeispiel Geldangebot (M, autonom) M 1.000 Mrd. € Transaktionskasse (LT) kk × Y 0,2 × Y Spekulationskasse (LS) LSaut – lS × i 800 – 2.000 × i imin Ls Zins Kurs Liquiditätsfalle Steigt der aktuelle Kurswert eines Wertpapiers sinkt die effektive Verzinsung. Die Nachfrage nach Wertpapieren sinkt und (zinsloses) Bargeld wird zu Spekulationszwecken gehalten. Zins 10 5 80 100 120 Ist der Zins bereits sehr niedrig und der Wertpapierkurs hoch, spekulieren die Nachfrager auf eine Kurssenkung. Niemand ist bereit, Wertpapiere zu kaufen. Die Wirtschaftssubjekte halten Geld in der Spekulationskasse (Liquiditätsfalle). 8 Bedeutung der Spekulation für die Geldnachfrage Abb. 3.16: Wertpapiernachfrage und Geldnachfrage aus dem Spekulationsmotiv Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 96 Teil I Grundlagen: Die drei Ebenen96 Box 3.4: LM-Funktion – Das Geldmarktgleichgewicht (1) M = kk × Y + LSaut – lS × i (2) Y = (M-LSaut)/kk + (lS/kk) × i (3) i = (LSaut -M)/ lS + (kk/ lS) × Y (4) Steigungen: di/dY = kk/lS bzw. dY/di = lS/kk Hintergrund: Die LM-Funktion ist der geometrische Ort aller Zins-Einkommens-Kombinationen, die ein Gleichgewicht auf dem Geldmarkt symbolisieren. Zins und Einkommen stehen in einem positiven Verhältnis. Je größer kk und je kleiner lS, desto steiler verläuft die LM-Kurve. In unserem Zahlenbeispiel lassen sich nun die Gleichgewichtswerte bei unterschiedlichen Zins-Einkommens-Kombinationen bestimmen. Für ein Einkommen von 2.000 erhält man beispielsweise (Abb. 3.17): (1) M/P = LT + LS (2) 1.000 = (0,2 × 2.000) + (800 – 2.000 × i) (3) i = 0,10, d. h. 10 % Ungleichgewichte und Anpassungsprozesse Punkte oberhalb der LM-Kurve signalisieren ein Überschussangebot an Geld, Punkte unterhalb der LM-Kurve eine Überschussnachfrage nach Geld. Betrachten wir als Beispiel Punkt P in Abb. 3.18. Ein zu großes Geldangebot (M > L) verändert den Bedarf an Transaktionskasse nicht, da diese nur vom Einkommen abhängt. Dieses wird auf dem Gütermarkt bestimmt. Anpassungsprozesse verlaufen also über den Zins. Bei einem Zinsniveau von 10 % sind die Anleger mehrheitlich davon überzeugt, dass es sich lohnt, das Geld in Wertpapieren anzulegen. Die Opportunitätskosten der Geldhaltung sind hoch. Die Kaufentscheiduni i M Y M/P 1.500 2.000 LT Y 300 400 10% 5% 1.000 LS (600) LS (700) UrsacheWirkung Steigt das Einkommen, erhöht sich der Bedarf an Transaktionskasse. Bei gegebener Geldmenge muss der Zins steigen, um die zinsabhängige Geldnachfrage zu reduzieren. LM-Funktion Steigung: kk/lS Gleichgewichtsbetrachtung des Geldmarktes Abb. 3.17: LM-Funktion Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 97 Kapitel 3: Theoretische Ebene der Makroökonomie 97 gen treiben die Kurse der Wertpapiere in die Höhe. Die effektive Verzinsung fällt. Bei einem Niveau von 5 % haben die Kurse eine Höhe erreicht, bei der sich Wertpapiermarkt und Geldmarkt wieder im Gleichgewicht befinden. In Punkt Q ist der Bedarf an Transaktionskasse durch das Einkommen vorgegeben. Wenn die Notenbank im Fall eines höheren Bedarfs das notwendige Geld nicht zur Verfügung stellt, wird die Spekulationskasse zurückgehen und die Zinsen werden steigen. Die Wirtschaftssubjekte werden Wertpapiere verkaufen, um ihre Transaktionskasse zu füllen. Das drückt die Kurse und lässt die Zinsen steigen. Das Modell prognostiziert also für einen Abschwung (geringere Einkommen) sinkende und für einen Aufschwung (höhere Einkommen) steigende Zinsen. Schlagwörter •• Geldmarkt •• Transaktionskasse •• Vorsichtskasse •• Spekulationskasse •• Umlaufgeschwindigkeit •• Kassenhaltungskoeffizient •• klassische Dichotomie •• Quantitätsgleichung •• Liquiditätsfalle •• LM-Kurve 3.2.3 IS-LM-Modell Der Güter- und der Geldmarkt sind nicht unabhängig voneinander. Der Zins wird auf dem Geldmarkt bestimmt und hat über die Investitionstätigkeit Einfluss auf den Gütermarkt. Das Einkommen wird auf dem Gütermarkt bestimmt und hat über die Geldnachfrage Auswirkungen auf den Geldmarkt. Die Zusammenführung von Geldund Gütermarkt geschieht im IS-LM Modell. LM-Kurve P Überschussangebot an Geld, Überschussnachfrage nach Wertpapieren Einkommen (Y) Zins (i) 10% 5% 1.500 2.000 Zins-Einkommen Diagramm: Überschussnachfrage (P) und Überschussangebot (Q) auf dem Geldmarkt lösen Anpassungsprozesse hin zur LM-Kurve aus, die über den Zins verlaufen. Q Überschussnachfrage nach Geld, Überschussangebot an Wertpapieren Ungleichgewichte auf dem Geldmarkt Abb. 3.18: Anpassungsprozesse im LM-Diagramm Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 98 Teil I Grundlagen: Die drei Ebenen98 Das Modell ist Bestandteil nahezu jeden makroökonomischen Lehrbuches. Mittlerweile existieren sogar interaktive Anwendungen dazu im Internet (vgl. Abb. 3.19). Es ist der keynesianischen Denktradition zuzurechnen und im Wesentlichen von John Richard Hicks entwickelt worden. Er erhielt 1972 zusammen mit Kenneth Joseph Arrow den Nobelpreis für ihre „bahnbrechenden Arbeiten zur allgemeinen Theorie des ökonomischen Gleichgewichts und zur Wohlfahrtstheorie“. IS-LM-Gleichgewicht: Ein algebraisches Beispiel Der Gütermarkt und der Geldmarkt seien durch folgende Funktionen gekennzeichnet: Gütermarkt Geldmarkt I = 400 – 2.000 × i S = –200 + 0,2 × Y M = 1.000 P = 1 LT = 0,2 × Y LS = 1.000 – 4.000 × i Die simultane Gleichgewichtslösung lässt sich schrittweise herleiten (Abb. 3.20): IS-Funktion: (1) 400 – 2.000 × i = –200 + 0,2 × Y (2) 600 – 2.000 × i = 0,2 × Y (3) Y = 3.000 – 10.000 × i LM-Funktion: (4) 1.000 = 0,2 × Y + 1.000 – 4.000 × i (5) Y = 20.000 × i Gleichgewichtszins: (6) 3.000 – 10.000 × i = 20.000 × i (7) i = 0,1 (10 %) Gleichgewichtseinkommen: (8) 3.000 – 10.000 × 0,1 = 2.000 Mrd. € www.fgn.unisg.ch/eurmacro/Tutor/islm-de.html Hicks, Richard John 1904 – 1989 (Großbritannien) © Nobel Foundation Bekanntestes Modell der Makroökonomie Abb. 3.19: IS-LM-Modell Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 99 Kapitel 3: Theoretische Ebene der Makroökonomie 99 In allen anderen Punkten des IS-LM-Diagramms ist entweder eine oder sind beide Gleichgewichtsbedingungen verletzt. In diesem Fall setzen Anpassungsprozesse des Einkommens und/oder des Zinssatzes ein, bis ein neues Gleichgewicht erreicht ist. Anpassungsprozesse im IS-LM-Modell Wir gehen davon aus, dass sich die Wirtschaft in der ungleichgewichtigen Situation Q in Abb. 3.21 befindet. In Punkt Q befinden wir uns rechts oberhalb von der IS-Kurve. Unternehmen werden ihre Produktion drosseln, weil in Q ein Überschussangebot an Gütern produziert wird. Dieser Prozess wird Zeit in Anspruch nehmen. Er kann wahrscheinlich schneller durchgeführt werden als eine Ausweitung der Produktion, aber er geht sicher nicht von heute auf morgen vonstatten. Der Prozess geht mit der Verringerung von Kapazitäten und der Freisetzung von Arbeitskräften einher. Zugleich befinden wir uns in Q oberhalb der LM-Kurve. Es herrscht ein Überschussangebot an Geld und es ist mit einem sinkenden Zinsniveau zu rechnen. Hier können wir davon ausgehen, dass die Zinsanpassung schneller verläuft als eine Änderung der Produktion. Aus Q heraus können wir also mit einer relativ schnellen Bewegung zur LM-Kurve rechnen und bewegen uns dann – eventuell mit Schwankungen – bei gleichgewichtigem Geldmarkt hin zur IS-Kurve. Das IS-LM-Diagramm leistet wertvolle Dienste bei der Analyse von Fallstudien. Dabei kann es sich zum einen um Änderungen der Verhaltensparameter der Wirtschaftssubjekte handeln, z. B. wenn Unternehmen ihre Investitionstätigkeit aufgrund positiver Zukunftserwartungen erhöhen. Weit verbreitet ist die Darstellung von Auswirkungen finanz- und geldpolitischer Maßnahmen im Modell. Y i LM IS Gütermarkt: I > S Geldmarkt: L < M Gütermarkt: I < S Geldmarkt: L < M Gütermarkt: I < S Geldmarkt: L > M Gütermarkt: I > S Geldmarkt: L > M links von der IS-Kurve I > S Y steigt rechts von der IS-Kurve I < S Y sinkt oberhalb der LM-Kurve L < M i sinkt unterhalb der LM-Kurve L > M i steigt 10% 2.000 Konstellationen auf dem Güter- und Geldmarkt Abb. 3.20: (Un-)Gleichgewichtssituationen im IS-LM-Diagramm Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 100 Teil I Grundlagen: Die drei Ebenen100 Finanzpolitik im IS-LM-Modell Die wichtigsten finanzpolitischen Variablen sind die Staatsausgaben und die Steuereinnahmen. Betrachten wir als Beispiel eine Erhöhung der Staatsausgaben bzw. eine Senkung der Steuern, durch die der Wirtschaft positive Impulse verliehen werden soll. Die IS-Funktion verschiebt sich in diesem Fall nach rechts (Abb. 3.22). Die Folgen können wir uns an folgendem Einzelfall überlegen. Familie Müller ist überzeugt, dass durch die finanzpolitischen Maßnahmen ein wirtschaftlicher Aufschwung ausgelöst wird. Frau Müller, die vor ihrer Arbeitslosigkeit als Angestellte gearbeitet hatte, findet wieder einen Arbeitsplatz, da die Menschen durch den erwarteten Aufschwung mehr kaufen. Familie Müller denkt über die Anschaffung eines Zweitwagens nach. Familie Müller kauft einen PKW und verkauft zur Finanzierung einen Teil der Wertpapiere aus ihrem Depot. Diese Verkaufsentscheidungen auf dem Wertpapiermarkt, die jetzt in vielen Familien ähnlich ausfallen, drücken auf die Kurse. Dies führt zu steigenden Zinsen, die einige Investitionsprojekte unrentabel werden lässt. Die private Investitionsgüternachfrage geht also zurück. Dieser Prozess wird als crowding out oder Verdrängungseffekt bezeichnet (vgl. dazu Kap. 7). Der güterwirtschaftliche Nettoeffekt ergibt aus der Differenz von zusätzlicher Staatsnachfrage und zinsinduziertem Rückgang der privaten Nachfrage (Tab. 3.3; Abb. 3.22). Die relativ hohe Zunahme des Einkommens kommt nur bei einem konstanten Zinsniveau zustande. Die höhere Staatsnachfrage lässt die Zahl der Transaktionen und die Geldnachfrage ansteigen. Da das Geldangebot durch die Zentralbank konstant vorgegeben ist, kann die steigende Transaktionskasse nur durch eine Verminderung der Spekulationskasse befriedigt werden. Anpassungsprozesse auf dem Güter- und Geldmarkt Geldmarkt: LT(Y) + LS (i) = M LT(Y) Y i C(Y) LS (i) I(i) Gütermarkt: C(Y) + I(i) = Y Fiskalpolitik Geldpolitik i Y LM-Kurve IS-Kurve 2.000 Q 12% 10% 2.100 Gütermarkt: I < S Geldmarkt: L < M Abb. 3.21: Anpassungsprozess im IS-LM-Diagramm Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 101 Kapitel 3: Theoretische Ebene der Makroökonomie 101 Geldpolitik im IS-LM-Modell Eine Geldmengenerhöhung durch die Notenbank (expansive Geldpolitik) verschiebt die LM-Kurve nach rechts. Bei zunächst konstantem Einkommen wird eine höhere Geldmenge nicht für Transaktionszwecke benötigt. Sie erhöht ausschließlich die zinsabhängige Geldnachfrage, die nur bei sinkendem Zins aufgenommen wird. Der sinkende Zins wirkt auf den Gütermarkt zurück und erhöht über steigende Investitionen die gesamtwirtschaftliche Nachfrage (Tab. 3.4; Abb. 3.23). Voraussetzung ist, dass die Investitionen ausreichend zinselastisch reagieren. Wäre dies nicht der Fall, sind die (Netto-)Effekte entsprechend geringer. LM-Kurve i Y IS-Kurve Zinseffekt Netto Crowding-out Zahlenbeispiel in Mrd. € Δ Y 100 Δ I –40 Nettoeffekt 60 Auswirkungen einer expansiven Finanzpolitik 1. Eine expansive Finanzpolitik erhöht das Einkommen… 2. und im Fall der Kreditfinanzierung den Zins… 3. … so dass zinsabhängige private Nachfrage verdrängt wird. Abb. 3.22: Finanzpolitik im IS-LM-Diagramm Gütermarkt Rückwirkung Geldmarkt 1. Die Nachfrage steigt durch die staatliche Ausgabenpolitik. 2. Die Unternehmen erhöhen die Produktion. Die Einkommen steigen. 5. Der Zinsanstieg führt zu einem Rückgang der privaten Investitionstätigkeit (crowding out). 3. Die steigenden Einkommen führen bei konstanten Zahlungsgewohnheiten zu einer erhöhten Nachfrage nach Transaktionskasse. 4. Da die Zentralbank das Geldangebot konstant hält, kommt es zu einer Überschussnachfrage auf dem Geldmarkt, die das Zinsniveau steigen lässt. ΔY > 0 Δi > 0 Der Nettoeffekt ist positiv. Das neue Gleichgewicht stellt sich bei einem höheren Einkommens- und Zinsniveau ein. Tab. 3.3: Wirkungskette einer expansiven Finanzpolitik im IS-LM-Diagramm Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 102 Teil I Grundlagen: Die drei Ebenen102 Anwendung des Modells Wir können uns die Wirkungsketten einzelner wirtschaftspolitischer Maßnahmen an einzelnen Beispielen klarmachen (Tab. 3.5). Für die Anwendung des Modells ist u. a. auch die Steigung der beiden Kurven (und damit das Investitions- und Geldnachfrageverhalten) von Bedeutung. Die Wirkungen der Politiken werden dadurch vergrößert bzw. vermindert. Ist zum Beispiel die Investitionsgüternachfrage (und damit die IS-Kurve) eher zinsunelastisch und die Tab. 3.4: Wirkungskette einer expansiven Geldpolitik im IS-LM-Diagramm Gütermarkt Rückwirkung Geldmarkt 3. Die fallenden Zinsen regen die Investitionsnachfrage an. Ein Aufschwungprozess wird ausgelöst. Somit steigt das gesamtwirtschaftliche Einkommen. 1. Die Zentralbank entschließt sich zu einer expansiven Geldpolitik. Sie erhöht die Geldmenge. Die LM-Kurve verschiebt sich nach rechts. 2. Würde sich kein realer Effekt anschließen, würde das Überschussangebot an Geld die Zinsen stark fallen lassen. 4. Das steigende Einkommen führt zu einer zunehmenden Nachfrage nach Transaktionskasse, so dass der Zinsrückgang gebremst wird. ΔY > 0 Δi < 0 Der Nettoeffekt ist positiv. Das neue Gleichgewicht stellt sich bei einem höheren Einkommensniveau und geringeren Zinsniveau ein. LM-Kurve i Y IS-Kurve Zinseffekt Einkommenseffekt Zahlenbeispiel in Mrd. € Δ Y 100 Δ I 50 Nettoeffekt 150 Auswirkungen einer expansiven Geldpolitik 1. Eine expansive Geldpolitik… 2. …senkt den Zins 3. …erhöht die zinsabhängige private Nachfrage und die Einkommen. Abb. 3.23: Geldpolitik im IS-LM-Diagramm Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 103 Kapitel 3: Theoretische Ebene der Makroökonomie 103 Geldnachfrage eher zinselastisch, erzielt eine expansive Fiskalpolitik große Wirkung. Bei einer vollkommen zinsunelastischen Investitionsgüternachfrage (Investitionsfalle) wäre eine expansive Finanzpolitik hingegen wirkungslos. Erfolgversprechend ist vor allem eine Kombination von Maßnahmen, z. B. eine expansive Finanzpolitik mit einer expansiven Geldpolitik. Weiterentwicklungen und Einschränkungen des IS-LM-Modells Das IS-LM-Modell lässt sich unter mehreren Gesichtspunkten weiterentwickeln. Wir werden dieses Modell z. B. als Grundgerüst für ein Modell offener Volkswirtschaften nutzen (vgl. Kap. 22). Andererseits ist die Erklärungskraft des Modells begrenzt: •• Das Modell ist nachfrageorientiert, besitzt also keine Verbindung zur Angebotsseite und zum Arbeitsmarkt einer Volkswirtschaft. •• Die Konsumenten passen ihr Konsumverhalten nur zeitverzögert an ein verändertes Einkommen an. Auch Investoren reagieren nicht sofort auf Zinsveränderungen oder auf Veränderungen der Produktion. •• Im Modell können wirtschaftspolitische Probleme „einfach“ durch Verschiebungen von Funktionen gelöst werden. Die praktischen Probleme in der Umsetzung von wirtschaftspolitischen Konzepten werden nicht analysiert. •• Während der Zins der LM-Kurve (Geldmarkt) eher kurzfristiger Natur ist, wirkt der Zins der IS-Kurve (Gütermarkt) eher langfristig. Zudem wird ein konstantes Preisniveau unterstellt. Aus diesem Grund ist das Modell nicht geeignet, um mittelfristige Veränderungen der Ökonomie vorherzusagen, wenn diese mit Preisänderungen einhergehen. Schlagwörter •• IS-LM-Modell •• Ungleichgewichte •• Anpassungsprozesse •• expansive Finanzpolitik •• crowding out •• expansive Geldpolitik •• Investitionsfalle 3.2.4 Gesamtwirtschaftliche Nachfragefunktion Die bisherige Darstellung ging von der Annahme eines konstanten Preisniveaus aus. Wird diese Annahme aufgegeben, lässt sich die gesamtwirtschaftliche Nachfragefunktion aus dem IS-LM-Modell ableiten (Abb. 3.24). Sie bildet zusammen mit der gesamtwirtschaftlichen Angebotsfunktion das gesamtwirtschaftliche Totalmodell. Instrument IS-Kurve LM-Kurve Einkommen Zins Steuererhöhung bzw. Rückgang der Staatsausgaben nach links – sinkt sinkt Steuersenkung bzw. Anstieg der Staatsausgaben nach rechts – steigt steigt Ausweitung der Geldmenge – nach unten steigt sinkt Rückgang der Geldmenge – nach oben sinkt steigt Tab. 3.5: Geld- und Finanzpolitik im IS-LM-Modell Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 104 Teil I Grundlagen: Die drei Ebenen104 Gesamtwirtschaftliche Nachfragefunktion: Ein algebraisches Beispiel Betrachten wir ein Modell mit folgenden Größen (mit Staat ohne Ausland): Gütermarkt Geldmarkt Steuern: T = 200 Geldangebot: M = 1.000 Staatsausgaben: G = 200 Preisniveau: P = 2 Privater Konsum: C = 400 + 0,5 x (Y – T) Geldnachfrage: L = Y – 500 × i Investitionen: I = 100 – 250 × i Durch Einsetzen ermitteln wir zunächst die IS-Funktion: (1) Y = 400 + 0,5 × (Y – 200) + (100 – 250 × i) + 200 (2) Y = 1.200 – 500 × i Anschließend berechnen wir die LM-Funktion: (3) 1.000/2 = Y – 500 × i (4) Y = 500 + 500 × i Nun ermitteln wir den Gleichgewichtszins: (5) 1.200 – 500 × i = 500 + 500 × i (6) i = 0,07 (7 %) Das Gleichgewichtseinkommen errechnet sich als: Y = 850. Unterstellt sein nun ein Rückgang des Preisniveaus bei konstanter Geldmenge auf 1. Dadurch verändert sich die LM-Funktion: (7) 1.000/1 = Y – 500 × i (8) Y = 1.000 + 500 × i i P BIPreal 7% 2 IS LM 2% 1 850 1.100850 1.100 GN-Funktion • Eine Senkung des Preisniveaus erhöht die reale Geldmenge, führt zu Senkungen des Zinses und zu Steigerungen des Einkommens. • Senkungen des Preisniveaus erhöhen die gesamtwirtschaftliche Nachfrage und umgekehrt. Konstruktion der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage BIPreal Abb. 3.24: Gesamtwirtschaftliche Nachfragefunktion Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 105 Kapitel 3: Theoretische Ebene der Makroökonomie 105 Eingesetzt errechnen sich folgende Gleichgewichtswerte: (9) 1.200 – 500 × i = 1.000 + 500 × i (10) i = 0,02 (11) Y = 1.100 Eine Reduzierung des Preisniveaus senkt den Zins und erhöht das gleichgewichtige Einkommen (und vice versa). In allgemeiner Form ist die gesamtwirtschaftliche Nachfragefunktion (GN-Funktion) gegeben durch: Y = (M/P, G, T). Bei gegebener Geld- und Fiskalpolitik, d. h. bei vorgegebenen Werten für M, G und T, führt ein geringeres Preisniveau zu einem Anstieg der realen Geldmenge M/P und zu einem Anstieg der Produktion (und umgekehrt). Vermögens- und Realkasseneffekte Ursächlich für den negativ geneigten Verlauf der GN-Funktion sind Vermögens- und Realkasseneffekte von Preisniveauveränderungen, die graphisch durch Verschiebungen der LM-Funktion ausgedrückt werden. Bei vorgegebener nominaler Geldmenge (M) führen sinkende Preise (P) zu einer Erhöhung des realen Geldangebots (M/P). Um ein neues Gleichgewicht auf dem Geldmarkt zu erreichen, muss das reale Einkommen und damit die einkommensabhängige Geldnachfrage steigen oder der Zins sinken, um die zinsabhängige Geldnachfrage zurückzuführen. Beide Sachverhalte führen graphisch zu einer Rechtsverschiebung der LM-Funktion. Für die Ausgabenkomponenten des BIP resultieren aus der Erhöhung des realen Geldangebots bzw. der Preisniveauund Zinssenkungen folgende Wirkungen (Abb. 3.25): •• Konsumausgaben (CH): Der Wertzuwachs des realen Finanzvermögens aufgrund sinkender Preise erhöht den Konsum (Pigou-Effekt). Ausgangspunkt: sinkende Preise reale Geldmenge steigt (M/P) • Kauf von Wertpapieren, • Kurs steigt, • Effektivverzinsung sinkt, • Zinsen sinken Investitionen steigen (Keynes-Effekt) reales Finanzvermögen nimmt zu Konsum steigt (Pigou-Effekt) • Zinsen sinken, • ausländische Kapitalanlagen werden nachgefragt, • inländische Währung wertet ab Netto-Exporte steigen (Mundell-Fleming-Effekt) gesamtwirtschaftliche Nachfrage (BIP) steigt Reaktionen der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage auf sinkende Preise Abb. 3.25: Realkassen- und Vermögenseffekte Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 106 Teil I Grundlagen: Die drei Ebenen106 •• Investitionsausgaben (I): Eine höhere Geldmenge führt zu höheren Kassenbeständen, die Geld für die Wertpapiernachfrage frei machen. Ein steigender Kurs führt zu sinkenden Zinsen und nachgelagert zu höheren Investitionen (Keynes-Effekt). •• Exporte (Ex): Geringere Zinssätze im Inland machen ausländische Kapitalanlagen rentabler und führen zu einer Nachfrage nach ausländischer Währung (z. B. US-$). Bei gleichbleibendem Angebot wird die inländische Währung abgewertet und die Exporte nehmen zu bzw. die Importe gehen zurück (Mundell-Fleming-Effekt). Verschiebungen der GN-Funktion Sofern sich die unterstellten Verhaltensannahmen auf dem Güter- und Geldmarkt verändern, kommt es zu einer Verschiebung der GN-Funktion (Tab. 3.6). Auch wirtschaftspolitische Maßnahmen, die Einfluss auf die Höhe der Gesamtausgaben haben (z. B. Variation der Steuersätze) bzw. exogene Ereignisse können die GN- Funktion verschieben. Eine Rechtsverschiebung ist z. B. zurückzuführen auf folgende Vorgänge: •• Vermögenswerte: Ein Anstieg der Aktienkurse erhöht das Vermögen der privaten Haushalte bzw. die Unternehmenswerte und ermöglicht ein höheres Sparen (Konsum) bzw. ein höheres Investitionsniveau. •• Importpreise: Sinkende Erdölpreise erhöhen das reale Einkommen der privaten Haushalte und führen zu einem Anstieg der Investitionen. •• Auslandskonjunktur: Wirtschaftswachstum im Ausland führt zu höheren Nettoexporten des Inlandes. Schlagwörter •• Gesamtwirtschaftliche Nachfragefunktion •• Vermögens-, Realkasseneffekte •• Verschiebungen der Nachfragefunktion •• Pigou-Effekt •• Keynes-Effekt •• Mundell-Fleming-Effekt 3.3 Aggregiertes Angebot Das aggregierte Angebot (Gesamtangebot) umfasst die in der gesamten Volkswirtschaft in einer bestimmten Periode zur Verfügung stehende Menge an Gütern. Während der Verlauf der gesamtwirtschaftlichen Nachfragefunktion im Kern weitgehend akzeptiert ist, wird der Zusammenhang zwischen Preisniveau und Gesamtangebot kontroverser diskutiert. Während in den Augen mancher Ökonomen das Gesamtangebot ausschließlich von realen Größen wie der Faktorausstattung bestimmt wird, sind andere Ökonomen der Überzeugung, dass sich die Produktion auch durch monetäre Maßnahmen (z. B. Steuer- und Zinssenkungen) ankurbeln lässt. Unabhängig von Tab. 3.6: Verschiebungen der GN-Funktion Verschiebungen IS-Kurve LM-Kurve GN-Funktion nach rechts – nach rechts nach links – nach links – nach oben nach links – nach unten nach rechts Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 107 Kapitel 3: Theoretische Ebene der Makroökonomie 107 dieser Diskussion wird das aggregierte Angebot stets im Zusammenhang mit dem Arbeitsmarkt betrachtet. 3.3.1 Lohnfindung, Preissetzung und Arbeitsmarkt Wir wollen den Arbeitsmarkt mit folgender Gleichung des Arbeitsangebots beschreiben: lsnom = Pe × f(ALQ, F) Der Nominallohn (lsnom) hängt vom erwarteten Preisniveau (Pe), der Arbeitslosenquote (ALQ) und anderen Einflussgrößen (F) ab. Sowohl Arbeitnehmer als auch Arbeitgeber sind nicht am Nominallohn, sondern am Reallohn (ls/P) interessiert: •• Die Reallöhne entscheiden darüber, wie viele Güter sich die Arbeitnehmer kaufen können. •• Steigen die Preise der Güter und bleiben die Nominallöhne gleich, erhalten Unternehmen bei gleichen Kosten höhere Einnahmen, d. h. der Reallohn sinkt. Da die Lohnverhandlungen stets für die Zukunft abgeschlossen werden, werden die Beteiligten nicht die aktuelle, sondern die zukünftig erwartete Inflationsrate berücksichtigen. Mit sinkender Arbeitslosigkeit steigt die Verhandlungsmacht der Gewerkschaften. Je niedriger die Arbeitslosenquote in einem Land ist, desto höher sind in der Regel die Löhne. Bei einer niedrigen Arbeitslosenquote ist es für die Unternehmen schwierig, geeigneten Ersatz zu finden. Gleichzeitig können Arbeitnehmer leichter eine neue Beschäftigung finden. Die Verhandlungsposition der Arbeitnehmer ist also günstig. Die Größe F steht als Sammelvariable für vielfältige Einflüsse, die u. a. die institutionellen Rahmenbedingungen des Arbeitsmarktes umfassen. In diesem Zusammenhang wird in der Regel ein Reservationslohn betrachtet. Dies ist der Lohn, bei dem eine Person gerade indifferent zwischen den Alternativen Arbeiten und Freizeit ist. Der einzelne Arbeitnehmer überlegt sich, ob der zusätzliche Konsum an Gütern, den er sich durch Arbeit leisten könnte, den Verlust an Freizeit aufwiegt. Im Normalfall erhalten Beschäftigte einen Lohn, der oberhalb dieses Reservationslohnsatzes liegt. Damit haben sie eine eindeutige Präferenz, arbeiten zu gehen. Folgende Annahmen erscheinen plausibel: Der Reservationslohn steigt, wenn … … die Höhe des Arbeitslosengeldes oder der Sozialhilfe steigt. … gesetzliche Mindestlöhne erhöht werden. … Kündigungsschutzregelungen Entlassungen erschweren. … die Verhandlungsposition der Beschäftigten sich verbessert. Betrachten wir als Beispiel eine Erhöhung des Arbeitslosengeldes. In diesem Fall fällt der Einkommensrückgang im Fall der Arbeitslosigkeit geringer aus. Werden höhere Löhne ausgehandelt, steigen bei zunächst konstanten Preisen die Reallöhne (ls/P) und damit die Produktionskosten. Gelingt die Erhöhung der Preise nicht, werden die Unternehmen die Beschäftigung reduzieren. Der Zusammenhang zwischen Reallohn (ls/P) und der Arbeitslosenquote lässt sich in Form einer Lohnsetzungsgleichung (wage setting) darstellen, die einen fallenden Verlauf aufweist (Abb. 3.26). Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 108 Teil I Grundlagen: Die drei Ebenen108 Produktionsfunktion, Arbeitsnachfrage und Preissetzungsgleichung Die Preise, die in der Lohngleichung enthalten sind, werden von den Unternehmen gesetzt. Wir gehen davon aus, dass die tatsächlichen Preise (P) den erwarteten Preisen entsprechen (Pe). Um die Analyse einfach zu halten, nehmen wir ferner an, dass die Unternehmen kurzfristig nur mit dem variablen Faktor Arbeit produzieren. In diesem Fall besteht die Produktionsfunktion (Y) nur aus einem Effizienzparameter (Arbeitsproduktivität, μ) und dem eingesetzten Faktor Arbeit, während Kapital und Technologie kurzfristig gegeben sind: (1) Y = μ × A Nehmen wir an, dass der Effizienzparameter den Wert 1 hat, dann können wir die Produktionsfunktion weiter vereinfachen zu: Y = A. Bei dieser Produktionsfunktion entsprechen die Kosten einer zusätzlichen Einheit der Produktion gerade den Kosten der Beschäftigung eines zusätzlichen Arbeitnehmers. In der Mikroökonomie würden wir sagen, dass die Grenzkosten einer zusätzlichen Produktionseinheit dem Lohnsatz (ls) entsprechen. Wenn vollständiger Wettbewerb auf dem Gütermarkt herrscht, entspricht der Preis einer Produktionseinheit nicht nur den Grenzkosten, sondern auch dem Lohnsatz. Auf der Mehrzahl der Gütermärkte gibt es jedoch keinen vollkommenen Wettbewerb. Die Unternehmen können dann bei der Preissetzung einen Preis verlangen, der oberhalb ihrer Grenzkosten liegt. Wir können diesen Sachverhalt durch folgende Preissetzungsgleichung ausdrücken: (2) P = (1 + ∂) × ls oder ls/P = 1/(1 + ∂) Der Faktor ∂ stellt einen Aufschlag auf die Kosten dar. Er enthält die Kapitalverzinsung und etwaige Preisspielräume durch Marktmacht. Diese Annahme ermöglicht es, die komplizierten unternehmensinternen Preisbildungsverfahren auszublenden. Wenn ein Unternehmen seinen Gewinnaufschlag erhöht, verändert sich makroökonomisch nur wenig, da das Unternehmen nur einen kleinen Teil der Gesamtproduktion ausmacht. ls/P (Reallohn) Arbeitslosenquote Der in den Lohnverhandlungen gewählte Reallohn ist eine fallende Funktion der Arbeitslosenquote. Je niedriger die Arbeitslosenquote, desto höher ist der Reallohn und umgekehrt. Die Lage der Funktion ist abhängig von Einflussgrößen auf Φ. Im Falle Pe = P gilt: ls/P = f(ALQ, Φ) Zusammenhang zwischen Reallohn und Arbeitslosigkeit Abb. 3.26: Lohnsetzungsgleichung Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 109 Kapitel 3: Theoretische Ebene der Makroökonomie 109 Erhöhen jedoch alle Unternehmen den Aufschlagfaktor, dann steigen die Preise der Güter und der Reallohn sinkt. Der Reallohn ist umso niedriger, je höher der Gewinnaufschlag ist. Grafisch wird die Preissetzungsgleichung üblicherweise durch eine horizontale Linie dargestellt (Abb. 3.27). Arbeitsmarktgleichgewicht Ein Gleichgewicht auf dem Arbeitsmarkt ist gegeben, wenn der Reallohn, der im Rahmen der Lohnsetzung festgelegt wurde, dem Reallohn entspricht, der durch die Preissetzung gegeben ist (Abb. 3.27). Algebraisch gilt: ls/P = f(ALQ, F) = 1/(1 + ∂). Im Schnittpunkt beider Funktionen ergibt sich die Arbeitslosenquote als Quotient von registrierten Arbeitslosen (AL) und Erwerbspersonen (EP): ALQn = AL/EP. Diese Arbeitslosenquote im Schnittpunkt beider Funktionen wird oft als „natürlich“ bezeichnet. Die Lage der Lohnsetzungs- und Preissetzungsgleichung ist sowohl von der Größe F als auch von der Größe ∂ abhängig. Betrachten wir einzelne Beispiele, die einen Anstieg der natürlichen Arbeitslosenquote mit sich bringen (Tab. 3.7; Abb. 3.28). ls/P Arbeitslosenquote 1s/(1+∂) Lohnsetzungsgleichung Preissetzungsgleichung ALQn Arbeitsmarktgleichgewicht Abb. 3.27: Gleichgewichtige Arbeitslosenquote Tab. 3.7: Verschiebungen der Lohnsetzungs- und Preissetzungsgleichung Größe F Größe ∂ Die Lohnsetzungsgleichung verschiebt sich nach oben (= Anstieg des geforderten Reallohnes), wenn Die Preissetzungsgleichung verschiebt sich nach unten (= Anstieg des Gewinnaufschlages), wenn … das Arbeitslosengeld steigt … die Gewinnsteuern erhöht werden … die Gewerkschaftsmacht steigt … die Marktmacht der Unternehmen steigt Konsequenz: Anstieg der (natürlichen) Arbeitslosenquote Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 110 Teil I Grundlagen: Die drei Ebenen110 Schlagwörter •• Nominallohn •• Reallohn •• Reservationslohn •• Preissetzungsgleichung •• Lohnsetzungsgleichung •• natürliche Arbeitslosigkeit 3.3.2 Gesamtwirtschaftliche Angebotsfunktion Wir wollen nun die gesamtwirtschaftliche Angebotsfunktion (GA-Funktion) als Baustein makroökonomischer Totalmodelle in die Analyse einführen. Die GA-Funktion stellt dar, wie sich Veränderungen der Produktion auf das Preisniveau auswirken (vgl. zu den nachfolgenden Ausführungen (Blanchard/Illing, 2009, S. 206 ff.)). Formal ist die Funktion gegeben durch das Zusammenspiel von Preissetzungs- und Lohnsetzungsgleichung: P = Pe × (1 + ∂) × f(ALQ, F) Um einen Zusammenhang zum Produktionsniveau herzustellen, gehen wir davon aus, dass die Arbeitslosenquote umso niedriger ist, je höher die Produktion ausfällt. Darüber hinaus unterstellen wir, dass der Output in der kurzen Frist nur von der Zahl der Erwerbstätigen abhängt. Wir können schrittweise das Ergebnis ableiten, dass eine Erhöhung der Produktion zu einem Anstieg des Preisniveaus führt (Box 3.5, Abb. 3.29). In der Regel geht also eine Zunahme der Produktion zumindest kurz- bis mittelfristig mit einem Anstieg des Preisniveaus einher (Normalbereich). Ein horizontaler Verlauf liegt in einer Situation unterausgelasteter Kapazitäten vor, in denen eine Ausweitung der Produktion keine Auswirkungen auf das Preisniveau hat. Ein senkrechter Verlauf liegt vor, wenn der Output vollkommen unabhängig vom Preisniveau ist. Hier wird das Niveau der Produktion durch die vorhandenen Mengen der Produktionsfaktoren und die vorhandene Technologie bestimmt. Sofern das tatsächliche Preisniveau dem erwarteten Preisniveau entspricht, erreicht die Produktion ihr „natürliches“ Niveau Abb. 3.28: Arbeitsmarktmodell ls/P 1/(1 + ∂) Lohnsetzungsgleichung Preissetzungsgleichung ALQn Anstieg von Φ Anstieg von ∂ ls/P 1/(1 + ∂) Lohnsetzungsgleichung Preissetzungsgleichung ALQn Anstieg der Arbeitslosigkeit im Modell Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 111 Kapitel 3: Theoretische Ebene der Makroökonomie 111 (Yn). Liegt die Produktion z. B. unterhalb dieses Niveaus und liegt eine Rezession vor, dann wird sich ein niedrigeres Preisniveau als erwartet einstellen und umgekehrt. Verschiebungen der gesamtwirtschaftlichen Angebotsfunktion Verändern sich einzelne Größen auf dem Arbeitsmarkt (z. B. Löhne, Arbeitszeiten), hat dies Rückwirkungen auf die Produktionsbedingungen (z. B. Kosten, Technologie, Kapitalstock, Zahl der Anbieter) und die Preiserwartungen. Beispielsweise führen eine Verringerung der Produktionskosten (z. B. durch Senkung der Reallöhne) und eine Erhöhung der Faktorproduktivitäten (z. B. infolge des technischen Fortschritts) zu einer Verringerung der Preiserwartungen und zu einer Rechtsverschiebung der GA- Funktion. Auch wirtschaftspolitische Maßnahmen (z. B. der Abbau von Investitionshemmnissen, die Senkung der gesetzlich bedingten Lohnnebenkosten oder die größere Flexibilisierung der Arbeitsmärkte) können die Produktionsbedingungen verbessern und zu einer Rechtsverschiebung der GA-Funktion führen. Höhere Preiserwartungen würden die GA-Funktion hingegen nach links oben verschieben. Box 3.5: GA-Funktion – Der Zusammenhang zwischen Produktion und Preisniveau (1) +ΔY → +ΔEP (2) +ΔEP → –ΔALQ (3) –ΔALQ → +Δls (4) +Δls → +ΔP (5) +ΔP → +ΔPe Hintergrund: (1) Ein Anstieg der Produktion erhöht die Beschäftigung. (2) Mit höherer Beschäftigung gehen die Arbeitslosigkeit und Arbeitslosenquote zurück. (3) Die niedrigere Arbeitslosenquote verbessert die Verhandlungsposition der Arbeitnehmer. Die Nominallöhne steigen. (4) Der Anstieg der Nominallöhne verteuert die Produktion. (5) Die Unternehmen erhöhen die Preise und das Preisniveau steigt. Steigen die Preise, wird auch ein höheres Preisniveau erwartet. Preisniveau P = Pe Yn Eine Zunahme des Preisniveaus geht mittelfristig mit einer Erhöhung der Produktion einher. Wenn das tatsächliche Preisniveau und das erwartete Preisniveau übereinstimmen, erreicht die Produktion ihr natürliches Niveau. Konstruktion des gesamtwirtschaftlichen Angebots BIPreal Abb. 3.29: Gesamtwirtschaftliche Angebotsfunktion Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 112 Teil I Grundlagen: Die drei Ebenen112 Schlagwörter •• gesamtwirtschaftliche Angebotsfunktion •• Verschiebung der Angebotsfunktion •• unvollständige Information •• Lohn-, Preisstarrheiten •• Marktunvollkommenheiten 3.4 Gesamtwirtschaftliches Totalmodell Wir wollen nun die gesamtwirtschaftliche Nachfrage- und Angebotsfunktion zusammenführen. Beide Funktionen bilden das GN-GA-Modell, das ein geeigneter Ausgangspunkt ist, um unterschiedliche Fragestellungen der Makroökonomie zu untersuchen. In diesem Modell werden Güter-, Geld- und Arbeitsmarkt in einer Abbildung dargestellt. Im Schnittpunkt beider Funktionen sind die betrachteten Märkte im Gleichgewicht und werden mit dem Output, dem Preisniveau und der Beschäftigung die wichtigsten makroökonomischen Größen bestimmt (Abb. 3.30). Anpassungsprozesse von kurzer zur mittleren Frist Sofern die tatsächliche mit der erwarteten Inflationsrate übereinstimmt, ergibt sich ein Gleichgewicht in der mittleren Frist. Kurzfristig kann eine Volkswirtschaft von diesem Gleichgewicht abweichen. Im Mittelpunkt der Analyse stehen dann die Anpassungsprozesse zwischen diesen beiden Zuständen. Um den Übergang von der kurzen zur mittleren Frist zu verstehen, gehen wir davon aus, dass die Produktion kurzfristig oberhalb ihres natürlichen Niveaus liegt (Y>Yn). Auch das tatsächliche Preisniveau liegt dann oberhalb des erwarteten Preisniveaus (Punkt B, Abb. 3.31). In diesem Fall werden die an der Lohnsetzung beteiligten Akteure ihre Preiserwartungen nach oben korrigieren und ihre Entscheidungen auf der Basis dieser Erwartungen treffen. Graphisch verschiebt sich die GA-Funktion entlang der GN-Funktion schrittweise nach oben. Das höhere Preisniveau führt zu einer Reduzierung der realen Geldmenge (M/P), zu einem höheren Zins und zu einem Rückgang der Produktion. Der Anpassungsprozess ist beendet, wenn ein Gleichgewicht in Punkt C erreicht wird und das Produktionsniveau seinen Ausgangswert erreicht. Eine vergleichbare Argumentation ergibt sich, wenn Y < Yn. Gütermarkt Produktion (Y) (C+I+ G+Ex–Im) Geldmarkt Geldangebot (M) Geldnachfrage (LT, LS) GN- Funktion Produktions- Bedingungen Güterangebot Arbeitsmarkt Arbeitsangebot (Lohnsetzung) Arbeitsnachfrage (Preissetzung) GA- Funktion BIPreal Preisniveau Verknüpfung von Güter-, Geld-, Arbeitsmarkt und Produktionsbedingungen GN GA Abb. 3.30: Gesamtwirtschaftliches Totalmodell Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 113 Kapitel 3: Theoretische Ebene der Makroökonomie 113 Makroökonomische Schocks Die Abweichungen vom gleichgewichtigen Niveau werden durch Schocks hervorgerufen. Es handelt sich um Ereignisse, die die aggregierte Nachfrage bzw. das aggregierte Angebot verändern. Im Fall von Nachfrageschocks zieht jede Verschiebung der IS- oder LM-Funktion auch eine Verschiebung der gesamtwirtschaftlichen Nachfragefunktion (GN) nach sich (Tab. 3.8; Abb. 3.32). Preisniveau Pe Yn GN-Funktion GA-Funktion P > Pe Y A B C Höhere Preiserwartungen lassen das tatsächliche Preisniveau steigen. Ein höheres Preisniveau reduziert die reale Geldmenge, erhöht den Zins und lässt die Produktion auf das gleichgewichtige Niveau sinken. BIPreal Bedeutung von Preiserwartungen Abb. 3.31: Anpassungsprozesse im gesamtwirtschaftlichen Totalmodell i i IS LM LM IS expansive Geldpolitik (Zinssenkungen), höhere Investitionsgüternachfrage expansive Finanzpolitik (Staatsnachfrage), höhere Konsum-, Investitionsgüternachfrage Preisniveau GA GN höheres Wachstum, aber Inflationsgefahren BIPreal BIPreal BIPreal Wirkungen von Nachfrageschocks auf dem Güter- und Geldmarkt Abb. 3.32: Nachfrageschocks im gesamtwirtschaftlichen Totalmodell Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 114 Teil I Grundlagen: Die drei Ebenen114 Angebotsschocks liegen vor, wenn sich die Kosten- und Gewinnsituation der Unternehmen verändert. Beispielsweise verschieben sich im Fall negativer Angebotsschocks die Lohnsetzungsfunktion nach rechts und die Preissetzungsfunktion der Unternehmen nach unten. In beiden Fällen steigen die Preiserwartungen und der Output verringert sich, so dass sich die gesamtwirtschaftliche Angebotsfunktion (GA) nach links oben verschiebt (Tab. 3.9; Abb. 3.33). Zur Analyse von Anpassungsprozessen ist es aus didaktischer Sicht hilfreich, das mittelfristige Gleichgewicht als Ausgangspunkt zu nehmen und zu fragen, wie sich bestimmte Ereignisse oder Politikmaßnahmen im Modell auswirken. Wir werden das Tab. 3.8: Nachfrageschocks Schock (Beispiele) IS LM GN Erhöhung der Staatsausgaben nach rechts - nach rechts Erhöhung der Steuern nach links - nach links Erhöhung der Zinsen - nach oben nach links Senkung der Zinsen - nach unten nach rechts Tab. 3.9: Makroökonomische Schocks Schock Zielverletzungen Positiver Nachfrageschock Preisniveau und BIP steigen Negativer Nachfrageschock Preisniveau und BIP sinken Positiver Angebotsschock Preisniveau sinkt, BIP steigt Negativer Angebotsschock Preisniveau steigt, BIP sinkt ls/P ALQ ALQ Erhöhung der Gewerkschaftsmacht, höhere Arbeitskosten, rigider Arbeitsmarkt höhere Erdölpreise, Marktmacht, Überalterung der Technologie Preisniveau GA GN LS PS 1s/(1+∂) ls/P 1s/(1+∂) steigendes Preisniveau, zurückgehendes BIP BIPreal Angebotsschocks als Folge von Veränderungen der Kostenstrukturen LS PS Abb. 3.33: Angebotsschocks im gesamtwirtschaftlichen Totalmodell Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 115 Kapitel 3: Theoretische Ebene der Makroökonomie 115 gesamtwirtschaftliche Totalmodell oder Teile davon an verschiedenen Stellen des Buches aufgreifen, um makroökonomische Problemstellungen und wirtschaftspolitische Maßnahmen zu diskutieren. Schlagwörter •• gesamtwirtschaftliches Totalmodell •• Angebotsschock, •• Nachfrageschock 3.5 Fallbeispiele zu Kapitel 3 Lösungs- und Bearbeitungshinweise sowie alle Abbildungen dieses Kapitels finden Sie unter: www.vahlen.de Fallbeispiel 3.1: Analyseformen der (Makro-)Ökonomie (+) 1) Erläutern Sie den Unterschied zwischen Ex-post und Ex-ante Analyse. 2) Erläutern Sie den Unterschied zwischen der Identitätsgleichung S = I und der Gleichgewichtsbedingung S = I. 3) Wo liegt der Unterschied zwischen der statischen, komparativ-statischen und dynamischen Analyse? Fallbeispiel 3.2: Gesamtwirtschaftliche Modelle (0) 1) Benennen Sie die Rolle einzelner Akteure und die Größen auf den makroökonomischen Märkten und zeigen Sie, welche Steuerungsgrößen, Ergebnisse und Gleichgewichtsbedingungen sich auf diesen Märkten ergeben. Gütermarkt Geldmarkt Arbeitsmarkt Private Haushalte Unternehmen (einschließlich Banken) Staat (einschließlich Notenbank) Monetäre Steuerungsgröße Gesamtwirtschaftliche Ergebnisse Gleichgewichtsbedingungen 2) Beurteilen Sie, ob es sich bei den nachfolgenden Sachverhalten um Verhaltensfunktionen, Gleichgewichtsbedingungen, Definitionsgleichungen, technische Gleichungen oder um keine der genannten Begriffe handelt: Konsumfunktion, außenwirtschaftliches Gleichgewicht, Produktionsfunktion, BIP, Investitionsfunktion, Geldmenge. Fallbeispiel 3.3: Gütermarktgleichgewicht (++) 1) Eine Volkswirtschaft wird durch folgende Funktionen beschrieben: C = 100 + 0,8 × Y und Iaut = 50. a) Ermitteln Sie das Gleichgewichtseinkommen, den Konsum und die Ersparnis. b) Zeitungsnotiz: „Für die kommenden Monate wird mit einem Rückgang der Konsumgüternachfrage gerechnet“. Nehmen Sie an, die Privaten Haushalte erhöhen ihre marginale Sparneigung um 25 %. Wie verändern sich das Gleichgewichtseinkommen, der Konsum und die Ersparnis? Wie lässt sich das Ergebnis erklären? 2) In einer Ökonomie sind folgende Daten bekannt: C = 2 + 0,5 × Y und Iaut = 1. Vervollständigen Sie die nachfolgende Tabelle und interpretieren Sie das Ergebnis: Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 116 Teil I Grundlagen: Die drei Ebenen116 Angebot C I S Nachfrage Interpretation 4 6 8 Fallbeispiel 3.4: Gütermarktgleichgewicht und IS-Funktion (++) In einer geschlossenen Volkswirtschaft ohne Staat gelten folgende Verhaltensfunktionen: (1) C = 80 + 0,75 × Y (2) I = 100 – 1000 × i 1) Bestimmen Sie die Investitionsnachfrage bei Zinssätzen von 8 % und 4 %. Stellen Sie die Investitionsfunktion graphisch dar. 2) Bestimmen Sie für beide Zinssätze (8 %, 4 %) algebraisch das Gleichgewichtseinkommen. 3) Stellen Sie die beiden Gleichgewichtskombinationen von Zins und Einkommen in folgendem Diagramm dar. Welche Aussage formuliert die darin enthaltene Funktion? Überprüfen Sie anhand konkreter Werte, ob diese Aussage erfüllt ist. Fallbeispiel 3.5: Kosten und Nutzen der Geldhaltung (+) Sie erhalten jeden Monat ein nominales Einkommen von 3.000 €. Aufgrund Ihres aufwendigen Lebensstils können Sie nichts sparen. Sie erhalten Ihr Einkommen am Anfang eines Monats per Überweisung. Die Bank zahlt Ihnen für Ihre Sichtguthaben annahmegemäß einen Zins von 2 %. Pro Gang zur Bank entstehen Ihnen Kosten von 2 €. 1) Welche Faktoren beeinflussen Ihre Entscheidung, wie oft Sie Geld bei der Bank im Monat für Konsumzwecke abheben? 2) Sie sollten als rational denkender Mensch, die optimale Menge von Bankbesuchen ermitteln. Stellen Sie Ihre Überlegungen in der folgenden Tabelle für ein bis sechs Bankbesuche dar. Bankbesucher Opportunitätskosten Transaktionskosten Gesamtkosten 1 2 3 4 5 6 3) Wie oft gehen Sie zur Bank, wenn die Opportunitätskosten der Geldhaltung Null betragen? (Quelle: Forster/Klüh/ Sauer, 2005, S.  17) Fallbeispiel 3.6: Güter- und Geldkreislauf (+) 1) Angenommen, ein 100 € Schein wechselt zweimal und ein 50 € Schein viermal pro Periode den Besitzer. Wie hoch ist die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes? 2) Für den 100 € Schein werden zwei Digitalkameras, für den 50 € Schein je zwei MP-3 Player und je zwei hochwertige Hemden gekauft. Wie hoch ist das Preisniveau? 3) Wie hoch ist der Wert der Transaktionen? 4) Stellen sie die Quantitätsgleichung auf und überprüfen Sie Ihre Gültigkeit. Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 117 Kapitel 3: Theoretische Ebene der Makroökonomie 117 Fallbeispiel 3.7: Umlaufgeschwindigkeit des Geldes (+) Gegeben sind folgend Größen: • Auszahlung des Einkommens alle 1,5 Monate im Jahr • Ynom = 2.400 Mrd. € 1) Wie hoch ist die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes, der Liquiditätsbedarf aus Transaktionszwecken und der Kassenhaltungskoeffizient im Jahr? 2) Angenommen, die Einkommen würden monatlich ausgezahlt. Wie verändern sich die Umlaufgeschwindigkeit, der Liquiditätsbedarf und der Kassenhaltungskoeffizient? 3) Wie verändert sich der Liquiditätsbedarf im Vergleich zu 2), wenn das nominale Volkseinkommen um 2 % steigt? Fallbeispiel 3.8: Geldnachfrage und Zins (++) 1) Das Vermögen einer Person beträgt 50.000 € und das jährliche Einkommen liegt bei 60.000 €. Die Geldnachfrage ist gegeben durch die Funktion: M = (P × Y) × (0,35 – i) (Quelle: Blanchard/Illing, 2009, S. 133). a) Wie hoch sind die Geldnachfrage aus Transaktionszwecken und die Wertpapiernachfrage bei einem Zins von 5 % bzw. 10 %? b) Erklären Sie den Einfluss des Zinssatzes auf die Geld- bzw. Wertpapiernachfrage. 2) Angenommen sei, es gebe nur die Möglichkeit, Ersparnisse in einem festverzinslichen Wertpapier anzulegen, das einen Ertrag von 5 € erbringt und zurzeit für 80 € gekauft werden kann. a) Wie hoch ist der Zinssatz (effektive Verzinsung)? b) Drei Anleger haben folgende Erwartungen hinsichtlich des Zinssatzes: • Ringo erwartet, dass er auf 6 % fällt, • John rechnet damit, dass er auf 6,5 % steigt, • Paul geht von einem Marktzins von 7 % aus. Mit welchen Kursgewinnen bzw. -verlusten rechnen die Anleger? Wer wird Geld bzw. Wertpapiere nachfragen? Fallbeispiel 3.9: Geldmarktgleichgewicht und LM-Funktion (+) In einer Volkswirtschaft sind folgende Größen gegeben: • Kassenhaltungskoeffizient 0,25 • Zinsabhängige Geldnachfrage 1.000 – 5.000 i • Geldangebot 1.000 Mrd. € 1) Errechnen Sie das Gleichgewichtseinkommen bei einem Zins von 5 % bzw. 6 % und zeichnen Sie die LM-Kurve? Wie lässt sich dieses Ergebnis begründen? 2) Wie wirkt sich eine Erhöhung des Geldangebots um 200 Mrd. € bei gegenüber a) unver- änderten Einkommenswerten auf den Verlauf der LM-Funktion aus? Fallbeispiel 3.10: IS-LM-Modell (++) In einer Volkswirtschaft sind folgende Werte gegeben (in Mrd. €): (1) C = 200 + 0,75 × Yv (2) I = 400 – 2.000 × i (3) Gaut = 1.000 (4) Taut = 800 (5) M = 2.280 (6) L = 0,8 × Y – 12.000 × i Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 118 Teil I Grundlagen: Die drei Ebenen118 Hinweis: Beachten Sie, dass die Konsumausgaben der privaten Haushalte durch das verfügbare Einkommen bestimmt werden: Yv = Y – T. 1) Ermitteln Sie die IS- und LM-Funktionen sowie die Zins- und Einkommenswerte für das simultane Gleichgewicht auf dem Güter- und Geldmarkt. 2) Ermitteln Sie die Zins- und Einkommenswerte, wenn die Geldmenge auf 1.912 Mrd. € sinkt. 3) Stellen Sie das Ergebnis graphisch dar und interpretieren Sie das Ergebnis mit Hilfe folgender Tabelle: Periode Y i C I G 0 1 Fallbeispiel 3.11: Gesamtwirtschaftliche Nachfragefunktion (++) Konstruieren Sie mit Hilfe der nachfolgenden Angaben die IS-Kurve und die LM-Kurve für ein Preisniveau (P) von 1 und von 1,25 sowie die gesamtwirtschaftliche Nachfragefunktion: (1) C = 80 + 0,8 × Y (2) I = 30 – 200 × i (3) M = 500 (4) LT = 0,5 × Y (5) LS = 300 – 1000 × i Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 119 Kapitel 3: Theoretische Ebene der Makroökonomie 119 Fallbeispiel 3.12: Pigou- und Keynes-Effekt (++) Beschreiben Sie den Pigou- bzw. Keynes-Effekt im Rahmen einer geeigneten Wirkungskette. Gehen Sie von einer Senkung des Preisniveaus aus und stellen Sie das Ergebnis grafisch dar (IS-LM-Modell; gesamtwirtschaftliche Nachfragefunktion). Fallbeispiel 3.13: Lohnsetzung (+) 1) Erläutern Sie den Zusammenhang zwischen Arbeitslosenquote, Verhandlungsmacht der Gewerkschaften und Lohnhöhe. 2) Wie beeinflusst ein Anstieg des Preisniveaus die Lohnsetzung? 3) Begründen Sie den fallenden Verlauf der Lohnsetzungsfunktion. 4) Wie verschiebt sich die Lohnsetzungsfunktion bei folgenden Ereignissen? Ereignis Lohnsetzungsfunktion Senkung der Leistungen der Arbeitslosenversicherung Abnahme des gewerkschaftlichen Organisationsgrades Höherer Kündigungsschutz Fallbeispiel 3.14: Gesamtwirtschaftliche Angebotsfunktion (+) 1) Leiten Sie ab, warum eine steigende Produktion ein zunehmendes Preisniveau nach sich zieht. 2) Begründen Sie, wie sich die GA-Funktion bei folgenden Vorgängen verschiebt: Vorgang Verschiebung Begründung Erhöhung der Rentenversicherungsbeiträge Anstieg der Nominallöhne über das Ausmaß der Produktivitätssteigerung hinaus Verschärfung der Wettbewerbssituation Zunahme der Kapazitätsauslastung von 96,5 % auf 98 % Rückgang der Kapazitätsauslastung von 96,5 % auf 94 % bei gleichbleibendem Arbeitseinsatz Zunehmender Einsatz neuer Technologien Fallbeispiel 3.15: Makroökonomische Schocks im Totalmodell (+) 1) Beurteilen Sie, ob es sich bei nachfolgenden Vorgängen um positive bzw. negative Angebots- bzw. Nachfrageschocks handelt. Beurteilen Sie, wie sich das Preisniveau und das reale BIP im gesamtwirtschaftlichen Totalmodell verändern. Vorgang Schock P BIPreal Konjunkturaufschwung durch Abwertung der heimischen Währung Drastischer Ölpreisanstieg Produktivitätsanstieg in der „New Economy“ Senkung der Einkommen- und Körperschaftsteuer Börsencrash 2) Wie können Schocks auf andere Länder übertragen werden? Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 121 Preisniveaustabilität Hoher Beschäftigungsstand Außenwirtschaftliches Gleichgewicht Stetiges, angemessenes Wachstum Kapitel 4 Kapitel 4: Wirtschaftspolitische Ebene der Makroökonomie Inhaltsübersicht 4.1 Wirtschaftspolitische Ziele. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 122 4.1.1 Stabilisierungsziele . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 123 4.1.2 Zielbeziehungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 126 4.2 Makroökonomische Instabilitäten und Politikkonzepte. . . . . . . . . . . . . . . . . . . 127 4.2.1 Politikkonzepte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 129 4.2.2 Entscheidungsträger. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 135 4.2.3 Instrumente . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 138 4.3 Fallbeispiele zu Kapitel 4 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 142

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References

Zusammenfassung

Makroökonomische Ereignisse

wie die Schuldenkrise, Rezession, Arbeitslosigkeit und Inflation haben nicht nur gesamtwirtschaftliche Konsequenzen, sondern auch vielfältige Berührungspunkte zum täglichen Leben. Diese Ereignisse sind häufig komplex und für den Einzelnen nicht immer leicht zu durchschauen.

Um Studierende auf die globalen Herausforderungen von Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt vorzubereiten ist in diesem Lehrbuch explizit auch das Thema der nachhaltigen Entwicklung integriert. Außerdem werden die großen Themen der Makroökonomie teilweise gebündelt behandelt, um die vielfältigen Zusammenhänge zwischen den einzelnen Gebieten transparenter zu gestalten. Dies hat für Studierende und Lehrende u.a. den Vorteil, dass eine modulare Verwendung möglich ist. Die Schwerpunkte:

– Drei Ebenen der Makroökonomie (empirisch, theoretisch und wirtschaftspolitisch)

– Konjunktur, Gütermarkt und Finanzpolitik

– Inflation, Geldmarkt und Geldpolitik in der EWU

– Wirtschaftswachstum, Wohlstand und Beschäftigung

– Außenhandel, Devisenmarkt und offene Volkswirtschaft

– Nachhaltige Entwicklung und Makroökonomie.

Zur Neuauflage

Das Buch wurde vollständig überarbeitet und in eine modulare Struktur überführt, aber die Grundkonzeption des Buches wurde beibehalten. Das Buch ist bewusst als Lernbuch konzipiert, das sich zum Einsatz an Hochschulen und Akademien eignet. Mit der Integration von selbständig zu bearbeitenden Fallbeispielen wird u.a. das Konzept der Bachelor- und Masterstudiengänge an deutschen Hochschulen berücksichtigt, die stärker als bisher an Praxisbeispielen orientierte Lehr- und Lernformen fördern wollen.

Die Autoren

Prof. Dr. Reiner Clement, Prof. Dr. Wiltrud Terlau, Sankt Augustin/Rheinbach, und Prof. Dr. Manfred Kiy, Köln.

Angewandte Makroökonomie

für Studierende der Volks- und Betriebswirtschaftslehre an Universitäten, Fachhochschulen und Akademien.