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Kapitel 25: Operationalisierung der nachhaltigen Entwicklung in:

Reiner Clement, Wiltrud Terlau, Manfred Kiy

Angewandte Makroökonomie, page 763 - 794

Makroökonomie, Wirtschaftspolitik und nachhaltige Entwicklung mit Fallbeispielen

5. Edition 2013, ISBN print: 978-3-8006-4480-3, ISBN online: 978-3-8006-4389-9, https://doi.org/10.15358/9783800643899_763

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Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 759 Kapitel 25 Kapitel 25: Operationalisierung der nachhaltigen Entwicklung 0,5 0,6 0,7 0,8 0,9 1 … 8 7 6 5 4 3 2 1 0 Durchschnittlicher globaler Hektar h o h e m en sch lich e En tw icklu n g Nachhaltige Entwicklung Verbrauch globale Hektar pro Kopf Inhaltsübersicht 25.1 Rahmen für Indikatoren der nachhaltigen Entwicklung . . . . . . . . . . . . . . . . . . 760 25.1.1 Lebensqualität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 762 25.1.2 Wohlstand . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 764 25.2 Indikatoren zur Messung der nachhaltigen Entwicklung . . . . . . . . . . . . . . . . . 770 25.3 Wege zur nachhaltigen Entwicklung – Ein  Orientierungsrahmen . . . . . . . . . . 778 25.3.1 Nachhaltigkeit und Entwicklungspfade von Volkswirtschaften . . . . . . . . . 779 25.3.2 Zielkonflikte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 782 25.3.3 Nachhaltige Entwicklung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 785 25.4 Fallbeispiele zu Kapitel 25 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 788 Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 760 Teil VI Nachhaltige Entwicklung und Makroökonomie760 Lernzielorientierte Sachverhalte •• Das Leitbild der Nachhaltigkeit setzt sich seit seiner Entstehung mit Begriffen wie Lebensqualität, Wohlstand und Wachstum auseinander. Auch Indikatorensysteme der Nachhaltigkeit in der ökonomischen und sozialen Dimension sind mit diesen Begriffen verbunden. Festzuhalten ist ein Wandel der Begriffe. Für die Lebensqualität geht es nicht mehr nur um die Überwindung des Mangels, sondern um die ganzheitliche Erhaltung der Lebensbedingungen. Wohlstand soll durch Effizienz, Konsistenz und Suffizienz sowie durch an die Natur angepasste Verhaltensweisen in Produktion und Konsum geschaffen werden. Wachstum meint vorrangig ein qualitatives und umweltverträgliches Wachstum, das die Ressourcen schont. •• Indikatoren und Indikatorensysteme müssen im Kontext der Nachhaltigkeit bestimmte Anforderungen erfüllen. In Abhängigkeit von Kenntnisstand, Zielgruppe und Fragestellung unterscheiden sich diese Indikatoren. Eine Nachhaltigkeitsberichterstattung kann auf supranationaler, nationaler, subnationaler oder lokaler Ebene erfolgen. Die Systeme werden entweder von öffentlichen Organisationen (Ministerien, statistische Ämter, internationale Organisationen, wissenschaftliche Institute) oder von privaten Trägern (vor allem Unternehmen) erstellt und herausgegeben. Sie haben in der Regel das Ziel, spezifische Fragestellungen oder Politikfelder zu beobachten und zu evaluieren. •• Der ökologische Fußabdruck und der Human Development Index (HDI) sind zwei Indikatorensysteme, die einen internationalen Vergleich erlauben und die sich in einer Gesamtbetrachtung im Sinne von Anforderungen an die makroökonomische Modellierung einer nachhaltigen Entwicklung verknüpfen lassen. Eine nachhaltige Gesellschaft würde z. B. einen geringen ökologischen Fußabdruck und einen hohen HDI aufweisen. •• Ausgehend von der Zusammenführung des ökologischen Fußabdrucks und des HDI lassen sich (nicht-) nachhaltige Entwicklungsmuster, Zielkonflikte in den einzelnen Dimensionen der Nachhaltigkeit und die Ausgestaltung von Nachhaltigkeitspfaden diskutieren und systematisieren. 25.1 Rahmen für Indikatoren der nachhaltigen Entwicklung Die Diskussion um gerechte Nutzungsmöglichkeiten begrenzter natürlicher Ressourcen, Belastungsgrenzen der Umwelt, Zuteilung von Verschmutzungsrechten sowie ökonomische und soziale Gerechtigkeit erfordert die Messbarkeit dieser Aspekte. Erst wenn hinreichend verlässliche Indikatoren zur Verfügung stehen, kann beurteilt werden, ob und inwieweit eine gewünschte nachhaltige Entwicklung vorliegt bzw. eingeschlagen ist oder wie weit wir noch davon entfernt sind (Abb. 25.1). Relevante Fragen sind: •• Bedürfnisdeckung – Wie gut leben wir heute? •• Gerechtigkeit – Wie sind die Ressourcen verteilt? •• Kapitalerhaltung – Was hinterlassen wir unseren Kindern? •• Entkoppelung – Wie effizient nutzen wir die Ressourcen? Das vom Schweizer Bundesamt für Statistik veröffentlichte Indikatorensystem MONET versucht diese Fragen anhand von 16 Schlüsselindikatoren zu beantworten. Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 761 Kapitel 25: Operationalisierung der nachhaltigen Entwicklung 761 Jeder Indikator wird von zwei Symbolen begleitet. Das erste Symbol beschreibt den beobachteten Trend der Entwicklung. Das zweite bewertet den Trend im Hinblick auf die für den Indikator relevanten Postulate der nachhaltigen Entwicklung (Tab. 25.1). Eine auf Indikatoren gestützte Analyse sollte nach Auffassung von Albert Einstein so einfach wie möglich, nicht aber zu vereinfachend sein: „Make everything as simple as possible, but not simpler.” Dies gilt auch für die Analyse einer nachhaltigen Entwicklung. Die integrierte Messung des breiten Spektrums der nachhaltigen Entwicklung aus ökonomischer, ökologischer und sozialer Perspektive ist ein komplexer Vorgang. Inzwischen gibt es eine Fülle von Einzelindikatoren und Mehrfachindikatoren. Die Beurteilung der Indikatoren sollte immer vor dem Hintergrund folgender Fragen erfolgen: •• Was sollen die Indikatoren beschreiben? •• Was sagen die Indikatoren aus? •• Welchen Problemen ist ihre Konstruktion ausgesetzt? Das Leitbild der Nachhaltigkeit hat sich in seiner Entstehungsgeschichte stets mit Begriffen wie Lebensqualität, Wohlstand und Wachstum beschäftigt. Auch Indikatorensysteme der Nachhaltigkeit in der ökonomischen und sozialen Dimension sind mit diesen Begriffen verknüpft. Festzuhalten ist ein Wandel der Begriffe: Trend Bewertung Zunahme positiv, in Richtung Nachhaltigkeit + Abnahme negativ, weg von der Nachhaltigkeit – keine wesentliche Veränderung neutral ≈ unregelmäßig ∼ keine Aussage möglich keine Aussage möglich … Tab. 25.1: Trend und Bewertung einer nachhaltigen Entwicklung Zustand B in Raum R zum Zeitpunkt t1 Zustand A in Raum R zum Zeitpunkt t0 Welche Kriterien muss Zustand B erfüllen, damit die Entwicklung nachhaltig war? nachhaltige Entwicklung Raum: • Region • Land • Kommune Wann ist eine Entwicklung nachhaltig? Abb. 25.1: Beurteilung der nachhaltigen Entwicklung Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 762 Teil VI Nachhaltige Entwicklung und Makroökonomie762 •• Für die Lebensqualität geht es nicht mehr nur um die Überwindung des Mangels an Gütern, sondern um die ganzheitliche Erhaltung der Lebensbedingungen. •• Wohlstand soll durch Effizienz und Suffizienz bzw. durch an die Natur angepasste Verhaltensweisen in Produktion und Konsum geschaffen werden. •• Wachstum meint vorrangig ein qualitatives und umweltverträgliches Wachstum, das zudem Ressourcen schont. Dieser Wandel bildet die Grundlage und den Ausgangspunkt für die Frage, wie eine nachhaltige Entwicklung zu messen ist. 25.1.1 Lebensqualität Die Lebensqualität ist ein mehrdimensionaler Wohlfahrtsbegriff, der schwerpunktmä- ßig die individuelle Wohlfahrt von Menschen beschreibt. Erfasst werden z. B. Dimensionen wie Einkommen, Arbeitsbedingungen, Wohnverhältnisse, Bildung, Gesundheit, Möglichkeiten der politischen Beteiligung, ökologische Umfeldbedingungen oder soziale Kontakte. Lebensqualität hat eine objektive und eine subjektive Dimension. Angemessene, gute und schlechte Lebensbedingungen lassen sich ausgehend von normativen Vorstellungen häufig quantitativ festlegen. Diese vermeintlich objektiven Einschätzungen werden jedoch individuell wahrgenommen. Beurteilungsinstanz der Lebensqualität ist also der Mensch. Aus der Gegenüberstellung von objektiven Lebensbedingungen und ihrer subjektiven Bewertung resultieren unterschiedliche Zustände (Tab. 25.2; vgl. Ludwig, 2000). Gute objektive Lebensbedingungen und ein damit verbundenes gutes subjektives Empfinden führen zu einem Wohlbefinden. Schlechte objektive und subjektiv empfundene Bedingungen werden in der Regel als Mangel bezeichnet. Inkonsistente Konstellationen von gut und schlecht zeigen folgende Ausprägungen: •• Die Unzufriedenheit von Menschen bei guten objektiven Lebensbedingungen. •• Die Zufriedenheit von Menschen bei schlechten objektiven Lebensbedingungen. In der Realität sind alle Konstellationen vorhanden. Beispielsweise müssen objektiv gute Lebensbedingungen in vielen „reichen“ Volkswirtschaften nicht zwangsläufig mit einem entsprechenden subjektiven Empfinden von Bürgern einhergehen. Richard Layard (2005) hat in seiner Analyse den Zusammenhang zwischen Reichtum (als objektive Dimension) und Glück (als subjektive Dimension) in einem Koordinatenkreuz veranschaulicht. Hoch entwickelte Länder mit einem pro-Kopf-Einkommen oberhalb von 20.000 US-$ weisen durchgängig eine Glücksrate von 80 %–95 % auf. Das Glück wird dabei nicht nur materiell, sondern auch immateriell durch Faktoren wie z. B. soziale Kontakte, persönliche Freiheit oder Gesundheit beschrieben. Die Staaten mit einem mittleren Einkommen zwischen 10.000 und 20.000 US-$ pro Kopf haben eine Glücksrate Tab. 25.2: Konstellationen zur Bewertung der Lebensqualität subjektives Empfinden gut schlecht objektive Lebens bedingungen gut Wohlbefinden (well-being) Unzufriedenheit (dissonance) schlecht Anpassung (adaption) Mangel (deprivation) Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 763 Kapitel 25: Operationalisierung der nachhaltigen Entwicklung 763 1. Bevölkerung Wohnbevölkerung, unter 15/über 65 Jahre Heiraten, Geburten, Familienstand Ausländeranteil, Wanderungssaldo 2. Sozioökonomische Gliederung und Schichteinstufung berufliche Stellung Lebensunterhalt durch Erwerbstätigkeit Bevölkerung nach Schichteinstufung 3. Arbeitsmarkt und Beschäftigungsbedingungen Erwerbsquote, Arbeitslosenquote, Arbeitsmarktchancen berufliche Qualifikation, Arbeitszeit Reallohnindex 4. Einkommen und seine Verteilung pro-Kopf-Einkommen Konzentration Zufriedenheit 5. Einkommensverwendung und Versorgung privater Verbrauch pro Einwohner Lebensstandard private Sparquote 6. Verkehr Anteil der Verkehrsbereiche am Personenverkehr (Personenkm.) Dauer des Arbeitsweges Ausstattungsgrad PKW, Nutzung ÖPNV 7. Wohnung Wohnfläche pro Person, Anteil Wohnungseigentum/Mietwohnungen Wohnungen ohne Standardausstattung durchschnittliche Mietbelastung 8. Gesundheit Lebenserwartung bei Geburt Sterblichkeit pro 1.000 Einwohner Krankheit oder Behinderung subjektiver Gesundheitszustand Ärzte pro 100.000 Einwohner Anteil der Gesundheitskosten am BIP 9. Bildung Kinder in Kindergärten Versorgungsquote für Kindertagesbetreuung Schulbesuch der 13-jährigen nach Schularten Schulabgänger ohne Abschluss Abiturientenquote Studierendenquote 10. Partizipation Organisationsgrad in Vereinen Ehrenamt Wahlbeteiligung 11. Umwelt Siedlungs- und Verkehrsfläche Emissionen, Müllaufkommen Umweltschutz 12. Öffentliche Sicherheit und Kriminalität Gesamtkriminalitätsziffer Polizeidichte Aufklärungsquote 13. Freizeit Umfang der freien Zeit Ausgaben für Freizeit Freizeit-Zufriedenheit 14. Globale Wohlfahrtsmaße BIP pro Kopf Lebenszufriedenheit Sozialleistungsquote Tab. 25.2: Beispiele für Sozialindikatoren in Deutschland Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 764 Teil VI Nachhaltige Entwicklung und Makroökonomie764 zwischen 65 %–90 %. Die Glücksrate bei Ländern mit einem Einkommen unter 10.000 US-$ verteilt sich über die ganze Skala. Manche Länder erreichen knapp 40 % (Moldawien, Russland, Ukraine), andere bis zu über 85 % (Mexiko 89 %, Kolumbien 87 %, Indonesien 86 %). Nigeria, das bezogen auf das pro-Kopf-Einkommen als relativ armes Land gilt, hat eine Glücksrate von 83 % und erreicht in etwa den Wert von Deutschland. Lebensqualität hat einen systemischen Charakter, d. h. wird aus gesellschaftlichen Wert- und Zielvorstellungen abgeleitet. Diese sind naturgemäß zwischen Ländern und Regionen der Welt unterschiedlich und verändern sich im Zeitablauf. Häufig werden die Lebensbedingungen und die Lebensqualität durch eine Gruppe von Sozialindikatoren statistisch erfasst. Beispielhaft sei auf das Instrumentarium der Sozialindikatorenforschung in Deutschland verwiesen. Hier werden Tendenzen des sozialstrukturellen Wandels und die Entwicklung der Lebensbedingungen und Lebensqualität der Bevölkerung kontinuierlich beobachtet und analysiert. Das System sozialer Indikatoren für Deutschland ist ein Instrument für die kontinuierliche Beobachtung der deutschen Gesellschaft. Die etwa 400 Indikatoren und mehr als 3.000 Zeitreihen dieses Systems vermitteln ein umfassendes empirisches Bild der längerfristigen Wohlfahrtsentwicklung, der objektiven Lebensbedingungen und der subjektiven Lebensqualität sowie des sozialen Wandels in Deutschland. Der Beobachtungszeitraum erstreckt sich vom Beginn der 50er Jahre des letzten Jahrhunderts bis heute. Das Indikatorensystem gliedert sich in insgesamt 14 Lebens- und Politikbereiche und enthält zudem eine Reihe von übergreifenden allgemeinen Wohlfahrtsindikatoren. Für jeden Bereich liegt eine Auswahl von Schlüsselindikatoren vor (Tabelle 25.2). Darüber hinaus liegen für eine Vielzahl der Indikatoren disaggregierte Analysen nach verschiedenen soziodemografischen bzw. sozioökonomischen Merkmalen vor. Somit stellt das Indikatorensystem Informationen über die Lebensverhältnisse einzelner Bevölkerungsgruppen sowie die Ungleichheit der Lebensbedingungen bereit. Insgesamt 89 Indikatoren aus den Lebens- und Politikbereichen des Indikatorensystems geben einen komprimierten Überblick der gesellschaftlichen Entwicklung in Deutschland. Die Zeitreihendaten für die ausgewählten Schlüsselindikatoren werden speziell aufbereitet und laufend aktualisiert. Die Indikatorenzeitreihen stehen als Tabellen und Grafiken zum Download zur Verfügung (siehe www.gesis.org). Schlag wörter •• Lebensqualität •• Sozialindikatoren 25.1.2 Wohlstand Wohlstand beschreibt aus individueller Sicht ein subjektives Empfinden und lässt sich aus ökonomischer Sicht als möglichst hoher subjektiver Nutzen umschreiben. Insofern gibt es enge Bezüge zur Lebensqualität. Aus materieller Sicht lässt sich der objektivierbare Wohlstand mit den materiellen Verfügungsmöglichkeiten einer Person, einer Gruppe oder einer Volkswirtschaft über Güter gleichsetzen. Üblicherweise wird in Volkswirtschaften der materielle Wohlstand mit dem Bruttoinlandsprodukt (BIP) bzw. BIP-pro-Kopf gemessen. Die Aussagefähigkeit des BIP als Wohlfahrtsindikator ist allerdings insofern beeinträchtigt, dass Umwelt- und Gesundheitsschäden sowie Ressourcenverluste in Zusammenhang mit der wirtschaftlichen Entwicklung nicht berücksichtigt werden. Das Statistische Bundesamt versucht diese Aspekte zu quantifizieren und im Rahmen einer Umweltökonomischen Gesamtrech- Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 765 Kapitel 25: Operationalisierung der nachhaltigen Entwicklung 765 nung auszuweisen. Daraus resultiert ein alternativer Wohlfahrtsindikator, das Öko- Inlandsprodukt (vgl. dazu die Ausführungen in Kapitel 15.4). Auch innerhalb von Volkswirtschaften kann es zu beträchtlichen „sozialen“ Inkonsistenzen kommen: •• Privater Reichtum kann mit öffentlicher und sozialer Armut einhergehen. „Zweidrittel-Gesellschaften“ sind Bezeichnungen für Entwicklungen, in der nicht alle Mitglieder einer Gesellschaft von einem Anwachsen des materiellen Wohlstands profitieren. •• Die Konsumorientierung einer Gesellschaft kann einhergehen mit Individualisierung, Wohlstandskriminalität und zunehmender Umweltverschmutzung, so dass Zielkonflikte in den Vordergrund treten. In einer weitergehenden Betrachtung geht es nicht nur um Einkommensarmut, sondern auch darum, welche materiellen und immateriellen Ressourcen zur Verfügung stehen, damit eine Einzelperson, eine Familie oder ein privater Haushalt das Leben individuell und menschenwürdig gestalten können. Es geht also um Lebenslagen, die Begriffe wie Ungleichheit und Ungerechtigkeit in den Vordergrund rücken (Abb. 25.2). Ähnlich wie die Lebensqualität haben auch Armut, Ungleichheit und Ungerechtigkeit systemischen Charakter, d. h. sie müssen im Kontext der jeweiligen Volkswirtschaft betrachtet werden. Wir wählen im Folgenden die Länder der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) als Bezugsbasis. Zur Beurteilung der personellen Einkommensverteilung haben wir bereits das Pro- Kopf-Einkommen kennengelernt. Arm oder reich ist aber nicht nur eine Frage des Pro-Kopf-Einkommens, sondern auch der Haushaltssituation. Diese Daten lassen sich nicht direkt aus der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung ableiten. Dazu benötigen Definition Indikator absolute Armut Unzureichende Ausstattung hinsichtlich lebenswichtiger materieller und immaterieller Grundbedürfnisse. Verfügbarkeit von 1,5 US-$ pro Tag zur Befriedigung der Lebensbedürfnisse. relative Armut Unterversorgung mit materiellen und immateriellen Ressourcen im Verhältnis zum Wohlstand der jeweiligen Gesellschaft. Verfügbarkeit von weniger als 50% des durchschnittlichen Einkommens des jeweiligen Landes. Ungleichheit Unterschiedlichkeit in der Verteilung, z.B.: Mittelausstattung, Verfügbarkeit von Gütern, Lebenschancen, Entscheidungsspielräume. Abweichung von einer „Idealverteilung“. Wie viel Ungleichheit hingenommen werden kann, ist eine Gerechtigkeitsfrage. Ungerechtigkeit subjektive, ethisch begründete Bewertung eines Zustandes auf der Basis eines Ideals (Bedarfsgerechtigkeit, Leistungsgerechtigkeit, Funktionsgerechtigkeit). Abweichung von den ethisch begründeten Normen werden analysiert und bewertet. Armut, Ungleichheit und Ungerechtigkeit Abb. 25.2: Armutsbegriffe, Ungleichheit und Ungerechtigkeit Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 766 Teil VI Nachhaltige Entwicklung und Makroökonomie766 wir zusätzliche Informationen. In Berechnungen zur Einkommensverteilung wird dazu u. a. das Äquivalenzeinkommen herangezogen. Die Einkommen werden nach Haushaltsgröße und Zusammensetzung anhand einer Äquivalenzskala beurteilt. Die Skala unterstellt, dass die Einkommen von Personen, die in unterschiedlichen Haushalten leben, nicht miteinander vergleichbar sind. So treten in größeren Haushalten z. B. Einspareffekte durch die gemeinsame Nutzung von Wohnraum und Haushaltsgeräten (z. B. Kühlschrank, Waschmaschine, Herd) auf. Zudem ist das Alter der Haushaltsmitglieder zu berücksichtigen. Die aktuelle OECD-Skala geht von folgenden Gewichtungen aus: Haushaltsvorstand 1 weitere(r) Erwachsene(r) (älter als 15 Jahre) 0,5 Kinder unter 15 Jahren 0,3 Betrachten wir ein Zahlenbeispiel auf Basis der OECD-Skala. Familie A besteht aus 2 Erwachsenen und 2 Kindern. Der Vater der Familie verdient netto 2.800 € monatlich, das Einkommen der Mutter liegt bei 350 € netto; dies führt zu einem Nettoeinkommen von 3.150 €. Daraus ergibt sich: •• Der haushaltsbezogene Äquivalenzskalenwert beträgt 2,1 (= 1 + 0,5 + 2 × 0,3). •• Das monatliche Haushaltsnettoäquivalenzeinkommen liegt bei 1.500 € (= 3.150 € / 2,1). Dies bedeutet, dass jede Einzelperson in diesem Haushalt, wenn sie alleine wohnen würde, über ein Einkommen von 1.500,– € verfügen müsste, um den gleichen Lebensstandard zu erzielen. Würde man das tatsächliche Haushaltseinkommen durch die Zahl der Personen teilen, ergäbe sich ein Durchschnittseinkommen in Höhe von nur 787,50 € (= 3.150 € / 4). Die mögliche gemeinsame Nutzung der Wohnung und von Haushaltsgeräten hat also den Lebensstandard pro Person erhöht. Betrachten wir alternativ einen Haushalt B mit dem gleichen gesamten Nettoeinkommen von 3.150 €, der zwei Erwachsene und 5 Kinder unter 15 Jahren umfasst. Der haushaltsbezogene Äquivalenzskalenwert liegt nun bei 3 (= 1 + 0,5 + 5 × 0,3), das monatliche Haushaltsnettoäquivalenzeinkommen beträgt 1.050 € (= 3.150 € / 3). Der Lebensstandard ist also bei gleichem Einkommen und mehr Haushaltsmitgliedern kleiner. Allerdings hätte sich bei einer Durchschnittsbetrachtung ein Wert von 450 € (= 3.150 € / 7 Personen) ergeben. Das Nettoäquivalenzeinkommen ist eine Richtgröße für die Bestimmung der sogenannten Armutsgrenze. Diese wird definiert als 60 % des mittleren Haushaltsnettoäquivalenzeinkommens eines Landes (Median). In Deutschland hatte beispielsweise der Median der Nettoäquivalenzeinkommen nach Angaben des Europäischen Statistischen Amtes im Jahr 2008 einen Wert von 18.209 €. Dies bedeutet, dass die Armutsgrenze bei 10.925 € lag. Somit hätte eine Familie mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern im Alter von unter 15 Jahren über ein Jahresnettoeinkommen von mehr als 22.943 € (= 10.925 € × 2,1) verfügen müssen, um oberhalb der Armutsgrenze zu liegen. Die staatliche Umverteilungspolitik (z. B. durch Steuern, Transfers) zielt in der Regel darauf ab, die Verteilung der Einkommen gleichmäßiger zu machen. Was bedeutet aber gleichmäßiger? Um diesen Effekt sichtbar zu machen, betrachten wir ein einfaches Beispiel mit Brutto- und Nettoäquivalenzeinkommen von fünf Haushalten: Während die Haushalte B, C und E einer (starken) Besteuerung unterliegen, sind bei den Haushalten A und D aufgrund geringer (oder keiner) Besteuerung und Transferzahlungen des Staates die Nettoäquivalenzeinkommen höher als die Bruttoäquivalenzein- Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 767 Kapitel 25: Operationalisierung der nachhaltigen Entwicklung 767 kommen. Diese Effekte können graphisch anschaulich mit der Lorenz-Kurve dargestellt werden (Abb. 25.3). Dazu werden auf den Achsen die kumulierten prozentualen Anteile der Haushalte (waagerecht) und der Einkommen (senkrecht), jeweils geordnet von „Arm“ nach „Reich“, abgetragen. Grundlage für diese Darstellung sind die nachfolgenden Arbeitstabellen für die Verteilung der Brutto- und Nettoäquivalenzeinkommen der fünf betrachteten Haushalte. Für das Haushaltsbruttoäquivalenzeinkommen erhalten wir folgende Verteilung, geordnet von „Arm“ nach „Reich“: Man sieht anhand der Tabelle, dass beispielsweise 40 % der „ärmsten“ Haushalte über „nur“ 5 % der Bruttoeinkommen verfügen. Graphisch findet man die Verteilung der Bruttoeinkommen in der Abb. 25.3 als gestrichelte Linie (Lorenz-Kurve der Bruttoäquivalenzeinkommen). Der Abstand von der Diagonalen, die eine Gleichverteilung aller Einkommen repräsentiert, verdeutlicht den Grad der „Ungleichverteilung“. Tab. 25.3: Äquivalenzeinkommen Haushalt Haushalts Bruttoäquivalenz einkommen Haushalts Nettoäquivalenz einkommen A 750 1.000 B 4.250 2.000 C 4.000 2.500 D 0 500 E 6.000 4.000 Bevölkerung in % Einkommen in % 100 80 60 40 20 0 20 40 60 80 100 Gleichverteilungsgerade Lorenzkurve: Fläche B Messung der (Un-)Gleichverteilung Nach Umverteilung Vor Umverteilung Abb. 25.3: Lorenz-Kurve Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 768 Teil VI Nachhaltige Entwicklung und Makroökonomie768 Für das Haushaltsnettoäquivalenzeinkommen erhalten wir die Verteilung, geordnet von „Arm“ nach „Reich“, nach den vom Staat eingeführten Steuern und Transferzahlungen: Der Umverteilungsprozess hat unter anderem dazu geführt, dass nun die 40 % der „ärmsten“ Haushalte über 15 % der Nettoeinkommen verfügen. Die durchgezogene Linie in Abbildung 25.3 (Lorenz-Kurve der Nettoäquivalenzeinkommen) liegt näher an der Gleichverteilungsgeraden und verdeutlicht, dass die neue Verteilung weniger „ungleich“ ist. Ein rechnerisches Maß zur Beurteilung der „Ungleichverteilung“ ist der Gini-Koeffizient, entwickelt vom italienischen Statistiker Corrado Gini (1884–1965). Der Gini-Koeffizient beschreibt das Verhältnis zwischen der Lorenz-Kurve und der Diagonalen sowie der Diagonalen und der X-Achse (Abb. 25.3). Hierzu werden die Bereiche unterhalb der Lorenz-Kurve in Trapeze zerlegt und deren Flächen aufsummiert. Die Differenz dieser Flächensumme von der Fläche unter der Diagonalen ergibt den Gini-Koeffizienten. Der Index kann einen Wert zwischen 1 (extreme Ungleichverteilung) und 0 (völlige Gleichverteilung) annehmen. Läge die tatsächliche Einkommensverteilung in der Zuordnung zu den Haushalten genau auf der Diagonalen der Lorenzkurve, wäre eine vollkommene Gleichverteilung der Einkommen erreicht. Zur Bestimmung des Gini- Koeffizienten werden zwei Flächen bestimmt. Dazu zählt die zunächst die Fläche des Dreiecks unter der Gleichverteilungslinie, die hier als A bezeichnet wird. Sie beträgt 0,5. Die zweite Fläche ist die Fläche unter der jeweiligen Lorenzkurve, die wir B nennen. Der Gini-Koeffizient ist das Verhältnis der Fläche zwischen Gleichverteilungslinie und Lorenzkurve (A – B) zur Fläche unterhalb der Gleichverteilungslinie, also: (A – B) / A. Je größer die Abweichungen von der Gleichverteilungskurve sind, d. h. je größer der „Bauch“ der Lorenzkurve ist, desto größer ist das Maß der Ungleichverteilung des Tab. 25.4: Verteilung von Haushaltsbruttoäquivalenzeinkommen Haushalt Bruttoein kommen Anteil an den Haushalten Anteil am Einkommen in % kumuliert in % in % kumuliert in % D 0 20 20 0 0 A 750 20 40 5 5 C 4.000 20 60 26,67 31,67 D 4.250 20 80 28,33 60 E 6.000 20 100 40 100 Tab. 25.5: Verteilung von Haushaltsnettoäquivalenzeinkommen Haushalt Netto einkommen Anteil an den Haushalten Anteil am Einkommen in % kumuliert in % in % kumuliert in % D 500 20 20 5 5 A 1.000 20 40 10 15 B 2.000 20 60 20 35 C 2.500 20 80 25 60 E 4.000 20 100 40 100 Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 769 Kapitel 25: Operationalisierung der nachhaltigen Entwicklung 769 Einkommens. Die Fläche B für die Lorenz-Kurve der Bruttoäquivalenzeinkommen errechnet sich wie folgt: 1. Kurvenabschnitt (0,20 × 0,00) : 2 0,000 2. Kurvenabschnitt (0,20 × 0,05) : 2 + 0,00 × 0,20 0,005 3. Kurvenabschnitt (0,20 × 0,27) : 2 + (0,00 + 0,05) × 0,20 0,037 4. Kurvenabschnitt (0,20 × 0,28) : 2 + (0,00 + 0,05 + 0,27) × 0,20 0,092 5. Kurvenabschnitt (0,20 × 0,40) : 2 + (0,00 + 0,05 + 0,27 + 0,28) × 0,20 0,160 Summe zum Teil gerundet 0,294 Da die Fläche A den Wert 0,5 hat, ist die Fläche A – B: 0,5 – 0,294 = 0,206. Der Gini- Koeffizient ergibt sich als: 0,206/0,5 = 0,412. Die Fläche B für die Lorenz-Kurve der Nettoäquivalenzeinkommen kann wie folgt berechnet werden: 1. Kurvenabschnitt (0,20 × 0,05) : 2 0,005 2. Kurvenabschnitt (0,20 × 0,10) : 2 + 0,05 × 0,20 0,020 3. Kurvenabschnitt (0,20 × 0,20) : 2 + (0,05 + 0,10) × 0,20 0,030 4. Kurvenabschnitt (0,20 × 0,25) : 2 + (0,05 + 0,10 + 0,20) × 0,20 0,095 5. Kurvenabschnitt (0,20 × 0,40) : 2 + (0,05 + 0,10 + 0,20 + 0,25) × 0,20 0,160 Summe 0,310 Die Fläche A – B beträgt: 0,5 – 0,310 = 0,19. Der Gini-Koeffizient (GK) ergibt sich somit als: 0,19/0,5 = 0,38. Der Gini-Koeffizient nach der Umverteilung (Nettoäquivalenzeinkommen: 0,38) ist also kleiner als der Gini-Koeffizient vor der Umverteilung (Brutto- äquivalenzeinkommen: 0,412). Eine solche Einkommensumverteilung von „Reich“ zu „Arm“ wirkt nivellierend und wird überwiegend auch als sozial gerecht bezeichnet. Eine Einstufung lässt sich wie folgt vornehmen: •• 0,0 < GK < 0,3: „normale Verteilung“ •• 0,3 < GK < 0,4: „akzeptabel“ •• 0,4 < GK < 0,6: „zu ungleich“ •• 0,6 < GK < 1: „Gefahr sozialer Unruhen“ Dieses Beispiel hat nicht nur didaktischen Charakter. Sie können sich vorstellen, welche Folgen sich ergeben, wenn in der verteilungspolitischen Diskussion z. B. über die „Armut“ oder den „Reichtum“ in einem Land falsche Kennziffern („Äpfel mit Birnen“) verglichen werden. Achten Sie daher auf die Kenngrößen, die in diesem Zusammenhang herangezogen werden (Pro-Kopf-Einkommen; Brutto- und Nettoeinkommen; Einkommen vor oder nach der Umverteilung; Brutto- und Nettoäquivalenzeinkommen; Vermögen). Schlag wörter •• absolute Armut •• relative Armut •• Ungleichheit •• Ungerechtigkeit •• Lorenz-Kurve •• Gini-Koeffizient •• Äquivalenzeinkommen •• Haushaltsbruttoäquivalenzeinkommen •• Haushaltsnettoäquivalenzeinkommen •• personelle Einkommensverteilung Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 770 Teil VI Nachhaltige Entwicklung und Makroökonomie770 25.2 Indikatoren zur Messung der nachhaltigen Entwicklung Indikatoren dienen der Bereitstellung neuer bzw. der Enthüllung bisher verdeckter Informationen in Form von Kennzahlen. Indikatorensysteme müssen im Kontext der Nachhaltigkeit bestimmte Anforderungen erfüllen (Tab. 25.6). In Abhängigkeit von Kenntnisstand, Zielgruppe und Fragestellung unterscheiden sich die Indikatoren (Abb. 25.4). Relativ einfach aufgebaute Schlüsselindikatoren bieten den Vorteil, dass sie robust sind, Datenprobleme transparent abbilden und aufgrund ihrer Struktur ein hohes Resonanzpotential besitzen. Solche Indikatoren dienen dem Informationsaustausch mit Nichtexperten und der Öffentlichkeit sowie der Entscheidungsunterstützung. Sie können darüber hinaus eingesetzt werden, um die Einhaltung von Standards zu überwachen. Nachteilig sind die Gefahr der Simplifizierung, die Vermittlung falscher Eindrücke sowie eine Subjektivität, da eine Reduktion auf „wesentliche“ Kriterien getroffen werden muss. Mit dem Aggregationsprozess geht ein Informationsverlust einher. Zusätzlich wird eine Gewichtung notwendig, was die Konsistenz der Aussage gefährdet. Eine Gruppe von Einzelindikatoren verringert vorhandene Datenlücken. Allerdings ist die Vielfalt von Daten für den Nichtfachmann kaum überschaubar. Solche Indikatorensysteme dienen der Modellierung von komplexen Systemen und werden eher von Fachwissenschaftlern eingesetzt. Eine Nachhaltigkeitsberichterstattung kann auf supranationaler, nationaler, subnationaler oder lokaler Ebene erfolgen. Dabei können eine oder mehrere Ebenen umfassend betrachtet oder einzelne Sektoren oder Teilgebiete (z. B. Lebensbereiche, einzelne Unternehmen oder Produktgruppen) der Ebenen besonders betont werden. Die Systeme werden entweder von öffentlichen Institutionen (Ministerien, statistische Ämter, internationale Organisationen, wissenschaftliche Institute) oder von privaten Trägern (vor allem Unternehmen) erstellt und herausgegeben. Sie haben in der Regel das Ziel, Tab. 25.6: Anforderungen an Nachhaltigkeitsindikatoren Quelle: in Anlehnung an Kopfmüller u. a., 2001, S. 318 Wissenschaftliche Anforderungen •• Repräsentativität: adäquat bezogen auf die jeweilige Fragestellung •• Transparenz: keine Mehrdeutigkeit •• Nachvollziehbarkeit: reproduzierbar in Auswahlkriterien und Ergebnissen •• Datenqualität Funktionale Anforderungen •• Sensitivität gegenüber Änderungen im Zeitablauf und gegen- über Wechselwirkungen zwischen Dimensionen der Nachhaltigkeit •• Eignung zur Erfassung von Trends, Frühwarnsystem •• Möglichkeit für internationale Vergleiche Anforderungen der Nutzer •• Verständlichkeit •• Verdichtung von Informationen •• politische Steuerbarkeit •• gesellschaftlicher Mindestkonsens über Eignung und Interpretation Praktische Anforderungen •• Datenverfügbarkeit •• vertretbarer Aufwand der Datenbeschaffung •• regelmäßige Aktualisierung Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 771 Kapitel 25: Operationalisierung der nachhaltigen Entwicklung 771 spezifische Fragestellungen oder Politikfelder zu beobachten und zu evaluieren. Einige Beispiele für Indikatoren(-sets) der nachhaltigen Entwicklung sind: a) Kommunale Indikatorensysteme Viele Kommunen in Deutschland haben Indikatorensysteme der Nachhaltigkeit eingeführt. Vorbilder waren insbesondere amerikanische, kanadische, britische und niederländische Kommunen. Beispielhaft sei auf den Wettbewerb „Zukunftsfähige Kommune“ verwiesen. Hier wird das Konzept der Lebensqualität mit dem Nachhaltigkeitsbegriff der lokalen Agenda 21 verbunden. Neben Indikatoren der Lebensqualität wurden Umweltqualität, Ressourceneffizienz, wirtschaftliche Effizienz und soziale Gerechtigkeit berücksichtigt. Die teilnehmenden Kommunen mussten 38 verschiedene Indikatoren aus vier Nachhaltigkeits-Bereichen erfassen. Zwölf weitere Indikatoren, bei denen die Datenbereitstellung schwieriger war, konnten fakultativ einbezogen werden. b) Nationale Indikatorensysteme Der Indikatorenbericht des Statistischen Bundesamtes beschreibt die Entwicklung und den aktuellen Stand für 35 ausgewählte Nachhaltigkeitsindikatoren. Grafiken und Texte liefern Hintergrundinformationen und weiterführende Analysen zu den Ergebnissen. Die vollständigen Zeitreihen zur Entwicklung der Nachhaltigkeitsindikatoren können der GENESIS-Datenbank (www.destatis.de) entnommen werden. c) Europäische Indikatorensysteme Die Strategie der Europäischen Gemeinschaften basiert auf der Beobachtung einer Vielzahl von Indikatoren, um den Fortschritt im Hinblick auf jede spezifische Herausforderung der nachhaltigen Entwicklung zu überwachen. Ein erster Indikatorensatz des Statistischen Amtes der Europäischen Gemeinschaften (EuroSTAT) wurde 2005 von der Kommission angenommen und 2007 überarbeitet. Die Indikatoren für nachhaltige Entwicklung (sustainable development indicator, SDI) betrachten neben der sozio-ökonomischen Entwicklung unter anderem demografische Veränderungen, den Klimawandel und natürliche Ressourcen. d) Internationale Indikatorensysteme • Global Footprint Network, World Wildlife Fund (WWF) und Zoological Society of London berechnen den sogenannten Ökologischen Fußabdruck. Er erfasst Merkmal Ausprägung Bewertung monetär physisch Dimension ökonomisch Aggregationsgrad Skalierung kardinal Funktion Vergleich Steuerung Informationsart inputorientiert Praxisbeispiel für eine konkrete Ausprägung hybrid ökologisch sozial hoch mittel gering ordinal Monitoring Analyse prozessorientiert outputorientiert Indikatorenset Raster für Nachhaltigkeitsindikatoren Abb. 25.4: Morphologischer Kasten für Nachhaltigkeitsindikatoren Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 772 Teil VI Nachhaltige Entwicklung und Makroökonomie772 den Ressourcenverbrauch von Menschen oder Regionen und wird in die Fläche umgerechnet, die notwendig ist, um die entsprechenden Ressourcen zur Verfügung zu stellen. Damit kann gezeigt werden, wie viel Raum ein Mensch oder eine Region in Anspruch nimmt oder wie viele „Erden“ benötigt würden, wenn alle Menschen auf der Welt einen ähnlichen Verbrauch hätten. • Die OECD betrachtet verschiedene Themen (z. B. Technologie, Handel, Klimawandel, Landwirtschaft, soziale Kohäsion, Bildung) unter dem Gesichtspunkt der nachhaltigen Entwicklung und veröffentlicht dazu zahlreiche Statistiken. • Die Kommission nachhaltige Entwicklung (CSD) der Vereinigten Nationen (UN) hat auf der Basis von nationalen Testläufen und Expertenkonsultationen einen Satz von 58 Indikatoren zusammengestellt. Beispielhaft wollen wir nachfolgend zwei Indikatorensysteme herausgreifen, die einen internationalen Vergleich erlauben und die sich in einer Gesamtbetrachtung im Sinne von Anforderungen an die makroökonomische Modellierung einer nachhaltigen Entwicklung verknüpfen lassen: •• Der ökologische Fußabdruck als Beispiel für die ökologische Dimension. •• Der Human Development Index (HDI) als Beispiel für die ökonomische und soziale Dimension. Eine nachhaltige Gesellschaft würde dann z. B. einen geringen ökologischen Fußabdruck und einen hohen HDI aufweisen. Damit sind alle drei Kernbereiche der nachhaltigen Entwicklung in einer Betrachtung zusammengeführt. Beide Indikatoren lassen sich im sogenannten WebGIS analysieren. Die Nutzung digitaler Geoinformationen und Geographischer Informationssysteme (GIS) ist seit den 1990er Jahren durch die Entwicklung benutzerfreundlicher, teils über das Internet verfügbarer, GISgestützter Anwendungen möglich und in zahlreiche Bereiche des täglichen Lebens vorgedrungen. Aufgrund der ständig wachsenden Bedeutung von Geoinformationen und GIS-Technologien wird eine Integration in die Lehre empfohlen. Hier findet man eine weltweite Übersicht zu Indikatoren aus den Bereichen Gesellschaft, Ökonomie, Umwelt und Politik. Schlag wörter •• Nachhaltigkeitsindikatoren •• Indikatorensysteme •• Nachhaltigkeitsberichterstattung Ökologischer Fußabdruck – tägliche Spuren in der Umwelt Der ökologische Fußabdruck ist ein Modell, das bewusst macht, ob und wie Gesellschaften über ihre Verhältnisse leben. Menschliche Aktivitäten geschehen letztendlich immer auf einem Teil der Bodenfläche unseres Planeten Erde, die wir als Ganzes nicht vergrößern können. Zentrale Frage für den Fußabdruck ist: Wie viele erneuerbare Ressourcen benötigt der menschliche Konsum von Produkten und Dienstleistungen? Eine ökologisch nachhaltige Welt muss aus dieser Sicht auf erneuerbaren natürlichen Ressourcen basieren, d. h. auf Ressourcen, die globale Ökosysteme bereitstellen können. Jeder Mensch beansprucht eine gewisse Fläche dieser Erde für bestimmte Aktivitäten: •• Energieerzeugung, •• Nahrungsmittelproduktion (einschließlich der Futtermittelproduktion für Tiere), •• Wohnen und Arbeit, •• Freizeitgestaltung, •• Transport und Mobilität (z. B. Straßen, Einbahnstrecken, Flughäfen). Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 773 Kapitel 25: Operationalisierung der nachhaltigen Entwicklung 773 Der ökologische Fußabdruck übersetzt den damit verbundenen Naturverbrauch in Land- und Seefläche (Hektar), um die Begrenztheit des Planeten zu symbolisieren (Abb. 25.5): •• Materialverbrauch: Umrechnung in Flächen, •• Landverbrauch: bebaute Fläche, Abbauflächen, Ackerland, Weideland, •• Meeresfläche (Fischfanggründe), •• Energieverbrauch durch nicht erneuerbare Ressourcen: Bereitstellung von CO2- Absorptionsflächen (z. B. Wald und Ozeane). Relevante Fragen sind beispielsweise: •• Wie viel Fläche wird benötigt, um den Weizen für das Brot zu produzieren? •• Wie viel Weizen wird verbraucht, um Schweine zu füttern, dessen Fleisch wir essen? •• Wie viel Fläche ist für die Produktion von Baumwolle notwendig? •• Wie viel Fläche ist notwendig, um das CO2 zu absorbieren, das durch den Verbrauch fossiler Energien in die Atmosphäre entlassen wird? Im ökologischen Fußabdruck sind alle Stoffe aus der Natur enthalten, die für Herstellung, Transport, Gebrauch und Entsorgung von Gütern verbraucht werden. Sie werden in fünf Kategorien unterteilt: •• Abiotische Rohstoffe, z. B. Eisenerz, Erdöl, Kohle, Sand, Kies, •• Biotische Rohstoffe, z. B. Holz, Baumwolle, Kautschuk, •• Erosion, z. B. Abnutzung des Bodens durch Baumwollanbau, •• Wasser, z. B. zur Bewässerung in der Landwirtschaft oder zur Reinigung und Kühlung in Kraftwerken, •• Luft, z. B. Verbrennungsluft für Motoren, chemische Reaktionen und/oder für die Heizung. Beachten Sie, dass der ökologische Fußabdruck nichts darüber aussagt, wie schädlich die Produkte oder ihre Abfallstoffe für Menschen und Natur sind. Für Schadstoffe gibt es andere Indikatoren, z. B. Gehalt an Cadmium oder an Dioxin. Solche Indikatoren sind eine wichtige Ergänzung, um zu einer ökologischen Gesamtbewertung von Gütern zu kommen. Teilen wir den ökologischen Fußabdruck eines Landes durch die jeweilige Einwohnerzahl, so erhalten wir den ökologischen Fußabdruck einer Person dieses Landes. Damit lässt sich ein anschaulicher Vergleich des Lebensstils zwischen Einwohnern unterschiedlicher Länder durchführen. Die Biokapazität pro Person (nutzbare Naturfläche des Landes pro Einwohner) zeigt, welcher Ressourcenverbrauch in diesem Land dauerhaft möglich wäre, ohne dass Flächen anderer Länder beansprucht werden oder eine Übernutzung der Flächen stattfindet. Für die Ermittlung des ökologischen Fußabdrucks sind komplexe Berechnungen notwendig. Um einheitliche, vergleichbare Flächen zu erhalten, werden die Flächenwerte mit länderspezifischen Ertragsfaktoren und die unterschiedlichen Flächentypen mit Äquivalenzfaktoren multipliziert. Daraus ergeben sich die so genannten globalen Hektar, die eine weltweit durchschnittliche (biologische) Produktivität aufweisen. Da nicht alles Land gleichermaßen produktiv ist und sich die Produktivitäten regional unterscheiden, sind Gewichtungen erforderlich. Beispielsweise ist Ackerland produktiver als Weideland und Ackerland in Neuseeland produktiver als Ackerland in Algerien. Die Gewichtung wird mit einem Ertragsfaktor (yield factor) vorgenommen, der zur Ermittlung von regionalen Fußabdrücken führt. Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 774 Teil VI Nachhaltige Entwicklung und Makroökonomie774 Der ökologische Fußabdruck entspricht der Nachfrage nach Ressourcen. Die Biokapazität stellt das Angebot an Ressourcen bereit. Aus einem Vergleich von Nachfrage und Angebot entsteht ein ökologischer Überschuss bzw. ein ökologisches Defizit (Abb. 25.6): •• nationales Defizit: Aus nationaler Sicht entspricht ein Defizit einer nicht-nachhaltigen Nutzung und/oder einem Import von Übernutzung. Rechnerisch ist der Fußabdruck größer als die Fläche nutzbaren Landes. •• globales Defizit: Aus globaler Sicht signalisiert ein Defizit generell eine nicht-nachhaltige Nutzung und (langfristig betrachtet) eine Zerstörung des Naturkapitals (overshoot). • Maß für die Inanspruchnahme der Natur durch menschliche Aktivitäten • notwendige produktive Land- und Wasserflächen insgesamt für menschliche Aktivitäten • gemessen in Globalen Hektar (gha); (1 gha entspricht einem Hektar durchschnittlicher biologischer Produktivität weltweit = 10.000 m2) • Berechnung für Individuen, Städte, Regionen, Länder und global Ökologischer Fußabdruck Abb. 25.5: Charakteristika des ökologischen Fußabdrucks Bevölkerung Verbrauch Resourcenintensität Fläche Bio- Produktivitätx x x = Footprint (Nachfrage) = Biokapazität (Angebot) Kluft zwischen Footprint und Biokapazität • ökologischer Überschuss • ökologisches Defizit Mobilität Wohnen NaturEnergie Konsum Gemeinschaftsgüter Ökologische Bilanz Abb. 25.6: Ökologische Defizite und Überschüsse Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 775 Kapitel 25: Operationalisierung der nachhaltigen Entwicklung 775 Wie viel Fläche steht uns nun zu Verfügung? Unser Planet hat eine Oberfläche von rund 51 Mrd. ha. Ein Großteil der Meere, Eis, Sandwüsten und unfruchtbares Land sind weitestgehend nicht bioproduktiv nutzbar. Tatsächlich stehen rund 12–13 Mrd. ha zur Verfügung. Bei einer Weltbevölkerung von derzeit etwa 7 Mrd. Menschen stehen einer Person damit durchschnittlich etwa 1,6–1,7 ha an biologisch produktiver Fläche zur Verfügung. Stellen wir diesem Erdanteil die tatsächlich beanspruchte Fläche gegenüber, so ist zu erkennen, dass der ökologische Fußabdruck der gesamten Menschheit bereits um 20 % bis 30 % größer ist, als die nutzbare Fläche der Erde (Abb. 25.7). Insgesamt leben wir damit über unsere Verhältnisse. Sofern die bioproduktive Fläche aufgrund von Übernutzung bis zum Jahr 2050 auf z. B. 10 Mrd. ha zurückgeht, ergibt sich bei 9 Mrd. Menschen die globale „ein Hektar Herausforderung“. Vor allem viele Industrienationen weisen einen Ressourcen- und Umweltverbrauch auf, der einer größeren Fläche entspricht, als im eigenen Land zur Verfügung steht. Die Folge ist eine globale Ungerechtigkeit, da ein relativ größerer ökologischer Fußabdruck nur dadurch möglich ist, dass andere Nationen weniger beanspruchen, als ihnen eigentlich zustehen würde. Für viele Industrieländer beträgt der Fußabdruck in der Vergangenheit teilweise 5–6 ha. Einwohner aus Ländern mit mittlerem Einkommen beanspruchten etwa 1,5–2 ha und Einwohner aus ärmeren Ländern in der Regel 0,6–1 ha. Der wesentliche Vorteil des ökologischen Fußabdrucks ist, dass er vergleichsweise einfach zu kommunizieren ist (Abb. 25.8). Internet-Anwendungen ermöglichen es, auch den eigenen Fußabdruck zu ermitteln. „Äpfel“ können mit „Birnen“ verglichen werden und erleichtern die Wahlentscheidung (informed choice). Sie erhalten z. B. die Information, dass 1 kg Fleisch im footprint entsprechen 70 kg Kartoffeln, 6 Minuten im Flugzeug, 250 km im Mittelklasse-PKW, 45 Tage Nutzung eines PC oder ein Jahr Nutzung eines PC mit Ökostrom. Landverbrauch und Landverknappung sind leicht zu verstehende Begriffe, die der Öffentlichkeit gut vermittelt werden können. Die Daten zur Ermittlung des ökologi- Globales Umdenken erforderlich „Ein-Hektar-Herausforderung“ „Eine Welt“ „Eine Welt“ Abb. 25.7: Globale „Ein-Hektar-Herausforderung“ Quelle: http://www.footprintnetwork.org/en/index.php/GFN/page/world_footprint Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 776 Teil VI Nachhaltige Entwicklung und Makroökonomie776 schen Fußabdrucks sind überwiegend von guter Qualität, werden jährlich aktualisiert und sind international weitgehend vergleichbar. Ein weiterer Vorteil dieser Methodik besteht darin, dass sie ein Maßstab für eine nachhaltige Entwicklung (oder das Gegenteil davon) sein kann. Sie bietet die Möglichkeit, eine Grenze zu ziehen, bis zu der die Erhaltung der Biodiversität gesichert bleibt. Die Methode zeigt die Hauptverursacher von Umweltbelastungen weltweit. Damit eignet sich der Indikator gut für eine Handlungsorientierung. Das Konzept hilft auch die Frage zu beantworten, was wir (jeder Einzelne, Kommunen, Staaten) tun müssen, um die Belastung der Natur zu verringern. Dadurch können Prioritäten gesetzt werden. Aus individueller Sicht stehen die Ernährung, das Wohnen, die Mobilität und der Güterkonsum im Vordergrund. Der ökologische Fußabdruck für Ernährung ist beispielsweise umso größer, •• je weiter oben ein Lebensmittel in der Nahrungskette steht (Fleisch, tierische Produkte), •• je stärker ein Lebensmittel verarbeitet wird, •• je weiter es transportiert werden muss, •• je aufwendiger es verpackt und je länger es gelagert wird (Kühlhäuser, Kühltruhen). Wichtig ist auch der Transport vom Geschäft zum Endverbraucher. Die Einkaufsfahrt mit dem Auto kann ein Vielfaches des footprint verursachen, der beim gesamten Transport des Produktes bis in den Laden anfällt. Der ökologische Fußabdruck des Wohnens hängt u. a. ab von •• der Größe der Wohnung bzw. des Hauses, •• der thermischen Qualität des Gebäudes (Passivhaus, Niedrigenergiestandard), •• der Kompaktheit des Gebäudes (eine Wohnung im Mehrfamilienhaus ist häufig energetisch günstiger als ein freistehendes Einfamilienhaus), •• den eingesetzten Energieträgen für Heizen und Warmwasser, •• dem Warmwasserverbrauch, •• dem Stromverbrauch (Anzahl der Geräte, Standby) und der Art des Stroms (Ökostrom, konventionell). Im Kontext der Mobilität spielen vor allem die genutzten Fortbewegungsmittel eine Rolle (Flugzeug mit Kurz- oder Langstrecke, Art des PKW, ÖPNV mit Bus oder Bahn, Fahrrad, zu Fuß gehen). • Symbol für (Nicht-)Nachhaltigkeit • Darstellung komplexer Zusammenhänge in einer Gesamtzahl • weltweite Ländervergleiche im Zeitablauf möglich (1960–2010) • Bewusstseinsbildung und Vermittlung an die Bevölkerung durch persönliche „Fußabdruck-Rechner“ • Einfluss auf nationale, europäische und internationale Politik zur Implementierung von „geeigneten politischen Rahmenbedingungen“ Aussagefähigkeit des ökologischen Fußabdrucks Abb. 25.8: Informationsgehalt des ökologischen Fußabdrucks Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 777 Kapitel 25: Operationalisierung der nachhaltigen Entwicklung 777 In der Frage des Güterkonsums ist u. a. entscheidend: •• die langlebige, mehrfache Nutzung von Gütern (reparieren statt wegwerfen), •• der Erwerb von „second hand“ und/oder recycelten Gütern, •• die Art des Konsums („nutzen statt besitzen“, Volumen des Konsums, Lebensstil). Auch in diesem Kontext sind sogenannte Rebound-Effekte zu berücksichtigen. So hat sich z. B. der Kerosinverbrauch des Fliegens pro Personenkilometer zwischen 1970–2010 mehr als halbiert. Die Flugkilometer sind hingegen um das mehr als 5-fache gestiegen. Der Kerosinverbrauch ist insgesamt also stark angewachsen. Der ökologische Fußabdruck ist ungeachtet seiner breiten Anwendung auch methodischer Kritik ausgesetzt. Folgende Schwachstellen werden genannt: •• Es erfolgt keine Einbeziehung von Kosten- und Nutzenerwägungen. •• Es wird vorrangig der Konsum, nicht aber die Produktion analysiert. •• Die Einhaltung kritischer Bestandswerte des Naturkapitals ist nicht gesichert. •• Der Indikator berücksichtigt nur CO2-Ressourcen, nicht aber den Beitrag anderer klimarelevanter Spurengase, die sich nicht in Flächen darstellen lassen. Außen vor bleiben z. B. Baumaterialien, chemische Erzeugnisse und gasförmige Abfälle. •• Fossile Energieträger werden nur anhand ihrer CO2-Emissionen berücksichtigt. Der Verbrauch dieser erschöpfbaren Energieträger bleibt außen vor. Es sind aber Alternativen vorstellbar, die weniger Land in Anspruch nehmen (z. B. erneuerbare Energien). •• Regional unterschiedliche Fußabdrücke sind zu relativieren, da sie eine Folge des internationalen Handels sind. Brasilien ist ein Beispiel für ein Geberland, das seine Flächen für Agrarexporte (z. B. Kaffee, Fleisch, Zucker, Biosprit) in Länder mit einem ökologischen Defizit zur Verfügung stellt. Allerdings ist der entsprechende Reichtum verbunden mit dem Raubbau an den Regenwäldern. Ungeachtet dieser Einwände gilt der ökologische Fußabdruck als ein geeigneter Maßstab, der die Begrenztheit der Welt und die Notwendigkeit von Fairness in der Nutzung natürlicher Ressourcen zwischen den Ländern deutlich macht. „Im Prinzip geht es darum, den ärmeren Staaten aus Sicht der reicheren Staaten nicht mehr zu geben, sondern ihnen weniger zu nehmen“ (Jean Ziegler, UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung). Menschliche Entwicklung – mehr als Einkommensgrößen Einkommensgrößen wie das BIP-pro-Kopf sind allein kein geeigneter Maßstab zur Beurteilung von Entwicklungspfaden. Vor diesem Hintergrund ist der Human Development Index (HDI) als Messinstrument entstanden, der neben der realen Kaufkraft pro Einwohner, auch die Lebenserwartung und die Bildung in einem Wert ausweist. Der HDI gilt als ein Konzept, dass im Gegensatz zu ökonomischen Konzepten den Menschen in das Zentrum der Entwicklung stellt. Er bietet eine nutzerfreundliche Methode für die Analyse der menschlichen Entwicklung auf internationaler, nationaler und subnationaler Ebene. Er lässt sich zudem auf Geschlechter oder Einkommen- und Altersgruppen sowie ethnische Gruppen beziehen. Der HDI versteht sich als Indikator für die umfassende wirtschaftliche und soziale Entwicklung, der eine Aussage über den relativen Fortschritt einzelner Staaten machen soll. Wir haben das methodische Konzept zur Berechnung des Human Development Index bereits in Kapitel 15.3 ausführlich vorgestellt. Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 778 Teil VI Nachhaltige Entwicklung und Makroökonomie778 Schlag wörter •• ökologischer Fußabdruck •• Human Development Index (HDI) •• Biokapazität •• Biodiversität •• ökologische Defizite •• ökologische Überschüsse •• Reboundeffekt 25.3 Wege zur nachhaltigen Entwicklung – Ein  Orientierungsrahmen Nachfolgend werden die beiden Indizes „ökologischer Fußabdruck“ und „HDI“ in einem Diagramm zusammengeführt. Ziel ist, ein Bewertungsschema für die nachhaltige Entwicklung von Volkswirtschaften zu erhalten. Auf der waagerechten Achse (Skala von 0 bis 1) wird der HDI, auf der senkrechten Achse (Skala von 0 bis 12) der ökologische Fußabdruck abgetragen. Wird eine Gerade durch die beiden Schwellenwerte (HDI-Wert von 0,8 für hohe menschliche Entwicklung; 1,8 als Orientierungsgröße für den globalen Hektar) gezogen, ergibt sich ein Kreuz, das die Diagrammfläche in vier Quadraten unterteilt (Tab. 25.7 und Abb. 25.9). Tab. 25.7: Orientierungsrahmen für eine nachhaltige Entwicklung I: Zu hohe Belastung der Biokapazität, keine hohe menschliche Entwicklung II: Zu hohe Belastung der Biokapazität, hohe menschliche Entwicklung III: Innerhalb der Grenzen der Biokapazität, keine hohe menschliche Entwicklung IV: Innerhalb der Grenzen der Biokapazität, hohe menschliche Entwicklung 0,3 0,4 0,5 0,6 0,7 0,8 0,9 1 … 12 11 10 9 8 7 6 5 4 3 2 1 0 durchschnittlicher globaler Hektar hohe m enschliche Entw icklung IV: nachhaltige Entwicklung Verbrauch globale Hektar pro Kopf HDI (ohne Ungleichheit) I: zu hohe Belastung der Biokapazität, keine hohe menschliche Entwicklung II: zu hohe Belastung der Biokapazität, hohe menschliche Entwicklung III: innerhalb der Grenzen der Biokapazität, keine hohe menschliche Entwicklung IV: innerhalb der Grenzen der Biokapazität, hohe menschliche Entwicklung I II III Orientierungsrahmen für die nachhaltige Entwicklung Abb. 25.9: Operationalisierung der nachhaltigen Entwicklung Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 779 Kapitel 25: Operationalisierung der nachhaltigen Entwicklung 779 Mit Hilfe dieses Orientierungsrahmens lässt sich folgende Arbeitsdefinition einer nachhaltigen Entwicklung aus makroökonomischer Sicht formulieren: Eine erfolgreiche nachhaltige Entwicklung setzt voraus, dass Länder mindestens die beiden Bedingungen eines HDI von größer 0,8 und eines ökologischer Fußabdruck von max. 1,8 ha pro Person aufweisen. Darüber hinaus müssen sich die Staaten zukünftig weiter in den Quadranten IV hineinbewegen, da die Weltbevölkerung wächst, so dass die Tragfähigkeit pro Kopf kleiner wird und somit die Größe des Quadranten sinkt. Diese Darstellung erlaubt die Beurteilung der Frage, ob und inwieweit sich ein Land hin zu einer nachhaltigen Entwicklung im definierten Sinne befindet. „Wenn die Industrieländer lernen würden, bei gleichem Wohlstand ihre Fußabdrücke auf ein Fünftel zu verkleinern und die Entwicklungsländer ihr „human development“ zu verfünffachen, ohne die Fußabdrücke zu vergrößern, dann wären alle Länder der Erde „nachhaltig“ im Sinne dieses Schemas.“ (von Weizsäcker, 2010). Diese Betrachtung ist auch deshalb interessant, da sich bisher kein Land (ansatzweise Kuba) in dem Quadranten befindet, der eine nachhaltige Entwicklung kennzeichnet (Abb. 25.10). 25.3.1 Nachhaltigkeit und Entwicklungspfade von Volkswirtschaften Vor dem Hintergrund des Leitbildes der Nachhaltigkeit sollen zunächst beispielhaft Wege einer nicht-nachhaltigen Entwicklung präzisiert werden. Ausgehend von der o. ä. Arbeitsdefinition dürfte eine nicht-nachhaltige Entwicklung vor allem in folgenden Fällen vorliegen (Abb. 25.11): •• Erhöhung des Niveaus menschlicher Entwicklung zu Lasten der Umwelt (Fall 1), •• schonender Umgang mit Naturkapital, bei der im Zeitablauf nur eine geringe Erhöhung der menschlichen Entwicklung erfolgt (Fall 2), Nachhaltige Entwicklung noch weitgehend verfehlt Abb. 25.10: Entwicklungspfade von Volkswirtschaften Quelle: WWF, 2010 Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 780 Teil VI Nachhaltige Entwicklung und Makroökonomie780 •• zu hoher Ressourcenverbrauch bei gleichzeitig einer nur geringen menschlichen Entwicklung (Fall 3). Diese drei Fälle konnten und können in der Realität beobachtet werden. Betroffen sind Staaten mit unterschiedlichen Ausgangsniveaus, d. h. Entwicklungs-, Schwellen- und traditionelle Industrieländer gleichermaßen. Vor allem in Wohlstandsländern sind Maßnahmen zur Ressourcenschonung und zum Klimaschutz in der Vergangenheit häufig als Bedrohung der ökonomischen bzw. sozialen Dimension von Nachhaltigkeit betrachtet worden. Ergebnis war und ist zwar ein steigendes Niveau der menschlichen Entwicklung, das allerdings mit ökologischen Problemen einhergeht. Ein solches Modell kann angesichts global knapper Ressourcen und globaler Umweltprobleme kein nachhaltiges Entwicklungsmodell und auch kein Vorbild für Entwicklungs- und Schwellenländer sein. In Entwicklungs- und Schwellenländern sind zum Teil erhebliche Unterschiede in der Wertung globaler Umweltzustände zu finden. Höchste Priorität haben häufig wirtschaftliche und soziale Reformen, die sich im Sinne einer nachholenden Entwicklung an den führenden Industrienationen orientieren. Im Umweltschutz konzentrieren sich viele Länder auf diejenigen Emissionen in Luft und Wasser, die unmittelbar die menschliche Gesundheit schädigen und neben sozialen auch zunehmend volkswirtschaftliche Schäden verursachen. Auch solche Entwicklungsmodelle sind im Sinne unserer Arbeitsdefinition nicht als nachhaltig zu betrachten. Das Konzept einer nachholenden Entwicklung geht davon aus, dass sich Entwicklungsverläufe von Volkswirtschaften im Kern gleichen. Entwicklungspfade verlaufen weitgehend linear und sind übertragbar. Unterstützt wird diese Vorstellung von der empirischen Analyse messbarer Indikatoren, die diese Entwicklung kennzeichnen, z. B. 0,3 0,4 0,5 0,6 0,7 0,8 0,9 1 … 12 11 10 9 8 7 6 5 4 3 2 1 0 durchschnittlicher globaler Hektar hohe m enschliche Entw icklung nachhaltige Entwicklung Verbrauch globale Hektar pro Kopf HDI (ohne Ungleichheit) 1 2 3 Nicht-nachhaltige Entwicklungspfade Abb. 25.11: Nicht-nachhaltige Entwicklungspfade Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 781 Kapitel 25: Operationalisierung der nachhaltigen Entwicklung 781 Einkommenszuwachs, Energieverbrauch, Urbanisierungsgrad, Einschulungsrate oder die Anzahl von Ärzten pro 100.000 Einwohner. In einigen Ländern (z. B. in den sog. Tigerstaaten Südkorea, Taiwan, Hongkong, Singapur) war die am industriegesellschaftlichen Modell orientierte nachholende Entwicklung durchaus erfolgreich. Diesen Ländern ist es gelungen, sich im Welthandel zu behaupten und gemessen an bestimmten Kriterien zu entwickeln. Kriterien zur Bestimmung dieser Newly Industrialized Countries (NIC) sind z. B. der Grad der Außenhandelsverflechtungen (z. B. Anteil der Exporte am BIP), die Struktur des Außenhandels (z. B. Anteile der Industriewaren an den Exporten, Diversifizierung von Exportprodukten und -märkten), die Bedeutung der Exporte auf dem Weltmarkt (z. B. Anteile an weltweiten Exporten in jeweiligen Branchen) und monetäre Indikatoren (z. B. Entwicklung der terms of trade, Devisenreserven, Schuldendienstquoten). Es gibt aber auch Gegenbeispiele. Vor allem bei vielen Entwicklungsländern ist Ernüchterung eingetreten. Statistische Daten zeigen, dass der Prozess der nachholenden Entwicklung in den meisten Weltregionen nicht eingeleitet und zu einem erfolgreichen Abschluss gebracht werden konnte: •• Das Pro-Kopf-Einkommen in der industrialisierten Welt beträgt nach wie vor ein Vielfaches des Pro-Kopf-Einkommens in Entwicklungs- und Schwellenländern. •• Der Ressourcenverbrauch in der industrialisierten Welt ist häufig mehrfach so hoch wie in den Entwicklungsländern. •• Die Lebenserwartung liegt aufgrund von schlechteren Umweltbedingungen, Fehlernährung und einem schlechteren Gesundheitssystem zum Teil Jahrzehnte auseinander. Selbst ein messbares Wirtschaftswachstum hat in Entwicklungs- und Schwellenländern häufig die Armut großer Bevölkerungsgruppen nicht verhindert. Es gibt zwar moderne Sektoren, reiche Schichten, technischen und sozialen Fortschritt, allerdings ist ein Durchsickern von Einkommenszuwächsen bis hin zu den ärmsten Bevölkerungsschichten (trickle-down-Effekt) häufig nicht zu beobachten. Inzwischen mehren sich nicht nur in den Industrieländern selbst Zweifel an der Zukunftsfähigkeit ihres eingeschlagenen Entwicklungsmodells. Ökologisch motivierte Ökonomen weisen darauf hin, dass erst dann ein Spielraum für eine Industrialisierung in Entwicklungs- und Schwellenländern entsteht, wenn die klassischen Industrieländer ihre Industrien teilweise abbauen. Damit sind Interessenkonflikte vorprogrammiert. Die nachholende Entwicklung, die sich am Vorbild der früheren Industriestaaten orientiert, findet zudem unter den Bedingungen einer globalisierten Ökonomie statt. Einige Ökonomen weisen darauf hin, dass viele Entwicklungs- und Schwellenländer in einer Art Globalisierungsfalle sitzen. Sie haben preiswerte Arbeitskräfte und damit gegenüber den Industrienationen komparative Vorteile. Warum sollten sie also eine Politik betreiben, die die technologische Entwicklung fördert und diese Vorteile relativiert? Um ihren „Rückstand“ aufzuholen, müssten sie zunächst Kostenvorteile opfern. Dies erklärt auch, warum diese Länder oft selbst kein Interesse an höheren Löhnen oder Sozialleistungen haben. Freihandel und Globalisierung können also das Aufholen von Entwicklungs- und Schwellenländern zumindest im Rahmen traditioneller Überlegungen der weltweiten Arbeitsteilung erschweren. Hinzu kommt, dass die Anteile vieler armer Länder am weltweiten Warenaustausch ständig sinken. Außer öffentlichen Spenden und multilateralen Hilfen ist häufig kaum Kapital vorhanden. Die komparativen Kostenvorteile haben dazu geführt, dass die Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 782 Teil VI Nachhaltige Entwicklung und Makroökonomie782 Länder oft vom Export nur weniger Agrarprodukte und Rohstoffe abhängig sind. Gleichzeitig wird die Landwirtschaft zur Versorgung der heimischen Bevölkerung vernachlässigt. Stattdessen wird die Bodennutzung intensiviert, so dass der Boden verarmt und zunehmend erodiert. Zu beobachten ist ein Verfall von Rohstoffpreisen im Verhältnis zu den importierten Industrieprodukten, so dass sich die terms of trade verschlechtern. Insgesamt lässt sich festhalten, dass die Vorteile einer weltweit verflochtenen Wirtschaft und die daran gekoppelte nachholende Entwicklung die Realität in vielen Ländern nur unscharf beschreiben. Die Suche nach nachhaltigen Entwicklungspfaden gestaltet sich daher in vielen Entwicklungs- und Schwellenländern nach wie vor schwierig. Schlag wörter •• nachholende Entwicklung •• nicht-nachhaltige Entwicklungspfade •• trickle down-Effekt •• Entwicklungsländer •• Schwellenländer •• traditionelle Industrieländer 25.3.2 Zielkonflikte Da das Leitbild der Nachhaltigkeit verschiedene Dimensionen umfasst, stellt sich zwangsläufig die Frage nach Zielkonflikten. Solche Trade-offs sind im Rahmen unserer Arbeitsdefinition von Nachhaltigkeit gut abzubilden und zu diskutieren. So stellt sich die Frage, ob und inwieweit es im Zuge der Entwicklung zunächst zu einer Erhöhung der ökologischen Belastung und gegebenenfalls auch der Ungleichheit (z. B. gemessen an der Einkommensverteilung) kommen muss, bevor es zu einem Einschwenken in Richtung einer nachhaltigen Entwicklung kommt. Die These, dass im Zuge der Entwicklung einer Volkswirtschaft die Ungleichheit der Einkommensverteilung zunächst zunimmt, um dann in einer späteren Phase wieder abzunehmen, ist von Nobelpreisträger Simon Kuznets (1901–1985) in empirischen Arbeiten erstmals formuliert worden (Abb. 25.12). Als wesentlichen Einflussfaktor auf eine Veränderung der Einkommensverteilung identifiziert Kuznets den sektoralen Strukturwandel. Kuznets betrachtet die Entwicklung als Übergang von der Agrar- in die Industriegesellschaft. Damit verbunden ist die Wanderung von Arbeitskräften vom primären landwirtschaftlichen Sektor in die Industrie, in der höhere Löhne bezahlt werden. Ist die Ungleichheit in den Löhnen zwischen den Sektoren größer als jene innerhalb eines jeden Sektors, dann nimmt die Ungleichheit innerhalb der gesamten Volkswirtschaft zunächst zu. Sie wird steigen, solange der Faktor Arbeit in den neuen Sektor wandert. Sobald die Mehrzahl der Arbeitskräfte im neuen Sektor beschäftigt ist, wird sie abnehmen. Die Ergebnisse dieser Wanderungsbewegung werden durch die Kuznets-Kurve beschrieben, die einen umgekehrten U-förmigen Verlauf aufweist. Als weiteren Faktor, der die Einkommensungleichheit verstärkt, führt Kuznets das Bevölkerungswachstum an. Dahinter steht die Annahme, dass in Ländern mit einer schnell wachsenden Bevölkerung das Angebot insbesondere gering ausgebildeter Arbeitskräfte zunimmt. Die Verfügbarkeit neuer Technologien erhöht die Produktivität qualifizierter Arbeit und des physischen Kapitals. Beide Ausprägungen von Kapital sind am rechten Ende der Einkommensverteilung zu finden und erhöhen dort die Einkommen. Die Ungleichheit steigt. Mit der Zeit wirken dieser Tendenz andere ökonomische Prozesse entgegen. Zum einen steigt der Anreiz zur Investition in der Ausbildung, zum anderen wandern Arbeitskräfte aus Regionen und Sektoren ab, die technologisch zurückfallen. Die vorliegenden empirischen Untersuchungen zur Kuznets-Kurve sind nicht eindeutig. In einigen Fällen kann ein höheres Wachstum zumindest in der kurzen Frist Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 783 Kapitel 25: Operationalisierung der nachhaltigen Entwicklung 783 zu höherer Ungleichheit führen, in anderen Fällen stellt sich jedoch ein gegenteiliges Ergebnis ein. Dennoch ist die Befürchtung, dass insbesondere bei starkem Wirtschaftswachstum die ärmeren Gesellschaftsschichten nicht in gleichem Maße an dem Fortschritt partizipieren wie die reicheren Schichten, immer noch weit verbreitet. Auch die Globalisierung im Sinne einer Öffnung von Volkswirtschaften für den Welthandel geht nach häufiger Meinung vielfach mit einer steigenden Einkommensungerechtigkeit einher. Diese Zusammenhänge sind ebenfalls nicht empirisch abgesichert. Im Gegenteil, empirische Arbeiten zeigen einen engen Zusammenhang zwischen Wachstum und Verringerung von Armut. Wirtschaftswachstum führt in der Regel zu einem höheren Bildungsstand, zu einer höheren Lebenserwartung und ist negativ mit der Rate der Kindersterblichkeit eines Landes korreliert. Insgesamt verringert sich dadurch die Armut. „Gleichzeitig verweist die Literatur auf einen wichtigen umgekehrten Zusammenhang: Die Verbesserung der Verteilung von Einkommen und Vermögen kann zu höherem Wirtschaftswachstum beitragen. Die Folge wäre eine Verringerung der Armut und eine damit einhergehende Verbesserung der Lebensqualität.“ (Oschinski/Weder, 2002, S. 24). Der von Kuznets diskutierte Zusammenhang zwischen Wachstum und Ungleichheit ist zur Umwelt-Kuznets-Kurve weiterentwickelt worden (Abb. 25.13). Die Hypothese besagt, dass die Umweltschäden mit wachsendem Pro-Kopf-Einkommen zunächst steigen, ihr Maximum erreichen und danach sinken. „The only way to attain a decent environment is to become rich“ (Beckermann, 1992, S. 492). Der Verlauf der Kurve wird wie folgt begründet: •• Der Wandel von Agrarstrukturen zu energieintensiven Industriestrukturen (Industrialisierung) führt mit zunehmender Produktion zu steigendem Ressourcenverbrauch. Umweltschädigende Emissionen sind als Kuppelprodukt der ansteigenden Güterproduktion zu betrachten. Ein Blick z. B. in Materialbilanzen zeigt, dass ein 0,3 0,4 0,5 0,6 0,7 0,8 0,9 1 … 12 11 10 9 8 7 6 5 4 3 2 1 0 durchschnittlicher globaler Hektar hohe m enschliche Entw icklung nachhaltige Entwicklung Verbrauch globale Hektar pro Kopf HDI (mit Ungleichheit) 1 Zeit Verteilungsmaß BIP-pro-Kopf Wirtschaftswachstum und Ungleichheit der Einkommensverteilung Abb. 25.12: Kuznets-Kurve als Zielkonflikt einer nachhaltigen Entwicklung Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 784 Teil VI Nachhaltige Entwicklung und Makroökonomie784 starkes Wirtschaftswachstum in der Regel mit einem höheren Ressourcenverbrauch und einer größeren Abfallmenge einhergeht. •• Die strukturelle Veränderung der Produktion in Richtung einer Dienstleistungsgesellschaft verringert den Umweltverbrauch. •• Mit zunehmendem Wachstum geht eine Verbesserung der Umweltqualität einher. Eine Ursache für diese Entwicklung ist ein Wandel in der Bedürfnisstruktur der Konsumenten. Mit steigendem Einkommen wächst der Wunsch der Haushalte nach sauberer Umwelt, während gleichzeitig die Bedeutung von Konsumgütern zurückgeht (Umweltqualität als superiores Gut). Dieser Wunsch schlägt sich in politischen Maßnahmen nieder, die der Umweltqualität ein höheres Gewicht einräumen. •• Der technologische Wandel unterstützt die Entwicklung hin in Richtung ressourcenschonender und umweltschonender Verfahren. Es kommt zu einer Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch. Untersuchungen kommen im Kontext der ökologischen Kuznets-Kurve zu keinen eindeutigen Ergebnissen. Eine ökologische Kuznets-Kurve kann daher nicht als unveränderliche Beziehung zwischen Umwelt und wirtschaftlicher Aktivität konstruiert werden. Ihre Lage und ihr Verlauf sind zudem potenziell empfänglich für politische Maßnahmen. Manche Ökonomen kommen zu dem Ergebnis, dass wirtschaftliches Wachstum der Umwelt nicht schadet, sondern die Umweltbelastungen hierdurch überwunden werden können (Entkopplungsthese von Wirtschaftswachstum und Umweltbelastung). „Wirtschaftswachstum ist nicht notwendigerweise gut für die Umwelt. Richtig gelenktes Wirtschaftswachstum kann jedoch gut für die Umwelt sein.“ (Pearce, 2002, S. 2). Die vorliegenden empirischen Arbeiten zu ökologischen Kuznets-Kurven scheinen folgende Schlussfolgerungen zuzulassen: •• Die Kurven eignen sich eher für die „traditionellen“ lokalen Luftschadstoffe wie Schwefel und Stickstoffverbindungen und Feinstaubpartikel. Für globale Schad- 0,3 0,4 0,5 0,6 0,7 0,8 0,9 1 … 12 11 10 9 8 7 6 5 4 3 2 1 0 durchschnittlicher globaler Hektar hohe m enschliche Entw icklung nachhaltige Entwicklung Verbrauch globale Hektar pro Kopf HDI (mit Ungleichheit) 1 Zeit Umweltverschmutzung BIP-pro-Kopf Wirtschaftswachstum und Umweltverschmutzung Abb. 25.13: Nachhaltige Entwicklung und Umwelt-Kuznets-Kurve Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 785 Kapitel 25: Operationalisierung der nachhaltigen Entwicklung 785 stoffe, Treibhausgase und die Mehrzahl der anderen Umweltbelastungen eignen sich die Kurven eher nicht •• Die Einkommenshöhen (BIP-pro-Kopf), ab denen die Umweltverschmutzung zurückgeht, weisen in Kuznets-Kurven für verschiedene Länder deutliche Unterschiede auf. Zu klären bleibt zudem, ob sich die Kurven im Zeitablauf verschieben. Beispielsweise könnte eine ökologische Kuznets-Kurve für das Jahr 2000 höher oder niedriger liegen als im Jahr 2013. •• Auch der internationale Handel kann den Verlauf der Kurven mitbestimmen. Denkbar ist, dass Länder, die relativ arm sind, eine „verschmutzungsintensivere Produktionsstruktur“ aufweisen. Reichere Länder können sich auf dem abnehmenden Teil ihrer ökologischen Kuznets-Kurve befinden, weil sie die verschmutzungsintensiven Produkte importieren und im eigenen Land die Verschmutzung vermeiden. Schlag wörter •• Umwelt-Kuznets-Kurve •• ökologische Kuznets-Kurve •• Trade-off •• Industrialisierung •• Dienstleistungsgesellschaft 25.3.3 Nachhaltige Entwicklung Ausgehend von unserer Arbeitsdefinition für eine nachhaltige Entwicklung ergeben sich vor allem folgende Fragen (Abb. 25.14): •• Wie kommen Ländern mit einer hohen menschlichen Entwicklung zu einer ökologisch nachhaltigen Entwicklung (Fall 1)? •• Wie kommen Länder mit einer noch zu geringen menschlichen Entwicklung und einer zu hohen Belastung der Biokapazität zu einer nachhaltigen Entwicklung (Fall 2)? 0,3 0,4 0,5 0,6 0,7 0,8 0,9 1 … 12 11 10 9 8 7 6 5 4 3 2 1 0 durchschnittlicher globaler Hektar hohe m enschliche Entw icklung nachhaltige Entwicklung Verbrauch globale Hektar pro Kopf HDI (ohne Ungleichheit) 2 1 3 Auf dem Weg zur Nachhaltigkeit? Abb. 25.14: Nachhaltige Entwicklungspfade Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 786 Teil VI Nachhaltige Entwicklung und Makroökonomie786 •• Wie kommen Länder mit einer noch zu geringen menschlichen Entwicklung und einem schonenden Umgang mit natürlichen Ressourcen zu einer hohen menschlichen Entwicklung kommen (Fall 3)? Zur ersten Fallgruppe gibt es eine Reihe von Empfehlungen. Beispielhaft sei auf die Überlegungen von Ernst Ulrich von Weizsäcker (und Koautoren Hargroves, Smith) in seiner Publikation „Faktor Fünf – Die Formel für nachhaltiges Wachstum“ aus dem Jahr 2010 verwiesen. Hier handelt es sich um eine Erweiterung seiner Überlegungen aus dem Jahr 1995 „Faktor Vier: Doppelter Wohlstand, – halbierter Naturverbrauch“. „Das Buch heißt „Faktor Fünf“, weil wir fünfmal so viel Wohlstand aus einer Kilowattstunde rausholen wollen – oder aus einer Tonne Kupfererz, oder einem Kubikmeter Wasser. Zum Beispiel verbraucht ein Passivhaus bei hohem Wohnkomfort, guter Lüftung und Temperatur nur 1/8 bis 1/10 der Energie, die ein normaler Altbau nötig hat. Der Hauseigentümer zahlt am Ende nur 1/8 oder 1/10 der Heizkosten. Und das amortisiert sich in zehn bis 20 Jahren. Es geht also um Ressourcenproduktivität: Das bedeutet, mehr Wohlstand aus einer Einheit Ressource, aus Energie, Wasser oder Mineralien herauszuholen. Das ist so ähnlich wie bei der Arbeitsproduktivität, bei der wir gelernt haben, aus einer Stunde menschlicher Arbeit immer mehr Wohlstand zu erwirtschaften.“ (von Weizsäcker, 2011). Die Autoren führen Beispiele aus vielen Lebensbereichen an, die zeigen, wie der Energieverbrauch um bis zu 80 % reduziert werden kann. Beschrieben werden acht Strategien, die eine Reduktion des Energieverbrauches bei gleichzeitiger Steigerung des Wohlstands möglich machen sollen: Erhöhung der Energieeffizienz, Übergang zu klimaneutralen Treibstoffen, Rückgewinnung von Wärme und Strom, Erneuerbare Energien, Recycling, Produktverbesserungen, Steigerung der Materialeffizienz und die Verminderung anderer Treibhausgase als CO2. In allen Handlungsfeldern wird der Rebound-Effekt (Bumerang-Effekt) ernst genommen. In der Vergangenheit, so die Autoren, wurden fast alle Effizienzgewinne durch zusätzlichen Konsum kompensiert – selbst in den Ländern, in denen eigentlich eine gewisse Konsumsättigung vorliegen müsste. Diesem Effekt soll u. a. durch langsam ansteigende Energie- und Ressourcenpreise begegnet werden. Im Kern lehnt sich diese Vorstellung an die parallele Entwicklung von Löhnen und Arbeitsproduktivität in den letzten Jahrzehnten an. Wenn die Energieproduktivität steigt, können auch die Energiepreise steigen. Zu klären bleibt allerdings, ob die primär an der Produktions- und Angebotsseite ansetzende Strategie der Effizienzgewinne ausreicht. Ökologisch denkende Ökonomen fordern eine Ergänzung bzw. gar vorgelagerte Implementierung von Suffizienzstrategien. Diese begründen zum Teil andere Lebensstile und ein anderes Konsumverhalten. Erfahrungen bei der Operationalisierung der Konzeption der Nachhaltigkeit scheinen darauf hinzudeuten, dass der Verbrauch natürlicher Ressourcen augrund von Rebound-, Mengen- und Wachstumseffekten langfristig nur dann deutlich gesenkt werden kann, wenn Effizienz- mit Suffizienzstrategien zusammenwirken. Die Veränderung in Produktion und Konsum muss allerdings koordiniert werden, denn Unternehmen und Haushalte wissen nicht zwangsläufig, wohin die Entwicklung gehen soll. Notwendig sind Anhaltspunkte und Rahmenbedingungen, die die Richtung einer nachhaltigen Entwicklung vorgeben. In einer Marktwirtschaft eignen sich dazu vor allem Anreize (z. B. Preise, immaterielle Anreize, Normen), die glaubhaft, gerecht und partizipativ begründet sein müssen. Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 787 Kapitel 25: Operationalisierung der nachhaltigen Entwicklung 787 Im Kern eignen sich die Empfehlungen des „Faktor Fünf“ auch für Länder mit einer noch zu geringen menschlichen Entwicklung und einer zu hohen Belastung der Biokapazität (Fallgruppe Zwei). Beispielhaft sei auf die Volksrepublik China verwiesen, an die sich das Buch von Weizsäckers explizit wendet. Zu berücksichtigen bleibt in diesem Kontext die wichtige Frage, wie die für eine hohe menschliche Entwicklung notwendigen Aufwendungen, z. B. für Bildungs- und Gesundheitssysteme, zu finanzieren sind. Hier stellen sich u. a. Fragen der Zeitpräferenz und der intergenerativen Lastenverteilung, die im Fall der Kreditfinanzierung von staatlichen Leistungen auftritt. Es gilt negative Erfahrungen von Ländern der Fallgruppe Eins zu vermeiden, die ihre hohe menschliche Entwicklung vielfach durch eine zu hohe Staatsverschuldung, d. h. durch eine nicht-nachhaltige Finanzpolitik, erkauft haben. Für Länder der Fallgruppe Drei, die einen schonenden Umgang mit der Umwelt und eine noch zu geringe menschliche Entwicklung aufweisen, gilt es die Zielkonflikte zwischen Wirtschaftswachstum und Ungleichheit bzw. steigender Umweltbelastung zu vermeiden. Gleichzeitig bleibt auch für diese Länder die Frage einer intergenerativen Lastenverteilung zu klären, da die für einen hohen HDI erforderlichen Infrastrukturen im Bildungs- und Gesundheitsbereich umfangreiche Investitionen erfordern. Für Länder der Fallgruppen Zwei und Drei kann eine Art ökologisches Leapfrogging (Überspringen von Entwicklungsstufen) angestrebt werden. Der Begriff beschreibt die sprunghafte Veränderung einer Gesellschaft hin zu einer nachhaltigen Entwicklung, ohne dass die z. B. für Industrieländer zu beobachtenden Zwischenstufen durchlaufen werden. Es geht in diesen Ländern darum, z. B. den Einsatz fossiler Energieträger zu reduzieren und Ressourcen direkt in regenerative Energien umzulenken. Ökologisches Leapfrogging ist ein Gegenmodell zur nachholenden Entwicklung. Entwicklungs- und Schwellenländer können damit direkt in den Status der Nachhaltigkeit eintreten, ohne dass auf dem Weg zu einem höheren Wohlstand die ressourcenintensive Wirtschaftsweise von „klassischen Industrieländern“ wiederholt wird. Wichtig ist in diesem Zusammenhang eine Vorbildfunktion der „reicheren“ Staaten. Ansätze dazu sind z. B. in der EU vorhanden. Hier spielen Maßnahmen zur Einsparung von Treibhausgasemissionen, die vermehrte Nutzung erneuerbarer Energien und Effizienzmaßnahmen inzwischen eine nicht unbeträchtliche Rolle. In Entwicklungs- und Schwellenländern muss diese Entwicklung früher eintreten als in den „klassischen“ Industrieländern. Die in den letzten Jahren gewonnenen Erkenntnisse z. B. hinsichtlich des Klimawandels und der weltweit gefährdeten Trinkwasserressourcen verbieten eine nachholende Entwicklung (Abb. 25.15). Zur Begrenzung der globalen Erwärmung wird viel davon abhängen, ob die Ankerländer wie China, Indien, Russland oder Brasilien die vorgesehenen Investitionen im Energiesektor zur Erhöhung ihrer Energieeffizienz einsetzen. Erforderlich erscheinen eine Trendwende in der Nutzung erneuerbarer Energien und eine Abkehr von der fossilen Energienutzung. Beispiele in den großen Infrastrukturbereichen (Mobilität/Verkehr, Energie, Wasserversorgung und -entsorgung) zeigen, dass eine solche Umsteuerung durchaus möglich ist. Länderspezifische Lösungen können dabei an die Stelle von importierten und nicht-angepassten Infrastrukturmodellen treten. Zur Einleitung einer solchen Entwicklung ist eine gerechte partnerschaftliche Zusammenarbeit wichtig, bei der die unterschiedlichen Interessen von Geberländern und den Entwicklungs- bzw. Schellenländern auszugleichen sind. Letztendlich scheint dazu auch die Überprüfung und Korrektur von Ausprägungen nicht-nachhaltiger Lebensstile in den „reicheren“ Ländern notwendig, damit alle Menschen die Chance auf eine nachhaltige Zukunft haben. Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 788 Teil VI Nachhaltige Entwicklung und Makroökonomie788 Schlag wörter •• Effizienzstrategie •• Suffizienzstrategie •• Leapfrogging •• Bumerang-Effekt 25.4 Fallbeispiele zu Kapitel 25 Lösungs- und Bearbeitungshinweise sowie alle Abbildungen dieses Kapitels finden Sie unter: www.vahlen.de Fallbeispiel 25.1: Armutsbegriffe (0) Was verstehen Sie unter absoluter bzw. relativer Armut? Gehen Sie vom Einkommensbegriff aus. Fallbeispiel 25.2: Personelle Einkommensverteilung (++) 1) Der nachfolgenden Tabelle können Sie das monatliche Einkommen von drei Haushalten entnehmen. Berechnen Sie das Haushaltsnettoäquivalenzeinkommen auf der Basis der neuen OECD-Skala. Haushalt Einkommen Haushaltsnettoäquivalenzeinkommen A: 2 Erwachsene, 2 Kinder 2.100 B: 2 Erwachsene 3.000 C: 2 Erwachsene, 3 Kinder 1.200 nachholende Entwicklung Unterentwicklung in den Entwicklungs-, Schwellenländern vor allem ökonomisch nachholende Entwicklung orientiert an Industrieländern ökonomisches Wachstum, Integration in den Welthandel und Entwicklungshilfe von außen westliche Wohlstandsgesellschaften nachhaltige Entwicklung Fehlentwicklung im „Norden und im Süden“ ökonomisch, sozial und ökologisch Neuorientierung im „Norden und im Süden“ (qualitative Wende) ökologischer und sozialer Umbau im „Norden und im Süden“; technologische und finanzielle Hilfe für den „Süden“ Modelle für nachhaltige Entwicklung Problem Perspektive Strategie Mittel Leitbild Wandel von Entwicklungsbegriffen Abb. 25.15: Von der nachholenden zur nachhaltigen Entwicklung Quelle: in Anlehnung an Meyers, 2010 Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 789 Kapitel 25: Operationalisierung der nachhaltigen Entwicklung 789 2) Einer Zeitschrift können Sie folgende Daten entnehmen: Deutschland Frankreich Bevölkerung Einkommen Bevölkerung Einkommen % Kumuliert % Kumuliert % Kumuliert % kumuliert 1/3 0,33 2/3 0,667 10 0,1 50 0,5 2/3 1 1/3 1 90 1 50 1 a) Zeichnen Sie für beide Länder die Lorenzkurven. b) Bestimmen Sie die jeweiligen Gini-Koeffizienten und interpretieren Sie das Ergebnis. c) Wird der Koeffizient durch staatliche Umverteilungspolitik kleiner oder größer? Fallbeispiel 25.3: Ökologischer Fußabdruck (+) 1) Was verstehen Sie unter einem ökologischen Fußabdruck? 2) Wie wird der ökologische Fußabdruck berechnet? 3) Nennen Sie einige Lebensbereiche, die ihren ökologischen Fußabdruck bestimmen. Wovon ist Ihre „ökologische Schuhgröße“ abhängig? Geben Sie Beispiele. Fallbeispiel 25.4: Entwicklungspfade von Volkswirtschaften (+) 1) Was verstehen Sie unter nachholender Entwicklung? Wäre dieses Modell ein Vorbild für Entwicklungs- und Schwellenländer? 2) Was verstehen Sie unter Leapfrogging? Stellen Sie den Zusammenhang zur nachhaltigen Entwicklung her. Fallbeispiel 25.5: Zielkonflikte der Entwicklung (+) Welche Zusammenhänge beschreiben Kuznets-Kurve bzw. Umwelt-Kuznets-Kurve? Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 791 Literaturverzeichnis Im Internet gibt es eine Reihe von Verzeichnissen und Übersichten mit weiterführender Literatur zu den im Buch behandelten Themen. Wir wollen daher nachfolgend nur die Quellen anführen, die im Buch zitiert worden sind. Backes, W. (2005): Der Verbraucherpreisindex – Berechnungsmethode und Interpretation, in Statistik Journal 2005, Statistisches Amt Saarland (Hrsg.), Heft 6 Bardt, H. 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Auflage, München Brachinger, H. W. (2005): Der Euro als Teuro? Die wahrgenommene Inflation in Deutschland, in: Wirtschaft und Statistik, Nr. 9, S. 999–1013 Bruckner, M. (2008): Die Rolle von Arbeitszeit und Einkommen bei Rebound-Effekten in Dematerialisierungs- und Dekarbonisierungsstrategien, Universität Klagenfurt, Social Ecology Working Paper 111, Wien Brunetti, A. (1998): Politics and Economic Growth: A Cross-Country Data Perspective (1998), Paris Buchenberg, W. (2008): Finanzkrise – was dann?; http://de.indymedia.org/2008/01/204054. shtml DB-Research (2006): Deutsche Bank Research: Auswirkungen des demografischen Wandels, 31. Mai; http://www.dbresearch.de/PROD/DBR_INTERNET_EN-PROD/ PROD0000000000199733.pdf de Grauwe, Paul (2009): Economics of monetary union, 8. Auflage, Oxford Deutsche Bundesbank (2004/2005): Geld- und Geldpolitik, Rheinfelden Dieckheuer, G. (2004): Skript zur Vorlesung Außenwirtschaftspolitik, Sommersemester, Universität Münster EZB (Europäische Zentralbank) (1998): Die Einheitliche Geldpolitik in Stufe 3. Allgemeine Regelungen für die geldpolitischen Instrumente und Verfahren des ESZB; http://www. ecb.int/pub/pdf/other/gendoc98de.pdf EZB (Europäische Zentralbank) (2004a): Die Geldpolitik der EZB, Frankfurt am Main; http:// www.ecb.int/pub/pdf/other/geldpolitik2004de.pdf EZB (Europäische Zentralbank) (2004b): Monatsbericht, November, Frankfurt am Main

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References

Zusammenfassung

Makroökonomische Ereignisse

wie die Schuldenkrise, Rezession, Arbeitslosigkeit und Inflation haben nicht nur gesamtwirtschaftliche Konsequenzen, sondern auch vielfältige Berührungspunkte zum täglichen Leben. Diese Ereignisse sind häufig komplex und für den Einzelnen nicht immer leicht zu durchschauen.

Um Studierende auf die globalen Herausforderungen von Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt vorzubereiten ist in diesem Lehrbuch explizit auch das Thema der nachhaltigen Entwicklung integriert. Außerdem werden die großen Themen der Makroökonomie teilweise gebündelt behandelt, um die vielfältigen Zusammenhänge zwischen den einzelnen Gebieten transparenter zu gestalten. Dies hat für Studierende und Lehrende u.a. den Vorteil, dass eine modulare Verwendung möglich ist. Die Schwerpunkte:

– Drei Ebenen der Makroökonomie (empirisch, theoretisch und wirtschaftspolitisch)

– Konjunktur, Gütermarkt und Finanzpolitik

– Inflation, Geldmarkt und Geldpolitik in der EWU

– Wirtschaftswachstum, Wohlstand und Beschäftigung

– Außenhandel, Devisenmarkt und offene Volkswirtschaft

– Nachhaltige Entwicklung und Makroökonomie.

Zur Neuauflage

Das Buch wurde vollständig überarbeitet und in eine modulare Struktur überführt, aber die Grundkonzeption des Buches wurde beibehalten. Das Buch ist bewusst als Lernbuch konzipiert, das sich zum Einsatz an Hochschulen und Akademien eignet. Mit der Integration von selbständig zu bearbeitenden Fallbeispielen wird u.a. das Konzept der Bachelor- und Masterstudiengänge an deutschen Hochschulen berücksichtigt, die stärker als bisher an Praxisbeispielen orientierte Lehr- und Lernformen fördern wollen.

Die Autoren

Prof. Dr. Reiner Clement, Prof. Dr. Wiltrud Terlau, Sankt Augustin/Rheinbach, und Prof. Dr. Manfred Kiy, Köln.

Angewandte Makroökonomie

für Studierende der Volks- und Betriebswirtschaftslehre an Universitäten, Fachhochschulen und Akademien.