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Kapitel 23: Nachhaltige Ökonomie in:

Reiner Clement, Wiltrud Terlau, Manfred Kiy

Angewandte Makroökonomie, page 715 - 740

Makroökonomie, Wirtschaftspolitik und nachhaltige Entwicklung mit Fallbeispielen

5. Edition 2013, ISBN print: 978-3-8006-4480-3, ISBN online: 978-3-8006-4389-9, https://doi.org/10.15358/9783800643899_715

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Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 709 Teil VI Nachhaltige Entwicklung und Makroökonomie Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 711 Kapitel 23 Kapitel 23: Nachhaltige Ökonomie Natur/Umwelt Gesellschaft Ökonomie Umwelt Inhaltsübersicht 23.1 Zentrale Herausforderungen einer nachhaltigen Ökonomie . . . . . . . . . . . . . . . 712 23.1.1 Fallbeispiel: Klimaschutz als globales öffentliches Gut . . . . . . . . . . . . . . . . . 714 23.1.2 Postulate einer nachhaltigen Ökonomie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 721 23.2 Nachhaltige Makroökonomie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 724 23.2.1 Bausteine . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 725 23.2.2 Kriterien zur makroökonomischen Modellierung einer nachhaltigen Entwicklung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 729 23.3 Fallbeispiele zu Kapitel 23 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 733 Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 712 Teil VI Nachhaltige Entwicklung und Makroökonomie712 Lernzielorientierte Sachverhalte •• Seit Beginn des 21. Jahrhunderts wird weltweit eine Reihe von ökologischen, ökonomischen und sozio-kulturellen Veränderungen diskutiert, die einzelne Volkswirtschaften und Regionen unterschiedlich betreffen. Viele dieser Entwicklungen sind nicht neu und zeichnen sich bereits seit Jahrzehnten ab. Was neu ist, ist das Bewusstsein des wechselseitigen Zusammenhangs zwischen diesen Veränderungen. •• Unter nachhaltiger Entwicklung wird laut Brundtland-Bericht eine Entwicklung verstanden, welche die Bedürfnisse der heutigen Generation befriedigt, ohne jene kommender Generationen zu beeinträchtigen. Die Bedürfnisse werden als gleichrangige Einheit von ökologischen, ökonomischen und sozialen Entwicklungsbedingungen verstanden und beinhalten zudem eine internationale Dimension. •• Die Erweiterung makroökonomischer Themen um eine ökologische und soziale Dimension ist eine sinnvolle Ergänzung der traditionellen Lehrinhalte. Zum einen haben die traditionellen Themenbereiche der Makroökonomie selbst Bezüge zum Thema der Nachhaltigkeit. Beispielsweise sei verwiesen auf Forderungen nach einer nachhaltigen Geld-, Finanz- und Beschäftigungspolitik. Zum anderen sind viele makroökonomische Themen nicht mehr losgelöst von ökologischen und sozialen Fragestellungen zu betrachten. •• Am Beispiel des Klimaschutzes lässt sich zeigen, dass marktwirtschaftliche Mechanismen keinen effektiven Schutz globaler Umweltprobleme leisten können. Die Ursachen des Klimawandels liegen nicht unerheblich in industriegesellschaftlichen Entwicklungen, dem damit verbundenen Wirtschaftswachstum sowie den Produktionsbedingungen und Verhaltensweisen im Konsum. Themen der sozialen Gerechtigkeit, der Einkommens- und Vermögensverteilung sowie der länderübergreifenden Armut sind ebenfalls untrennbar mit der wirtschaftlichen Entwicklung von Volkswirtschaften verbunden. Notwendig ist daher eine Integration von Nachhaltigkeitskonzepten in die Makroökonomie. •• Die Bausteine einer nachhaltigen Makroökonomie lassen sich gut identifizieren. Notwendig erscheint die Entwicklung eines übergreifenden Ansatzes. Die dazu erforderlichen Kriterien zur makroökonomischen Modellierung einer nachhaltigen Entwicklung sind in Ansätzen erkennbar. 23.1 Zentrale Herausforderungen einer nachhaltigen Ökonomie Unter nachhaltiger Entwicklung wird laut dem Brundtland-Bericht aus dem Jahr 1987 (vgl. Report of the World Commission on Environment and Development: Our Common Future) eine Entwicklung verstanden, welche die Bedürfnisse der heutigen Generation befriedigt, ohne jene kommender Generationen zu beeinträchtigen. Die Bedürfnisse werden als gleichrangige Einheit von ökologischen, ökonomischen und sozialen Entwicklungsbedingungen verstanden und bedingen auch eine internationale Verantwortung über Ländergrenzen hinweg. Es mag vor diesem Hintergrund überraschend sein, dass ein eher „traditionelles“ makroökonomisches Lehrbuch auch Aspekte der Nachhaltigkeit anspricht, geht es in der Mehrzahl von makroökonomischen Curricula doch eher um die großen Themen „Inflation, Wachstum und Beschäftigung“. Aus unserer Sicht stellt die Erweiterung Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 713 Kapitel 23: Nachhaltige Ökonomie 713 dieser Themen um eine ökologische und soziale Dimension jedoch eine sinnvolle Ergänzung der traditionellen Lehrinhalte dar. Zum einen haben die genannten, eher traditionellen Themenbereiche der Makroökonomie selbst Bezüge zum Thema der Nachhaltigkeit. Beispielsweise sei verwiesen auf Forderungen nach einer nachhaltigen Geld-, Finanz- und Beschäftigungspolitik. Zum anderen sind viele primär makroökonomische Themen nicht mehr losgelöst von ökologischen und sozialen Fragestellungen zu betrachten. Beispielhaft sei auf den Klimawandel verwiesen. Dieser hat seine Ursache in nicht unerheblichem Maße in den Produktionsbedingungen und Konsumstrukturen, die sich im Verlauf der industriegesellschaftlichen Entwicklung herausgebildet haben. Auch Themen der sozialen Gerechtigkeit, der Einkommens- und Vermögensverteilung sowie der länderübergreifenden Armut sind häufig untrennbar mit der wirtschaftlichen Entwicklung von Volkswirtschaften verbunden. Es gibt also gute Gründe für die Erweiterung des Betrachtungsgegenstandes um die Dimensionen der nachhaltigen Entwicklung. Zu verweisen ist letztendlich auch auf den Bildungsauftrag von Hochschulen. Jahr für Jahr kommen junge Menschen zur Hochschule, die ein Anrecht darauf haben, mit den zentralen Fragestellungen des 21. Jahrhunderts konfrontiert zu werden. Dazu zählt ohne Frage auch die Nachhaltigkeit in ihren vielfältigen Facetten. Seit Beginn des 21. Jahrhunderts werden weltweit eine Reihe von ökologischen, ökonomischen und soziokulturellen Veränderungen diskutiert, die die einzelnen Volkswirtschaften und Regionen unterschiedlich betreffen (Tab. 23.1). Ihre starken Interdependenzen machen eine Integration von Nachhaltigkeitskonzepten auch in die (Makro-) Ökonomie notwendig. Bisher sind makroökonomische Modelle und Theorieansätze nur bedingt in der Lage, die genannten Herausforderungen zu bewältigen. Erstgenannte zerfallen – wie bekannt – gut unterscheidbar in einen eher (neo-)klassischen und einen keynesianischen Strang. Die keynesianische Schule konzentriert sich gegenwärtig vor allem auf Fragen rund um Konjunkturzyklen, Arbeitslosigkeit und Inflation. Hinzu kommen Arbeiten zur Ausgestaltung der Geldpolitik, die Ursachenanalyse von Finanzkrisen sowie die Analyse von Ausprägungen von Wachstum und Stagnation. Die keynesianische Theo- Tab. 23.1: Zentrale Herausforderungen einer nachhaltigen Makroökonomie ökologische Dimension ökonomische Dimension soziokulturelle Dimension Klimawandel instabiles Währungs- und Finanzsystem Armut, soziale Ungerechtigkeit Zerstörung von Ökosystemen und Artenvielfalt zunehmende Staatsverschuldung wichtiger Volkswirtschaften teilweise rapides Bevölkerungswachstum in Entwicklungs- und Schwellenländern Übernutzung natürlicher Lebensgrundlagen außenwirtschaftliche Ungleichgewichte Bevölkerungsrückgang in westlichen Volkswirtschaften zunehmender Verbrauch von nicht erneuerbaren Ressourcen Persistenz von „Unterentwicklung“ Gefahr gewaltsamer Konfliktlösungen gesundheitsgefährdende Veränderungen der Umwelt (z. B. durch das „Ozonloch“) unzureichende Ausstattung mit öffentlichen Gütern Belastungen für die Gesundheit und Lebensqualität Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 714 Teil VI Nachhaltige Entwicklung und Makroökonomie714 rie hat dem Staat dazu wichtige Stabilitätsaufgaben zugewiesen und damit zu ihrer Zeit eine Vorreiterrolle übernommen. Eine gestalterische Rolle im Sinne der nachhaltigen Entwicklung mit den dazugehörigen Instrumenten findet sich jedoch nicht. Die Integration ökologischer Aspekten der Nachhaltigkeit in streng nachfrageorientierte keynesianische Modelle findet sich nur in Ausnahmefällen. Keynesianische Modelle (z. B. des Güter- und Geldmarktes) werden häufig um einen neo-klassischen Arbeitsmarkt und eine entsprechende Produktionsfunktion erweitert. Ergebnis ist die sogenannte neue Synthese, die zu gesamtwirtschaftlichen Totalmodellen in Form einer makroökonomischen Nachfrage- und Angebotsfunktion führt. Hier lassen sich die Auswirkungen von Politikmaßnahmen bei festen und flexiblen Preisen sowie bei Marktunvollkommenheiten diskutieren. Auch in diesen Modellen fehlt in der Regel eine Verknüpfung zu den ökologischen Aspekten der Nachhaltigkeit. Diese sind, wenn überhaupt, in die Produktionsfunktion integriert (z. B. in Form von Berücksichtigung der Produktionsfaktoren Umwelt, Ressourcen und Energie). Es fehlt also bisher weitgehend an makroökonomischen Theorieansätzen, die wesentliche Aspekte der Nachhaltigkeit integrieren. Ansatzpunkte zur Diskussion von ökologischen Aspekten der Nachhaltigkeit finden sich hingegen eher im Rahmen der mikroökonomisch geprägten (neo-)klassischen Denkrichtung. Hier sind seit Anfang der 70er Jahre zunehmend Arbeiten der Umwelt- und Ressourcenökonomie zu finden, z. B. zur Internalisierung externer Effekte oder zu Allmendegütern. Diese Ansätze helfen zu verstehen, warum Umweltgüter (z. B. die Weltmeere) übernutzt werden und internationale Kooperationen bzw. Standards zur Lösung von globalen Umweltproblemen notwendig erscheinen. Dieser Sachverhalt soll nachfolgend am Beispiel des Klimawandels erläutert werden. 23.1.1 Fallbeispiel: Klimaschutz als globales öffentliches Gut Inzwischen streiten die wenigsten Wissenschaftler ab, dass die gestiegenen wirtschaftlichen Aktivitäten (z. B. Verbrennung von Kohle, Öl und Gas in industriellen Produktionsprozessen) für den Treibhauseffekt maßgeblich mitverantwortlich sind. Das International Panel of Climate Change (IPCC) prognostiziert in seinem Sachstandsbericht aus dem Jahr 2007 einen globalen Temperaturanstieg um mehr als 2 °C bis zum Jahr 2050. Der IPPC hat bereits mehrfach auf mögliche Folgewirkungen des Klimawandels für einzelne Regionen der Welt hingewiesen und ihnen Wahrscheinlichkeiten zugewiesen (Tab. 23.3). Untersuchungen kommen zu dem Ergebnis, dass der Klimawandel erhebliche volkswirtschaftliche Kosten verursachen kann, die je nach Einbeziehung von Risiken jährlich zwischen 5 % – 20 % des globalen BIP betragen können (vgl. Stern, 2006). Damit kann der Klimawandel weltweit zu einer Rezession beitragen. Neben den direkten ökonomischen Folgen auf die Energieerzeugung, die Landwirtschaft und die Industrie bleiben zusätzlich die Wirkungen des Klimawandels auf die Ökologie (wie z. B. die erhöhte Waldbrandwahrscheinlichkeit und Verluste an Artenvielfalt), aber auch gesundheitlich-ökonomische Aspekte von Krankheiten und Sterblichkeitsänderungen zu berücksichtigen. Andererseits wäre es mit Investitionen von etwa 1 % des globalen BIP möglich, durch eine Reduzierung der Treibhausgasemissionen die schlimmsten Folgen des globalen Klimawandels zu beschränken. Derartige langfristige Prognosen und Simulationsrechnungen, die auch für Deutschland vorliegen, sind naturgemäß mit großen Unsicherheiten behaftet. Die Erfassung von Kosten und Nutzen ist schwierig und die Annahmen z. B. bezogen auf den Zinssatz und die Sterblichkeit, haben Einfluss auf die Ergebnisse der Berechnung. Ein dringen- Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 715 Kapitel 23: Nachhaltige Ökonomie 715 der Handlungsbedarf ist jedoch weitgehend unumstritten. Aus ökonomischer Sicht lassen sich verschiedene Argumente anführen, dass marktwirtschaftliche Lösungen beim Klimaschutz ihr Ziel verfehlen. Globales öffentliches Gut Ihnen ist vielleicht aus der Mikroökonomie bekannt, dass reine öffentliche Güter sich durch die Merkmale der Nicht-Rivalität in der Nutzung und der Nicht-Ausschließbarkeit auszeichnen (Abb. 23.1). Nicht-Rivalität bedeutet, dass Konsumenten in der Nutzung des Gutes durch andere Konsumenten nicht eingeschränkt werden können. Es ist unerheblich wie viele Individuen dieses Gut konsumieren. So wird kein Mensch, der saubere Luft einatmet, in seinem Nutzen durch ein weiteres Individuum eingeschränkt, welches diese im selben Augenblick auch genießt. Nicht-Ausschließbarkeit meint, dass der technische, rechtliche, politische oder ökonomische Ausschluss von der Nutzung des Gutes unmöglich oder unverhältnismäßig aufwendig ist. Auch der Klimaschutz hat Eigenschaften eines öffentlichen Gutes. So verbessert eine Reduktion der CO2-Emissionen die globale Umweltqualität unabhängig vom Ort der Vermeidung. Niemand kann vom potentiellen Nutzen des Klimaschutzes ausgeschlossen werden (Nicht-Ausschließbarkeit). Der Nutzen eines Landes aus dem Klimaschutz rivalisiert nicht mit dem Nutzen anderer Länder (Nicht-Rivalität). Ein grundlegendes Problem des globalen Klimaschutzes ist es, dass es für ein Land wirtschaftlich vorteilhafter ist, wenn andere die Lasten des Klimaschutzes schultern (vgl. Bardt, 2011). Betrachten wir dazu beispielhaft den Klimaschutz aus Sicht eines Landes A (Tab 23.4): Tab. 23.3: Wahrscheinliche Auswirkungen des Klimawandels Klimaereignis Folgen mehr heiße Tage und Hitzewellen •• mehr Todesfälle und ernsthafte Krankheiten •• verstärkter Hitzestress für Vieh und Wildtiere •• Verschiebung von Touristenzielen •• zunehmendes Schadensrisiko mancher Nutzpflanzen •• zunehmender Bedarf an elektrischer Kühlung weniger Frosttage und Kältewellen •• Abnahme kältebedingter Krankheits- und Sterberaten •• sinkendes Risiko von Schäden für eine Anzahl von Nutzpflanzen und steigendes Risiko für andere •• stärkere Ausbreitung von Schädlingen und Krankheitsüberträgern •• reduzierter Heizenergiebedarf stärkere Regen- und Schneefälle •• Zunahme von Schäden durch Überschwemmungen •• Zunahme von Erdrutschen und Lawinen •• zunehmende Bodenerosion •• verstärkter Druck auf staatliche und private Versicherungssysteme zunehmende Trockenheit im Sommer, steigendes Dürre- Risiko •• sinkende Ernteerträge •• zunehmende Schäden an Gebäudefundamenten •• sinkende Qualität und Quantität von Wasserressourcen •• steigendes Waldbrandrisiko Zunahme der maximalen Windgeschwindigkeiten •• höheres Risiko von Infektionskrankheits-Epidemien •• zunehmende Eigentums- und Infrastrukturverluste •• zunehmende Küstenerosion, Schäden an Küstenbauwerken •• zunehmende Schädigung von Küstenökosystemen wie Korallenriffen und Mangroven Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 716 Teil VI Nachhaltige Entwicklung und Makroökonomie716 •• Die Kosten des Klimaschutzes liegen deutlich unter den Schäden, die das Land im Falle eines weltweiten Klimawandels zu tragen hätte. •• Das einzelne Land kann den globalen Klimawandel nur in geringem Umfang beeinflussen. Der im Inland anfallende Schaden kann durch eigene Anstrengungen der Vermeidung nur um etwa 5 % der maximalen inländischen Schadenssumme reduziert werden. Unabhängig davon, ob sich der Rest der Welt um Klimaschutz bemüht oder nicht, muss das Land bei seiner politischen Entscheidung abwägen, ob es die vollständigen Kosten des nationalen Klimaschutzes tragen möchte, obwohl es dadurch nur in geringem Umfang niedrigere Schadenskosten vermeiden kann. Ein Verzicht auf klimaschutzpolitische Maßnahmen ist die dominante Strategie für Land A, die in jedem der beiden Fälle rational erscheint. Dies gilt für den Großteil aller Länder, so dass eine wirksame internationale Klimapolitik schwer durchsetzbar ist. Ergebnis ist das aus der Spieltheorie bekannte Gefangenendilemma. Lösungsansätze wären Strafzahlungen, die die Auszahlungsmatrix verändern, bindende Selbstver- Kriterien der Güterabgrenzung Rivalität im Konsum Ja Nein Private Güter Quasi-private Güter (Klubgüter) mit der Tendenz zur Unterversorgung Ausschließbarkeit Ja • Nahrungsmittel • PKW • Kleidung • Tennisanlage eines Vereins • Gebührenpflichtige Straßen ohne Stau • Theater, Museum • Öffentlicher Nahverkehr Quasi-öffentliche Güter (Allmendegüter) mit der Tendenz zur Übernutzung Öffentliche Güter Nein • überfüllte öffentliche Straße • Fischbestände in Gewässern mit freiem Zugang • Polizei • Justiz • Straßenbeleuchtung • Deich Abb. 23.1: Güterarten Tab. 23.4: Auszahlungsmatrix zum öffentlichen Gut Klimaschutz Klimaschutz als Gefangenendilemma (aus Sicht von Land A) Rest der Welt Klimaschutz (Vermeidungsstrategie) keine Vermeidung Land A Klimaschutz (Vermeidungsstrategie) Kosten: 100 Schaden: 0 Kosten: 100 Schaden: 190 keine Vermeidung Kosten: 0 Schaden: 10 Kosten: 0 Schaden: 200 Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 717 Kapitel 23: Nachhaltige Ökonomie 717 pflichtungen und/oder ein Vertrauensaufbau. Auch der Staat kann als Lösungsinstanz eingreifen, indem er Anreize zu kooperativem Verhalten setzt oder Normen und Gesetze erlässt. Notfalls wird das Kollektivgut mittels Steuererhebung finanziert, so dass die Bereitstellung gesichert ist. Dieser Sachverhalt gilt jedoch für globale Güter nur bedingt. Umweltprobleme machen nicht an Landesgrenzen Halt. Der Begriff der nationalen öffentlichen Güter wurde daher vom United Nations Development Program (UNDP) um jenen der globalen öffentlichen Güter erweitert. Neben den genannten Eigenschaften der Nicht-Rivalität und Nicht-Ausschließbarkeit kommen weitere Kriterien hinzu. Ihr Nutzen erstreckt sich über •• Länder (gemeint sind dabei mehr als eine Gruppe von Staaten), •• Menschen (im Sinne von verschiedenen, vorzugsweise allen Völkergruppen) und •• Generationen. Diese Definition ist multidimensional und bezieht neben der geographischen eine soziale und zeitliche Dimension in ihre Analyse ein. Das Konzept des globalen öffentlichen Gutes ist somit in der Handhabung schwieriger als jenes des nationalen öffentlichen Gutes. Der Bereich globaler öffentlicher Güter ist in Abb. 23.2 umrandet gekennzeichnet: •• Quadrant 1 beschreibt (nationale) öffentliche Güter, die global jedoch als private Güter gelten, z. B. nationale Programme zur Sicherung der Artenvielfalt, zur Klimaanpassung und zur Armutsbekämpfung. •• Quadrant 2B und 4B verlangen nach einer Harmonisierung der nationalen Politik, um grenzüberschreitende externe Effekte zu internalisieren. Dazu zählen die Generierung positiver externer Effekte und die Korrektur negativer externer Effekte Rivalität im Konsum Ja Nein Private Güter Quasi-private Güter (Klubgüter) Ausschließbarkeit Ja 1: Private Güter • Nationale Artenvielfalt • Nationale Klimaanpassung • Nationale Bildungsprogramme • Nationale Armutsbekämpfung 2A: nicht-rivalisierende Güter, die ausschließend gemacht wurden • kommerziell genutztes Wissen 2B: nicht-rivalisierende Güter, die nicht ausschließend gemacht wurden • Beachtung der Menschenrechte • internationale Handelsabkommen Quasi-öffentliche Güter (Allmendegüter) Öffentliche Güter Nein 4A: Rivalisierende Güter, die zum Teil ausschließend gemacht wurden • exklusive Wirtschaftszonen • Zielvorgaben zur Reduzierung der Emission von Ozongasen 4B: rivalisierende Güter, die nicht ausschließend gemacht wurden • Atmosphäre, Ozeane • Ernährungssicherheit • Gesundheitsvorsorge 3: Reine globale öffentliche Güter • Klimastabilität • nachhaltige Umwelt • Schutz der Ozonschicht • Sonnenlicht • Frieden, Sicherheit • Entsorgung nuklearer Abfälle • Zugang zu Ressourcen der Weltmeere Globale öffentliche Güter Abb. 23.2: Globale öffentliche Güter Quelle: in Anlehnung an Kaul u.a., 2003 Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 718 Teil VI Nachhaltige Entwicklung und Makroökonomie718 gleichermaßen. Viele dieser Güter – z. B. Ernährungssicherheit und Gesundheitsvorsorge – sind Teil der UN-Milleniums-Entwicklungsziele, die bis 2015 erreicht werden sollen. •• Quadrant 3 beschreibt den Anwendungsfall reiner globaler öffentlicher Güter. Hier besteht das Problem darin, dass ein einzelner Staat keine hinreichend großen Anreize hat, um sich an kooperativen Lösungen zu beteiligen. Gleichzeitig können die Nationalstaaten nicht den gesamten Nutzen für Investitionen in globale öffentliche Güter für sich beanspruchen. Die Diskussion um die Definition, die Bereitstellung und die Finanzierung globaler öffentlicher Güter (Quadranten 2B, 4B, 3) befindet sich noch am Anfang. Das Beispiel des Klimawandels zeigt, wie schwierig einvernehmliche Lösungsansätze auf internationaler Ebene sind. Fehlende Handlungsinstanzen auf globaler Ebene Am deutlichsten unterscheiden sich traditionelle von globalen öffentlichen Gütern in dem Fehlen einer übergeordneten Handlungsinstanz, welche die vom Eigeninteresse geleiteten souveränen Staaten zur Bereitstellung zwingen könnte (vgl. zu den nachfolgenden Ausführungen Itzenplitz/Seifferth-Schmidt, 2010). Staaten verfügen über die Handlungskompetenz und die Möglichkeit, Institutionen zur Überwachung zu etablieren, um die Bereitstellung der nationalen öffentlichen Güter sicher zu stellen (z. B. durch Setzen von Anreizen zum energiesparenden Bauen, oder Erlassen von Umweltgesetzen zur Sauberhaltung von Luft und Wasser). Diese Kompetenzen sind auf globaler Ebene nicht oder nur ansatzweise vorhanden. Keine übergeordnete Macht kann souveräne Staaten zwingen, ein Abkommen einzuhalten oder Institutionen beizutreten, die der Bereitstellung globaler öffentlicher Güter wie dem Klimaschutz dienen sollen. Zwar existieren im Fall des Klimaschutzes supranationale Institutionen wie das IPCC mit dem Ziel Klimaschutzmaßnahmen zu harmonisieren, doch sind diese Organisationen nicht mit legislativen und exekutiven Hoheitsrechten ausgestattet. Freiwillige Verhandlungen mit dem Ziel selbstbindender internationaler Abkommen zwischen den souveränen Staaten stellen demnach häufig den einzigen Lösungsweg dar. Unklare Kooperationsbereitschaft Der Kreis der Nutznießer globaler öffentlicher Güter ist im Unterschied zu nationalen öffentlichen Gütern ungleich größer. Der Nutznießerkreis erstreckt sich nicht nur über mehrere Nationen, sondern er differenziert sich auch hinsichtlich seiner sozio-kulturellen Zusammensetzung. Es sind also wesentlich mehr unterschiedliche Interessen zu berücksichtigen. Diese Komplexität erschwert eine Kooperation. Auch ist der Nutzen von Klimaschutzmaßnahmen ungleichmäßig verteilt. Zum einen sind Länder mit einer bestimmten geographischen Lage (z. B. Küstennähe) im Besonderen von Klimawandel betroffen. Zum anderen haben Länder, deren BIP sich zu einem großen Teil aus von Klimawandel gefährdenden Sektoren zusammensetzt, einen höheren Nutzen von Klimaschutzmaßnahmen. In der Realität sind trotz der schwierigen Ausgangssituation Verhandlungen (z. B. die Klimarahmenkonvention) und Kooperationsverträge (z. B. das Kyoto-Protokoll) zu beobachten. Ein Grund stellt die Regelmäßigkeit des Aufeinandertreffens der Staaten in mehreren Verhandlungsrunden dar. Im Fall der Wiederholung von Verhandlungen steigt die Wahrscheinlichkeit des Kooperierens, wenn sich die Präferenzen annähern. Allerdings sind die Ergebnisse von bestimmten Rahmenbedingungen abhängig und nicht immer vorhersagbar: Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 719 Kapitel 23: Nachhaltige Ökonomie 719 •• Heterogenität und Anzahl der Staaten: Sobald der Nutzen aus einer Vermeidung des Klimawandels asymmetrisch auf die Länder verteilt ist, wird die Bereitschaft zur Kooperation vor allem in den verhältnismäßig stark von Klimawandel betroffenen Regionen (z. B. kleine Inselstaaten im Pazifik bzw. Küstenländer) steigen. Andere Staaten haben dann die Möglichkeit, von deren Verhinderungsmaßnahmen als free rider zu profitieren. Das Free-Rider-Problem wird umso wahrscheinlicher, je größer die Anzahl der potentiell kooperierenden Länder ist. Der Eintritt in Koalitionen ist mit hohen individuellen Vermeidungskosten verbunden. Der positive Effekt auf das Klima ist für jeden Einzelnen aber nur marginal zu spüren, da sich der Nettonutzen auf viele Länder verteilt •• Umweltbewusstsein: Je stärker Auswirkungen des eigenen Handelns auf die Umwelt von Individuen bedacht werden, umso mehr geraten die Regierungen unter Handlungsdruck. Medien beeinflussen durch ausführliche Berichterstattung die öffentliche Wahrnehmung über die Existenz und das Ausmaß von Klimaänderungen. Der Klimaschutz rückt somit in der Bevölkerung immer mehr in den Vordergrund. •• Fairness und Transfers: Kooperationen werden darüber hinaus begünstigt, wenn die Verträge den Akteuren als gerecht und fair erscheinen. Besonders im Fall des Klimaschutzes, in dem die Interessen der Industrieländer mit denen der Entwicklungsländer abgestimmt werden müssen, ist es jedoch schwer, den richtigen Maßstab für diese Fairness zu finden. In diesem Zusammenhang erhalten Transferzahlungen eine große Bedeutung. Der Nutzen der Transfers für das Kooperationsverhalten zeigt sich z. B. am Clean Development Mechanism, der im Kyoto-Protokoll als flexibles Instrument eingeführt wurde. Dieser sieht vor, dass Industrieländer Vermeidungsstrategien in Entwicklungsländern finanzieren können und so kostengünstig Klimaschutz implementieren. Als Nebeneffekt werden die Entwicklungsländer ebenso zu kooperativem Verhalten motiviert. Externe Effekte Öffentliche Güter sind aufgrund ihrer Charakteristika stets mit externen Effekten behaftet. Die Bereitstellung eines Kollektivgutes durch einen Akteur bewirkt nicht kompensierte Vor- oder Nachteile bei unbeteiligten Dritten. Handeln Individuen rational und nutzenmaximierend, dann werden öffentliche Güter, wenn überhaupt, nur suboptimal bereitgestellt. Sobald das Gut existiert, können alle davon profitieren, ohne etwas für die Bereitstellung zu zahlen. Trittbrettfahren ist die dominante Strategie der Akteure im Hinblick auf die Produktion und Finanzierung des öffentlichen Gutes. Eine unmittelbare Folge der beschriebenen Problematik ist, dass weder Unternehmen noch Verbraucher klimafreundliche und energiesparende Güter in der volkswirtschaftlich effizienten Höhe nachfragen. Auf nationalstaatlicher Ebene hat die Politik verschiedene Instrumente zur Verfügung, die Externalitäten zu internalisieren, d. h. das einzel- und das volkswirtschaftliche Kalkül wieder in Einklang zu bringen. Beispielhaft sei verwiesen auf freiwillige Selbstverpflichtungen, den Handel von Emissionsrechten, Umweltsteuern oder umweltpolitische Gebote und Verbote. Auf transnationaler Ebene ist die Vereinbarkeit solcher Instrumente deutlich schwieriger. Komplexität des Gegenstandes (Informationsprobleme) Die Bereitstellung des globalen Klimaschutzes erfordert eine Abschätzung der Kosten weiterer Klimaschädigungen sowie eine Prognose der Nutzen, die durch kooperierendes Verhalten möglich werden. Beispiele für einen indirekten Nutzen des Klima- Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 720 Teil VI Nachhaltige Entwicklung und Makroökonomie720 schutzes sind die Erhaltung der Artenvielfalt und die Vermeidung von Todesfällen aufgrund von Klimakatastrophen. Solche Nutzen sind nur schwer in monetäre Größen zu überführen. Auch die Diskontierung zukünftiger Nutzen aus Klimaschutzmaßnahmen über eine lange Zeitperiode hinweg hat einen bedeutenden Einfluss auf die Entscheidungen in der Gegenwart. Je höher die Regierungen den Nutzen diskontieren, desto höher bewerten sie die Gegenwart gegenüber der Zukunft. Auch Unternehmen und Verbraucher haben häufig eine Zeitpräferenz, die zukünftigen Zuständen eine geringere Bedeutung beimisst. So unterbleiben z. B. Investitionen in energieeffiziente Produktionsstätten, wenn die daraus resultierenden Einzahlungsüberschüsse erst in späteren Jahren anfallen. Unterschiedliche Interessenlagen Der internationale Freihandel bewirkt ein weiteres, speziell die Bereitstellung globaler öffentlicher Güter betreffendes Problem. In kooperierenden Staaten, die ihren CO2-Ausstoß absenken, bewirken die ergriffenen Maßnahmen eine Verteuerung der Produktion CO2-intensiver Industrien. Für defektierende Länder ergeben sich daraus komparative Kostenvorteile. Hier wird in der Folge mehr CO2 ausgestoßen, da Industriezweige mit CO2-intensiver Produktion in diese nicht-kooperativen Länder abwandern können. Zudem reduziert die verringerte Nachfrage der kooperierenden Staaten den Preis für Rohstoffe der klimaschädigenden Produktionsprozesse (z. B. fossile Brennstoffe). Die Nachfrage nach CO2-intensiven Ressourcen wird somit in den nicht-kooperierenden Staaten weiter angeregt. Das Verhältnis des Anstiegs der Emissionen durch nicht kooperierende Länder zum Rückgang von Emissionen durch kooperierende Länder wird als Leakage-Rate bezeichnet. Ähnlich der Leakage-Rate argumentiert Sinn (2008) in seiner Analyse des „grünen Paradoxons“. Die ausgestoßene CO2-Menge ist abhängig von den Nachfragern dieser Rohstoffe aus „grünen Ländern“, in denen alternative Energien genutzt werden, den Nachfragern der anderen Länder und der angebotenen Menge der Förderländer. Speziell die Angebotsseite wird nach Auffassung von Sinn in bisherigen Studien vernachlässigt. Seiner Ansicht nach ist das Angebot CO2-intensiver Ressourcen nicht elastisch, sondern nahezu unelastisch. Bei geringer Elastizität des Angebots kann jedoch nicht davon ausgegangen werden, dass aus Nachfragereduktionen der grünen Länder auch eine Gesamtreduktion der ausgestoßenen CO2-Menge folgt. Ausschlaggebend dafür ist das Verhalten der Anbieter, die unabhängig von der Höhe des Preises eine feste Menge an fossilen Rohstoffen fördern. Würden sie die Förderung heute einschränken, müssten sie ihre Fördermenge in der Zukunft erhöhen, um nicht auf Gewinne verzichten zu müssen. Da sich die Förderländer bewusst sind, dass zukünftig striktere Maßnahmen zur Verhinderung des Klimawandels getroffen werden, die eine Preiserhöhung und folglich einen weltweiten Nachfragerückgang und somit eine Gewinnreduktion der OPEC-Länder bewirken, werden sie daher gegenwärtig so viel wie möglich fördern. Alle Vermeidungsmaßnahmen, die an der gegenwärtigen Nachfrageseite ansetzen, können dann paradoxerweise nicht eine Verbesserung, sondern eine Beschleunigung des Klimawandels bewirken. Ein sich selbst überlassener Marktmechanismus scheint also nicht in der Lage zu sein, einen effektiven Klimaschutz zu gewährleisten und erfordert nach Auffassung von Kritikern eine grundsätzliche Neuorientierung auch ökonomischer Postulate (Tab. 23.5). Die Kritik an marktwirtschaftlichen Lösungen gilt auch bezogen auf andere globale öffentliche Güter. Diese umfassen neben der Umwelt die Themen Gesundheit (insbesondere der Schutz vor ansteckenden Krankheiten), Welthandelssystem (Wei- Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 721 Kapitel 23: Nachhaltige Ökonomie 721 terentwicklung der Beteiligung von Entwicklungsländern), das globale Finanzsystem (insbesondere seine Stabilität) und Wissen bzw. Wissensverbreitung (vor allem im Hinblick auf Entwicklung). Schlagwörter •• Nachhaltigkeitskonzepte •• Klimawandel •• öffentliche Güter •• externe Effekte •• globale öffentliche Güter •• Free-Rider-Problematik 23.1.2 Postulate einer nachhaltigen Ökonomie Ähnlich wie die traditionelle Volkswirtschaftslehre bezweifelt auch die nachhaltige Ökonomie, dass Marktmechanismen stets für eine optimale Allokation von Gütern sowie für Gleichgewichte sorgen. Der Marktmechanismus führt für viele Güter und Faktoren zu einem gesellschaftlich inakzeptablen Ergebnis oder gar zu einem Marktversagen. Erkennbar sind solche Entwicklungen, neben der Übernutzung natürlicher Ressourcen, an Währungs- und Finanzkrisen, Armut und Verteilungsungerechtigkeit innerhalb wie auch zwischen den Regionen der Welt sowie der unzureichenden Finanzierung öffentlicher Güter. Die Grundpostulate der nachhaltigen Ökonomie sind vielfältig. Sie betreffen zum Teil die Weiterentwicklung und Ergänzung gesamtwirtschaftlicher Ziele, betonen allerdings auch die Notwendigkeit zur Einbeziehung der ökologischen und sozio-kulturellen Dimension (Tab. 23.6; vgl. z. B. Rogoll, 2009). Eine nachhaltige Ökonomie übernimmt teilweise die Ansätze der traditionellen Umweltökonomie zur Erklärung des Marktversagens bei den natürlichen Ressourcen (z. B. die Problematik öffentlicher Güter, negative externe Effekte) und die Grundlagen zum Einsatz umweltpolitischer Instrumente. Sie geht jedoch darüber hinaus und kritisiert z. B. die Annahmen der Konsumentensouveränität, das Primat der Ökonomie und das größere Gewicht gegenwärtiger Zustände gegenüber der Zukunft (Diskontierung). Stattdessen wird die Festlegung von Handlungszielen im Sinne von Standards durch die demokratisch legitimierten Entscheidungsträger gefordert. Dazu zählt auch eine umfassende Bereitstellung von Gütern, die positive externe Effekte für die Gesellschaft erbringen (z. B. in den Bereichen Gesundheits- und Altersvorsorge, nachhaltige Nutzung der natürlichen Ressourcen). Tab. 23.5: Problematik des Klimawandels aus ökonomischer Sicht Problem mögliche Problemlösung Hemmnisse globales öffentliches Gut Setzen von Anreizen für kooperatives Verhalten, Vertrauensaufbau fehlende Handlungsinstanzen auf globaler Ebene, fehlende Kooperationsbereitschaft externe Effekte Internalisierung durch freiwillige Selbstverpflichtungen oder nicht zwingende Normen, marktwirtschaftliche Instrumente (z. B. Emissionshandel, Steuern) fehlende Institutionen auf globaler Ebene Komplexität (Informationsprobleme) Kommunikation, Aufklärung, Labeling von Gütern (freiwillig, gesetzlich vorgeschrieben) Zeitpräferenz, kursichtiges Handeln, unterschiedliche Interessen Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 722 Teil VI Nachhaltige Entwicklung und Makroökonomie722 Die traditionelle Ökonomie hat die natürlichen Ressourcen in der Vergangenheit lediglich als Inputfaktor betrachtet, obgleich ohne diese weder ein Leben noch ein Wirtschaften auf der Erde möglich ist. Natürliche Ressourcen lassen sich jedoch nicht nur als Produktionsfaktor betrachten. Zu den natürlichen Ressourcen zählen alle Bestandteile der Natur. Sie werden in vier verschiedene Kategorien unterschieden: 1. Nicht erneuerbare Rohstoffe und Primärenergieträger (Kohle, Erdöl und Erdgas). Sie können sich in menschlichen Zeitmaßen nicht regenerieren und sind daher knapp. 2. Erneuerbare Ressourcen, die erschöpfbar sind, wenn ihre Regenerationsrate überschritten wird (z. B. von Menschen genutzten Tiere und Pflanzen). 3. Quasi unerschöpfliche Ressourcen (jedenfalls für menschliche Zeiträume) wie Sonne, Wind, Gezeiten und Erdwärme. 4. Umweltmedien (Boden, Wasser, Luft). Die natürlichen Ressourcen haben wichtige Funktionen als natürliche Lebensgrundlagen: •• Senkenfunktion: Aufnahme nicht erwünschter Koppelprodukte wie Emissionen und Abfälle. •• Lebensraumfunktion in Boden, Wasser und Luft. •• Aufrechterhaltungsfunktion: Die natürliche Umwelt sorgt für die Aufrechterhaltung des Naturhaushalts (z. B. Klimagleichgewicht und funktionstüchtige Ozonschicht). •• Reproduktionsfunktion: Dazu zählen alle ästhetischen und Erholungsfunktionen der Umwelt. Die Ökonomie erscheint daher aus systemischer Sicht nicht gleichberechtigt neben der Umwelt, sondern ist Teil der Umwelt (Abb. 23.3). Eine nicht-systemische Sicht entspricht aus Sicht ökologisch denkender Ökonomen eher einer Sichtweise, die zwar Interessenkonflikte thematisiert, aber immer noch primär dem Wirtschaftswachstum verpflichtet ist. Tab. 23.6: Grundpostulate der nachhaltigen Ökonomie ökonomische Ebene ökologische Ebene sozio-kulturelle Ebene Existenzsicherung, die ein menschenwürdiges Leben und soziale Sicherung bietet (Entwicklung statt Wachstum) Schutz der Erdatmosphäre partizipative Demokratie, Rechtsstaatlichkeit Gewährleistung von Grundbedürfnissen an nachhaltigen Gütern, ökologischer Umbau von Volkswirtschaften (Internalisierung externer Effekte) gesunde Lebensbedingungen (z. B. Vermeidung von Lärm, Schadstoffen) soziale Sicherheit, Vermeidung von Armut Preisniveaustabilität, angemessene Verteilung von Einkommen nachhaltige Nutzung erneuerbarer Ressourcen gewaltlose Konfliktlösungen Entwicklungszusammenarbeit bei hoher Selbstversorgung, Vermeidung von außenwirtschaftlichen Ungleichgewichten nachhaltige Nutzung nicht-erneuerbarer Ressourcen Chancengleichheit, soziale Integration handlungsfähiger Staatshaushalt, ausreichende Versorgung mit kollektiven Gütern Erhalt der Arten- und Landschaftsvielfalt Schutz der menschlichen Gesundheit, Lebensqualität Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 723 Kapitel 23: Nachhaltige Ökonomie 723 Gefordert wird eine Gleichgewichtsökonomie (steady-state), die darauf ausgerichtet ist, eine Ausstattung mit materiellen Gütern zu gewährleisten, die für ein „gutes Leben“ ausreichen. Dies entspricht der Forderung nach einem selektiven Wachstum. Durch entsprechende Gestaltung der Rahmenbedingungen (ökologische Leitplanken) wird demokratisch entschieden, was wachsen kann (z. B. Ausbildung) und was schrumpfen soll (z. B. Energie- und Ressourcenverbrauch). Ein selektives Wachstum soll durch Umsetzung der Strategien der Effizienz, Konsistenz und Suffizienz erreicht werden (Abb. 23.4, Tab. 23.7). Effizienzstrategien setzen eher an der Produktions- und Angebotsseite an. Es geht vorrangig um die Minimierung des Ressourceneinsatzes. Die Konsistenzstrategie stellt die Entwicklung nachhaltiger Produktionssysteme, die in Einklang mit der Natur und Umwelt stehen, in den Vordergrund. Die Suffizienzstrategie hingegen setzt an der Nachfrage- bzw. Konsumseite an. Es geht primär um Prinzipien der Sparsamkeit und Einfachheit, die Entwicklung oder Wiederentdeckung von Lebensstilen und Konsummustern, die den ökologischen Strukturwandel unterstützen sollen. Richtschnur für eine nachhaltige Entwicklung sind die ethischen Grundwerte der Gerechtigkeit und der Verantwortung für künftige Generationen. Diese Ethik führt zu den Forderungen nach intergenerativer Gerechtigkeit, Einhaltung des Vorsorgeprinzips und eigenen Schutzrechten für die Natur sowie der Stärkung und Weiterentwicklung der Demokratie- und Rechtsstaatsprinzipien. Der Staat hat die Aufgabe, die Freiheitsrechte jedes Menschen gleichgewichtig zu schützen und, wenn nötig, aktiv durchzusetzen. Eine nachhaltige Ökonomie will sich an der Bewertung und Auswahl zukunftsfähiger Technologien beteiligen. Sie geht davon aus, dass bereits viele umweltfreundliche Technologien existieren, die nun mittels der richtigen politisch-rechtlichen Rahmenbedingungen durchgesetzt werden müssen. Um die Erfolgsbedingungen und Hemmnisse Natur/Umwelt Gesellschaft Ökonomie systemische Sicht nicht systemische Sicht Ökonomie Umwelt Gesellschaft Einordnung der Ökonomie Abb. 23.3: Ökonomie als Teil der Natur/Umwelt Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 724 Teil VI Nachhaltige Entwicklung und Makroökonomie724 der Umsetzung geeigneter Instrumente zu überprüfen, werden die unterschiedlichen Interessen der gesellschaftlichen Akteure einer kritischen Analyse unterzogen. Schlagwörter •• nachhaltige Ökonomie •• Effizienz •• Konsistenz •• Suffizienz 23.2 Nachhaltige Makroökonomie Wirtschaftswachstum galt und gilt in makroökonomischen Modellen bzw. Theorieansätzen vielfach als die zentrale Voraussetzung für Wohlstandsvermehrung, Beschäftigungssicherung, die Vermeidung von Verteilungskonflikten und die Finanzierung von sozialen Sicherungssystemen. Gleichzeitig generiert die Produktionsausweitung Strategien Effizienz Weiterentwicklung vorhandener Technologien Konsistenz/ Substitution Entwicklung neuer, nachhaltiger Technologien Suffizienz neue Lebensstile, Strukturveränderungen Effizienz Konsistenz Suffizienz Beispiele für Mobilität 1-Liter-PKW Umweltverbund, neue Antriebstechnologien Vermeidung unnötiger Fahrten, Regionalisierung, Entschleunigung Beispiele für Energie effiziente Stromerzeugung und Stromnutzung (z. B. im Verkehr) Wasserkraft, Windkraft, Sonnenenergie, Biomasse Reduzierung der Wohnfläche, Einschränkung der Nahrungsmittelproduktion, Regionalisierung Strategieansätze der nachhaltigen Ökonomie Abb. 23.4: Strategien der nachhaltigen Ökonomie Tab. 23.7: Strategien der nachhaltigen Ökonomie Dimension Leitlinie Erläuterung Ökonomie Effizienz Im Vordergrund steht das Verhältnis von Nutzen zum Aufwand (z. B. Energie-, Ressourceneinsatz), der gebraucht wird. Dieser soll vorrangig durch technische Innovationen verbessert werden. Ökologie Konsistenz Die Qualität der menschlichen Versorgungssysteme soll sich so ändern, dass diese die Natur bzw. Umwelt nicht oder weniger stören (z. B. durch angepasste Technologien). Soziales Suffizienz Es gilt Lebensstile zu entwickeln, die zur Grundkonzeption von Nachhaltigkeit „passen“ (z. B. nicht-materielles Verständnis von Lebensqualität). Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 725 Kapitel 23: Nachhaltige Ökonomie 725 eine Vielzahl von Umweltbelastungen und kann die natürlichen Grenzen überschreiten. Vor diesem Hintergrund stellen sich folgende Fragen, die von einer nachhaltigen Makroökonomie beantwortet werden müssen: •• Können hochproduktive Volkswirtschaften wie Deutschland auch mit einer längerfristig stagnierenden wirtschaftlichen Produktion oder gar einem Rückgang leben oder gibt es einen Wachstumszwang? •• Welche Rahmenbedingungen müssten verändert werden um in einer Wirtschaft mit niedrigen Wachstumsraten ein gutes Leben für Menschen zu ermöglichen? •• Wie viel an wirtschaftlicher Produktion brauchen wir? Wie können wir sie ökologisch verträglich erzielen und möglichst allen nutzbar machen? •• Welche Barrieren sind zu überwinden, um die notwendigen wirtschaftlichen, sozialen und politischen Anpassungen an veränderte Bedingungen durchzuführen? •• Welche internationalen Regulierungen (z. B. der Güter-, Finanz-, Rohstoffmärkte) sind in einer globalisierten Welt notwendig, um eine weltweit nachhaltige Entwicklung zu unterstützen? 23.2.1 Bausteine Globale Umweltprobleme (wie z. B. Klimawandel, Verlust der Biodiversität, eingeschränkte Assimilations- und Regenerationsfähigkeit natürlicher Systeme) und sozialpolitische Herausforderungen (wie z. B. Arbeitslosigkeit und Armut) zeigen eindringlich, dass viele Volkswirtschaften vor Veränderungsprozessen stehen, die neue Lösungsansätze erfordern. Für die Umsetzung einer nachhaltigen Entwicklung ist es dabei wichtig, die vielfachen Ursachen und Auswirkungen dieser Problembereiche zu analysieren, um strategische Lösungsmöglichkeiten entwickeln zu können. Auch die Makroökonomie als Wissenschaft von der Funktionsweise von Volkswirtschaften ist dazu gefordert. Es gibt gegenwärtig keine in sich geschlossene nachhaltige Makroökonomie. Gut erkennbar sind jedoch die Bausteine und Themengebiete, mit denen sich eine derartige Disziplin zu befassen hat. Sie lassen sich – aus didaktischen Gründen – in zehn Blöcken zusammenfassen, die in der Realität eng verwoben sind (Abb. 23.5): 1. Wachstum und Entwicklung Wirtschaftswachstum hat in den letzten Jahrzehnten eine wichtige Rolle für die Steigerung unseres Wohlstands gespielt. In der gegenwärtigen ökonomischen Ordnung ist es häufig die einzige Antwort zur Bewältigung von Arbeitslosigkeit, zur Entschärfung von Verteilungskonflikten, zur Bedienung öffentlicher Schulden und zur Finanzierung der Sozialsysteme. Aber Wirtschaftswachstum löst nicht nur Probleme, sondern kann auch deren Ursache sein. So ist ein wachsendes BIP in vielen Ländern eng an die Ausbeutung knapper natürlicher Ressourcen gebunden. Dies kann irreversible Auswirkungen auf die Umwelt haben, die wirtschaftliche Existenzen gefährden und letztendlich die Lebensgrundlagen beeinträchtigen. Dazu zählen Entwicklungen wie Klimawandel, Verlust der Biodiversität, steigende Nahrungsmittelpreise und Armut. Es stellt sich vor diesem Hintergrund die Frage, wie die Rahmenbedingungen geändert werden müssen, die unsere Wirtschaft und Gesellschaft so wachstumsabhängig macht. Häufig wird als Nachhaltigkeitsformel für die wirtschaftliche Entwicklung gefordert, dass die Steigerung der Ressourcenproduktivität größer sein muss als die Steigerung des wirtschaftlichen Wachstums. Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 726 Teil VI Nachhaltige Entwicklung und Makroökonomie726 2. Ressourcenverbrauch Der Ressourcenverbrauch in absoluten Zahlen ist in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich angestiegen. Es hat zwar eine relative Entkopplung stattgefunden, d. h. eine Einheit BIP konnte mit weniger Ressourceneinsatz erzeugt werden. Durch die steigende Zahl der Weltbevölkerung und den damit verbundenen Güterverbrauch wurde die gestiegene Ressourceneffizienz aber häufig wieder wettgemacht. Die Angleichung des Materialverbrauchs großer Schwellen- und Entwicklungsländer an das Niveau der Industriestaaten sorgt für einen neuen rasanten Entwicklungsschub im Ressourcenverbrauch. Gewinnung, Umwandlung und Nutzung von Energie müssen umweltverträglich und wettbewerbsfähig erfolgen, damit umweltverträgliches Wachstum auch in Entwicklungsländern möglich wird. 3. Produktion und Konsum – Ressourcen schonen Beispielhaft sei in diesem Kontext auf die Bedeutung sauberen Trinkwassers und Biodiversität verwiesen. Die Versorgung mit sauberem und ausreichendem Trinkwasser sicherzustellen, gilt weltweit als eine der größten ökologischen und sozialen Herausforderungen der kommenden Jahre. Bereits heute zeichnen sich die politischen Auswirkungen von Wasserverknappung vor allem in Regionen mit starkem Bevölkerungszuwachs ab. Die Auswirkung von mangelndem Trinkwasser und schlechten hygienischen Bedingungen auf die Lebensbedingungen und Nahrungsmittelversorgung ganzer Regionen ist beträchtlich. Dies behindert die wirtschaftliche Entwicklung, ist häufig eine der Ursachen für politische Instabilität und macht es auch ausländischen Unternehmen schwer, sich dort mit Investitionen zu engagieren. Pflanzen und Tiere sind nicht nur Futter- und Nahrungsmittel, sondern liefern ebenso Rohstoffe für Arzneimittel und chemische Produkte. Gleichzeitig sind sie Basis für biogene Brennstoffe. Durch die rasanten Entwicklungen gerade im Bereich der Biowissenschaften ergibt sich eine Vielzahl verbesserter Möglichkeiten, das Potenzial der Biodiversität zu nutzen. Die Volkswirtschaft eines Landes, das Ressourcen zur Verfügung stellt, muss an dem wirtschaftlichen Nutzen beteiligt werden. Der starke Anstieg der Weltbevölkerung, gerade in Ländern mit geringer industrieller Entwicklung und großer Abhängigkeit von landwirtschaftlicher Produktion, ist ein Grund für die rapide Abnahme der Biodiversität. Besonders gravierend ist dies in Regionen der tropischen Regenwälder, in denen die kurz anhaltende Produktivität der Böden und der Einsatz falscher Produktionsmethoden zur Erschließung immer neuer Flächen durch großflächige Abholzung führen. Da aber diese Länder meist den größten Anteil an wirtschaftlich nutzbarem biologischem Potenzial haben, wird deutlich, dass eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung entscheidend zum Artenschutz beitragen kann. 4. Geld und Finanzsystem Trotz massivem Gegensteuern hat die Finanzkrise der letzten Jahre dramatische Auswirkungen auf Realwirtschaft, Arbeitsmärkte sowie Entwicklungs- und Schwellenländer gehabt. Verschiedene finanzbezogene Ursachen der Krise sind in der Diskussion: intransparente Finanzinnovationen, mangelnde Regulierung, falsche Anreize oder eine lockere Geldpolitik. Häufig führen spekulative Finanztransaktionen zu „Blasen“, die letztlich platzten und die Frage nach der Nachhaltigkeit einer solchen Wachstumsform nahe legen. Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 727 Kapitel 23: Nachhaltige Ökonomie 727 Eine nachhaltige Makroökonomie sieht die Geldpolitik nicht alleine als Politik zur Bekämpfung der Inflation. Sie weist ihr ein breites Aufgabenfeld zu, das neben Stabilisierungsaufgaben z. B. ein Niveau von Renditen und Zinsen anstrebt, das eine nachhaltige Entwicklung ermöglicht und längerfristige Investitionen belohnt. Eine nachhaltige Finanzpolitik könnte konkretisiert werden, wenn mittelfristig zumindest ein ausgeglichenes Staatsbudget oder eine niedrige Verschuldungsquote erreicht wird. Zu berücksichtigen bleiben zudem Aspekte der intra- und intergenerativen Gerechtigkeit. 5. Soziale Gerechtigkeit und Armut Global betrachtet leben rund 2,5 Mrd. Menschen von weniger als 2 US-$ pro Tag. Trotz teilweiser positiver Entwicklungen in Ländern wie China und Indien wurde 2009 erstmals die Grenze von einer Milliarde Menschen überschritten, die an Hunger leiden. Auch in Europa ist ein nicht unbeträchtlicher Teil der Bevölkerung armutsgefährdet. In den meisten OECD-Ländern hat die (Lohn-)Einkommensungleichheit zwischen 1980 und 2010 zugenommen. Noch drastischer war und ist die Entwicklung der Ungleichverteilung von Vermögen. „Soziale Gerechtigkeit“ ist eine zentrale Kategorie für die Legitimität und Stabilität eines jeden politischen Gemeinwesens. Doch was soziale Gerechtigkeit (sowohl innerhalb eines Landes als auch zwischen Regionen der Welt) genau bedeutet und wie sie am besten zu realisieren ist, wird kontrovers diskutiert. Der Begriff der sozialen Gerechtigkeit ist als zeit- und raumabhängiges Resultat gesellschaftlicher Werthaltungen einem ständigen Bedeutungswandel unterworfen. Beispielhaft sei auf einen „Gerechtigkeitsindex“ verwiesen, der fünf Zieldimensionen abbildet: Armutsvermeidung, Zugang zu Bildung, Einbeziehung in den Arbeitsmarkt, soziale Kohäsion und Generationengerechtigkeit (Bertelsmann-Stiftung, 2011). 6. Regionale Aspekte Regionale Ökonomien werden immer stärker mit globalen Trends verbunden. Häufig werden die Bedrohungen und weniger die Möglichkeiten in den Vordergrund gerückt, die eine ökonomische Globalisierung in Form offener Märkte mit sich bringt. Das wirft die Frage auf, ob Regionen oder auch Volkswirtschaften überhaupt noch ihre eigenen Entwicklungen steuern können. Gesucht werden deshalb Instrumente, die einerseits das Potenzial offener Märkte nutzen und andererseits nachhaltigen Wohlstand und Lebensqualität für ihre Bewohner sichern können. 7. Lebensqualität und Messung von Wohlstand Die übliche Messung von Wohlstand und wirtschaftlichem Erfolg beruht im Wesentlichen auf materiellen Größen und auf Durchschnittswerten (z. B. ausgedrückt durch das BIP-pro-Kopf). Verteilungsfragen und über den reinen materiellen Erfolg hinausgehende Aspekte bleiben häufig unberücksichtigt. Zu klären bleibt, wie die Messung des Lebensstandards auf die Erfassung der Lebensqualität ausgedehnt werden kann, wie der Verteilungsaspekt besser erfasst werden kann und welche Alternativindikatoren es zu den BIP-Daten gibt. 8. Arbeit Unter aktuellen Bedingungen ist häufig ein jährliches Wirtschaftswachstum von zwei Prozent oder mehr notwendig, um in Volkswirtschaften Arbeitsplätze zu sichern bzw. zu schaffen. Selbst wenn ökologische Bedenken ausgeblendet werden, bleibt die Skepsis, ob anhaltend hohe Wachstumsraten in hoch entwickelten Volkswirtschaften Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 728 Teil VI Nachhaltige Entwicklung und Makroökonomie728 und Schwellenländern dauerhaft in der Zukunft erreicht werden können. Notwendig sind Ansätze, die auch bei geringeren Wachstumsraten Wege aus der Arbeitslosigkeit aufzeichnen und den Begriff der „Arbeit“ in einem breiteren Sinn als formale Beschäftigung zu diskutieren. 9. Governance Nachhaltiges Wachstum erfordert neue Wege der Politikgestaltung. Ansätze dazu sind auf nationaler und auch internationaler Ebene vorhanden. Zu klären ist, welche Governance-Praktiken einer nachhaltigen Regulierung der Finanzmärkte, einem effektiven Klima- und Umweltschutz und einer langfristig erfolgreichen Beschäftigungspolitik am besten dienen können und welche Akteure in die spezifischen Governance-Prozesse eingebunden werden sollen. 10. Nachhaltiges Management Nachhaltiges Wachstum wird insbesondere durch das unternehmerische Verhalten in allen Bereichen der Wirtschaft bestimmt. Lebensqualität in der Arbeitswelt und wirtschaftliche Leistungsfähigkeit mit ökologischer und sozialer Verantwortung müssen gelebte Werte in Unternehmen sein, wenn das Konzept der Nachhaltigkeit umgesetzt werden soll. Sie sind verbunden mit den Begriffen „responsible business“ bzw. „corporate social responsibility“ (CSR). Gefordert sind Ansätze eines sustainable managements, die z. B. Unternehmenskonzepte, Geschäftsmodelle, Neuorganisation von Wertschöpfungsketten sowie das Zusammenspiel von Lieferanten, Kunden und Mitarbeitern umfasst. Beispielhaft sei verwiesen auf das „econsense Forum Nachhaltige Entwicklung der Deutschen Wirtschaft“. Das Leitbild der Nachhaltigkeit wird bei den econsense-Unternehmen in die Unternehmensstrategie integriert. Dies bedeutet, dass in der täglichen Unternehmenspraxis die drei Dimensionen der Nachhaltigkeit in allen Entscheidungs- 1. Wachstum und Entwicklung 2. Ressourcenverbrauch 3. Produktion und Konsum 4. Geld und Finanzsystem 5. soziale Gerechtigkeit und Armut 6. regionale Aspekte 7. Lebensqualität und Messung von Wohlstand 8. Arbeit 9. Governance 10. nachhaltiges Management Agenda einer nachhaltigen Makroökonomie Bausteine der nachhaltigen Makroökonomie Abb. 23.5: Agenda einer nachhaltigen Makroökonomie Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 729 Kapitel 23: Nachhaltige Ökonomie 729 prozessen gegeneinander abgewogen und Zielkonflikte aufgelöst werden. Eine Entwicklung zur Nachhaltigkeit im Unternehmen betrifft im Wesentlichen •• die Gestaltung von Produkten und Produktionsprozessen im Rahmen einer kundenorientierten und verantwortlichen Produktpolitik, •• die Wahrnehmung von Verantwortung in der Gesellschaft, z. B. durch soziales Engagement, Stakeholderdialog oder Berichterstattung, •• die Förderung einer “Kultur der Nachhaltigkeit“ innerhalb des Unternehmens. Schlagwörter •• nachhaltige Makroökonomie •• sustainable management 23.2.2 Kriterien zur makroökonomischen Modellierung einer nachhaltigen Entwicklung Bisher sind makroökonomische Modelle nur bedingt für die Analyse und Abbildung der nachhaltigen Entwicklung geeignet. Sie integrieren häufig nur Teilaspekte der Nachhaltigkeitskonzeption. Nachfolgend werden einige Kriterien genannt, die bei der makroökonomischen Modellbildung zu berücksichtigen sind (Abb. 23.6). Berücksichtigung mehrerer Dimension von Nachhaltigkeit Unter nachhaltiger Entwicklung wird laut Brundtland-Bericht eine Entwicklung verstanden, welche die Bedürfnisse der heutigen Generation befriedigt, ohne jene kommender Generationen zu beeinträchtigen. Die Bedürfnisse werden in diesem Zusammenhang als gleichrangige Einheit von ökologischen, ökonomischen und sozialen Entwicklungsbedingungen verstanden. Diese Dimensionen gilt es in die makroökonomische Modellbildung zu integrieren (Tab. 23.8). • Berücksichtigung mehrerer Dimensionen der Nachhaltigkeit • Darstellung von Interdependenzen zwischen den Dimensionen • Forderung der Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch • Integration des technischen Wandels • soziale Wohlfahrt und Indikatoren für Nachhaltigkeit • Modellierung des Außenhandels und der Globalisierung von Wirtschaftsaktivitäten • Szenarienanalyse und Instrumente • empirische Fundierung Kriterien der Modellierung einer nachhaltigen Entwicklung Abb. 23.6: Makroökonomische Modellierung einer nachhaltigen Entwicklung Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 730 Teil VI Nachhaltige Entwicklung und Makroökonomie730 Eine solche Konzeption bezogen über den Kapitalbegriff bietet zumindest aus ökonomischer Sicht Vorteile. So ist die Relevanz der Sachkapitalausstattung in fast allen ökonomischen Schulen unumstritten. Auch die Rolle des Humankapitals für die wirtschaftliche Entwicklung wird vom ökonomischen „Mainstream“ betont. Aus Vollständigkeitsgründen führen wir auch das Sozialkapital an, das die als „institutionelle Faktoren wirtschaftlichen Handelns“ weithin anerkannten Faktoren beinhaltet. Ebenso ist das Naturkapital, das die Ressourcenbasis und die notwendigen ökologischen Senken repräsentiert, inzwischen in der Diskussion weitgehend verankert. Umstritten ist, ob und inwieweit die einzelnen Kapitalgüter substituierbar sind. Diese Diskussion ist Gegenstand schwacher und starker Nachhaltigkeitskonzepte (vgl. dazu Kapitel 24.2). Erfassung von Wechselwirkungen zwischen den Dimensionen Unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten sind ökonomische, ökologische und soziale Systeme zumindest gleichrangig zu bewerten. Sie sind interdependent und können in ihren vielfältigen Interaktionen nicht isoliert voneinander gesehen werden. Ein makro- ökonomisches Nachhaltigkeitsmodell muss in der Lage sein, ökonomische, ökologische und soziale Wechselwirkungen abzubilden (Abb. 23.7). Literaturstudien und Analysen vorhandener makroökonomischer Modelle zeigen, dass es durchaus Ansätze gibt, diese Wechselwirkungen zu erfassen (vgl. dazu SERI, 2010). Zu klären bleibt die Frage der Messbarkeit der Wechselwirkungen. Wünschenswert wäre die Erfassung z. B. der physischen (mengenmäßigen) Entwicklung der einzelnen Umweltfaktoren als auch die Zusammenhänge zwischen Umweltnutzung und wirtschaftlicher Leistung. Diese Beziehung zwischen Bruttoinlandsprodukt und der Menge des jeweiligen Umweltfaktors wird als (Ressourcen-)Produktivität gemessen. Dazu lassen sich Zielwerte für den Ressourceneinsatz einer Ökonomie (input, throughput) vorgeben, die entweder als konkrete Reduktionsziele wie Faktor 10 und Faktor 4 oder als Managementregeln gefasst werden können, deren Befolgung zu ähnlichen Reduktionszielen führt. Ein solcher Ansatz ist mit wirtschaftlichen Entwicklungszielen vereinbar, verändert aber die Rahmenbedingungen und ermöglicht strukturelle Verschiebungen hin in Richtung auf einen nachhaltigen Entwicklungspfad. Daten über das Gesundheitswesen, Bevölkerungsstrukturen, Zeitverwendung, sowie Erziehung und Bildung stellen wichtige Aspekte der sozialen Dimension dar, die modellmäßig erfasst werden können. Eine wesentliche Rolle spielt die soziale Dimension zudem, wenn es um den Wandel der Präferenzen geht, der als wesentliche Voraussetzung für einen nachhaltigen Konsum betrachtet wird. Allerdings erscheint die Abbildung der sozialen Komponenten in einem quantifizierbaren Modellrahmen immer noch deutlich schwieriger als jene der ökologischen Dimension. Ein Grund dafür liegt darin, dass viele soziale Frage- Tab. 23.8: Ausprägungen der Nachhaltigkeit Dimension Generationengerechtigkeit intragenerativ intergenerativ ökonomische Dimension Sachkapital, Anlagenkapital ökologische Dimension Naturkapital soziale Dimension Humankapital, Sozialkapital Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 731 Kapitel 23: Nachhaltige Ökonomie 731 stellungen eher qualitativ als quantitativ erfasst werden können (z. B. jene der sozialen Gerechtigkeit). Außerdem sind Kausalbeziehungen zwischen verschiedenen Komponenten „sozialer Befindlichkeit“ und jenen aus dem ökonomischen bzw. ökologischen Bereich wegen der Langfristigkeit sozialer Entwicklungen nur schwer zu belegen. Diese Probleme ändern aber nichts daran, dass die soziale Dimension stärker als bisher in umfassende gesamtgesellschaftliche Modelle zu integrieren ist. Ansonsten bleiben die Modelle unvollständig und Politikempfehlungen können zu Fehleinschätzungen führen. Entkopplung Um die Ressourcennutzung einer Volkswirtschaft nachhaltig einzudämmen, muss eine Entkopplung des Ressourcenverbrauchs vom Wirtschaftsergebnis erreicht werden. Gelingt diese Entkopplung nicht, zieht dies einen steigenden physischen Durchsatz der Ökonomie nach sich. Zu unterscheiden ist zwischen einer relativen und einer absoluten Entkopplung. Eine relative Entkopplung, die sich in einem mehr oder weniger konstanten Ressourcenverbrauch zeigt, ist von einer kontinuierlichen Steigerung der Ressourcenproduktivität (gemessen als Verhältnis des Bruttoinlandsprodukts zum Materialverbrauch) begleitet. Diese Produktivitätssteigerung muss jedoch keinen absoluten Rückgang des gesamten Materialaufwands bewirken. Der Materialverbrauch pro Einheit des BIP ist z. B. in vielen Volkswirtschaften durch Effizienzsteigerungen in der Produktion und einer Verschiebung vom Produktions- in den Dienstleistungssektor in den letzten Jahren stetig gesunken. Der absolute Ressourcenverbrauch hat jedoch zugenommen, da der Wachstumseffekt die Effizienzerhöhungen überkompensiert hat. Der entscheidende Indikator zur Beurteilung von ökologischen Fortschritten ist somit nicht die Relation von Umweltverbrauch zum BIP, sondern der tatsächliche absolute Verbrauch an Ressourcen. Um eine absolute Abkopplung von Ressourcenverbrauch und Wirtschaftswachstum zu ermöglichen, müssten die Wachstumsraten der Ressourcen- Nachhaltige Entwicklung Produktion, Konsum RessourcenverbrauchBevölkerung Gesundheit, Bildung Soziale Gerechtigkeit Regional, Global Governance Klimawandel Mobilität, Energieverbrauch Subsysteme der Modellbildung Abb. 23.7: Wechselwirkungen in Modellen zur nachhaltigen Entwicklung Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 732 Teil VI Nachhaltige Entwicklung und Makroökonomie732 produktivität rascher ansteigen als die des BIP. Notwendig erscheint dazu allerdings eine disaggregierte Betrachtung, die auch strukturelle Verflechtungen wiedergibt. Technischer Wandel Technischer Wandel ist ein Schlüsselelement, das über die ökonomischen Kosten der Anpassung in Richtung Nachhaltigkeit entscheidet. Die Verfügbarkeit bzw. die schnellere Diffusion von neuen Technologien erleichtert die Reduktion von Materialströmen und Emissionen und somit die Anpassung an veränderte Umweltbedingungen. Die Integration des technischen Wandels in makroökonomische Modelle ist jedoch bisher nur unzureichend gelungen. Soziale Wohlfahrt und Nutzenaspekte Eine umfassende Evaluierung unterschiedlicher Übergangspfade zu nachhaltigen Strukturen setzt Bewertungsmaßstäbe voraus. Dazu sind Betrachtungen von Wohlfahrtseffekten erforderlich, die über die konventionelle makroökonomische Berechnung in der VGR hinausgehen. Dazu bietet sich z. B. der ökologische Fußabdruck oder ein Indikator an, der die menschliche Entwicklung nicht nur an Einkommensgrößen festmacht (z. B. der HDI, vgl. Kapitel 25). Erfassung des Außenhandels und der Globalisierung von Wirtschaftsaktivitäten Ein großer Teil der heimischen Produktion und des Binnenkonsums kann auf der Entnahme von Ressourcen und der Produktion von Abfällen im Ausland beruhen. Auch wenn der Ressourcenverbrauch pro Einheit BIP z. B. in Deutschland sinkt, muss dies nicht automatisch zu einer Abnahme des gesamten Ressourcenkonsums führen, da hinter diesem Trend auch ein erhöhter Import von material- und energieintensiven Produkten stehen kann. Sinnvoll erscheint daher die Integration von Physical-Accounting-Konzepten, die neben dem eigentlichen Gewicht der importierten Produkte auch deren Ressourcenverbrauch im Laufe ihrer Produktion im Ausland erfassen. Ein weiterer umweltrelevanter Aspekt der stetig wachsenden Außenhandelsströme ist die dahinterliegende Neu-Organisation von Produktionsprozessen (z. B. in Form der just in time Produktion), die ein erhebliches Transportaufkommen schafft. Folgen sind gegebenenfalls externe Kosten des Verkehrs, die der Allgemeinheit angelastet werden und die soziale Wohlfahrt negativ beeinträchtigen. Szenarienanalyse und Instrumente Quantitative Modellierungen der Nachhaltigkeit sollten auf einer Szenarienanalyse aufbauen, da numerische Modelle nur einige Aspekte der Szenarien abbilden können. Andere, vor allem soziale und institutionelle Aspekte bleiben ausgeklammert, so dass durch die Simulationen eine Reihe von Fragen nicht hinreichend beantwortet werden kann. Insoweit muss die Aussagekraft der Modellsimulationen für die Szenarien als Ganzes relativiert werden. Für die Strategieentwicklung sind deswegen auch qualitativ-argumentative Szenarioüberlegungen bedeutend. Mit Hilfe unterschiedlicher Szenarien können mögliche zukünftige Entwicklungspfade abgebildet werden. Bei der Szenarienanalyse wird ein Referenz-Szenario, das eine Entwicklung ohne die zu untersuchenden Maßnahmen darstellt, mit einem oder mehreren Politik-Szenarien, die sich vom Referenzszenario durch die Einführung verschiedener Instrumente und Maßnahmen unterscheiden, verglichen. Szenarien sind jedoch keine genauen Vorhersagen, sondern stellen alternative Bilder dar, die über mögliche Zukunftsentwicklungen Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 733 Kapitel 23: Nachhaltige Ökonomie 733 Aufschluss geben können. Szenario-Analysen weisen gegenüber Prognosen somit den Vorteil auf, dass sie nicht die Unsicherheit der Zukunft ausblenden wollen. Wichtig für den Erfolg einer nachhaltigen Entwicklung ist das Zusammenspiel verschiedener Maßnahmen. Es geht um das Anstoßen eines Prozesses, der die wirtschaftliche Entwicklung in die richtige (nachhaltige) Richtung treibt. Entscheidend wird sein, dass z. B. umweltpolitische sowie sozial- und arbeitsmarktpolitische Maßnahmen einander ergänzen, um so Anstöße in Richtung einer umfassenden nachhaltigen Entwicklung zu geben. Empirische Fundierung Die Entwicklung adäquater Nachhaltigkeitsmodelle hängt entscheidend von den verfügbaren Daten ab. Bei der Prüfung der Verfügbarkeit und Eignung vorliegender ökologischer, sozialer und ökonomischer Daten zur Modellierung sind vier Bereiche genauer zu untersuchen: •• Bezüglich der Integration von Ökonomie und Ökologie ist zu klären, ob alle benötigten Umwelt- und Wirtschaftsdaten in geeigneter Klassifikation vorliegen und miteinander kompatibel sind. •• Es ist zu prüfen, inwieweit soziale Daten existieren, um die Modellierung der sozialen Nachhaltigkeit und ihrer Wechselwirkungen mit ökonomischen und ökologischen Aspekten zu ermöglichen. •• Notwendig ist eine Darstellung von Wechselwirkungen zwischen Bestands- und Stromgrößen. •• Es ist sicherzustellen, dass hinreichend lange Zeitreihen vorliegen, um dem langfristigen Charakter der Nachhaltigkeit gerecht zu werden. Schlagwörter •• makroökonomisches Nachhaltigkeitsmodell •• Szenario-Analyse 23.3 Fallbeispiele zu Kapitel 23 Lösungs- und Bearbeitungshinweise sowie alle Abbildungen dieses Kapitels finden Sie unter: www.vahlen.de Fallbeispiel 23.1: Klimawandel (0) 1) Erläutern Sie, warum der Klimaschutz zentrale Eigenschaften eines öffentlichen Gutes hat. Stellen Sie in diesem Zusammenhang das Gefangenendilemma dar. 2) Was verstehen Sie unter globalen öffentlichen Gütern? Fallbeispiel 23.2: Postulate der Nachhaltigen Ökonomie (+) Stellen Sie wichtige Postulate der nachhaltigen Ökonomie dar. Berücksichtigen dabei • die Rolle des Marktmechanismus, • die Sichtweise natürlicher Ressourcen, • die Vorstellung einer Gleichgewichtsökonomie, • ethische Zielvorstellungen, • politische Rahmenbedingungen und Akteure. Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 734 Teil VI Nachhaltige Entwicklung und Makroökonomie734 Fallbeispiel 23.3: Nachhaltige Makroökonomie (+) 1) Welche Anforderungen sind an makroökonomische Nachhaltigkeitsmodelle zu stellen? 2) Welche Bereiche sind bei der Modellierung genauer zu untersuchen? Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 735 Kapitel 24 Kapitel 24: Konkretisierung der nachhaltigen Entwicklung Umwelt Nachhaltigkeit Ökonomische Dimension Ökologische Dimension Politische Dimension Soziale Dimension § §§ § Inhaltsübersicht 24.1 Ausgestaltung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 736 24.1.1 Dimensionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 739 24.1.2 Zeitpfade. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 742 24.2 Managementregeln . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 748 24.2.1 Schwache Nachhaltigkeit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 748 24.2.2 Starke Nachhaltigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 754 24.3 Fallbeispiele zu Kapitel 24 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 756

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Zusammenfassung

Makroökonomische Ereignisse

wie die Schuldenkrise, Rezession, Arbeitslosigkeit und Inflation haben nicht nur gesamtwirtschaftliche Konsequenzen, sondern auch vielfältige Berührungspunkte zum täglichen Leben. Diese Ereignisse sind häufig komplex und für den Einzelnen nicht immer leicht zu durchschauen.

Um Studierende auf die globalen Herausforderungen von Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt vorzubereiten ist in diesem Lehrbuch explizit auch das Thema der nachhaltigen Entwicklung integriert. Außerdem werden die großen Themen der Makroökonomie teilweise gebündelt behandelt, um die vielfältigen Zusammenhänge zwischen den einzelnen Gebieten transparenter zu gestalten. Dies hat für Studierende und Lehrende u.a. den Vorteil, dass eine modulare Verwendung möglich ist. Die Schwerpunkte:

– Drei Ebenen der Makroökonomie (empirisch, theoretisch und wirtschaftspolitisch)

– Konjunktur, Gütermarkt und Finanzpolitik

– Inflation, Geldmarkt und Geldpolitik in der EWU

– Wirtschaftswachstum, Wohlstand und Beschäftigung

– Außenhandel, Devisenmarkt und offene Volkswirtschaft

– Nachhaltige Entwicklung und Makroökonomie.

Zur Neuauflage

Das Buch wurde vollständig überarbeitet und in eine modulare Struktur überführt, aber die Grundkonzeption des Buches wurde beibehalten. Das Buch ist bewusst als Lernbuch konzipiert, das sich zum Einsatz an Hochschulen und Akademien eignet. Mit der Integration von selbständig zu bearbeitenden Fallbeispielen wird u.a. das Konzept der Bachelor- und Masterstudiengänge an deutschen Hochschulen berücksichtigt, die stärker als bisher an Praxisbeispielen orientierte Lehr- und Lernformen fördern wollen.

Die Autoren

Prof. Dr. Reiner Clement, Prof. Dr. Wiltrud Terlau, Sankt Augustin/Rheinbach, und Prof. Dr. Manfred Kiy, Köln.

Angewandte Makroökonomie

für Studierende der Volks- und Betriebswirtschaftslehre an Universitäten, Fachhochschulen und Akademien.