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Kapitel 22: Wirtschaftspolitik in der offenen Volkswirtschaft in:

Reiner Clement, Wiltrud Terlau, Manfred Kiy

Angewandte Makroökonomie, page 690 - 715

Makroökonomie, Wirtschaftspolitik und nachhaltige Entwicklung mit Fallbeispielen

5. Edition 2013, ISBN print: 978-3-8006-4480-3, ISBN online: 978-3-8006-4389-9, https://doi.org/10.15358/9783800643899_690

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Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 683 Kapitel 22: Wirtschaftspolitik in der offenen Volkswirtschaft Kapitel 22 Inhaltsübersicht 22.1 Mundell-Fleming Grundmodell . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 684 22.1.1 Modellrahmen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 685 22.1.2 Feste Wechselkurse. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 691 22.1.3 Flexible Wechselkurse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 694 22.2 Feste versus flexible Wechselkurse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 698 22.3 Internationaler Konjunkturzusammenhang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 702 22.4 Fallbeispiele zu Kapitel 22 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 704 Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 684 Teil V Außenhandel, Devisenmarkt und offene Volkswirtschaft684 Lernzielorientierte Sachverhalte •• Das Mundell-Fleming-Modell ist eine Erweiterung des IS-LM-Modells und bildet Güter-, Geld- und internationalen Finanzmarkt im Zusammenhang ab. Es beschreibt eine kleine offene Volkswirtschaft, die mit anderen Ländern durch Handel und grenzüberschreitende Kapitalströme verbunden ist. Das Modell zeigt, welche Politikoptionen bestehen und wie das Land auf innere und äußere Schocks reagiert. •• Der Fall eines kleinen Landes liegt vor, wenn seine makroökonomischen Daten keinen Einfluss auf die Weltwirtschaft haben. Umgekehrt wird dieses Land von den weltwirtschaftlichen Daten beeinflusst. Eine große Volkswirtschaft kann durch politische Maßnahmen selbst wichtige makroökonomische Größen (z. B. den Weltmarktzins) verändern. •• Eine Volkswirtschaft, die dem Ziel einer unabhängigen Geldpolitik großes Gewicht beimisst, wird sich für ein flexibles Wechselkurssystem aussprechen. Expansive finanzpolitische Maßnahmen sind in diesem System weitgehend unwirksam. •• Ein Regime fester Wechselkurse führt dazu, dass sich eine expansive Finanzpolitik besser durchsetzen kann. Hingegen laufen expansive geldpolitische Maßnahmen ins Leere und Schocks auf den internationalen Finanzmärkten schlagen voll auf die inländische Konjunktur durch. •• Von den drei (außen-)wirtschaftlichen Zielen autonome Geldpolitik, flexible Wechselkurse und freier Kapitalverkehr können immer nur zwei Ziele erreicht werden. •• Jedes Wechselkurssystem hat Vor- und Nachteile. Welches Wechselkursregime vorzuziehen ist, hängt wesentlich von den wirtschaftlichen Gegebenheiten und wirtschaftspolitischen Präferenzen der jeweiligen Länder ab. •• Direktinvestitionen global operierender Unternehmen, internationale Finanzmärkte und Zukunftserwartungen von Investoren und Verbrauchern lassen neue Wege der internationalen Konjunkturübertragung entstehen. 22.1 Mundell-Fleming Grundmodell In der Makroökonomie hat der Begriff Offenheit verschiedene Dimensionen: •• Offene Gütermärkte: Sie ermöglichen den Konsumenten und Unternehmen die Wahl zwischen in- und ausländischen Märkten. Zölle und nicht-tarifäre Handelshemmnisse können diese Wahlmöglichkeiten einschränken. •• Offene Finanzmärkte: Sie ermöglichen den Anlegern die Wahl zwischen in- und ausländischen Finanzanlagen. Kapitalkontrollen können diese Wahlmöglichkeit behindern. •• Offene Faktormärkte: Sie ermöglichen den Unternehmen zu entscheiden, wo sie produzieren wollen, und den Arbeitnehmern zu entscheiden, wo sie arbeiten möchten. Einwanderungsbeschränkungen oder staatliche Eingriffe können die Öffnung der Faktormärkte reduzieren. Als Grundgerüst der Makroökonomik offener Volkswirtschaften gilt das Mundell- Fleming-Modell. 1999 wurde Robert A. Mundell u. a. auch aufgrund dieses Ansatzes der Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften verliehen. Das Modell findet sich in vielen makroökonomischen Lehrbüchern unter der Bezeichnung als IS-LM-Modell für die offene Volkswirtschaft. Es beschreibt eine kleine Volkswirtschaft, die mit anderen Ländern durch Handel und grenzüberschreitende Kapitalströme verbunden ist. Das Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 685 Kapitel 22: Wirtschaftspolitik in der offenen Volkswirtschaft 685 Modell zeigt, welche Politikoptionen bestehen und wie das Land auf innere und äußere Schocks reagiert. Von besonderer Bedeutung sind hier u. a. die Auswirkungen von Währungstrends (Abb. 22.1). Kleine Volkswirtschaft bedeutet, dass die makroökonomischen Daten dieses Landes keine Auswirkungen auf die Weltwirtschaft haben. 22.1.1 Modellrahmen Das Mundell-Fleming-Modell lässt sich in verschiedenen Varianten formulieren (Abb. 22.2). Wir betrachten nachfolgend nur die Situationen, in denen vollständige Kapitalmobilität vorliegt. Diese Annahme wird dem Sachverhalt globalisierter Kapitalmärkte am ehesten gerecht. Darüber hinaus verzichten wir im Fall fester Wechselkurse auf die Einbeziehung der Neutralisierungspolitik. Das kurzfristige Mundell-Fleming-Modell ist eine Erweiterung des IS-LM-Modells und steht in einer keynesianischen Tradition. Es unterliegt damit bestimmten vereinfachenden Annahmen: •• Das inländische Preisniveau ist, wie im Rahmen des IS-LM-Modells üblich, konstant. Da es keine Inflation gibt, entsprechen sich nominale und reale Zinssätze. •• Nicht nur das inländische, sondern auch das ausländische Preisniveau ist gegeben. Damit sind auch der nominale und der reale Wechselkurs identisch. Darüber hinaus ist der Arbeitsmarkt nicht in das Modell integriert. Diese Schwächen wurden in späteren Arbeiten beseitigt. Sie zeigen, dass graduelle Preisanpassungen und rationale Erwartungsbildung auf Finanzmärkten in die Analyse einbezogen werden können, ohne dass die grundlegenden Ergebnisse dadurch beeinflusst werden. Die Auswirkungen des Währungstrends 1) wirtschaftspolitische Primärziele starker € (Aufwertung) schwacher € (Abwertung) Preisniveaustabilität €-Importpreise sinken, also geringere Inflationsgefahren (positiv) €-Importpreise steigen, also höhere Inflationsgefahren (negativ) Wachstum, Beschäftigung Exportmengen sinken, somit Wachstumsbremse, Abbau von Beschäftigung (negativ) Exportmengen steigen, somit Wachstumsbeitrag, Aufbau von Beschäftigung (positiv) außenwirtschaftliches Gleichgewicht Importausgaben steigen, Exporterlöse sinken, also verschlechtert sich die Leistungsbilanz (negativ) Importausgaben sinken, Exporterlöse steigen, also verbessert sich die Leistungsbilanz (positiv) 1) aus Vereinfachungsgründen: nominale und reale Wechselkurse entsprechen sich, d.h. identische Inflationsraten zwischen In- und Ausland; normale Reaktion der Auslandsnachfrage Abb. 22.1: Währungstrends und wirtschaftspolitische Primärziele Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 686 Teil V Außenhandel, Devisenmarkt und offene Volkswirtschaft686 Gütermarktgleichgewicht (IS-Kurve) Ausgangspunkt der Betrachtung ist die Verwendungsgleichung des BIP (Y): (1) Y = C + I + G + Ex – Im = C + I + G + NX Wir kennen bereits die Einflussfaktoren der inländischen Verwendungskomponenten: •• Der private Konsum hängt positiv vom verfügbaren Einkommen (Yv) ab. •• Die Investitionen hängen negativ vom Zins (i) und positiv von der (erwarteten) Produktion (Y) ab. •• Die Staatsausgaben sind exogen gegeben. In einer offenen Volkswirtschaft müssen die Bestimmungsgrößen des Außenbeitrages bzw. der Nettoexporte berücksichtigt werden. Betrachten wir zunächst die Importe. Ein Teil der Inlandsausgaben entfällt auf Importe. Zwischen inländischer Produktion und Importnachfrage besteht ein positiver Zusammenhang. Bei normalen Elastizitäten führt die Abwertung der heimischen Währung zu einem Rückgang der inländischen Importnachfrage: (2) Im = Im(Y, w) Da unsere Exporte den Importen der restlichen Welt entsprechen, gelten für die inländischen Exporte die gleichen Zusammenhänge, nur aus der Perspektive des Auslandes. Die inländischen Exporte hängen positiv von der ausländischen Produktion (Y*) ab und entwickeln sich im Fall einer Abwertung der heimischen Währung bei normalen Elastizitäten positiv: (3) Ex = Ex(Y*,w) Wir können nun die Gleichgewichtsbedingung für den Gütermarkt wie folgt formulieren: (4) Y = C(Yv) + I(Y,i) + Gaut + NX(Y,Y*,w) Die IS-Funktionen von offenen und geschlossenen Volkswirtschaften sind vom Verlauf ähnlich (Abb. 22.3). In der offenen Volkswirtschaft besteht aber noch ein weiterer feste Wechselkurse flexible Wechselkurse mobiles Kapital immobiles Kapital mobiles Kapital immobiles Kapital Geldpolitik Finanzpolitik Geldpolitik Finanzpolitik Finanzpolitik Geldpolitik Finanzpolitik GeldpolitikMundell, Robert A. 1932 (Kanada) © Nobel Foundation Varianten einer offenen Volkswirtschaft Abb. 22.2: Varianten des Mundell-Fleming-Modells Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 687 Kapitel 22: Wirtschaftspolitik in der offenen Volkswirtschaft 687 Zusammenhang. Der Zinssatz beeinflusst die Produktion nicht nur direkt über den Zinskanal, sondern auch über den Wechselkurskanal. •• Zinskanal: Ein geringerer Zins führt zu einem Anstieg der Investitionen. Dieser Kanal existiert auch in der geschlossenen Volkswirtschaft. •• Wechselkurskanal: Ein im Vergleich zum Ausland geringerer Zins führt zu steigender Nachfrage nach ausländischen Anlagen verbunden mit einer steigenden Devisennachfrage. Diese kann zu einer Abwertung der inländischen Währung und bei einer normalen Reaktion der Handelsbilanz zu höheren Nettoexporten führen. Beide Effekte wirken in die gleiche Richtung, so dass die IS-Funktion einen positiven Verlauf annimmt. Der negative Zusammenhang zwischen dem inländischen Zins und dem Wechselkurs lässt sich aus der Bedingung der Zinsparität ableiten (vgl. Kap. 21): (5) iInland = iAusland – (we – w)/w Wir wollen aus Vereinfachungsgründen unterstellen, dass der erwartete Wechselkurs bei einer Veränderung des Zinssatzes unverändert bleibt (statische Erwartungen). Bei Gültigkeit dieser Annahme führt ein niedriger inländischer Zins zu einer Abwertung. Ein hoher inländischer Zins führt hingegen zu einer Aufwertung. Die IS-Funktion verschiebt sich, wenn sich die exogenen Variablen verändern. Betrachten wir dazu einige Beispiele für eine Rechtsverschiebung der IS-Funktion: Variable Bestimmungsgröße (Beispiel) Private Konsumausgaben (+) verfügbares Einkommen steigt, Aktienvermögen nimmt zu Staatsausgaben (+) expansive Finanzpolitik Investitionsausgaben (+) positive Zukunftserwartungen Nettoexporte (+) Konjunkturaufschwung bei wichtigen Handelspartnern, Abwertung der heimischen Währung i Y iInland w Zinsparitätenbeziehung Aufwertung der Inlandswährung Abwertung der Inlandswährung IS-Funktion IS-Funktion in einer offenen Volkswirtschaft 1 2 1 2 Ein sinkender inländischer Zins führt zu einer Abwertung der Inlandswährung. Abb. 22.3: IS-Funktion in der offenen Volkswirtschaft Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 688 Teil V Außenhandel, Devisenmarkt und offene Volkswirtschaft688 Geldmarkt Die zweite Verbindung zwischen dem Inland und der übrigen Welt verläuft über internationale Kapitalbewegungen und betrifft den Geldmarkt. Die LM-Funktionen einer offenen Volkswirtschaft (Abb. 22.4) und einer geschlossenen Volkswirtschaft sind vom Verlauf ebenfalls ähnlich. Sie sind positiv geneigt. Ein Anstieg des Einkommens (Y) lässt die Nachfrage nach Geld steigen, so dass ein Anstieg des Zinssatzes notwendig wird, um ein Geldmarktgleichgewicht bei gegebener realer Geldmenge (M/P) realisieren zu können. Bei gegebenem Auslandszins würden inländische Kapitalanlagen attraktiver, so dass sich die Inlandswährung aufwertet. Die LM-Kurve verschiebt sich nach rechts, wenn die reale Geldmenge (M/P) zunimmt. Da wir von einem konstanten Preisniveau ausgehen ist jede Zunahme der realen Geldmenge identisch mit einer Zunahme der nominalen Geldmenge. Wie im IS-LM-Modell steigt die Geldnachfrage also mit zunehmendem Inlandsprodukt und sinkt mit steigendem Inlandszins. Die inländische Geldmenge M kann in der offenen Volkswirtschaft in die heimische Komponente MI und die ausländische Komponente MA zerlegt werden. Die inländische Komponente kann durch die Geldpolitik der Zentralbank unmittelbar beeinflusst werden. Die ausländische Komponente MA ergibt sich als Liquiditätszufluss oder -abfluss, wenn die Notenbank Devisen kauft oder verkauft. Dies ist in einem System fester Wechselkurse der Fall. Hier ist die Notenbank verpflichtet, den Wechselkurs zu stützen. Die Bilanz der Notenbank ist vereinfacht wie folgt gekennzeichnet: Aktiva Passiva Wertpapiere (B) Geldbasis (Bm) Währungsreserven (R) Wenn die Notenbank Währungsreserven gegen heimische Währung verkauft (∆R < 0), sinkt die Geldbasis (DBm < 0). Die LM-Kurve verschiebt sich nach links. Umgekehrt führt ein Kauf von Währungsreserven zu einer steigenden Geldmenge. Es kommt zu einer Rechtsverlagerung der LM-Kurve. Zinsniveau, Internationale Kapitalmobilität Im Fall einer kleinen Volkswirtschaft unterstellen wir, dass die Ökonomie nur einen kleinen Teil der Weltwirtschaft ausmacht und keinen Einfluss auf das ausländische Zinsniveau (bzw. den Weltmarktzins) hat. Der Weltmarktzins wird bestimmt durch die Weltersparnis und die Höhe der globalen Investitionen. Ferner unterstellen wir den Fall einer vollkommenen Kapitalmobilität. Dies bedeutet, dass ein Land freien Zugang zu den Weltfinanzmärkten hat und die Regierung die internationalen Kapitalströme nicht behindert. Aufgrund dieser Annahme muss der Zinssatz einer kleinen Volkswirtschaft mit dem Zinssatz auf den Weltkapitalmärkten übereinstimmen: iInland = iAusland. Diese Volkswirtschaft würde sich nicht zu einem Zinssatz verschulden, der höher ist als der Weltmarktzins, weil sie jederzeit zu diesem Niveau einen Kredit in der übrigen Welt aufnehmen könnte. Umgekehrt würde diese Volkswirtschaft keinen Kredit unterhalb dieses Niveaus vergeben, weil sie jederzeit durch Kreditvergabe an die übrige Welt einen Zinssatz in Höhe des Weltmarktzinssatzes erzielen kann. Dieser Sachverhalt wird im Modell durch eine horizontale Linie der Finanzmarktintegration symbolisiert. Sie wird auch als ZZ-Kurve bezeichnet. Der horizontale Verlauf der Linie der Finanzmarktintegration besagt, dass sich die Erträge für Finanzanlagen mit ähnlichen Eigenschaften weltweit annähern. Sie stellt das externe Gleichgewicht dar, da sie alle Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 689 Kapitel 22: Wirtschaftspolitik in der offenen Volkswirtschaft 689 Kombinationen von Zins und Einkommen symbolisiert, die mit einer ausgeglichenen Devisenbilanz vereinbar sind. Punkte unterhalb der Linie symbolisieren ein Devisenbilanzdefizit, Punkte oberhalb einen Devisenbilanzüberschuss (Abb. 22.5). i Y iInland w Zinsparitätenbeziehung Aufwertung der Inlandswährung Abwertung der Inlandswährung LM-Funktion LM-Funktion in einer offenen Volkswirtschaft 1 2 1 2 Ein steigender inländischer Zins führt zu einer Aufwertung der Inlandswährung. Abb. 22.4: LM-Funktion in der offenen Volkswirtschaft Linie der Finanzmarktintegration iInland Y Devisenbilanz- überschuss Devisenbilanzdefizit Zinssätze Kapitalbilanz Devisenbilanz iInland > i* Kapitalzufluss, hohes Angebot an Devisen bei festen Wechselkursen: Aufkauf von Devisen gegen Verkauf der eigenen Währung bei flexiblen Wechselkursen: Aufwertung der Inlandswährung iInland < i* Kapitalabfluss, hohe Nachfrage nach Devisen bei festen Wechselkursen: Verkauf von Devisen gegen Aufkauf der eigenen Währung bei flexiblen Wechselkursen: Abwertung der Inlandswährung Zinssätze, Kapital- und Devisenbilanz i* Abb. 22.5: Externes Gleichgewicht im Mundell-Fleming-Modell Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 690 Teil V Außenhandel, Devisenmarkt und offene Volkswirtschaft690 Fassen wir den Modellrahmen zusammen (Abb. 22.6): Markt Gütermarkt IS Y C (Yv) + I (Y,i) + Gaut + NX (Y,Y*,w) Geldmarkt LM M/P L (i,Y) Internationaler Finanzmarkt iInland = iAusland Wenn wir eine große offene Volkswirtschaft darstellen (z. B. USA), müssen wir den Modellrahmen verändern. Wir müssen vor allem die Annahme aufheben, dass der Weltmarktzins gegeben ist. Je mehr Ersparnisse eine große Volkswirtschaft dem Ausland zur Verfügung stellt, umso größer ist das Kreditangebot in der Weltwirtschaft, und umso niedriger werden die internationalen Zinssätze sein. Je mehr Kredite eine große Volkswirtschaft im Ausland aufnimmt, umso höher sind die Weltzinssätze. Im Kern führen die Modelle für kleine und große offene Volkswirtschaften jedoch zu ähnlichen ökonomischen Ergebnissen, so dass für viele Fragestellungen das Modell der kleinen Volkswirtschaft verwendet werden kann. Wir wollen unseren Modellrahmen anwenden, um zu analysieren, wie das Bruttoinlandsprodukt (BIP) und der Zins auf exogene Störungen reagieren. Gleichzeitig wird deutlich, welchen Einfluss unterschiedliche Wechselkurssysteme auf die Ergebnisse haben. Wir wählen folgendes Zahlenbeispiel (Abb. 22.7): Realer Sektor Monetärer Sektor Y = 5.000 M/P = 2.000 C = 350 + 0,75 × (Y – T) – 2.000 × i LT = 0,2 × Y I = 1.000 – 5.000 × i LS = 1.500 – 10.000 × i G = 1.000, T = 1.000 iInland = iWeltmarkt = 0,05 (5 %) NX = Ex – Im = 500 – 500 w im Fall der Preisnotierung gilt: (500 – 500/w) i Y iInland w Zinsparität iInland = iAusland Aufwertung der Inlandswährung Abwertung der Inlandswährung LM-Funktion IS-Funktion Linie der Finanzmarktintegration Güter-, Geld- und Finanzmarkt einer offenen Volkswirtschaft Ein steigender inländischer Zins führt zu einer Aufwertung der Inlandswährung und vice versa. Abb. 22.6: Mundell-Fleming-Modell Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 691 Kapitel 22: Wirtschaftspolitik in der offenen Volkswirtschaft 691 Wir können somit folgende Ausgangswerte unserer Volkswirtschaft ermitteln: (1) C = 350 + 0,75 × (5.000 – 1.000) – 2.000 × 0,05 = 3.250 (2) Sprivat = –350 + 0,25 × (5.000 – 1.000) + 2.000 × 0,05 = 750 (3) SStaat = (1.000 – 1.000) = 0 Die ex-post Identität von I und S gilt auch in einer offenen Volkswirtschaft: (4) Sprivat + SStaat = I + NX (5) 750 + 0 = 1.000 – 5.000 × 0,05 + (500 – 500 × w) Damit muss NX Null betragen und es gilt: (6) 0 = 500 – 500 × w Der Wechselkurs beträgt also 1. Schlagwörter •• Mundell-Fleming-Modell •• Güter-, Geld-, Finanzmarkt •• Zinseffekt •• Wechselkurseffekt 22.1.2 Feste Wechselkurse Wir beginnen mit der Analyse eines expansiven Geldangebotsschocks. Es kommt zu einer Ausweitung des Geldangebots und zu einer Rechtsverlagerung der LM-Funktion. In einer geschlossenen Volkswirtschaft führt die Expansion des Geldangebots zu einer Zinssenkung und zu einer Steigerung der Produktion. Betrachten wir ausgehend von unserem Zahlenbeispiel die Erhöhung der Geldmenge um 10 %, d. h. von 2.000 auf 2.200. In diesem Fall würde der Zins von 5 % auf 3 % sinken: (1) 2.200 = 0,2 × 5.000 + 1.500 – 10.000 × i (2) 300 = 10.000 × i (3) i = 0,03 (3 %) i Y iInland w 5 Zinsparität iInland = iAusland 1 Aufwertung der Inlandswährung Abwertung der Inlandswährung LM-Funktion IS-Funktion Linie der Finanzmarktintegration Güter-, Geld- und Finanzmarkt einer offenen Volkswirtschaft Zahlenbeispiel 5% 5.000 Abb. 22.7: Mundell-Fleming-Modell (Zahlenbeispiel) Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 692 Teil V Außenhandel, Devisenmarkt und offene Volkswirtschaft692 Sie sehen, dass sich im Modell eine Abwertung des Euro ergeben würde (Abb. 22.8). In einem Modell fester Wechselkurse mit vollständiger Kapitalmobilität können sich weder der Wechselkurs noch der Weltmarktzins verändern. Die Notenbank muss intervenieren, indem sie Devisen verkauft und heimische Währung aufkauft. Die Notenbank verliert also netto Devisenreserven. Auf diese Weise wird die ursprüngliche monetäre Expansion kompensiert. Der Prozess ist beendet, wenn sich die LM-Kurve wieder in ihre ursprüngliche Situation zurückverschoben hat (Abb. 22.9). Das Geldangebot und die aggregierte Nachfrage ändern sich nicht. Bei festen Wechselkursen und hoher Kapitalmobilität ist die Notenbank außerstande, die im Umlauf befindliche Geldmenge autonom zu bestimmen. Die Geldpolitik ist also im Fall fester Wechselkurse (fast) wirkungslos. Dies gilt aber nicht ganz: zwar sind Zinsen und Geldmenge unverändert geblieben, die Notenbank hat jedoch Währungsreserven verloren. Die Notenbank könnte versuchen, die ursprüngliche Ausweitung der Geldmenge beizubehalten, indem sie den Devisenverkauf z. B. durch zusätzliche Kreditvergabe neutralisiert (Neutralisierungspolitik oder Sterilisierungspolitik). Dieser Prozess lässt sich jedoch nicht dauerhaft fortsetzen, da er aus Sicht der Notenbank zu einem Liquiditätsproblem führt, d. h. die Devisenreserven sich im Zeitablauf erschöpfen. Die Linie der Finanzmarktintegration symbolisiert den Sachverhalt, dass die Zentralbank im Fall eines kleinen Landes akzeptieren muss, den heimischen Zinssatz nicht verändern zu können. Betrachten wir nun den Fall eines expansiven Nachfrageschocks. Wir unterstellen ausgehend von unseren Ausgangsdaten einen Anstieg Staatsausgaben von 1.000 auf 1.250. Wir wissen, dass sich in diesem Fall die IS-Kurve nach rechts verlagert. In einer geschlossenen Volkswirtschaft führt dies bei gegebener Geldmenge zu einer Erhöhung des Zinssatzes, der die Investitionen nachteilig beeinflusst (crowding-out, Kap. 3). In Zahlen (Abb. 22.10): i Y iInland w Zinsparität Aufwertung der Inlandswährung Abwertung der Inlandswährung LM-Funktion IS-Funktion Linie der Finanzmarktintegration 1 2 Geldangebotsschock: Expansive Geldpolitik 3% 5% Abb. 22.8: Geldangebotsschock im Mundell-Fleming-Modell Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 693 Kapitel 22: Wirtschaftspolitik in der offenen Volkswirtschaft 693 (1) Y = 350 + 0,75 × (Y – 1.000) – 2.000 × 0,05 + (1.000 – 5.000 × 0,05) + 1.250 (2) Y = 350 + 0,75 × Y – 750 – 100 + 750 + 1.250 (3) Y = 6.000 Bei unveränderter Geldmenge gilt: (4) 2.000 = 0,2 × 6.000 + 1.500 – 10.000 × i (5) 10.000 × i = 700 (6) i = 0,07 (7 %) Sie sehen, dass sich die inländische Währung aufwerten müsste. Weder eine Änderung des Wechselkurses noch eine dauerhafte Abweichung des inländischen Zinsniveaus vom Weltmarktzins sind jedoch möglich. Bedingt durch den Aufwertungsdruck muss die Notenbank intervenieren und Devisen gegen inländische Währung ankaufen. Die LM-Kurve wird sich nach rechts verlagern (Punkt 2, Abb. 22.11) Eine expansive Fiskalpolitik ist also in der Stimulierung der inländischen Nachfrage wirkungsvoll, da es zu keinem zinsbedingten crowding out kommt. Die gleiche Argumentation können wir auch bei anderen expansiven Nachfrageschocks führen (z. B. Steuersenkungen, Zunahme der Exporte). Beachten Sie aber, dass wir unterstellen, dass die Fiskalpolitik keinen Einfluss auf die Weltmarktzinssätze hat (kleines Land). Im Fall eines großen Landes müssen wir diese Annahme aufgeben. Schlagwörter •• feste Wechselkurse und Geldangebotsschocks •• feste Wechselkurse und Nachfrageschocks •• crowding out i Y iInland w Zinsparität iInland = iAusland Aufwertung der Inlandswährung Abwertung der Inlandswährung LM-Funktion IS-Funktion Linie der Finanzmarktintegration 2 3% 5% 5 1 Wirkungslose Geldpolitik : Die Notenbank muss den Wechselkurs verteidigen. Eine unabhängige Geldpolitik ist nicht möglich (endogenes Geldangebot). Der Weltmarktzins bestimmt den Inlandszins 1 Abb. 22.9: Geldpolitik und feste Wechselkurse Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 694 Teil V Außenhandel, Devisenmarkt und offene Volkswirtschaft694 22.1.3 Flexible Wechselkurse Wir wollen nun die Auswirkungen von Schocks in einem System flexibler Wechselkurse betrachten und beginnen mit dem Fall eines expansiven Geldangebotsschocks. Wir hatten dazu eine Erhöhung der Geldmenge um 10 %, d. h. von 2.000 auf 2.200 betrachtet. In diesem Fall würde der Zins bekanntermaßen von 5 % auf 3 % sinken: (1) 2.200 = 0,2 × 5.000 + 1.500 – 10.000 × i i Y iInland w Zinsparität Aufwertung der Inlandswährung Abwertung der Inlandswährung LM-Funktion IS-Funktion Linie der Finanzmarktintegration 2 Nachfrageschock: Expansive Fiskalpolitik 5% 7% 5.000 6.000 1 Abb. 22.10: Nachfrageschock (Fiskalpolitik) im Mundell-Fleming-Modell i Y iInland w Zinsparität iInland = iAusland Aufwertung der Inlandswährung Abwertung der Inlandswährung LM-Funktion IS-Funktion Linie der Finanzmarktintegration 1 5% 7% 5.000 6.000 1 2 Die Fiskalpolitik ist wirkungsvoll: Eine expansive Fiskalpolitik wird durch eine monetäre Reaktion unterstützt, die den Wechselkurs verteidigt. 5 Abb. 22.11: Fiskalpolitik und feste Wechselkurse Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 695 Kapitel 22: Wirtschaftspolitik in der offenen Volkswirtschaft 695 (2) 300 = 10.000 × i (3) i = 0,03 (3 %) Die LM-Kurve verschiebt sich nach rechts unten (Abb. 22.12). Der inländische Zins wird sich aber auch hier dauerhaft nicht verändern können, da er vom Weltmarktzins dominiert wird. Um ein neues Gleichgewicht auf dem Geldmarkt herzustellen, muss die einkommensabhängige Geldnachfrage zunehmen: (4) 2.200 = 0,2 × Y + 1.500 – 10.000 × 0,05 (5) Y = 6.000 Wir müssen nun die ex-post Identität herstellen. Es gilt: (7) Sprivat + SStaat = I + NX und somit (7) 1.000 + 0 = 750 + (500 – 500 × w) (8) w = 0,5 Die Inlandswährung hat sich gegenüber der Ausgangssituation (w = 1) abgewertet. Die im Vergleich zu den Auslandszinsen niedrigeren Inlandszinsen führen zu einem Kapitalabfluss, der den Abwertungseffekt auf die heimische Währung unterstützt. Insgesamt führt die Abwertung der Inlandswährung zu einer Verbesserung der Handelsbilanz, die die IS-Kurve nach rechts oben verschiebt. Ein neues Gleichgewicht wird im Schnittpunkt der drei Geraden erreicht (Punkt 2 in Abb. 22.12). In einer offenen Volkswirtschaft mit flexiblen Wechselkursen und hoher Kapitalmobilität wirkt die Geldpolitik also über den Zinssatz auf den Wechselkurs und ist somit in der Lage, erwünschte Produktionseffekte zu realisieren. Da die Nachfrage infolge einer expansiven Geldpolitik allerdings zu Lasten ausländischer Produzenten in das Inland gelenkt wird, wird von einer beggar-my-neighbour-Politik gesprochen. i Y iInland w Zinsparität iInland = iAusland Aufwertung der Inlandswährung Abwertung der Inlandswährung LM-Funktion IS-Funktion Linie der Finanzmarktintegration 3% 5% 5 1 Die Geldpolitik ist wirkungsvoll: Eine expansive Geldpolitik wird durch eine Abwertung der heimischen Währung unterstützt. 2 0,5 1 Abb. 22.12: Geldpolitik und flexible Wechselkurse Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 696 Teil V Außenhandel, Devisenmarkt und offene Volkswirtschaft696 Betrachten wir nun den Fall eines expansiven Nachfrageschocks. Wir haben dazu ausgehend von unseren Ausgangsdaten einen Anstieg Staatsausgaben von 1.000 auf 1.250 unterstellt, der die IS-Kurve nach rechts verschiebt (Abb. 22.13). (1) Y = 350 + 0,75 × (Y – 1.000) – 2.000 × 0,05 + (1.000 – 5.000 × 0,05) + 1.250 (2) Y = 350 + 0,75 × Y – 750 – 100 + 750 + 1.250 (3) Y = 6.000 Bei unveränderter Geldmenge: (4) 2.000 = 0,2 × 6.000 + 1.500 – 10.000 × i (5) 10.000 × i = 700 (6) i = 0.07 (7 %) Im Schnittpunkt der neuen IS-Kurve und der LM-Kurve sind die inländischen Zinsen höher als die Weltmarktzinsen. Dieser Effekt kann aufgrund der hohen Kapitalmobilität jedoch dauerhaft nicht aufrechterhalten werden. Für die ex-post Identität gilt: (7) Sprivat + SStaat = I + NX (8) 750 + (–250) = 750 + (500 – 500 × w) (9) w = 1,5 Die inländische Währung wertet also auf. Auch der temporäre Kapitalzufluss verstärkt diesen Effekt. Eine Aufwertung der Inlandswährung führt zu einer Verringerung der Nettoexporte und verlagert die IS-Kurve zurück. Ein neues Gleichgewicht ist erreicht, wenn sich die expansive Nachfragewirkung der gestiegenen Staatsausgaben und der wechselkursbedingte Rückgang der Nettoexporte ausgleichen. Während Verdrängungseffekte der Fiskalpolitik in einer geschlossenen Volkswirtschaft die Investitionen betreffen, sind es in einer offenen Volkswirtschaft die Nettoexporte. Eine expansive Fiskalpolitik ist damit wirkungslos. i Y iInland w Zinsparität iInland = iAusland Aufwertung der Inlandswährung Abwertung der Inlandswährung LM-Funktion IS-Funktion Linie der Finanzmarktintegration 2 1 5% 7% 5.000 6.000 Die Fiskalpolitik ist wirkungslos: Eine expansive Fiskalpolitik wird durch eine Aufwertung der heimischen Währung und eine Verschlechterung der Handelsbilanz unterlaufen. 1 5 1,5 Abb. 22.13: Fiskalpolitik und flexible Wechselkurse Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 697 Kapitel 22: Wirtschaftspolitik in der offenen Volkswirtschaft 697 Schocks auf internationalen Finanzmärkten Im Zeitalter der Globalisierung verlaufen die Übertragungswege von Schocks häufig über die internationalen Finanzmärkte. Betrachten wir als Beispiel einen Anstieg der Erträge von Finanzanlagen auf den ausländischen Kapitalmärkten von 5 % auf 10 %. Dadurch verschiebt sich die Linie der Finanzmarktintegration nach oben (Abb. 22.14). Da der Zins im Inland unterhalb des ausländischen Niveaus liegt, kommt es zu Kapitalabflüssen. Ist der Wechselkurs fest, muss die Notenbank intervenieren, um eine Abwertung der heimischen Währung zu verhindern. Der Aufkauf heimischer Währung reduziert die Geldmenge und die LM-Funktion verschiebt sich nach links. Der damit verbundene Anstieg der Zinsen kann im Inland einen Nachfragerückgang und sogar eine Rezession hervorrufen. Bei festen Wechselkursen übertragen sich Zinsänderungen auf den internationalen Kapitalmärkten also direkt in das Inland. Bei flexiblen Wechselkursen kommt es hingegen zu einer Abwertung der heimischen Währung. Die Nettoexporte steigen, die IS-Kurve verschiebt sich nach rechts und das neue Gleichgewicht stellt sich in Punkt 2 ein. Betrachten wir dazu unser Zahlenbeispiel. Durch den Anstieg des Weltmarktzinssatzes, der auch den Inlandszins erhöht, steigen die inländischen Ersparnisse: (1) Sprivat = – 350 + 0,25 × (5.000 – 1.000) + 20 × 0,10 = 850 Beachten Sie, dass jetzt die Investitionen zurückgehen, da der Inlandszins sich dem Weltmarktzins annähern muss: (2) I = 1.000 – 5.000 × 0,10 = 500 Somit gilt: (3) Sprivat + SStaat = I + NX (4) 850 + 0 = 500 + (500 – 500 × w) (5) w = 0,3 Die Gesamtwirkung auf das BIP ist abhängig vom Verhältnis der Effekte. In unserem Beispiel kommt es zu einem Anstieg des BIP. i Y iInland w Zinsparität iInland = iAusland Aufwertung der Inlandswährung Abwertung der Inlandswährung LM-Funktion IS-Funktion Linie der Finanzmarktintegration 1 2 Schocks auf internationalen Finanzmärkten: Verlagerung der Linie der Finanzmarktintegration 1 Bei festen Wechselkursen 2 Bei flexiblen Wechselkursen Neue Gleichgewichte: 10% 5% 0,3 10 1 Abb. 22.14: Schock auf internationalen Finanzmärkten Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 698 Teil V Außenhandel, Devisenmarkt und offene Volkswirtschaft698 Schlagwörter •• flexible Wechselkurse und Geldangebots-, Nachfrageschocks •• Schocks auf internationalen Finanzmärkten 22.2 Feste versus flexible Wechselkurse In der makroökonomischen Literatur hat die „optimale“ Wahl des Wechselkursregimes erhebliche Bedeutung. Die Frage, wann flexible und wann fixe Wechselkurse vorzuziehen sind, wird von Ökonomen unterschiedlich beantwortet. Wechselkursregimes und makroökonomische Schocks Wir haben bereits erkannt, dass es je nach Wechselkursregime im Fall von Schocks zu unterschiedlichen Ergebnissen auf zentrale makroökonomische Ergebnisse kommt (Tab.  22.1). Je nach Gewichtung der Ziele werden sich die politischen Entscheidungsträger anders entscheiden. Eine Volkswirtschaft, die dem Ziel einer unabhängigen Geldpolitik großes Gewicht beimisst, wird sich für ein flexibles Wechselkurssystem aussprechen. Zudem wird die Volkswirtschaft gegenüber Nachfrageschocks aus dem In- und Ausland abgeschirmt. Expansive finanzpolitische Maßnahmen sind hingegen in diesem System unwirksam, da die Handelsbilanz den positiven Effekt auf die inländische Nachfrage kompensiert. Ein Regime fester Wechselkurse führt dazu, dass sich positive Nachfrageschocks stärker durchsetzen. Hingegen laufen expansive geldpolitische Maßnahmen ins Leere und Schocks auf den internationalen Finanzmärkten schlagen voll auf die inländische Konjunktur durch. Allerdings bleibt zu berücksichtigen, dass wir die einzelnen Politikmaßnahmen bisher isoliert betrachtet haben. In der Praxis lassen sich z. B. geld- und finanzpolitische Maßnahmen kombinieren (policy-mix), so dass sich einzelne Effekte aufheben. Magisches Dreieck der Außenwirtschaftspolitik Mit ihrer Währungspolitik verfolgen die meisten Länder drei zentrale Ziele: (1) eine eigenständige Geldpolitik, (2) einen stabilen Wechselkurs und (3) freie Kapitalbewegungen. Die These des Politik-Trilemma (impossible trinity) von Robert Mundell besagt, dass diese drei Ziele nicht unabhängig voneinander sind, sondern dass gewisse Interaktionen Tab. 22.1: Wirkungen unterschiedlicher Politikoptionen im Mundell-Fleming-Modell Wechselkursregime flexibel fest BIP Wechselkurs Nettoexporte BIP Wechselkurs Nettoexporte expansive Geldpolitik steigt Abwertung steigen kein Effekt konstant konstant expansive Finanzpolitik kein Effekt Aufwertung sinken steigt konstant konstant Weltmarktzins steigt steigt Abwertung steigen sinkt konstant konstant Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 699 Kapitel 22: Wirtschaftspolitik in der offenen Volkswirtschaft 699 bestehen und nur jeweils zwei Ziele gleichzeitig erreichbar sind (Abb. 22.15). Länder können unterschiedlich mit diesem Sachverhalt umgehen: a) Zu erkennen ist, dass sich die USA für die Ziele (1) und (3) entschieden haben. Eine Folge dieser Wahl ist die Volatilität des US-$ an den Devisenmärkten. b) China hat sich über Jahre hinweg für die Ziele Nr. (1) und (2) eingesetzt. Wenn China eine restriktive Geldpolitik verfolgt und ein fester Wechselkurs besteht, so kann dies nur unter Aufgabe der Kapitalmobilität erfolgen. Läge Kapitalmobilität vor, würde es aufgrund höherer Inlandszinsen zu einem Kapitalzufluss aus dem Ausland kommen. Folge wäre ein Aufwertungsdruck für die heimische Währung, die durch Interventionsverpflichtungen einer restriktiven Geldpolitik entgegenwirkt. Eine autonome Geldpolitik wäre in diesem Fall nur bei Kapitalverkehrskontrollen möglich. c) Die EWU hat sich für die Ziele (1) und (3) entschieden. Die EZB, nicht aber die einzelnen Länder der Euro-Zone, übt eine autonome Geldpolitik aus. Beurteilungskriterien von Wechselkurssystemen Bei einem Leistungsbilanzüberschuss (-defizit) kommt es zu einer Aufwertung (Abwertung) der Landeswährung, wodurch das Leistungsbilanzungleichgewicht tendenziell korrigiert wird. Flexible Wechselkurse absorbieren also Schocks in- und ausländischen Ursprungs, d. h. sie dämpfen destabilisierende Effekte auf die Leistungsbilanz. Indem die Bildung des Wechselkurses dem freien Spiel der Marktkräfte überlassen wird, spiegeln sich im Wechselkurs die ökonomischen Fundamentaldaten (Wachstum, Inflation, Zinsniveau, Produktivität) wider. Große Länder, die weniger stark vom Au- ßenhandel abhängig sind, lassen den Wechselkurs frei floaten (z. B. USA, EWU, Japan). Sie verfolgen bei ihrer Geldpolitik rein binnenwirtschaftliche Ziele (Preisniveaustabilität), während der Wechselkurs dem freien Spiel der Kräfte überlassen wird. Im Fall flexibler Wechselkurse kann ein Land weiterhin eine autonome Geldpolitik betreiben (Abb. 22.16). Die Notenbank unterliegt keiner Interventionspflicht und muss nicht befürchten, Devisenreserven zu verlieren. Der Nachteil flexibler Wechselkurse besteht darin, dass schwankende Wechselkurse auch einen Einfluss auf das inländische Preisniveau haben. Importierte Güter sind ein Kapitalmobilität eigenständige Geldpolitik feste Wechselkurse „2 aus 3“ Magisches Dreieck einer offenen Volkswirtschaft Abb. 22.15: Magisches Dreieck der Außenwirtschaftspolitik Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 700 Teil V Außenhandel, Devisenmarkt und offene Volkswirtschaft700 Bestandteil der im Inland konsumierten und investierten Güter. Je größer die Schwankungen des Wechselkurses sind und je größer der Anteil der importierten Güter am BIP, desto größer sind auch die Gefahren für die Preisniveaustabilität. Ökonomen raten deshalb kleinen offenen Volkswirtschaften zur Stabilisierung ihrer Wechselkurse. In einem Regime mit festen Wechselkursen sind die teilnehmenden Länder jedoch gezwungen, ihre Geldpolitik an das Leitwährungsland anzupassen. Ein Land mit überdurchschnittlich hoher Inflationsrate muss ständig intervenieren, wodurch seine Devisenreserven abnehmen. Die Aufgabe der Parität kann durch Spekulation und Krisen von den Kapitalmärkten vorweggenommen werden. Von einem System fixer Wechselkurse geht somit ein Zwang zu geldpolitischer Disziplin aus. Will ein Land eine feste Wechselkursanbindung an ein anderes Land durchhalten, müssen Wechselkurs und nominaler Zinssatz zwei Bedingungen erfüllen: 1. Bedingung: iInland = iAusland Wenn Kapitalanleger erwarten, dass der Wechselkurs unverändert bleibt, fordern sie in beiden Ländern den gleichen Zins. Die Zinsparität muss also erfüllt sein. 2. Bedingung: M/P = L (i,Y) Wenn sich die Produktion verändert, hat dies Auswirkungen auf die Geldnachfrage. Reagiert die Notenbank nicht darauf, verändert sich der Zins und damit auch der Wechselkurs. Dies ist aber in einem System fester Wechselkurse nicht zulässig. Die Notenbank ist daher gezwungen, auf Veränderungen der Produktion und der Geldnachfrage mit Veränderungen der Geldmenge zu reagieren. Das Land verliert die geldpolitische Autonomie, was vor allem dann von Nachteil ist, wenn zeitweilig eine andere Geldpolitik erwünscht wäre. Generell ist ein System fixer Wechselkurse nur dann langfristig funktionsfähig, wenn die teilnehmenden Länder die gleiche Stabilität des Geldwertes und eine ähnliche Wirtschaftsentwicklung aufweisen. Argumente für und gegen flexible Wechselkurse Vorteile Nachteile • Tendenz zum Zahlungsbilanzausgleich • Übertragung einer Auslandsinflation wird teilweise oder vollständig vermieden • nationale Geldpolitik wird effizienter (kein Diktat der Zahlungsbilanz) • schnelle Anpassung an externe Schocks möglich • unsichere Kalkulationsgrundlage für den Außenhandel • wirtschaftliche Instabilitäten durch Währungsspekulation • inflationsfördernd (jedes Land kann eine beliebige Inflation zulassen, wenn es die Abwertung der Währung akzeptiert) • mangelnde Integration von Volkswirtschaften, da kein Zwang zur Koordination besteht Abb. 22.16: Vor- und Nachteile flexibler Wechselkurse Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 701 Kapitel 22: Wirtschaftspolitik in der offenen Volkswirtschaft 701 Der wesentliche Vorteil fester Wechselkurse (und der damit gleichzeitig wichtigste Nachteil flexibler Wechselkurse) wird darin gesehen, dass ein konstanter Wechselkurs die Risiken im Außenhandel und im Kapitalverkehr reduziert und Planungssicherheit schafft (Abb. 22.17). Die Transaktionskosten für den internationalen Handel und Kapitalverkehr sinken, da Währungsrisiken nicht abgesichert werden müssen. Feste Wechselkurse werden häufig solchen Ländern empfohlen, die noch keine eigene „Stabilitätskultur“ entwickelt haben. Durch die Bindung an eine Währung kann die Reputation der Notenbank des Leitwährungslandes übernommen und so Vertrauen in der inländischen Bevölkerung und bei ausländischen Investoren geschaffen werden. Beispielsweise kann die Wechselkursbindung an jenes Land erfolgen, mit dem eine große wirtschaftliche Verflechtung besteht, bzw. ein großer Teil des Güterhandels und Kapitalverkehrs abgewickelt wird. Weitere Kriterien für die Wechselkursbindung können das Ausmaß der Übereinstimmung der volkswirtschaftlichen Struktur, der Autonomiegrad der Notenbank des Leitwährungslandes oder die gewünschte weltwirtschaftliche Ausrichtung der eigenen Volkswirtschaft sein. So sind die Währungen vieler Öl exportierender Länder an den Dollar gebunden, um ihre Dollareinkommen zu stabilisieren. Welches Wechselkursregime in welcher Situation vorzuziehen ist, kann nicht abschließend beurteilt werden und hängt wesentlich von den wirtschaftlichen Gegebenheiten und politischen Präferenzen in den einzelnen Ländern ab. Schlagwörter •• magisches Dreieck der Außenwirtschaftspolitik •• Vor- und Nachteile flexibler bzw. fester Wechselkurse Argumente für und gegen feste Wechselkurse Vorteile Nachteile • kein Kursrisiko im Außenhandel, keine Absicherung von Währungsgeschäften notwendig • Disziplinierung der Geldpolitik • wirtschaftliche Integration durch Abstimmung der Wirtschaftspolitik • Inflationsimport bei mangelnder Stabilität der Fremdwährung • keine autonome Geldpolitik möglich • Entstehen von Liquiditätsproblemen, wenn die Notenbank über längere Zeit Devisen abgibt • Wettbewerbsverzerrungen bei „falschen“ Kursen Abb. 22.17: Vor- und Nachteile fester Wechselkurse Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 702 Teil V Außenhandel, Devisenmarkt und offene Volkswirtschaft702 22.3 Internationaler Konjunkturzusammenhang Wenn es um den Einfluss der Weltwirtschaft auf die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland geht, richtet sich der Blick traditionell auf den Außenhandel. Dieses Bild ist allerdings unvollständig. Analysen zeigen, dass Direktinvestitionen global operierender Unternehmen, internationale Finanzmärkte und verknüpfte Zukunftserwartungen bei Investoren und Verbrauchern neue Übertragungswege entstehen lassen (Abb. 22.18). Wirtschaftliche Aufschwungsphasen oder wirtschaftliche Schwächen auf wichtigen Absatzmärkten (z. B. USA) beeinflussen die inländische Wirtschaftsdynamik damit auf vielfältige Art und Weise. Konträreffekte der Konjunkturübertragung Angenommen sei, dass sich die US-Wirtschaft in einer Phase der Hochkonjunktur und die deutsche Wirtschaft in einer konjunkturellen Abschwungphase befinden. Ursächlich für den Aufschwungprozess in den USA ist eine Zinssenkung, die in der Folge die Inlandsnachfrage (Investitionen, Konsum) erhöht hat (Abb. 22.19). Das Zinsniveau in den USA liegt unter dem deutschen Zinsniveau, so dass es für US-amerikanische Anleger prinzipiell attraktiv wird, Kapital in der Bundesrepublik Deutschland anzulegen. Ausgehend von dieser Situation sind für die Beurteilung der Gesamteffekte auf den Außenhandel zwei Aspekte zu unterscheiden: •• Güterebene: Der konjunkturelle Aufschwung in den USA lässt zunächst einen Anstieg der Importe aus Deutschland erwarten, so dass sich positive Impulse für den deutschen Export in die USA und nachgelagert auch auf die deutsche Konjunktur ergeben werden. •• Kapitalebene: Sofern US-amerikanische Anleger aufgrund renditebedingter Überlegungen in großem Ausmaß Kapital in Deutschland anlegen, kommt es auf dem Internationaler Handel (Güterströme) Exporte Wirtschaftsklima (Erwartungen) Finanzmärkte, Direktinvestitionen (Kapitalströme) Investitionen Konsum Übertragungskanäle BIP-Komponenten (ohne Staat) Übertragungswege ausländischer Impulse Abb. 22.18: Internationaler Konjunkturzusammenhang Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 703 Kapitel 22: Wirtschaftspolitik in der offenen Volkswirtschaft 703 Devisenmarkt zu einer größeren Nachfrage nach € und bei gleichbleibendem Angebot tendenziell zu einer Aufwertung des € bzw. zu einer Abwertung des US-$. Diese Änderung des Wechselkurses verteuert deutsche Exportgüter und kann dazu führen, dass der Effekt der Güterebene zumindest abgeschwächt wird. Angesichts der Größenordnung der renditesuchenden Kapitalströme ist nicht auszuschließen, dass die Zinsunterschiede zumindest in kurzfristiger Sicht die Wechselkurse dominant beeinflussen. Positive Auswirkungen einer konjunkturellen Aufschwungsphase im Ausland auf die inländische Konjunktur würden konterkariert. Paralleleffekte der Konjunkturübertragung Auch jetzt sei angenommen, dass sich die US-Wirtschaft in einer Phase der Hochkonjunktur und die deutsche Wirtschaft in einer konjunkturellen Abschwungphase befinden. Ursächlich für den Aufschwungprozess in den USA ist nun eine Ausweitung der Staatsausgaben, die auf dem US-amerikanischen Kapitalmarkt eine Zinssteigerung zur Folge hat (Abb. 22.20). Das Zinsniveau in den USA liegt über dem deutschen Zinsniveau, so dass es jetzt für deutsche Anleger attraktiv wird, Kapital in den USA anzulegen. Ausgehend von dieser Situation sind bei der Beurteilung der Gesamteffekte auf den Außenhandel wieder zwei Aspekte zu unterscheiden: •• Güterebene: Der konjunkturelle Aufschwung in den USA lässt – analog zum vorherigen Fallbeispiel – zunächst einen Anstieg der Importe aus Deutschland erwarten, so dass sich positive Impulse für den deutschen Export in die USA und nachgelagert auch für die deutsche Konjunktur ergeben würden. •• Kapitalebene: Sofern deutsche Anleger aufgrund renditebedingter Überlegungen in großem Ausmaß Kapital in den USA anlegen, kommt es auf dem Devisenmarkt zu einer größeren Nachfrage nach US-$ und bei gleichbleibendem Angebot tendenziell zu einer Aufwertung des US-$ bzw. zu einer Abwertung des €. Diese Änderung des Wechselkurses verbilligt deutsche Exportgüter und führt dazu, dass der Effekt der Güterebene unterstützt wird. Güter US-Import steigt Export D steigt US-Zinsen geringer als in D Kapital Kapitalimport D führt zur Aufwertung des € Exporte aus D in die USA sinken Konjunktur in D verschlechtert sich Verbesserung/Verschlechterung falls Exportrückgang durch €-Aufwertung kleiner/ größer als Exportanstieg durch US- Konjunkturbelebung Aufschwung USA ausgelöst durch Zinssenkungen Konjunktur in D verbessert sich Kapital fließt nach D Aufwertung des € verteuert Exporte Auswirkungen eines Aufschwunges in den USA auf Deutschland Abb. 22.19: Konträreffekte der internationalen Konjunkturübertragung Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 704 Teil V Außenhandel, Devisenmarkt und offene Volkswirtschaft704 In diesem Fallbeispiel verlaufen der Kapitalmarkteffekt und der Gütermarkteffekt in die gleiche Richtung und es erfolgt eine parallele Übertragung des US-amerikanischen Konjunkturaufschwungs auf die deutsche Wirtschaft. Schlagwörter •• Paralleleffekte und Konträreffekte der Konjunkturübertragung •• Gütermarkteffekt •• Kapitalmarkteffekt 22.4 Fallbeispiele zu Kapitel 22 Lösungs- und Bearbeitungshinweise sowie alle Abbildungen dieses Kapitels finden Sie unter: www.vahlen.de Fallbeispiel 22.1: Geld- und Finanzpolitik im Mundell-Fleming- Modell bei festen Wechselkursen (+) 1) Eine kleine Volkswirtschaft öffnet sich dem Weltmarkt. Der inländische Zins und der Weltmarktzins liegen bei 5 %. Die Notenbank senkt den inländischen Zins auf 3 %, um der heimischen Wirtschaft positive Impulse zu verleihen. Gleichzeitig muss sie einen gegebenen Wechselkurs bei einer Parität von 1:1 verteidigen. Es herrscht vollkommene Kapitalmobilität. Analysieren Sie verbal und graphisch die Auswirkungen der Politikmaßnahmen auf BIP, Wechselkurs und Nettoexporte. 2) Wie würde sich das Ergebnis unter a) verändern, wenn die Stimulierung der heimischen Wirtschaft durch eine expansive Fiskalpolitik erfolgen würde? Analysieren Sie verbal und graphisch die Auswirkungen der Politikmaßnahmen auf BIP, Wechselkurs und Nettoexporte. Aufschwung USA durch höhere Staatsausgaben (Finanzpolitik) Güter US-Import steigt Export D steigt Konjunktur in D verbessert sich Defizitäre Staatsausgaben: Zinsanstieg Kapital US-Zinsen höher als in D Kapitalexport nach USA führt zur Abwertung des € Exporte D verbilligen sich Exporte D steigen Die Konjunktur in Deutschland verbessert sich durch: 1. US-Konjunkturbelebung (Güterebene) 2. Abwertung des € (Kapitalebene) Nutzen eines Aufschwungs in den USA für Deutschland Abb. 22.20: Paralleleffekte der internationalen Konjunkturübertragung Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 705 Kapitel 22: Wirtschaftspolitik in der offenen Volkswirtschaft 705 Fallbeispiel 22.2: Anstieg des Weltmarktzinses im Mundell-Fleming-Modell (++) Eine kleine offene Volkswirtschaft ist durch folgende Daten gekennzeichnet: (1) Y = 300 + 0,8 × (Y – T) – 8.000 × i + G + 800 × w (2) M = 0,4 × Y – 34.000 × i + 200 Die Zentralbank fixiert den Wechselkurs bei w=1. Der Staatshaushalt ist ausgeglichen bei 1.500  Mrd.  €. Der Weltmarktzins beträgt 4 % und es gilt die Zinsparität. 1) Bestimmen Sie die Gleichgewichtswerte der endogenen Variablen. 2) Nehmen Sie an, der Weltmarktzins steigt auf 5 %. Berechnen Sie die neuen Gleichgewichtswerte. Interpretieren Sie das Ergebnis. 3) Stellen Sie eine einmalige Abwertung der inländischen Währung im Mundell-Fleming- Modell dar und interpretieren Sie das Ergebnis. Fallbeispiel 22.3: Geld- und Finanzpolitik im Mundell-Fleming-Modell bei flexiblen Wechselkursen (+) 1) Stellen Sie die Auswirkungen einer kontraktiven Geldpolitik bei flexiblen Wechselkursen grafisch im Mundell-Fleming-Modell dar. Beurteilen Sie die Maßnahme bezogen auf BIP, Wechselkurs und Nettoexporte. 2) Welche Ergebnisse ergeben sich, wenn expansive finanzpolitische und expansive geldpolitische Maßnahmen kombiniert eingesetzt werden? Stellen Sie das Ergebnis grafisch dar und beurteilen Sie es unter den gleichen Gesichtspunkten wie in Aufgabe 1). Fallbeispiel 22.4: Währungskrise im Mundell-Fleming-Modell (+) In Deutschland kam es nach der Wiedervereinigung zu einer expansiven Fiskalpolitik, die zu einer „Sonderkonjunktur“ führte. Um Inflationsgefahren zu begegnen, praktizierte die Deutsche Bundesbank eine restriktive Geldpolitik durch Zinserhöhungen. Die Zinserhöhungen der Deutschen Bundesbank dominierte die wirtschaftliche Situation in anderen Ländern des Europäischen Währungssystems (EWS), so dass es dort zum Teil zu rezessiven Tendenzen kam. Erörtern Sie mögliche Lösungsansätze aus Sicht der EWS-Partnerländer im Rahmen der folgenden Abbildung: Fallbeispiel 22.5: Politik-Trilemma in offenen Volkswirtschaften (0) Warum sind in offenen Volkswirtschaften internationale Kapitalmobilität, feste Wechselkurse und geldpolitische Autonomie nicht gleichzeitig erreichbar? Erläutern Sie den Sachverhalt am Beispiel des Anstiegs des ausländischen Zinsniveaus mit iUSA > iEWU in folgenden Situationen: Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 706 Teil V Außenhandel, Devisenmarkt und offene Volkswirtschaft706 (1) Kapitalmobilität und feste Wechselkurse (2) Kapitalmobilität und geldpolitische Autonomie (3) Feste Wechselkurse und geldpolitische Autonomie Fallbeispiel 22.6: Vor- und Nachteile alternativer Währungssysteme (+) 1) Welche Argumente sprechen für bzw. gegen feste und flexible Wechselkurssysteme? Wechselkurssystem Vorteile Nachteile flexible Wechselkurse feste Wechselkurse 2) Beurteilen Sie anhand der nachfolgenden Tabelle, in welchen Fällen eher flexible bzw. eher feste Wechselkurse Vorteile mit sich bringen. Kriterium Ausprägung fest flexibel Binnenmarkt groß klein Außenhandelsabhängigkeit groß klein Bedarf an regionaler Integration nein ja Wunsch nach autonomer Währungs- und Geldpolitik nein ja Fallbeispiel 22.7: Internationaler Konjunkturzusammenhang zwischen großen Wirtschafts- und Währungsräumen (++) Wir nehmen an, die Weltwirtschaft besteht nur aus den Wirtschaftsräumen der EWU und den USA. Beide Regionen betreiben Handel. Der Wechselkurs sei 1 € = 1 US-$ und konstant. Die Güternachfrage ist durch folgende Tabelle beschrieben: Größe EWU USA Konsumfunktion 950 + 0,6 × (YEWU – T) 300 + 0,8 × (YUSA – T) Autonome Investitionen 1.000 1.100 Staatsausgaben (G) 1.000 1.500 Budgetdefizit (G – T) 100 300 Nettoexportfunktion (Exporte – Importe) 0,1 × YUSA – 0,1 × YEWU 0,1 × YEWU – 0,1 × YUSA 1) Ermitteln Sie die gleichgewichtige Produktion und die Handelsbilanzsituation in beiden Ländern. 2) Wie wirkt sich ein Anstieg der marginalen Importquote in den EWU-Staaten auf 0,15 aus. 3) Berechnen Sie ausgehend von den Ursprungswerten aus 1) die Auswirkungen einer kreditfinanzierten Staatsausgabenerhöhung um jeweils 100 in beiden Wirtschaftsräumen. In welcher Region hat die Staatsausgabenerhöhung einen höheren Einfluss auf die inländische Produktion? Wie werden die Nettoexporte beeinflusst? (in Anlehnung an Forster/Klüh/Sauer, 2005, S. 360 f.) Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 707 Kapitel 22: Wirtschaftspolitik in der offenen Volkswirtschaft 707 Fallbeispiel 22.8: Konjunkturzusammenhang und Devisenmarkt (+) Erläutern Sie am Zwei-Länder-Modell (EWU/USA) den Einfluss des internationalen Konjunkturzusammenhanges auf den Devisenmarkt. Gehen Sie von einem deutlich höheren Anstieg des Volkseinkommens sowie von einem deutlich höheren Zinsniveau in den USA aus. Argumentieren Sie mithilfe 1) des Zinsniveaus, 2) der Einkommensentwicklung und 3) des Wechselkurses. Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 709 Teil VI Nachhaltige Entwicklung und Makroökonomie

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References

Zusammenfassung

Makroökonomische Ereignisse

wie die Schuldenkrise, Rezession, Arbeitslosigkeit und Inflation haben nicht nur gesamtwirtschaftliche Konsequenzen, sondern auch vielfältige Berührungspunkte zum täglichen Leben. Diese Ereignisse sind häufig komplex und für den Einzelnen nicht immer leicht zu durchschauen.

Um Studierende auf die globalen Herausforderungen von Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt vorzubereiten ist in diesem Lehrbuch explizit auch das Thema der nachhaltigen Entwicklung integriert. Außerdem werden die großen Themen der Makroökonomie teilweise gebündelt behandelt, um die vielfältigen Zusammenhänge zwischen den einzelnen Gebieten transparenter zu gestalten. Dies hat für Studierende und Lehrende u.a. den Vorteil, dass eine modulare Verwendung möglich ist. Die Schwerpunkte:

– Drei Ebenen der Makroökonomie (empirisch, theoretisch und wirtschaftspolitisch)

– Konjunktur, Gütermarkt und Finanzpolitik

– Inflation, Geldmarkt und Geldpolitik in der EWU

– Wirtschaftswachstum, Wohlstand und Beschäftigung

– Außenhandel, Devisenmarkt und offene Volkswirtschaft

– Nachhaltige Entwicklung und Makroökonomie.

Zur Neuauflage

Das Buch wurde vollständig überarbeitet und in eine modulare Struktur überführt, aber die Grundkonzeption des Buches wurde beibehalten. Das Buch ist bewusst als Lernbuch konzipiert, das sich zum Einsatz an Hochschulen und Akademien eignet. Mit der Integration von selbständig zu bearbeitenden Fallbeispielen wird u.a. das Konzept der Bachelor- und Masterstudiengänge an deutschen Hochschulen berücksichtigt, die stärker als bisher an Praxisbeispielen orientierte Lehr- und Lernformen fördern wollen.

Die Autoren

Prof. Dr. Reiner Clement, Prof. Dr. Wiltrud Terlau, Sankt Augustin/Rheinbach, und Prof. Dr. Manfred Kiy, Köln.

Angewandte Makroökonomie

für Studierende der Volks- und Betriebswirtschaftslehre an Universitäten, Fachhochschulen und Akademien.