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Kapitel 21: Übertragungswege in der offenen Volkswirtschaft in:

Reiner Clement, Wiltrud Terlau, Manfred Kiy

Angewandte Makroökonomie, page 657 - 690

Makroökonomie, Wirtschaftspolitik und nachhaltige Entwicklung mit Fallbeispielen

5. Edition 2013, ISBN print: 978-3-8006-4480-3, ISBN online: 978-3-8006-4389-9, https://doi.org/10.15358/9783800643899_657

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Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 649 Devisenmarkt (Handel mit Währungen) Informationen (spekulative Blasen) Gütermarkt (Handel mit Gütern) Kapitalmarkt (Handel mit Anlagen) Geldmarkt (Handel mit Geld) Kaufkraftparität Zinsparität Kapitel 21: Übertragungswege in der offenen Volkswirtschaft Kapitel 21 Inhaltsübersicht 21.1 Internationaler Nachfrageverbund . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 650 21.1.1 Außenwirtschaftsmultiplikator . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 651 21.1.2 Phasenverlauf internationaler Konjunkturen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 652 21.1.3 Wechselkurse und Handelsbilanz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 655 21.2 Internationaler Preisverbund. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 661 21.2.1 Kaufkraftparitätentheorie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 661 21.2.2 Reale Wechselkurse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 666 21.3 Internationaler Zinsverbund . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 670 21.3.1 Gedeckte Zinsparität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 670 21.3.2 Ungedeckte Zinsparität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 671 21.4 Fallbeispiele zu Kapitel 21 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 676 Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 650 Teil V Außenhandel, Devisenmarkt und offene Volkswirtschaft650 Lernzielorientierte Sachverhalte •• Außenwirtschaftliche Impulse übertragen sich über Güter- und Kapitalströme auf das Inland. Maßgebend sind konjunkturelle Faktoren, das Preisniveau und die Zinsen. •• Durch den internationalen Nachfrageverbund hängt das BIP von Ex- und Importen ab. Die Exporte haben einen ähnlich starken makroökonomischen Effekt wie der private Konsum oder die privaten Investitionen. Große Volkswirtschaften können im Fall unterschiedlich versetzter Konjunkturverläufe die Rolle einer Lokomotive für andere Länder übernehmen. •• Im Fall flexibler Wechselkurse führt eine Abwertung der heimischen Währung normalerweise zu einer Verbesserung des Außenbeitrages. Gleichzeitig können sich die realen Austauschverhältnisse (terms of trade) des Landes verschlechtern. •• Durch den internationalen Preisverbund kommt es zu einer Verknüpfung zwischen inländischer Preisentwicklung und der Inflationsrate im Ausland. Bei flexiblen Wechselkursen kommt es nach der Kaufkraftparitätentheorie zu einem Ausgleich der national unterschiedlichen Inflationsraten. •• Der reale Wechselkurs ist ein relativer Preis zwischen inländischen und ausländischen Gütern. Auf- und Abwertungen des realen Wechselkurses verändern die preisliche Wettbewerbssituation einer Volkswirtschaft. •• Der internationale Zinsverbund führt gemäß der Zinsparitätentheorie dazu, dass die Zinsdifferenzen zwischen zwei Ländern der erwarteten Veränderung ihrer Wechselkurse entsprechen. Spekulative Erwägungen können diesem Ausgleich entgegenwirken. 21.1 Internationaler Nachfrageverbund In vielen Jahren waren die Exporte (Auslandsnachfrage) der Konjunkturmotor der deutschen Wirtschaft und der Wachstumsbeitrag der Exporte war größer als jener der Binnennachfrage. Ein positiver Außenbeitrag entlastet die Binnenkonjunktur, erhöht jedoch die Abhängigkeit von der konjunkturellen Situation im Ausland. Wird ein Teil des inländischen Einkommens für den Import ausländischer Güter ausgegeben, steht es nicht mehr für die Nachfrage im Inland zur Verfügung. Die Integration der Ex- und Importe in die Analyse des internationalen Nachfrageverbundes lässt sich zunächst anhand der Multiplikatoranalyse nachvollziehen (vgl. dazu Kap. 6). Wir gehen zunächst von folgenden Annahmen aus: •• Das Preisniveau im In- und Ausland ist exogen gesetzt, d. h. Veränderungen des Preisniveaus werden ausgeschlossen. •• Die Wechselkurse werden auf 1 normiert, d. h. Wechselkursveränderungen werden nicht berücksichtigt. Diese Annahmen mögen restriktiv erscheinen. Andererseits sind sie bezogen auf Wirtschaftsräume wie die EWU, in denen es nur eine einheitliche Währung und eine gemeinsame Geldpolitik gibt, durchaus zu rechtfertigen. Mit der monetären Integration Europas sind die Wechselkursgrenzen zwischen den beteiligten Staaten weggefallen und die Inflationsdifferenzen zwischen diesen Staaten sind im Zuge einer einheitlichen europäischen Geldpolitik geringer geworden. Für die Analyse des internationalen Nachfrageverbundes z. B. zwischen der EWU und den USA werden wir diese Annahme aufheben. Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 651 Kapitel 21: Übertragungswege in der offenen Volkswirtschaft 651 21.1.1 Außenwirtschaftsmultiplikator Die Exporte sind eine wichtige Komponente der volkswirtschaftlichen Nachfrage. Daraus folgt unmittelbar, dass sich eine Erhöhung der Exporte wie die Erhöhung jeder anderen Nachfragekomponente positiv auf das BIP bzw. das Volkseinkommen auswirkt. Die Exporte (Ex) eines Landes hängen u. a. von den Preisen und der Qualität der Güter, der internationalen Wettbewerbsfähigkeit der Exporteure und der konjunkturellen Situation in den wichtigsten Abnehmerländern ab. Angesichts der Vielzahl dieser Bestimmungsgrößen werden die Exporte in volkswirtschaftlichen Modellen oft als autonom (= Exaut) betrachtet. In diesem Fall verläuft die Exportfunktion waagerecht. Für die Importe (Im) wird angenommen, dass sie mit steigendem BIP des Inlands zunehmen und umgekehrt. Das Ausmaß der Importveränderung wird durch die marginale Importneigung (m) dargestellt. Sie gibt an, in welchem Umfang sich die Importe verändern, wenn das BIP variiert. Für stark importabhängige Volkswirtschaften kann dieser Wert 30 % erreichen, d. h. m = 0,3. Neben einkommensabhängigen Importen müssen die autonomen einkommensunabhängigen Importe (Imaut) berücksichtigt werden. Sind die Zusammenhänge linear, lautet die Importfunktion: (1) Im = Imaut + m × Y, bzw. im Fall von Veränderungen des BIP (2) DIm = m × DY Import- und Exportfunktion verändern sich u. a. in Abhängigkeit von der in- und ausländischen Konjunktur. Steigt im Ausland (Inland) das Einkommen, führt dies über den Kauf inländischer (ausländischer) Güter auch zu einer Steigerung des Einkommens im Inland (Ausland). Dieser Effekt wird Einkommensmechanismus genannt. Importe stellen vergleichbar zu Steuern, Ersparnissen und Preisniveausteigerungen Sickerverluste für den inländischen Wirtschaftskreislauf dar. Auch Multiplikatoreffekte fallen daher geringer aus. Nachfolgend wird ein Modell mit einkommensabhängigen Steuern unterstellt (vgl. Kap. 6). Bei Vorliegen autonomer Größen gelten ähnliche Schlussfolgerungen: (3) Y = (Caut + c × (1 – t) × Y) + Iaut + Gaut + Exaut – (Imaut + m × Y) (4) Y – c × (1 – t) × Y + m × Y = Caut + Iaut + Gaut + Exaut – Imaut (5) [ ]1 Im 1 (1 ) aut aut aut aut aut Y C I G Ex c t m = × + + + − − × − + Aus diesen Überlegungen können wir drei Aussagen ableiten (Abb. 21.1): •• Exporte wirken expansiv auf das Gleichgewichtseinkommen. •• Importe wirken kontraktiv auf das Gleichgewichtseinkommen. •• Die marginale Importneigung verringert den Multiplikatoreffekt. Betrachten wir folgendes Zahlenbeispiel (autonome Angaben in Mrd. €): autonome Größen marginale Quoten Caut = 20 Konsumquote: c = 0,8 Iaut = 300 Steuerquote: t = 0,25 Gaut = 400 Importquote: m = 0,2 Exaut = 400 Imaut = 20 Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 652 Teil V Außenhandel, Devisenmarkt und offene Volkswirtschaft652 Das Gleichgewichtseinkommen ergibt sich als: (6) [ ]1 20 300 400 400 20 1.833 1 0,8 (1 0,25) 0,2 Y = × + + + − = − × − + Steigen z. B. die autonomen Exporte um 50 Mrd. €, so ergibt sich als multiplikativer Effekt: (7) 1 50 83,3 1 0,8 (1 0,25) 0,2 Y∆ = × = − × − + Aus dem gestiegenen Bruttoinlandsprodukt bzw. Volkseinkommen resultiert gleichzeitig ein höherer Import entsprechend der marginalen Importneigung: 0,2 × 83,3 Mrd. € = 16,7 Mrd. €. Die Verbesserung der Handelsbilanz fällt deshalb geringer aus als der Anstieg der Exporte (50 Mrd. € – 16,7 Mrd. € = 33,3 Mrd. €). Sind die Kapazitäten im Inland ausgelastet, sind Exportsteigerungen nur möglich, wenn die Inlandsnachfrage reduziert wird. Ansonsten führt der Zuwachs der Auslandsnachfrage zur Inflation. Eine reale wirtschaftliche Expansion findet nicht statt. Schlagwörter •• Außenwirtschaftsmultiplikator •• Importfunktion •• Einkommensmechanismus 21.1.2 Phasenverlauf internationaler Konjunkturen Von Bedeutung für die Wirksamkeit von Außenhandelsmultiplikatoren ist die Frage, in welcher konjunkturellen Ausgangssituation sich die jeweiligen Volkswirtschaften befinden und wie stark der Export- bzw. Importzusammenhang ist. Dieser Frage kann im Rahmen eines Zwei-Länder-Beispiels nachgegangen werden, wobei die Wechselkurse und das Preisniveau – wie gesagt – als konstant gelten. Inlandseinkommen Sparen (s) Importe (m) Steuern (t) ΔY = 1 − c × (1 − t) + m 1 Δ ExInlandseinkommen Handelsbilanz ΔHB = ΔEx – (m × ΔY) Abschwächung der positiven Effekte für das Inland Auswirkungen eines Konjunkturaufschwungs im Ausland Abb. 21.1: Außenwirtschaftsmultiplikator Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 653 Kapitel 21: Übertragungswege in der offenen Volkswirtschaft 653 Phasengleichlauf Befinden sich die deutsche und die französische Wirtschaft gleichzeitig in einem konjunkturellen Aufschwungprozess (Phasengleichlauf), kann die zunehmende Exportnachfrage der Handelspartner zur Überhitzung der jeweiligen Binnenkonjunktur beitragen und inflationäre Prozesse begünstigen. Im Fall einer parallelen Abschwungphase kann sich diese in den jeweiligen Ländern wechselseitig verschärfen (Abb. 21.2). So sahen sich beispielsweise die Industrieländer Mitte der 70er und Anfang der 80er Jahre insgesamt einem Abschwung ausgesetzt (Weltrezession). Zusätzlich zum Rückgang der Binnennachfrage schrumpfte bzw. stagnierte die Auslandsnachfrage. Dies betraf vor allem die exportabhängigen Industrieländer (u. a. Deutschland, Japan). Derartige Situationen können längerfristig zu staatlichen Gegenmaßnahmen führen, die zur Stützung der Inlandsnachfrage die Importe beschränken oder die Exporte fördern. Auch Abwertungen der Währungen können als Auswege betrachtet werden, sind zwischen den EWU-Mitgliedstaaten aufgrund der einheitlichen Währung aber nicht mehr möglich. Phasenverschiebung Angenommen sei nun, dass sich die Wirtschaft in Frankreich in einer Hochkonjunktur befindet, während die deutsche Volkswirtschaft und jene anderer EWU-Staaten durch einen konjunkturellen Abschwung gekennzeichnet sind, d. h. eine Phasenverschiebung vorliegt. Der Rückgang des BIP führt nach Maßgabe der deutschen Importfunktion zunächst zu einer Verringerung der einkommensabhängigen Importe aus Frankreich. Die Hochkonjunktur in Frankreich führt gemäß der französischen Importfunktion hingegen zu einer Zunahme der Importe aus Deutschland und anderer EWU-Staaten. Für diese Staaten werden die Exporte nach Frankreich zunehmen, so dass sich multiplikative Auswirkungen auf das BIP anderer EWU-Staaten ergeben (Abb. 21.3). In der Folge trägt dieser Mechanismus in Frankreich über größere Importe zu einer Dämpfung der französischen Inlandskonjunktur bei, während sich die konjunkturelle Situation in den anderen EWU-Staaten über zunehmende Exporte belebt. Rezession in Frankreich Rezession in Deutschland Rückgang der Importe Rückgang der Importe Rückgang der Exporte Rückgang der Exporte Wechselseitige Auswirkungen von konjunkturellen Entwicklungen Abb. 21.2: Internationaler Phasengleichlauf von Konjunkturen Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 654 Teil V Außenhandel, Devisenmarkt und offene Volkswirtschaft654 Im Zeitablauf führt die konjunkturelle Belebung in den EWU-Staaten zu einer Zunahme der einkommensabhängigen Importe und hat positive Auswirkungen auf die französische Wirtschaft. Es wäre also verkürzt gedacht, Nachbarländer wegen ihrer besseren Einkommens- oder Konjunkturentwicklung zu beneiden. Wir sollten uns darüber freuen, da dies in der Folge zu Käufen heimischer Güter beiträgt. Lokomotivfunktion und Größe des Landes Der zeitlich versetzte Konjunkturverlauf großer Handelspartner stellt den Idealfall des internationalen Konjunkturverbundes dar. Die Import- und Exportveränderungen dämpfen in diesem Fall extreme Konjunkturausschläge (Rezession, Boom) im In- und Ausland und verringern den wirtschaftspolitischen Handlungsbedarf. Dieser Fall entspricht der Lokomotivtheorie, bei der einzelne Länder durch den konjunkturellen Aufschwung in anderen Ländern mitgezogen werden. Zuweilen wird von Ländern mit einer hohen Außenhandelsquote gefordert, eine gezielte Politik der Konjunkturbelebung zu betreiben. Auf diese Weise soll über die Steigerung der Importnachfrage die konjunkturelle Entwicklung des Auslands gestützt werden – eine Forderung, der sich in der Vergangenheit die Bundesrepublik Deutschland innerhalb der EU zuweilen ausgesetzt sah. Zu berücksichtigen ist jedoch die Größe eines Landes. Betrachten wir als Beispiel die Auswirkungen einer Erhöhung der Staatsausgaben um 50 Mrd. € in einem großen Land mit einer marginalen Importquote von 0,1 (10 %): (1) ∆ = × = − × − + 1 50 100 1 0,8 (1 0,25) 0,1 Y Der Multiplikator bezogen auf die Inlandsnachfrage beträgt also 2. Der Anstieg der Importe, der aus der Produktion resultiert, führt zu folgender Veränderung der Nettoexporte (NX): (2) ∆NX = –0,1 × ∆Y = –10 Hochkonjunktur/ Aufschwung in Frankreich französische Importe steigen Nachfrage nach Exportgütern aus anderen EWU-Staaten steigt deutsche Exporte in die EWU steigen deutsche Exporte nach Frankreich steigen konjunktureller Abschwung in Deutschland wird abgebremst durch zunehmende Exporte ∆Y = 1/(1 – c × (1 – t) + m) × ∆Ex Übertragungswege: – direkt – indirekt (über andere EWU-Staaten) Konjunktur in anderen EWU-Staaten verbessert sich güterwirtschaftlicher Impuls Konjunktureller Verbund in der EWU Abb. 21.3: Internationaler Phasenvorlauf von Konjunkturen Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 655 Kapitel 21: Übertragungswege in der offenen Volkswirtschaft 655 Betrachten wir nun ein kleines Land, das eine marginale Importquote von 0,5 (50 %) aufweist und die Staatsausgaben um 50 Mrd. € ausweitet: (3) 1 50 55,5 1 0,8 (1 0,25) 0,5 Y∆ = × = − × − + Die Ausweitung der Staatsnachfrage hat nur einen multiplikativen Effekt von 1,11. Die Nettoexporte sinken hingegen um die Hälfte: (4) ∆NX = –0,5 × ∆Y = –27,75 Es gibt somit unterschiedliche Auswirkungen einer Erhöhung der Staatsausgaben in beiden Ländern. Für das große Land ist die Wirkung auf die Inlandsnachfrage groß und auf die Handelsbilanz klein. Für das kleine Land ist die Wirkung auf die Inlandsnachfrage klein, während sich die Handelsbilanz durch die Importzunahme deutlich verändert. In kleinen Ländern ist es also schwieriger, die Inlandsnachfrage mit Hilfe der Fiskalpolitik zu stimulieren, da ein Großteil der stimulierenden Nachfrage auf das Ausland entfällt. Schlagwörter •• Phasengleichlauf von Konjunkturen •• Phasenverschiebung von Konjunkturen •• Lokomotivtheorie 21.1.3 Wechselkurse und Handelsbilanz In einem System flexibler Wechselkurse kann die Konjunkturübertragung unterbrochen werden (Abb. 21.4). Angenommen sei, dass sich die US-Wirtschaft in einer Aufschwungphase befindet. Gemäß der US-Importfunktion würden die Importe aus Deutschland zunehmen. Im Fall flexibler Wechselkurse kommt es auf dem Devisenmarkt aufgrund der steigenden Exporte deutscher Unternehmen zu einem zunehmenden Angebot an US-$, das bei konstanter Nachfrage in der Folge zu einer Abwertung des US-$ bzw. Aufwertung des € führt. Diese Wechselkursveränderung verteuert die deutschen Exportgüter (in US-$ gerechnet) und führt tendenziell zu einem Rückgang der Exportnachfrage. Der konjunkturelle Anstoß aus den USA für die deutsche Wirtschaft wird zumindest abgeschwächt. Wir wollen im Folgenden die Wirkungen von Wechselkursänderungen auf die Handelsbilanz näher untersuchen. Der Saldo der Handelsbilanz (HB) in Inlandswährung ist gegeben durch: (1) HB = P€ × qExporte – [w (€/US-$) × PUS-$ × qImporte] Folgende Ausgangsdaten für Deutschland seien gegeben: Wechselkurs (Preisnotierung): w = 1 €/US-$ Exporte Importe Menge (qExporte) 60 Menge (qImporte]) 30 Preis in € (P€) 2 Preis in € 4 Preis in US-$ 2 Preis in US-$ (PUS-$) 4 Wert 120 Wert 120 Außenbeitrag: 0 (2) 2 € × 60 – [1 (€/US-$) × 4 US-$ × 30] = 0 € Die Handelsbilanz in der Ausgangssituation ist ausgeglichen. Nun unterstellen wir eine Abwertung des Euro auf 1,5 €/US-$ und normale Nachfragereaktionen, d. h. im Fall von Preiserhöhungen werden die jeweiligen Export- bzw. Importgüter weniger nachgefragt Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 656 Teil V Außenhandel, Devisenmarkt und offene Volkswirtschaft656 und umgekehrt. Wir unterstellen bezogen auf Exporte und Importe jeweils eine Preiselastizität (Verhältnis von relativer Mengenänderung zu relativer Preisänderung) von exakt 1. Sie können dann leicht errechnen, dass die Veränderung des Wechselkurses die in US-$ umgerechneten Exportpreise um 33,3 % senkt und die in € umgerechneten Importpreise um 50 % erhöht. Dies führt zu gleich großen, aber entgegengesetzten Mengenreaktionen. Insgesamt führt die Abwertung des Euro in diesem Fall zu einer deutlichen Steigerung des Außenbeitrages. Die Handelsbilanz verbessert sich. Es liegt eine normale Reaktion vor (Abb. 21.5). Sie können erkennen, dass der in Euro ausgewiesene Exportwert im Fall einer Abwertung der heimischen Währung immer steigt, es sei denn die ausländische Exportnachfrage reagiert völlig unelastisch (d. h. die Elastizität ist Null und die nachgefragte Menge bleibt konstant). In allen anderen Fällen nimmt der Exportwert gemessen in € zu. Dies gilt auch bei kleinen Elastizitäten. Liegt die Exportelastizität z. B. bei 0,5, nimmt der Exportwert immer noch auf 140 zu (Abb. 21.6). Im Fall des €-Importwertes ist der Sachverhalt komplizierter, da er von zwei Seiten beeinflusst wird: Positiv dadurch, dass sich der Preis erhöht, negativ dadurch, dass die Menge abnimmt. Die Frage nach dem Einfluss der Mengen- und Preisänderung kann nur mit Hilfe der Elastizität beantwortet werden. Wenn die Elastizität relativ klein ist, kann es zu einer anormalen Reaktion der Handelsbilanz kommen. Nehmen wir dazu in Reaktion auf den Preisanstieg um 50 % einen Mengenrückgang von 12,5 % an (Elastizität: 0,25). Im Vergleich zur normalen Reaktion steigt der Importwert in diesem Fall, da die Preise stärker als die Mengen reagieren. Auch der Außenbeitrag würde sich in einer solchen Situation verschlechtern. Mathematisch lässt sich zeigen, dass immer dann eine normale Reaktion der Handelsbilanz zu erwarten ist, wenn die Summe der Nachfrageelastizitäten der Ex- und Importe eines Landes größer als absolut 1 ist (Marshall-Lerner-Bedingung). Eine anormale Reaktion der Ex- und/oder Importströme ist auch zu erwarten, wenn der Außenhandel von nicht-preislichen Faktoren bestimmt wird, d. h. z. B. Importe USA steigen Exporte D steigen Devisenmarkt: Deutsche Exporteure tauschen US-$ gegen €; der Wert des US-$ sinkt, der Wert des € steigt. Aufwertung des €: • Verteuerung der Exportgüter • Verbilligung der Importgüter Die US-Nachfrage nach deutschen Gütern geht zurück und belebende Auswirkungen der US-Konjunktur für das Inland werden vermindert. Aufschwung USA Konjunktureller Verbund bei flexiblen Wechselkursen Abb. 21.4: Wechselkursmechanismus Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 657 Kapitel 21: Übertragungswege in der offenen Volkswirtschaft 657 •• keine Substitutionsgüter gegeben sind (Beispiel: Erdöl auf der Importseite), •• Monopolstellungen existieren (z. B. der Herstellung von Medikamenten durch Patentschutz), •• Qualitäten dominieren (z. B. Maschinenbauprodukte) oder •• Präferenzen die Kaufentscheidungen prägen (z. B. exklusive Sportwagen). Reaktion der Handelsbilanz bei ausreichend großen Nachfrageelastizitäten $ Importnachfrage USA (= Exportangebot Deutschland) 1,33 2 60 80 6 4 15 30 Wechselkurs (Preisnotierung): 1,5 €/US-$ Exporterlöse Importausgaben Menge 80 (+ 33%) Menge 15 (– 50%) Preis (€) 2 Preis (€) 6 (+ 50%) Preis (US-$) 1,33 (– 33%) Preis (US-$) 4 Elastizität 1 Elastizität 1 Wert in € 160 Wert in € 90 Außenbeitrag in €: 70 (normale Reaktion) Importnachfrage Deutschland Menge Menge € Abb. 21.5: Normale Reaktion der Handelsbilanz $ Importnachfrage USA (= Exportangebot Deutschland)1,33 2 60 70 6 4 26,25 Importnachfrage Deutschland Menge Menge € Wechselkurs (Preisnotierung): 1,5 €/US-$ Exporte Importe Menge 70 (+ 16,7%) Menge 26,25 (–12,5%) Preis (€) 2 Preis (€) 6 (+ 50%) Preis (US-$) 1,33 (–33%) Preis (US-$) 4 Elastizität 0,5 Elastizität 0,25 Wert in € 140 Wert in € 157,5 Außenbeitrag in €: –17,5 (anormale Reaktion) Reaktion der Handelsbilanz bei geringen Nachfrageelastizitäten 30 Abb. 21.6: Anormale Reaktion der Handelsbilanz Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 658 Teil V Außenhandel, Devisenmarkt und offene Volkswirtschaft658 Fassen wir zusammen: Bei einer normalen und preiselastischen Reaktion der Ex- und Importnachfrage ist auf eine Abwertung der Inlandswährung mit einer Zunahme des Exportwertes und mit einer Abnahme des Importwertes zu rechnen, so dass sich eine Tendenz zur Verbesserung des Außenbeitrages ergibt (Abb. 21.7). Insofern kann sich eine Abwertung positiv auf die inländische Konjunktur auswirken. Die Wettbewerbschancen für exportorientierte Unternehmen verbessern sich. Gleichzeitig führt der Rückgang der Importe zu einer geringeren Importkonkurrenz auf dem Inlandsmarkt. Aus beiden Effekten könnten positive Beschäftigungsimpulse für das Inland entstehen. Dieser Sachverhalt führte in der Vergangenheit dazu, dass Länder eine bewusste Abwertung ihrer Währung hinnahmen, um die Exporte zu stimulieren und den Außenbeitrag zu verbessern. Im Extrem kann sogar ein Abwertungswettlauf zwischen Ländern einsetzen. Obwohl eine Abwertung kurzfristige Erfolge für den Export verspricht, dürfen die Nachteile nicht aus den Augen verloren werden. Sie resultieren vor allem aus zusätzlichen Inflationsimpulsen aus dem Ausland. Ursächlich ist eine Erhöhung der Importpreise, die bei preisunelastischer Importgüternachfrage die Produktionskosten und infolge einer Überwälzung auf die inländischen Verbraucher auch das Inlandspreisniveau steigen lässt. Auch Exportgüter können sich verteuern, wenn in ihnen ein hoher Anteil importierter Vorleistungen enthalten ist. Dynamische Analyse: Der J-Kurven Effekt Wie hoch die Nachfrageelastizitäten sind und welche Reaktion der Handelsbilanz in Reaktion auf eine Wechselkursveränderung zu erwarten ist, ist letztendlich eine empirische Frage. Untersuchungen deuten darauf hin, dass die Nachfrageelastizitäten in kurzer Frist deutlich kleiner sind als in der langen Frist. Dies ist z. B. darauf zurückzuführen, dass sich Kaufgewohnheiten nur langsam ändern oder vertragliche Verein- Abwertung des € €-Importpreise steigen Importausgaben sinken US-$-Exportpreise sinken Exporterlöse steigen Handelsbilanz verbessert sich Importkonkurrenz sinkt Inlandspreise steigen Kosten der Unternehmen steigen Auslastung Inlandsproduktion steigt Beschäftigung im Inland steigt Auslastung Exportwirtschaft steigt = tendenziell vorteilhaft für das Inland = tendenziell nachteilig für das Inland Vor- und Nachteile einer €-Abwertung Abb. 21.7: Auswirkungen einer Abwertung des € Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 659 Kapitel 21: Übertragungswege in der offenen Volkswirtschaft 659 barungen im Außenhandel bestehen. Mengenreaktionen erfolgen dann langsamer als Preisreaktionen. Daraus resultiert ein zeitlich differenzierter Wirkungsablauf einer Wechselkursveränderung. Eine Abwertung bewirkt zunächst (in der Periode t = 1) nur einen (negativen) Preiseffekt, während Mengenreaktionen nicht oder nur relativ gering zum Tragen kommen. Es kommt zu einer anormalen Reaktion. In der Folgezeit kann sich jedoch der Mengeneffekt allmählich entfalten und dem Preiseffekt entgegenwirken, so dass sich die Handelsbilanz normalisiert. Diese Reaktion wird aufgrund des Verlaufs als J-Kurven Effekt bezeichnet und dauert im Allgemeinen sechs bis zwölf Monate (Abb. 21.8). Im Fall einer Aufwertung der heimischen Währung kann sich ein Spazierstock-Effekt ergeben. Wechselkurse und Wettbewerbsverhältnisse auf den Märkten Wir haben bisher unterstellt, dass sich Wechselkursveränderungen unmittelbar in den Verkaufspreisen der jeweiligen Güter niederschlagen, also z. B. im Fall einer Aufwertung des Euro gegenüber dem US-$ die Exportpreise in US-$ steigen und die Importpreise in € sinken. Dieser Sachverhalt wird als vollständiger „exchange rate pass through“ bezeichnet. Im Fall des sogenannten pricing to market bleiben die Import- und Exportpreise hingegen unverändert (Tab. 21.1). Im Fall eines pass-through werden bei einer Aufwertung wechselkursbedingte Verteuerungen der Exportgüter an den Kunden weitergegeben. Das damit verbundene Risiko des Verlusts an Marktanteilen ist gering, wenn die Konkurrenz gering ist bzw. nicht-preisliche Faktoren eine große Rolle bei der Kaufentscheidung spielen. Sind die Konkurrenz groß und die Nachfrage elastisch, dürfte eine vollständige Überwälzung kaum möglich sein. Das Unternehmen muss Preiszugeständnisse machen und kann im Extrem vollständig auf eine Preiserhöhung verzichten, was dann zu einer Reduzierung der Erlöse und Gewinne führt. Diese Strategie des pricing to market führt dazu, dass das Exportvolumen eher unelastisch auf Wechselkursveränderungen reagiert. Dies kann zumindest temporär sinnvoll sein, wenn Marktanteile gesichert werden. Ein weiterer Grund liegt in der Heftigkeit und der Häufigkeit von Wechselkursänderungen. Nicht immer ist es sinnvoll oder Abwertungszeitpunkt 1 2 Zeit 70 0 –17,5 Handelsbilanzsaldo Aufgrund von kurzfristig trägen Kaufgewohnheiten oder von Verträgen verändern sich Mengen nur langsamer als Preise. Eine normale Reaktion der Handelsbilanz tritt erst mit einer Zeitverzögerung ein. Reaktion der Handelsbilanz, wenn sich Mengen langsamer als Preise verändern Abb. 21.8: J-Kurven-Effekt Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 660 Teil V Außenhandel, Devisenmarkt und offene Volkswirtschaft660 möglich, unmittelbar mit entsprechenden Preisreaktionen zu antworten. Erst im Fall dauerhaft eingestufter Wechselkursveränderungen dürften die Anbieter entsprechende Preiskorrekturen vornehmen. Letztendlich läuft diese Situation auf eine internationale Preisdifferenzierung hinaus, die zur Güterarbitrage z. B. in Form von Re-Importen führen. Betrachten wir folgendes Beispiel: In Deutschland kostet ein PKW eines Automobilherstellers 40.000 €. Der Wechselkurs sei aktuell 1,3 US-$/€. In den USA kostet das Auto folglich 52.000 US-$ (40.000 € × 1,3 US-$/€). Bei diesem Wechselkurs hat das Unternehmen in beiden Ländern einen guten Umsatz erzielt. Nehmen wir an, der Wechselkurs verändert sich ein halbes Jahr später auf 1,16 US-$/€, d. h. der Euro hat abgewertet. Somit sinkt der Preis in den USA auf 46.400 US-$. Das deutsche Unternehmen kann sich dann entscheiden, ob es den alten Preis von 52.000 US-$ beibehält und einen zusätzlichen Gewinn von 5.600 US-$ je PKW erzielt, oder ob es den Preis reduziert und durch eine höhere Absatzzahl Umsatz und Gewinn steigert. Für den Käufer stellt sich die Frage, ob es vorteilhafter ist im Inland oder im Ausland zu kaufen. Im Kern entspricht diese Frage der Betrachtung des realen Wechselkurses (wreal). Wir betrachten dazu folgende Abgrenzung (in Preisnotierung) (1) Verkaufspreis im Ausland Wechselkurs in Preisnotierung Verkaufspreis im Inland realw = × Bezogen auf unser Zahlenbeispiel bedeutet dies in der Ausgangssituation: (2) (52.000 US-$ /40.000 €) × (1 € /1,3 US-$) = 1 Im Beispiel ist der reale Wechselkurs Eins. Dies bedeutet, dass der Käufer keinen Verlust oder Gewinn macht, egal in welchem Land er kauft. Die Kaufkraftparitätentheorie ist erfüllt. Nehmen wir nun an, das deutsche Unternehmen senkt den Preis in den USA auf 49.000 US-$. In diesem Fall würde der Käufer mit den kalkulierten 40.000 € zur Bank gehen und diese in 52.000 US-$ tauschen. Er würde den realen Wechselkurs als Kaufkriterium zu Rate ziehen. Dieser ist gegeben durch: (3) (49.000 US-$ /40.000 €) × (1 € /1,3 US-$) = 0,94 Ist der reale Kurs kleiner als 1, lohnt sich ein Kauf im Ausland. Der Käufer erzielt einen Gewinn von 3.000 US-$. Nach der Abwertung des Euro sieht die Situation jedoch anders aus: (4) (49.000 US-$ /40.000 €) × (1 € /1,16 US-$) = 1,06 Jetzt liegt der reale Kurs über 1, so dass ein Kauf im Inland ratsam erscheint. Eine nominale Auf- oder Abwertung führt also dazu, dass sich die Gewinnmargen verschlechtern Tab. 21.1: Pass-through-Effekt von Wechselkursen Aufwertung des Euro Importpreise in € Exportpreise in $ Folgen vollständiges pass-through sinken steigen vollständige Weitergabe der Wechselkursveränderung an die jeweiligen Verkaufspreise unvollständiges pass-through (pricing to market) konstant konstant Erlöse der Exporteure sinken (Ziel: Stabilisierung von Marktanteilen); Zusatzgewinne bei ausländischen Lieferanten/Importeuren Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 661 Kapitel 21: Übertragungswege in der offenen Volkswirtschaft 661 oder verbessern. Um den Einfluss der Wechselkursschwankungen zu entgehen, wenden viele Unternehmen daher die Strategie des pricing to market an. Diese Preisdifferenzierung ist jedoch nur dann möglich, wenn die Transportkosten entsprechend hoch sind oder eine Güterarbitrage durch nationale Anforderungen zusätzlich verteuert wird (z. B. Nachrüstung von Fahrzeugen). Hier ist gleichzeitig „Fingerspitzengefühl“ gefordert. Ist die Preisdifferenzierung zu groß, öffnen sich Türen für Reimporte. Bietet unser Händler den PKW in Deutschland für 40.000 € und in den USA für umgerechnet 35.000 € an, können Reimporteure dieses „originalverpackt“ wieder nach Deutschland zurückführen. Bei einem Verkaufspreis von 38.000 € in Deutschland entstehen Verluste von 2.000 €. Durch Schaffung eines Preiskorridors, der Verkaufspreise im relativ teureren Land senkt und im relativ billigeren Land erhöht, kann der gewinnbringende Reimport erschwert werden. Schlagwörter •• Wechselkursmechanismus •• Export-, Importwert •• Preiselastizitäten •• normale Reaktion •• anormale Reaktion •• Marshall-Lerner Bedingung •• J-Kurven-, Spazierstock-Effekt •• Abwertungswettlauf •• exchange rate pass through •• pricing to market 21.2 Internationaler Preisverbund 21.2.1 Kaufkraftparitätentheorie Angenommen es gibt in den USA und in Deutschland nur das Gut Brot. Ein US-Amerikaner verdient im Monat 3.600 US-$ und der Preis für ein Brot beträgt 2 US-$. Er kann sich also 1.800 Brote kaufen. Ein Deutscher verdient 3.000 €, was bei einem nominellem Wechselkurs von 1,2 US-$/€ einem Einkommen von umgerechnet 3.600 US-$ entspricht. Diese Betrachtung verleitet zur Aussage, dass der Deutsche genau so reich ist wie der US-Amerikaner. Die Aussage ist jedoch zu relativieren, da sie die Kaufkraft nicht berücksichtigt. Angenommen, ein Brot kostet in Deutschland 2 €. Dafür können also nur 1.500 Brote und nicht 1.800 Brote wie in den USA gekauft werden. Ein Deutscher kann in Deutschland 300 Brote weniger kaufen als ein US-Amerikaner in den USA. Wenn wir von Transportkosten und Zöllen absehen, würde es in diesem Beispiel für einen Deutschen ökonomisch sinnvoll sein, das Brot in den USA zu bestellen. Nach Umrechnung mit dem Wechselkurs von 1,2 US-$/€ würde das deutsche Brot 2,40 US-$ und das amerikanische Brot 1,67 € kosten. Der kaufkraftbereinigte Wechselkurs ergibt sich demgegenüber auf der Grundlage des Gesetzes der Preisunterschiedslosigkeit (law of one price). Es besagt, dass auf Wettbewerbsmärkten vergleichbare handelbare Güter ausgedrückt in Einheiten derselben Währung zu einem einheitlichen Preis angeboten werden. Der kaufkraftbereinigte Wechselkurs müsste demnach 1,0 US-$/€ betragen. Der Euro ist in diesem Beispiel also aktuell überbewertet. In diesem Fall würde auch deutlich, dass der Monatsverdienst des Deutschen geringer ist als der des US-Amerikaners. Das Gesetz der Preisunterschiedslosigkeit beruht auf der Kaufkraftparitätentheorie. Sie ist einer der ältesten Ansätze zur Erklärung von Wechselkursbewegungen. Sie geht zurück auf den schwedischen Ökonomen Gustav Cassel (1866–1945). Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 662 Teil V Außenhandel, Devisenmarkt und offene Volkswirtschaft662 Big Mac-Index Ein bekannter Test zur Überprüfung des Gesetzes der Preisunterschiedslosigkeit ist der Big Mac-Index, der seit 1986 vom britischen Wirtschaftsmagazin „The Economist“ veröffentlicht wird. Er vergleicht die Preise für dieses „globale“ Gut in unterschiedlichen Ländern. Der Kaufkraftparitätenkurs ist erfüllt, wenn sich die Preise der Güter und die Wechselkurse so angleichen, dass das Gesetz der Preisunterschiedslosigkeit erfüllt ist. Die Betrachtung unterschiedlicher Preise für ein als homogen betrachtetes Gut gibt dann Hinweise auf eine mögliche Über- bzw. Unterbewertung einer Währung. (Abb. 21.9). In der Praxis ist die Kaufkraftparität zwischen den weltweit nachgefragten Big Macs nicht erfüllt. Diese Abweichungen vom „law of one price“ sind nicht überraschend, denn der Big Mac ist nicht handelbar, wie es unterstellt wird. Zudem werden die nationalen Preise durch Handelsbarrieren, Steuern, unterschiedliche Gewinnspannen und Betriebskosten verfälscht. Neben dem Big-Mac werden inzwischen auch andere, weltweit verfügbare Güter herangezogen, um vergleichbare Indizes zu bilden (z. B. Starbucks Milch-Kaffee, Coca-Cola oder der i-Pod von Apple). Absolute Kaufkraftparitätentheorie Mit der Erläuterung des Gesetzes der Preisunterschiedslosigkeit sind wir der absoluten Kaufkraftparität schon relativ nahe gekommen. Allerdings müssen wir unsere Betrachtung nicht nur auf ein Produkt, sondern auf einen Warenkorb richten. Das relative Preisniveau eines Warenkorbes entspricht bei Gültigkeit der absoluten Kaufkraftparität dem Wechselkurs (Box. 21.1). Sind Güter im Warenkorb eines Landes hingegen relativ zur Kaufkraftparität zu teuer, fällt die (Welt-)Nachfrage nach den Gütern und auch nach der Währung dieses Landes. Die Währung wertet ab und die Preise fallen. Es kommt zu einer Entwicklung in Richtung Kaufkraftparität. Das „Gesetz des einzigen Preises“ und die darauf aufbauende absolute Kaufkraftparitätentheorie basieren auf strengen Annahmen •• die Güter müssen handelbar sein, •• es dürfen keine Handelshemmnisse bestehen, •• es darf keine Transportkosten geben, •• die Güter müssen homogen sein. Big Mac – Preise und der „richtige“ Wechselkurs nominaler Wechselkurs gegenüber US-$ Preis eines Big Mac in Landeswährung USA – 2,50 US-$ EWU 0,8 €/US-$ 2,50 € Mexiko 2,5 Peso/US-$ 5 Peso Mexiko KKP-Kurs 5 Peso/2,5US-$ = 2 Peso/US-$ Abweichung Unterbewertung des Peso um 25% EWU KKP-Kurs 2,50 €/2,5US-$ = 1 €/US-$ Abweichung Überbewertung des € um 20% Abb. 21.9: Big Mac-Index Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 663 Kapitel 21: Übertragungswege in der offenen Volkswirtschaft 663 Offensichtlich werden diese Bedingungen nur für die wenigsten Güter erfüllt (Abb. 21.10): •• Nicht alle Güter sind handelbar. Während z. B. PKW, Bücher oder Weizen auf der ganzen Welt verkauft werden können, ist diese Bedingung bei Dienstleistungen nur eingeschränkt erfüllt. •• Einzelne Wirtschaftssektoren, die handelbare Güter herstellen, sind durch protektionistische Maßnahmen geschützt (z. B. Agrarprodukte). •• Sofern die Güter transportiert werden müssen, fallen Transportkosten an. •• Nur wenige Güter sind vollkommen homogen. Auch bei handelbaren Gütern (z. B. PKW) gibt es selbst zwischen ähnlich entwickelten Ländern Preisunterschiede. Ursächlich sind u. a. die Produktivitätsunterschiede bei der Herstellung der PKW oder die gezielte Marktsegmentierung oder Preisdifferenzierung durch Anbieter (vgl. Beispiel VW-Golf in Deutschland und VW-Rabbit in den USA). Preise weichen nicht nur absolut, sondern auch relativ voneinander ab. Ursächlich sind z. B. unterschiedliche Produktionskosten. So können einige Länder aufgrund ihrer Ressourcenausstattung Güter günstiger herstellen. Zu berücksichtigen bleiben schließlich unterschiedliche Präferenzen und Einkommensverhältnisse der Konsumenten. Relative Kaufkraftparitätentheorie Da die absolute Kaufkraftparitätentheorie empirisch nicht haltbar ist, wird der Ausweg über die relative Kaufkraftparitätentheorie gesucht. Hier wird nicht der Wert des Wechselkurses mittels der Preisniveaus erklärt, sondern die relative Veränderung des Wechselkurses durch die Differenz der Inflationsraten im In- und Ausland. Liegt z. B. die Inflationsrate in den USA bei 6 % und in der EWU bei 2 %, wertet sich der Euro bei einem Ausgangskurs von 1,25 €/US-$ auf 1,20 €/US-$ um 4 % gegenüber Box 21.1: Kaufkraftparität: Inflationsdifferenzen als Bestimmungsgröße des Wechselkurses absolute Kaufkraftparität (hier in Preisnotierung) (1) w = PInland / PAusland relative Kaufkraftparität (2) Δw = pInland – pAusland Hintergrund: Langfristig zeigt sich, dass Länder mit geringer Inflation eine Aufwertung ihrer Währung erfahren und Inflationsländer entsprechend abwerten. Bitte achten Sie bei dieser Aussage stets auf die Notierung der Wechselkurse. Gesetz des einzigen Preises Einschränkungen (Beispiele) (1) handelbares Gut z. B. einige Dienstleistungen (2) keine Handelshemmnisse Marktabschottung, Protektion (3) keine Transportkosten in der Regel nicht erfüllt (4) homogenes Gut Präferenzen der Verbraucher, Produktdifferenzierung der Unternehmen Das Gesetz des einzigen Preises gilt nur unter restriktiven Bedingungen Abb. 21.10: Einschränkungen der Kaufkraftparitätentheorie Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 664 Teil V Außenhandel, Devisenmarkt und offene Volkswirtschaft664 dem US-$ auf (Abb. 21.11). Dieses Ergebnis erscheint plausibel. Steigt im Ausland (USA) das Preisniveau stärker, so ziehen die dortigen Konsumenten den Kauf importierter Güter vor bzw. die inländischen Konsumenten weichen verstärkt auf heimische Güter aus. Die verstärkte Nachfrage nach inländischer Währung und das größere Angebot an ausländischer Währung führen zu einer Aufwertung der Inlands- und zu einer Abwertung der Auslandswährung. Die Währung eines relativ preisstabileren Landes wird sich also gegenüber inflationsanfälligen Währungen aufwerten. Dieser Sachverhalt hat auch Konsequenzen für die Währungspolitik eines Landes: •• Eine Notenbank kann sich dafür entscheiden, ihren Wechselkurs gegenüber der Währung eines anderen Landes stabil zu halten. In diesem Fall wäre Dw = 0 und die Inflationsrate wird vom Wechselkurs bestimmt. Dieser Mechanismus wird als direkter internationaler Preiszusammenhang bezeichnet. •• Im Fall flexibler Wechselkurse sorgt der Wechselkurs hingegen für einen Ausgleich der nationalen Inflationsraten. Empirische Analysen zeigen, dass die relative Kaufkraftparitätentheorie nur längerfristig gilt. Oft ist dann zuverlässig nicht mehr zu ermitteln, ob die Wechselkurse tatsächlich von den Inflationsraten bestimmt worden sind oder ob umgekehrt starke Wechselkursveränderungen zu entsprechenden Reaktionen der nationalen Inflationsraten geführt haben. Auffällig bei der Betrachtung empirischer Daten ist, dass vor allem in Entwicklungsländern eine starke Abweichung des offiziellen Wechselkurses von der Kaufkraft festzustellen ist. Besonders Touristen bemerken die dortige Unterbewertung der Währung recht deutlich, da sie sich im Urlaub oft mehr „leisten“ können als im Inland. Balassa-Samuelson-Effekt Die relative Kaufkraftparitätentheorie unterstellt, dass Preissteigerungen bzw. -senkungen bei allen Gütern des Warenkorbes in etwa parallel verlaufen, unabhängig Die relative Kaufkraftparität vergleicht Inflationsraten Kurs t0= 1,25 €/$ P = 100 P = 100 Kurs t1= 1,20 €/$ Wechselkursänderungen sind eine Folge von Inflationsdifferenzen. [Δw = πEWU – πUSA]. Die preisstabilere Währung wertet um den Prozentsatz der Inflationsdifferenz auf. [Hinweis: in Mengennotierung ausgedrückt würde gelten: Δw = πUSA – πEWU; 6% - 2% = 4%; der Wechselkurs steigt damit von 0,8 $/€ auf 0,832 $/€) P = 106; π = 6% P = 102; π = 2% Aufwertung € um 4% Abb. 21.11: Relative Kaufkraftparität Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 665 Kapitel 21: Übertragungswege in der offenen Volkswirtschaft 665 davon, ob diese Güter international gehandelt werden oder nicht. Die Inflationsrate der handelbaren Güter ist demnach gleich der Inflationsrate der nicht-handelbaren Güter und damit der allgemeinen Preissteigerungsrate. In Arbeiten von Bela Belassa und Paul Samuelson wird strikt nach diesen beiden Güterkategorien unterschieden. Dies ist insofern sinnvoll, da die Kaufkraftparitätentheorie nur für handelbare Güter Gültigkeit beanspruchen kann. Ausgangspunkt der Überlegung von Balassa ist, dass Entwicklungsländer bei handelbaren Gütern (tradeables) in der Regel eine geringere Arbeitsproduktivität aufweisen als Industrieländer (Tab. 21.2). Bei nicht handelbaren Gütern (non tradeables) gibt es hingegen keine oder nur sehr geringe Produktivitätsunterschiede. Dies gilt vor allem für arbeitsintensive Güter, z. B. der Gang zum Friseur oder die Fahrt mit dem Taxi. Die Löhne werden nach dieser Argumentation im Sektor der handelbaren Güter bestimmt. Bei unterstellter Mobilität der Arbeitskräfte gibt es jedoch keine Abweichungen zum Sektor der nicht handelbaren Güter. Bei niedrigen Löhnen und gleicher Produktivität sind die Preise für nicht handelbare Güter in armen Ländern deutlich geringer als in reichen Ländern. Auch das durchschnittliche Preisniveau liegt dann in armen Ländern unterhalb des Niveaus in reichen Ländern. Für Touristen aus einem reichen Industrieland erscheinen die nicht handelbaren Güter in einem Entwicklungsland preiswerter. Da die Kaufkraftparitätentheorie nur bei handelbaren Gütern gilt, bleibt das niedrigere Preisniveau der Entwicklungsländer bestehen und ihre Währungen sind unterbewertet. Samuelson unterstellt, dass ärmere Länder im Zuge der wirtschaftlichen Entwicklung vor allem im Sektor der handelbaren Güter Produktivitätszuwächse erzielen (Tab. 21.3). Dies führt in der Folge zu entsprechenden Zuwächsen der Löhne. Die Preise steigen hingegen kaum, da die Lohnsteigerungen durch das Produktivitätswachstum ausgeglichen werden. Die höheren Löhne werden aber auch im Sektor nicht handelbarer Güter gezahlt, da sonst Arbeitnehmer dieses Sektors in den handelbaren Sektor wechseln würden. Im Sektor der nicht handelbaren Produkte herrscht jedoch kein vergleichbares Produktivitätswachstum, so dass die steigenden Kosten über Preissteigerungen kompensiert werden müssen. Demnach ist eine insgesamt höhere Inflationsrate als Folge eines ökonomischen Aufholprozesses wahrscheinlich. Tab. 21.2: Balassa-Samuelson-Effekt Land Autos (handelbar) Frisuren (nicht handelbar) reiches Land Produktivität: 25; Löhne: 50 Lohnstückkosten: 50/25 = 2 Produktivität: 10; Löhne: 40 Lohnstückkosten: 40/10 = 4 armes Land Produktivität: 10; Löhne: 10 Lohnstückkosten: 10/10 = 1 Produktivität: 10; Löhne: 10 Lohnstückkosten: 10/10 = 1 Tab. 21.3: Balassa-Samuelson-Effekt im wirtschaftlichen Aufholprozess Land Autos (handelbar) Frisuren (nicht handelbar) reiches Land Produktivität: 30; Löhne: 60 Lohnstückkosten: 60/30 = 2 Produktivität: 12; Löhne: 48 Lohnstückkosten: 48/12 = 4 armes Land Produktivität: 20; Löhne: 20 Lohnstückkosten: 20/20 = 1 Produktivität: 12; Löhne: 20 Lohnstückkosten: 20/12 = 1,67 Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 666 Teil V Außenhandel, Devisenmarkt und offene Volkswirtschaft666 Beide Effekte lassen sich empirisch gut belegen und werden von den meisten Ökonomen als Faktum akzeptiert. Von wirtschaftspolitischer Bedeutung ist der Samuelson- Effekt, u. a. im Kontext der EU-Erweiterung. Nehmen wir an, zwei Brüder arbeiten in zwei Beitrittsländern der EU. Ein Bruder arbeitet in einer Automobilfabrik, der andere Bruder als Frisör. Die Automobilfirma arbeitet mit westeuropäischen Unternehmen zusammen und wird durch Technologietransfer auf international konkurrenzfähiges Niveau gebracht. Entsprechend steigt die Produktivität des ersten Bruders, der seine Arbeitskraft nun mit einem modernen Kapitalstock und moderner Technologie kombiniert. Mit der Produktivität steigt auch der Lohn der Beschäftigten der Fabrik. Der Frisör dagegen als Hersteller eines nicht international handelbaren Gutes nimmt an der Produktivitätssteigerung zunächst nicht teil. Damit er relativ zu seinem Bruder in der Einkommenshierarchie nicht zu weit zurückfällt und in der Volkswirtschaft weiterhin Menschen im Sektor der nicht-handelbaren Güter zu arbeiten bereit sind, verlangt er ebenfalls eine Lohnsteigerung. Mangels Produktivitätssteigerung muss der Inhaber des Friseurgeschäfts die Lohnsteigerung in Form höherer Preise an seine Kunden weitergeben. Produktivitätssteigerungen im Sektor der handelbaren Güter (Autos) führen nachfolgend zu Preissteigerungen im Sektor der nicht handelbaren Produkte (Haarschnitt). Solange der Sektor der handelbaren Güter wirtschaftlich floriert, ist eine Lohnanpassung im Bereich der nicht handelbaren Güter – und damit bei den Dienstleistungen – möglich. Schlagwörter •• Big-Mac Index •• absolute Kaufkraftparitätentheorie •• relative Kaufkraftparitätentheorie •• Balassa-Samuelson-Effekt 21.2.2 Reale Wechselkurse In den Medien wird täglich über nominelle Wechselkurse berichtet. Überwiegend wird hier auf die Mengennotierung Bezug genommen. Zentral für die Entscheidung, in- oder ausländische Güter zu kaufen ist aber nicht der nominelle, sondern der reale Wechselkurs (vgl. Box 21.2). Zwei Definitionen sind üblich: •• Der reale Wechselkurs ist der Preis inländischer Güter in Einheiten ausländischer Güter. •• Der reale Wechselkurs ist der Preis ausländischer Güter in Einheiten inländischer Güter. Box 21.2: Reale Wechselkurse: Eine wichtige Orientierungsgröße der internationalen Wettbewerbsfähigkeit In Mengennotierung gilt: (1) e = wn × (PInland /PAusland) In Wachstumsraten (W) ausgdrückt gilt: (2) We = Wwnominal + (WPInland – WPAusland) Bei strenger Gültigkeit der Kaufkraftparität gilt für den realen Wechselkurs in Gleichung (1) der Wert Eins bzw. in Gleichung (2) der Wert Null. Hintergrund: Der reale Wechselkurs (e) setzt drei Grö- ßen in Beziehung: • den nominalen Wechselkurs, • das inländische Preisniveau, • das ausländische Preisniveau. Der reale Wechselkurs ist ein relativer Preis zwischen inländischen und ausländischen Gütern. Reale Auf- und Abwertungen des realen Wechselkurses verändern die preisliche Wettbewerbssituation einer Volkswirtschaft. Bitte achten Sie immer stets auf die Notierung der Wechselkurse! Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 667 Kapitel 21: Übertragungswege in der offenen Volkswirtschaft 667 Der reale Wechselkurs ist also ein relativer Preis. Wir wollen uns den Preis der inländischen Güter in Einheiten ausländischer Güter anhand eines Beispiels verdeutlichen (Abb. 21.12). Der Preis der inländischen Güter in Euro sei PInland. Wir multiplizieren PInland anschließend mit dem Wechselkurs, hier ausgedrückt in Mengennotierung als [US-$/€]. Wir erhalten dann den Preis der deutschen Güter in ausländischer Währung, abgekürzt: wn × PInland. Drückt man diese Größe in Relation zum den Preis der US-Güter in Dollar (PAusland), erhält man den realen Wechselkurs: e = wn × (PInland / PAusland). Betrachten wir ein Zahlenbeispiel: •• Deutschland exportiert PKW im Wert von jeweils 50.000 € in die USA. •• USA exportiert Erdöl nach Deutschland im Wert von 50 US-$ pro Barrel. •• Der nominelle Wechselkurs ist 1,2 US-$/€. Der reale Wechselkurs als Preis eines deutschen PKW in Einheiten von US-Erdöl errechnet sich als: e = (1,2 US-$/€) × (50.000 €/PKW) / (50 US-$ je Barrel) = 1.200 (Barrel/ PKW). Normalerweise werden zwischen Ländern nicht zwei, sondern viele Güter gehandelt. Die Größe P ist daher keine absolute Größe, sondern ein Index (z. B. der BIP-Deflator). Auch der reale Wechselkurs wird als Index ausgewiesen, der im Basisjahr auf 1 bzw. 100 normiert wird. Auf diese Weise lassen sich dann Veränderungen des realen Wechselkurses interpretieren. Wenn z. B. der reale Wechselkurs zwischen Deutschland und den USA um 10 % steigt, so bedeutet dies, dass deutsche Güter im Vergleich zu den US-Gütern um 10 % teurer geworden sind. Wir sprechen von einer realen Aufwertung. Real bedeutet, dass wir uns auf Veränderungen der relativen Preise von Gütern und nicht auf Veränderungen der nominalen Wechselkurse beziehen. Umgekehrt bedeutet eine reale Abwertung, dass inländische Güter in Relation zu den ausländischen Gütern relativ billiger werden. In diesem Fall verbessert sich also die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der inländischen Güter auf internationalen Märkten. Wir können nun ausgehend von unserem obigen Zahlenbeispiel erkennen, dass eine reale Aufwertung auf Veränderungen des nominalen Wechselkurses und der in- und ausländischen Preise, d. h. auf drei Sachverhalte, zurückzuführen ist (für eine reale Abwertung gelten analoge Überlegungen; Tab. 21.4). Wenn sich der Wechselkurs und die Preisrelationen in die gleiche Richtung bewegen, ist der Effekt auf den realen Wechselkurs eindeutig. Ist dieses nicht der Fall ist der dominante Effekt entscheidend. Realer Wechselkurs als relativer Preis Preis von deutschen Gütern in €: PInland Preis von deutschen Gütern in US-$: wn PInland Preis von US-Gütern in US-$: PAusland Preis von deutschen Gütern in Einheiten von US-Gütern: ε = wn (Pinland/PAusland) Abb. 21.12: Reale Wechselkurse Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 668 Teil V Außenhandel, Devisenmarkt und offene Volkswirtschaft668 Terms of trade Der reale Wechselkurs wird oft mit den realen Austauschverhältnissen (terms of trade) gleichgesetzt. Diese Gleichsetzung ist nur bedingt richtig (Abb. 21.13): •• Bei der Berechnung der realen Wechselkurse fließen in die Größe P alle Güter ein (der BIP-Deflator umfasst handelbare und nicht handelbare Güter). Reale Wechselkurse sind ein Preisverhältnis der Warenkörbe und ein Maß der preislichen Wettbewerbsfähigkeit. •• Die terms of trade stellen nur auf die handelbaren Güter ab. Gefragt wird danach, wie viele Importguteinheiten für eine Einheit eines Exportgutes zu erhalten sind. Sie werden gemessen als Preisverhältnis der Exportgüter zu den Importgütern und zwar in einer Währung. Sie sind eine Art Wohlfahrtsmaß. Betrachten wir dazu unser Beispiel, das mit PKW und Erdöl zwei handelbare Güter umfasst. Ausgedrückt in € betragen die terms of trade (T.o.T): (1) Exportpreis PKW in € / (Importpreis Erdöl in US-$ × Wechselkurs (€/US-$)) = 50.000 € / (50 US-$ × (0,833 €/US-$)) = 1.200 Wir können also für einen exportierten PKW 1.200 Barrel Erdöl einkaufen. Betrachten wir nun eine Aufwertung des € auf 0,8 €/US-$ (in Mengennotierung entspricht dies 1,25 US-$/€): (2) Exportpreis PKW in € / (Importpreis Erdöl in US-$ × Wechselkurs (€/US-$)) = 50.000 € / (50 US-$ × (0,8 €/US-$)) = 1.250 Eine nominale Aufwertung führt also zu einer Verbesserung der terms of trade. Der gleiche Sachverhalt tritt ein, wenn die Preise der Importgüter langsamer als jene der Exportgüter steigen, d. h. eine reale Aufwertung vorliegt. Eine real aufwertende Währung zeichnet sich zwar durch eine höhere Kaufkraft gegen- über dem Ausland aus, gleichzeitig verringert sich jedoch die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der inländischen Wirtschaft, da die inländischen Güter ausgedrückt in ausländischen Gütern teurer werden. Die Veränderung der terms of trade, die in der Praxis als Index von Exportpreisen zu Importgüterpreisen ausgewiesen werden, hängt nicht nur den Wechselkursen, sondern u. a. auch von der Entwicklung der Weltmarktpreise sowie den Preiselastizitäten für Export- und Importgütern im In- und Ausland ab. Die Entwicklung der terms of trade zwischen zwei Zeitpunkten wird als ein Anzeichen Tab. 21.4: Zahlenbeispiel zur realen Aufwertung einer Währung Sachverhalt Zahlenbeispiel: reale Aufwertung Interpretation nominelle Aufwertung: wn steigt von 1,2 US-$/€ auf 1,5 US-$/€ ε = = 1,5 US-$/€ × 50.000 €/PKW 1.500 50 US-$ je Barrel Man erhält pro Einheit der Inlandswährung mehr von der ausländischen Währung. ausländischer Preis (PAusland) sinkt ε = = 1,2 US-$/€ × 50.000 €/PKW 1.500 40 US-$ je Barrel Für eine gegebene Menge inländischer Güter können mehr ausländische Güter erworben werden. inländischer Preis (PInland) steigt ε = = 1,2 US-$/€ × 62.500 €/PKW 1.500 50 US-$ je Barrel Eine gegebene Menge inländischer Güter ist in inländischer Währung mehr wert. Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 669 Kapitel 21: Übertragungswege in der offenen Volkswirtschaft 669 wohlstandsmehrender oder -mindernder Wirkungen des Außenhandels eines Landes oder einer Ländergruppe gewertet. Eine Verschlechterung der terms of trade bedeutet, dass eine Volkswirtschaft für den Kauf der gleichen Menge Importgüter mehr an Exportgütern absetzen muss und dass die relativ teuren Importe die Binnennachfrage durch einen Entzug an Kaufkraft schmälern. Dies war in der Vergangenheit in Deutschland z. B. aufgrund der gestiegenen Ölpreise der Fall. Nehmen Sie an, in Gleichung (1) verdoppelt sich der Importpreis für ein Barrel Erdöl von 50 US-$ auf 100 US-$. Dies würde zu einer Halbierung der terms of trade führen: (3) Exportpreis PKW in € / (Importpreis Erdöl in US-$ × Wechselkurs (€/US-$)) = 50.000 € / (100 US-$ × (0,833 €/US-$)) = 600 Für ein wohlhabendes und exportstarkes Land wie die Bundesrepublik Deutschland ist eine Verschlechterung der terms of trade kein Grund zu anhaltender Sorge. Der Verlust von Wohlstand macht sich auf kurze Sicht nicht bemerkbar. Er kann unter Umständen durch günstigere Tauschverhältnisse mit neuen Gütern kompensiert werden. Für viele Entwicklungs- und Schwellenländer dagegen kann eine Verschlechterung der terms of trade ernsthafte Konsequenzen haben, denn im Kern wird über die Veränderung der Tauschverhältnisse das Welt-BIP umverteilt. Beispielsweise können rohstoffreiche Länder durch das Angebot eines unentbehrlichen und preisunelastischen Gutes (z. B. Erdöl) durch Preiserhöhungen und der dadurch verbesserten terms of trade einen größeren Teil des weltweiten Wohlstandes an sich ziehen. Ärmere Länder haben kaum eine Möglichkeit auszuweichen, wenn sie auf Öl als Energiequelle nicht verzichten können. Im Gegensatz zu reicheren Ländern haben sie dem verteuerten Öl auch nichts entgegenzusetzen, weil ihre Exportkraft mangels konkurrenzfähiger Güter zu schwach ist. Der zunächst abstrakte Begriff der terms of trade wird in einem solchen Fall schmerzlich konkret. Schlagwörter •• realer Wechselkurs •• terms of trade alle Güter nicht handelbare Güter realer Wechselkurs handelbare Güter Exportgüter Importgüter terms of trade (T.o.T.) Reale Austauschverhältnisse zwischen handelbaren Gütern Abb. 21.13: Reale Wechselkurse und terms of trade Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 670 Teil V Außenhandel, Devisenmarkt und offene Volkswirtschaft670 21.3 Internationaler Zinsverbund Gegenwärtig unterliegen die internationalen Finanzströme weitgehend keinen Beschränkungen. Anleger können kurz- und langfristiges Kapital relativ frei von einem Land in ein anderes transferieren. In der Regel sind sie bestrebt, möglichste hohe Erträge zu erzielen. Das Entscheidungskalkül lässt sich im Rahmen der Zinsparitätentheorie darstellen. Grundaussage ist, dass beobachtbare Zinsdifferenzen zwischen In- und Ausland solange durch Wechselkursanpassungen begleitet werden, bis sich die Ertragsraten der Kapitalanlagen einander angeglichen haben. Bei vollkommener Kapitalmobilität bedeutet dies, dass es keine Bewertungsunterschiede zwischen in- und ausländischen Wertpapieren gibt. 21.3.1 Gedeckte Zinsparität Die Zinsparität ist ein naher Verwandter der Kaufkraftparität. Sie hat zwar den Zusammenhang von Wechselkursen und Zinsen im Blick, baut jedoch ebenfalls auf dem Gesetz des einheitlichen Preises auf. Während bei der Kaufkraftparität ein Käufer beschrieben wird, der indifferent zwischen dem Kauf eines in- bzw. ausländischen Gutes ist, wird hier ein indifferenter Anleger beschrieben, der zwischen Kapitalanlagen zu entscheiden hat und sein Währungsrisiko durch ein Termingeschäft absichern will. Den Mechanismus der gedeckten Zinsparität haben wir bereits in Kap. 20 im Zusammenhang mit der Bildung eines Terminkurses auf dem Devisenmarkt kennengelernt. Wir können uns daher kurz fassen. Die gedeckte Zinsparität in allgemeiner Form lautet (Abb. 21.14): (1) (1 + iInland) = (1 + iAusland) × (w / wT) Für relativ kleine Zinssätze und Wechselkursänderungen können wir (1) ersetzen durch: (1) iInland = iAusland – (wT – w) / w Wir betrachten dazu ein Zahlenbeispiel: aktueller Wechselkurs in Mengennotierung: 1,30 US-$/€ Terminkurs nach einem Jahr in Mengennotierung: 1,275 US-$/€ Zins (Inland) 4 % Zins (Ausland) 2 % Anlagebetrag 1 Mio. € Eingesetzt in Gleichung (2) ergibt sich näherungsweise: 0,04 = 0,02 – (1,275 – 1,30)/1,30. Durch das höhere Zinsniveau im Inland wertet die Inlandswährung gegenüber der Auslandswährung ab. Die Zinsdifferenz von 2 % entspricht näherungsweise der Abwertungsrate des € gegenüber dem US-$: (1 – 0,02) × 1,30 US-$/€ = 1,275 US-$/€. Bei der gedeckten Zinsparität wird ein Wechselkursrisiko vermieden. Würde die gedeckte Zinsparität nicht gelten, so hätten die Wirtschaftssubjekte die Möglichkeit zur Währungsarbitrage, das heißt, sie könnten internationale Zinsdifferenzen zu ihrem Vorteil zur Gewinnerzielung nutzen. Zu unterscheiden sind also Terminkurs und der zukünftigen Kassakurs des Wechselkurses. Der Terminkurs steht zum heutigen Zeitpunkt fest, der zukünftige Kassakurs ist hingegen unbekannt. Die Frage, welchen Wechselkurs wir bei den gegebenen Marktbedingungen (Kassakurs, Zinssätze) erwarten können, ist Gegenstand der ungedeckten Zinsparität. Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 671 Kapitel 21: Übertragungswege in der offenen Volkswirtschaft 671 21.3.2 Ungedeckte Zinsparität Die ungedeckte Zinsparität greift das Prinzip des einheitlichen Preises auf und wendet es auf den Preis von Finanzprodukten an. In der Regel wird perfekte Kapitalmobilität unterstellt, so dass ein Anleger die Möglichkeit hat, ohne Transaktionskosten und ohne zeitliche Verzögerungen sein Portfolio umzuschichten. Wir stellen den Anleger vor die Wahl zwischen einer inländischen und ausländischen Anlage in der gleichen Risikoklasse. Der Anleger wird die Rendite beider Anlagen vergleichen und berücksichtigen, dass er Euro zum bekannten Kassakurs in US-$ tauschen und am Ende des Anlagezeitraums wieder in Euro zurücktauschen muss. Die erwartete Rendite muss aufgrund von Arbitragekräften identisch sein. Würde eine Anlage eine höhere Rendite versprechen, würde die steigende Nachfrage den Preis der Anlage erhöhen und dementsprechend die Rendite verringern. Diese Gleichheit führt zu der Erwartung, dass die Veränderung des Wechselkurses die Zinsdifferenzen der Anlagen kompensiert (Box 21.3). Box 21.3: Zinsparität – Zinsdifferenzen als Bestimmungsgröße des Wechselkurses (1) (1+iInland) = (1+iAusland) × (w/we) Eine häufig genutzte Annäherung von (1) ist: (2) iInland = iAusland – (we – w)/w Hintergrund: Die zentrale Grundannahme der Zinsparitätentheorie ist, dass die Anleger dort investieren, wo sie die größte Rendite erwirtschaften können. Verhalten sich Investoren dementsprechend, so wird in einem Zwei-Länder-Fall immer die Währung des attraktiveren Anlagestandorts aufgewertet. Die Zinsparitätentheorie in ihrer Grundstruktur betrachtet als Renditegrößen den Zins und die Wechselkurserwartungen. Zu unterscheiden sind die ungedeckte und die durch Termingeschäfte abgesicherte Zinsparität. Stellen Sie sich vor, dass Sie nach einer Erbschaft über 1 Mio. € verfügen, die Sie für 1 Jahr rentabel anlegen wollen. Sie können sich für eine Anlage im Inland entscheiden, die einen garantierten Ertrag pro Jahr abwirft. Der Ertrag der Inlandsanlage ist gegeben durch die Verzinsung dieser Anlage zum Inlandszins. Vielleicht werden Sie aber den Ertrag der Inlandsanlage mit einem möglichen Ertrag im Ausland vergleichen. Wenn Preise in Periode t = 0 Preise in Periode t = 1 inländischer Kapitalmarkt ausländischer Kapitalmarkt Termindevisenmarkt Kassadevisenmarkt iInland 4% w 1,30 US-$/€ wT 1,275 US-$/€ iAusland 2% 1 + iInland 1,04 bei Gleichheit besteht Zinsparität (1+ iAusland) × (w/wT) 1,02×(1,3/1,275) = 1,04 (1+ iAusland) × w = 1,326 Zinsparität und monetäre Märkte Abb. 21.14: Gedeckte Zinsparität Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 672 Teil V Außenhandel, Devisenmarkt und offene Volkswirtschaft672 Sie sich für eine Auslandsanlage in den USA entscheiden, müssen Sie berücksichtigen, dass Sie den Anlagebetrag in Höhe von 1 Mio. € zunächst zum Kassakurs in US-$ tauschen müssen. Darüber hinaus brauchen Sie Vorstellungen über die Höhe des erwarteten Wechselkurses nach einem Jahr, wenn Sie die Erträge der Kapitalanlage in US-$ wieder in € zurücktauschen. In ihr Entscheidungskalkül gehen damit vier Variable ein: •• der inländischen Kapitalmarktzins (iInland), •• der ausländischen Kapitalmarktzins (iAusland), •• der aktuelle Devisenkassakurs (w), •• der zum Zeitpunkt t+1 gültige Wechselkurs. Gehen wir beispielhaft von folgenden Daten aus: aktueller Wechselkurs in Mengennotierung: 1,30 US-$/€ erwarteter Kurs nach einem Jahr in Mengennotierung: 1,25 US-$/€ Zins (Inland) 4 % Zins (Ausland) 2 % Anlagebetrag 1 Mio. € Auf den ersten Blick erscheint die Inlandsanlage mit einer Verzinsung von 4 % rentabler als eine Auslandsanlage von 2 %. Zur Bewertung müssen wir jedoch den Wechselkurs berücksichtigen. Wir erwarten nach einem Jahr einen Wechselkurs von 1,25 US-$/€, d. h. eine Abwertung des €. Ihr Kalkül stellt sich wie folgt dar: (1) Umtausch von 1 Mio. € in 1 Mio US-$ in 1,3 Mio. US-$. (2) Investieren der US-$-Guthaben auf dem US-Geldmarkt zu einem Zinssatz von 2 % führt zu 1,326 Mio. US-$ nach einem Jahr. (3) Verkauf des US-$-Guthabens in € nach einem Jahr ergibt: 1,326 Mio. US-$/1,25 US- $/€ = 1,060.8 Mio. €. (4) Die Anlage im Inland erbringt nach einem Jahr nur 1,04 Mio. €. Allgemein kann man nach folgender Entscheidungsregel vorgehen: (5a) Betrag × (1 + Inlandszins) < (Betrag/Kassakurs) × (1 + Auslandszins) × erwarteter Kassakurs oder (5b) Inlandszins – Auslandszins < (erwarteter Kassakurs – Kassakurs)/Kassakurs Im Vergleich mit der Rendite aus der sicheren Inlandsanlage von 40.000 € würden Sie nach einem Jahr bei einer Anlage in den USA einen Gewinn von 60.800 € erzielen. Die Rendite der Auslandsanlage beträgt rund 6,1 %, die sich näherungsweise zusammensetzt aus der Verzinsung von 2 % sowie der erwarteten Wechselkursänderung, die hier zu einem Währungstauschgewinn von rund 4 % führt (Abb. 21.15). Ein lohnendes Geschäft. Es ist naheliegend, dass die vorherige Überlegung stark durch die Erwartung des Wechselkurses geprägt ist. Je nach Erwartungshaltung fällt die Entscheidung unterschiedlich aus. Die Frage ist, ob sich der US-Dollar in unserem Beispiel um mehr oder weniger aufwertet als es dem Zinsnachteil der US-Anlage entspricht: •• Erwarten wir, dass sich der Euro nur auf 1,28 US-$/€ abwertet, dann erhalten wir nach einem Jahr durch Umtausch in Euro einen Ertrag von rund 35.938 €. Die inländische Anlage wirft also eine höhere Rendite ab. •• Erwarten wir, dass sich der € z. B. deutlich auf 1,20 US-/€ abwertet, dann erhalten wir nach einem Jahr durch Umtausch in € einen Ertrag von rund 105.000, d. h. die Rendite der Auslandsanlage steigt deutlich auf rund 10 %. Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 673 Kapitel 21: Übertragungswege in der offenen Volkswirtschaft 673 Die ungedeckte Zinsparität besagt, dass sich durch Anpassung der Wechselkurserwartungen und des Kassakurses die gleichen Ertragsraten von Inlands- und Auslandsanlage ergeben. Anders ausgedrückt: Die Zinsdifferenz der jeweiligen Ländern gibt die erwartete Änderungsrate des Kurses an. Ein guter Schätzwert für den zukünftigen Wechselkurs ist dabei der aktuelle Terminkurs (Abb. 21.16). Renditekalkül eines Anlegers Start 1.1.2011 Ende 1.1.2012 Anlage im Inland 1 Mio. € × 4% 1.040.000 € Anlage im Ausland Wechsel zum Kassakurs (w) von 1,30 US-$/€: 1.300.000 US-$ 1.300.000 US-$ × 2% 1.326.000 US-$ Wechsel zum erwarteten Kurs (we) von 1,25 US-$/€: 1.060.800 € Der Investor vergleicht nicht nur die nominellen Zinssätze, sondern berücksichtigt die erwartete Wechselkursänderung. Die Überlegung ist: Was bekomme ich morgen ausbezahlt? Vergleiche! Abb. 21.15: Renditekalkül und Zinsdifferenzen Die ungedeckte Zinsparität lässt internationale Anleger unentschieden Start 1.1.2011 Ende1.1.2012 Anlage im Inland 1.000.000 € × 4% 1.040.000 € Anlage im Ausland Wechsel zum Kassakurs (w) von 1,30 US-$/€: 1.300.000 US-$ 1.300.000 US-$ × 2% 1.326.000 US-$ erwarteter Wechselkurs (we): 1,275 US-$/€ Eine Anlage von 1.000.000 € ist nach einem Jahr im Inland 1.040.000 € wert. Alternativ könnte der Anleger das Geld in US-$ tauschen und zu 2% in den USA anlegen, was nach einem Jahr 1.326.000 US-$ entspricht. Daraus resultiert ein erwarteter Wechselkurs von 1,275 US-$/€ Abb. 21.16: Ungedeckte Zinsparität Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 674 Teil V Außenhandel, Devisenmarkt und offene Volkswirtschaft674 Sind die Zinsen im Inland höher, geht die ungedeckte Zinsparität von einer Abwertung der inländischen und einer Aufwertung der ausländischen Währung aus. Nur dann sind die internationalen Anleger bereit, US-Anlagen trotz des niedrigen Zinssatzes in ihrem Portfolio zu halten. Anders ausgedrückt: Erwarten die Marktteilnehmer im Beispiel eine zweiprozentige Abwertung des Euro über den gegebenen Anlagezeitraum, so werden sie nur dann bereit sein, in die inländische Anlage zu investieren, wenn der Inlandszins genau zwei Prozentpunkte höher liegt als der Auslandszins. Währungsspekulation Im Gegensatz zur gedeckten Zinsparität ist die ungedeckte Zinsparität nicht zwangsläufig erfüllt. Die gedeckte Zinsparität ist eine Arbitragebedingung und hat per Definition immer Gültigkeit. Die ungedeckte Zinsparität ist hingegen ein Prognosemodell, bei dem es zu Abweichungen des erwarteten und des tatsächlich eintretenden Wechselkurses kommen kann. Grundsätzlich können daher auch z. B. alle Geschäfte eines exportorientierten Unternehmens als spekulativ betrachtet werden, die nicht durch ein Termingeschäft abgesichert werden. Ein einfaches Beispiel soll den Ablauf von Währungsspekulationen erläutern (Abb. 21.17). Wir wählen dazu eine kurzfristige Transaktion, so dass auf die Einbeziehung von Zinserträgen verzichtet werden kann. Um 9.00 Uhr tauscht ein Finanzinstitut 10 Mio. US-$ zu einem Kurs von 1,30 US-$ um. Der Gegenwert beträgt also 13 Mio. US-$. Um 17.00 Uhr hat der Euro leicht nachgelassen und sich auf 1,28 US-$ abgewertet. Tauscht nun das Finanzinstitut die erworbenen 13 Mio. US-$ zurück, ergibt sich ein Betrag von 10.156.250 € und ein Gewinn von 156.250 €. Liegen aufgrund von Informationen Hinweise auf eine bevorstehende Abwertung des € vor, so wird ein Großteil der am Devisenmarkt tätigen Akteure ebenfalls auf eine Abwertung setzen. Sie würden die Währung verkaufen, woraufhin der Wert der Währung weiter sinkt. Dieses „Herdenverhalten“ internationaler Anleger kann den Wert einer Währung nachhaltig beeinflussen. Selbst in relativ kurzer Zeit kann es zu einer Abwertung und gegebenenfalls sogar zu einer Kapitalflucht kommen, die reale Folgen hat. Währungsspekulationen können vor allem kleinere Volkswirtschaften mit schwachen Währungen Probleme bereiten oder sogar Währungskrisen herbeiführen. Hält eine Bank oder eine andere Einrichtung größere Mengen einer bestimmten Währung, so reicht schon eine geringe Kursschwankung, um hohe Gewinne erzielen zu können. So führt der Verkauf großer Mengen einer bestimmten Währung aufgrund des vergrö- ßerten Angebots zu einer Abwertung dieser Währung. Je geringer die wirtschaftliche Kraft einer Volkswirtschaft ist, den Wert der eigenen Währung durch An- und Verkäufe oder zinspolitische Maßnahmen zu stabilisieren, umso leichter ist es für Devisenspekulanten, die erwünschten Kursschwankungen durch das Zurückhalten oder Anbieten größerer Mengen dieser Währungen zu provozieren. Da bei Devisenspekulationen in der Regel innerhalb eines kurzen Zeitraums große Mengen einer bestimmten Währung erst gekauft und dann wieder verkauft werden, sind diese Transaktionen von längerfristigen Überlegungen zu unterschieden, die z. B. der Finanzierung von Investitionen dienen. Vor diesem Hintergrund ist die Idee der Besteuerung kurzfristiger Spekulationen mit ausländischen Währungen unter dem Stichwort der Tobin-Steuer bekannt geworden, benannt nach dem gleichnamigen Nobelpreis-Träger (James Tobin (1918–2002)). Der Steuersatz würde auf alle grenzüberschreitenden Geldtransfers weltweit einheitlich erhoben und läge nach Vorschlägen zwischen 0,05 % und 1 %. Für Direktinvestitionen oder mit dem Warenhandel verbundene Geldtransfers soll diese Steuer somit vernachlässigbar gering sein. Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 675 Kapitel 21: Übertragungswege in der offenen Volkswirtschaft 675 Für spekulative Transaktionen, die auf kurzfristige Schwankungen von Kursen setzen, sollen diese Abgaben jedoch die Gewinne eliminieren. Hier bleibt zu berücksichtigen, dass es sich beim spekulativen Devisenhandel oft um so genannte second trading Geschäfte oder minute trading Geschäfte handelt, bei denen selbst vier Stellen hinter dem Komma (pip) relevant sind. Zur Illustration der Belastung kurzfristiger Transaktionen soll folgendes Rechenbeispiel dienen: Bei einer Tobin-Steuer in Höhe von 0,2 % pro Transaktion (Kauf und Verkauf) würde für einen Kapitalbetrag, der ein Jahr lang jeden Monat einmal international wandert, eine Belastung von 12 × 0,002 = 2,4 % anfallen bzw. 1 – (1 – 0,002)12 = 2,37 %. Wenn der Betrag einmal wöchentlich transferiert wird, würde die Belastung auf 52 × 0,002 = 10,4 % wachsen bzw. auf 1 – (1 – 0,002)52 = 9,89 %. Bei einer Transaktion pro Arbeitstag würde der Betrag mit 52 × 5 × 0,2 = 52 % besteuert bzw. auf 1 – (1 –0,002)260 = 40,58 %. Die Forderung Tobins nach der Besteuerung des Devisenhandels zur Eindämmung spekulativer Geschäfte wurde in den letzten Jahren von Globalisierungskritikern aufgegriffen. Die Einnahmen aus der Steuer sollten, so der Vorschlag, unter anderem zur Finanzierung von (Umwelt-) Projekten in Entwicklungsländern eingesetzt werden. Tobin selbst hat sich in den letzten Jahren seines Lebens von dieser Interpretation der Tobin-Steuer distanziert, u. a. weil die Diskussion in wesentlichen Punkten von seinem ursprünglichen Konzept abweicht, das die Steuerung von Devisenströmen und nicht die Finanzierung von Entwicklungsprojekten im Blick hatte. Ein Blick ins Internet zeigt, dass das Konzept der Tobin-Steuer gegenwärtig kontrovers diskutiert wird. Machen Sie sich selbst ein Bild. Schlagwörter •• (un-)gedeckte Zinsparität •• Währungsspekulation •• Tobin-Steuer Risiko von Währungsspekulationen Start 9.00 Uhr Ende 17.00 Uhr Wechsel von 10 Mio. € zum Kassakurs (w) von 1,30 US-$/€: 13 Mio. US-$ Im vorliegenden Fall handelt es sich um eine kurzfristige Kassamarktspekulation. Bei einer Terminmarktspekulation wird heute ein Termingeschäft abgeschlossen und später ein Kassageschäft getätigt. Sie müssen also im Gegenwartszeitpunkt kein eigenes Geld einsetzen. Rücktausch von 13 Mio. US-$ zum Kassakurs (w) von 1,28 US-$/€: 10,15625 Mio. € + 156.250 € Abb. 21.17: Währungsspekulation Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 676 Teil V Außenhandel, Devisenmarkt und offene Volkswirtschaft676 21.4 Fallbeispiele zu Kapitel 21 Lösungs- und Bearbeitungshinweise sowie alle Abbildungen dieses Kapitels finden Sie unter: www.vahlen.de Fallbeispiel 21.1: Außenwirtschaftsmultiplikatoren (++) In einer offenen Volkswirtschaft gelten folgende Werte bzw. Funktionen: (1) CH = 100 + 0,8 × Yv (2) Yv = Y – T (3) T = 0,25 × Y (4) Iaut = 300 (5) Gaut = 600 (6) Im = 100 + 0,1 × Y (7) Exaut = 600 1) Ermitteln Sie das Gleichgewichtseinkommen. 2) Wie verändert sich das Gleichgewichtseinkommen und der Außenbeitrag bei einer Erhöhung der autonomen Exporte um 100 Mrd. €? 3) Im Ausland sind neue Güter entwickelt worden, die von den privaten Haushalten als so attraktiv empfunden werden, dass sie zu Lasten der privaten Ersparnis gekauft werden. Gesamtwirtschaftlich macht sich dies durch zusätzliche autonome Importe und zusätzlichen autonomen Konsum in Höhe von jeweils 50 Mrd. € bemerkbar. Welche Veränderung des Gleichgewichtseinkommens resultiert aus diesem Vorgang? 4) Aufgrund der zunehmenden internationalen Integration kommt es zu einer deutlichen Ausweitung der Importe, die zu einem Anstieg der marginalen Importquote auf 0,225 führt. Ermitteln Sie die Veränderung des Multiplikators und – isoliert betrachtet – den Anstieg der Importe. Wie stark müssten die Exporte steigen, um etwaige negative Einkommenseffekte für das Inland zu kompensieren? Fallbeispiel 21.2: Außenwirtschaft als Konjunkturlokomotive (+) Gegeben sind folgende Verhaltensfunktionen: (1) C = 20 + 0,8 × Yv (2) Iaut = 80 (3) T = 50 + 0,2 × Y (4) Traut = 50 (5) Gaut = 80 (6) Exaut = 70 (7) Im = 0,14 × Y 1) Ermitteln Sie das Ausgangsgleichgewicht und den Saldo des Außenbeitrags. 2) Infolge einer deutlichen Abkühlung der konjunkturellen Situation wichtiger Handelspartner kommt es zu einem Exportrückgang in Höhe von 40 Mrd. €. Zugleich gehen die Investitionen aufgrund der angespannten inländischen Konjunktur um 10 Mrd. € zurück. Berechnen Sie das neue Gleichgewichtseinkommen und den Außenbeitrag. Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 677 Kapitel 21: Übertragungswege in der offenen Volkswirtschaft 677 Fallbeispiel 21.3: Phasengleichlauf und -verschiebung von Inlands- und Auslandskonjunktur (0) Beurteilen Sie in einem System fester Wechselkurse die Auswirkungen der nachfolgenden konjunkturellen Ausgangssituationen auf die Ex- und Importströme sowie auf die konjunkturellen Ausschläge insgesamt. Was lässt sich erkennen? Inland Ausland Inland Ausland Konjunkturelle Ausschläge Export Import Export Import Rezession Aufschwung Rezession Rezession Aufschwung Aufschwung Fallbeispiel 21.4: Wechselkurs und Elastizitäten (+) Der Wechselkurs beträgt 1 US-$/€. Bei diesem Wechselkurs werden 1.500 Einheiten eines Gutes aus der EWU exportiert und 4.200 Einheiten eines anderen Gutes aus den USA importiert. Der €-Preis des Exportgutes beträgt 20.000 €, der US-$ Preis des Importgutes beläuft sich auf 4.000 US-$. 1) Ermitteln Sie den Handelsbilanzsaldo aus Sicht der EWU. 2) Der Wechselkurs des € verändert sich auf 1,25 US-$/€. Wie verändert sich der Handelsbilanzsaldo, wenn die Nachfrage im In- und Ausland vollkommen preisunelastisch reagiert? 3) Wie verändert sich das Ergebnis aus 2), wenn die Preiselastizität der Exportnachfrage 2 und die Preiselastizität der Importnachfrage 2,5 beträgt? Handelt es sich hier um eine normale Reaktion? Fallbeispiel 21.5: Wechselkurse und Handelsbilanz (0) 1) Wie verändert sich die Handelsbilanz in folgenden Fällen: Exportelastizitäten Importelastizitäten Handelsbilanz EE > 1 EIm > 1 EE > 1 EIm = 1 EIm = 0,5 EIm = 0,6 EIm = 0 EIm = 0,6 2) Beurteilen Sie die Entwicklung der nachfolgenden Größen im Fall einer Aufwertung des Euro und einer normalen Reaktion der Handelsbilanz. Exportpreise in US-$ steigen Exportmengen Exporterlöse Importpreise in € Importmengen Importausgaben Nettoexporte 3) Welche Faktoren können zu einer anormalen Reaktion der Handelsbilanz führen? Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 678 Teil V Außenhandel, Devisenmarkt und offene Volkswirtschaft678 Fallbeispiel 21.6: Wechselkurs, Rohstoffpreise und Kostensituation (+) Die Wechselkurse sind wie folgt gegeben: Größe Dimension Jahr 2006 Jahr 2007 Wechselkurs US-$/€ (= Mengennotierung) 1,25 1,20 Ein deutsches Pharmaunternehmen, das Medikamente herstellt, bezieht die benötigten Rohstoffe ausschließlich aus den USA. Das Unternehmen kaufte in den letzten Jahren stets 1.000 kg Rohstoffe zu 50 US-$ je kg von einem US-Lieferanten ein. 1) Welchen €-Betrag muss das Unternehmen in den Jahren 2006 und 2007 für den Kauf der Rohstoffe aufwenden? 2) Wie wird ein Unternehmen normalerweise auf diese Wechselkursveränderung reagieren? In welchen Fällen ist mit einer anormalen Reaktion zu rechnen? (maximal drei Ursachen). Welche Reaktion des Unternehmens erwarten Sie im konkreten Fall? Begründen Sie kurz Ihre Aussage. 3) Durch veränderte Produktionsprozesse soll es der Firma im Jahre 2007 dauerhaft gelingen, die Menge der benötigten Rohstoffe um 10 % zu reduzieren. Welchen €-Betrag müsste die Firma in diesem Fall im Jahr 2007 aufwenden, wenn der Preis der benötigten Rohstoffe weiterhin bei 50 US-$ je kg liegen würde? Was lässt sich erkennen? 4) Für das Jahr 2008 erwarten Fachleute einen Anstieg der Rohstoffpreise des US-Lieferanten auf 55 US-$ pro kg. Würden Sie der Firma unter Kostengesichtspunkten einen Wechsel zu einem Lieferanten in der EWU empfehlen, wenn dieser für das Jahr 2008 ein Angebot von 40.000 € unterbreitet? Der Wechselkurs und die benötigte Menge an Rohstoffen bleiben gegenüber dem Jahr 2007 unverändert. Mit welchem grundsätzlichen Problem ist diese Berechnung im vorliegenden Fall verbunden? Fallbeispiel 21.7: J-Kurven Effekt (+) 1) Was verstehen Sie unter dem J-Kurven Effekt? Stellen Sie diesen Effekt grafisch dar. 2) Wie lässt sich dieser Effekt erklären? 3) Welche Rolle spielt die Preiselastizität für diesen Effekt? Fallbeispiel 21.8: Wechselkurs und pricing to market (+) 1) Was verstehen Sie untern einem pass-through des Wechselkurses? 2) Ein bayrisches Automobilunternehmen produziert einen Geländewagen für den deutschen und den US-Markt. Der Listenpreis lässt sich folgender Tabelle entnehmen. 2006 2007 Listenpreis in US-$ (einschl. Mehrwertsteuer) 30.000 30.000 Listenpreis in € (einschl. Mehrwertsteuer) 35.000 35.000 Wechselkurs US-$/€ 1,02 1,46 Lohnt sich ein Reimport aus den USA im Jahr 2007, wenn sich die Kosten für Zoll, Fracht, TÜV-Untersuchung und Nachrüstung auf 10.000 € belaufen? 3) Für einen ebenfalls in Bayern produzierten Sportwagen liegen folgende Daten vor: 2006 2007 Listenpreis in € (einschl. Fracht/Zoll/Mehrwertsteuer) 50.000 50.000 Verkaufte Menge in den USA 10.000 10.000 Wechselkurs US-$/€ 1,02 1,46 a) Wie teuer wäre ein PKW im Jahr 2006 und 2007 in den USA? Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 679 Kapitel 21: Übertragungswege in der offenen Volkswirtschaft 679 b) Aufgrund des harten Preiswettbewerbs in den USA, verfolgt das Unternehmen in den USA im Jahr 2007 die Strategie des pricing to market. Was könnte damit gemeint sein? Fallbeispiel 21.9: Big Mac-Index (0) Aus der Zeitschrift „The Economist“ können Sie folgende Tabelle entnehmen: Nominaler Wechselkurs gegenüber US-$ Preis eines Big Mac in Landeswährung USA – 2,50 US-$ EWU 0,8 €/US-$ 2,50 € Mexiko 2,5 Peso/US-$ 5 Peso a) Welche Währung ist im Vergleich zum US-$ über- bzw. unterbewertet? Geben Sie das Ausmaß der Fehlbewertung gegenüber dem US-$ an. b) Welchen Gewinn bzw. Verlust erzielt ein Händler aus Mexiko, wenn er einen Big Mac in die USA exportiert. Unterstellen Sie, dass keine Transaktionskosten anfallen. Fallbeispiel 21.10: Kaufkraftparitätentheorie (0) Der internationale Handel beschränkt sich auf ein Gut, das in Deutschland 1 € und in Dänemark 5 Dänenkronen (dkr) kostet. 1) Welcher nominale Wechselkurs in Preisnotierung kommt auf Basis der absoluten Kaufkraftparitätentheorie zustande? Was bedeutet Kaufkraftparität in diesem Fall? 2) Nehmen Sie an, dass sich das Gut in Dänemark auf 6 Dänenkronen verteuert. Welche Wechselkursentwicklung lässt sich auf Basis der relativen Kaufkraftparitätentheorie vorhersagen? Welche Anpassungsprozesse sind in diesem Fall auf dem Devisenmarkt zu erwarten? Fallbeispiel 21.11: Balassa-Samuelson-Effekt, ökonomische Entwicklung und Inflation (+) 1) Ein Ökonom macht Urlaub in einem Entwicklungsland und ist erstaunt über das im Vergleich zu seiner Heimat Deutschland geringe Preisniveau und den preiswerten Urlaub. Erläutern Sie diesen Sachverhalt im Rahmen des Balassa-Samuelson-Effekts. 2) Auf einer Reise in ein aufholendes Schwellenland macht der Ökonom die Beobachtung, dass die Inflationsrate deutlich oberhalb der Inflationsrate in Deutschland liegt. Erläutern Sie diese Beobachtung im Rahmen des Balassa-Samuelson-Effekts. Fallbeispiel 21.12: Reale Wechselkuse (+) 1) Zwischen der EWU und den USA werden Automobile gehandelt. Der Preis in den EWU- Staaten liegt bei 20.000 €, der US-Preis beträgt 24.000 €. Der aktuelle Wechselkurs wird notiert zu 1,2 US-$/€. a) Ermitteln Sie den realen Wechselkurs und den realen Außenwert. b) Der US-$ wertet auf 1,25 US-$/€ ab. Wie müsste sich der Preis des PKW in € ändern, damit keine Veränderung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit eintritt? c) Wovon ist die internationale Wettbewerbsfähigkeit beim Konzept des realen Wechselkurses bzw. realen Außenwertes abhängig? 2) Sie sind jetzt 10 Jahre mit Ihrer Freundin zusammen und Sie erinnern sich gerne an den letzten Türkeiurlaub. Ihre Freundin möchte wieder in die Türkei fliegen und versucht Sie mit folgendem Argument zu überzeugen: „Der Urlaub ist jetzt noch viel billiger als vor 10 Jahren. Das letzte Mal haben wir für 1 € 1.000 Lira bekommen, nun sind es 1.500 Lira.“ Als eifriger Zeitungsleser wissen Sie, dass die Inflation in Deutschland in den letzten Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 680 Teil V Außenhandel, Devisenmarkt und offene Volkswirtschaft680 10  Jahren addiert 25 % und in der Türkei 100 % betragen hat. Sind Sie jetzt bei einem Urlaub in der Türkei bessergestellt? Fallbeispiel 21.13: Terms of trade (++) Ein deutsches Automobilunternehmen verkauft Luxus-PKW zum Stückpreis von 150.000 € in ein arabisches Land und importiert Erdöl zum Preis von 30 US-$ je Barrel. Der aktuelle Wechselkurs beträgt 1 U$/€. 1) Berechnen Sie das reale Austauschverhältnis. 2) Wie verändert sich das reale Austauschverhältnis, wenn der Wechselkurs um 10 % sinkt, der Erdölpreis auf 37,5 US-$ je Barrel steigt und der PKW-Preis konstant bleibt. 3) Wie beurteilen Sie die internationale Tauschsituation Deutschlands und die internationale Wettbewerbsfähigkeit des deutschen Automobilunternehmens aufgrund dieser Datenänderungen? 4) Nehmen Sie an, der höhere Importpreis sei durch Marktmacht der OPEC-Staaten und der veränderte Wechselkurs durch Spekulanten verursacht worden. Was bedeuten derartige Entwicklungen für die Aussagekraft der terms of trade? Fallbeispiel 21.14: Gedeckte Zinsparität (+) 1) Erläutern Sie die Grundidee der Zinsparitätentheorie. Wann ist die Zinsparität erfüllt? 2) Besteht bei der gedeckten Zinsparität ein Wechselkursrisiko? 3) Ermitteln Sie ausgehend von den nachfolgenden Daten den Terminkurs US-$/€, bei dem die gedeckte Zinsparität exakt bzw. näherungsweise erfüllt ist. Inland Kassakurs Terminkurs Ausland 1.1.2009 14 % 1,25 US-$/€ – 10 % 1.1.2010 ? 4) Wie hoch ist die Rendite einer gedeckten Euroanlage bei den nachfolgenden Ausgangsdaten? Ist die gedeckte Zinsparität erfüllt? Inland Kassakurs Terminkurs Ausland 1.1.2009 4 % 1,05 US-$/€ – 10 % 1.1.2010 1,113 US-$/€ Fallbeispiel 21.15: Ungedeckte Zinsparität (++) Nehmen Sie an, Sie wollen eine Anlageentscheidung treffen. Sie nehmen zwei Wertpapiere in die engere Wahl, die eine Laufzeit von einem Jahr haben und deren Nennwert nach einem Jahr zurückgezahlt wird. Die Nennwerte und Preise der beiden Wertpapiere sind der nachfolgenden Tabelle zu entnehmen. Der aktuelle Wechselkurs beträgt in Preisnotierung 0,95 €/US-$ (in Anlehnung an Blanchard/Illing, 2009, 548). Nennwert Kurs US-Anleihe 13.333 US-$ 12.698,10 US-$ EWU-Anleihe 10.000 € 9.615,35 € 1) Berechnen Sie für beide Wertpapiere den nominalen Zins. 2) Berechnen Sie den für das nächste Jahr erwarteten Wechselkurs, der mit der ungesicherten Zinsparität konsistent ist. 3) Wie würden Sie sich entscheiden, wenn Sie eine Abwertung des € erwarten. 4) Nehmen Sie an, nach Ablauf des Jahres liegt der Wechselkurs bei 0,9 €/US-$. Welche Rendite konnten Sie für das US-Wertpapier erzielen? Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 681 Kapitel 21: Übertragungswege in der offenen Volkswirtschaft 681 5) Sind die Ergebnisse der Renditen aus 4) konsistent mit der ungedeckten Zinsparität oder nicht? Fallbeispiel 21.16: Währungsspekulation (+) 1) Der gegenwärtige Kassakurs liege bei 0,95 €/US-$. Der Zinssatz in den USA betrage 5 %, in Deutschland können Sie 8 % erzielen. Sie haben 10.000 € für ein Jahr frei verfügbar. Wo würden Sie Ihr Kapital anlegen, wenn Sie in einem Jahr einen Kassakurs von 1 €/US-$ erwarten? 2) Der Terminkurs liege bei 1,07 €/US-$, der erwartete Kassakurs bei 1,05 €/US-$. Scheitert eine Spekulation, wenn Sie über kein Kapital verfügen? Welche Strategie könnte einen Spekulationsgewinn ergeben? Wie hoch wäre der Gewinn? 3) Nehmen Sie an, der Wechselkurs des € gegenüber dem argentinischen Peso sei 1:10. Eine Investmentbank rechnet mit einer Abwertung des Peso um 50 % und nimmt ein Fremdwährungsdarlehen für ein Jahr in Höhe von 100 Mio. Peso auf, das mit 10 % verzinst werden muss. Ermitteln Sie einen etwaigen Gewinn, wenn die Abwertung tatsächlich eintritt. Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 683 Kapitel 22: Wirtschaftspolitik in der offenen Volkswirtschaft Kapitel 22 Inhaltsübersicht 22.1 Mundell-Fleming Grundmodell . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 684 22.1.1 Modellrahmen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 685 22.1.2 Feste Wechselkurse. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 691 22.1.3 Flexible Wechselkurse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 694 22.2 Feste versus flexible Wechselkurse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 698 22.3 Internationaler Konjunkturzusammenhang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 702 22.4 Fallbeispiele zu Kapitel 22 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 704

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References

Zusammenfassung

Makroökonomische Ereignisse

wie die Schuldenkrise, Rezession, Arbeitslosigkeit und Inflation haben nicht nur gesamtwirtschaftliche Konsequenzen, sondern auch vielfältige Berührungspunkte zum täglichen Leben. Diese Ereignisse sind häufig komplex und für den Einzelnen nicht immer leicht zu durchschauen.

Um Studierende auf die globalen Herausforderungen von Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt vorzubereiten ist in diesem Lehrbuch explizit auch das Thema der nachhaltigen Entwicklung integriert. Außerdem werden die großen Themen der Makroökonomie teilweise gebündelt behandelt, um die vielfältigen Zusammenhänge zwischen den einzelnen Gebieten transparenter zu gestalten. Dies hat für Studierende und Lehrende u.a. den Vorteil, dass eine modulare Verwendung möglich ist. Die Schwerpunkte:

– Drei Ebenen der Makroökonomie (empirisch, theoretisch und wirtschaftspolitisch)

– Konjunktur, Gütermarkt und Finanzpolitik

– Inflation, Geldmarkt und Geldpolitik in der EWU

– Wirtschaftswachstum, Wohlstand und Beschäftigung

– Außenhandel, Devisenmarkt und offene Volkswirtschaft

– Nachhaltige Entwicklung und Makroökonomie.

Zur Neuauflage

Das Buch wurde vollständig überarbeitet und in eine modulare Struktur überführt, aber die Grundkonzeption des Buches wurde beibehalten. Das Buch ist bewusst als Lernbuch konzipiert, das sich zum Einsatz an Hochschulen und Akademien eignet. Mit der Integration von selbständig zu bearbeitenden Fallbeispielen wird u.a. das Konzept der Bachelor- und Masterstudiengänge an deutschen Hochschulen berücksichtigt, die stärker als bisher an Praxisbeispielen orientierte Lehr- und Lernformen fördern wollen.

Die Autoren

Prof. Dr. Reiner Clement, Prof. Dr. Wiltrud Terlau, Sankt Augustin/Rheinbach, und Prof. Dr. Manfred Kiy, Köln.

Angewandte Makroökonomie

für Studierende der Volks- und Betriebswirtschaftslehre an Universitäten, Fachhochschulen und Akademien.