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Kapitel 16: Wachstumstheorie: Erklärungsfaktoren des Wachstums in:

Reiner Clement, Wiltrud Terlau, Manfred Kiy

Angewandte Makroökonomie, page 506 - 527

Makroökonomie, Wirtschaftspolitik und nachhaltige Entwicklung mit Fallbeispielen

5. Edition 2013, ISBN print: 978-3-8006-4480-3, ISBN online: 978-3-8006-4389-9, https://doi.org/10.15358/9783800643899_506

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Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 493 Kapitel 16: Wachstumstheorie: Erklärungsfaktoren des Wachstums Kapitel 16 Inhaltsübersicht 16.1 Formen und Bestimmungsfaktoren des Wachstums. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 494 16.2 Kapitalbildung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 497 16.3 Technischer Fortschritt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 503 16.4 Endogenes Wachstum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 505 16.5 Humankapital und Studium . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 507 16.6 Fallbeispiele zu Kapitel 16. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 511 Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 494 Teil IV Wirtschaftswachstum, Wohlstand und Beschäftigung494 Lernzielorientierte Sachverhalte •• Die Ursachen für weltweite Einkommens- und Wachstumsunterschiede lassen sich im Rahmen von Wachstumsmodellen diskutieren. Von zentraler Bedeutung für die Entwicklung des Pro-Kopf-Einkommens sind die Ersparnisbildung, das Alter des Kapitalstocks, das Bevölkerungswachstum und der technische Fortschritt. •• Ausgangspunkt der Wachstumstheorie ist eine aggregierte Produktionsfunktion, die die Beziehung zwischen dem Output und den Inputfaktoren beschreibt. Bei konstanten Skalenerträgen der Produktionsfunktion kann die Produktion pro Beschäftigten zunehmen, wenn der Kapitaleinsatz pro Beschäftigten steigt. •• Volkswirtschaften bewegen sich im Modellrahmen langfristig auf einem „steady-state“-Wachstumspfad und müssen ein optimales Niveau von Sparen und Investitionen finden. Die Sparrate bestimmt die Wachstumsrate der Produktion pro Kopf. Die Akkumulation des Kapitals allein kann jedoch kein dauerhaftes Wachstum aufrechterhalten. •• Dauerhaftes Wachstum basiert zu einem großen Teil auf dem technischen Fortschritt. Zusammen mit der Qualität der eingesetzten Arbeitskräfte trägt er dazu bei, dass das Gesetz des abnehmenden Grenzertrages der zusätzlichen Kapitalbildung außer Kraft gesetzt wird. Volkswirtschaften können in diesem Fall dauerhaft wachsen und müssen sich in ihrem Entwicklungsniveau nicht zwangsläufig annähern. •• Eine verbesserte Qualifikation und Ausbildung trägt zur Bildung von Humankapital bei. Auch ein Studium führt zur Steigerung des Humankapitalbestandes und begünstigt das Wirtschaftswachstum. 16.1 Formen und Bestimmungsfaktoren des Wachstums Das langfristige Wachstum volkswirtschaftlicher Kapazitäten (WPP) hängt eng mit der Ausstattung eines Landes mit der Quantität und Qualität an Produktionsfaktoren zusammen (Abb. 16.1). Hinzu kommen staatliche Rahmenbedingungen (z. B. Steuern, Infrastruktur) sowie kulturspezifische Faktoren, die sich einer formalen Darstellung in der Regel entziehen. Die mengenmäßige Ausweitung der Produktionskapazitäten entspricht einem extensiven oder quantitativen Wachstum. Ein intensives Wachstum liegt vor, wenn eine Ausweitung der Produktionskapazitäten durch qualitative Verbesserungen des Einsatzes der Produktionsfaktoren erreicht wird (Abb. 16.2). Dieses qualitative Wachstum erhöht nicht nur die gesamtwirtschaftliche Produktionsmenge, sondern verbessert die Lebensqualität, schont die natürlichen Ressourcen oder führt zu einer gerechteren Einkommensverteilung. In diesem Fall wird auch von einem nachhaltigen Wirtschaftswachstum gesprochen, das die Integration ökonomischer, ökologischer und sozialer Dimensionen zum Ziel hat. In Deutschland wird mehrheitlich ein qualitatives und nachhaltiges Wachstum gefordert. Triebkraft dieses Wachstums sind vor allem Produktivitätssteigerungen. Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 495 Kapitel 16: Wachstumstheorie: Erklärungsfaktoren des Wachstums 495 Nehmen wir an, für eine Volkswirtschaft liegen folgende (fiktive) gesamtwirtschaftliche Rahmenbedingungen vor (Tab. 16.1): Triebkräfte des Wirtschaftswachstums staatliche Rahmenbedingungen, kulturspezifische Faktoren Erwerbstätige Arbeitszeit WissenSachkapitalHumankapital/(Aus-)Bildung) Arbeit Kapital technischer Fortschritt Arbeitsvolumen Arbeitsproduktivität BIP-pro-Kopf Abb. 16.1: Bestimmungsfaktoren des Wachstums in Wachstumstheorien Quantitatives und qualitatives Wachstum (Beispiele) WPP = f (WArbeit, WKapital, WRessourcen, WTechnischer Fortschritt) Faktor quantitativ (mengenmäßig) qualitativ Arbeit Mehreinsatz an Arbeit bessere Ausbildung Kapital Mehreinsatz an Kapital(ohne Fortschritt) höherwertige Anlagen Ressourcen Mehreinsatz an Ressourcen Investitionen zur Verringerung des Ressourcenverbrauchs technischer Fortschritt – Innovationen Wachstumstypus quantitatives Wachstum qualitatives Wachstum Abb. 16.2: Extensives (quantitatives) und intensives (qualitatives) Wachstum Tab. 16.1: Kennziffern zum Einsatz von Arbeit und Kapital in einer Volkswirtschaft Kennziffer Wert Einheit Kapitalstock 10.000 Mrd. € Bruttoinlandsprodukt, real 2.000 Mrd. € Erwerbstätige 40 Mio. Personen Arbeitsvolumen 50 Mrd. Stunden Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 496 Teil IV Wirtschaftswachstum, Wohlstand und Beschäftigung496 Die Arbeitsproduktivität (APR) wird je Stunde (APRStd) oder je Erwerbstätigem (APREWT) berechnet. In unserem Zahlenbeispiel: (1) APRStd = 2.000 Mrd. € / 50 Mrd. Stunden = 40 € je Stunde (2) APREWT = 2.000 Mrd. € /40 Mio. Erwerbstätige = 50.000 € je Erwerbstätigem. Die Arbeitsproduktivität bestimmt maßgeblich den realen Lebensstandard, den ein Land für seine Bürger erzielen kann. Auch die Lohnpolitik soll sich nach Auffassung vieler Ökonomen an der Arbeitsproduktivität ausrichten. In Deutschland ist die Arbeitsproduktivität in den letzten Jahrzehnten im Durchschnitt um rund 1,5 % gewachsen. Diese statistisch gemessene Produktivität ist nicht ursächlich in dem Sinne zu verstehen, dass Erwerbstätige etwa „fleißiger“ geworden sind. Sie ist vor allem eine Folge davon, dass je Erwerbstätigem im Zeitablauf mehr bzw. effizientere Kapitalgüter eingesetzt worden sind. Wird das reale BIP auf den realen Kapitalstock (K) bzw. das Bruttoanlagevermögen bezogen, ergibt sich die Kapitalproduktivität (KPR). Das Bruttoanlagevermögen umfasst alle Sachvermögensobjekte mit einer Nutzungsdauer von mehr als einem Jahr. Der Wert wird zu Wiederbeschaffungs-, Anschaffungs- oder zu Preisen eines Basisjahres ermittelt. Die Kapitalproduktivität beträgt in unserem Zahlenbeispiel: (3) KPR = 2.000 Mrd. € / 10.000 Mrd. € = 0,2 Der reziproke Wert der Kapitalproduktivität entspricht dem Kapitalkoeffizienten (KK). Er gibt an, welches Bruttoanlagevermögen notwendig ist, um eine Einheit des Bruttoinlandsprodukts zu erstellen. Bezogen auf unser Zahlenbeispiel gilt: (4) KK = 10.000 Mrd. € / 2.000 Mrd. € = 1 / 0,2 = 5 Die Kapitalproduktivität zielt auf die mengenmäßige Ergiebigkeit des eingesetzten Kapitals ab. Während die Arbeitsproduktivität erfahrungsgemäß im Trend steigt, sinkt die Kapitalproduktivität. Es ist also ein immer größerer Kapitaleinsatz zur Erstellung des gleichen Produktionsvolumens notwendig. Dadurch verschlechtert sich die Relation Investitionsaufwand zu Produktionsvolumen. Das Verhältnis von Kapitalstock und der Zahl der Erwerbstätigen wird als Kapitalintensität (KI) bezeichnet. Sie ist ein Maß für die durchschnittliche Kapitalausstattung eines Arbeitsplatzes und zeigt, wie sich die beiden Produktionsfaktoren Kapital und Arbeit im Verhältnis zueinander entwickelt haben. In unserem Beispiel gilt: (5) KI = 10.000 Mrd. € / 40 Mio. Erwerbstätige = 250.000 € je Erwerbstätigem In der Regel steigt die Kapitalintensität im Zeitablauf, da durch den technischen Fortschritt bzw. eine bessere Produktionstechnik mehr Kapital pro Erwerbstätigem eingesetzt wird. Zwischen den genannten Größen bestehen nicht nur definitorische, sondern auch wichtige wechselseitige Zusammenhänge (vgl. Abb. 16.3). So ist die Arbeitsproduktivität nichts anderes als das Produkt von Kapitalintensität und Kapitalproduktivität: (6) APREWT = 50.000 € je Erwerbstätigen = 250.000 € je Erwerbstätigem × 0,2 Eine Steigerung der Kapitalintensität bewirkt Zuwächse der Arbeitsproduktivität, jedoch verringern sich diese Zuwächse durch den Rückgang der Kapitalproduktivität. Um dieselben Zuwachsraten der Arbeitsproduktivität zu erreichen, muss die Kapitalintensivierung laufend beschleunigt werden. Diese Argumentation gilt allerdings nur für gegebenes technisches Wissen. Zur Erklärung des Wachstums reichen diese defi- Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 497 Kapitel 16: Wachstumstheorie: Erklärungsfaktoren des Wachstums 497 nitorischen Betrachtungen selbstverständlich nicht aus. Dazu müssen sie nachfolgend in einen theoretischen Erklärungszusammenhang gerückt werden. Schlagwörter •• extensives, intensives Wachstum •• qualitatives, quantitatives Wachstum •• nachhaltiges Wachstum •• Arbeitsproduktivität •• Kapitalproduktivität •• Kapitalkoeffizient •• Kapitalintensität 16.2 Kapitalbildung Eine Volkswirtschaft kann langfristig ein höheres BIP-Niveau erzielen, wenn es gelingt, das Investitionsvolumen zu steigern. Zu klären ist, ob es möglich ist, eine dauerhaft höhere Wachstumsrate zu erzielen. Diese Frage lässt sich im Rahmen eines Modells diskutieren, das von Robert Solow entwickelt worden ist. Er erhielt 1987 den Nobelpreis „für seine Arbeiten über wirtschaftliche Wachstumstheorien“. Das Solow-Modell gilt als Grundgerüst für Analysen des Wachstums. Das Solow-Modell betrachtet eine geschlossene Volkswirtschaft (ohne Außenhandel). Es stellt die Wirtschaft als Ein-Gut-Parabel dar. Dieser Begriff drückt aus, dass nur ein Gut produziert wird, das entweder als Investitions- oder als Konsumgut dient. Diese Annahme hat den Vorteil, dass das Aggregations-Problem unterschiedlicher Güter gelöst wird. Die Größe des Kapitalstocks ist im Ein-Gut-Fall durch die Menge der Güter gegeben, die als Produktionsmittel eingesetzt werden. Ausgangspunkt des Solow-Modells ist die Annahme, dass der Kapitalstock die Höhe des Outputs bestimmt, d. h. der Faktor Kapital wird zum Wachstumsmotor oder zur Wachstumsbremse. Der Output wiederum determiniert die Höhe der Ersparnis bzw. Investition und die Erweiterung des Kapitalstocks (Kapitalakkumulation). Erwerbstätige (EWT) Kapitalintensität K/EWT Kapitalstock (K) Arbeitszeit in Std.(h) Arbeitsvolumen EWT• h Arbeitsproduktivität BIP/EWT oder BIP/AV Kapitalproduktivität: BIP/K Kapitalkoeffizient: K/BIP BIP (real) BIP/EWT = K/EWT× BIP/K Wichtige empirische Kennziffern des Wachstums Abb. 16.3: Kennziffern zum Einsatzverhältnis von Arbeit, Kapital und Produktion Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 498 Teil IV Wirtschaftswachstum, Wohlstand und Beschäftigung498 Produktionsfunktion Um das Wirtschaftswachstum darzustellen, wird ein Zusammenhang zwischen den Produktionsfaktoren und dem Output in Form einer Produktionsfunktion hergestellt. Eine Variante des Solow-Modells geht von einer Cobb-Douglas-Produktionsfunktion aus, die den Zusammenhang zwischen den Produktionsfaktoren Arbeit (A) und Kapital (K) und dem Output (Y) unter Berücksichtigung des technischen Fortschritts (TF) beschreibt: (1) Y = TF × Ka × A1-a Die Exponenten a und (1-a) in der Produktionsfunktion stellen Produktionselastizitäten dar. Sie geben die relativen Veränderungen des Outputs als Reaktion auf eine relative Erhöhung eines Inputs an. Diese partiellen Produktionselastizitäten bestimmen den Anteil der Produktionsfaktoren am Volkseinkommen bzw. am BIP (vgl. Box 16.1). Box 16.1: Cobb-Douglas-Produktionsfunktion – Modellierung des Wachstums (1) Y = TF × Ka × A1-a Dividiert durch die Anzahl der Arbeitskräfte erhält man die Produktionsfunktion pro Kopf: (2) Y/A = TF × [K/A]a Hintergrund: Die Produktion ist abhängig vom Einsatz der Produktionsfaktoren: • TF = Effizienzparameter (konstanter Faktor) • K, A = Kapital und Arbeit • a = Anteil des Faktors Kapital am Einkommen • 1-a = Anteil des Faktors Arbeit am Einkommen Wir formulieren die Produktionsfunktion häufig als Pro-Kopf-Funktion. Damit können Volkswirtschaften unabhängig von ihrer (Bevölkerungs-)Größe verglichen werden. Wenn sich die Produktionselastizitäten wie im vorliegenden Fall zu Eins addieren, liegen konstante Skalenerträge vor. Die Verdoppelung (bzw. Vervielfachung) aller Inputs führt dann zu einer Verdoppelung (bzw. Vervielfachung) des Outputs. Betrachten wir dazu ein Zahlenbeispiel: TF K A Y = 5 × K0,4 × A0,6 5 15.000 40 Y = 5 × 15.0000,4 × 640,6 = 2.141 5 30.000 80 Y = 5 × 30.0000,4 × 1280,6 = 4.282 5 45.000 120 Y = 5 × 45.0000,4 × 1920,6 = 6.423 Eine weitere Eigenschaft dieser Funktion liegt in abnehmenden Grenzerträgen des Kapitals. Bei einem kleinen Kapitalstock führt der Einsatz zusätzlicher Einheiten Kapital zu einer relativ hohen Steigerung von Y. Die Zuwächse (ΔY) werden aber umso geringer, je größer der Kapitalstock ist. Der Output pro Kapitaleinheit wird dementsprechend mit steigendem Kapitaleinsatz kleiner (Tab. 16.2). Gleichgewichtswachstum Das Solow-Modell beruht neben der Produktionsfunktion auf folgenden Grundannahmen. Die volkswirtschaftliche Ersparnis (S), die wiederum die Höhe der Investitionen bestimmt (S = I), ist eine Funktion des Einkommens (Y) bei konstanter Sparquote (s): (2) S = s × Y Die Veränderung des Kapitalstocks (ΔK) entspricht den Nettoinvestitionen (I). Diese ergeben sich als Differenz aus den Bruttoinvestitionen (Ibrutto) und den Abschreibun- Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 499 Kapitel 16: Wachstumstheorie: Erklärungsfaktoren des Wachstums 499 gen, die als Teil des alten Kapitalbestandes definiert werden, der ersetzt werden muss (δ × K). Formal gilt somit: (3) ΔK = Kt – Kt-1 = I Das Bevölkerungswachstum, das den Umfang des angebotenen Produktionsfaktors Arbeit bestimmt, wächst mit einer vorgegebenen Rate WA (vgl. Abb. 16.4). Die Arbeitsnachfrage hängt von verschiedenen Größen (Lohnsatz, Zinsen, Güternachfrage) ab. Es wird angenommen, dass Vollbeschäftigung herrscht. Solow definiert Gleichgewichtswachstum in dem Sinne, dass die Wachstumsraten von Arbeit und Kapital gleich sind, d. h. die Wachstumsrate der Kapitalintensität (KI = K/A) gleich Null ist. In diesem Fall bleibt die einmal erreichte Vollbeschäftigung stets erhalten. Es stellen sich somit zwei Fragen: a) Existiert ein solches Gleichgewicht? b) Ist dieses Gleichgewicht langfristig stabil? Tab. 16.2: Abnehmende Grenzerträge des Kapitals einer Produktionsfunktion TF A K ΔK Y ΔY Y / K 5 40 15.000 . 2.141 . 0,1427 5 40 15.100 100 2.147 6 0,1422 . . . . . . 5 40 30.000 . 2.825 . 0,0942 5 40 30.100 100 2.829 4 0,0940 . . . . . . 5 40 45.000 . 3.323 . 0,0738 5 40 45.100 100 3.326 3 0,0737 Y = TF × f (K, A) ΔK = Ibrutto – δ × K Bruttoinvestitionen Abschreibungen Nettoinvestitionen S = I S = s × Y Produktionsfunktion Kapitalakkumulation Kreislaufidentität Sparfunktion Exogen gegeben Solow, Robert Merton 1924 – (USA) © Nobel Foundation Gleichungen des wichtigsten Wachstumsmodells Abb. 16.4: Struktur des Solow-Wachstumsmodells Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 500 Teil IV Wirtschaftswachstum, Wohlstand und Beschäftigung500 Aus den Gleichungen (1) bis (3) kann man folgende Bestimmungsgleichung für das Gleichgewichtswachstum ableiten: (4) 0 = WKI = s × (Y/A) – KI × WA und somit KI = s × (Y/A) / WA Wir verzichten an dieser Stelle auf die Herleitung dieser Gleichung. Interessierte seien auf den Originalartikel von Solow verwiesen (Quaterly Journal of Economics, Feb. 1956, S. 65–94). Gleichung (4) führt wegen der Form der Produktionsfunktion immer zu einem Gleichgewicht, d. h. zu einer Kapitalintensität KI*, in dem die Kapitalintensität nicht mehr wächst. Zudem ist dieses Gleichgewicht stabil: a) Im Falle KI* > KI gilt: s × (Y/A) > KI × WA bzw. WKI * > 0, d. h. KI steigt an. b) Im Falle KI* < KI gilt: s × (Y/A) < KI × WA bzw. WKI * < 0, d. h. KI sinkt. Die Wirtschaft strebt also in jedem Fall dem Gleichgewicht zu. Wir betrachten dazu wiederum unser Zahlenbeispiel. Die Produktionsfunktion pro Kopf ist gegeben durch: Y/A = (5 × K0,4 × A0,6) / A = 5 × (K/A)0,4 = 5 × (KI)0,4 Wir nehmen an, dass die Sparquote 20 % beträgt, also: s = 0,2. Das Wachstum des Produktionsfaktors Arbeit betrage WA = 0,01 (1 %). Dann gilt: 0 = WKI = 0,2 × (5 × (KI)0,4) – KI × 0,01 und somit: 0,2 × 5 × (KI)0,4 / 0,01 = KI bzw. (1/0,01) = (KI)0,6 bzw. KI = 1001,67 = 2154,43 Bei einer Kapitalausstattung von 2154,43 Kapitaleinheiten pro Arbeitseinheit würde der stabile gleichgewichtige Wachstumspfad (steady-state) erreicht werden. Das Modell erlaubt folgende Aussagen: •• Volkswirtschaften, die einen steady-state erreicht haben, werden darin verharren. •• Volkswirtschaften, die einen steady-state noch nicht erreicht haben, werden auf diesen Zustand zustreben. •• Länder mit ähnlichen strukturellen Merkmalen (Sparquote und Wachstumsrate der Arbeit) werden sich langfristig einander annähern, d. h. sie werden auf einen ähnlichen steady-state konvergieren. •• Die langfristige Wachstumsrate entspricht (in dem Modell ohne technischen Fortschritt) der Wachstumsrate des Produktionsfaktors Arbeit. Das Niveau der ursprünglichen Kapitalausstattung ist für das langfristige Wachstum irrelevant. Länder mit niedriger Kapitalausstattung weisen aber (bei vergleichbaren Sparquoten) zunächst höhere Wachstumsraten des BIP auf, die aber langfristig zur Wachstumsrate des Produktionsfaktors Arbeit tendieren. Von großer Bedeutung für den Wachstumsprozess ist die Sparquote. Sie bestimmt die Höhe der Ersparnis und somit der Netto-Investitionen. Man könnte deshalb zu dem Schluss gelangen, dass eine höhere Ersparnis immer eine gute Sache ist, weil sie zu einem höheren Einkommen führt. Diese Schlussfolgerung ist jedoch im Solow-Modell zu relativieren. Die Ersparnis und die daraus gespeiste Investition haben einen Einfluss auf das Niveau der steady-state Produktion, nicht jedoch auf die gleichgewichtige Wachstumsrate. Wir betrachten dazu wiederum unser Zahlenbeispiel, das bei einem Kapitalbestand von 15.000 beginnt. Grundsätzlich lässt sich aus dem Solow-Modell die Schlussfolgerung ableiten, dass Volkswirtschaften mit hoher Sparquote langfristig einen hohen Kapitalstock und daher eine hohe Wirtschaftsleistung erreichen. Länder mit geringer Sparquote sind hingegen auf einem entsprechend niedrigerem Produktions- und Einkommensniveau unterwegs. Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 501 Kapitel 16: Wachstumstheorie: Erklärungsfaktoren des Wachstums 501 Diese Sicht erklärt z. B. ausgehend von einem relativ niedrigen Kapitalstock das rasche Wachstum in Deutschland und Japan nach dem 2. Weltkrieg mit den hohen Sparquoten in diesen Ländern. Auch der rasante ökonomische Aufstieg südostasiatischer Tigerstaaten kann so erklärt werden. Allerdings gleichen sich langfristig die Wachstumsraten an, da sie nicht von der Sparquote abhängen. Die gleichgewichtige Wachstumsrate ist in allen drei betrachteten Fällen 1 % und entspricht somit dem Wachstum des Produktionsfaktors Arbeit. Hier gilt wiederum zu beachten, dass wir bisher ein Wachstum des technischen Fortschritts außer Acht gelassen haben. Von Interesse ist die Frage welcher steady-state Zustand der „Richtige“ ist. Die Antwort gibt die goldene Regel der (Kapital-)Akkumulation. Danach ist der stationäre Zustand des Kapitalstocks optimal, bei dem der Pro-Kopf-Konsum höher ist als bei allen anderen möglichen stationären Zuständen. Ein solcher Zustand wird erreicht, wenn die Sparquote der Produktionselastizität des Kapitals entspricht. In unserem Zahlenbeispiel ist die optimale Sparquote somit s = 0,4 = a. Obwohl bei einer Sparquote von 0,5 langfristig ein höheres Pro-Kopf-Einkommen (Y/A = 128,6) erreicht wird, ist der Konsum pro Kopf im Falle einer Sparquote von 0,4 maximal (C/A = 68,2) (siehe Tab. 16.3 und Abb. 16.5). Das Solow-Modell kann also durchaus die Frage beantworten, warum manche Länder reich und andere arm sind. Länder mit höherer Spar- und Investitionsrate gehören in der Regel zu den reicheren Ländern. Sie akkumulieren mehr Kapital pro Beschäftigten und generieren mehr Output pro Beschäftigtem. Länder mit höherem Bevölkerungswachstum gehören – gemessen am BIP pro Kopf – eher zu den ärmeren. Die Fortsetzung unseres Zahlenbeispiels in Tab. 16.4 macht dies deutlich. Diese Länder brauchen mehr Kapital um die gleichgewichtige Kapitalintensität (das Verhältnis Kapital zur Arbeit) zu erreichen. Kapitalerhöhung pro Kopf (capital deepening) ist schwieriger und die Volkswirtschaften tendieren dazu, weniger Kapital pro Beschäftigten zu akkumulieren. Ursächlich ist, dass die zusätzliche Bevölkerung mit einem Kapitalstock ausgestattet werden muss, dieser aber nicht notwendigerweise durch entsprechende Ersparnisbildung bereitgestellt werden kann. Dieses impliziert nicht, dass sich ein schnelles Bevölkerungswachstum wachstumshemmend auswirken muss. Ein schnelles Bevölkerungswachstum kann einer Wirtschaft sogar Impulse geben. Diese kommen erst zum Tragen, wenn sich eine Wirtschaft bereits in einem Wachstumsprozess befindet. Jahr A Y Y/A C/A I/A K/A WY in % WA in % s 1 40,0 2141,1 53,5 42,8 10,7 375,0 – 1 0,2 10 43,7 2490,1 56,9 45,5 11,4 437,2 1,6 1 0,2 100 107,1 8564,0 79,9 64,0 16,0 1022,3 1,2 1 0,2 1 40,0 2141,1 53,5 32,1 21,4 375,0 – 1 0,4 10 43,7 2708,6 61,9 37,1 24,8 539,0 2,5 1 0,4 100 107,1 12171,8 113,6 68,2 45,5 2461,9 1,3 1 0,4 1 40,0 2141,1 53,5 26,8 26,8 375,0 – 1 0,5 10 43,7 2813,9 64,3 32,2 32,2 593,6 2,8 1 0,5 100 107,1 13780,6 128,6 64,3 64,3 3357,8 1,4 1 0,5 Tab. 16.3: Wachstum bei unterschiedlichen Sparquoten Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 502 Teil IV Wirtschaftswachstum, Wohlstand und Beschäftigung502 Ursächlich für Entwicklungsunterschiede von Ländern sind aus dieser Sicht also vor allem strukturelle Unterschiede in den zentralen Parametern des Modells (Spar- und Investitionsquote, Bevölkerungswachstum). Ein Blick in die Empirie zeigt, dass das Modell einige Fragen nicht beantworten kann. Beispielsweise müsste in Ländern mit einem bereits hohem Pro-Kopf Einkommen eigentlich nur noch eine relativ geringe wirtschaftliche Dynamik zu beobachten sein. Es kann im bisherigen Modellrahmen nicht erklärt werden, warum es z. B. in den USA, in Japan oder in Deutschland über längere Zeiträume möglich war, das Gesetz vom abnehmenden Grenzertrag außer Kraft zu setzen. Zur Erklärung verweist die Wachstumstheorie vor allem auf den technischen Fortschritt und das Humankapital. Schlagwörter •• Cobb-Douglas Produktionsfunktion •• abnehmende Grenzerträge •• steady-state •• Gleichgewichtswachstum •• Goldene Regel der Akkumulation Goldene Regel der Kapitalakkumulation sG0 1 Goldene RegelPro-Kopf- Konsum Pro-Kopf- Konsum Sparquote Sparquote Die Goldene Regel gibt an, bei welcher Sparquote der Pro-Kopf-Konsum langfristig maximiert wird (linke Abbildung). Der gegenwärtige Konsum wird häufig höher bewertet als der zukünftige Konsum. In diesem Fall liegt die tatsächliche Sparquote unterhalb des optimalen Niveaus (rechte Abbildung). 0 1 Abb. 16.5: Goldene Regel der Akkumulation Tab. 16.4: Wachstum bei unterschiedlichem Bevölkerungswachstum Jahr A Y Y/A C/A I/A K/A WY in % WA in % s 1 40,0 2141,1 53,5 42,8 10,7 375,0 – 1 0,2 10 43,7 2490,1 56,9 45,5 11,4 437,2 1,6 1 0,2 100 107,1 8564,0 79,9 64,0 16,0 1022,3 1,2 1 0,2 1 40,0 2141,1 53,5 42,8 10,7 375,0 – 2 0,2 10 47,8 2631,9 55,1 44,0 11,0 402,3 2,3 2 0,2 100 284,1 18066,3 63,6 50,9 12,7 576,8 2,1 2 0,2 Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 503 Kapitel 16: Wachstumstheorie: Erklärungsfaktoren des Wachstums 503 16.3 Technischer Fortschritt Technischer Fortschritt lässt sich im täglichen Leben in Form von Neuerungen gut beobachten. Wir können z. B. sehen, dass die Informations- und Kommunikationstechniken zu schnelleren Abläufen in der Produktion führen, Filteranlagen den Schadstoffausstoß reduzieren, neue Medikamente viele Krankheiten wirksamer bekämpfen oder Mobiltelefone uns überall erreichen lassen. Technischer Fortschritt umfasst bei Solow die Summe aller technologischen und organisatorischen Verbesserungen, die es einer Volkswirtschaft gestatten, mit gegebenem Faktorbestand dauerhaftes Wirtschaftswachstum zu erzeugen. Die langfristige Wachstumsrate einer Volkswirtschaft wird wesentlich vom Wachstum des technischen Fortschritts beeinflusst. Im Wachstumsgleichgewicht müssten dann Variablen wie Arbeitsproduktivität und Reallohn mit eben dieser Rate wachsen. Es ist jedoch schwierig, den Einfluss des technischen Fortschritts auf gesamtwirtschaftlicher Ebene direkt zu messen. In vielen Ansätzen fällt der technische Fortschritt als Restfaktor gleichsam wie „Manna vom Himmel“. Hilfsweise können wir dem technischen Fortschritt indirekt Zahlen zuordnen, wenn wir mit messbaren Größen beginnen. Messbar sind z. B. das Wachstum des BIP, der Kapitalstock, die Zahl der Erwerbstätigen und die durch sie geleisteten Arbeitsstunden. Wenn wir wissen, wie viel des Wachstums auf die Faktoren Arbeit und Kapital zurückzuführen ist, muss der „Rest“ auf den technischen Fortschritt entfallen. Dieser nicht direkt erklärbare Teil des Wachstums wird als Solow-Residuum oder totale Faktorproduktivität bezeichnet. Zerlegung des Wachstums Das Konzept der statistischen Zerlegung des Wirtschaftswachstums ist ein Standard- Konzept der empirischen Wachstumsforschung. Ausgangspunkt ist die bereits bekannte Cobb-Douglas-Produktionsfunktion: Y = TF × Ka × A1-a. Zur Ermittlung der Wachstumsbeiträge ist zu berücksichtigen, dass die Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital nicht im gleichen Maße zum Wachstum beitragen. Maßgeblich sind die Produktionselastizitäten a für den Faktor Kapital und (1-a) für den Faktor Arbeit. Sie entsprechen auch dem Anteil der Produktionsfaktoren am gesamtwirtschaftlichen Faktoreinkommen. Der Beitrag des technischen Fortschritts (TF) ergibt WY = 1,5% p.a. (2000 – 2010) (1 – α) WA Wachstumsbeitrag Faktor Arbeit 0,6 × 0,5% = 0,3% Wachstumsbeitrag Faktor Kapital α WK 0,4 × 1,5% = 0,6% Wachstumsbeitrag Faktor TF Residualfaktor 1,5% – 0,3% – 0,6% = 0,6% = 20% von WY = 40% von WY = 40% von WY Empirische Zerlegung des Wirtschaftswachstums Abb. 16.6: Zerlegung des BIP in Wachstumskomponenten (fiktives Zahlenbeispiel) Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 504 Teil IV Wirtschaftswachstum, Wohlstand und Beschäftigung504 sich als Restfaktor (vgl. Box 16.3). Legt man die Cobb-Douglas-Produktionsfunktion unseres Zahlenbeispiels zugrunde und unterstellt eine durchschnittliche Wachstumsrate des BIP von 1,5 %, so zeigt sich, dass der größte Beitrag der Produktionsfaktoren für das BIP-Wachstum vom technischen Fortschritt ausgegangen ist (Abb. 16.6). Er äußert sich z. B. in verbesserter Ausbildung des Faktors Arbeit, einer Steigerung der Arbeitsproduktivität oder einer höheren Kapitalausstattung der Arbeitsplätze, wobei wechselseitige Zusammenhänge zwischen den Größen bestehen. Box 16.3: Wachstumszerlegung – Auf der Suche nach dem technischen Fortschritt (1) Y = TF × Ka × A1-a In Veränderungsraten formuliert: (2) WY = WTF + a × WK + (1-a) × WA Der Beitrag des technischen Fortschritts ergibt sich gemäß Gleichung (2) als Residuum: (3) WTF = WY – a × WK – (1-a) × WA Hintergrund: Mit Hilfe der Solow-Wachstumszerlegung kann das Wirtschaftswachstum, d. h. das Wachstum des gesamtwirtschaftlichen Outputs Y, als Summe der Wachstumsbeiträge der Produktionsfaktoren Arbeit (A) und Kapital (K) sowie eines verbleibenden Rests, das Solow-Residuum, aufgeteilt werden. Dieser Rest wird als totale Faktorproduktivität bezeichnet und kann als Maß für den technischen Fortschritt angesehen werden. Die empirischen Ergebnisse der Wachstumszerlegung sind abhängig von der Messung und der Wahl der Daten, so dass vor allem bei internationalen Vergleichen Vorsicht geboten ist. Beispielsweise kann der Arbeitseinsatz bezogen werden auf die Zahl oder die Stunden der Erwerbstätigen. So führt z. B. eine Zunahme der Teilzeitbeschäftigung zu einer größeren Zahl an Erwerbstätigen und zu einer Überschätzung des Wachstumsbeitrages des Faktors Arbeit. Zu klären ist ferner die Messung des Kapitalstocks. Zu unterscheiden sind •• volkswirtschaftlicher Kapitalstock oder Kapitalstock der Unternehmen, •• Brutto- oder Nettokapitalstock, •• Bewertung des Kapitalstocks zu Anschaffungs- oder Wiederbeschaffungspreisen. Letztendlich kann auch die Wahl (bzw. Schätzung) der Produktionselastizitäten und somit der Einkommensanteile von Arbeit und Kapital am Volkseinkommen unterschiedlich ausfallen. So erhöht der Ausweis eines kalkulatorischen Unternehmerlohns für Selbständige den Anteil des Faktors Arbeit. Unabhängig von den statistischen Berechnungsproblemen machen alle Analysen die überragende Rolle des technischen Fortschritts für Wachstumsprozesse deutlich. Bei der Interpretation der oft sehr hohen Anteile des technischen Fortschritts am Wirtschaftswachstum ist zu berücksichtigen, dass bei der Wachstumszerlegung der Produktionsfaktor Energie ausgeblendet wird. Ein Großteil von (Basis-)Innovationen ist jedoch nur durch und mit dem Einsatz von Energie möglich (z. B. Energieeinsatz für Flugzeuge, Autos, Computer, Transistoren). In Relation zu den anderen Produktionsfaktoren zeigen neuere Untersuchungen, dass Energie relativ zu billig ist. Dies führt in Industrieländern dazu, dass relativ teure Arbeitsplätze durch relativ günstige Energie substituiert werden. Daraus resultiert wiederum der Zwang zu einem höheren Wirtschaftswachstum, um zusätzliche Arbeitsplätze schaffen zu können. Schlagwörter •• technischer Fortschritt •• Solow-Residuum •• totale Faktorproduktivität •• Wachstumszerlegung Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 505 Kapitel 16: Wachstumstheorie: Erklärungsfaktoren des Wachstums 505 16.4 Endogenes Wachstum Im Solow-Modell und darauf aufbauenden neoklassischen Wachstumsmodellen ist das Langzeitwachstum exogen bestimmt. Wichtige Faktoren wie die Wachstumsrate des technischen Fortschritts sowie das Bevölkerungswachstum liegen außerhalb dieser Modelle. Diese Modelle, so die Kritik, erklären daher nicht den Ursprung des Wachstums. Die endogene Wachstumstheorie hingegen versucht diese Defizite zu überwinden, indem sie alle Wachstumskomponenten endogen, also aus dem Modell heraus, zu erklären versucht. Endogenes Wachstum und Wissen Modelle des endogenen Wachstums geben u. a. die Annahme sinkender Grenzproduktivitäten auf. Mehrheitlich erklären sie das Wachstum u. a. dadurch, dass sie den Kapitalbegriff weiter fassen und Humankapital in die Betrachtung einbeziehen. Humankapital sind die Fähigkeiten und Fertigkeiten sowie das Wissen, das in Personen verkörpert ist und durch Erziehung, Ausbildung, Weiterbildung sowie Erfahrung erworben wird. Rein formal wird die Produktionsfunktion durch die Integration des Humankapitals modifiziert, indem die Produktion je Beschäftigten nicht nur von der physischen Kapitalintensität (K/A), sondern auch vom Bestand an Humankapital (H/A) abhängt: Y/A = f (K/A, H/A). Der Pro-Kopf-Output steigt, wenn die Kapitalausstattung pro Arbeitsplatz (K/A) oder die durchschnittliche Qualifikation (H/A) steigt. Steigen die gesamtwirtschaftlichen Investitionen in Humankapital, z. B. durch Ausbildung, dann erhöht sich die Produktion je Beschäftigten. In diesem Sinne ist Humankapital als gebundenes Wissen einzustufen, das dem Prinzip der Ausschließbarkeit und einer Rivalität der Nutzung unterliegt (Tab. 16.4). Der Humankapitalbestand eines Individuums geht mit dessen Tod verloren. Kollektives Wissen dagegen ist dauerhaft akkumulierbar und es steht späteren Generationen zur Verfügung. Die Weitergabe des Wissens ist vielschichtig. Arbeitskräfte, die über unternehmensinterne Kenntnisse verfügen, können durch einen Wechsel zu Konkurrenten zumindest einen Teil dieses Wissens unentgeltlich „mitnehmen“. Auch bei der Imitation von Konkurrenzprodukten kommt ein Unternehmen in den Besitz fremden (externen) technischen Wissens. Ein solcher Transfer erfolgt seitens des Wissensproduzenten unfreiwillig. Selbst wenn Unternehmen, die Wissen produzieren, dieses durch Patente oder Geheimhaltung vorübergehend für sich behalten Tab. 16.4: Klassifikation des Wissens (in Anlehnung an Grupp, 1998, S. 336) Ausschließbarkeit gebundenes Wissen (Rivalität der Nutzung) ungebundenes Wissen (keine Rivalität der Nutzung) komplett immobiles Humankapital praktisch erworbenes Wissen (learning by doing) teilweise mobiles Humankapital Patente, technisches Design unmöglich – veröffentlichtes Wissen, abgelaufene Patente Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 506 Teil IV Wirtschaftswachstum, Wohlstand und Beschäftigung506 können, diffundiert es früher oder später zu anderen Unternehmen und führt dort zu Produktivitätszuwächsen. Im Fall des staatlichen Angebots wird Wissen der Allgemeinheit kostenlos zur Verfügung gestellt, z. B. durch staatlich finanzierte Forschung. Diese Form des Wissens wird nicht durch den Marktmechanismus entlohnt. Es liegen positive Externalitäten (spill-overs) vor. Die private Rendite des Wissens ist kleiner als die soziale Rendite. Steigende Grenzerträge und Regelkreisläufe Wissen hat einige Besonderheiten, die das Gesetz abnehmender Grenzerträge der physischen Produktionsfaktoren außer Kraft setzen. Neues Wissen kann nahezu unbegrenzt produziert werden und es kann – anders als z. B. ein physisches Investitionsgut – von mehreren Anwendern gleichzeitig genutzt werden, ohne an Wert zu verlieren. Im Gegenteil, je mehr Personen mit Wissen ausgestattet sind, desto schneller kann es sich verbreiten. Im ökonomischen Sinne liegen steigende Grenzerträge vor. Was hier auf den ersten Blick vielleicht als einfache Idee gelten mag, konnte lange Zeit nicht mathematisch modelliert werden. Wir brauchen aber die Mathematik an dieser Stelle nicht, sondern bedienen uns der Intuition. Was würde z. B. geschehen, wenn der Beitrag des Faktors Wissen am BIP größer ist als seine Entlohnung? In einem solchen Fall würden die Faktoren Arbeit und Kapital sozusagen den Faktor Wissen ausbeuten, insbesondere wenn dieser weitgehend ohne Entgelt genutzt werden kann. Sie erhielten eine ökonomische Rente, die aus der Erzeugung neuen Wissens entsteht. Dies muss aber, so der US-Ökonom Paul Romer, nicht zur Ineffizienz führen, weil die Grenzerträge neuen Wissens nicht abnehmen. Im Kern modellieren endogene Wachstumstheorien wechselseitige Zusammenhänge und Regelkreisläufe zwischen Realkapital, Humankapital, Wissen und der Kapitalproduktivität (Abb. 16.7). Zunehmender Sachkapitaleinsatz erfordert zunehmendes Humankapital. Der Humankapitalzuwachs bewirkt eine zunehmende Innovationstätigkeit und eine Kumulierung von Wissen. Das zunehmende Wissen erfordert für seine Verbreitung mehr Humankapital und für seine materielle Durchsetzung zusätzliches Sachkapital. Die positiven externen Effekte des Wissens führen dazu, dass die Grenzproduktivität des Kapitals nicht oder nicht im von der neoklassischen Wachstumstheorie erwarteten Ausmaß sinkt. Damit bleibt der Anreiz zur Sachkapitalbildung erhalten und permanentes Wachstum wird möglich. Kurzum: mehr Bildung, mehr Wissen schaffen mehr Ideen und diese schaffen Wachstum. Einzelne Modelle der endogenen Wachstumstheorie unterscheiden sich im Wesentlichen dadurch, welche dieser Regelkreise modelliert werden. Wenn nun neues Wissen (technischer Fortschritt) – wie in traditionellen Wachstumsmodellen – nicht überall gleichermaßen verfügbar ist, verschwindet die Tendenz zur Angleichung. In der Realität treten Innovationsprozesse in räumlichen Ballungen (cluster) auf. Beispielhaft sei auf Silicon Valley in den USA verwiesen. Länder oder Regionen können sich daher dauerhaft unterschiedlich entwickeln. Es kann erklärt werden, warum das Wachstum in den am weitesten entwickelten Ländern nicht bzw. nicht in dem Maße, wie von der neoklassischen Theorie erwartet, abnimmt. In Volkswirtschaften wie z. B. in den USA ist das für Wachstum notwendige Umfeld bereits auf hohem Niveau vorhanden und begünstigt die endogene Dynamik und das Zusammenspiel von Innovation, Humankapital und Realkapital. Dieses ist die Kernbotschaft des endogenen Wachstums. In vielen Entwicklungs- und Schwellenländern fehlt dieses komplementäre Wachstumsumfeld. Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 507 Kapitel 16: Wachstumstheorie: Erklärungsfaktoren des Wachstums 507 Mit diesen Argumenten hat sich die wachstumstheoretische Forschung von den klassischen Wachstumsdeterminanten Kapital und Arbeit entfernt. Sie stellt zunehmend die Fähigkeit einer Gesellschaft in den Vordergrund, die Faktoren Arbeit und Kapital produktiv einzusetzen. Endogenes Wachstum bedeutet daher, dass wirtschaftspolitische Entscheidungen die langfristige Wachstumsrate positiv beeinflussen können. Beispielhaft sei auf das Bildungssystem eines Landes verwiesen. Wir wollen uns diesem Bereich näher zuwenden und hier beispielhaft die Kosten und Nutzen eines Hochschulstudiums betrachten. Schlagwörter •• neue Wachstumstheorie •• positive Externalitäten •• endogenes Wachstum •• cluster 16.5 Humankapital und Studium Die Entscheidung für ein Studium kann viele, und auch außerökonomische Gründe haben. Diese außerökonomischen Gründe (z. B. emanzipatorisches Interesse, gesellschaftlicher Status, „Auszeit“ von gesellschaftlichen Zwängen, Zeit der „Selbstfindung“) sollen hier nicht untersucht werden, sind aber gleichwohl wichtig und dürften überwiegend einen positiven Studienanreiz darstellen. Es ist naheliegend, dass Studierende und Gesellschaft eine unterschiedliche Perspektive haben, was Kosten und Nutzen eines Studiums betrifft (Abb. 16.8). Der Wert eines Hochschulabschlusses wird in der Regel anhand einer Investitionsrechnung überprüft, da es sich um eine (Human-)Kapitalgröße handelt. Externe Effekte und nicht unmittelbar messbare Effekte bleiben außen vor. Die Anwendung von Verfahren der Investitionsrechnung führt zu Bildungsrenditen, die sich in eine private und soziale (gesellschaftliche) Kategorie einteilen lassen. Der Rechenweg berücksichtigt zwei Aspekte: benötigt führt zu Innovationen Sachkapital Humankapital Wissen Grenzproduktivität des Kapitals sinkt nicht Investitionsanreiz bleibt erhalten hat positive externe Effekte materielle Umsetzung und Verbreitung von Wissen erfordert Regelkreislauf sich selbst verstärkenden Wirtschaftswachstums Abb. 16.7: Regelkreisläufe endogenen Wachstums Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 508 Teil IV Wirtschaftswachstum, Wohlstand und Beschäftigung508 •• Zum einen bezieht sich die Ermittlung der sozialen Rendite auf die Bruttoeinkommen, um die Rückflüsse aus den Steuereinnahmen nach dem Studium berücksichtigen zu können. •• Zum anderen werden die abdiskontierten staatlichen Bildungsausgaben für einen Studierenden im jeweiligen Studiengang berücksichtigt. Studium – ja oder nein? In ökonomischer Hinsicht ist die Frage nach der Vorteilhaftigkeit eines Studiums als eine intertemporale Wahlentscheidung zu betrachten. Bei derartigen Betrachtungen wird die Entscheidung auf rein finanzielle Aspekte reduziert und jegliche positiven (z. B. Studentenfeiern) oder negativen (z. B. Prüfungsangst) Begleiterscheinungen werden ausgeklammert. Wenn Sie ein Studium aufnehmen, sind Sie mit zwei wesentlichen Kostenfaktoren konfrontiert. Da Sie auf eine berufliche Tätigkeit verzichten, entgehen Ihnen heute Gehälter (Opportunitätskosten des Studiums). Darüber hinaus ist das Studium heute mit direkten Kosten verbunden, z. B. Studiengebühren. Diesen Kosten steht die Möglichkeit gegenüber, dass später im gesamten Berufsleben aufgrund der Ausbildung ein höheres Einkommen erzielt werden kann. Sie müssen also entscheiden, ob Sie heute auf Einkommen verzichten, um in Zukunft mehr verdienen zu können. Da wir in diesem Zusammenhang verschiedene Zeitpunkte vergleichen, müssen wir die Geldeinheiten auf einen gemeinsamen Vergleichszeitpunkt beziehen. Dies geschieht durch Abdiskontierung mit dem Zinssatz (i). Somit beträgt der Gegenwartswert (GW) eines Einkommensstroms von mt Euro: (1) 1  (1 ) n t m t t m GW i= = +∑ bzw. für einen Zahlungsstrom von zt Euro: (2) 1  (1 ) n t z t t z GW i= = +∑ Die Differenz entspricht dem Nettogegenwartswert (NGW): (3) NGW = GWm – GWz Eine Investition wäre rentabel, wenn der Nettogegenwartswert größer als Null ist. Betrachten wir ein Beispiel, das nur zwei Perioden (heute und morgen) umfasst: Studierende Gesellschaft Kosten entgangenes Einkommen während des Studiums, Kosten des Studiums Ausgaben für Hochschulen (Personal, Sachausgaben), Transfers an Studierende (z.B. Bafög), entgangene Steuereinnahmen während des Studiums Nutzen höheres Einkommen während des Erwerbslebens Bildung von Humankapital als Voraussetzung für Wirtschaftswachstum und Produktivitätssteigerungen, Steuermehreinnahmen Externe Effekte Eigenwert des Studiums gesellschaftlicher Nutzen durch Bildung, z.B. bessere – Kindererziehung, – niedrige Kriminalität, – höheres kulturelles Niveau Studium aus individueller und gesellschaftlicher Sicht Abb. 16.8: Kosten-Nutzen-Betrachtung eines Hochschulstudiums Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 509 Kapitel 16: Wachstumstheorie: Erklärungsfaktoren des Wachstums 509 kein Studium Studium Einkommensverzicht durch Studium heute 0 € 40.000 € Kosten Studium heute 0 € 15.000 € Zusätzliches Einkommen morgen 0 € 60.000 € Unterstellen wir zunächst einen Zinssatz von 0 %. In diesem Fall ergeben sich folgende Nettogegenwartswerte: •• kein Studium: 0 € •• Studium: 5.000 € = –40.000 € – 15.000 € + 60.000 € In diesem Fall hat das Studium einen höheren Nettogegenwartswert. Nun unterstellen wir einen Zinssatz von 20 %. In diesem Fall kehrt sich die Entscheidung um, d. h. kein Studium wird rentabler: •• kein Studium: 0 € •• Studium: –5.000 € = – 40.000 € – 15.000 € + 60.000 € / 1,2 Verantwortlich dafür ist die Veränderung des Zinssatzes, die eine Zeitpräferenz widerspiegelt. Die vorherigen Überlegungen sollen nun etwas praxisnäher ausgestaltet werden. Unterstellen wir folgende Ausgangsdaten: •• Gesamtbetrachtung 30 Jahre •• gesamte direkte und indirekte Kosten des Studiums pro Jahr: 20.000 € •• Studiendauer 5 Jahre •• Einkommensdifferenz: + 10.000 € pro Jahr (über die Jahre hinweg konstant) In diesem Fall errechnet sich der Nettobarwert wie folgt: [–20/(1 + i) – … – 20/(1 + i)5] + [10/(1 + i)6 + … + 10/(1 + i)35] Aus Vereinfachungsgründen wollen wir die Inflationsrate vernachlässigen, da sie alle Personen ohne und mit Studium gleichermaßen betrifft. Wenn wir nun einen Zins von z. B. 5 % wählen, errechnet sich ein Nettobarwert von etwa 33.858 €. Dieser Zins ergibt sich z. B. indem wir alternative Anlageentscheidungen betrachten. Finanziell wäre es also eine gute Entscheidung, in ein Studium zu investieren (Abb. 16.9). Dieser Ertrag lässt sich als Investition in Humankapital interpretieren. Allerdings sollten Sie sich nicht nur durch solche monetären Überlegungen zur Wahl eines Studiums oder eines Berufs verleiten lassen. Derartige Berechnungen sind methodischen Einschränkungen unterworfen. Zunächst haben wir unterstellt, dass das zusätzlich Einkommen tatsächlich aufgrund der Ausbildung (Produktivität) erzielt wird und nicht aufgrund anderer Unterschiede (z. B. soziale Fähigkeiten, Engagement im Beruf, „Vitamin B“, Begabung, Talent). Ebenso ist zu beachten, dass eine Person ohne Ausbildung während der Ausbildungsperiode nicht unbedingt spart und daher keine Zinseinkünfte erzielt, die weitere Opportunitätskosten für die Person mit Ausbildung darstellen würden. Wichtig ist zudem der Umstand, dass Nominaleinkommen und Ausgaben über viele Jahre hinweg verglichen werden. So würde ein größerer Inflationsschub die Zusatzverdienste gegenüber den (nominal fixen) Bildungskosten ansteigen lassen und so den Diskontsatz anheben. In einer Erweiterung der Überlegungen kann auch das Risiko der Arbeitslosigkeit einbezogen werden. Das erzielbare Zusatzeinkommen hängt von der Lage am Arbeitsmarkt ab. Grundsätzlich ist zu erwarten, dass nach der Produktivität entlohnt wird. Besteht aber ein Überschuss an Akademikern, wird der Wettbewerb Druck auf die Akademikergehälter ausüben und das erzielbare Zusatzeinkommen verringern. Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 510 Teil IV Wirtschaftswachstum, Wohlstand und Beschäftigung510 Beim Vergleich verschiedener Jahre kann dieses den Ertrag des Studiums verändern. Die Einkommenshöhe (Stundenlöhne, Arbeitszeit) sowie deren Veränderung über die Jahre ist zwischen den Wirtschaftssektoren unterschiedlich. In der Praxis müssen daher entweder die Einkommen in einem bestimmten Sektor oder gesamtwirtschaftliche Durchschnitte verglichen werden. Das individuelle und das gesellschaftliche (soziale) Kalkül zur Aufnahme eines Studiums unterscheiden sich durch die Kosten und Erträge. Untersuchungen zeigen, dass die soziale Rendite in der Regel unterhalb der privaten Rendite liegt, d. h. Bildung ist aus gesellschaftlicher Sicht auf den ersten Blick ein Zuschussgeschäft. Sofern die soziale Rendite oberhalb der privaten Rendite liegt, scheint dies darauf hinzudeuten, dass über stärkere Anreize auch Bildung attraktiver gemacht werden kann und sich in der Folge positive Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum ergeben. Umgekehrt kann jedoch für den Fall, dass die soziale unterhalb der privaten Rendite liegt, keine „Überinvestition in Bildung“ gefolgert werden. Dies liegt im Wesentlichen daran, dass sich die Auswirkungen einer besseren und höherwertigen Ausbildung auf das Wirtschaftswachstum kaum zuverlässig erfassen lassen. Wir müssten wissen, wie hoch das Wachstum des BIP ohne staatliche Investitionen ausgefallen wäre. Sofern der zusätzliche soziale Ertrag größer als der Zuwachs des BIP ist, dürfte es positive spill-over Effekte der akademischen Bildung auf die Gesamtwirtschaft geben. Dies wäre dann die Rechtfertigung für eine staatliche Förderung der Studierenden und der (teilweisen) Finanzierung der Hochschulen. Schlagwörter •• Humankapital •• private und soziale Rendite eines Studiums •• Nettogegenwartswert eines Studiums Einkommen Kosten Alternativeinkommen ohne Studium Mehrverdienst durch Studium Einkommensverzicht Direkte Kosten Alter20 5 25 30 65 Warum sich ein Studium auch wirtschaftlich rechnet Studium Erwerbsleben Ruhestand Abb. 16.9: Individuelle Kosten und Erträge eines Studiums Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 511 Kapitel 16: Wachstumstheorie: Erklärungsfaktoren des Wachstums 511 16.6 Fallbeispiele zu Kapitel 16 Lösungs- und Bearbeitungshinweise sowie alle Abbildungen dieses Kapitels finden Sie unter: www.vahlen.de Fallbeispiel 16.1: Wachstumsformen (++) 1) Wodurch unterscheiden sich folgende Wachstumsbegriffe? • extensiv, intensiv • nominal, real • quantitativ, qualitativ 2) Was bedeutet ein angemessenes und stetiges Wirtschaftswachstum? 3) Kann qualitatives Wachstum zu einer Erhöhung des BIP führen? Fallbeispiel 16.2: Wachstum und Produktivität (0) 1) Definieren Sie die Begriffe Arbeitsproduktivität, Kapitalproduktivität und Kapitalintensität und zeigen Sie den Zusammenhang zwischen den genannten Größen auf. 2) Für eine Volkswirtschaft liegen folgende Größen vor: • BIPreal 2.000 Mrd. € • Kapitalstockreal 10.000 Mrd. € • Erwerbstätige 40 Mio. • Arbeitsvolumen 50 Mrd. Stunden Ermitteln Sie folgende Größen: a) Arbeitsproduktivität je Stunde b) Kapitalproduktivität c) Kapitalkoeffizient d) Arbeitsproduktivität je Erwerbstätigen e) Kapitalintensität Überprüfen Sie, ob der unter 1) ermittelte Zusammenhang zwischen den genannten Größen gilt. Fallbeispiel 16.3: Produktionsfunktion (+) 1) Eine Volkswirtschaft lässt sich näherungsweise durch folgende Cobb-Douglas Produktionsfunktion beschreiben: Effizienzparameter TF = 15; K = 1.000, A = 50, a = 0,3 a) Bestimmen Sie das BIP des Landes. b) Wie hoch ist das BIP, wenn sich der Einsatz von Kapital und Arbeit verdoppelt? c) Interpretieren Sie die Exponenten der Produktionsfunktion. d) Was verstehen Sie unter abnehmenden Grenzerträgen? 2) Das BIP in einer Volkswirtschaft ist gegeben durch folgende Produktionsfunktion: Y0 = K0,3 × A0,7. Durch ein Erdbeben werden 25 % des Kapitalstocks vernichtet. Berechnen Sie die Höhe der Produktion nach Reduktion des Kapitalstocks. Fallbeispiel 16.4: Solow-Wachstumsmodell (++) 1) Beschreiben Sie den Aufbau des Solow-Modells. 2) Welche Empfehlungen liefert das Solow-Modell für eine Steigerung des Pro-Kopf Einkommens in Entwicklungs- und Schwellenländern? 3) Kann das Modell dauerhaftes Wachstum von Volkswirtschaften ohne technischen Fortschritt erklären? Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 512 Teil IV Wirtschaftswachstum, Wohlstand und Beschäftigung512 Fallbeispiel 16.5: Ansatzpunkte zur Überwindung der Armut (++) In einem Entwicklungsland setzt sich ein Haushalt aus Eltern sowie jeweils 2 Söhnen und 2 Töchtern zusammen. Die Familie bewirtschaftet 2 Hektar Land und kann 2 Tonnen Mais auf einem Hektar produzieren, der sich in der Stadt für umgerechnet 150 US-$ verkaufen lässt. Aufgrund des geringen Pro-Kopf Einkommens kann die Familie nichts sparen ((in Anlehnung an Sachs, 2005, S. 220 ff.). 1) Berechnen Sie das nominale BIP, das BIP-pro-Kopf und den Konsum. 2) Diskutieren Sie, wie sich durch folgende Maßnahmen das Einkommen steigern lässt: a) Rückgang des Konsum auf 3 Tonnen Mais b) Steigerung des Ertrags pro Hektar auf 3 Tonnen c) Umstrukturierung von Mais zu Weizenanbau, der 800 US-$ pro Hektar erbringt d) Beschränkung der Kinderzahl auf 2 3) Wie lässt sich ein Absinken des Pro-Kopf-Einkommens erklären? Fallbeispiel 16.6: Technischer Fortschritt und wirtschaftliches Wachstum (0) Gegeben sind folgende Werte: Jahr Bruttoinlandsprodukt (Mrd. €) Kapital (Mrd. €) Arbeit (Mio. Erwerbstätige) 2009 2.000 4.000 35,0 2010 2.100 4.200 35,7 Der Anteil des Kapitals am Volkseinkommen beträgt 25 %. 1) Ermitteln Sie den Wachstumsbeitrag des technischen Fortschritts. 2) Im Jahr 2011 stieg der technische Fortschritt um 1 %, der Kapital- und Arbeitseinsatz nahmen um jeweils 2 % zu. Die Anteile der Faktoren Kapital und Arbeit am Volkseinkommen veränderten sich zu 0,3 und 0,7. Wie groß ist die Wachstumsrate des BIP? Fallbeispiel 16.7: Humankapital, Wissen und wirtschaftliches Wachstum (+) 1) Was verstehen Sie unter Humankapital? Wie lässt sich der Zusammenhang zwischen Humankapital und Wirtschaftswachstum herstellen? 2) Ordnen Sie folgende Begriffe in nachfolgende Matrix ein: eigene Ausbildung, „learing by doing“, Arbeitsplatzwechsel, abgelaufene Patente, neue Patente. Ausschließbarkeit gebundenes Wissen (Rivalität der Nutzung) ungebundenes Wissen (keine Rivalität der Nutzung) komplett teilweise unmöglich 3) Wie erfolgt die Weitergabe des Wissens? Wieso ist die soziale (gesellschaftliche) Rendite des Wissens kleiner als die Rendite privaten Wissens? Fallbeispiel 16.8: Kosten und Nutzen eines Studiums (++) 1) Nastasja muss entscheiden, ob sie eine Hochschule besuchen soll. Wenn sie drei Jahre die Universität besucht und jedes Jahr 5.000 € Studiengebühr bezahlt, wird sie eine Arbeitsstelle bekommen, in der sie für den Rest seines Arbeitslebens 50.000 € jährlich verdienen wird. Entscheidet sie sich gegen die Hochschule, wird sie sofort eine Arbeitsstelle annehmen. In dem Fall wird sie in den nächsten drei Jahren 15.000 €, in den folgenden drei Jahren 25.000 € und in allen weiteren Folgejahren 50.000 € verdienen. Lohnt sich eine Entscheidung für die Universität, wenn der Zinssatz bei 10 Prozent liegt? Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 513 Kapitel 16: Wachstumstheorie: Erklärungsfaktoren des Wachstums 513 2) Beurteilen Sie Kosten und Nutzen eines Studiums aus Sicht des Staates bzw. von Studierenden. Kosten Nutzen Staat Studierende 3) Welche Auswirkungen haben folgende Maßnahmen auf die individuelle und soziale Rendite? Maßnahme Individuelle Rendite Soziale Rendite Verkürzung der Studiendauer durch effizientere Gestaltung des Studiums höhere Belastung besser verdienender Akademiker nach dem Studium Lohnsysteme, die Alter bzw. Erfahrung, nicht aber das Studium honorieren Einführung von Studiengebühren Verlängerung der Lebensarbeitszeit Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 515 Kapitel 17: Hoher Beschäftigungsstand Kapitel 17 Nordrhein-WestfalenGebiet Juli Arbeitslosenzahl Arbeitslosenquote Offene Stellen Erwerbstätige Veränderung in % gegenüber Vormonat www.arbeitsamt.de Inhaltsübersicht 17.1 Hoher Beschäftigungsstand als wirtschaftspolitisches Ziel. . . . . . . . . . . . . . . . 516 17.1.1 Arbeitsmarktindikatoren. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 520 17.1.2 Arbeitsangebot und Arbeitsvolumen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 523 17.1.3 Formen der Arbeitslosigkeit und Beschäftigungsstrategien . . . . . . . . . . . . . 529 17.2 Arbeitsmarktbezogene Ursachen der Arbeitslosigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 531 17.2.1 Friktionelle Arbeitslosigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 533 17.2.2 Strukturelle Arbeitslosigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 536 17.3 Institutionelle Rahmenbedingungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 539 17.3.1 Lohnverhandlungen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 542 17.3.2 Marktunvollkommenheiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 544 17.4 Gesamtwirtschaftliche Ursachen der Arbeitslosigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 545 17.4.1 Konjunkturelle Arbeitslosigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 545 17.4.2 Wirtschaftswachstum, Produktivität und Arbeitslosigkeit . . . . . . . . . . . . . . 550 17.5 Fallbeispiele zu Kapitel 17 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 555

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Makroökonomische Ereignisse

wie die Schuldenkrise, Rezession, Arbeitslosigkeit und Inflation haben nicht nur gesamtwirtschaftliche Konsequenzen, sondern auch vielfältige Berührungspunkte zum täglichen Leben. Diese Ereignisse sind häufig komplex und für den Einzelnen nicht immer leicht zu durchschauen.

Um Studierende auf die globalen Herausforderungen von Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt vorzubereiten ist in diesem Lehrbuch explizit auch das Thema der nachhaltigen Entwicklung integriert. Außerdem werden die großen Themen der Makroökonomie teilweise gebündelt behandelt, um die vielfältigen Zusammenhänge zwischen den einzelnen Gebieten transparenter zu gestalten. Dies hat für Studierende und Lehrende u.a. den Vorteil, dass eine modulare Verwendung möglich ist. Die Schwerpunkte:

– Drei Ebenen der Makroökonomie (empirisch, theoretisch und wirtschaftspolitisch)

– Konjunktur, Gütermarkt und Finanzpolitik

– Inflation, Geldmarkt und Geldpolitik in der EWU

– Wirtschaftswachstum, Wohlstand und Beschäftigung

– Außenhandel, Devisenmarkt und offene Volkswirtschaft

– Nachhaltige Entwicklung und Makroökonomie.

Zur Neuauflage

Das Buch wurde vollständig überarbeitet und in eine modulare Struktur überführt, aber die Grundkonzeption des Buches wurde beibehalten. Das Buch ist bewusst als Lernbuch konzipiert, das sich zum Einsatz an Hochschulen und Akademien eignet. Mit der Integration von selbständig zu bearbeitenden Fallbeispielen wird u.a. das Konzept der Bachelor- und Masterstudiengänge an deutschen Hochschulen berücksichtigt, die stärker als bisher an Praxisbeispielen orientierte Lehr- und Lernformen fördern wollen.

Die Autoren

Prof. Dr. Reiner Clement, Prof. Dr. Wiltrud Terlau, Sankt Augustin/Rheinbach, und Prof. Dr. Manfred Kiy, Köln.

Angewandte Makroökonomie

für Studierende der Volks- und Betriebswirtschaftslehre an Universitäten, Fachhochschulen und Akademien.