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Kapitel 10: Ursachen und Formen der Inflation in:

Reiner Clement, Wiltrud Terlau, Manfred Kiy

Angewandte Makroökonomie, page 348 - 367

Makroökonomie, Wirtschaftspolitik und nachhaltige Entwicklung mit Fallbeispielen

5. Edition 2013, ISBN print: 978-3-8006-4480-3, ISBN online: 978-3-8006-4389-9, https://doi.org/10.15358/9783800643899_348

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Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 331 Kapitel 10: Ursachen und Formen der Inflation Kapitel 10 Inhaltsübersicht 10.1 Übersicht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 332 10.2 Nachfrageinflation. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 334 10.3 Angebotsinflation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 336 10.4 Lohn-Preis-Spirale . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 338 10.5 Importierte Inflation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 340 10.6 Indexierung und zurückgestaute Inflation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 341 10.7 Fallbeispiele zu Kapitel 10 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 347 Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 332 Teil III Inflation, Geldmarkt und Geldpolitik in der EWU332 Lernzielorientierte Sachverhalte •• Die Ursachen der Inflation sind nicht immer eindeutig zu erkennen. Ohne Ausweitung der Geldmenge ist dauerhaft jedoch keine Inflation möglich. •• Eine Nachfrageinflation kann nur in konjunkturellen Aufschwungphasen auftreten. •• Eine Angebotsinflation ist in jeder Konjunkturphase möglich. Zu unterscheiden sind Kostensteigerungen und Steigerungen des Preisniveaus, die auf Marktmacht zurückzuführen sind. •• Eine Lohn-Preis-Spirale schadet der Gesellschaft und ist nicht dazu geeignet, die Ansprüche gesellschaftlicher Gruppen durchzusetzen. •• Die Inflation kann durch verschiedene Wege vom Ausland in das Inland übertragen werden. •• Die Indexierung kann die Kosten einer unerwarteten Inflation reduzieren. Sie kann jedoch die Ursachen der Inflation nicht bekämpfen. •• Die Verhängung eines Preisstopps ist keine geeignete Maßnahme der Inflationsbekämpfung, sondern führt mittelfristig zu zahlreichen unerwünschten Nebenwirkungen. 10.1 Übersicht Autofahrer ärgern sich aus verständlichen Gründen über steigende Preise für Benzin. Die Ursachen für die Preiserhöhung sind aber nicht immer sofort sichtbar. Der Anstieg der Mineralölpreise kann z. B. zurückzuführen sein auf (Abb. 10.1) •• die Verknappung des Erdöls mit langen Schlangen vor den Tankstellen als Kennzeichen einer verdeckten Inflation, •• den Anstieg der Nachfrage durch die PKW-Nutzer und/oder eine preisunelastische Nachfrage, Anstieg der Verbraucherpreise Anstieg der • Einzelhandelspreise • Großhandelspreise Anstieg der Erzeugerpreise Importierte Inflation • Wechselkurse • Weltmarktpreise in US-$ €-Importpreise Nachfragefaktoren • zu hohe Nachfrage • preisunelastische Nachfrage • Anstieg von Kosten (Löhne, „Ökosteuer“) • Marktmacht der Unternehmen, Förderländer Angebotsfaktoren €-Angebotspreise Anstieg der Benzinpreise – viele Ursachen, eine Wirkung Abb. 10.1: Multikausale Inflationsursachen am Beispiel von Benzinpreisen Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 333 Kapitel 10: Ursachen und Formen der Inflation 333 •• die Marktmacht der Unternehmen oder der OPEC-Staaten, •• die Erhöhung der „Ökosteuer“ durch die Bundesregierung, •• die Abwertung des € gegenüber dem US-$. Systematisierung der Inflationsursachen Die Inflation ist wie der Anstieg der Benzinpreise häufig auf mehrere Ursachen zurückzuführen und nur multikausal zu erklären. Oft ist der auslösende Impuls für inflationäre Prozesse zudem nicht eindeutig zu identifizieren. Ohne eine entsprechende Erhöhung der Geldmenge ist jedoch dauerhaft keine anhaltende Inflation möglich. Dies erklärt die zentrale Verantwortlichkeit der Geldpolitik für das Ziel der Preisniveaustabilität und für die Steuerung der Geldmenge. Ausgangspunkt einer Geldmengensteuerung der Zentralbank ist die Quantitätsgleichung (vgl. Box 10.1; Abb. 10.2). In Veränderungsraten geschrieben: (1) WM + WUG = WBIPreal + WP Zuwächse des realen BIP sind in „entwickelten Ländern“ eher moderat und die Veränderungsraten der Umlaufgeschwindigkeit erfahrungsgemäß eher gering. Ein gemessen am Zuwachs des realen BIP zu großes Wachstum der Geldmenge führt dann zur Inflation: (2) WP = WM + WBIPreal – WUG Box 10.1: Quantitätstheorie – Inflation als monetäres Phänomen (1) M × UG = BIPreal × P In Veränderungsraten gilt näherungsweise: (2) WM + WUG = WBIPreal + WP (3) WM = WBIPreal + WP – WUG Hintergrund: Nach den Annahmen der klassischen Theorie gibt es keinen langfristigen Zusammenhang zwischen nominalen und realen Größen. Das reale BIP hängt somit nur von realen Größen wie den Arbeitskräften, dem physischen Kapital u. a. ab. Wird die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes zudem als konstant angenommen, führt eine Geldmengenerhöhung zu höherer Inflation. Grundsätzlich lassen sich folgende Inflationsursachen unterscheiden: •• Geldmengeninflation entsteht, wenn die Geldmenge zu stark wächst. Ursache ist z. B. die vermehrte Kreditvergabe der Banken, also: WM > WP + WBIPreal (bei konstanter Umlaufgeschwindigkeit). Ursächlich können auch Interventionsverpflichtungen der Notenbanken bei festen Wechselkursen sein (vgl. Kap. 20). •• Nachfrageinflation entsteht, wenn die Nachfrage nach Gütern das vorhandene Angebot übersteigt. Ursache kann ein zu starkes Wachstum der privaten oder staatlichen Konsumgüternachfrage sowie der Investitionsgüter- oder der Exportnachfrage sein. •• Angebotsinflation entsteht, wenn die Kosten der Produktion für Unternehmen steigen (u. a. aufgrund höherer Lohnstückkosten, Ölpreise) und in Form höherer Preise (WP) an die Verbraucher weitergegeben werden. Auch marktmachtbedingte Gewinnsteigerungen der Unternehmen können zu einer Erhöhung der Angebotspreise führen (Marktmachtinflation). In der Realität können sich Nachfrage- und Angebotsinflation überlagern. In diesem Fall ist nicht unmittelbar zu erkennen, welche Seite den auslösenden und welche Seite den reagierenden Teil im Inflationsprozess ausmacht. Ein praktisches Beispiel ist die Lohn-Preis-Spirale. Schlagwörter •• Inflationsursachen •• Quantitätsgleichung Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 334 Teil III Inflation, Geldmarkt und Geldpolitik in der EWU334 10.2 Nachfrageinflation Der Ansatz der Nachfrageinflation gilt als der älteste Ansatz der Inflationserklärungen. Ausgangspunkt für die nicht-monetäre Nachfragesogtheorie ist die Erhöhung der Gesamtausgaben. Gemäß der Verwendungsgleichung des BIP können der Staat, die privaten Haushalte, die Unternehmen und das Ausland verantwortlich für inflationäre Impulse sein, also die rechte Seite der Quantitätsgleichung: (1) M × UG = BIPnominal (Ausgaben für C + I + G + Ex – Im = monetäre Nachfrage) Der Nachfrageüberhang trifft auf ein Angebot, das kurzfristig nicht ausgedehnt werden kann. Die überschüssige Güternachfrage führt zu einer Steigerung der Preise, mit der die zusätzliche monetäre Nachfrage sozusagen „aufgesaugt“ wird (demand pull inflation). Beispielsweise kann die private Konsumgüternachfrage aufgrund von Ver- änderungen der Konsumneigung, der Einkommens- und Vermögensverteilung und der Bevölkerungsentwicklung inflationär expandieren. Die Finanzierung speist sich aus zusätzlicher Verschuldung, Steigerung der Löhne, Vermögensabbau oder Senkung der Sparquote. Eine notwendige Bedingung für einen langanhaltenden Prozess der Nachfrageinflation ist die monetäre Begleitung in Form der Geldmengenexpansion (monetärer Nachfragesog). Erhöht die Notenbank die Geldbasis nicht oder nicht im notwendigen Umfang, können die für die zusätzlichen Ausgaben notwendigen Kredite durch die Geschäftsbanken nicht zur Verfügung gestellt werden. Der inflationäre Prozess wird gebremst. Monetäre und nicht-monetäre Nachfragesogtheorien führen formal zum selben Ergebnis. Betrachten wir dazu im Folgenden ein fiktives Zahlenbeispiel. Für das Jahr 2008 gelte: (2) M × UG = BIPreal × P (3) 1.000 Mrd. € × 2 = 2.000 Mrd. € × 1 Das nominale BIP in Höhe von 2.000 Mrd. € entspricht im Jahr 2008 dem realen BIP, da dieses Jahr als Basisjahr betrachtet wird. Wird eine konstante Umlaufgeschwindigkeit des Geldes von 2 und in der Basisperiode ein BIP-Deflator von 1 unterstellt, ist zur monetären Abwicklung des nominalen BIP eine Geldmenge von 1.000 Mrd. € erforderlich. Nachfrageinflation bei ausgelasteten und nicht ausgelasteten Kapazitäten Angenommen sei, dass das reale BIP aufgrund einer steigenden Konsumnachfrage im Jahr 2009 um 2,5 % auf 2.050 Mrd. € zunimmt und das Preisniveau nachfragebedingt um 2 % wächst. Das nominale BIP steigt somit im Jahr 2009 auf 2.091 Mrd. € (2.050 × 1,02), d. h. um rund 4,5 %. Das benötigte Geldmengenwachstum beträgt ebenfalls 4,5 %. Es entspricht dem Wachstum des nominalen BIP und näherungsweise der Summe aus den Wachstumsraten des realen BIP (2,5 %) und des BIP-Deflators (2 %). Jahr BIPnom BIPreal Deflator M WBIPreal WP WM 2008 2.000 2.000 100 1.000 – – – 2009 2.091 2.050 102 1.045,5 2,5 % 2 % 4,5 % Eine Nachfrageinflation tritt nur dann auf, wenn die Produktionskapazitäten weitgehend ausgelastet sind und die zusätzliche Nachfrage zu Produktionsengpässen führt. Typisch ist eine solche Situation vor allem im Aufschwung bzw. in der Hochkonjunktur. Angenommen sei nun, dass das reale BIP im Jahr 2010 an seine Kapazitätsgrenzen stößt (also nicht wächst) und die privaten Haushalte weiterhin höhere Konsumausgaben Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 335 Kapitel 10: Ursachen und Formen der Inflation 335 tätigen wollen. Stellt der monetäre Sektor zusätzliches Geld zur Verfügung, kommt es zwar nicht zu Mengensteigerungen, wohl aber zu Preiserhöhungen. Wird die Geldmenge um rund 4 % ausgeweitet, führt dies zu einer proportionalen Steigerung des Preisniveaus (Abb. 10.2): (4) WM + WUG = WBIPreal + WP (5) für das Jahr 2010: 4 % + 0 % = 0 % + 4 % Ursächlich für inflationäre Prozesse ist ein Nachfrageüberhang (Angebotslücke) auf dem Gütermarkt. Die Gesamtausgaben der Wirtschaftssubjekte sind gemessen am kurzfristig konstanten realen Angebot zu hoch und führen zur inflatorischen Lücke (demand-pull inflation). Im gesamtwirtschaftlichen Totalmodell lässt sich diese Situation als Rechtsverlagerung der gesamtwirtschaftlichen Nachfragefunktion (GN) bei vertikaler gesamtwirtschaftlicher Angebotskurve (GA) darstellen (Abb. 10.2). Die Nachfrageinflation wird gebremst, wenn die Wirtschaftssubjekte ihre Einkommen nicht im gleichen Umfang an die steigenden Preise anpassen können (z. B. Lohnempfänger, Bezieher von Festeinkommen) und ihre Konsumausgaben einschränken müssen. Ebenso können verringerte Gewinnerwartungen der Unternehmen zu einem Rückgang der Investitionsgüternachfrage führen. Auch der Staat kann seine Nachfrage einschränken und einen Stabilitätsbeitrag zur Eindämmung inflationärer Prozesse leisten. Die Nachfrageinflation wird vor allem dann gestoppt, wenn der monetäre Sektor die Geldmenge begrenzt. Dadurch kommt es z. B. zu Engpässen für Kredite, die Unternehmen, Staat und private Haushalte zur Finanzierung ihrer Ausgaben benötigen. Der entsprechende Zinsanstieg für Kredite schränkt den inflationären Prozess ein. Einen Spezialfall der Nachfrageinflation stellt die demand-shift inflation dar. Grundgedanke ist, dass es in einer wachsenden Wirtschaft aufgrund von Nachfrageverschiebungen zwischen schrumpfenden und wachsenden Sektoren zu einem Anstieg des Preisniveau (BIP-Deflator) reales BIP in Mrd. €2.000 2.050 106,1 102 100 GN GA 2010 GN‘‘ GN‘ demandpull 2008 2009 Jahr BIPnom BIPreal Deflator M WBIPreal WP WM 2008 2.000 2.000 100 1.000 – – – 2009 2.091 2.050 102 1.045,5 2,5% 2% 4,5% 2010 2.174,6 2.050 106,1 1.087,3 0% 4% 4% Kapazitätsgrenze Nachfrageinflation – Wenn die Nachfrage an ihre Grenzen stößt Abb. 10.2: Nachfragesog-Inflation Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 336 Teil III Inflation, Geldmarkt und Geldpolitik in der EWU336 Preisniveaus kommt. Ursächlich sind z. B. mangelnde Preissenkungen in schrumpfenden Sektoren aufgrund starrer Löhne und konstanter anderer Kosten, während es in wachsenden Sektoren infolge der höheren Nachfrage zu Preiserhöhungen kommt. Gesamtergebnis dieser Entwicklung ist ein steigendes Preisniveau in der Volkswirtschaft. Schlagwörter •• Nachfrage(sog)inflation •• demand-pull inflation •• demand-shift inflation 10.3 Angebotsinflation Während die Nachfrageinflation in Zeiten der konjunkturellen Überhitzung einer Volkswirtschaft auftritt, sind inflationäre Impulse auf der Angebotsseite in jeder konjunkturellen Phase möglich. Eine Systematisierung der Ursachen ergibt sich aus den einzelnen Komponenten der Angebotspreise. Diese bestehen aus Kosten, Steuern und dem Gewinn. Erhöht sich eine dieser Komponenten, so liegt eine Kosten-, Steuer- oder Gewinninflation vor: Angebotspreis Kosten ⇒ Kosteninflation Steuern ⇒ Steuerinflation Gewinn ⇒ Gewinninflation Kostendruckinflation Im Fall der Kostendruckinflation (cost-push inflation) reagieren die Unternehmen auf Kostensteigerungen mit entsprechenden Erhöhungen ihrer Konsum- und Investitionsgüterpreise. Bedeutsame Formen sind die Lohnkosteninflation sowie die importierte Kosteninflation. Auch Anhebungen der Gütersteuern (z. B. der Mineralölsteuer oder der Mehrwertsteuer), die zunächst von den Unternehmen getragen werden, können zur Inflation beitragen (Steuerinflation). Steigerungen der Löhne (ls) führen jedoch nur dann zu inflationären Prozessen, wenn sie über dem Wachstum der Arbeitsproduktivität (µ) liegen, d. h. die Lohnstückkosten (kA) steigen:      PrA Lohnkosten Arbeitszeit Stundenlohn Stundenlohn ls k odukteinheiten Produkteinheiten Arbeitsproduktivität µ × = = = = In Veränderungsraten gilt näherungsweise: WkA = Wls – Wµ Beträgt der Lohn pro Stunde z. B. 25 € und die Arbeitsproduktivität pro Stunde (gemessen in produzierten Stückzahlen) 5, ergeben sich Lohnstückkosten von 5 €. Steigen die Löhne um 5 % und erhöht sich die Arbeitsproduktivität um 3 %, ergeben sich die Lohnstückkosten als: 26,25 €/5,15 = 5,1 €. Die Lohnstückkosten sind bezogen auf den Ausgangswert von 5 € um rund 2 % gestiegen und geben Anlass, die Angebotspreise zu erhöhen. Stagflation Die Kombination aus Stagnation bzw. Rückgang des realen BIP und steigenden Preisen wird als Stagflation bezeichnet. Im Totalmodell entspricht diese Situation einer Linksverlagerung der GA-Funktion (Abb. 10.3). In diesem Fall sind mehrere volkswirtschaftliche Ziele gleichzeitig verletzt (Preisniveaustabilität, angemessenes Wirtschaftswachstum, gegebenenfalls auch ein hoher Beschäftigungsstand). Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 337 Kapitel 10: Ursachen und Formen der Inflation 337 Angenommen sei, dass die steigenden Rohölpreise im Jahr 2009 zu höheren Belastungen von Unternehmen und Verbrauchern führen. Ergebnis sei eine Erhöhung des Preisniveaus um 6 % und ein Rückgang des realen BIP um 2 %. Die Identität der Quantitätsgleichung ist durch ein Geldmengenwachstum von 4 % hergestellt: Jahr BIPnom BIPreal Deflator M WBIPreal WP WM 2008 2.000 2.000 100 1.000 – – – 2009 2.080 1.960 106,1 1.040 –2 % 6 % 4 % Soll die Inflation durch eine Verringerung des Geldmengenwachstums z. B. auf 2 % (restriktive Geldpolitik, Linksverschiebung der GN-Funktion) bekämpft werden, wird die Rezession verschärft. Soll hingegen die Rezession durch eine Ausweitung der Geldmenge bekämpft werden (expansive Geldpolitik, Rechtsverlagerung der GN-Funktion) wird die Inflation weiter angeheizt. Diese Problemkonstellation stellt also besondere Herausforderungen für die Wirtschaftspolitik (vgl. Kap. 18) dar. Administrierte Preise Werden die Preise nicht durch das freie Spiel von Angebot und Nachfrage gebildet, liegen administrierte Preise vor. Unternehmen können die Güterpreise aufgrund bestehender Marktmacht weitgehend unabhängig von den Nachfrageverhältnissen gestalten. Die Marktmacht ist entweder durch mangelnden Wettbewerb auf oligopolistisch oder monopolistisch strukturierten Märkten oder durch eine geringe Preiselastizität der Nachfrage verursacht. Beide Faktoren erlauben es den Unternehmen, vorhandene Preissetzungsspielräume zu nutzen und zu erweitern, ohne dass bedeutende Nachfrageverluste eintreten. Dieser Sachverhalt kann zu einer Marktmacht- oder Gewinndruckinflation führen. Sofern ein mangelnder Wettbewerb ursächlich für Marktmacht Preisniveau (BIP-Deflator) Reales BIP in Mrd. €1.960 2.000 106,1 100 GA‘ 2009 2008 GN costpush GA Inflation + Stagnation = Stagflation Jahr BIPnom BIPreal Deflator M WBIPreal WP WM 2008 2.000 2.000 100 1.000 – – – 2009 2.080 1.960 106,1 1.040 –2,0% 6% 4% Kosteninflation - Wenn die Kosten zu stark steigen Abb. 10.3: Angebotsinflation und Stagflation Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 338 Teil III Inflation, Geldmarkt und Geldpolitik in der EWU338 und entsprechende Preiserhöhungen ist, wäre eine konsequente Wettbewerbspolitik der geeignete Ansatzpunkt zur Rückführung der Inflation. Studien zeigen, dass ca. 40 % der im Warenkorb enthaltenen Güterpreise durch den Staat direkt oder indirekt beeinflusst werden. Sie werden häufig auch als administrative Preise bezeichnet. Sie lassen sich in folgende Gruppen einteilen: •• direkt administrative Preise werden vom Staat unmittelbar festgelegt, z. B. Verkehrstarife oder Gebühren, •• teiladministrative Preise, die vom Staat kontrolliert werden und genehmigungspflichtig sind, z. B. Versorgungs- und Versicherungstarife, •• quasi-administrative Preise, die infolge eines hohen Anteils der Verbrauchersteuern vom Staat beeinflusst werden, z. B. bei Benzin, Heizöl, Tabak und Alkohol, •• indirekt administrative Preise, die durch EU-Marktverordnungen mit beeinflusst werden, z. B. die Preise für landwirtschaftliche Produkte. Wenn der Anteil der administrativ beeinflussten Preise hoch ist, kann eine Steigerung dieser Preise inflationstreibend wirken. Administrative Preisbildung kann die Inflation geringer erscheinen lassen, wenn die staatlich beeinflussten oder festgelegten Preise unter den Preisen liegen, die sich bei freier Marktpreisbildung ergeben hätten. Schlagwörter •• cost-push inflation •• Angebotsinflation •• Kostendruckinflation •• Lohnkosteninflation •• Lohnstückkosten •• Stagflation •• Marktmachtinflation •• Gewinndruckinflation •• administrierte Preise •• administrative Preise 10.4 Lohn-Preis-Spirale Wir haben bisher die Nachfrage- und Angebotsinflation aus didaktischen Gründen isoliert betrachtet. In der Realität können sich beide Inflationsursachen überlagern. Bekanntestes Erscheinungsbild dieses Sachverhalts ist die Lohn-Preis-Spirale (Abb. 10.4). Grundgedanke dabei ist, dass die Arbeitnehmer bzw. die Gewerkschaften mindestens einen gleich bleibenden Reallohn (w/P) anstreben. Die Unternehmen hingegen möchten mindestens einen konstanten Gewinnaufschlag (∂) erwirtschaften. Sicht der Arbeitnehmer(vertreter) Die Gleichung, die eine Nominallohnsetzung beschreibt (Lohnsetzungsgleichung), lautet: (1) lsnom = Pe × f(ALQ, F) Der Nominallohn (lsnom) hängt einerseits vom erwarteten Preisniveau (Pe), andererseits von einer Funktion ab, die als erklärende Variable die Arbeitslosenquote (ALQ) und andere Einflussgrößen (F) enthält. Zwischen der Höhe des Nominallohns (lsnom) und der Arbeitslosenquote (ALQ) besteht ein negativer Zusammenhang, der im Wesentlichen die Verhandlungsposition der Arbeitnehmer und Gewerkschaften wiedergibt. Bei geringer Arbeitslosigkeit ist es für die Unternehmen schwieriger, genügend qualifizierte Arbeitskräfte zu finden. Sie müssen deshalb höhere Löhne anbieten. Bei einer hohen Arbeitslosenquote ist die Verhandlungsposition der Arbeitnehmer ungünstiger. Ihr Einfluss auf die Bestimmung der Lohnhöhe nimmt ab. Die Sammelvariable F umfasst die restlichen Faktoren, die die Lohnsetzung beeinflussen, wie z. B. die Höhe des Ar- Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 339 Kapitel 10: Ursachen und Formen der Inflation 339 beitslosengeldes oder gesetzliche Mindestlöhne. Zwischen dem Nominallohn und der Variablen F besteht in der Regel ein positiver Zusammenhang. Sicht der Unternehmen Die Preise der Unternehmen ergeben sich nach der Preissetzungsgleichung: (2) P = (1 + ∂) × lsnom oder lsnom/P = 1/(1 + ∂) Die Preise (P) werden bestimmt durch die Höhe des Gewinnaufschlags (∂) und der Höhe des Nominallohns (lsnom). Wenn nun die Lohnkosten für die Unternehmen steigen und nicht durch Kostensenkungen aufgefangen werden können, dann werden die Unternehmen die erhöhten Kosten auf die Güterpreise abwälzen, um ihren Gewinnaufschlag konstant zu halten. Anspruchsinflation Wenn die Preiserhöhungen auf dem Markt durchsetzbar sind, werden die Gewerkschaften einen Inflationsausgleich in Form von Lohnerhöhungen fordern. Dies wiederum bedeutet erneut eine Kostenerhöhung für die Unternehmen, die dann wiederum auf die Güterpreise abgewälzt wird. Diese Preiserhöhungen als Reaktion auf vorangegangene Kostensteigerungen werden als Zweitrundeneffekte bezeichnet. Letztendlich verbirgt sich hinter dieser Spirale, die auch als Preis-Lohn-Spirale auftreten kann, ein Verteilungskampf zwischen den Tarifpartnern (Gewerkschaften und Arbeitgebern), d. h. eine Anspruchsinflation um Teile des Produktionszuwachses. Die Existenz und Dauer dieses Verteilungskampfes ist von verschiedenen Rahmenbedingungen abhängig: •• Die Gewerkschaften müssen in der Lage sein, gesamtwirtschaftliche und nicht branchenbezogene Lohnerhöhungen durchzusetzen, die oberhalb des Produktivi- Spirale überzogener Verteilungsansprüche Forderung nach höheren Nominallöhnen Steigende Produktionskosten Unternehmen erhöhen Preise, Preisniveau steigt Arbeitslosigkeit sinkt, höhere Gewerkschaftsmacht Höhere Inflationserwartungen Notenbank lässt keinen weiteren Anstieg des Preisniveaus zu Lohn-Preis- Spirale Abb. 10.4: Verteilungskampf und Anspruchsinflation Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 340 Teil III Inflation, Geldmarkt und Geldpolitik in der EWU340 tätsanstiegs liegen. In konjunkturellen Abschwungphasen dürfte die Gefahr von Lohn-Preis-Spiralen tendenziell geringer sein. •• Auf hart umkämpften Märkten mit internationaler Konkurrenz sind die Unternehmen oft nicht in der Lage, die gestiegenen Kosten auf die Preise zu überwälzen. In diesem Fall werden die Unternehmen mit anderen Maßnahmen – z. B. dem Abbau von Arbeitsplätzen – reagieren. Auf „vermachteten“ Märkten sind hingegen Preiserhöhungen als Folge gestiegener Löhne (Kosten) relativ leichter durchzusetzen. •• Notwendige Bedingung für eine anhaltende Lohn-Preis-Spirale ist wie bei allen inflationären Prozessen die Ausweitung der Geldmenge durch die Notenbank. In diesem Falle kann sich die Inflation ungehemmt entfalten. 10.5 Importierte Inflation Bekanntestes Beispiel für eine importierte Kosteninflation ist der Anstieg der Ölpreise (Abb. 10.5). Da Rohöl auf US-$ Basis gehandelt wird, besteht zwischen dem €-Preis für ein Barrel Rohöl (Grenzübergangswert) und dem US-Dollarpreis pro Barrel folgende Beziehung: €-Preis pro Barrel Rohöl = US-$ Preis pro Barrel Rohöl / Wechselkurs US-$ pro € Ausgehend von einem Rohölpreis von 40 US-$ pro Barrel und einem Wechselkurs 1,2 US-$ pro € kann man folgende Grenzübergangswerte unterscheiden: Ausgangssituation 48 € = 40 US-$ / 1,20 US-$ pro € Importierte Inflation, konstante Wechselkurse 72 € = 60 US-$ / 1,20 US-$ pro € Importierte Inflation und Aufwertung des € 78 € = 60 US-$ / 1,30 US-$ pro € Importierte Inflation und Abwertung des € 66 € = 60 US-$ / 1,10 US-$ pro € Die Gefahr einer importierten Inflation ist am größten, wenn steigende Weltmarktpreise mit einer schwachen Inlandswährung einhergehen. Wenn wir den Einfluss der importkostenbedingten Inflation auf die inländische Inflationsrate beurteilen wollen, müssen wir den prozentualen Anteil der importierten Inflation an der Gesamtinflationsrate berechnen. Dazu sind zwei Zahlenangaben erforderlich. Die Importpreisver- änderung und der Anteil der importierten Güter am BIP (Importquote). Wir betrachten dazu ein einfaches Beispiel: •• Inflationsrate insgesamt: + 4 % •• Steigerung der Importpreise: + 10 % •• Importquote: 25 % Da 25 % aller Güter importiert werden und sich diese Güter um 10 % verteuern, beträgt der außenwirtschaftliche Anteil an der Inflationsrate 2,5 Prozentpunkte bzw. 62,5 %. Die binnenwirtschaftlich verursachte Inflation hat einen Anteil von 1,5 Prozentpunkten bzw. 37,5 %. Inflation Preisanstieg Anteil am BIP Prozentpunkte Bedeutung in Prozent importiert 10 % 25 % 0,1 × 0,25 = 0,025 (2,5 %) 62,5 % (2,5/4) binnenwirtschaftlich 2 % 75 % 0,02 × 0,75 = 0,015 (1,5 %) 37,5 % (1,5/4) insgesamt 4 % 100 % 4 % 100 % Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 341 Kapitel 10: Ursachen und Formen der Inflation 341 Importierte Nachfrageinflation Wenn das Inland im Vergleich zum Ausland eine relative Preisniveaustabilität aufweist, steigen die Exporte und die Importe nehmen ab. Der Anstieg der Exporte ist beschäftigungspolitisch positiv zu bewerten. Übersteigt jedoch die Auslandsnachfrage die Produktionsmöglichkeiten der Exportwirtschaft, steigen im Inland die Preise. Die exportabhängigen Wirtschaftszweige erzielen höhere Gewinne und sind in der Lage, höhere Löhne zu zahlen. Der Prozess von steigenden Preisen und Löhnen kann sich in die übrigen Wirtschaftszweige fortpflanzen, so dass es zu einem allgemeinen Anstieg des Preisniveaus kommt. Die höhere Inflationsrate des Auslandes wird in das Inland hereingetragen. Ob und wann dieser Prozess der importierten Nachfrageinflation zum Stillstand kommt, hängt nicht nur von der weiteren Inflationsentwicklung im Ausland, sondern auch von der Ausgestaltung des Wechselkurssystems ab. Steigende Exporte führen über ein zunehmendes Angebot an Devisen zu Aufwertungstendenzen für die heimische Währung. Im Fall fester Wechselkurse ist die Notenbank gezwungen, dieser Tendenz durch Interventionen am Devisenmarkt entgegenzutreten. Die inländische Notenbank muss die überschüssigen Devisen gegen inländische Währung aufkaufen. Der Prozess kommt erst dann zum Stillstand, wenn die Unterschiede zwischen den Inflationsraten der Länder weitgehend beseitigt sind. Ein dauerhaftes Abkoppeln der Entwicklung im Inland von der des Auslandes ist bei festen Wechselkursen nicht möglich. Im System flexibler Wechselkurse kommt es dagegen nicht zu dauerhaften außenwirtschaftlichen Ungleichgewichten. Die inländische Währung wertet auf, so dass sich im Normalfall die Exporte verteuern und die Importe verbilligen (vgl. dazu Kap. 20). Der Wechselkursmechanismus führt automatisch zu einem Ausgleich der außenwirtschaftlichen Ströme und zur Verhinderung einer importierten Inflation. Schlagwörter •• importierte Inflation •• Wechselkurse •• Rohölpreise •• Lohn-Preis-Spirale 10.6 Indexierung und zurückgestaute Inflation Bei allen Verträgen, die in die Zukunft reichen, ist der künftige Wert von Forderungen und Verbindlichkeiten entscheidend. In den Vertragsabschluss gehen in hohem Maße Inflationserwartungen ein. Eine Bekämpfung der Inflation setzt deshalb voraus, dass die Inflationserwartungen stabilisiert werden. Gegen die Unsicherheit hinsichtlich des künftigen Geldwertes könnten sich die Vertragsparteien durch Indexklauseln absichern. Eine Indexierung, d. h. Bindung an einen Preisindex, von z. B. Kredit-, Lohn-, Mietverträgen, hat zur Folge, dass die bei Vertragsabschluss herrschenden Inflationserwartungen belanglos sind. Vereinbart wird ein fester Nominalbetrag, ergänzt um eine Klausel, die besagt, dass dieser Betrag mit einem Preisindex steigt oder fällt. Die Vertragspartner einigen sich also darauf, real zu rechnen. Was letztlich nominal herauskommt, bleibt offen. Wegen dieses Nichtwissens bedient man sich der Indexklausel. Es könnte in einer Welt mit indexierten Verträgen also zu keiner Überraschungsinflation kommen und die Geldpolitik wäre nicht mit dem Problem der Glaubwürdigkeit konfrontiert (vgl. dazu Kap. 12). Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 342 Teil III Inflation, Geldmarkt und Geldpolitik in der EWU342 Inflationsindexierung von Anleihen „Stellen Sie sich vor, Sie sparen auf ein Auto und am Ende langt das Geld nur für ein Fahrrad“. So oder so ähnlich lauten die Werbeschriften von Kapitalanlagefonds. Ein Weg, solchen Befürchtungen aus dem Wege zu gehen, sind inflationsindexierte Anleihen. Es handelt sich um Anleihen, deren Nominalwert in regelmäßigen Abständen an die jeweilige Preissteigerung angepasst wird. Damit erhöht sich zugleich die Berechnungsgrundlage für die jährlichen Zinszahlungen, so dass der Besitzer einer solchen Anleihe sowohl seine Kapitalsubstanz als auch seine Zinserträge gegen Inflation schützt. Betrachten wir ein Zahlenbeispiel, das eine Anleihe von 1.000 € über drei Jahre zu einem jährlichen Nominalzins von 3 % (vereinfacht ohne Zinseszins) betrachtet (Tab. 10.1). Im ersten Fall wird keine, im zweiten Fall eine jährliche Inflationsrate von 2 % unterstellt. Garantiert werden in diesem Fall also reale, nicht nominale Erträge. Bei einer konventionellen Anlage sind hingegen die nominalen, nicht die realen Erträge garantiert. Als Patentrezept für eine Geldanlage nach dem Motto „einmal gekauft und dann für die Anlagezeit keine Sorgen“ versteht sich diese Anlageform nicht. Vor dem Kauf lohnt es sich die herrschenden Marktbedingungen und die Prognosen zu beachten. Ob sich der Einstieg in inflationsgeschützte Anleihen eher lohnt als beispielsweise in Festzinspapiere, hängt von der Entwicklung der Geldentwertung ab. Nehmen wir an, Sie haben die Wahl zwischen folgenden Anlageformen und erwarten eine Inflationsrate von 2,5 %: konventionell inflationsindexiert Nominalzins 4 % (garantiert) 4 % Realzins 1,5 % 1,5 % (garantiert) Inflationsrate 2,5 % (unsicher) 2,5 % (unsicher) Bleibt die Inflationsrate – wie erwartet – bei 2,5 Prozent, so erbringen beide Anleihen eine Realverzinsung von 1,5 Prozent. Sollte die tatsächliche Inflation höher als erwartet ausfallen, so ist die inflationsindexierte Anleihe im Vorteil, denn hier erhalten Sie einen garantierten Realzins von 1,5 %. Bei konventionellen Anleihen zehrt die Inflation hingegen einen größeren Teil der Rendite auf, so dass die Realverzinsung unter 1,5 Prozent sinkt. Ist jedoch die Inflation geringer als erwartet, so sind normale Anleihen im Vorteil. Auch hier haben also die Inflationserwartungen eine zentrale Bedeutung. Indexmiete Ein bekanntes Beispiel für die Kopplung einer Wertgröße an die Inflationsrate ist die Indexmiete. Bezugsgröße ist die jährliche Entwicklung des Verbraucherpreisindex. Die Staffelmiete ist hingegen eine Form der Miete, bei der im Vorhinein festgelegt ist, in ohne Inflation inflationsindexiert Anleihe Zinsertrag Anleihe, nominal Anleihe, real Zinsertrag, nominal Zinsertrag, real 1. Jahr 1.000 30 1.020,00 1.000 30,60 30 2. Jahr 1.000 30 1.040,40 1.000 31,21 30 3. Jahr 1.000 30 1.061,21 1.000 31,84 30 Tab. 10.1: Inflationsindexierte Anleihe Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 343 Kapitel 10: Ursachen und Formen der Inflation 343 welchem Umfang sich die Miete zu bestimmten Zeitpunkten erhöht. In der Praxis sind Indexmieten in Deutschland regional unterschiedlich weit verbreitet. Das liegt daran, dass andere Möglichkeiten der Mieterhöhung zumindest dann eine bessere Rendite versprechen, wenn die Höchstwerte des Mietspiegels noch nicht erreicht sind. Von Vorteil für den Mieter ist bei einer solchen Vereinbarung, dass die Lebenshaltungskosten in der Regel eher gering steigen. Nachteilig für den Mieter ist, dass er mit ziemlicher Sicherheit ein Mal pro Jahr mit einer Mietsteigerung rechnen muss. Für den Vermieter ist die Miete hingegen vollständig wertgesichert (Abb. 10.5). Indexklauseln werden häufig dann vereinbart, wenn es sich um längerfristige Verträge handelt. Indexklauseln dürften – bei gegebenen Laufzeiten – umso begehrter sein, je weniger Gewissheit über die künftigen Schwankungen des Geldwerts besteht. Indexklauseln führen daher zu Verträgen, die sonst vielleicht überhaupt nicht zustande kämen. Konkreter Ausdruck solcher Vereinbarungen in Deutschland sind die Wertsicherungsklauseln. Es gibt genehmigungspflichtige und genehmigungsfreie Wertsicherungsklauseln. Beide haben sich vor allem für langfristige Dauerschuldverhältnisse (z. B. Kredite, Miete, Pacht) entwickelt. Die aktuelle Rechtslage finden Sie im Preisklauselgesetz. Lohnindexierung Die Lohnindexierung war lange Zeit ein Merkmal für Arbeitsmärkte in vielen Ländern. In der Europäischen Union wird sie heute nur noch in Belgien und Luxemburg angewendet. Da Lohnverhandlungen zeitintensiv und mitunter schwierig sind, werden Löhne nicht jeden Monat verhandelt, sondern es werden Verträge überwiegend mit Laufzeiten von einem bis zu drei Jahren geschlossen. Da sich die Preise während dieser Vertragslaufzeit ändern, erfolgt eine Anpassung an die Inflationsrate. Denkbar ist ähnlich wie im Fall der Miete •• die Löhne regelmäßig, z. B. nach einem Quartal, automatisch an die Preiserhöhungen dieser Periode anzupassen, •• periodisch vorangekündigte Lohnerhöhungen vorzusehen, die auf der erwarteten Inflationsrate basieren (z. B. jedes Halbjahr um 1 %). Indexierung soll Vermögenswerte sichern Preisindex 2004 103 2008 112 Steigerung (112–103)/103 = 8,74% Miete 2004 1.000,00 € 2008 1.080,74 € Steigerung 80,74 € (8,74%) Die Indexierung soll Wertverluste durch eine Kopplung von Vermögenswerten an die Entwicklung der Inflationsrate verhindern. Abb. 10.5: Indexierung am Beispiel der Miete Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 344 Teil III Inflation, Geldmarkt und Geldpolitik in der EWU344 Wenn die Inflationsrate mit Sicherheit prognostizierbar wäre, kämen beide Methoden zum gleichen Ergebnis. Schwierigkeiten bereitet diese Prognose jedoch vor allem in Ländern, in denen die Inflation bereits hoch ist. Hier finden sich daher eher Lohnindexierungen als periodisch vorangekündigte Lohnerhöhungen. Die bekannteste Form der Lohnindexierung ist die Preisniveauindexierung. Bekanntester Befürworter war der Nobelpreisträger Milton Friedman. Theoretischer Hintergrund ist, dass aus Sicht der monetaristischen Denkschule eine Flexibilität der Löhne und Preise eine notwendige Bedingung zur Beseitigung von Funktionsstörungen auf den Arbeits- und Gütermärkten darstellt. In der Praxis sind aber Senkungen der Nominallöhne aufgrund institutioneller Hemmnisse kaum rasch und vollständig durchzusetzen, d. h. die Nominallöhne sind nach unten starr. Eine Lohnindexierung kann hier Abhilfe schaffen, da zwar die Reallöhne konstant bleiben, die Nominallöhne jedoch flexibel sind: Nachfrage Preisniveau Nominallohn Reallohn steigt (Aufschwung) steigt (Inflation) steigt konstant sinkt (Abschwung) sinkt (Disinflation) sinkt konstant Aus dieser Sicht reduzieren sich die Kosten einer monetären Inflationsbekämpfung durch Kopplung des Nominallohnes an das Preisniveau. Die durch eine restriktive Geldpolitik eingeleitete Inflationssenkung wird automatisch an die Lohnzuwächse weitergegeben, d. h. der Reallohn bleibt bei einer Disinflation konstant. Sind die Nominallöhne hingegen starr, kann es bei einer Disinflation zu einem Anstieg der Reallöhne kommen. Bei der Beurteilung dieses Instruments in einem inflationären Umfeld muss zwischen Nachfrage- und Angebotsschocks unterschieden werden. Im Fall einer Nachfrageinflation liegt eine „reine“ Inflationsstörung vor. Die Unternehmen können es sich sozusagen „leisten“, die gleichen Reallöhne zu bezahlen, da sie die nominalen Lohnerhöhungen auf die Preise überwälzen können. Es kommt dann jedoch zu einer akzelerierenden Inflation. Anders sieht die Situation im Fall einer Angebotsinflation aus. Nehmen wir an, die Rohstoffkosten steigen und die Unternehmen überwälzen diese Kostenerhöhung auf ihre Güterpreise. Die Konsumentenpreise und die Inflationsrate würden zunehmen. Durch eine Indexierung würden anschließend auch die Löhne steigen. Dies würde zu weiteren Preis- und Lohnerhöhungen führen und könnte eine Lohn-Preis-Spirale initiieren. Die Lohnindexierung verkompliziert also die Anpassung einer Volkswirtschaft an Angebotsschocks, die sich graphisch in einer Linksverlagerung der aggregierten Angebotsfunktion zeigt (Abb. 10.6). Gerade in diesen Zeiten ist jedoch eine Flexibilität des Reallohnes notwendig. Output und Beschäftigung gehen zurück, während das Preisniveau steigt. Je schneller der Reallohn auf einen negativen Angebotsschock reagiert, umso geringer wird der Rückgang des BIP und der Beschäftigung ausfallen. Die Angebotsfunktion verschiebt sich bei einer Reallohnsenkung wieder nach rechts unten, da aufgrund der Reallohnsenkung auch die realen Produktionskosten zurückgehen. Sind die Reallöhne konstant, ist diese Reaktion nicht möglich. Auch eine expansive Nachfragepolitik könnte die Probleme nicht lösen. Sie würde die gesamtwirtschaftliche Nachfragefunktion nach rechts verlagern und zu einer Erhöhung des Preisniveaus führen. Im Fall der Lohnindexierung steigen dann jedoch die Nominallöhne und die Kosten der Unternehmen, so dass sich die Angebotsfunktion weiter nach oben links verlagert. Die ursprüngliche Beschäftigung könnte, wenn überhaupt, nur auf Kosten Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 345 Kapitel 10: Ursachen und Formen der Inflation 345 eines ständigen Anstiegs des Preisniveaus aufrechterhalten werden. Dieser Sachverhalt ist u. a. in die Diskussion der Phillips-Kurve eingeflossen, die den Zielkonflikt zwischen Beschäftigungssteigerung und Rückführung der Inflationsrate zum Gegenstand hat (vgl. dazu Kap. 13). Eine möglichst breite Indexierung von nominalen Größen (Anleihen, Mieten, Löhnen) macht das Leben mit Inflation auf den ersten Blick leichter, da ein Großteil der Kosten einer unerwarteten Inflation verschwindet. Indexierung kann zwar nicht unmittelbar als Ursache einer Inflation betrachtet werden, jedoch ist die Indexierung häufig in einem inflationären Umfeld zu beobachten. Vor diesem Hintergrund stehen viele Regierungen und Notenbanken einer Indexierung ablehnend gegenüber: •• Wie am Beispiel der Lohnindexierung deutlich gemacht, kann eine Volkswirtschaft schwieriger mit solchen Schocks umgehen, die eine Veränderung der relativen Preise erfordern (z. B. Angebotsschocks). •• Die Indexierung ist in der Praxis technisch schwierig auszugestalten. So müsste in alle Verträge ein zusätzlicher Berechnungsmaßstab eingeführt werden. Eine Indexierung kann jedoch niemals perfekt sein, da es bei der Messung des Preisniveaus Verzerrungen gibt und es bei der Durchführung von Anpassungen zu zeitlichen Verzögerungen kommt. Umstritten ist auch, welcher Preisindex herangezogen werden soll. •• Der politische Wille zur Bekämpfung der Inflation nimmt ab. Eine Indexierung kann nicht die Ursachen der Inflation bekämpfen. Es wird eine reine Symptomtherapie betrieben. Es wird befürchtet, dass die Widerstände gegen Inflation geringer werden, d. h. die Inflation wird institutionalisiert und es entsteht eine Inflationskultur. Preisstopp Hat sich die Inflation verfestigt, kann ein weiterer Anstieg auf den ersten Blick dadurch unterbunden werden, dass die Preise für alle oder ausgewählte Güter in einem bestimmten Zeitraum behördlich festgelegt werden. Höchstpreise dürfen nicht überschritten werden und liegen unterhalb des Niveaus der Preise, das sich bei freier Marktpreis- Preisniveau BIPreal Indexierung – die falsche Antwort auf Angebotsschocks Die Lohnindexierung koppelt die Löhne an die Inflationsentwicklung. Im Fall eines negativen Angebotsschocks kann dies die notwendig Flexibilität der relativen Preise verhindern. GA GN GA‘ GN‘ Abb. 10.6: Indexierung und makroökonomische Schocks Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 346 Teil III Inflation, Geldmarkt und Geldpolitik in der EWU346 bildung ergeben würde. Ein solcher Preisstopp ist die schärfste Form der politischen Preisbildung. Der Einsatz dieses Instruments ist in einer Marktwirtschaft umstritten, da die Preise ihrer allokativen Funktion beraubt werden. Ein Preisstopp des Staates kann die Inflation allenfalls kurzzeitig verdecken und verschärft Mangelsituationen. Der Staat muss sich bei der Festlegung von Preisen überlegen, wie die knappen Güter angesichts des Nachfrageüberhangs verteilt werden sollen. Dazu stehen verschiedene Mechanismen bereit. Einige Beispiele: •• Windhundprinzip: „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst.“ Dieser Mechanismus führt in der Regel zu Warteschlangen. Die Güter erhalten diejenigen, die zuerst kommen, nicht diejenigen, die sie am dringendsten brauchen. •• Türsteherprinzip: Die Güter werden nach bestimmten Kriterien zugeteilt. Auch hier geht es nicht gerecht zu, weil Personen gegenüber anderen bevorzugt werden. •• Kärtchenprinzip: Der Staat übernimmt die Verteilung von Gütern, indem er Rationierungsmaßnahmen anordnet, z. B. Lebensmittelkarten, Bezugsscheine oder Wartelisten. Der Nachfrageüberhang lässt sich auch durch eine Ausweitung des Angebots abbauen. Der Staat kann z. B. die Unternehmen durch Subventionen zur Produktion anregen. Höchstpreise erfordern einen umfangreichen Kontrollapparat. Mittelfristig kann sich das (offizielle) Angebot sogar verringern, wenn Unternehmen angesichts unrentabler Produktion Kapazitäten abbauen. Häufig entstehen parallele Schwarzmärkte, auf denen sich die Preise entgegen den staatlichen Vorschriften frei bilden (Abb. 10.7). Sofern Höchstpreise wirksam sind, bewirken sie eine Einkommensumverteilung zugunsten der Konsumenten und zu Lasten der Produzenten. Ein Preisstopp wird daher oft durch einen Lohnstopp begleitet, um derartige Umverteilungen zu verhindern. Dies erfordert jedoch einen umfangreichen Kontrollapparat, der erhebliche Ressourcen bindet. Preisstopp – die unterdrückte Inflation Preisniveau BIPreal Preisstopps sollen verhindern, dass sich die Inflation fortsetzt. Sie entsprechen ökonomisch Höchstpreisen, die unterhalb von Gleichgewichtspreisen liegen. Es entstehen Schwarzmärkte, da das Angebot hinter der Nachfrage zurückbleibt. GN GA GA GN< GA‘ GN‘ Beseitigung der Unterversorgung 1. Reduzierung der Güternachfrage (GN nach links) z.B. durch Rationierung 2. Ausweitung des Güterangebots (GA nach rechts) z.B. durch Subventionierung Abb. 10.7: Preisstopp Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 347 Kapitel 10: Ursachen und Formen der Inflation 347 In der Praxis haben derartige Zwangseingriffe nicht die erhofften Erfolge gezeigt. Nach Aufhebung der Preisstopps kommt es häufig zu hohen Preissteigerungen (aufgestaute Inflation). Die Preise holen nach, was zuvor aufgrund staatlicher Auflagen nicht möglich war. Schlagwörter •• Indexierung •• Indexmiete •• Wertsicherungsklauseln •• Lohn-, Preisniveauindexierung •• Höchstpreise •• Preis-, Lohnstopps 10.7 Fallbeispiele zu Kapitel 10 Lösungs- und Bearbeitungshinweise sowie alle Abbildungen dieses Kapitels finden Sie unter: www.vahlen.de Fallbeispiel 10.1: Quantitätsgleichung (0) 1) Erläutern Sie den Unterschied zwischen der Quantitätsgleichung und der Quantitätstheorie. 2) Das reale BIP eines Landes liegt bei 2.000 Mrd. € und das Preisniveau beträgt 2. Wie groß ist die Inflationsrate, wenn die Notenbank die Geldmenge auf 1.250 Mrd. € erhöht und die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes konstant bei 4 liegt? 3) In einer „Bananenrepublik“ ist die Inflationsrate um 100 % gestiegen, während die Geldmenge nur um 50 % gewachsen ist. Welche Reaktionen sind im Rahmen der Quantitätsgleichung zu erwarten? Stellen Sie dazu die Quantitätsgleichung in Form von Wachstumsraten dar. Fallbeispiel 10.2: Geldmengen- und Nachfrageinflation (0) Eine Volkswirtschaft weist im Jahr 2010 folgende Größen auf: • BIPreal = 2.250 Mrd. € • UG = 3 • M = 1.500 Mrd. € 1) Wie hoch ist das Preisniveau im Jahr 2010? 2) Die Notenbank erhöht die Geldmenge in den beiden Folgejahren jeweils um 5 %, während das reale BIP jeweils aber nur um 2 % wächst. Wie verändert sich das Preisniveau in den nächsten beiden Jahren? 3) Nehmen Sie an, das reale BIP der Ausgangsperiode könne kurzfristig nicht ausgedehnt werden und bilde die Kapazitätsgrenze der Volkswirtschaft. Bestimmen Sie nun die Auswirkungen einer Erhöhung der Geldmenge von 5 %, wenn die Umlaufgeschwindigkeit weiterhin bei 3 liegt. 4) Worauf ist eine nicht-monetäre Nachfragesoginflation zurückzuführen? Fallbeispiel 10.3: Angebotsinflation (+) Die Quantitätsgleichung in einem Land ist gegeben durch folgende Größen: • M = 1.000 Mrd. € • BIPreal = 2.000 Mrd. € • P = 1 • UG = 2 Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 348 Teil III Inflation, Geldmarkt und Geldpolitik in der EWU348 1) Um wie viel Prozent muss sich die Geldmenge verändern, wenn das Preisniveau aufgrund verteuerter Rohölpreise um 10 % bei konstanter Umlaufgeschwindigkeit steigt und das reale BIP um 100 Mrd. € sinkt? 2) Wie lässt sich diese Situation graphisch darstellen und begrifflich kennzeichnen? In welchen konjunkturellen Situationen kann die Kosteninflation auftreten? 3) Angenommen sei, dass die Gewerkschaften einen Lohnanstieg von 3 % durchsetzen können, während die Arbeitsproduktivität im gleichen Jahr um 4 % steigt. Kann der Lohnanstieg in diesem Fall ursächlich für inflationäre Prozesse sein? Fallbeispiel 10.4: Administrierte Preise (+) 1) Was verstehen Sie unter administrierten und administrativen Preisen? 2) Ein Ökonom beobachtet, dass es trotz sinkender oder stagnierender Nachfrage nach Roh- öl zu einem Anstieg der Benzinpreise gekommen ist. Erläutern Sie mögliche Ursachen, die in Bezug zu administrierten oder administrativen Preisen stehen. 3) Welche Güter unterliegen der direkten, teilweisen oder quasi-administrativen Preisbildung: • Rundfunkgebühren • Beiträge zur Krankenversicherung • Kindergartenbeiträge • Miete für Sozialwohnungen • Tabak • Strom • Kaffee • Wasserpreise 4) Die administrative Preisbildung kann die Inflation forcieren oder geringer erscheinen lassen, als sie eigentlich ist. Erläutern Sie diesen Satz. Fallbeispiel 10.5: Preis-Lohn-Spirale (+) 1) Erläutern Sie mögliche Ursachen einer Lohn-Preis-Spirale von der Nachfrage- bzw. Angebotsseite einer Volkswirtschaft aus betrachtet. 2) Sollten wir nicht besser von einer Preis-Lohn-Spirale als von einer Lohn-Preis-Spirale sprechen? 3) Von welchen Rahmenbedingungen ist die Existenz und Dauer einer Lohn-Preis-Spirale abhängig? 4) Der Präsident der Notenbank appelliert mit Blick auf eine mögliche Lohn-Preis-Spirale in einer Rede an die Verantwortung des Staates, der Unternehmen und der Tarifpartner. Interpretieren Sie diese Aussage. Fallbeispiel 10.6: Importierte Inflation (+) 1) Folgende Daten sind gegeben: • Anstieg des inländischen Preisniveaus: 5 % • Anstieg der Importpreise: 8 % • Importquote: 20 % Berechnen Sie den Einfluss der importkostenbedingten Inflation auf die inländische Inflationsrate in Prozentpunkten und in Prozent. 2) Unterstellen Sie, dass die Inflationsraten in Nicht-EWU Staaten regelmäßig höher als in Deutschland sind. Wie lässt sich in diesem Fall eine importiere Inflation beschreiben? Um welchen Inflationstyp handelt es sich? 3) Welche Bedeutung haben feste bzw. flexible Wechselkurse für den Import von Inflationen, die durch eine höhere Auslandsnachfrage ausgelöst werden? Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 349 Kapitel 10: Ursachen und Formen der Inflation 349 Fallbeispiel 10.7: Indexierung und Inflationsbekämpfung (++) 1) In einer Ökonomie liegt das Preisniveau bei 2 und der durchschnittliche Nominallohn im Monat bei 2.000 €. Im nächsten Jahr verdoppelt sich das Preisniveau auf 4. Vervollständigen Sie die nachfolgende Tabelle: Preisniveau Indexierung Nominallohn Reallohn 4 Vollständig 4 Keine 4 50 % 2) Wieso lassen sich die monetären Kosten der Inflationsbekämpfung durch eine Lohnindexierung reduzieren? 3) Erläutern Sie in einem Preis-Mengendiagramm die Auswirkungen einer Lohnindexierung, wenn: a) die Ursachen inflationärer Prozesse auf der Nachfrageseite und hier in einer exzessiven staatlichen Ausgabenerhöhung liegen und b) die Inflation durch angebotsseitige Faktoren und hier durch eine Erhöhung der Rohölpreise ausgelöst wird. Fallbeispiel 10.8: Preisstopp und Inflationsbekämpfung (+) Die Quantitätsgleichung in einem Land ist gegeben durch folgende Größen: • M = 1.000 Mrd. € • BIPreal = 2.000 Mrd. € • P = 1 • UG = 2 1) Im Laufe der Zeit ergibt sich ausgehend von den genannten Größen eine Lohn-Preis- Spirale, die zu einer galoppierende Inflation von 50 % im Jahr, zu einer Stagnation des realen BIP und zu einer Ausweitung der Geldmenge um 25 % führt. Vervollständigen Sie die Quantitätsgleichung. 2) Aufgrund der galoppierenden Inflation verhängt die Regierung mit Blick auf die Situation in 1) einen Preisstopp, die Notenbank friert die Geldmenge auf dem Niveau des Vorjahres ein und das reale BIP sinkt um 10 %. Berechnen und interpretieren Sie das Ergebnis auf Basis der Quantitätsgleichung. 3) Stellen Sie einen Preisstopp in einem Preis-Mengen-Diagramm graphisch dar. Halten Sie einen Preisstopp für ein geeignetes Mittel der Inflationsbekämpfung? Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 351 Kapitel 11: Europäische Wirtschafts- und Währungsunion € Kapitel 11 Inhaltsübersicht 11.1 Die EWU als optimaler Währungsraum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 352 11.1.1 Asymmetrische Schocks und Anpassungsmechanismen . . . . . . . . . . . . . . . 355 11.1.2 Kosten und Nutzen einer Währungsunion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 360 11.2 Institutionelle Grundlagen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 363 11.2.1 Konvergenzkriterien. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 364 11.2.2 Struktur und Aufgaben des ESZB . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 368 11.3 Fallbeispiele zu Kapitel 11. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 373

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Makroökonomische Ereignisse

wie die Schuldenkrise, Rezession, Arbeitslosigkeit und Inflation haben nicht nur gesamtwirtschaftliche Konsequenzen, sondern auch vielfältige Berührungspunkte zum täglichen Leben. Diese Ereignisse sind häufig komplex und für den Einzelnen nicht immer leicht zu durchschauen.

Um Studierende auf die globalen Herausforderungen von Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt vorzubereiten ist in diesem Lehrbuch explizit auch das Thema der nachhaltigen Entwicklung integriert. Außerdem werden die großen Themen der Makroökonomie teilweise gebündelt behandelt, um die vielfältigen Zusammenhänge zwischen den einzelnen Gebieten transparenter zu gestalten. Dies hat für Studierende und Lehrende u.a. den Vorteil, dass eine modulare Verwendung möglich ist. Die Schwerpunkte:

– Drei Ebenen der Makroökonomie (empirisch, theoretisch und wirtschaftspolitisch)

– Konjunktur, Gütermarkt und Finanzpolitik

– Inflation, Geldmarkt und Geldpolitik in der EWU

– Wirtschaftswachstum, Wohlstand und Beschäftigung

– Außenhandel, Devisenmarkt und offene Volkswirtschaft

– Nachhaltige Entwicklung und Makroökonomie.

Zur Neuauflage

Das Buch wurde vollständig überarbeitet und in eine modulare Struktur überführt, aber die Grundkonzeption des Buches wurde beibehalten. Das Buch ist bewusst als Lernbuch konzipiert, das sich zum Einsatz an Hochschulen und Akademien eignet. Mit der Integration von selbständig zu bearbeitenden Fallbeispielen wird u.a. das Konzept der Bachelor- und Masterstudiengänge an deutschen Hochschulen berücksichtigt, die stärker als bisher an Praxisbeispielen orientierte Lehr- und Lernformen fördern wollen.

Die Autoren

Prof. Dr. Reiner Clement, Prof. Dr. Wiltrud Terlau, Sankt Augustin/Rheinbach, und Prof. Dr. Manfred Kiy, Köln.

Angewandte Makroökonomie

für Studierende der Volks- und Betriebswirtschaftslehre an Universitäten, Fachhochschulen und Akademien.