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Kapitel 1: Einführung in:

Reiner Clement, Wiltrud Terlau, Manfred Kiy

Angewandte Makroökonomie, page 27 - 43

Makroökonomie, Wirtschaftspolitik und nachhaltige Entwicklung mit Fallbeispielen

5. Edition 2013, ISBN print: 978-3-8006-4480-3, ISBN online: 978-3-8006-4389-9, https://doi.org/10.15358/9783800643899_27

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Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 1 Teil I Grundlagen: Die drei Ebenen Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 3 Arbeitsmarkt Kapitalmarkt Gütermarkt (BIP) Konsum Investitionen Ex-, Importe Staatsausgaben Steuern Steuern Transfers Subventionen Einkommen Y Sparen Ausland Sparen Staat Sparen Unternehmen Sparen Haushalte Kapitel 1: Einführung Kapitel 1 Inhaltsübersicht 1.1 Makroökonomie als Wissenschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4 1.2 Zeitreise durch makroökonomische Fragestellungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7 1.3 Aufbau des Buches . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15 Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 4 Teil I Grundlagen: Die drei Ebenen4 Lernzielorientierte Sachverhalte •• Die Makroökonomie betrachtet die Volkswirtschaft aus einer Vogelperspektive. Sie befasst sich mit gesamtwirtschaftlichen Zielgrößen. Hierzu zählen vor allem die Preisniveaustabilität, die Höhe der Beschäftigung und das wirtschaftliche Wachstum. •• Die Makroökonomie ist aufgrund ihrer Fragestellungen und Methoden von der Mikroökonomie abzugrenzen. Dennoch gibt es wichtige Querverbindungen zwischen beiden volkswirtschaftlichen Disziplinen. •• Die Fragestellungen der Makroökonomie lassen sich unter den drei Perspektiven der Empirie, der Theorie und der Wirtschaftspolitik betrachten. 1.1 Makroökonomie als Wissenschaft Wenn Sie eine Vorlesung zur Makroökonomie besuchen, haben Sie häufig die im Semesterverlauf vorgeschaltete Mikroökonomie kennen gelernt. In diesem Fall fällt Ihnen das Verständnis makroökonomischer Ausführungen erfahrungsgemäß leichter, da sich die Methoden beider Disziplinen in vielen Punkten ähneln. Zentrale Elemente des makroökonomischen Standardlehrprogramms können Sie sich aber auch ohne grundlegende mikroökonomische Vorkenntnisse erarbeiten. Anhand von ausgewählten Beispielen sollen die Besonderheiten der Makroökonomie verdeutlicht und die Unterschiede zur Mikroökonomie herausgearbeitet werden. Aggregationsniveau Kennzeichen der Makroökonomie ist die Betrachtung der Volkswirtschaft als Ganzes („Vogelperspektive“), während die Mikroökonomie eher eine „Froschperspektive“ einnimmt. Sie können dies etwa mit dem Verhältnis von Medizin (Analyse des Körpers) und der Mikrobiologie (Analyse einzelner Zellen) vergleichen. Die Makroökonomie analysiert die Funktionsfähigkeit einer Ökonomie anhand der wichtigsten Komponenten. Sie ist darin ähnlich der Medizin, die zunächst die wichtigsten Organe betrachtet, um sich ein Bild vom Gesundheitszustand eines Patienten zu machen. Diese Komponenten sind Aggregate. Dazu werden Einzelgrößen zu einem Gesamtwert zusammengefasst. Beispielsweise fasst der Börsenindex DAX ausgewählte Aktien zu einem Wert zusammen. Ein steigender DAX kann bedeuten, dass alle Kurse gestiegen sind, oder dass einige gefallen und andere dafür stärker gestiegen sind. Übertragen auf die Makroökonomie bedeutet dies, dass Aggregate gebildet werden, die aus der Kombination der entsprechenden mikroökonomischen Größen bestehen. So ist zum Beispiel das Volkseinkommen die Summe der Einkommen aller inländischen Wirtschaftssubjekte. Die Summe aller Endprodukte, die in einem Jahr in einer Volkswirtschaft produziert werden, kennt man als Bruttoinlandsprodukt. Auch Wirtschaftssubjekte werden entsprechend ihrer Aktivitäten in Gruppen zusammengefasst. So bilden die Konsumenten den Sektor Haushalte und die Unternehmen den Unternehmenssektor. Mit dieser Aggregation gehen zwar Informationen verloren, allerdings ist es mit Hilfe von nur wenigen Beziehungen möglich, eine komplexe Volkswirtschaft zu beschreiben. Trugschluss der Verallgemeinerung Ein Aggregat kann andere Verhaltensweisen zeigen als seine Bestandteile. Die Mikro- ökonomie geht davon aus, dass die Nachfrage, z. B. nach CDs, in der Regel zurückgeht, wenn der Preis dieses Gutes steigt. Dieses „mikroökonomische Gesetz der Nachfrage“ lässt sich nicht einfach auf die Makroökonomie übertragen. Wir werden zwar später Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 5 Kapitel 1: Einführung 5 sehen, dass die gesamtwirtschaftliche Nachfrage mit steigendem Preisniveau zurückgeht, die Gründe dafür sind aber von der mikroökonomischen Erklärung verschieden. Hinzu kommt, dass ein einzelwirtschaftlich vernünftiges Verhalten, sich gesamtwirtschaftlich gesehen als schädlich erweisen kann (Trugschluss der Verallgemeinerung; Rationalitätenfalle). Zwei Beispiele: •• Wenn ein Arbeitnehmer eine Lohnerhöhung durchsetzt, mag dies zur Verbesserung seines Lebensstandards beitragen. Setzen jedoch alle Arbeitnehmer eine Lohnerhöhung durch, kann es sein, dass die Unternehmen dem Kostendruck nicht gewachsen sind und Arbeitsplätze verloren gehen. •• Für eine einzelne Person kann es sinnvoll sein, in der Erwartung schlechterer wirtschaftlicher Zeiten zu sparen. Überlegen Sie die gesamtwirtschaftlichen Konsequenzen, wenn alle privaten Haushalte in dieser Erwartung sparen. Einzel- und gesamtwirtschaftliche Analysen führen also nicht immer zu den gleichen Ergebnissen, da – hier wollen wir Aristoteles bemühen – bei vielen ökonomischen Vorgängen die Summe der Einzelteile nicht gleich der Gesamtheit ist. Rationalitätspostulat Die Mikroökonomie ist stark vom Leitbild des Homo Oeconomicus geprägt, nach der private Haushalte ihren Nutzen und Unternehmen ihre Gewinne maximieren. Durch das Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage bilden sich Preise, die die Märkte räumen. Insofern ist die Mikroökonomie eng mit dem Denken in Gleichgewichtszuständen verknüpft. Eine zentrale Botschaft der mikroökonomischen Theorie lautet, dass der Marktmechanismus ein für die Gesamtwirtschaft insgesamt vorteilhaftes Ergebnis mit sich bringt, obwohl sich Nachfrager und Anbieter auf den Güter- und Faktormärkten egoistisch verhalten, d. h. ihren Nutzen und ihre Gewinne zu maximieren suchen. Wirtschaftspolitisches Verhalten zielt auf Bekämpfung von • Rezession • Arbeitslosigkeit • Inflation Einzelwirtschaftliches Verhalten basiert auf • Nutzenmaximierung • Gewinnmaximierung Von welchen Zielen sich das Verhalten leiten lässt Abb. 1.1: Analyse des Verhaltens mikro- und makroökonomischer Akteure Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 6 Teil I Grundlagen: Die drei Ebenen6 Auch die Makroökonomie beschäftigt sich mit wirtschaftlich handelnden Menschen. Jedoch sind die Verhaltensweisen, die beobachtet werden, nicht die von Individuen, sondern die des Staates, der Privaten Haushalte, der Unternehmen und des Auslandes. Derartigen Gruppen von Personen können wir nur ein eingeschränktes rationales Verhalten im individuellen Sinne unterstellen. Der Staat oder das Ausland handeln nicht als Einzelpersonen, sondern bestehen aus einer Reihe von Entscheidungsträgern, die unterschiedliche Interessen verfolgen. Das Optimierungsverhalten von Akteuren tritt nur zusammengefasst im Aggregat in Erscheinung (Abb. 1.1). Abgeschwächtes Gleichgewichtsdenken In makroökonomischen Modellen lassen sich Gleichgewichte nur eingeschränkt herleiten. Nehmen wir an, wir analysieren eine Volkswirtschaft mit 1.000 Unternehmen, die jeweils 1 unterschiedliches Gut herstellen, 10 verschiedene Tätigkeiten nachfragen und in der es 1 Mio. private Haushalte gibt, wovon 50 % arbeiten. Rein theoretisch (ohne Berücksichtigung der Arbeitsteilung und Spezialisierung) ergeben sich •• 10.000 Arbeitsnachfragefunktionen der Unternehmen, •• 1.000 Güterangebotsfunktionen der Unternehmen, •• 500.000 Arbeitsangebotsfunktionen der privaten Haushalte, •• 1 Mrd. individuelle Güternachfragefunktionen der einzelnen Haushalte. Selbst mit einem Großrechner wäre die Lösung eines solchen Systems schwierig. Gleichgewichte in makroökonomischen Modellen sind eher als Referenzpunkte der Analyse und weniger als detailgetreue Gleichgewichtslösungen zu verstehen. Die Makroökonomie geht davon aus, dass die Marktprozesse gestört sein können und gesamtwirtschaftliche Probleme wie Arbeitslosigkeit, Inflation und Rezession nicht immer durch Marktmechanismen gelöst werden können. Die Makroökonomie interessiert sich in besonderem Maße für die Ursachen dieser Störungen und untersucht, wie z. B. der Staat durch wirtschaftspolitische Eingriffe den negativen Folgen solcher Störungen Viele Makroökonomische Problemstellungen überlagern und verstärken sich Geringes Wirtschaftswachstum erhöht die Arbeitslosigkeit. Hohe Arbeitslosigkeit belastet den Staatshaushalt durch höhere Ausgaben und geringere Einnahmen. Hohe Haushaltsdefizite belasten das Wirtschaftswachstum. Geringes Wirtschaftswachstum führt zu Steuerausfällen. hoher Beschäftigungsstand Wirtschaftswachstum ausgeglichener Staatshaushalt Abb. 1.2: Interaktion makroökonomischer Problemstellungen Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 7 Kapitel 1: Einführung 7 beikommen kann. Hier bleibt zu berücksichtigen, dass sich viele makroökonomische Problemstellungen überlagern und sich wechselseitig verstärken können (Abb. 1.2). Anwendungsorientierte Modellbildung Oft besteht der Eindruck, die Makroökonomie sei nicht so formal wie die Mikroökonomie. Dies muss nicht so sein, wie ein Blick in die Lehrbücher deutlich macht. Auch die Formen der Modellbildung sind weitgehend identisch. Makroökonomische Modelle basieren aber oft auf empirischen Daten, d. h. wir können die Aussagen überwiegend überprüfen. Dieser Anwendungscharakter macht Makroökonomie spannend, zumal wir von den Fragestellungen unmittelbar beeinflusst werden. Unter einem hohen Zinsniveau leiden Familien, die ein Eigenheim erwerben wollen. Eine hohe Arbeitslosigkeit lässt die Angst um den Verbleib des eigenen Arbeitsplatzes ansteigen. In einer Rezession sinken die Einkommen und Urlaubsreisen sowie größere Anschaffungen werden verschoben bzw. unterbleiben. Angesichts leerer öffentlicher Kassen müssen Hallenbäder und Bibliotheken einer Stadt schließen. Weil aus Geldmangel Projekte verschoben werden, stehen wir auf Jahre hinaus länger im Stau und warten Hochschulen auf ihre Sanierung. Entsprechend lassen sich auch Beispiele anführen, wie Wachstum und Aufschwung Vorteile mit sich bringen. Überlegen Sie selbst, wie sich ein nachhaltiger Aufschwung auf Ihr Konsumverhalten auswirken würde. In der Makroökonomie kann die Trennlinie zwischen „richtig“ und „falsch“ oft nicht so scharf wie in der Mikroökonomie gezogen werden. Das liegt zum einen an unterschiedlichen Lehrmeinungen, zum anderen an dem vielstrapazierten Satz, dass in der Makroökonomie „alles mit allem zusammenhängt“ und die ceteris-paribus- Klausel (unter sonst gleichen Bedingungen) nur bedingt Anwendung finden kann. Hinzu kommt, dass die Ausgangssituation maßgeblichen Einfluss darauf hat, ob z. B. eine wirtschaftspolitische Maßnahme erfolgreich ist oder nicht. Bezeichnenderweise schaffen sogar Expertenrunden zu gesamtwirtschaftlichen Fragestellungen oft mehr Verwirrung als Klarheit. Überzeugen Sie sich selbst, indem Sie die Fernsehprogramme der nächsten Woche aufmerksam unter diesem Gesichtspunkt verfolgen. Gemeinsam ist der mikro- und makroökonomischen Modellbildung der Tatbestand, dass es im Vergleich zu den Naturwissenschaften kaum Möglichkeiten zur Durchführung von Experimenten gibt. So lassen sich z. B. die Auswirkungen von Massenarbeitslosigkeit, hohen Inflationsraten, Finanzkrisen und dramatischen Währungsabwertungen auf die Stabilität von Volkswirtschaften nur in Grenzen voraussagen. Häufig werden computergestützte Simulationen verwendet, die letztlich aber nur einen Versuch der Annäherung an die Realität bedeuten können. 1.2 Zeitreise durch makroökonomische Fragestellungen Ungeachtet der genannten Besonderheiten der Makroökonomie findet sich die These, dass makroökonomische Probleme wie Rezession, Arbeitslosigkeit und Inflation im Grundsatz auf das Versagen marktwirtschaftlicher Selbstheilungskräfte zurückzuführen sind. Die Makroökonomie als Wissenschaft beginnt daher mit der Vorstellung, dass sich die Akteure nicht ständig gemäß mikroökonomischer Überlegungen verhalten und die marktwirtschaftliche Koordination nicht zwangsläufig zu effizienten Lösungen führt. Wir wollen die Realität bemühen und überprüfen, wie stark die Selbstheilungskräfte einer Volkswirtschaft wirklich entwickelt sind. Anders als Ärzte sind Ökono- Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 8 Teil I Grundlagen: Die drei Ebenen8 men in der komfortablen Situation, dass Sie über sehr umfassende und zum Teil weit zurückreichende „Patientendaten“ einer Volkswirtschaft verfügen. Bruttoinlandsprodukt und Wachstum Als wichtigster Indikator der ökonomischen Entwicklung gilt das Bruttoinlandsprodukt (BIP), das vereinfacht mit dem gesamtwirtschaftlichen Output eines Landes gleichgesetzt werden kann, der in einer Periode produziert und von Konsumenten, von Unternehmen, dem Staat und vom Ausland nachgefragt worden ist. Das BIP-pro-Kopf gilt vielfach als Maß für den Wohlstand der Bürger eines Landes. In längerfristiger Sicht zeigt sich, dass Deutschland im Zeitraum von 1870 bis 2010 ein eindrucksvolles Wachstum durchlaufen hat. Die Produktion pro-Kopf hat sich seit 1900 um das sechsfache auf ca. 25.000 € vergrößert (in Preisen von 1995; Abb. 1.3). Die Abbildung zeigt ausgeprägte „Einbrüche“ des langfristigen Wachstums, die in die Phasen der beiden Weltkriege und der Weltwirtschaftskrise (1929–1932) fallen. Die Weltwirtschaftskrise gilt als Beleg dafür, dass die Selbstheilungskräfte einer Marktwirtschaft überfordert werden können und staatliche Eingriffe vonnöten sind, um die Wirtschaft wieder zu stabilisieren. Es ist kein Zufall, dass John Maynard Keynes (1883–1946), der als Begründer der modernen Makroökonomie gilt, sein wissenschaftliches Hauptwerk „The General Theory of Employment, Interest, and Money“ im Jahr 1936 veröffentlicht hat. (Massen-)Arbeitslosigkeit Von 1929 bis 1932 brach die industrielle Produktion weltweit massiv ein. Die Feststellung, dass die Selbstheilungskräfte des Marktes auf gesamtwirtschaftlicher Ebene nur eingeschränkt wirksam sind, zeigt sich an der Entwicklung der Arbeitslosigkeit. Die Arbeitslosenquoten stiegen auf bis dahin ungekannte Höhen: In Deutschland auf 30 %, in den USA auf 25 % und in Großbritannien auf 22 %. 32.000 € 16.000 € 8.000 € 4.000 € 1880 1900 1920 1940 1960 20001980 Boom der Gründerzeit 1. Weltkrieg Hyperinflation Weltwirtschaftskrise 2. Weltkrieg Wirtschaftswunder Einführung Euro Deutsche Wiedervereinigung Ölpreiskrise (1979/80) Ölpreiskrise (1973/74) 1. Nachkriegsrezession 1967 Globalisierung 2010 Der Weg zum wirtschaftlichen Wohlstand Abb. 1.3: Reales BIP-pro Kopf 1880–2010, (in € in Preisen von 1995) Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 9 Kapitel 1: Einführung 9 Die Massenarbeitslosigkeit von knapp 6 Mio. Menschen in der Weimarer Zeit zeigt nicht nur die individuelle, sondern auch die systemgefährdende Dimension von makroökonomischen Problemen, da sie zur Erschütterung der demokratischen Strukturen führte. Die damals herrschende ökonomische Theorie stand dieser Entwicklung hilflos gegenüber. Sie lehrte, jede Abweichung von der Vollbeschäftigung löse automatisch Gegenkräfte zum Beschäftigungsgleichgewicht aus, sofern Preise und Löhne flexibel reagierten. Diese Voraussetzung war in den oben genannten Ländern erfüllt. Die Situation verschlechterte sich aber weiter, und zwar besonders in Deutschland (Abb. 1.4) und in den USA, obwohl Löhne und Preise dort am stärksten zurückgingen. Viele Ökonomen forderten Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und andere Formen aktiven staatlichen Gegensteuerns. Was fehlte, war eine Theorie, die erklärte, weshalb die wirtschaftliche Entwicklung so eingebrochen war, und mit der sich staatliches Handeln überzeugend begründen ließ. In diese Lücke stieß Keynes mit seiner Theorie, die nicht mehr Preisrelationen und Preisanpassungen in den Mittelpunkt stellte, sondern die Gesamtnachfrage. Er legte dar, weshalb eine Beseitigung der Arbeitslosigkeit nicht zwangsläufig durch flexible Preise und Löhne, sondern durch eine Erhöhung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage erreichbar war. Geld und Inflation Die Produktion von Gütern und die Beschäftigung sind reale mengenmäßige Vorgänge. Die Güter, die wir produzieren und verkaufen, und die Einkommen, die aus der Produktion resultieren, werden jedoch nominal, d. h. in Geldeinheiten gemessen. In längerfristigen makroökonomischen Analysen kann die reale Seite einer Volkswirtschaft von ihrer monetären Seite getrennt werden. Kurzfristig sind beide Seiten über nominale Größen wie Zinsen, Geldmenge, Inflation, Löhne und Wechselkurse eng miteinander verflochten. Im Mittelpunkt vieler monetärer Analysen der Makroökonomie steht die Inflationsrate, die als Änderungsrate des Preisniveaus definiert ist. Auch hier lassen sich mangelnde Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise auf das Wirtschaftswachstum in Deutschland. Arbeitslosigkeit in Deutschland 1920–1936 (Statistisches Jahrbuch Deutsches Reich; http://www.weltwirtschaftskrise.net/diagramme.htm) Ausgangspunkt der „modernen Makroökonomie“ Abb. 1.4: Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise auf Deutschland Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 10 Teil I Grundlagen: Die drei Ebenen10 Selbstheilungskräfte von Marktwirtschaften erkennen. Als Beleg gilt die Hyperinflation nach dem ersten Weltkrieg. Im November 1923 waren viele Deutsche Milliardäre. Es kursierten Banknoten bis zu einem Nennwert von 500 Mrd. Mark. Die Inflationsrate erreichte im Jahr 1923 eine unvorstellbare Inflationsrate von 1,05 × 109 % und konnte nur durch eine umfassende Währungsreform gestoppt werden (Abb. 1.5). Ursächlich waren die Kosten des Ersten Weltkrieges und der Unwillen der Regierung, eine solide Wirtschaftspolitik zu betreiben. Auch die unseriöse Finanzierung des Zweiten Weltkriegs durch die Notenpresse sowie der Zusammenbruch der staatlichen Ordnung und der Wirtschaft hatten Mitte der vierziger Jahre den Wert der Reichsmark untergraben. Allerdings war das Ausmaß der Geldentwertung weniger schlimm als im Jahr 1923. Die Währungsreform vom 21. Juni 1948 führte die D-Mark als Währung für die damaligen drei Westzonen ein. Wirtschaftswunder Nach dem zweiten Weltkrieg ist die ökonomische Entwicklung in Deutschland unter dem Stichwort Wirtschaftswunder thematisiert worden und untrennbar mit dem Namen Ludwig Erhard verbunden (Abb. 1.6). Das zu dieser Zeit entwickelte Modell der „Sozialen Marktwirtschaft“ gilt auch heute noch als Bezugspunkt für eine ökonomisch erfolgreiche und sozial ausgewogene Wirtschaftsordnung. Das auch in anderen Ländern beobachtbare rapide Anwachsen der ökonomischen Leistungsfähigkeit war Anlass, das wirtschaftliche Wachstum ab Mitte der 60er Jahre zu einem wichtigen Untersuchungsgegenstand der Makroökonomie und zu einer zentralen Zielsetzung der Wirtschaftspolitik zu machen. 1923 Währungsreform: Umstellung von Mark zu Reichsmark 1948 Währungsreform: Umstellung von Reichsmark zu DM Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 26.11.2006, Nr. 47 / Seite 60; Bildmaterial: F.A.Z. Wenn Geld seine Funktionen verliert Abb. 1.5: Währungsreformen in Deutschland 1923 und 1948 Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 11 Kapitel 1: Einführung 11 Rezession, Ölpreiskrisen, Stagflation Die Aufbaujahre Deutschlands können als Zeitraum eines stetigen Wachstums interpretiert werden. Seit Mitte der 60er Jahre sind hingegen gesamtwirtschaftliche Probleme aufgetreten, die auch die Makroökonomie geprägt haben. Die erste Nachkriegsrezession (1967) führte in Deutschland zum Stabilitäts- und Wachstumsgesetz. Dort werden Bund und Länder explizit verpflichtet, Ziele wie angemessenes Wachstum und einen hohen Beschäftigungsstand zu erreichen und den Erfordernissen eines gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts Rechnung zu tragen. Zwischen 1967-2003 ist es in Deutschland zu vier Rezessionen, d. h. einem Rückgang des BIP über mehr als zwei Quartale, gekommen. Ursächlich in den 70er Jahren waren zwei Ölpreiskrisen, die nicht nur zu einem Rückgang des BIP, sondern gleichzeitig zu einem Anstieg der Preise geführt haben (Abb. 1.7). In solchen Fällen liegt eine Stagflation (Stagnation und Inflation) vor, die die Wirtschaftspolitik vor besondere Herausforderungen stellt, da nicht nur konjunkturelle, sondern auch strukturelle (langfristige) Probleme vorliegen. Diese Situationen haben die makroökonomische Diskussion um die Grenzen und Möglichkeiten der aktiven Konjunktursteuerung geprägt. Ende der 70er Jahre wurde in vielen Industriestaaten ein Wechsel hin zu einer angebotsorientierten Wirtschaftspolitik eingeleitet. Zumindest in Deutschland ist die Arbeitslosigkeit davon unberührt weiter angestiegen und hat sich in dem betrachteten Zeitraum verfestigt. Währungen und Wechselkurse Zu den makroökonomischen Größen zählen auch die Wechselkurse, d. h. die Austauschverhältnisse zwischen Währungen. Die Wahl eines Wechselkurssystems hat nachhaltige Wirkungen auf den internationalen Handel, die Beschäftigung und das Einkommensniveau eines Landes sowie die Wirksamkeit wirtschaftspolitischer Maßnahmen. Es handelt sich um eine der wichtigsten Entscheidungen, die ein Land zu Soziale Marktwirtschaft als Erfolgsmodell Ludwig Erhard (1897–1977): • Vater des Wirtschaftswunders und • Mitbegründer des Konzepts einer Sozialen Marktwirtschaft (Bild von 1975; zur Verfügung gestellt aus dem Archiv der Ludwig-Erhard-Stiftung, www.ludwig-erhard-stiftung.de) Abb. 1.6: Wirtschaftswunder in Deutschland nach dem II. Weltkrieg Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 12 Teil I Grundlagen: Die drei Ebenen12 treffen hat. Deutschland war in den letzten Jahrzehnten gleich doppelt gefordert. Zum einen wurde im Zuge der deutschen Wiedervereinigung mit einer Währungsunion die DM in die neuen Bundesländer eingeführt. Zum anderen folgte mit der Errichtung des Jahrhundertprojekts der Europäischen Währungsunion (EWU) die Einführung der Gemeinschaftswährung EURO. Mit dieser Entscheidung haben die beteiligten Staaten die Möglichkeiten einer eigenständigen Wechselkurs- und Geldpolitik aufgegeben. Zur Sicherung der Preisniveaustabilität gibt es auch im Bereich der Finanzpolitik eine enge Abstimmung zwischen den EWU-Mitgliedstaaten, die im Europäischen Stabilitäts- und Wachstumspakt ihren Niederschlag findet. Globalisierung Die gegenwärtige makroökonomische Diskussion um die Grenzen und Möglichkeiten einer nationalen Wirtschaftspolitik wird überlagert durch den Trend zur Globalisierung (Abb. 1.8). Fachleute aus verschiedenen Disziplinen diskutieren intensiv die Folgen, die aus dem Zusammenwachsen der nationalen Märkte zu einem integrierten Weltmarkt resultieren können. Die Meinungen gehen weit auseinander. Viele Ökonomen erwarten im Zuge der Globalisierung einen Abbau von nationalen Reglementierungen, eine Verbesserung der weltweiten Ressourcenallokation, Wachstum und Wohlstandsmehrung in allen beteiligten Ländern. Auf der anderen Seite werden Nachteile in Form von Arbeitslosigkeit und Erosion der Sozialsysteme in den Industrieländern genannt. Auch werden die Ausbeutung von Arbeitskräften, zunehmende Armut und Umweltzerstörungen in Entwicklungs- und Schwellenländern sowie ein weiterer Verlust von staatlicher Souveränität gegenüber multinationalen Unternehmen befürchtet, die den Globalisierungsprozess ganz wesentlich vorantreiben. Umfragen zeigen, dass in der breiten Öffentlichkeit eher nachteilige Folgen mit der Globalisierung verbunden werden. Dies dürfte auch auf die Unbestimmtheit des Begriffs zurückzuführen sein. Wie groß das Ausmaß der globalen Vernetzung inzwischen ist, hat durch die Finanzkrise Anfang 2009 auch die breitere Öffentlichkeit erkannt. Ausgehend von einer Immobi- Anstieg der Arbeitslosigkeit Rezessionen in Deutschland (1965–2003) 1. Rezession (1966/67) 2. Rezession (1975) 3. Rezession (1982) 4. Rezession (1993) 2. Ölpreiskrise 1. Ölpreiskrise [1 Barrel = 159 Liter] Ölpreiskrisen (1973 und 1979/80) Strukturelle und konjunkturelle Probleme überlagern sich Abb. 1.7: Stagnation und Arbeitslosigkeit in Deutschland Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 13 Kapitel 1: Einführung 13 lienkrise in den USA hat sich diese zur Bankenkrise und Wirtschaftskrise ausgeweitet, die grenzüberschreitende Dimensionen nach sich zieht. Auch die Makroökonomie hat sich seit Jahren intensiv mit der Entstehung derartiger Krisen beschäftigt und einige Ökonomen haben bereits vor Jahren vor den Folgen der Überbewertung von Immobilien in den USA hingewiesen. Makroökonomen tun sich allerdings schwer, den genauen Zeitpunkt von solchen Krisen vorauszusagen. Sie ver- ändern jedoch die Forschungsagenda der Makroökonomie und rücken z. B. folgende Themen in den Vordergrund: •• Makroökonomen befassen sich verstärkt mit dem Zusammenhang von realen (mengenmäßigen) Größen, Geldpolitik und dem Finanzmarkt. Der Finanzmarkt ist global, seine Aufsicht aber nicht. Systemische – d. h. umfassende, das Ganze betreffende – Risiken müssen stärker thematisiert werden. •• Märkte funktionieren erst dann so, wie dies bestimmte ökonomische Denkschulen unterstellen, wenn hinreichend zuverlässige Informationen über die gehandelten Güter (hier: Finanzprodukte) vorliegen, die Risiken hinreichend erkennbar sind und die wirtschaftsethische Dimension im Umgang mit Renditen berücksichtigt wird. •• Zu diskutieren ist, ob sich Menschen in ihren Handlungsweisen tatsächlich von rationalen Erwartungen leiten lassen. Wirtschaftskrisen sind häufig geprägt durch psychologische und emotionale Faktoren, die unser wirtschaftliches Verhalten oft stärker bestimmen als rationales Kosten-Nutzen-Kalkül. In diesem Fall muss der Staat stabilisierend und aktiv eingreifen. •• Konjunkturpolitische Maßnahmen des Staates erleben eine neue Bedeutung („Rettungspakete“ und „Schutzschirme“). Allerdings muss die damit verbundene weitere Staatsverschuldung beachtet werden. Geklärte und offene Fragen der Makroökonomie Aus Sicht vieler Wissenschaftler lassen sich die vier wichtigsten Erkenntnisse der Makroökonomie wie folgt zusammenfassen: Wachsende Beanspruchung von Ressourcen Verknüpfung der Kapital- und Finanzmärkte Globalisierungskritik @ Globale Vernetzung Wachstum des Welthandels Die Weltmärkte wachsen zusammen Abb. 1.8: Facetten der Globalisierung Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 14 Teil I Grundlagen: Die drei Ebenen14 1. Langfristig bestimmt die Produktionskapazität eines Landes den Lebensstandard seiner Bürger. 2. Kurz- und mittelfristig bestimmt die Gesamtnachfrage das Produktionsvolumen eines Landes. 3. Langfristig bestimmt das Wachstum der Geldmenge die Inflationsrate. 4. Kurz- und mittelfristig sehen sich die Entscheidungsträger der Geld- und Finanzpolitik häufig einem Zielkonflikt zwischen Inflation, Wachstum und Arbeitslosigkeit ausgesetzt. Als wichtigste, noch ungeklärte Fragen der Makroökonomie gelten: 1. Auf welche Weise sollte die Wirtschaftspolitik versuchen, die Produktionskapazität einer Volkswirtschaft zu erhöhen? 2. Wie kann die Gesamtnachfrage einer Wirtschaft ohne Nachteile für andere Größen stabilisiert werden? 3. Wie hoch sind die Kosten der Inflation und die Kosten der Inflationsbekämpfung? 4. Wie sind hohe Haushaltsdefizite zu bewerten? 5. Wie hängen Geld- und Realwirtschaft konkret miteinander zusammen? Berufspraktische Relevanz der Makroökonomie Die Kenntnis makroökonomischen Wissens ist für die spätere berufliche Orientierung unter zwei Gesichtspunkten von Bedeutung. Zum einen sind die Unternehmen, in denen Sie als Leser des Buches jetzt oder später tätig sind, in ein gesamtwirtschaftliches Umfeld eingebunden. Oft hängt der wirtschaftliche Erfolg eines Unternehmens nicht nur von der eigenen Leistungsfähigkeit ab, sondern auch von den gesamtwirtschaftlichen Ereignissen und Entwicklungen, die auf das Unternehmen einwirken. Zum anderen sind die wirtschaftspolitischen Entscheidungsträger – Staat, Notenbank und Tarifpartner – ganz wesentlich an der Gestaltung der gesamtwirtschaftlichen Rahmenbedingungen beteiligt, die auf die betriebliche Ebene zurückwirken. Betrachten wir z. B. einen deutschen Automobilhersteller, der PKW für den nationalen und internationalen Markt anbietet. Die betriebswirtschaftlichen Erfolgskennziffern der Gewinn- und Verlustrechnung (G+V) werden maßgeblich von makroökonomischen Schlüsselgrößen beeinflusst (Abb. 1.9). Auf den Beschaffungsmärkten spielen die Preise für die eingesetzten Produktionsfaktoren (Arbeit, Kapital, Technologie) eine entscheidende Rolle. Die Arbeitskosten bzw. Zinsen werden durch die Tarifpartner bzw. die Notenbank gestaltet. Sofern Rohstoffe bezogen und ausländische Märkte beliefert werden, ist die Wechselkursentwicklung zu beachten. Auf den inländischen Absatzmärkten sind die allgemeine konjunkturelle Lage sowie das Konsumverhalten der Privaten Haushalte zu berücksichtigen. Die Höhe des betriebswirtschaftlichen Erfolgs wird durch finanzpolitische Entscheidungen und hier insbesondere die Besteuerung der Gewinne beeinflusst. Die Kenntnis makroökonomischer Zusammenhänge ist und bleibt also unumgänglicher Bestandteil auch des betriebswirtschaftlichen Managementwissens: „Mit dem diesem Lehrbuch zu Grunde liegenden Plan soll damit den Studierenden für ihre künftige berufliche Praxis ein Baustein an volkswirtschaftlichem Managementwissen mitgegeben werden, der es erlaubt, mit dem erworbenen Schatz an Wissen und Urteilskraft zum Unternehmenserfolg und damit zum künftigen beruflichen Erfolg beizutragen. Dies wäre zugleich ein Gewinn für die gesamte Volkswirtschaft“ (Behrens, 2000, S. 8). Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 15 Kapitel 1: Einführung 15 1.3 Aufbau des Buches Makroökonomische Problemstellungen lassen sich grundsätzlich aus drei Perspektiven betrachten, die in Teil I vorgestellt werden. Problembeschreibung Die Beschreibung makroökonomischer Probleme ist Aufgabe der Statistik und entspricht der empirischen Ebene der Makroökonomie. Basis sind u. a. die Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen, die Arbeitsmarktstatistik und die Zahlungsbilanz. Diese Rechenwerke sind die Basis zur Ableitung der wichtigsten wirtschaftspolitischen Ziele. Dazu zählen die Preisniveaustabilität, ein stetiges und angemessenes Wirtschaftswachstum, ein hoher Beschäftigungsstand, ein außenwirtschaftliches Gleichgewicht sowie Indikatoren zur Beurteilung der konjunkturellen Lage einer Volkswirtschaft. Problemerklärung Die theoretische Ebene der Makroökonomie gibt volkswirtschaftliche Modelle vor, die makroökonomische Märkte (Güter-, Geld- und Kapitalmärkte, Arbeits-, Devisenmärkte) getrennt oder im Zusammenhang beschreiben. Wir verfolgen in diesem Kontext bewusst keine Darstellung der „reinen Lehre“, die verschiedene Denkschulen voneinander abgrenzt, sondern eine pragmatische Sichtweise. Die Diskussion um die „richtige Theorie“ hat sich inzwischen „… längst vom Stand der Wirtschaftswissenschaft abgekoppelt. Angebots- und Nachfragefaktoren lassen sich empirisch gar nicht auseinander halten, eine positive wirtschaftliche Entwicklung kann nur entstehen, wenn ökonomische Anreize und gesamtwirtschaftliche Nachfrage zusammenwirken. Hohe Lohnabschlüsse stärken die Massenkaufkraft, den Konsum und die Beschäftigung – wenn nicht die Haushalte angesichts erwarteter Inflation und steigender Arbeitslosigkeit in Angstsparen verfallen. Beschaffungsmarkt Absatzmarkt Mengen × Preise = Aufwand Mengen × Preise = Erlöse Makroökonomische Schlüsselgrößen für • Mengen: Inlands-, Auslandskonjunktur, Absatzerwartungen • Preise: Arbeitskosten, Zinsen, Wechselkurse, Inflation, Steuern Gewinne, Verluste Betriebswirtschaftliche Relevanz makroökonomischer Größen und Politikbereiche Tariflohnpolitik Geldpolitik Finanzpolitik Abb. 1.9: Unternehmen und makroökonomische Schlüsselgrößen Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 16 Teil I Grundlagen: Die drei Ebenen16 Hohe Löhne können technischen Fortschritt und somit angebotsorientiert Wachstum erzeugen – wenn die Effekte nicht durch Freisetzung von Arbeitskräften und Minderkonsum aufgesogen werden. Angebotstheoretisch motivierte Lohnzurückhaltung stärkt die internationale Wettbewerbsfähigkeit eines Landes und führt zu einem Nachfrageimpuls, der die Investitionen und die Binnenkonjunktur stimulieren kann – wenn die Unternehmer nicht infolge schwacher Absatzerwartungen neue Initiativen scheuen. Die Aufgabe der Wissenschaft ist es, ihr gesichertes, breit akzeptiertes Wissen der Gesellschaft verständlich und nützlich zu machen. Die Zeit der großen makroökonomischen Lagerdebatten ist längst vorbei. Das gilt zumindest für die an der internationalen Entwicklung orientierten Wissenschaftler (Zimmermann, 2005). Problemlösung Die Lösung makroökonomischer Probleme ist Aufgabe der Wirtschaftspolitik. Dazu zählen die Geldpolitik in der Europäischen Währungsunion, die Konjunktur- und Wachstumspolitik sowie die Arbeitsmarkt- und Beschäftigungspolitik. In der Praxis kommt es darauf an, die einzelnen Politikbereiche im Sinne eines effizienten Policy-Mix aufeinander abzustimmen und gleichzeitig die Entscheidungsautonomie der jeweiligen Akteure zu akzeptieren. Sofern einzelne Ebenen außer Acht gelassen werden, entstehen Beschreibungs-, Erkenntnis- und Umsetzungsprobleme. Problembeschreibung Problemerklärung Problemlösung Folge ja ja ja Idealfall nein, eingeschränkt nein, eingeschränkt nein Beschreibungsproblem ja nein, eingeschränkt nein Erkenntnisproblem ja ja nein Umsetzungsproblem Makroökonomische Sachverhalte, die empirisch nur ungenau beschrieben oder falsch eingeschätzt werden, sind nicht umfassend zu erklären und adäquat zu lösen. Dies gilt insbesondere für makroökonomische Größen, die von Erwartungen oder von anderen nicht unmittelbar messbaren Faktoren bestimmt werden. Dazu zählen z. B. Aktien- und Wechselkursausschläge oder Investitionsentscheidungen. Oft ist zwar die Problembeschreibung möglich, nicht aber eine umfassende Problemerklärung. So gibt es z. B. umfangreiches statistisches Datenmaterial über die Ausprägungen der Arbeitslosigkeit, nicht aber eine klare Zuordnung von Ursachen zu den Daten. Auch können die gleichen Daten durch verschiedene Personen unterschiedlich interpretiert werden. Sind z. B. Lohnabschlüsse aus Unternehmenssicht und unter Kostengesichtspunkten zu hoch oder aus Sicht der Kaufkraft von Arbeitnehmern zu gering? Hier spielen Werturteile des Beobachters eine Rolle. Sofern ein Problem beschrieben und erklärt werden kann, es aber keiner Lösung zugeführt wird, liegt ein wirtschaftspolitisches Umsetzungsproblem vor. So war z. B. die Notwendigkeit einer umfangreichen Steuerreform in Deutschland zwischen Fachleuten jahrelang unumstritten. Die Hinführung zu einer Lösung wurde jedoch u. a. aufgrund der politischen Mehrheitsverhältnisse zeitlich immer wieder verschoben. Wir werden diese drei Perspektiven auf die wesentlichen makroökonomischen Märkte sowie die dort vorfindbaren Problemstellungen und Politikkonzepte übertragen. Dies hat den Vorteil, dass die für ein zentrales makroökonomisches Sachthema relevanten Fragestellungen nacheinander abgearbeitet werden können. Die gewählte Reihenfolge orientiert sich an didaktischen Kriterien und stellt keine Wertung dar. Beachten Sie, dass die einzelnen Sachthemen eng miteinander verknüpft sind. Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 17 Kapitel 1: Einführung 17 Die Struktur des Buches bietet eine Reihe von Möglichkeiten, die Themen zu behandeln. Ein kurzer Vorlesungsplan bietet die Möglichkeit, sich beispielsweise neben Teil I auf die Kapitel 5–14 zu konzentrieren. Die Ausführungen in den Kapiteln 15–22 könnten ganz oder zumindest teilweise weggelassen werden. Längere Vorlesungszyklen bieten hingegen die Möglichkeit zur Behandlung von Themen aus allen Teilen des Buches. Die Intensität und Art der Behandlung ist u. a. auch von der Art der Veranstaltung (Vorlesung, seminaristischer Unterricht) und davon abhängig, ob die Fallbeispiele z. B. in Form von Kleingruppenarbeit in den Unterricht eingebaut werden. Teil Sachthema Kapitel II Konjunktur und Gütermarkt 5. Konjunkturanalyse und -prognose 6. Gütermarkt: Die Binnenwirtschaft 7. Stabilisierungsaufgabe des Staates 8. Staatsverschuldung III Inflation und Geldmarkt 9. Preisniveaustabilität 10. Ursachen und Formen der Inflation 11. Europäische Währungsunion 12. Geldpolitik in der EWU 13. Transmissionsprozess der Geldpolitik 14. Finanzkrise, Rettungspakete und Geldpolitik IV Wachstum, Wohlstand und Beschäftigung 15. Wirtschaftliches Wachstum 16. Wachstumstheorie: Erklärungsfaktoren des Wachstums 17. Hoher Beschäftigungsstand 18. Angebotspolitik für Wachstum und Beschäftigung V Außenhandel und Devisenmarkt 19. Zahlungsbilanz 20. Devisenmarkt 21. Übertragungswege in der offenen Volkswirtschaft 22. Wirtschaftspolitik in der offenen Volkswirtschaft VI Nachhaltige Entwicklung und Makroökonomie 23. Nachhaltige Ökonomie 24. Konkretisierung der nachhaltigen Entwicklung 25. Operationalisierung der nachhaltigen Entwicklung Erfahrungen hinsichtlich des Ablaufs und der Organisation der Veranstaltung können Sie gerne an uns richten. Vahlens Handbücher Clement/Terlau/Kiy – Angewandte Makroökonomie (5. Auflage) Herstellung: Frau Deuringer Stand: 01.02.2013 Status: Imprimatur Seite 19 Kapitel 2 0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 Kapitel 2: Empirische Ebene der Makroökonomie Inhaltsübersicht 2.1 Volkswirtschaftliche Rechenwerke. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20 2.2 Der Wirtschaftskreislauf als Basis der Volkswirtschaftlichen Gesamt rechnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24 2.2.1 Produktion und einfacher Wirtschaftskreislauf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 26 2.2.2 Dynamische Wirtschaft mit Vermögensbildung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29 2.2.3 Wirtschaftskreislauf mit Staat. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 33 2.2.4 Offene Volkswirtschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 36 2.3 Grundregeln der BIP Berechnung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40 2.3.1 Berechnungsarten. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40 2.3.2 Preisbereinigung und Wirtschaftswachstum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 44 2.4 Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung in der Praxis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 47 2.4.1 Entstehungsrechnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 47 2.4.2 Verwendungsrechnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 54 2.4.3 Verteilungsrechnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 56 2.5 Volkswirtschaftliche Kennziffern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 61 2.6 Fallbeispiele zu Kapitel 2 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 62

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Makroökonomische Ereignisse

wie die Schuldenkrise, Rezession, Arbeitslosigkeit und Inflation haben nicht nur gesamtwirtschaftliche Konsequenzen, sondern auch vielfältige Berührungspunkte zum täglichen Leben. Diese Ereignisse sind häufig komplex und für den Einzelnen nicht immer leicht zu durchschauen.

Um Studierende auf die globalen Herausforderungen von Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt vorzubereiten ist in diesem Lehrbuch explizit auch das Thema der nachhaltigen Entwicklung integriert. Außerdem werden die großen Themen der Makroökonomie teilweise gebündelt behandelt, um die vielfältigen Zusammenhänge zwischen den einzelnen Gebieten transparenter zu gestalten. Dies hat für Studierende und Lehrende u.a. den Vorteil, dass eine modulare Verwendung möglich ist. Die Schwerpunkte:

– Drei Ebenen der Makroökonomie (empirisch, theoretisch und wirtschaftspolitisch)

– Konjunktur, Gütermarkt und Finanzpolitik

– Inflation, Geldmarkt und Geldpolitik in der EWU

– Wirtschaftswachstum, Wohlstand und Beschäftigung

– Außenhandel, Devisenmarkt und offene Volkswirtschaft

– Nachhaltige Entwicklung und Makroökonomie.

Zur Neuauflage

Das Buch wurde vollständig überarbeitet und in eine modulare Struktur überführt, aber die Grundkonzeption des Buches wurde beibehalten. Das Buch ist bewusst als Lernbuch konzipiert, das sich zum Einsatz an Hochschulen und Akademien eignet. Mit der Integration von selbständig zu bearbeitenden Fallbeispielen wird u.a. das Konzept der Bachelor- und Masterstudiengänge an deutschen Hochschulen berücksichtigt, die stärker als bisher an Praxisbeispielen orientierte Lehr- und Lernformen fördern wollen.

Die Autoren

Prof. Dr. Reiner Clement, Prof. Dr. Wiltrud Terlau, Sankt Augustin/Rheinbach, und Prof. Dr. Manfred Kiy, Köln.

Angewandte Makroökonomie

für Studierende der Volks- und Betriebswirtschaftslehre an Universitäten, Fachhochschulen und Akademien.