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2. Die Beschlussorgane in:

Otmar Issing

Der Euro, page 67 - 75

Geburt, Erfolg, Zukunft

1. Edition 2008, ISBN print: 978-3-8006-3496-5, ISBN online: 978-3-8006-4381-3, https://doi.org/10.15358/9783800643813_67

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2. Die Beschlussorgane 59 Inflationserwartungen zu bekämpfen, muss die Notenbank schließlich ihre Zinsen über das Niveau hinaus erhöhen, das sie ansonsten bei Fortsetzung ihrer Politik der Geldwertstabilität gewählt hätte. Weges des Verlustes an Glaubwürdigkeit ist das über die Perioden gerechnete Zinsniveau höher als bei einer stetigen Geldpolitik, die allein auf Erhaltung der Preisstabilität gerichtet ist. Am Ende „rechnet sich“ die inflationäre Geldpolitik also nicht, per Saldo erleidet die Gesellschaft einen Wohlfahrtsverlust. Sicherung der Geldwertstabilität auf lange Sicht und entsprechend fest verankerte Inflationserwartungen sind also nicht nur der beste, sondern auch der einzige Beitrag, den die Geldpolitik auf Dauer zugunsten von Wachstum und Beschäftigung leisten kann. Weicht die Notenbank von diesem Kurs ab, leistet sie nicht nur keinen positiven Beitrag zur Erreichung der „anderen Ziele“, ganz im Gegenteil, sie verfehlt auch ihren eigentlichen Auftrag.41 Als die Beratungen und Verhandlungen über das Statut einer Europäischen Zentralbank begannen, war dies der allgemeine Erkenntnisstand. Außerdem war nicht nur für die deutsche Seite eine schwächere Formulierung des Auftrags als im Bundesbankgesetz nicht akzeptabel.42 Die Formulierung in Artikel 105 des Vertrags mit dem Vorrang der Preisstabilität entspricht dem „state-of-the-art“ der Notenbankgesetzgebung. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Im Übrigen stellen so gut wie alle Vorgaben des Gesetzgebers für Notenbanken aus der Zeit seitdem mehr oder weniger auf die Preisstabilität ab. Es sind im wesentlichen früher verabschiedete und insoweit gegenüber dem Stand der Diskussion veraltete Statuten, die der Notenbank mehrere Ziele vorgeben. 2. Die Beschlussorgane Nach Artikel 9.3 des Statuts verfügt die EZB über zwei Beschlussorgane, den EZB-Rat und das Direktorium. Dazu kommt der Erweiterte Rat der EZB (Artikel 45). 41 Die Wissenschaft hat diese Fragen unter verschiedenen Aspekten behandelt, vor allem in den Arbeiten von M. Friedman, E. Phelps, R. Barro, F. E. Kydland und E. C. Prescott. 42 Die Bundesbank hatte im Laufe der Zeit verstanden, den Auftrag im Gesetz, „die Währung zu sichern“, als Erhaltung der Preisstabilität zu definieren. Das Statut der EZB vermeidet von vornherein die Unklarheit, ob mit „Stabilität der Währung“ der „innere“ (Preisstabilität) oder der „äußere“ (Wechselkursstabilität) Wert gemeint ist. Buch.indb 59 27.02.2008 8:29:58 Uhr III. Die EZB und die Grundlegung der Geldpolitik60 a) Der EZB-Rat Der EZB-Rat ist das oberste Beschlussorgan der EZB. Er setzt sich aus den Mitgliedern des Direktoriums und den Präsidenten der nationalen Notenbanken des Eurosystems zusammen. Der Rat tagt üblicherweise zwei Mal im Monat. Gelegentlich (meist August) macht der Rat von der Möglichkeit der Telefonkonferenz Gebrauch. Zum Start hatte der Rat 17 Mitglieder, nach dem späteren Beitritt Griechenlands (2001) und Sloweniens (2007) belief sich deren Zahl auf 19. Unter Einschluss von Malta und Zypern (2008) gehören dem Rat nunmehr 21 Mitglieder an. Der Präsident des Rates der EU (Rat der Finanzminister – Ecofin) und ein Mitglied der Kommission (zuständig für Wirtschafts- und Finanzfragen) können an den Sitzungen des EZB-Rats teilnehmen, haben jedoch kein Stimmrecht (Artikel 113 (1)).43 Nach einem informellen Einvernehmen übernimmt der Präsident der Euro-Gruppe (d.h. der Finanzminister der Mitgliedstaaten der Währungsunion) diese Kompetenz, wenn der Präsident des Ecofin aus einem Land kommt, das nicht dem Eurosystem angehört. Die wichtigsten Aufgaben (Artikel 12 des Statuts) des EZB-Rats bestehen darin, die Leitlinien zu erlassen, die notwendig sind, um die dem Eurosystem übertragenen Aufgaben zu erfüllen, sowie die Geldpolitik der Gemeinschaft festzulegen. In besonderen Fällen ist eine Zweidrittel-Mehrheit der Stimmen erforderlich, in einigen finanziellen Fragen (z.B. des Kapitals der EZB) werden die Stimmen mit dem Kapitalanteil der nationalen Notenbanken des betreffenden Landes gewichtet.44 Im allgemeinen und damit vor allem in Fragen der Geldpolitik gelten die Prinzipien „Eine Person – eine Stimme“ und der einfachen Mehrheit (mit dem Ausschlag der Stimme des Präsidenten bei Stimmengleichheit).45 Mit der Teilnahme an der Währungsunion geht die Kompetenz der Geldpolitik von den nationalen Notenbanken auf die EZB über. In seiner wichtigsten Funktion ist der EZB-Rat also verantwortlich, die geldpolitischen 43 Der Präsident der EZB wird zur Teilnahme an den Sitzungen des Rates der EU eingeladen, wenn dieser Fragen im Zusammenhang mit den Zielen und Aufgaben des ESZB erörtert. Konsequenterweise wird der Präsident zu den Sitzungen der Euro-Gruppe eingeladen. 44 Zu den Details siehe: H. K. Scheller, a.a.O., S. 51 ff. 45 Ein neues Regime tritt in Kraft, wenn die Zahl der Gouverneure der nationalen Notenbanken 15 überschreitet. Buch.indb 60 27.02.2008 8:29:58 Uhr 2. Die Beschlussorgane 61 Entscheidungen so zu treffen, dass das vorgegebene Ziel erreicht wird, also Preisstabilität gewährleistet ist. In der Währungsunion, mit dem Euro als gemeinsamer Währung, kann es nur eine einheitliche Geldpolitik geben. Die vom EZB-Rat getroffenen Entscheidungen gelten also zwangsläufig in gleicher Weise für den gesamten Währungsraum. Ebenso kann das Ziel, die Preisstabilität (seine Realisierung bzw. Verfehlung), nur in einem einheitlichen Index für den gesamten Währungsraum gemessen werden. Die Besorgnis, wenn nicht Skepsis, ob der EZB-Rat dieser Herausforderung genügen würde, war weit verbreitet. Würden die Gouverneure der nationalen Notenbanken bei geldpolitischen Entscheidungen nicht in erster Linie an die Folgen für „ihr“ Land denken, und weniger an die „europäische“ Aufgabe? Während man den Mitgliedern des Direktoriums eine allein auf die Währungsunion ausgerichtete Orientierung unterstellte, schienen die Stimmverhältnisse (6 zu – ursprünglich – 11) für die Dominanz nationaler Interessen zu sprechen. In dieser Rechnung steckte von Anfang an insofern ein Denkfehler, als sich etwaige nationale Interessen weitgehend ausgleichen müssten. Wären z.B. einige Länder in einer wirtschaftlich schwächeren Situation als der Durchschnitt (und damit nach dieser Argumentation eher an niedrigeren Notenbankzinsen interessiert), müssten andere zwangsläufig besser als der Durchschnitt dastehen (mit genau entgegengesetzten geldpolitischen Präferenzen). Als entscheidend musste sich jedoch das Selbstverständnis des EZB-Rates erweisen. Alle Mitglieder des EZB-Rates haben denselben Auftrag, nämlich Preisstabilität für den Euroraum zu gewährleisten. So sind die Gouverneure der nationalen Zentralbanken Mitglieder des EZB-Rates in persönlicher Verantwortung und nicht als Vertreter ihres Landes. Die Gouverneure der nationalen Notenbanken mussten deshalb von Anfang an „zu Hause“ klarstellen, dass sie unter keinen Umständen Weisungen in irgendwelcher Form entgegennehmen würden. So hat etwa Hans Tietmeyer als erster Präsident der Bundesbank Mitglied im EZB-Rat an dieser Unabhängigkeit gegenüber dem Zentralbankrat und dem Direktorium der Bundesbank von Anfang keinerlei Zweifel aufkommen lassen. Für seine Nachfolger im Amt gilt das Gleiche. Einen ersten, in seiner Symbolik ausdrucksvollen Test für die Fokussierung auf den „europäischen“ Auftrag, brachte die erste Sitzung des EZB-Rats am 9. Juni 1998. Wie zu Zeiten des EWI üblich waren die Namensschilder für die Gouverneure nach ihren Herkunftsländern angeordnet; zudem saßen die Mitglieder des Direktoriums in einem Block nebeneinander. Mit dem Hinweis, die Gouverneure seien jetzt hier in persönlicher Verantwortung Buch.indb 61 27.02.2008 8:29:58 Uhr III. Die EZB und die Grundlegung der Geldpolitik62 für eine gemeinsamen Aufgabe, und der Eindruck dürfte erst gar nicht entstehen, es gebe das Direktorium auf der einen, die Gouverneure der nationalen Notenbanken auf der der anderen Seite, schlug Hans Tietmeyer vor, dies zu ändern. Seitdem ist der Präsident (neben ihm der Vizepräsident) als Vorsitzender ausgewiesen, alle übrigen Mitglieder des EZB-Rates sitzen in der alphabetischen Reihenfolge ihres Nachnamens. Im Vorfeld gab es auch zu bedenken, wie die Sitzungen des Rates vorbereitet und der Ablauf organisiert werden sollte, um die gebotene Konzentration auf den europäischen Auftrag zu sichern und jedwede (etwaige) nationale Orientierung von Anfang an zu unterbinden. Dies musste ein wichtiger Aspekt bei der Überlegung sein, wie die Geldpolitik konzipiert werden sollte. Ohne überzeugende, auf die europäische Aufgabe ausgerichtete Strategie, bestand die Gefahr eines Zerfaserns der Diskussion in Einzelmeinungen, in denen dann, möglicherweise völlig unbeabsichtigt, auch nationale Aspekte hervorkommen könnten. b) Das Direktorium Dem Direktorium der EZB (siehe Artikel 11) gehören der Präsident, der Vizepräsident sowie weitere vier Mitglieder an, die in dem oben beschriebenen Verfahren ernannt werden. Das Direktorium ist das operationale Entscheidungsgremium der EZB. Das Direktorium tagt üblicherweise jeden Dienstag. Zusätzliche Sitzungen werden nach Bedarf angesetzt. Das Direktorium ist vor allem für die Durchführung der vom Rat festgelegten Geldpolitik zuständig und erteilt dazu den nationalen Notenbanken die erforderlichen Weisungen. Es bereitet die Sitzungen des EZB-Rates vor. Wie der EZB-Rat, ist auch das Direktorium ein Kollegialorgan, alle Mitglieder haben je eine Stimme (mit dem Ausschlag der Stimme des Präsidenten bei Stimmengleichheit). Die Verantwortung für die Entscheidungen trägt das Direktorium als Ganzes. Dieses Prinzip lässt jedoch offen, wie das Direktorium die Geschäftsverteilung regelt. Eine Option läge darin, den einzelnen Direktoriumsmitgliedern keine spezifische Verantwortung für einzelne Bereiche der Bank zuzuteilen. Meinen Erwartungen entsprechend entschied sich das Direktorium dafür, den einzelnen Direktoriumsmitglieder Portefeuilles zuzuweisen, und zwar mit folgendem Ergebnis: Buch.indb 62 27.02.2008 8:29:58 Uhr 2. Die Beschlussorgane 63 Willem F. Duisenberg, Präsident: Direktionen: Externe Beziehungen; Sekretariat; Protokoll und Konferenzen; Interne Revision. Christian Noyer, (Vizepräsident): Generaldirektionen: Verwaltung und Personal; Rechtsdienste. Eugenio Domingo Solans: Generaldirektion Informationstechnik; Direktionen: Statistik; Banknoten. Sirkka Hämäläinen: Generaldirektion Finanzmarktsteuerung; Direktion: Controlling und Organisation. Otmar Issing: Generaldirektionen: Volkswirtschaft; Forschung. Tommaso Padoa-Schioppa: Generaldirektionen: Internationale und Europäische Beziehungen; Zahlungsverkehrssysteme. Diese Zuständigkeiten wurden mit dem turnusgemäßen Ausscheiden der Mitglieder des Direktoriums und der Neuberufungen modifiziert. Meine Verantwortungsbereiche blieben bis zu meinem Ausscheiden aus dem Amt unverändert. Mit der Zuständigkeit für die beiden Generaldirektionen Volkswirtschaft und Forschung wurde mir eine besondere Verantwortung übertragen. Diese Bereiche verkörpern in jeder Notenbank das Zentrum der Notenbankpolitik. Hier werden die realwirtschaftlichen und monetären Analysen erstellt, die gesamtwirtschaftlichen Projektionen erarbeitet, die internen Vorlagen für die Beschlussorgane vorbereitet, die Reden zur Geldpolitik entworfen und die einschlägigen Stellungnahmen gegenüber der Öffentlichkeit konzipiert. Eigene Forschung und das Studium des Fortgangs der Wissenschaft sind weitere unentbehrliche Elemente. In einer neuen Institution wie der EZB und in der Vorbereitung der Geldpolitik für eine neue Währung erhielt diese Aufgabe eine gegenüber der Situation in etablierten Notenbanken noch einmal wesentlich gesteigerte Bedeutung, Die EZB stand vor Fragen von fundamentaler Bedeutung. So würde z.B. die Entscheidung für eine bestimmte Strategie auf unabsehbare Zeit die Weichen für den Kurs der Geldpolitik stellen. Nicht von ungefähr wurde daher vorweg heftig spekuliert, wer mit dieser Aufgabe betraut werden würde. Zwei Gründe gaben den Ausschlag für meine Person. Das war zum einen meine „akademische Herkunft“ als auf Buch.indb 63 27.02.2008 8:29:58 Uhr III. Die EZB und die Grundlegung der Geldpolitik64 diesem Gebiet ausgewiesener Wissenschaftler und zum anderen meine vergleichbare Funktion in der Bundesbank, also der Notenbank, die seit Jahren den geldpolitischen Kurs in Europa bestimmte und als Garant einer stabilen Währung galt. Vom ersten Augenblick hatte ich keinen Zweifel über die Schwere der Aufgabe und die Größe der Verantwortung. Ich war mir auch im Klaren darüber, dass ohne einen Stab fachlich exzellenter, hochmotivierter und loyaler Mitarbeiter die Aufgabe nicht zu bewältigen war. In dieser Phase war die Bündelung der Zuständigkeit für diese beiden Generaldirektionen in einer Hand von größter Wichtigkeit. Die zwei Bereiche, volkswirtschaftliche Analyse und Forschung, mussten in einem intensiven Prozess eng zusammenarbeiten, um die Fachkenntnis der Ökonomen optimal auszuschöpfen, zumal zu Beginn nur eine – gemessen an der Aufgabe – sehr kleine Zahl von Mitarbeitern zur Verfügung stand. Der Kern des Teams war im Laufe der Zeit bereits zum EWI gestoßen, stammte aus allen 15 Ländern der EU und bestand aus exzellenten Ökonomen. Die „Neuankömmlinge“ standen ihnen in der Qualifikation keinesfalls nach. An der Qualität und der Motivation der Mitarbeiter gab es keinen Zweifel. Ganz im Gegenteil: Nie vorher hatte ich einen solch begeisterten, grenzenlosen Einsatz gesehen. Die Anzahl erfahrener Ökonomen war allerdings relativ klein, und Vertrautheit im Umgang mit konkreten Fragen einer eigenständigen Geldpolitik eine Rarität. Nur im stetigen Dialog, in der Mischung aus Kenntnis der Theorie und Empirie einerseits, sowie der geldpolitischen Erfahrung andererseits, konnte der Schlüssel zum Erfolg liegen. Mit der Führung dieses Teams wartete auf mich die faszinierendste Aufgabe, die man einem Ökonomen stellen kann. Letztendlich als Folge dieser Ressortzuteilung ergab sich auch die wichtige Verantwortung für den Monatsbericht der EZB. Schon bald nachdem wir unsere Arbeit aufgenommen hatten, hatte ich ein Gespräch mit Präsident Duisenberg über die künftigen Publikationen der EZB geführt. Als Ergebnis bat er mich, mir darüber Gedanken zu machen. Im Mittelpunkt stand dabei nahe liegend die Frage, ob wir einen monatlichen Bericht veröffentlichen oder uns – wie viele andere Notenbanken – mit einem Vierteljahresbericht, wie er im Vertrag verlangt wurde, begnügen sollten. Trotz der knappen Zeit und der sehr begrenzten Ressourcen kam ich zu der Überzeugung, dass wir gerade zu Beginn der Währungsunion mit kürzestmöglicher Frequenz, also monatlich, die Öffentlichkeit informieren mussten. Es ging auf der einen Seite darum, den Euroraum als einheitliches Währungsgebiet auch mit seinen Besonderheiten überhaupt erst einmal ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu bringen. Zu diesem Zweck wurde der Monatsbericht – in enger Zusammenarbeit mit den Statistikern – um einen statistischen Teil ergänzt, Buch.indb 64 27.02.2008 8:29:58 Uhr 2. Die Beschlussorgane 65 der im Laufe der Zeit erheblich ausgebaut wurde. Auf der anderen Seite war die laufende Berichterstattung über die Wirtschaft der Währungsunion um Informationen und Analysen zu wichtigen Themen, wie der geldpolitischen Strategie, den Instrumenten etc zu ergänzen. Als ich Wim Duisenberg vom Ergebnis meiner Überlegungen informierte, war seine spontane Reaktion: Otmar, monthly? Meine Antwort: Yes, I know what it means. If I should be responsible, this will spoil two weekends per month. But, we just have to be present in public every month. Seine Frage: When will you start, in June 1999? Meine Antwort: No, in January next year with the start of monetary union. Duisenberg: January! Can you make it? Ich: I am not sure, but we have to. Damit war mir eine äußerst schwierige Aufgabe und hohe Verantwortung übertragen. Auf Grund meiner Erfahrung mit dem Monatsbericht der Bundesbank wusste ich um die Bedeutung dieses Kommunikationsinstruments, aber auch um das permanente Engagement und den hohen Ressourceneinsatz, die für einen Erfolg nötig waren. Das Direktorium der EZB trägt als Kollegium die Verantwortung für diese (und andere) Publikationen. Ohne individuelle Zuständigkeit wäre aber gerade in der Kürze der Zeit weder die praktische Durchführung möglich gewesen noch hätte es gelingen können, die konzeptionelle Gestaltung und inhaltliche Konsistenz dauerhaft zu gewährleisten. Für meine Kollegen im Direktorium war es nicht einfach, den mit meiner Zuständigkeit verbundenen Einfluss auf Gestalt und noch mehr den Inhalt dieses zentralen Kommunikationsinstrumentes zu akzeptieren. Der eine oder andere Konflikt konnte nicht ausbleiben, doch setzten sich letzten Endes der Zwang der Termine und vor allem die Kompetenz durch. Ich konnte schließlich auf die hervorragenden Mitarbeiter aus den beiden Generaldirektionen Volkswirtschaft und für bestimmte Fragen der Forschung setzen. Für die Vorbereitung des ersten Monatsberichts, die quasi „nebenbei“ laufen musste, blieb wenig Zeit. Es stand für mich von Anfang an fest, dass im Januar 1999, also mit dem Beginn der Währungsunion, die erste Ausgabe erscheinen musste. Lange Betrachtungen und Diskussionen um die Gestaltung konnten wir uns zeitlich nicht leisten. So bedienten wir uns z.B. der Hilfe eines Experten aus der Österreichischen Nationalbank für die Gestaltung der Titelseite. In der Ordnung des Inhalts und der Struktur galt es, darauf zu achten, den ersten Bericht so zu konzipieren, dass die folgenden Hefte zwar immer weiter verbessert werden konnten, das Grundmuster zur Analyse der Wirtschaftslage aber unverkennbar blieb. Die in die Vorbereitungen involvierten Mitarbeiter gingen mit großer Motivation an die Aufgabe, hatten aber durchweg keine einschlägigen Erfahrun- Buch.indb 65 27.02.2008 8:29:59 Uhr III. Die EZB und die Grundlegung der Geldpolitik66 gen. Erst allmählich konnten wir die für den Ablauf des Prozesses und vor allem für die durchgängig erforderliche Qualität notwendigen Strukturen aufbauen. Unter größten Anstrengungen ist es uns dann gelungen, den Monatsbericht für Januar 1999 zu erstellen und zu veröffentlichen. Es sollte nicht lange dauern, bis der Monatsbericht als das „Flaggschiff“ der Kommunikation der EZB weltweit Anerkennung fand. Ich hatte mir von Anfang an vorgenommen, das Erscheinungsbild den Standards moderner Kommunikation anzupassen, sobald wir etwas mehr Zeit zur Verfügung und an Erfahrung gewonnen hätten. Im Januar 2004 konnte dann der Monatsbericht erstmals in seiner jetzigen Form veröffentlicht werden. c) Der Erweiterte Rat Das dritte Beschlussorgan der EZB ist der Erweiterte Rat (Artikel 45 des Statuts). Ihm gehören der Präsident und Vizepräsident der EZB sowie die Präsidenten der Notenbanken aller EU-Länder an. Die übrigen Mitglieder des Direktoriums der EZB gehören also nicht dem Erweiterten Rat an, können jedoch – ohne Stimmrecht – an den Sitzungen teilnehmen. In der Praxis leisten sie – mit ihren Mitarbeitern – den wesentlichen Beitrag zu den Sitzungen. Der Erweiterte Rat tagt üblicherweise vier Mal im Jahr, im März, Juni, September und Dezember, und zwar zum Termin der zweiten Sitzung des EZB-Rates in diesen Monaten. Der Erweiterte Rat hat naturgemäß keinerlei geldpolitische Kompetenzen, er übernimmt weitgehend frühere Funktionen des EWI. Er berät also vor allem die EU-Länder, die noch nicht der Währungsunion angehören, bei der Vorbereitung auf den Beitritt. In diesem Zusammenhang verabschiedet er die Konvergenzberichte , die über den Fortschritt in diesem Prozess berichten. Der Erweiterte Rat überwacht zudem das Funktionieren des Wechselkursmechanismus (WKM II). Nach dem Beitritt Griechenlands standen zunächst nur drei der 15 EU- Länder außerhalb der Währungsunion, nämlich Dänemark, Schweden und das Vereinigte Königreich. Aus dieser Konstellation geht schon hervor, dass der Erweiterte Rat in den ersten Jahren keine besondere Rolle spielte. So war beispielsweise nur Dänemark Mitglied des Wechselkursmechanismus, und zwar ohne dass irgendwelche Probleme aufgetreten wären. Das Gesicht des Erweiterten Rates änderte sich jedoch schlagartig mit dem Beitritt von zehn weiteren Ländern zur EU im Jahre 2004. Die meisten dieser neuen Mitglieder der EU hatten die Phase des Übergangs von zentralistischen Planwirtschaften und Diktaturen zu marktwirtschaftlichen Systemen (und Demokratie) hinter sich. Trotz beeindruckender Erfolge war aber noch ein erheblicher Anpassungsprozess erforderlich. In ihrer Geldpolitik spielte der Euro mit Buch.indb 66 27.02.2008 8:29:59 Uhr 3. Vorbereitung der Geldpolitik 67 unterschiedlicher Intensität die Rolle der Ankerwährung. Estland hatte z.B. seine Währung schon 1992 in einem Währungsverbund (Currency Board) an die D-Mark gebunden und dieses Regime später auf den Euro übertragen. Alle neuen EU-Länder planen den Beitritt zur Währungsunion, sind nach dem Vertrag auch dazu verpflichtet, da in keinem Fall eine Opt-out-Klausel besteht. Aus dieser Konstellation ergeben sich vielfältige Aspekte, die Gegenstand der Beratung im Erweiterten Rat sind. Eine wichtige Rolle spielen dabei die Konvergenzberichte. So hat der Bericht der EZB im Frühjahr 2006 Slovenien die Erfüllung der Konvergenzkriterien attestiert (zusammen mit dem Bereicht der Kommission) und damit den Beitritt zur Währungsunion per 1. Januar 2007 geebnet. Für Litauen erhoben dagegen beide Berichte ernst zu nehmende Bedenken. Inzwischen sind mit Bulgarien und Rumänien zwei weitere Länder der EU beigetreten. Entsprechend gehören die beiden Präsidenten der Notenbanken dem Erweiterten Rat an. Als Folge der Erweiterung der EU umfasst auch der Stab der EZB inzwischen Mitarbeiter aus den 27 Ländern der EU. 3. Vorbereitung der Geldpolitik a) Die Bedeutung des Starts Nach der Gründung der EZB im Juni 1998 blieben gerade einmal sieben Monate um die Vorbereitung für den Start der Währungsunion abzuschließen. Diese Aufgabe war in einer Institution zu bewältigen, deren Aufbau den Einsatz aller Kräfte erforderte. Es galt die interne Organisation aufzubauen, die Zusammenarbeit mit den nationalen Notenbanken des Eurosystems zu organisieren, die Kontakte mit der „Außenwelt“ aufzunehmen, vom Europäischen Parlament und dem Rat, anderen nationalen Notenbanken (vor allem der US-Federal Reserve, Bank of England, Bank of Japan) bis hin zu Wissenschaft, den Medien und den Märkten. Die Vorbereitung für die wichtigste Aufgabe, den Start der einheitlichen Geldpolitik im Januar 1999 hatte absoluten Vorrang. Zwar hatte das EWI wichtige Vorarbeiten geleistet, doch konnten und mussten jetzt die Entscheidungen für die künftige Geldpolitik getroffen werden. Alle Beobachter waren sich einig. Kaum jemals in der Geschichte stand eine Notenbank vor einer Herausforderung dieser Dimension: Geldpolitik für eine neue Währung, für einen äußerst komplexen, heterogenen und zudem in seiner Gesamtheit weitgehend unbekannten Währungsraum. Buch.indb 67 27.02.2008 8:29:59 Uhr

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Zusammenfassung

Die Geschichte einer Währung erzählt vom »Vater des Euro«

Zehn Jahre nach dem Beschluss zur Einführung im Jahr 1998 zieht der "Vater des Euro" eine Zwischenbilanz: Wo sind die Ursachen für den guten Start und bisherigen Erfolg des Euro, und wo liegen mögliche Gefährdungen? Das Buch schildert die Vorgeschichte des Euro, den schweren Abschied der Deutschen von der D-Mark und belegt ausführlich die Gründe, die zum Erfolg des Euro und der Europäischen Zentralbank geführt haben. Der Verfasser beschreibt die Konfliktpotentiale der Währungshüter mit der Politik und die Gefährdungen für den Erfolg des Euro. Kann die Europäische Währungsunion ohne Politische Union überleben?

Der Autor

Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Otmar Issing war maßgeblich für den Erfolg des Euro verantwortlich. 1998 bis 2006 war er Chefvolkswirt und Direktoriumsmitglied der Europäischen Zentralbank. Er gilt als Vater der geldpolitischen Strategie der EZB.