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4. Die Erweiterung des Währungsraumes in:

Otmar Issing

Der Euro, page 198 - 205

Geburt, Erfolg, Zukunft

1. Edition 2008, ISBN print: 978-3-8006-3496-5, ISBN online: 978-3-8006-4381-3, https://doi.org/10.15358/9783800643813_198

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V. Notenbank und Geldpolitik im Gefüge der Europäischen Währungsunion190 her mit dem Finanzausgleich im Rahmen eines Nationalstaates vergleichbar. Daran dürfte sich auf absehbare Zeit auch nichts ändern. Das Aufbringen der für einen solchen Finanzausgleich erforderlichen immensen Summen dürfte die Zahlungsbereitschaft der Bürger weit übersteigen. Schon jeder Versuch in diese Richtung würde wohl zu erheblichen politischen Spannungen führen. Ganz davon abgesehen dürfte es sehr schwierig, wenn nicht aussichtslos sein, ein System zu entwickeln, das nicht erhebliche negative Anreize (moral hazard, free rider) auslöst und zum Missbrauch einlädt. Diese Überlegungen führen zurück zu den Bedingungen des optimalen Währungsraumes, die als Anhaltspunkt für die notwendigen Veränderungen dienen können. Die Frage „One size fits all?“ ist daher nicht statisch zu beantworten. Der Auftrag an die Politik heißt vielmehr, die Bedingungen dafür zu schaffen, dass der „geldpolitische Anzug“ allen passt. Dazu ist zunächst eine strikte Prüfung erforderlich, ob ein Land auch „reif“ für die Währungsunion und ihre einheitliche Geldpolitik ist. Tritt ein Land zu früh bei, besteht die Gefahr, dass sich der wegen der höheren Preissteigerungsrate niedrige Realzins zunächst in Überhitzungserscheinungen (Bauboom etc.) und anschließend in einer Korrekturkrise auswirkt. Nach dem Beitritt müssen die erforderlichen Reformen fortgesetzt werden. 4. Die Erweiterung des Währungsraumes a) Europäische Union und Währungsunion Nach dem Beitritt von zunächst zehn und danach noch einmal zwei Ländern umfasst die EU nunmehr 27 Mitgliedsstaaten mit einer Bevölkerung von mehr als 490 Millionen Menschen. Obgleich das ökonomische Gewicht selbst der größeren neuen Mitgliedsstaaten bescheiden ausfällt, entsteht hier der vom Sozialprodukt her gesehen größte Wirtschaftsraum der Welt. Zweifellos wird es noch länger dauern, bis der einheitliche Markt in diesem Gebiet Wirklichkeit geworden ist, doch sollte man andererseits das große Potential nicht unterschätzen. Wenn es gelingt, die Dynamik der neuen Mitglieder zu erhalten oder womöglich noch zu steigern, könnte das Wirtschaftswachstum in der Union insgesamt und nicht zuletzt auch in den „alten“ Mitgliedsstaaten auf eine neue Stufe gehoben werden. Dies kann allerdings nur gelingen, wenn sich die „etablierten“ Mitglieder dem Wettbewerb der „Neulinge“ stellen und die Erweiterung für die Flexibilisierung ihrer eigenen Wirtschaft nutzen. Keines der 10 bzw. 12 neuen Mitglieder der EU hat eine „opt-out Klausel“ auch nur erwogen, d.h. alle Länder sind damit auf den späteren Beitritt zum Euroraum festgelegt. Als erstes Land der neuen EU-Mitglieder hat Slowe- Buch.indb 190 27.02.2008 8:31:04 Uhr 4. Die Erweiterung des Währungsraumes 191 nien den Euro zum 1. Januar 2007 eingeführt, Malta und Zypern sind zu Beginn des Jahres 2008 dazu gestoßen, während die großen Länder (der 10) Polen, Tschechien und Ungarn ihre Beitrittspläne immer weiter nach hinten geschoben haben. Die Währungsunion wird insgesamt mit dem Beitritt jedes der neuen Länder (noch) heterogener. Das „one size fits all“ Thema erhält damit eine neue Dimension. Nicht zuletzt der mit dem notwendigen Aufholprozess verbundene Inflationsdruck vermittelt eine deutliche Warnung für jedes einzelne Land, den Beitritt zur Währungsunion nicht zu früh anzustreben. Flexible Märkte, vor allem ein anpassungsfähiger Arbeitsmarkt, sind wichtige Voraussetzungen, die erfüllt sein müssen, wenn die einheitliche Geldpolitik nach dem Beitritt zur Währungsunion nicht zum Problem für ein neues Mitglied werden soll. Die bekannten Konvergenzkriterien weisen den Weg für die Vorbereitung auf die Teilnahme an der Währungsunion.196 Sie verkörpern gleichzeitig die Eintrittsprüfung, die es zu bestehen gilt, wenn das Beitrittsgesuch erfolgreich sein soll. Kritik hat sich dabei vor allem an dem Kriterium für die Preisstabilität entzündet. Der Vertrag legt fest, dass der Durchschnitt der (höchstens) drei Länder der EU mit der niedrigsten Inflationsrate den Ausgangswert bildet, auf den dann 1,5 Prozentpunkte „aufgeschlagen“ werden. Die rein ökonomische Logik lässt gewiss am Sinn dieser Ableitung des Kriteriums für die Preisstabilität zweifeln. Zum einen bezieht sich die Formulierung des Vertrages eindeutig auf die (höchstens) drei Länder der EU. Wie sollte aber die Preissteigerungsrate in Ländern, die unter Umständen gar nicht der Währungsunion angehören, für die für den Beitritt zum Euro maßgebliche Inflationsrate entscheidend sein? Zum anderen kann die jeweilige Preissteigerungsrate eines Landes (Durchschnitt der letzten zwölf Monate) erheblich durch Sonderfaktoren beeinflusst sein und damit mehr oder weniger an Aussagekraft für die Ableitung eines angemessenen Stabilitätskriteriums einbüßen. Als Ausweg bzw. Alternative wird immer wieder gefordert, entweder die Preissteigerungsrate der „besten Länder“ im Euroraum oder die quantitative Definition der EZB für Preisstabilität (jährlicher Anstieg des HIVP unter 2 %) heranzuziehen. Dem ist aus ökonomischer Sicht kaum etwas entgegenzuhalten. Allerdings verlöre der „Zuschlag“ von 1,5 Prozentpunkten im Falle des Bezugs zur 196 Zu dieser Thematik siehe die regelmäßigen Konvergenzberichte der EZB und der Europäischen Kommission. Buch.indb 191 27.02.2008 8:31:04 Uhr V. Notenbank und Geldpolitik im Gefüge der Europäischen Währungsunion192 Definition der EZB seine Berechtigung, so dass das Resultat im Endergebnis nicht sehr verschieden vom Status quo ausfiele. Entscheidend bleibt aber das rechtliche – und damit am Ende auch politische – Argument. Der Vertrag bezieht sich eindeutig auf die Mitgliedsländer der EU. Jeder Verstoß gegen die Anwendung eindeutiger vertraglicher Bestimmungen würde unweigerlich das Rechtsbewusstsein schwächen und am Ende das ganze Regelwerk zur Disposition stellen. Die Diskussion um den Stabilitäts- und Wachstumspakt möge als Warnung genügen. Im Übrigen erlauben die Vertragsbestimmungen eine gewisse Flexibilität. Diese hat die EZB in ihrem Konvergenzbericht von 2004 angewandt, in dem sie begründet hat, warum die Preissteigerungsrate in Litauen (– 0,2 %) durch Sonderfaktoren beeinflusst war und daher als „Ausreißer“ nicht in die Berechnung der „drei besten“ aufgenommen wurde.197 Für den Erfolg der im Laufe der Zeit immer größer werdenden Währungsunion kommt es entscheidend darauf an, dass der Beitritt eines Landes nicht zu früh und nur auf der Basis hinreichender Vorbereitung erfolgt. Eine solide Haushaltspolitik steht dabei mit an vorderster Stelle. Italien mit seinen anhaltenden Problemen der öffentlichen Finanzen steht gewissermaßen als abschreckendes Beispiel dafür, wie wenig im Ernstfall von Versprechungen zu halten ist, ungelöste finanzpolitische Probleme „später“, also nach dem Eintritt in die Währungsunion lösen zu wollen. Wenn die Aussicht, dem inzwischen als Stabilitätszone etablierten Euroraum beitreten zu dürfen, nicht ausreicht, um einen Kurs solider Finanzpolitik einzuschlagen, wie sollte man dann auf „Besserung“ nach dem Beitritt hoffen, der erst durch einen „politischen Rabatt“ bei den finanzpolitischen Kriterien ermöglicht wurde?198 Man sollte in diesem Zusammenhang nicht die Verantwortung der „alten“ Mitglieder übersehen, die durch Einhaltung der Regeln des Stabilitäts- und Wachstumspaktes ein gutes, der Disziplin förderliches Beispiel geben sollten. Verstöße gegen den Pakt unterminieren dagegen die Anstrengungen in den neuen Mitgliedsstaaten und gefährden das Fundament der Währungsunion insgesamt. 197 EZB, Konvergenzbericht 2004, 1. Kapitel. 198 Jahre vor dem Beginn der Währungsunion habe ich folgende Analogie gezogen. Die Tendenz der öffentlichen Hand zum Geldausgeben mag man mit den Gewohnheiten eines Trinkers vergleichen. Versteht sich die künftige Währungsunion als eine Gemeinschaft von Abstinenzlern oder doch von allenfalls sehr kontrollierten Trinkern, sollte jeder Kandidat, der Einlaß in diesen Club begehrt, vorher den Nachweis erbringen, dass er seine schlechten Gewohnheiten abgelegt hat. Auf das Versprechen, diesen Beweis erst nach dem Beitritt erbringen zu wollen, sollte man sich nicht verlassen. O. Issing, Europe: Political Union through Common Money?, The Institute of Economic Affairs, Occasional Paper no. 98, London 1996, S. 26. Buch.indb 192 27.02.2008 8:31:05 Uhr 4. Die Erweiterung des Währungsraumes 193 Der „Annäherung“ an die Währungsunion dient nicht zuletzt auch die Teilnahme am Wechselkursmechanismus ohne Spannungen für eine Periode von mindestens zwei Jahren. Jedes neue Mitglied der EU sollte zunächst prüfen, wann es im Prozess der in vielen Fällen noch nicht vollständig abgeschlossen Transformation (von der jahrzehntelangen sozialistischen Planwirtschaft zur Marktwirtschaft) und des Aufholens in ein Festkurssystem einsteigen sollte. Die Teilnahme am Wechselkurssystem ist als letzter Test dafür gedacht, inwieweit ein Land reif ist, um ohne größere Spannungen schließlich in einem System irreversibel fixierter Wechselkurse und einer einheitlichen Geldpolitik, eben der Währungsunion, bestehen und gedeihen zu können. b) Die EZB und die einheitliche Geldpolitik Gegenstand der Konvergenzberichte ist auch eine Prüfung, inwieweit die innerstaatlichen Rechtsvorschriften eines Landes mit dem EG-Vertrag vereinbar sind. Im Mittelpunkt der geldpolitisch relevanten Bestimmungen steht daher die Frage, inwieweit das Statut der Notenbank die Unabhängigkeit der nationalen Notenbank garantiert, und zwar in all ihren Facetten. Politische Angriffe auf den amtierenden Notenbankpräsidenten ebenso wie (partei-) politisch geprägte Auseinandersetzungen um die Wiederernennung bzw. Bestellung eines neuen Präsidenten liefern besorgniserregende Indizien dafür, dass es um die Akzeptanz der Unabhängigkeit der Notenbank zumindest noch nicht überall gut bestellt ist. Die Erweiterung der Währungsunion um neue Mitglieder hat schon im Vorfeld die Frage nach der Funktionsfähigkeit eines immer größer werdenden EZB-Rates aufgeworfen. Um eine eventuelle Revision des Statuts der EZB zu erleichtern, enthielt deshalb der Vertrag von Nizza eine entsprechende Ermächtigungsklausel (enabling clause). Danach kann Artikel 10.2 des Statuts durch einstimmigen Beschluss des Rates der EU in der Zusammensetzung der Staats- und Regierungschefs nach zwei Verfahren geändert werden, und zwar 1. entweder auf der Basis einer vom EZB-Rat einstimmig verabschiedeten Empfehlung nach Anhörung der Europäischen Kommission und des Europäischen Parlamentes, 2. oder auf Basis einer Empfehlung der Europäischen Kommission nach Anhörung der EZB und des Europäischen Parlaments.199 199 Siehe: EZB, Änderung der Abstimmungsregeln im EZB-Rat, Monatsbericht, Mai 2003. Artikel 10.2 des Statuts bezieht sich nicht auf Entscheidungen, die mit gewichteter Stimmenverteilung beschlossen werden (wie z.B. Kapitalanteile etc.) Buch.indb 193 27.02.2008 8:31:05 Uhr V. Notenbank und Geldpolitik im Gefüge der Europäischen Währungsunion194 Diese Klausel eröffnete dem EZB-Rat die große Chance, mit einem eigenen Entwurf für das zukünftige Prozedere der Abstimmung im EZB-Rat zu überzeugen. Mit dem Vorbehalt der Einstimmigkeit setzte der Nizza-Vertrag freilich auch eine hohe Hürde, galt es doch sehr unterschiedliche Interessen – vor allem „große“ versus „kleine Länder“ – auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Nach erwartungsgemäß zunächst sehr kontroversen und langwierigen Diskussionen verabschiedete der EZB-Rat am 3. Februar 2003 einstimmig seine Empfehlung. In ihrer nach dem Verfahren vorgesehenen Stellungnahme schlug die Europäische Kommission einige Verbesserungen vor (u.a. eine niedrigere Zahl von stimmberechtigten Präsidenten der nationalen Notenbanken), räumte aber auch ein, dass die in der Ermächtigungsklausel vorgegebenen Grenzen den Spielraum für Reformen deutlich einschränkten. Das Europäische Parlament lehnte die Empfehlung der EZB auf seiner Plenarsitzung vom 13. März 2003 ab. Der Vorschlag wurde als zu komplex kritisiert. Nach Meinung des Parlaments sollte der Status quo vorläufig beibehalten werden (alle Mitglieder des EZB-Rates bleiben stimmberechtigt); der Konvent über die Zukunft Europas sollte eine weiter reichende Reform vorbereiten. Dieses Votum des Europäischen Parlaments blieb jedoch ohne Wirkung. Der Europäische Rat (in der Zusammensetzung der Staats- und Regierungschefs) nahm am 21. März 2003 die Empfehlung der EZB an. Artikel 10.2 der Satzung der EBZ ist seitdem entsprechend geändert. Danach setzt ein Rotationssystem für die Präsidenten der nationalen Notenbanken ein, sobald deren Zahl 15 überschreitet.200 Die teilnehmenden Länder werden zunächst in zwei Gruppen (16 bis 21 Präsidenten) und bei steigender Anzahl schließlich in drei Gruppen (22 bis 27 Präsidenten) eingeteilt. Die Anzahl der stimmberechtigten Präsidenten bleibt jeweils auf 15 begrenzt. Um dies zu gewährleisten, sind um so mehr Präsidenten vorübergehend vom Stimmrecht ausgeschlossen, je größer ihre Zahl ist. Zu diesem Zweck wird ein Rotationssystem für die Stimmberechtigung eingeführt. Die Kriterien für die Zuteilung zu den drei Gruppen (ab 22 Notenbankpräsidenten) sind mit einem Gewicht von fünf Sechsteln der Anteil eines Landes am Bruttoinlandsprodukt zu Marktpreisen des Währungsraumes und zu einem Sechstel die relative Größe des Finanzsektors eines Landes.201 200 Mit Zweidrittelmehrheit der Stimmen aller Mitglieder kann der EZB-Rat die Einführung bis zu dem Zeitpunkt verschieben, zu dem die Zahl der Präsidenten 18 überschreitet. 201 Hier wird nur der „Endzustand“ beschrieben. Zu den Details sowie zur Übergangsphase mit zwei Gruppen siehe den erwähnten Monatsbericht, Mai 2003. Buch.indb 194 27.02.2008 8:31:05 Uhr 4. Die Erweiterung des Währungsraumes 195 Die erste Gruppe besteht aus den fünf Ländern mit dem größten Gesamtgewicht; sie erhält vier Stimmrechte. Auf die nächste Gruppe entfallen acht und auf die dritte drei Stimmrechte. Die Zugehörigkeit zu diesen beiden Gruppen variiert mit der Zahl der Notenbankpräsidenten (siehe Abb. 20). Die genauen Durchführungsbestimmungen für die Rotation der Stimmrechte in den einzelnen Gruppen (wie z.B. der zeitliche Abstand zwischen den Rotationszyklen) werden vom EZB-Rat auf der Grundlage einer im geänderten Art. 10.2 der Satzung enthaltenen Bestimmung beschlossen. Aus diesem System folgt, dass die Häufigkeit, mit der ein Notenbankpräsident stimmberechtigt ist, von der Zugehörigkeit eines Landes zu einer dieser Gruppen abhängt. In der ersten Gruppe sind die Notenbankpräsidenten stets in 80 % der Fälle stimmberechtigt. Diese Frequenz sinkt mit wachsender Zahl in den beiden anderen Gruppen bis auf 57 % bzw. 38 %. Die sechs Mitglieder des Direktoriums bleiben immer stimmberechtigt. Ausschlaggebend dafür war nach Auffassung des EZB-Rates, dass die Mitglieder des Direktoriums – im Gegensatz zu den Präsidenten der nationalen Notenbanken – nach einem im Vertrag vorgesehenen „europäischen“ Verfahren ernannt werden und ausschließlich im Rahmen des Währungsgebietes und der dafür zuständigen EZB tätig sind. Die Stimme des EZB-Präsidenten bleibt bei Stimmengleichheit ausschlaggebend. * Quelle: EZB, Monatsbericht, Mai 2003. Abbildung 20: Rotationssystem mit drei Gruppen (zweite Stufe) – Häufigkeit des Stimmrechts der NZB-Präsidenten in jeder Gruppe Anzahl der NZB-Präsidenten im EBZ-Rat 16–21 22 23 24 25 26 27 Erste Gruppe Anzahl der Stimmrechte/ Anzahl der NZB-Präsidenten Häufigkeit des Stimmrechts Erste Stufe: Rotationssystem mit zwei Gruppen (siehe Tabelle 1) 4/5 80 % 4/5 80 % 4/5 80 % 4/5 80 % 4/5 80 % 4/5 80 % Zweite Gruppe Anzahl der Stimmrechte/ Anzahl der NZB-Präsidenten Häufigkeit des Stimmrechts 8/11 73 % 8/12 67 % 8/12 67 % 8/13 62 % 8/13 62 % 8/14 57 % Dritte Gruppe Anzahl der Stimmrechte/ Anzahl der NZB-Präsidenten Häufigkeit des Stimmrechts 3/6 50 % 3/6 50 % 3/7 43 % 3/7 43 % 3/8 38 % 3/8 38 % ∑ Stimmrechte 15 15 15 15 15 15 15 Buch.indb 195 27.02.2008 8:31:05 Uhr V. Notenbank und Geldpolitik im Gefüge der Europäischen Währungsunion196 Dieses Rotationssystem sichert, dass die Zusammensetzung der stimmberechtigten Mitglieder immer repräsentativ für den Euroraum ist. Es sorgt ferner dafür, dass unter den stimmberechtigten Mitgliedern der Grundsatz „Eine Person – eine Stimme“ gewahrt bleibt. Das System ist transparent und garantiert einen Automatismus. Anhand der Regeln lässt sich für die Zukunft genau ersehen, welcher Präsident wann stimmberechtigt ist. Damit ist die Zuordnung der Stimmberechtigung jeglicher möglichen internen Auseinandersetzung und vor allem der politischen Einflussnahme von au- ßen entzogen. Zahlreiche Beiträge, insbesondere aus dem Bereich der Wissenschaft, haben sich mit der Frage beschäftigt, wie das Problem einer wachsenden Zahl von Mitgliedern im EZB-Rat am besten gelöst werden könnte.202 Es kann nicht überraschen, dass dabei die Vorschläge dominieren, nach denen die Zahl der stimmberechtigten Mitglieder möglichst reduziert werden und im Wesentlichen, wenn nicht ausschließlich, die Mitglieder des Direktoriums umfassen sollte. Diese Überlegungen werden beherrscht vom Kriterium der Effizienz. Ein wesentlich kleineres Gremium als der von Anfang an als zu groß angesehene EZB-Rat würde den Entscheidungsprozess erleichtern und die Qualität der Geldpolitik verbessern. Diese Betrachtungsweise ignoriert zwei entscheidende Bedingungen für den Erfolg der einheitlichen Geldpolitik. Zum einen vermag die breite Streuung der Mitglieder des Rates über den Euroraum wichtige Ansichten und Beiträge zur angemessenen Entscheidung in der Geldpolitik zu liefern, und zwar nicht im Sinne nationaler Interessen – dieser potentiellen Gefahr beugt schon allein die Begrenzung der Stimmrechte und die repräsentative Zusammensetzung vor –, sondern durch die Chance eines umfassenden Spektrums der Meinungen. Zum anderen reduziert diese Sichtweise die Geldpolitik auf den Akt der Entscheidung. Für den Erfolg der Geldpolitik kommt es aber ganz entscheidend auch auf die geeignete Kommunikation an. Ohne Unterstützung für die geldpolitischen Entscheidungen in allen Ländern des Euroraumes bleibt die EZB ein Fremdkörper und kann nicht auf die Unterstützung ihrer Politik in der Öffentlichkeit hoffen. Um dies zu erreichen bedarf es der aktiven Kommunikation durch die nationalen Notenbanken, an deren Spitze ihre Präsidenten. Es ist schwer vorstellbar, dass dies auf Dauer mit dem nötigen persönlichen Einsatz geschähe, wenn diese Person grundsätzlich vom Entscheidungsprozess ausgeschlossen bliebe. 202 Für eine Übersicht siehe z.B.: A. Belke, B. Styczynska, The Allocation of Power in the Enlarged ECB Governing Council: An Assessment of the ECB Rotation Model; Journal of Common Market Studies, Vol. 44, No. 5, June 2006. Buch.indb 196 27.02.2008 8:31:05 Uhr 5. Währungsunion ohne Politische Union? 197 Diese persönliche Einbeziehung wird auch durch das im Statut verankerte Recht auf Teilnahme an den Sitzungen des EZB-Rates gesichert. (Alle Vorschläge, die diese Bedingung ignorieren, gehen damit an der Wirklichkeit vorbei.) Fraglos wirft ein Gremium mit – im Extremfall – 33 Mitgliedern (sechs Mitglieder des Direktoriums und 27 Präsidenten) große Probleme in der Organisation der Sitzungen auf. Es liegt an den Mitgliedern des künftigen EZB-Rates dafür vernünftige Regeln zu finden – eine zweifellos ungemein schwierige Aufgabe. Die Frage der Stimmberechtigung musste ex ante gelöst und rechtlich im Statut verankert werden. 5. Währungsunion ohne Politische Union? Das Schlagwort „Europa“ kündet von einem der großen Themen unserer Zeit. Eine unübersehbare Literatur behandelt ein weites Spektrum von Fragen von der Geographie bis hin zu den abendländischen, christlichen Wurzeln. Nicht wenige bedauern den nach dem Zweiten Weltkrieg eingeschlagenen Weg der wirtschaftlichen Integration, der zwangläufig zu einer Dominanz des Ökonomischen führen musste. Wäre es nicht sehr viel besser, dem europäischen Gedanken angemessener gewesen, die Einheit Europas über die Kultur anzustreben? Ob dieser oder andere Wege überhaupt tatsächliche Optionen darstellten, ob sie zum Erfolg geführt hätten, über solche Fragen lässt sich trefflich streiten. Es geht hier nicht darum, das große Thema Europa auf die ökonomische Sicht zu verengen. Die Realität von heute spiegelt aber nun einmal die zwar in politischer Absicht begonnene, aber im Wesentlichen über die Wirtschaft vollzogene Integration wider. Mit dem gemeinsamen Geld, dem Beginn der Währungsunion wurde das Gefüge Europas noch einmal entscheidend verändert. Aus dieser Warte, kurzum auf der Basis des status quo, analysiert der Verfasser im Folgenden die Frage der Politischen Union. a) Der Euro – Währung ohne Staat Im „Normalzustand“ fallen Staatsgebiet und Währungsraum zusammen. Die Einführung des Euro schuf eine historisch einmalige Konstellation: Auf der einen Seite eine Währung, der Euro, und eine Währungsbehörde, die supranationale EZB mit der Aufgabe, eine einheitliche Geldpolitik für eine stabile Währung zu führen. Auf der anderen Seite zunächst 11, jetzt 15 Buch.indb 197 27.02.2008 8:31:05 Uhr

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Zusammenfassung

Die Geschichte einer Währung erzählt vom »Vater des Euro«

Zehn Jahre nach dem Beschluss zur Einführung im Jahr 1998 zieht der "Vater des Euro" eine Zwischenbilanz: Wo sind die Ursachen für den guten Start und bisherigen Erfolg des Euro, und wo liegen mögliche Gefährdungen? Das Buch schildert die Vorgeschichte des Euro, den schweren Abschied der Deutschen von der D-Mark und belegt ausführlich die Gründe, die zum Erfolg des Euro und der Europäischen Zentralbank geführt haben. Der Verfasser beschreibt die Konfliktpotentiale der Währungshüter mit der Politik und die Gefährdungen für den Erfolg des Euro. Kann die Europäische Währungsunion ohne Politische Union überleben?

Der Autor

Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Otmar Issing war maßgeblich für den Erfolg des Euro verantwortlich. 1998 bis 2006 war er Chefvolkswirt und Direktoriumsmitglied der Europäischen Zentralbank. Er gilt als Vater der geldpolitischen Strategie der EZB.