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3. One size fits all – ein Anzug für alle? in:

Otmar Issing

Der Euro, page 186 - 198

Geburt, Erfolg, Zukunft

1. Edition 2008, ISBN print: 978-3-8006-3496-5, ISBN online: 978-3-8006-4381-3, https://doi.org/10.15358/9783800643813_186

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V. Notenbank und Geldpolitik im Gefüge der Europäischen Währungsunion178 politischen Maßnahme ganz oder teilweise konterkarieren190. Dies wäre dann zum Beispiel der Fall, wenn Politiker starken verbalen Druck auf die Notenbank ausüben, die Zinsen zu senken. Wenn es unter diesen Umständen dann tatsächlich zu einer Zinssenkung kommt, weil die Notenbank dies eben für angemessen hält, könnten trotzdem Zweifel an der tatsächlichen Unabhängigkeit der Notenbank aufkommen und zu steigenden Inflationserwartungen führen. Nur eine Notenbank, die gegen derartigen Verdacht Dank ihrer unbeirrbaren stabilitätsorientierten Geldpolitik gefeit ist, kann solchen möglichen negativen Begleiterscheinungen vorbeugen. 3. One size fits all – ein Anzug für alle? „Does one size fit all? – passt der einheitliche geldpolitische Anzug für alle?“ – in dieser Frage spiegeln sich grundsätzliche Sorgen um die Funktionsfähigkeit der Währungsunion und selbst Skepsis über ihren Bestand wider.191 Was steckt hinter diesem Zweifel, welcher der Währungsunion vorausging und der sie bis heute begleitet? a) Ursachen für Divergenzen In der Währungsunion gibt es nur einen einheitlichen geldpolitischen Kurs. Die Notenbank trifft ihre Maßnahmen nach Abwägung der Risiken für die 190 In diesem Zusammenhang sind folgende Ausführungen des früheren US-Finanzminister Rubin bemerkenswert: „Before 1993, Presidents and Treasury Secretaries had sometimes opined on what the Fed should be doing with regard to interest rates and sometimes tried to lean on the Fed chairman in various ways. Bill Clinton, by contrast, always adhered to the principle of not commenting publicly on Fed policy. Whenever the contrary suggestion was made inside the White House, I argued that commenting was a bad idea for several reasons. First, and most fundamental, the Fed’s decisions on monetary policy should be as free from political considerations as possible. Second, evident respect for the Fed’s independence can bolster the President’s credibility, economic confidence, and confidence in the soundness of our financial markets. Third, the bond market might be affected by any belief that the Fed chairman was under political pressure that could affect the Fed’s actions.There was also another factor I came to recognize after moving to Treasury: we advised other countries around the world, such as Mexico during the peso crisis, that their central bank governors should be insulated from political pressure. Attempting to put political pressure on our own central bank would undermine that prescription.” R. E. Rubin, In an Uncertain World: Tough Choices from Wall Street to Washington, New York 2003, p. 193. 191 Siehe: O. Issing, The Single Monetary Policy of the European Central Bank: One Size Fits All, International Finance, Vol. 4, No. 3, Winter 2001. Buch.indb 178 27.02.2008 8:30:28 Uhr 3. One size fits all – ein Anzug für alle? 179 Preisstabilität im Währungsraum insgesamt, der Harmonisierte Index der Verbraucherpreise ist die maßgebliche Größe. Die wirtschaftlichen Bedingungen in den einzelnen Mitgliedsstaaten können jedoch mehr oder weniger voneinander abweichen. Entsprechend kann Geldpolitik, die für den Euroraum als Ganzes angemessen ist, aus „nationaler“ Sicht „(zu) restriktiv“ oder „(zu) expansiv“ ausfallen. Die EZB kann auf solche Divergenzen jedoch keine Rücksicht nehmen, der „einheitliche Anzug passt danach nicht für alle“. Gewisse Unterschiede wird es immer geben. Ein strikter Gleichklang der wirtschaftlichen Situation wäre allenfalls in Ausnahmesituationen zu erwarten. Dies gilt für die Regionen innerhalb eines einzelnen Landes mit eigener Währung und erst recht für ein großes Währungsgebiet mit zahlreichen Ländern. Ob und in welchem Maße jedoch daraus größere Probleme resultieren, hängt zum einen von Art, Dauer und Ausmaß der Divergenzen ab. Zum anderen kommt es entscheidend auf die Flexibilität der Märkte und die Fähigkeit der nationalen Politik an, notwendige Anpassungen zu unterstützen. Eine erhebliche Divergenz in der wirtschaftlichen Entwicklung tritt vor allem dann auf, wenn eines oder mehrere Länder von einem sog. asymmetrischen exogenen Schock getroffen werden. Dies gilt z.B. für den Fall, dass ein Land in seinem Exportangebot auf ein bestimmtes Produkt bzw. eine Produktgruppe spezialisiert ist und die Nachfrage aus dem Ausland stark zurückgeht. Der nachfolgende Einbruch bei der Ausfuhr könnte in diesem Land – je nach der gesamtwirtschaftlichen Bedeutung dieses Sektors – einen Rückgang der Konjunktur und im Extremfall sogar eine Rezession auslösen, während die anderen Länder von diesem Schock weitgehend unberührt bleiben. In abgemilderter Form kann man von der Asymmetrie eines exogenen Schocks sprechen, wenn zwar alle Länder davon betroffen sind, jedoch in unterschiedlichem Maße. Als Beispiel sei auf den Fall verwiesen, dass ein starker Anstieg des Weltmarktpreises eines wichtigen Energieträgers (z.B. Öl) zwar alle Länder betrifft, besonders aber diejenigen, die auf diese Form der Energie besonders angewiesen sind. Da die einheitliche Geldpolitik auf solche Unterschiede nicht reagieren kann, können sich solche Divergenzen in einer Währungsunion noch verstärken. Wie steht es nun mit der Anfälligkeit der Europäischen Währungsunion gegenüber der Gefahr asymmetrischer Schocks? In der Struktur der Volkswirtschaften der Mitgliedsländer der Währungsunion dominieren die Ähnlichkeiten, so dass mit gravierenden asymmetrischen Schocks nicht zu rechnen ist. Zwar traf der starke Anstieg des Ölpreises (und in seinem Gefolge anderer Energieträger) die einzelnen Mitgliedsländer nicht in gleicher Weise, doch überwog der Schock als solcher länderspezifische Idiosynkrasien. Buch.indb 179 27.02.2008 8:30:28 Uhr V. Notenbank und Geldpolitik im Gefüge der Europäischen Währungsunion180 Bemerkenswert ist der hohe Grad an Synchronität in der Konjunkturentwicklung. Abbildung 14 zeigt, dass der Synchronisationsgrad zwischen den Konjunkturzyklen der einzelnen Euro-Länder seit Beginn der Neunzigerjahre größer geworden ist und sich derzeit auf einem, historisch gesehen, hohen Niveau bewegt. Unter konjunkturellen Gesichtspunkten wirft die einheitliche Geldpolitik der EZB keine größeren Probleme auf. Die Unterschiede in den Wachstumsraten zwischen den einzelnen Mitgliedsstaaten halten sich in engen Grenzen. Ein Vergleich mit der Entwicklung der einzelnen Regionen der USA mag als Beleg für diese These genügen. Wie aus Abbildung 15 hervorgeht, unterscheidet sich die Streuung zwischen den Wachstumsraten im Euroraum (gemessen anhand der ungewichteten Abbildung 14: Durchschnitt rollierender Acht-Jahres-Korrelationen der Produktionslücke in den Ländern des Euro-Währungsgebiets*) **) Buch.indb 180 27.02.2008 8:30:28 Uhr 3. One size fits all – ein Anzug für alle? 181 Standardabweichung) von der zwischen Regionen der Vereinigten Staaten nur unwesentlich. Grundsätzlich handelt es sich dabei um Unterschiede in der Trendwachstumsrate; soweit diese Unterschiede den Aufholprozess der Länder mit unterdurchschnittlichem Lebensstandard – gemessen am Pro-Kopf-Einkommen – widerspiegeln, sind sie erwünscht. Die Bilanz der „alten“ 11 Mitgliedsstaaten der Währungsunion weist hier bemerkenswerte Entwicklungen auf. Griechenland und Spanien haben erhebliche Fortschritte erzielt (siehe Abb. 16), liegen aber immer noch unter dem Durchschnitt des Pro-Kopf-Einkommens. Herausragend sind die Erfolge Irlands, das von weit unten kommend in- Abbildung 15: Streuung der Wachstumsraten des realen BIP in den Ländern des Euro-Währungsgebiets Buch.indb 181 27.02.2008 8:30:37 Uhr V. Notenbank und Geldpolitik im Gefüge der Europäischen Währungsunion182 zwischen deutlich über dem Durchschnitt des Pro-Kopf-Einkommens der Währungsunion liegt.192 Wachstumsunterschiede können jedoch auch mit unterschiedlichen Preisentwicklungen verbunden sein. Die Ursachen dafür werden u.a. mit dem sog. Balassa-Samuelson-Effekt erklärt.193 Steigerungen der Produktivität sind im Allgemeinen in den Sektoren ausgeprägt(er), die handelbare Güter herstellen. 192 Die EZB hat die Entwicklung der Wirtschaft der Währungsunion insgesamt und der einzelnen Mitgliedsländer laufend intensiv analysiert. Die Ergebnisse einer Konferenz zum Thema „Effects of EMU“ sind in einer Reihe von Veröffentlichungen zusammengefasst. Siehe Nr. 594 bis 599 der Working Paper Series. Siehe auch die umfassende Studie der EU-Kommission: Commission of the European Communities, DG Economics and Financial Affairs, The EU Economy, 2006 Review. 193 Die Bezeichnung geht auf zwei im gleichen Jahr erschienene Beiträge zurück: B. Balassa, The purchasing-power parity doctrine: a reappraisal, Journal of Political Economy, Vol. 72, 1964. P. A. Samuelson, Theoretical Notes on Trade Problems, Review of Economics and Statistics, Vol. 46, 1964. Abbildung 16: Pro-Kopf-BIP in Kaufkraftstandard Buch.indb 182 27.02.2008 8:30:46 Uhr 3. One size fits all – ein Anzug für alle? 183 Steigen die Löhne in diesen Sektoren entsprechend, drohen die Arbeitskräfte aus den Sektoren, die nicht-handelbare Güter herstellen – und damit nicht dem internationalen Wettbewerb ausgesetzt sind – abzuwandern. Um dies zu verhindern, werden die Löhne auch in diesen Sektoren erhöht, u.z. über die Produktivitätsentwicklung hinaus mit der Folge, dass die Preise entsprechend steigen. Dies schlägt auf die gesamtwirtschaftliche Preisentwicklung durch und führt zu einer höheren (nationalen) Preissteigerungsrate. Es ist also zu erwarten, dass die Preise in den Ländern, die im Aufholprozess stehen, stärker steigen. Empirische Studien belegen allerdings, dass sich dieser Effekt in der Währungsunion in der bisherigen Zusammensetzung in Grenzen hält.194 Wie aus Abbildung 17 hervorgeht, sind die Divergenzen der Inflationsraten zwischen den späteren Ländern des Euroraumes während des Konvergenzprozesses in den neunziger Jahren deutlich zurückgegangen. Sie haben sich nach der Einführung des Euro auf einem niedrigen Niveau stabilisiert, das 194 EZB, Inflationsunterschiede in einer Währungsunion, Monatsbericht Oktober 1999. Abbildung 17: Streuung der jährlichen Teuerungsraten im Euro-Währungsgebiet, in 14 Ballungszentren der USA und den 4 US-Census-Regionen*) Buch.indb 183 27.02.2008 8:30:50 Uhr V. Notenbank und Geldpolitik im Gefüge der Europäischen Währungsunion184 sich nicht wesentlich von dem Wert für 14 Ballungsgebiete der USA und den 4 US-Census-Regionen unterscheidet. b) Realzins, realer Wechselkurs, Risikoausgleich Nicht wenige Beobachter sehen in den Inflationsdifferenzen ein gravierendes Problem der Währungsunion. Da die EZB ihre Notenbankzinsen (als Nominalzins) einheitlich für den gesamten Währungsraum festsetzt, ist der Realzins, d.h. der um die nationale Preissteigerungsrate deflationierte Zins unterschiedlich hoch. Er ist um so niedriger, je höher die nationale Preissteigerungsrate ist (und umgekehrt). Mit diesem „Realzinsargument“ wurde z.B. darauf verwiesen, dass die Geldpolitik der EZB für Deutschland mit seiner im Verhältnis zum Durchschnitt der Währungsunion niedrigeren Preissteigerungsrate wegen des höheren Realzinses insbesondere in den ersten Jahren (zu) restriktiv ausgefallen ist, während in Ländern wie Spanien oder Irland mit wesentlich höheren Preissteigerungsraten ein niedriger, überwiegend negativer (kurzfristiger) Realzins zur Überhitzung beigetragen hat. Der geldpolitische Anzug passt also nicht allen, die einheitliche Geldpolitik erzeugt nach dieser Auffassung Divergenzen in der wirtschaftlichen Entwicklung, die äußerst schädlich sind, und auf Dauer im Extrem sogar den Bestand der Währungsunion gefährden könnten. Bei genauerer Analyse verliert dieses Realzinsargument jedoch erheblich an Aussagekraft. Erstens ist der einheitliche Nominalzins nun einmal ein unver- änderbares Merkmal der Geldpolitik im Währungsraum. Entstehen daraus Probleme, sind andere Mechanismen und Instrumente auf der nationalen Ebene gefragt, um etwaige Schwierigkeiten auszugleichen oder wenigstens abzumildern. Zweitens ist vor allem die Berechnung des Realzinses anhand der aktuellen Preissteigerungsrate zu kritisieren. Der Realzins bestimmt die Kosten des Kapitaleinsatzes und spielt daher bei Entscheidungen über Investitionen eine Rolle. Bei diesem Kalkül kommt es aber nicht auf die gegenwärtige, sondern auf die künftige, die erwartete Preissteigerungsrate an (sowie die erwartete Ertragsrate des Realkapitals). Untersuchungen belegen, dass die Unterschiede in den erwarteten Inflationsraten zwischen den Mitgliedsländer des Währungsraumes sehr gering ausfallen. Die Preiserwartungen decken sich weitgehend mit der Zielgröße der EZB. Im Übrigen werden zahlreiche Investitionen nicht oder nicht nur im Heimatland getätigt, sondern (auch) in anderen Ländern der Währungsunion. Die Ableitung des Realzinses anhand einer „nationalen“ Preissteigerungsrate verliert dann ohnehin seine Berechtigung. Buch.indb 184 27.02.2008 8:30:55 Uhr 3. One size fits all – ein Anzug für alle? 185 In einer Währungsunion sind die nominalen Wechselkurse zwischen den Mitgliedsländern ein für allemal fixiert. Hypothetisch lässt sich ein realer Wechselkurs berechnen, der die unterschiedliche Preisentwicklung in den beteiligten Ländern berücksichtigt. In der Entwicklung des realen Wechselkurses kommt somit (unter anderem) die Veränderung der preislichen Wettbewerbsfähigkeit eines Landes innerhalb der Währungsunion zum Ausdruck. Weist ein Land längere Zeit eine gegenüber dem Durchschnitt der Währungsunion niedrigere Preissteigerungsrate aus, gewinnt es mit seinen Exportgütern an Wettbewerbsfähigkeit, insbesondere gegenüber den Ländern mit überdurchschnittlicher (Kosten- und) Preisentwicklung.195 Mit der Entwicklung der relativen Wettbewerbsfähigkeit fungiert also ein Mechanismus, der dem Einfluss des Realzinses, soweit er relevant ist, längerfristig entgegenwirkt. Für die einheitliche Geldpolitik und den Zusammenhalt des Währungsraumes kommt es im Zusammenspiel dieser beiden Mechanismen zu einer Korrektur von Abweichungen und einer Annäherung der Entwicklung. Diese Anpassung kommt um so rascher voran, je flexibler die Märkte und Preise (Löhne) auf die jeweilige Situation reagieren. In einer Währungsunion existiert noch ein weiterer Mechanismus, der einen gewissen Schutz gegen die Auswirkungen asymmetrischer Schocks bietet. Es handelt sich dabei um einen Risikoausgleich für Finanzinvestitionen (Risk-Sharing). Streut ein Investor seine Anlagen über verschiedene Länder des Währungsgebietes, führt diese Diversifikation des Portfolios zu einem zumindest teilweisen Ausgleich von Differenzen in der Renditenentwicklung, die auf die unterschiedliche wirtschaftliche Lange in den einzelnen Ländern zurückgeht. Zwar steht diese Option der Diversifizierung grundsätzlich überall zur Verfügung, doch beseitigt die irreversible Festlegung der Währungsverhältnisse das Wechselkursrisiko und damit einen wichtigen Unsicherheitsfaktor bei grenzüberschreitenden Anlagen innerhalb der Währungsunion. Als Folge intensivieren sich die Finanzbeziehungen, das Risk-Sharing wird verstärkt. Die Integration der Finanzmärkte trägt also zum besseren Funktionieren der Währungsunion bei. In diesem Zusammenhang wird auch deutlich, dass die Finanzierung von Leistungsbilanzsalden zwischen den einzelnen Mitgliedsstaaten leichter fällt und sich im Allgemeinen geräuschlos vollzieht. Um welche Dimensionen es sich dabei handelt geht aus Abbildung 18 hervor. 195 Deutschland hat Dank seiner seit Beginn der Währungsunion unterdurchschnittlichen Preisentwicklung erheblich an Wettbewerbsfähigkeit gewonnen. Siehe auch: Deutsche Bundesbank, Leistungsbilanzsalden und preisliche Wettbewerbsfähigkeit im Euro-Raum, Monatsbericht, Juni 2007. Buch.indb 185 27.02.2008 8:30:55 Uhr V. Notenbank und Geldpolitik im Gefüge der Europäischen Währungsunion186 Sie stellt u.a. eine erhebliche Verschlechterung der Leistungsbilanz für Griechenland und Spanien, ein anhaltend hohes Defizit für Portugal sowie eine deutliche Verbesserung für Deutschland und die Niederlande dar. So vorteilhaft die erleichterte Finanzierung von Leistungsbilanzsalden in der Währungsunion grundsätzlich auch zu beurteilen ist, so ist doch nicht zu übersehen, dass mit dem Wegfall des Abwertungsrisikos für die nationale Währung und der damit verbundenen Risikoprämie im Zins ein wichtiges Warnsignal für problematische Fehlentwicklungen entfällt bzw. weniger sichtbar wird. c) Die Verantwortung der nationalen Politik Erhebliche, anhaltende Salden in der Leistungsbilanz können ein Indiz für ein gesamtwirtschaftliches Ungleichgewicht sein. In der Europäischen Währungsunion gibt es durchaus Anlass zu vermuten, dass dies für einige Länder zutrifft. So weisen z.B. Spanien und Portugal seit Jahren hohe Defizite im Leistungsverkehr innerhalb der Währungsunion auf. Ein Grund hierfür liegt in der anhaltenden Divergenz der Entwicklung der Lohnstückkosten zwischen den Mitgliedsländern. Dieser Trend wurde in Ländern wie Spanien durch eine starke Expansion der inländischen Nachfrage begünstigt. Abbildung 18: Leistungsbilanzsaldo Buch.indb 186 27.02.2008 8:30:55 Uhr 3. One size fits all – ein Anzug für alle? 187 Veränderungen der Wettbewerbsfähigkeit bei Preisen und Kosten schlagen sich tendenziell im Saldo der Leistungsbilanz nieder. Abbildung 19 stellt diesen Sachverhalt für 12 Länder der Eurozone dar. Über die Jahre hinweg seit dem Beginn der Währungsunion gerechnet hat die Divergenz besorgniserregende Dimensionen erreicht. Damit sind erhebliche Veränderungen in der preislichen Wettbewerbsfähigkeit einhergegangen, die auf Dauer gesehen zu Spannungen führen müssen. Wie bereits erwähnt sind die Differenzen in der Preisentwicklung in der Währungsunion Jahr für Jahr relativ gemäßigt ausgefallen. Bedenklich ist dagegen, dass es prinzipiell immer die gleichen Länder waren, die in der Preisentwicklung über bzw. unter dem Durchschnitt lagen. Im Wesentlichen stimmen diese Unterschiede mit den Divergenzen bei den Lohnstückkosten überein. Die Inflationsdifferenzen gehen auch deutlich über etwaige Abbildung 19: Leistungsbilanzsaldo und kumulierte Lohnstückkosten* Buch.indb 187 27.02.2008 8:30:57 Uhr V. Notenbank und Geldpolitik im Gefüge der Europäischen Währungsunion188 Auswirkungen des erwähnten Balassa-Samuelson-Effektes hinaus, der den Aufholprozess widerspiegelt und unter dem Aspekt der Wettbewerbsfähigkeit weniger problematisch zu beurteilen ist. In den Unterschieden der Entwicklung der Lohnstückkosten spiegeln sich hauptsächlich Divergenzen in der Lohnentwicklung wider. Hier zeigt sich eine Seite der Währungsunion, die von den wirtschaftspolitischen Akteuren teils nicht erkannt, teils ignoriert oder zumindest unterschätzt wurde. Auf einen einfachen Nenner gebracht: Während in der Vergangenheit einzelne Länder einen Verlust an Wettbewerbsfähigkeit häufig durch eine Abwertung der eigenen Währung kompensierten, steht dieses Instrument innerhalb der Währungsunion nicht mehr zur Verfügung. Beachten die Tarifparteien diese einschneidende Veränderung der gesamtwirtschaftlichen Bedingungen nicht, führt dies zu dem beschriebenen Verlust an Wettbewerbsfähigkeit und zu Spannungen innerhalb der Währungsunion. Manche Beobachter haben im Übrigen die zurückhaltende Lohnentwicklung in Deutschland aus eben dieser Sicht mit-verantwortlich für die Divergenzen in der Europäischen Währungsunion gemacht. Allein vor dem Hintergrund der hohen Arbeitslosigkeit in Deutschland in diesen Jahren geht diese Argumentation jedoch an den Anforderungen der Realität vorbei. Es gibt keine überzeugenden Gründe dafür, dass ein Land mit hoher, vorwiegend struktureller Arbeitslosigkeit sozusagen im Interesse des Zusammenhalts der Währungsunion eine gesamtwirtschaftlich falsche Lohnentwicklung einschlagen sollte. Die moderate Lohnentwicklung über Jahre hinweg hat entscheidend zum Abbau der Arbeitslosigkeit und (ab 2005) zum Anstieg der Beschäftigung in Deutschland beigetragen und bestätigt damit die Richtigkeit des Kurses. Sie hat gleichzeitig den Inflationsdruck im gesamten Währungsraum verringert und damit zu einem relativ niedrigen Nominalzinsniveau beigetragen. Davon haben alle Länder des Währungsraumes profitiert. Die Anpassung muss also nun von den Ländern kommen, in denen die Lohnentwicklung über Jahre den Verlust an Wettbewerbsfähigkeit verursacht hat. Zum optimalen Wirken der Währungsunion bedarf es eines entsprechenden Mitwirkens der Bereiche der Politik, die in nationaler Verantwortung bleiben. Dies gilt nicht nur für die Lohnpolitik, sondern auch die anderen Bereiche, allen voran die Finanzpolitik, für die der Stabilitäts- und Wachstumspakt die angemessene Verhaltensweise vorgibt. Auf einem ganz anderen Gebiet lässt sich die Verantwortung der nationalen Instanzen besonders einleuchtend demonstrieren. So weist die Entwicklung der Immobilienpreise gravierende Unterschiede auf. In einigen Ländern sind die Preise über Jahre hinweg mit zweistelligen Raten gestiegen. Soweit sich Buch.indb 188 27.02.2008 8:31:04 Uhr 3. One size fits all – ein Anzug für alle? 189 hier Nachholeffekte und die relative Verknappung des Gutes „Wohnen“ widerspiegeln, handelt es sich um eine notwendige Entwicklung relativer Preise. Auch wenn es schwierig sein dürfte, die Grenze genau zu ziehen, besteht doch wohl kein Zweifel, dass die Entwicklung dieser Vermögenspreise in einigen Ländern alle Zeichen einer Übertreibung aufweist und damit Anlass zur Sorge wegen der damit verbundenen Verzerrungen – Fehlinvestitionen, Konjunkturüberhitzung – und des zu erwartenden Korrekturprozesses gibt, der bereits eingesetzt hat. Die EZB kann die Entwicklung der Immobilienpreise nur in der Währungsunion insgesamt in ihre Überlegungen einbeziehen. In der monetären Analyse ihrer Strategie wird im übrigen die monetäre Seite (Geldmenge, Kredite) dieser Vorgänge erfasst und damit bei geldpolitischen Entscheidungen beachtet. Die einheitliche Geldpolitik kann jedoch nicht die Entwicklung in einzelnen Ländern berücksichtigen. Die Verantwortung für Korrekturen dieses Prozesses liegt bei der nationalen Politik. So sollte diese vor allem alle Maßnahmen unterlassen (Steuervergünstigungen!), die einen Boom auf dem Immobiliensektor noch befördern, möglichst entsprechende Anreize reduzieren bzw. beseitigen. Andere Instrumente wie Einfluss auf das Angebot von Grundstücken, das Baurecht etc. und nicht zuletzt Regelungen der Bankenaufsicht (vor allem Bestimmungen zur Vergabe von Hypotheken) können ebenfalls helfen, eine Überhitzung durch den Einsatz nationaler Maßnahmen zu bekämpfen. Die Währungsunion verlangt nach einem Zusammenspiel von einheitlicher Geldpolitik und nationaler Politik. Dieses Zusammenwirken wird umso mehr erleichtert, je besser die entscheidenden Bedingungen für das gute Funktionieren einer Währungsunion erfüllt sind, nämlich die Flexibilität der Märkte und der ungehinderte Wettbewerb innerhalb der Währungsunion. Je flexibler die Preise auf dem Arbeitsmarkt, den Märkten für Güter und Dienste auf Veränderungen reagieren und den Anpassungsprozess erleichtern, desto geringer wird der Korrekturbedarf durch den Einsatz wirtschaftspolitischer Maßnahmen. Diese Anforderungen an die Politik sind um so dringender zu stellen, als in der Europäischen Währungsunion ein Mechanismus ausfällt, der üblicherweise im Rahmen eines Nationalstaates beim Ausgleich divergierender wirtschaftlicher Entwicklungen in einzelnen Regionen eine wichtige Rolle spielt. Die Rede ist hier vom Finanzausgleich, mit dem öffentliche Mittel von der Zentralregierung oder anderen Gebietskörperschaften in Regionen flie- ßen, in denen die wirtschaftliche Entwicklung vergleichsweise schlecht(er) verläuft. Diese Art Finanzausgleich erfordert im Allgemeinen den Einsatz erheblicher Mittel. Zwar erfüllen manche Finanzmittel der EU ähnliche Aufgaben, doch sind sie weder von der Summe noch von der Ausrichtung Buch.indb 189 27.02.2008 8:31:04 Uhr V. Notenbank und Geldpolitik im Gefüge der Europäischen Währungsunion190 her mit dem Finanzausgleich im Rahmen eines Nationalstaates vergleichbar. Daran dürfte sich auf absehbare Zeit auch nichts ändern. Das Aufbringen der für einen solchen Finanzausgleich erforderlichen immensen Summen dürfte die Zahlungsbereitschaft der Bürger weit übersteigen. Schon jeder Versuch in diese Richtung würde wohl zu erheblichen politischen Spannungen führen. Ganz davon abgesehen dürfte es sehr schwierig, wenn nicht aussichtslos sein, ein System zu entwickeln, das nicht erhebliche negative Anreize (moral hazard, free rider) auslöst und zum Missbrauch einlädt. Diese Überlegungen führen zurück zu den Bedingungen des optimalen Währungsraumes, die als Anhaltspunkt für die notwendigen Veränderungen dienen können. Die Frage „One size fits all?“ ist daher nicht statisch zu beantworten. Der Auftrag an die Politik heißt vielmehr, die Bedingungen dafür zu schaffen, dass der „geldpolitische Anzug“ allen passt. Dazu ist zunächst eine strikte Prüfung erforderlich, ob ein Land auch „reif“ für die Währungsunion und ihre einheitliche Geldpolitik ist. Tritt ein Land zu früh bei, besteht die Gefahr, dass sich der wegen der höheren Preissteigerungsrate niedrige Realzins zunächst in Überhitzungserscheinungen (Bauboom etc.) und anschließend in einer Korrekturkrise auswirkt. Nach dem Beitritt müssen die erforderlichen Reformen fortgesetzt werden. 4. Die Erweiterung des Währungsraumes a) Europäische Union und Währungsunion Nach dem Beitritt von zunächst zehn und danach noch einmal zwei Ländern umfasst die EU nunmehr 27 Mitgliedsstaaten mit einer Bevölkerung von mehr als 490 Millionen Menschen. Obgleich das ökonomische Gewicht selbst der größeren neuen Mitgliedsstaaten bescheiden ausfällt, entsteht hier der vom Sozialprodukt her gesehen größte Wirtschaftsraum der Welt. Zweifellos wird es noch länger dauern, bis der einheitliche Markt in diesem Gebiet Wirklichkeit geworden ist, doch sollte man andererseits das große Potential nicht unterschätzen. Wenn es gelingt, die Dynamik der neuen Mitglieder zu erhalten oder womöglich noch zu steigern, könnte das Wirtschaftswachstum in der Union insgesamt und nicht zuletzt auch in den „alten“ Mitgliedsstaaten auf eine neue Stufe gehoben werden. Dies kann allerdings nur gelingen, wenn sich die „etablierten“ Mitglieder dem Wettbewerb der „Neulinge“ stellen und die Erweiterung für die Flexibilisierung ihrer eigenen Wirtschaft nutzen. Keines der 10 bzw. 12 neuen Mitglieder der EU hat eine „opt-out Klausel“ auch nur erwogen, d.h. alle Länder sind damit auf den späteren Beitritt zum Euroraum festgelegt. Als erstes Land der neuen EU-Mitglieder hat Slowe- Buch.indb 190 27.02.2008 8:31:04 Uhr

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Zusammenfassung

Die Geschichte einer Währung erzählt vom »Vater des Euro«

Zehn Jahre nach dem Beschluss zur Einführung im Jahr 1998 zieht der "Vater des Euro" eine Zwischenbilanz: Wo sind die Ursachen für den guten Start und bisherigen Erfolg des Euro, und wo liegen mögliche Gefährdungen? Das Buch schildert die Vorgeschichte des Euro, den schweren Abschied der Deutschen von der D-Mark und belegt ausführlich die Gründe, die zum Erfolg des Euro und der Europäischen Zentralbank geführt haben. Der Verfasser beschreibt die Konfliktpotentiale der Währungshüter mit der Politik und die Gefährdungen für den Erfolg des Euro. Kann die Europäische Währungsunion ohne Politische Union überleben?

Der Autor

Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Otmar Issing war maßgeblich für den Erfolg des Euro verantwortlich. 1998 bis 2006 war er Chefvolkswirt und Direktoriumsmitglied der Europäischen Zentralbank. Er gilt als Vater der geldpolitischen Strategie der EZB.