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1. Finanzpolitik und Geldpolitik in der Währungsunion in:

Otmar Issing

Der Euro, page 173 - 180

Geburt, Erfolg, Zukunft

1. Edition 2008, ISBN print: 978-3-8006-3496-5, ISBN online: 978-3-8006-4381-3, https://doi.org/10.15358/9783800643813_173

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V. Notenbank und Geldpolitik im Gefüge der Europäischen Währungsunion Ohne stabiles Geld kann es auf Dauer keine stabile Gesellschaft freier Bürger geben. Nicht von ungefähr verkündete Lenin: „Um die bürgerliche Gesellschaft zu zerstören, muss man ihr Geldwesen verwüsten.“180 In der Europäischen Währungsunion gilt dieser Satz womöglich mit noch größerer Berechtigung als in den Grenzen des Nationalstaates. Schließlich verkörpert das einheitliche Geld in besonderer Weise eine Gemeinsamkeit der Teilnehmer. Nur ein stabiler Euro kann identifikationsstiftend wirken, Misstrauen in die Stabilität der gemeinsamen Währung müsste auch das Vertrauen in „europäische Gemeinsamkeit“ untergraben. Die für die Währung verantwortliche Notenbank nimmt folglich im Gefüge des Nationalstaates und erst recht in einer Währungsunion weitgehend souveräner Staaten eine wichtige Stellung ein. Die Notenbank steht selbstverständlich nicht allein. Sie agiert nicht im politikfreien Raum, die Wirkungen ihrer Geldpolitik hängen ganz wesentlich auch von der Politik auf anderen Feldern ab. An vorderster Stelle steht dabei die Finanzpolitik. Die Verfassung der Arbeitsmärkte, das Verhalten der Tarifparteien und der Grad der Wettbewerbsintensität auf den Märkten spielen ebenfalls eine wichtige Rolle. Schließlich verdient die alles überhöhende Frage eine Antwort, nämlich die nach dem Verhältnis von Währungsunion und politischer Union. Kann die Europäische Währungsunion ohne Politische Union überhaupt überleben? 1. Finanzpolitik und Geldpolitik in der Währungsunion a) Zum Verhältnis von Geldpolitik und Finanzpolitik Das Verhältnis von Geldpolitik und Finanzpolitik wird grundsätzlich von der Finanzverfassung bestimmt. Im Extremfall ist die Notenbank eine Abteilung des Finanzministeriums oder sie ist zum Beispiel verpflichtet, je nach politischen Vorgaben, Defizite des öffentlichen Haushaltes zu finanzieren. Diese „Fälle“ werden hier als irrelevant betrachtet und daher nicht weiter diskutiert. Der Maastricht-Vertrag verbietet ausdrücklich die monetäre Finanzierung sowie den privilegierten Zugang des Staates oder staatlicher Einrichtungen 180 W. Eucken, Grundsätze der Wirtschaftspolitik, 2. Auflage, Tübingen 1955, S. 255. Buch.indb 165 27.02.2008 8:30:27 Uhr V. Notenbank und Geldpolitik im Gefüge der Europäischen Währungsunion166 zu den Finanzinstituten. Er räumt der EZB den Status der Unabhängigkeit gegenüber politischem Einfluss ein. Im Kontext der Europäischen Währungsunion geht es im Wesentlichen um die Frage der Stabilisierung des Wirtschaftsgeschehens. Die Wissenschaft hat heftige Kontroversen darüber ausgetragen, welche Bedeutung beziehungsweise Aufgabe den beiden Akteuren Geldpolitik und Finanzpolitik dabei zufällt. Es ist hier nicht der Ort, auf diese allgemeine Debatte einzugehen.181 Die folgenden Ausführungen konzentrieren sich ganz auf die spezifischen Aspekte der Europäischen Währungsunion. b) Regeln für die Fiskalpolitik in der Währungsunion In der „Hochzeit“ des Keynesianismus wurde der Fiskalpolitik die entscheidende Rolle in der Stabilisierung der Wirtschaft zugemessen. Danach sollte der Staat im Konjunkturabschwung die Ausgaben erhöhen, Steuern und andere Abgaben senken, um die Wirtschaft zu stabilisieren. Diese Politik der Haushaltsdefizite sollte ihr Gegenstück in den analogen restriktiven Maßnahmen in der Hochkonjunktur finden. Langfristig sollten sich damit konjunkturbedingte Defizite und Überschüsse in den öffentlichen Haushalten weitgehend ausgleichen. Dieser Ansatz hat sich als mehr oder weniger illusionär erwiesen. Von der rein technischen Schwierigkeit des angemessenen zeitlichen Einsatzes der fiskalpolitischen Instrumente einmal ganz abgesehen, stehen die Mechanismen des politischen Prozesses einem derartigen diskretionären fiskalpolitischen Kurs im Wege. Der Rhythmus der Wahlen begrenzt den Zeithorizont fiskalpolitischen Handelns. Das langfristige Ziel solider Finanzpolitik gerät dabei leicht ins Abseits. Die Folge ist eine Tendenz steigender Haushaltsdefizite und zunehmender Staatsverschuldung, wie sie gerade in Europa in den siebziger Jahren zu beobachten war. Steigt jedoch das staatliche Defizit etwa im Konjunkturaufschwung oder gar in der Hochkonjunktur, wirkt die Fiskalpolitik also prozyklisch, sind starke Spannungen mit der auf Stabilität verpflichteten Geldpolitik unvermeidlich. Das Risiko derartiger, der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung äußerst abträglicher Konflikte zwischen Geldpolitik und Fiskalpolitik ist in einer Währungsunion aber noch erheblich größer einzuschätzen als im Rahmen eines Nationalstaates. Der Grund dafür lässt sich leicht erklären. In einem einheitlichen Währungsraum fällt der politische Nutzen (Wählerstimmen) 181 Für eine kurze Übersicht siehe: O. Issing, The Role of Fiscal and Monetary Policies in the Stabilisation of the Economic Cycle, in: Banco de Mexico, Stability and Economic Growth: The Role of the Central Bank, Banco de Mexico 2006. Buch.indb 166 27.02.2008 8:30:27 Uhr 1. Finanzpolitik und Geldpolitik in der Währungsunion 167 einer Defizitfinanzierung den nationalen Akteuren zu, während die möglichen negativen Wirkungen in Form eines – wegen der staatlichen Kreditaufnahme – erhöhten Zinsniveaus alle Mitgliedsstaaten treffen. Damit verringert sich der Widerstand gegen die Defizitfinanzierung öffentlicher Ausgaben, und die Bereitschaft zur (unangebrachten) expansiven Fiskalpolitik nimmt zu – ein typischer Fall des sogenannten Moral Hazard. Bei den Beratungen über die Verfassung der künftigen Währungsunion konnte man die Augen vor diesem Problem nicht verschließen. Auf der einen Seite stand die Option einer „Europäischen Regierung“ mit entsprechenden Befugnissen nicht zur Debatte. Die nationalen Regierungen (und Parlamente) würden grundsätzlich ihre finanzpolitische Souveränität behalten. Auf der anderen Seite galt es, der Gefahr des Moral Hazard und eines stabilitätswidrigen Verhaltens einzelner Mitgliedsstaaten vorzubeugen, um den Erfolg der Währungsunion nicht von vornherein zu gefährden. Diese Überlegungen haben Eingang in den Maastricht-Vertrag gefunden. Zunächst ist auf die Bestimmungen des Artikel 103 (1) zu verweisen: „Die Gemeinschaft haftet nicht für die Verbindlichkeiten der Zentralregierungen, der regionalen oder lokalen Gebietskörperschaften oder anderen öffentlichrechtlichen Körperschaften, sonstiger Einrichtungen des öffentlichen Rechts oder öffentlicher Unternehmen von Mitgliedsstaaten und tritt nicht für derartige Verbindlichkeiten ein; …“ Dieser Haftungsausschluss (No-Bail-Out) ist umfassend geregelt.182 Außerdem verbietet der Vertrag (Artikel101) nicht nur die monetäre Finanzierung staatlicher Einrichtungen, sondern auch deren privilegierten Zugang zu den Finanzinstituten (Artikel 102). Waren aber darüber hinaus weitgehende Rechtsnormen erforderlich, könnte und sollte man nicht die weitere Disziplinierung der Fiskalpolitik der Mitgliedsstaaten dem Markt, das heißt den Finanzmärkten überlassen? Es gab nicht wenige Stimmen, die auf diesen Mechanismus vertrauen wollten. Sollten Zweifel an der Bonität eines nationalen Schuldners aufkommen, würden die Zinsen auf die Staatsschuld dieses Staates stark ansteigen. Die Finanzpolitik würde also im Wissen um diesen Sanktionsmechanismus schon den Versuch einer unsoliden Politik unterlassen oder doch spätestens bei den ersten Anzeichen steigender Zinsen abbrechen. Diesen Erwartungen stehen zwei Überlegungen entgegen. Erstens entfällt in einer Währungsunion das mit der Denominierung der Staatsschuld in nationaler Währung verbundene Wechselkursrisiko. Alle Schuldtitel lauten auf die gemeinsame Währung Euro. Damit entfällt der entscheidende Sank- 182 Die anhaltende Diskussion im föderalen Bundesstaat Deutschland um den Finanzausgleich kann als aufschlussreiches Beispiel für die Wichtigkeit dieser Klausel und ihrer absoluten Glaubwürdigkeit gelten. Buch.indb 167 27.02.2008 8:30:27 Uhr V. Notenbank und Geldpolitik im Gefüge der Europäischen Währungsunion168 tionsmechanismus, der über die Risikoeinschätzung weltweiter Investoren funktioniert und sich in steigenden Risikoprämien wegen des erhöhten Währungsrisikos äußert. Zweitens bleiben im Allgemeinen etwaige Risikoaufschläge im Zins – als Ausgleich für Zweifel über die Zahlungsfähigkeit eines Staates – im Falle unsolider Fiskalpolitik über längere Zeit sehr begrenzt.183 Von einem schwachen Zinsanstieg ist jedoch kein merklicher disziplinierender Einfluss auf die Finanzpolitik des Defizitlandes zu erwarten. Tritt schließlich eine wirkliche Krise ein, bei der es tatsächlich um die Solvenz des Landes geht, ist der Schaden unabsehbar und die Wahrscheinlichkeit politischer Kompromisse entsprechend hoch. Die Möglichkeit ist dann nicht auszuschließen, dass die No-Bail-Out Klausel unterlaufen wird. Drittens schließlich könnte selbst ein wirksamer Marktmechanismus das Problem des konjunkturgerechten Verhaltens der Fiskalpolitik nicht lösen. Die Beratungen über die Verfassung der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion führten daher zwangsläufig zu dem Ergebnis, dass es eines Regelwerkes für die Disziplinierung der Fiskalpolitik der Mitgliedsstaaten bedarf. Sobald man sich über das Prinzip einig ist, ist zu fragen, wie die Regeln auszugestalten sind. Auf einen kurzen Nenner gebracht müssen sie folgenden Bedingungen genügen: 1. Die Haushaltssalden in den Mitgliedsländern und in der Währungsunion als Ganzes sollen sich konjunkturgerecht verhalten. Ein Spielraum für das „Atmen“ des Haushaltes im Konjunkturverlauf muss geschaffen werden, so dass die automatischen Stabilisatoren wirken können. Weil die einheitliche Geldpolitik nur auf den ganzen Euroraum gerichtet sein kann, brauchen nationale Haushalte ausreichenden Spielraum, um der konjunkturellen Lage gerecht werden zu können. Dies geschieht über die sogenannten automatischen Stabilisatoren, wenn Einnahmen und Ausgaben frei über den Konjunkturzyklus schwanken können und sich Defizite und Überschüsse im Laufe der Zeit ausgleichen. Eine so ausgelegte Haushaltspolitik trägt sowohl zur Nachhaltigkeit als auch zur stabilisierenden Wirkung der Staatsfinanzen bei. Wenn diese Bedingungen auf nationaler Ebene erfüllt sind, dann sind sie es auch automatisch im Aggregat des Euroraumes. Dies wiederum fördert die Erwartung makro- ökonomischer Stabilität und erleichtert die einheitliche, auf die Erhaltung der Preisstabilität ausgerichtete Geldpolitik. 2. Die Regeln müssen zu einer nachhaltigen Haushaltspolitik der Mitgliedsländer führen und Schutz vor „Moral Hazard“ bieten. Da die Sanktion über den Markt (Zins) nicht ausreicht, gilt es Vorkehrungen dafür zu 183 Siehe: EZB, Finanzpolitik und Finanzmärkte, Monatsbericht Februar 2006. Buch.indb 168 27.02.2008 8:30:27 Uhr 1. Finanzpolitik und Geldpolitik in der Währungsunion 169 treffen, dass der Fall der staatlichen Insolvenz durch überhöhte Schulden und die Infragestellung des „No-Bail-Out“ nie relevant wird. 3. Die Regeln müssen über die Verpflichtung zur soliden Haushaltspolitik auch die Anreize zu beschäftigungs- und wachstumsfördernden Strukturreformen verstärken. 4. Die Regeln müssen einfach und durchsetzbar sein. 5. Der Eingriff in die nationale Autonomie sollte so begrenzt wie möglich bleiben, das heißt also dem gegenwärtig und wohl auf absehbare Zeit begrenzten Stand der politischen Integration und demokratischen Legitimation entsprechen. Zusammen bedeutet dies: Grenzen für das gesamte Haushaltsdefizit in der Union sind notwendig. Nachdem es dafür keine übergeordnete politische Instanz gibt, müssen diese von den Institutionen auf der Gemeinschaftsebene, das heißt dem Rat angewandt und auf nationale Ebene „heruntergebrochen“ werden. c) Der Stabilitäts- und Wachstumspakt In Artikel 104 legt der Maastricht-Vertrag bereits im Grundsatz die Regeln für das Verhalten der Fiskalpolitik der Mitgliedsstaaten fest.184 Absatz 1 lautet lapidar: „Die Mitgliedsstaaten vermeiden übermäßige Defizite.“ Die Einhaltung der Haushaltsdisziplin wird anhand von zwei Kriterien beurteilt. Zum einen danach, ob der Schuldenstand eines Landes, zum anderen ob das Haushaltsdefizit einen bestimmten Grenzwert überschreitet. Im Protokoll über das Verfahren bei einem übermäßigen Defizit werden die beiden Referenzwerte mit 60 % beziehungsweise 3 % – jeweils im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt zu Marktpreisen – definiert. Der Vertrag enthält auch Bestimmungen über das Verfahren zur Überwachung der Einhaltung der Regeln. Im Stabilitäts- und Wachstumspakt von 1997 wurde das Prozedere weiter spezifiziert. Kurz gesagt geht es einmal darum zu vermeiden, dass es überhaupt zu Überschreitungen der 3 %-Grenze für das Haushaltsdefizit kommt. Neben diesem sogenannten „vorbeugenden Arm“ des Paktes ist der „korrigierende“ oder „abschreckende Arm“ darauf gerichtet, die Fiskalpolitik eines Landes im Falle von Überschreitungen auf die Wieder-Einhaltung der 3 %-Defizitgrenze zu verpflichten. Nur für die Mitglieder der Währungsunion kann das Verfahren bis zur Anwendung von Sanktionen führen. 184 Wohlgemerkt gelten diese Bestimmungen – wie auch Artikel 103 über das No-Bail-Out – für alle Mitgliedsstaaten der EU und nicht nur für die Teilnehmer der Währungsunion. Buch.indb 169 27.02.2008 8:30:27 Uhr V. Notenbank und Geldpolitik im Gefüge der Europäischen Währungsunion170 Die fiskalpolitischen Regeln des Paktes wurden – und werden bis heute – teilweise heftig kritisiert. Im Mittelpunkt stehen dabei meist die beiden numerischen Referenzwerte. Die Werte 3 % und 60 % lassen sich nicht exakt „wissenschaftlich“ begründen. Zunächst gibt es jedoch wichtige Argumente dafür, überhaupt numerische Referenzwerte festzulegen. Ohne quantitative Grenzen bleibt jedes Überwachungsverfahren ohne festen Bezugspunkt. Eine Obergrenze für die Staatsschuld (in Relation zum Bruttoinlandsprodukt) ist notwendig um sicherzustellen, dass die öffentliche Verschuldung nicht „aus dem Ruder läuft“ und die Schuldenaufnahme der öffentlichen Hand nicht in unangemessener Weise die Finanzierungsmöglichkeiten der privaten Investoren verdrängt (sogenannter Crowding-Out- Effekt). Wer die 60 %-Marke für zu niedrig hält möge im Übrigen bedenken, dass die hier maßgebliche Staatsschuld nur die expliziten Schulden der öffentlichen Hand enthält. Die implizite Staatsschuld, das heißt die aus rechtlichen Verpflichtungen resultierenden künftigen Staatsausgaben sind dabei nicht berücksichtigt. Dies gilt vor allem für künftige Pensionszahlungen, die in den alternden Gesellschaften in Europa eine Art „demographische Zeitbombe“ für die öffentlichen Finanzen bedeuten.185 Im Übrigen sind die beiden Werte von 3 % für das Haushaltsdefizit und 60 % für die Staatsschuld nicht willkürlich gewählt. Dahinter stand folgende Rechnung: Bei einer unterstellten Wachstumsrate des nominalen Sozialprodukts von 5 % (3 % real, 2 % Preissteigerungsrate) würde ein Haushaltsdefizit von 3 % die Schuldenquote bei 60 % stabilisieren (ungefähr gleich dem Durchschnittswert der Länder zum damaligen Zeitpunkt). Wäre die Schuldenquote höher, würde die Einhaltung der 3 % Grenze den Schuldenstand in Richtung Referenzwert zurückführen. Bei niedrigerem Wachstum wäre eine niedrigere Grenze für das Haushaltsdefizit zu beachten, um die Schuldenquote konstant zu halten.186 Die 3 %-Obergrenze für das Haushaltsdefizit wird oft als zu niedrig kritisiert, um im Falle eines starken Konjunktureinbruchs mit einer hinreichend expansiven Fiskalpolitik wirksam gegensteuern zu können. Dem ist entgegenzuhalten: 185 Nach Schätzungen wird die (explizite) Staatsschuld im Euroraum aufgrund der demographischen Entwicklung von heute rund 70 % bis zum Jahre 2050 auf fast 200 % steigen. Siehe: Europäische Kommission, Quarterly Report, Vol. 5, No. 4, 2006. Siehe auch: A. Maddaloni u.a., Macroeconomic Implications of Demographic Developments in the Euro Area, EZB, Occasional Paper Series No. 51, August 2006. 186 Siehe etwa: EZB, Die Tragfähigkeit der öffentlichen Finanzen im Euro-Währungsgebiet auf dem Prüfstand, Monatsbericht Februar 2007, S. 68. Buch.indb 170 27.02.2008 8:30:28 Uhr 1. Finanzpolitik und Geldpolitik in der Währungsunion 171 1) Der Pakt selbst sieht Ausnahmen von dieser Grenze vor, wenn die Wirtschaftstätigkeit sehr stark einbricht. 2) Die Stabilisierungsfunktion der Regeln des Paktes wird mit Hinweis auf die 3 %-Grenze ausschließlich negativ beurteilt. Dabei wird übersehen, dass die wesentliche fiskalpolitische Botschaft des Paktes eine ganz andere ist, nämlich: In Zeiten einer normalen Konjunkturlage soll ein Land einen (nahezu) ausgeglichenen Haushalt aufweisen; vor allem bei einem hohen Schuldenstand sollte der Haushalt sogar einen Überschuss aufweisen. Diese, rundum positive Regel des Paktes hält die Mitgliedsstaaten an, mit einer soliden Haushaltspolitik in Zeiten guter Konjunktur einen hinreichend großen Spielraum für das Wirkenlassen der automatischen Stabilisatoren im Falle eines Konjunkturabschwunges zu schaffen. Eine Manövriermasse von drei Prozentpunkten des Bruttoinlandsproduktes (beziehungsweise noch mehr im Falle eines Überschusses in der Ausgangssituation) eröffnet jedoch einen immensen fiskalpolitischen Spielraum, wie er in der Vergangenheit nur ganz selten ausgenutzt wurde. In der Härte des praktischen politischen Tests hat der Pakt seine erste Bewährungsprobe nur sehr bedingt bestanden. Zwar sind die Defizite insgesamt deutlich niedriger als noch zu Anfang der neunziger Jahre und alle Länder, die die 3 %-Grenze verletzten, haben anschließend Konsolidierungsmaßnahmen eingeleitet. Aber dennoch war es für mich als Mitglied des Wirtschaftsund Finanzausschusses besonders bedrückend zu erleben, wie dann auch Deutschland die Regeln des Paktes jahrelang verletzt hat. Zwar hatte ich selbst keine Illusionen über die voraussichtliche Wirksamkeit des Regelwerkes. Meine Skepsis habe ich schon weit vor dem Start der Währungsunion mit dem Hinweis zum Ausdruck gebracht: Die Entscheidung im Verfahren liegt auf der europäischen Ebene in der Hand der Regierungen, die gegebenenfalls zu Hause gegen die Regeln verstoßen. Wie kann man erwarten, dass potenzielle Sünder über aktuelle Sünder richten? Gleichwohl war es deprimierend zu erleben, wie gerade die Regierungen von Deutschland und Frankreich gegen die Regeln des Pakts verstoßen haben. So hat sich Deutschland zunächst durchgesetzt und verhindert, dass die von der Kommission im Januar 2002 vorgeschlagene Warnung – „blauer Brief“ – an Deutschland (wegen eines zu erwartenden Defizits „gefährlich nahe“ an der 3 %-Grenze) ergangen ist. Im November 2003 haben dann die Finanzminister auf Wunsch beziehungsweise Druck der deutschen (und französischen) Seite die von der Kommission vorgeschlagene Verschärfung des Defizitverfahrens abgelehnt und das Verfahren ausgesetzt. Der damalige Bundeskanzler hat darüber hinaus sogar in einem namentlich gekennzeichneten Beitrag in der Financial Times unverhohlen erklärt, Deutschland werde sich den Kurs seiner Finanzpolitik nicht von „Brüssel“ vorschreiben lassen. Buch.indb 171 27.02.2008 8:30:28 Uhr V. Notenbank und Geldpolitik im Gefüge der Europäischen Währungsunion172 Auch Italien hat quasi im Windschatten der deutschen und französischen Finanzpolitik die Regeln verletzt. Der Fall Griechenland sollte nicht lange auf sich warten lassen. Damit haben die drei größten Länder der Währungsunion, einschließlich des Landes, das seinerzeit gegen großen Widerstand den Stabilitäts- und Wachstumspakt durchgesetzt hat, die Axt an einen der Pfeiler der Währungsunion gelegt. Dieses Verhalten hat nicht zuletzt auch den Eindruck erweckt, die „Kleinen“ müssten sich strikt an vorgegebene Regeln halten, während für die „Großen“ im Zweifelsfall Ausnahmen gelten. Gerade für den so komplexen Wirtschafts- und Währungsraum ist eine solche Entwicklung alles andere als förderlich für den notwendigen politischen Zusammenhalt. In der Folge wurde der Pakt revidiert. Erst die Anwendung der veränderten Regeln wird zeigen, ob der Pakt in der neuen Form seiner Aufgabe gerecht werden kann.187 Die Entscheidung bleibt in den Händen der Politik. Im Schlussartikel werde ich darauf unter dem Aspekt „Währungsunion – Politische Union“ noch einmal näher eingehen. 2. Koordinierung der Politik in der Währungsunion a) Pro und Contra der Ex-ante-Koordinierung Der Start der Europäischen Währungsunion hat eine historisch einmalige Situation mit sich gebracht. Auf der einen Seite stehen die EZB als supranationale Institution, der Euro und die einheitliche Geldpolitik mit einem klaren Mandat. Auf der anderen Seite bleiben die übrigen Instrumente der makroökonomischen Politik in nationaler Hand. Dies gilt für die Finanzpolitik – mit den mit dem Stabilitäts- und Wachstumspakt verbundenen Einschränkungen – und die Lohnpolitik, die grundsätzlich der „nationalen Ebene“ vorbehalten bleibt. (Die anderen Bereiche gemeinschaftlichen Handelns wie die Handelspolitik, die Wettbewerbspolitik und die Verkehrspolitik stehen außerhalb des hier relevanten Zusammenhanges.) Noch vor dem Beginn der Währungsunion wurden Stimmen laut, die auf diese Asymmetrie in der makroökonomischen Politik hingewiesen und nach Korrekturen verlangt haben. Diese Forderungen sind seitdem nicht mehr von der Tagesordnung verschwunden, werden von Mitgliedern nationaler 187 Siehe dazu: R. Morris, H. Ongena, L. Schuknecht, The Reform and Implementation of the Stability and Growth Pact, ECB, Occasional Paper Series No. 47, June 2006. Buch.indb 172 27.02.2008 8:30:28 Uhr

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References

Zusammenfassung

Die Geschichte einer Währung erzählt vom »Vater des Euro«

Zehn Jahre nach dem Beschluss zur Einführung im Jahr 1998 zieht der "Vater des Euro" eine Zwischenbilanz: Wo sind die Ursachen für den guten Start und bisherigen Erfolg des Euro, und wo liegen mögliche Gefährdungen? Das Buch schildert die Vorgeschichte des Euro, den schweren Abschied der Deutschen von der D-Mark und belegt ausführlich die Gründe, die zum Erfolg des Euro und der Europäischen Zentralbank geführt haben. Der Verfasser beschreibt die Konfliktpotentiale der Währungshüter mit der Politik und die Gefährdungen für den Erfolg des Euro. Kann die Europäische Währungsunion ohne Politische Union überleben?

Der Autor

Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Otmar Issing war maßgeblich für den Erfolg des Euro verantwortlich. 1998 bis 2006 war er Chefvolkswirt und Direktoriumsmitglied der Europäischen Zentralbank. Er gilt als Vater der geldpolitischen Strategie der EZB.