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8. Wissenschaft und geldpolitische Praxis in:

Otmar Issing

Der Euro, page 167 - 173

Geburt, Erfolg, Zukunft

1. Edition 2008, ISBN print: 978-3-8006-3496-5, ISBN online: 978-3-8006-4381-3, https://doi.org/10.15358/9783800643813_167

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8. Wissenschaft und geldpolitische Praxis 159 Die EZB hat sich auch nicht an einschlägigen Spekulationen über die Zukunft des Euro im internationalen Währungssystem beteiligt. Gegenwärtig spielt der US-Dollar nach wie vor die dominante Rolle im Weltwährungs- und Weltfinanzsystem. Darüber ist jedoch die gewachsene Bedeutung des Euro längst nicht mehr zu übersehen, während der japanische Yen im globalen Maßstab nach wie vor nur eine untergeordnete Position einnimmt. Es spricht wenig dafür, dass sich die Bedeutung der japanischen Währung erheblich vergrößern wird. Insoweit kann man eher von einem bi-polaren als von einem tri-polaren System sprechen. In der Währungsgeschichte haben sich Situationen mit mehr als einer führenden Währung dann als labil erwiesen, wenn das Vertrauen in eine dieser Währungen deutlich gesunken ist und sich im Gefolge einer Neueinschätzung der Anleger erhebliche Umschichtungen der internationalen Portfolios ergeben haben. Hier liegt eine potentielle Schwäche eines „Mehr-Währungssystems“. Auf der anderen Seite eröffnet die Existenz einer zweiten (oder dritten) Währung Möglichkeiten der Diversifikation, die das System weniger krisenanfällig machen. Die für die Währung letztlich verantwortliche Notenbank steht wegen der internationalen Rolle ihrer Währung in einer besonderen Verantwortung. Dieser wird sie am besten gerecht, indem sie das Vertrauen in die Stabilität ihrer Währung bewahrt. Nationale (inländische) und internationale Verantwortung stehen daher letztlich im Einklang miteinander. 8. Wissenschaft und geldpolitische Praxis Nie werde ich den Abend im Sommer 1998 vergessen. Zum wiederholten Male diskutierte ich mit einer für diese Aufgabe ausgewählten Gruppe von Ökonomen aus den Generaldirektorien Volkswirtschaft und Forschung die Konturen einer möglichen Strategie für die (künftige) Geldpolitik der EZB. Der Blick in die Runde zeigte lauter junge Gesichter. Wir waren gemeinsam auf der Suche nach einer Antwort auf offene Fragen. Diese Atmosphäre löste meinen spontanen Kommentar aus: Die Szene erinnert mich an ein Universitätsseminar. Doch zwei Dinge unterscheiden uns fundamental von der akademischen Übung. Erstens, die Zeit drängt, wir müssen unsere Überlegungen bald abschließen. Zweitens, seien wir uns bewusst, dass das Gelingen – und noch mehr ein mögliches Misslingen – der Geldpolitik der EZB ganz konkret das Schicksal so vieler Menschen beeinflussen wird. Kein Notenbanker wird seine Verantwortung, die ihm mit der Ernennung übertragen wurde, auch nur für einen Augenblick missachten. Hier aber, in dieser besonderen Buch.indb 159 27.02.2008 8:30:27 Uhr IV. Die EZB – Geldpolitik für einen stabilen Euro160 Situation, war das Verhältnis von Wissenschaft und geldpolitischer Praxis gleichsam mit Händen zu greifen. Weltweit hat die Forschung in den letzten 10–20 Jahren zunehmend an Bedeutung für die Geldpolitik gewonnen; immer häufiger werden Wissenschaftler in Führungspositionen in den Notenbanken berufen. Jenseits des Alltags der Geldpolitik stand die EZB vor einer Ausnahmesituation. Der (künftige) Euroraum, für den sie die Preisstabilität zu bewahren hatte, war weitgehend terra incognita. Für die Einführung einer neuen Währung unter diesen besonderen Umständen gab es keine Blaupause. Mit der Bestimmung des Standes der Wissenschaft zu beginnen, lag auf der Hand. Die Stunde Null der EZB als neue Notenbank war die Stunde der Wissenschaft. Was waren die relevanten, in Erfahrungen der Geldpolitik möglichst getesteten Ergebnisse? Ungeachtet aller Sorgfalt, allen Aufwandes – intensive Diskussionen mit Experten aus anderen Notenbanken und der Welt der Wissenschaft eingeschlossen – blieb die Einsicht: Die Wissenschaft ist unentbehrlich für den Entwurf einer erfolgreichen Geldpolitik, sie kann aber keine eindeutige, endgültige Antwort liefern, die der Notenbank die Entscheidung abnimmt. Wir hatten also mögliche Optionen zu diskutieren und ihre Vor- und Nachteile gegeneinander abzuwägen (siehe dazu vor allem das Kapitel „Geldpolitische Optionen“). Es ist üblich geworden, von der Notenbankpolitik als „Kunst“ zu sprechen.171 Damit ist einerseits die Notwendigkeit gemeint, der sich die Notenbank ausgesetzt sieht, über den Stand gesicherter Erkenntnisse hinaus entscheiden zu müssen. Das Gegenstück zu diesem Freiheitsgrad ist andererseits die Verantwortung der Notenbanker für die getroffenen Entscheidungen. Wissenschaftler sind im Allgemeinen von den Ergebnissen ihrer Forschung überzeugt. Daran ist grundsätzlich nichts auszusetzen, ganz im Gegenteil: 171 Siehe den Titel des Buches von H. G. Hawtrey, The Art of Central Banking, second edit., London 1962. Das Buch zur Geldtheorie eines bekannten Wissenschaftlers kommt zu folgendem Schluss: “However, economists should be under no illusion that central banking will ever become a science. Academic critics love to chide central bankers for their lack of a fully articulated doctrine of monetary policy, based on testable – and perhaps even tested – hypotheses. These critics mistake central bankers for what they are themselves, namely teachers and intellectuals. In fact, a good central banker is a doer and a politician, for whom even ambiguity and inconsistency may sometimes serve his purposes. … This treatise may thus end on a note of humility: However far monetary theory may progress, central banking is likely to remain an art.” J. Niehans, The Theory of Money, Baltimore, 1978, S. 294. Zum neuesten Stand der Debatte um das Verhältnis von „Theorie und Praxis“ der Geldpolitik siehe: C. E. Walsh, The Contribution of Theory to Practice in Monetary Policy: Recent Developments, in: ECB, ed. Monetary Policy, A Journey from Theory to Practice, An ECB Colloquium held in Honour of Otmar Issing, Frankfurt, 2007. Buch.indb 160 27.02.2008 8:30:27 Uhr 8. Wissenschaft und geldpolitische Praxis 161 die Suche nach der Erkenntnis findet hier ihren wesentlichen Antrieb. Gerade den Ökonomen, der an den Problemen dieser Welt interessiert ist, treibt die Motivation, bessere Lösungen zu finden. Was liegt näher, als – in dem hier relevanten Falle – die Notenbank zu drängen, von „der“ Wissenschaft als richtig erkannte Modellansätze anzuwenden und sie für davon abweichende Praktiken zu kritisieren. Die permanente kritische Auseinandersetzung mit der Wissenschaft in allen nur denkbaren Begegnungen ist und bleibt in der Tat unentbehrlich für die stetige Verbesserung der Geldpolitik und die Korrektur von Fehlern. In der praktischen Anwendung, in der Umsetzung von Erkenntnis in geldpolitischen Entscheidungen liegt jedoch der fundamentale Unterschied zwischen dem Theoretiker und dem Praktiker in der Geldpolitik. Der Wissenschaftler trägt am Ende keine Verantwortung für die Konsequenzen geldpolitischer Entscheidungen auf der Basis von Überlegungen, die auf ihn zurückgehen, der Notenbanker aber sehr wohl. Je näher der Wissenschaftler mit seinen Überlegungen, seinem Modellansatz an die Politik rückt, desto mehr müsste er sich auch mit Fragen der praktischen Anwendbarkeit beschäftigen – vor allem, falls er in der Öffentlichkeit für die Umsetzung seines Ansatzes plädiert. Man wird kaum behaupten können, dass dies immer oder auch nur meist hinreichend geschieht. Zwar lassen sich selbst Fälle beobachten, in denen Wissenschaftler auf der Basis eines sehr vagen Ansatzes – sei er nun modelltheoretisch nach allen Regeln der Technik ausgearbeitet oder rein verbal präsentiert – für die konkrete Anwendung plädieren, doch lohnt es sich nicht, darüber weitere Worte zu verlieren. Handelt es sich dagegen um Arbeiten, die auf theoretisch-empirischer Basis in konkreten Handlungsanweisungen für die Notenbank enden, liegt der Fall anders. Hier darf der Wissenschaftler der Frage nicht ausweichen, ob sein Ansatz auch als praktikabel anzusehen ist, ob z.B. die erforderlichen Daten rechtzeitig und in verlässlicher Qualität zur Verfügung stehen. Vor diesem Hintergrund muss man sich schon wundern, mit welcher Hartnäckigkeit zum Beispiel der Outputlücke und ihren Veränderungen in manchen Ansätzen eine wesentliche Rolle zugemessen wird, obgleich die Anfälligkeit dieses komplexen Indikators für erhebliche Revisionen hinreichend bekannt ist.172 Die EZB hat von Beginn an den Kontakt zur Wissenschaft gesucht. Eine große Zahl herausragender Wissenschaftler ist unserer Einladung gefolgt. In internen Seminaren wie in kleinerem Kreis bis hin zu unzähligen bilateralen Gesprächen konnten wir einen intensiven Meinungsaustausch pflegen. Es war mir ein persönliches Anliegen, die EZB als Institution für den Dialog 172 A. Orphanides, S. van Norden (2001); The Unreliability of Output Gap Estimates in Real Time, CIRANO Working Papers 2001s-57, CIRANO. Buch.indb 161 27.02.2008 8:30:27 Uhr IV. Die EZB – Geldpolitik für einen stabilen Euro162 gerade mit den Kritikern unserer Politik zu öffnen. Es verging kaum eine Woche, in der meine Mitarbeiter und ich persönlich nicht solche Diskussionen führen konnten. Der Gedankenaustausch verlief dabei keineswegs in einer Einbahnstraße. Ohne Zweifel haben wir, und ich ganz persönlich, aus diesen Gesprächen viel gelernt. In zahlreichen Kontakten haben uns Wissenschaftler aber bestätigt, wie fruchtbar diese Diskussionen für sie waren und wie sie daraus neue Anregungen für ihre weitere Arbeit mitgenommen haben.173 Noch vor der Währungsunion etablierten sich Gruppen von Wissenschaftlern, die die kritische Begleitung der Geldpolitik der EZB zu ihrem Programm machen wollten. Schon im Frühjahr 1999 kündigten sich dann die ersten Berichte der einzelnen „ECB Watchers Groups“ an. Die EZB stand damit vor der Frage, wie sie mit dieser „Beobachtung“ umgehen sollte. Etwa, einfach ignorieren, jedenfalls in der Öffentlichkeit? Als ich von einer dieser Gruppen zu einer Diskussion eingeladen wurde, galt es zu bedenken: Die EZB konnte einerseits nicht zwischen den einzelnen Gruppen diskriminieren, andererseits hätte die Teilnahme an einer Folge von Veranstaltungen, zumal verteilt über den ganzen Euroraum, unsere Ressourcen bei Weitem überfordert. Wir wollten aber auch nicht den Eindruck erwecken, als wären wir nicht bereit, uns der Kritik zu stellen. Darüber hinaus lag in einer öffentlichen Veranstaltung auch die Chance, unsere Überlegungen zu erklären und einer breiteren Öffentlichkeit näher zu bringen, gerade für eine junge Institution eine zentrale Aufgabe. In der Zusammenarbeit mit dem Center for Financial Studies an der Universität Frankfurt fand sich eine Lösung, die in der Welt der Notenbanken einmalig war. Bereits am 17. und 18. Juni 1999 fand die erste ECB Watchers Konferenz statt, in deren Mittelpunkt die Diskussion um die geldpolitische Strategie der EZB stand. Auf dieser Veranstaltung waren nicht weniger als vier Watchers-Gruppen vertreten.174 Am Ende eines langen 173 Die große Zahl illustrer Wissenschaftler, die – über die Autoren von Beiträgen und Teilnehmer an den Panels hinaus – an dem Kolloquium vom 16. und 17. März 2007 zu meinem Abschied aus der EZB teilgenommen haben, belegt eindrücklich diesen intensiven Gedankenaustausch. 174 David Begg (Birkbeck College) u.a., „Centre for Economic Policy Research (CEPR)“; Jürgen von Hagen (Universität Bonn) u.a., „Zentrum für Europäische Integrationsforschung (ZEI)“; Daniel Gros u.a., „Centre for European Policy Studies (CEPS)”; Harald Benink (University of Maastricht) und Reinhard Schmidt (Universität Frankfurt) u.a., „European Shadow Financial Regulatory Committee (ESFRC)“. Weitere Referenten waren Lars E. O. Svennson (Institute for International Economic Studies) mit dem Vortrag „Inflation Targeting“, John Taylor (Stanford University) mit dem Vortrag „Interest Rate Rules“, Stefan Gerlach (Bank for International Settlements (BIS)), Ignazio Visco (OECD) und Thomas Mayer (Goldman Sachs). Die Watchers-Gruppen begleiteten die Geldpolitik der EZB mit einer Reihe kritischer Berichte. Die ersten Veröffentlichungen waren: CEPR, D. Begg u.a., The ECB: Safe at Any Speed?, London 1998; CEPS Macroeconomic Policy Group, Macroeconomic Policy in the first year of Euroland, Brussels 1999. Buch.indb 162 27.02.2008 8:30:27 Uhr 8. Wissenschaft und geldpolitische Praxis 163 (ersten) Tages hatte ich die Gelegenheit, auf die kritischen Anmerkungen zu reagieren und unsere Argumente darzulegen. Seitdem findet diese Konferenz Jahr für Jahr statt.175 Die Teilnehmerliste liest sich wie ein Almanach aus der Welt der Wissenschaft, Medien und Banken; die Breite der Themen umfasst die Geldpolitik und ihr Umfeld. Gerade für das Verständnis der Geldpolitik der EZB haben diese Konferenzen einen wichtigen Beitrag geleistet. Die Notenbank hatte hier eine einmalige Gelegenheit, mit wechselnden Vertretern der Wissenschaft und aus den Banken ihre Geldpolitik zu diskutieren. Dieser direkte Kontakt, der hin und wieder, allerdings eher selten in eine Konfrontation mündete, erwies sich als sehr fruchtbar. Als eine Art Nebeneffekt förderten diese Veranstaltungen auch den intellektuellen Wettbewerb zwischen den verschiedenen Forschergruppen. Die Medienvertreter, bei einschlägigen Themen, wie vor allem Kommunikation, eingebunden in das Tagungsprogramm, berichteten jeweils ausführlich. Für uns ergaben sich immer wieder Anregungen, die wir dann intern weiter diskutierten. Die Generaldirektion „Forschung“ trägt mit ihren Mitarbeitern nicht nur wesentlich zur eigenen Forschung bei, sondern organisiert auch den Kontakt zur „Außenwelt“. Besucherprogramme, Seminare etc. zeugen von einer Vielfalt von Initiativen. Zahlreiche Publikationen, vor allem in der „Working Paper Series“ zeugen von einer hohen Produktivität der Forscher in der EZB, übrigens auch in anderen Generaldirektionen, allen voran in der Generaldirektion „Volkswirtschaft“.176 Schon nach wenigen Jahren hatte sich die EZB einen hervorragenden Platz in der Welt der Wissenschaft erworben.177 Es findet heute kaum eine einschlägige Konferenz statt, zu der nicht Vertreter der EZB eingeladen werden und zu der sie nicht wichtige Beiträge liefern. 175 Im Jahre 2002 fand die 4. Konferenz in Mailand (Bocconi Universität) statt. Der Versuch eines Ortswechsels wurde dann aber aus logistischen Gründen nicht weiter verfolgt. Die internationalen Experten aus den Medien sind durchweg in Frankfurt stationiert, und für die EZB-Vertreter ergab sich ebenfalls ein deutlich erhöhter Aufwand, zeitlich wie finanziell. Am 7. September 2007 fand bereits die neunte Veranstaltung dieser Konferenzreihe statt. 176 Ende 2007 waren bereits über 800 ECB Working Papers erschienen. Darunter finden sich auch Arbeiten zahlreicher „Gast“-Autoren, die ihre Projekte während eines Forschungsaufenthaltes in der EZB und/oder in Kooperation mit Wissenschaftlern aus der EZB durchgeführt haben. 177 Der bekannte Ökonom Peter Kenen rechnet die beiden Generaldirektionen Economics und Research zu den besten in der Welt der Notenbanken. Für eine so junge Institution gewiß eine besondere Auszeichnung. Siehe, International Monetary Fund, Navigating Uncharted Waters, Finance and Development, December 2006. Buch.indb 163 27.02.2008 8:30:27 Uhr IV. Die EZB – Geldpolitik für einen stabilen Euro164 Von Anfang an war es ein Anliegen, das große Forschungspotential des Eurosystems zu nutzen und die nahe liegenden Synergien auszuschöpfen. Mit größter Dringlichkeit galt dies für ein zentrales Gebiet der Geldpolitik, den Transmissionsprozess. Keine Notenbank besitzt vollständige Kenntnis darüber, wie ihre geldpolitischen Maßnahmen über die verschiedenen Transmissionskanäle – Banken und Finanzmärkte, Unternehmen und Haushalte – schließlich auf Preise und die reale Aktivität sowie die Beschäftigung wirken. Für eine neue Notenbank und eine neue Währung war das Wissen äußerst beschränkt, die Unsicherheit entsprechend groß. In einem Netzwerk, in das Forscher der EZB und der nationalen Notenbanken einbezogen waren, und mit Unterstützung durch externe Wissenschaftler (Monetary Transmission Network), entstand schließlich ein umfangreiches Werk, das unser Wissen über den Transmissionsprozess der Geldpolitik der EZB entscheidend vorangebracht hat.178 Anschließend wurde nach dem gleichen Muster das „Eurosystem Inflation Persistence Network“ gegründet. Die Arbeit dieser Forschungsgruppe brachte ein umfangreiches Datenmaterial zum Preissetzungsverhalten im Euroraum zutage. Die Analyse zum Beispiel des Ausmaßes der Rigidität beziehungsweise Variabilität der Preise im Euroraum im Vergleich mit den USA führte zu Erkenntnissen, die von großer Wichtigkeit für die Geldpolitik sind.179 Es gibt wohl kaum einen anderen Bereich der Politik, in dem die Wissenschaft eine so große Rolle spielt wie in der Geldpolitik. Dies ist nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass die Notenbanken dank ihrer Unabhängigkeit eher in der Lage sind, für als richtig und wichtig erkannte Ergebnisse der Forschung in ihren Entscheidungen zu berücksichtigen. Dieser Umstand eröffnet der Notenbank eine große Chance, bürdet ihr aber auch eine besondere Verantwortung im Umgang mit den Ergebnissen wissenschaftlicher Forschung auf. Die EZB hat sich dieser Herausforderung erfolgreich gestellt. 178 Siehe: I. Angeloni, A. K. Kashyap and B. Mojon, Monetary Policy Transmission in the Euro Area, Cambridge 2003. 179 Dazu sind zahlreiche Arbeiten in der Working Paper Series der EZB erschienen. Siehe zum Beispiel: I. Angeloni, L. Aucremanne and M. Ciccarelli, Price Setting and Inflation Persistence – Did EMU matter?, ECB Working Paper Series No. 597, March 2006. Buch.indb 164 27.02.2008 8:30:27 Uhr V. Notenbank und Geldpolitik im Gefüge der Europäischen Währungsunion Ohne stabiles Geld kann es auf Dauer keine stabile Gesellschaft freier Bürger geben. Nicht von ungefähr verkündete Lenin: „Um die bürgerliche Gesellschaft zu zerstören, muss man ihr Geldwesen verwüsten.“180 In der Europäischen Währungsunion gilt dieser Satz womöglich mit noch größerer Berechtigung als in den Grenzen des Nationalstaates. Schließlich verkörpert das einheitliche Geld in besonderer Weise eine Gemeinsamkeit der Teilnehmer. Nur ein stabiler Euro kann identifikationsstiftend wirken, Misstrauen in die Stabilität der gemeinsamen Währung müsste auch das Vertrauen in „europäische Gemeinsamkeit“ untergraben. Die für die Währung verantwortliche Notenbank nimmt folglich im Gefüge des Nationalstaates und erst recht in einer Währungsunion weitgehend souveräner Staaten eine wichtige Stellung ein. Die Notenbank steht selbstverständlich nicht allein. Sie agiert nicht im politikfreien Raum, die Wirkungen ihrer Geldpolitik hängen ganz wesentlich auch von der Politik auf anderen Feldern ab. An vorderster Stelle steht dabei die Finanzpolitik. Die Verfassung der Arbeitsmärkte, das Verhalten der Tarifparteien und der Grad der Wettbewerbsintensität auf den Märkten spielen ebenfalls eine wichtige Rolle. Schließlich verdient die alles überhöhende Frage eine Antwort, nämlich die nach dem Verhältnis von Währungsunion und politischer Union. Kann die Europäische Währungsunion ohne Politische Union überhaupt überleben? 1. Finanzpolitik und Geldpolitik in der Währungsunion a) Zum Verhältnis von Geldpolitik und Finanzpolitik Das Verhältnis von Geldpolitik und Finanzpolitik wird grundsätzlich von der Finanzverfassung bestimmt. Im Extremfall ist die Notenbank eine Abteilung des Finanzministeriums oder sie ist zum Beispiel verpflichtet, je nach politischen Vorgaben, Defizite des öffentlichen Haushaltes zu finanzieren. Diese „Fälle“ werden hier als irrelevant betrachtet und daher nicht weiter diskutiert. Der Maastricht-Vertrag verbietet ausdrücklich die monetäre Finanzierung sowie den privilegierten Zugang des Staates oder staatlicher Einrichtungen 180 W. Eucken, Grundsätze der Wirtschaftspolitik, 2. Auflage, Tübingen 1955, S. 255. Buch.indb 165 27.02.2008 8:30:27 Uhr

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References

Zusammenfassung

Die Geschichte einer Währung erzählt vom »Vater des Euro«

Zehn Jahre nach dem Beschluss zur Einführung im Jahr 1998 zieht der "Vater des Euro" eine Zwischenbilanz: Wo sind die Ursachen für den guten Start und bisherigen Erfolg des Euro, und wo liegen mögliche Gefährdungen? Das Buch schildert die Vorgeschichte des Euro, den schweren Abschied der Deutschen von der D-Mark und belegt ausführlich die Gründe, die zum Erfolg des Euro und der Europäischen Zentralbank geführt haben. Der Verfasser beschreibt die Konfliktpotentiale der Währungshüter mit der Politik und die Gefährdungen für den Erfolg des Euro. Kann die Europäische Währungsunion ohne Politische Union überleben?

Der Autor

Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Otmar Issing war maßgeblich für den Erfolg des Euro verantwortlich. 1998 bis 2006 war er Chefvolkswirt und Direktoriumsmitglied der Europäischen Zentralbank. Er gilt als Vater der geldpolitischen Strategie der EZB.