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I. Der Euro im Jahre 2008 in:

Otmar Issing

Der Euro, page 10 - 12

Geburt, Erfolg, Zukunft

1. Edition 2008, ISBN print: 978-3-8006-3496-5, ISBN online: 978-3-8006-4381-3, https://doi.org/10.15358/9783800643813_10

Bibliographic information
I. Der Euro im Jahre 2008 Heute, im Jahre 2008, ist der Euro die gemeinsame Währung von 15 Ländern mit rund 320 Millionen Einwohnern. Die meisten der übrigen Mitgliedsstaaten der Europäischen Union verfolgen das Ziel, in mehr oder weniger naher Zukunft ebenfalls dem Euroraum beizutreten. Mit der Ausgabe der auf Euro lautenden Banknoten und Münzen Anfang 2002 sind die ehemals nationalen Währungen aus dem Verkehr verschwunden. Ihre Namen zieren nur noch die Geschichtsbücher. Wenn vereinzelt Politiker in populistischen Attacken die Rückkehr zur nationalen Währung fordern, bestätigt die fehlende Resonanz mehr die irreversible Wirklichkeit der gemeinsamen Währung als eine tatsächlich verfügbare Option. Auch in weltweiter Perspektive ist der Euro fest etabliert als zweitwichtigste Währung nach dem US Dollar. Auf einigen Gebieten, wie im Anteil an den Weltwährungsreserven mit weitem Abstand, auf anderen, vor allem als Kreditwährung, steht der Euro mehr oder weniger pari mit der amerikanischen Währung. Anleger aus aller Welt schenken dem Euro ihr Vertrauen und legen ihr Geld langfristig in auf Euro lautenden Titeln an. Fest verankerte Inflationserwartungen auf niedrigem Niveau spiegeln die Wertschätzung eines stabilen Euro wider und sind die Grundlage für historisch außerordentlich niedrige langfristige Nominalzinsen. Neun Jahre nach seiner Geburt am 1. Januar 1999 kann der Euro auf eine beeindruckende Erfolgsgeschichte zurückblicken. Mit einer jahresdurchschnittlichen Preissteigerungsrate von rund 2 % verdient der Euro das Prädikat einer stabilen Währung. Das gilt sowohl im historischen als auch im internationalen Vergleich. Diese Erfolgsgeschichte steht in krassem Gegensatz zu vielen Prognosen, die der Einführung des Euro vorausgegangen sind. Die Skeptiker haben entweder den Start der Währungsunion überhaupt ausgeschlossen, ein frühes Scheitern oder zumindest eine inflationäre Entwicklung vorhergesagt. Nichts davon ist eingetreten. Waren also alle Besorgnisse unberechtigt? Kann man einfach davon ausgehen, dass der Euro seine Erfolgsgeschichte fortsetzt? Es bleibt dabei: Noch niemals vorher in der Geschichte haben souveräne Staaten ihre Hoheit auf dem Gebiet der Währung auf eine supranationale Institution übertragen, während sie gleichzeitig in vielen Bereichen politisch mehr oder weniger autonom bleiben. Nicht von ungefähr sprechen Beobach- Buch.indb 1 27.02.2008 8:29:41 Uhr I. Der Euro im Jahre 20082 ter daher von einem Experiment, ein Experiment, dessen Ausgang wohl auf längere Zeit im Ungewissen bleibt. Über die Zukunft lässt sich trefflich spekulieren. Wo aber sind die Ursachen für den guten Start und bisherigen Erfolg zu suchen, und wo liegen mögliche Gefährdungen? Dieses Buch versucht, eine Antwort auf diese Frage zu geben. Buch.indb 2 27.02.2008 8:29:41 Uhr II. Die Vorgeschichte 1. Der steinige Weg zur Währungsunion Das Projekt einer Europäischen Währungsunion hat eine lange Vorgeschichte, die weit in die Vergangenheit zurückreicht. Man muss nicht unbedingt an die Zeit erinnern, in der im ersten Jahrhundert nach Christi Geburt ein Kaufmann auf seinem langen Weg von Rom über Colonia Claudia Ara Agrippinensium nach Londinium, den heutigen Köln und London, mit derselben Währung, dem Denar bezahlen konnte. 1600 Jahre später nahm auf der gleichen Route das Münzwechseln und Umrechnen gar kein Ende mehr. In Deutschland, wenn man diese Bezeichnung verwenden darf, übten 100 Territorien ihr Münzprägerecht aus. Man schätzt, dass im Jahre 1790 auf diesem Territorium etwas 1800 Zollgrenzen bestanden. Erst mit der Gründung des Zollvereins im Jahre 1834 fielen die Handelsschranken in Deutschland. Und erst im Anschluss an die politische Einigung im Deutschen Reich 1871 wurde die Münzvielfalt gänzlich beseitigt, die einheitliche Währung Mark eingeführt. Was könnte der Vergleich dieser Epochen europäischer Geschichte lehren? Die Periode eines einheitlichen Geldsystems war geprägt durch zwei Bedingungen: Die Stabilität der Währung war gesichert durch die natürliche Knappheit • des Metalls. Einheitliches Geld und politische Einheit im Sinne der Pax Romana gingen • Hand in Hand. Der Verlust der Stabilität des Geldes durch anhaltende Münzverschlechterungen und der Zerfall des römischen Reiches zerstörten die Grundlagen des alten Regimes. Eine einheitliche Währung in Deutschland gab es erst wieder auf der Basis der Goldwährung und der politischen Einheit mit der Gründung des Deutschen Reichs 1870. In anderen Ländern wie Frankreich und Großbritannien hatte der Nationalstaat schon sehr viel früher auch die einheitliche Währung gebracht. Die Idee einer gemeinsamen europäischen Währung, meist in Verbindung mit Vorstellungen eines politisch vereinten Europas, wurde immer wieder einmal von einzelnen Autoren oder Gruppierungen vertreten. Ernsthafte oder gar aussichtsreiche Initiativen waren aber lange Zeit nicht zu registrieren. Buch.indb 3 27.02.2008 8:29:41 Uhr

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Zusammenfassung

Die Geschichte einer Währung erzählt vom »Vater des Euro«

Zehn Jahre nach dem Beschluss zur Einführung im Jahr 1998 zieht der "Vater des Euro" eine Zwischenbilanz: Wo sind die Ursachen für den guten Start und bisherigen Erfolg des Euro, und wo liegen mögliche Gefährdungen? Das Buch schildert die Vorgeschichte des Euro, den schweren Abschied der Deutschen von der D-Mark und belegt ausführlich die Gründe, die zum Erfolg des Euro und der Europäischen Zentralbank geführt haben. Der Verfasser beschreibt die Konfliktpotentiale der Währungshüter mit der Politik und die Gefährdungen für den Erfolg des Euro. Kann die Europäische Währungsunion ohne Politische Union überleben?

Der Autor

Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Otmar Issing war maßgeblich für den Erfolg des Euro verantwortlich. 1998 bis 2006 war er Chefvolkswirt und Direktoriumsmitglied der Europäischen Zentralbank. Er gilt als Vater der geldpolitischen Strategie der EZB.