Content

VII. Wachstumsdefizitäre Arbeitslosigkeit: Ursachen und Bekämpfungsmöglichkeiten in:

Gerhard Mussel, Jürgen Pätzold

Grundfragen der Wirtschaftspolitik, page 80 - 97

8. Edition 2012, ISBN print: 978-3-8006-4261-8, ISBN online: 978-3-8006-4374-5, https://doi.org/10.15358/9783800643745_91

Bibliographic information
C. Hoher Beschäftigungsstand80 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 VII. Wachstumsdefizitäre Arbeitslosigkeit: Ursachen und Bekämpfungsmöglichkeiten 1. Ursachen und Arten der wachstumsdefizitären Arbeitslosigkeit Arbeitslosigkeit kann auch Folge eines über längere Perioden anhaltenden Arbeitsplatzmangels aufgrund eines ,,zu geringen“ wirtschaftlichen Wachstums sein. Wie bei der konjunkturellen Arbeitslosigkeit handelt es sich hierbei um einen allgemeinen Mangel an Arbeitsplätzen, also um ein gesamtwirtschaft- VII. Wachstumsdefizitäre Arbeitslosigkeit Abb. C.17: Zusammenfassender Überblick zur strukturellen Arbeitslosigkeit VII. Wachstumsdefizitäre Arbeitslosigkeit 81 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 liches Phänomen. Im Unterschied zur konjunkturellen Arbeitslosigkeit liegt ,,wachstumsdefizitäre Arbeitslosigkeit“ (growth-gap-unemployment) dann vor, wenn der Beschäftigungsrückgang nicht nur vorübergehender Natur, sondern Folge einer anhaltenden Wachstumsschwäche ist. Kennzeichnend für die wachstumsdefizitäre Arbeitslosigkeit ist, dass das wirtschaftliche Wachstum über eine längere Phase hinweg „zu gering“ ist, um Vollbeschäftigung der Arbeitskräfte zu sichern. Das vollbeschäftigungssichernde Wirtschaftswachstum ist allerdings keine absolute Größe. Vielmehr sind verschiedene Einflussfaktoren für diejenige Wachstumsrate der Produktion verantwortlich, die man benötigt, um das Vollbeschäftigungsziel zu erreichen. Grundsätzlich ist die Entwicklung, d. h. die Wachstumsrate des Beschäftigungsstandes (wb) von folgenden Determinanten abhängig: • Entwicklung des realen Inlandsprodukts (wY); je höher die Zuwachsrate des Inlandsprodukts ausfällt, umso mehr zusätzliche Arbeitsplätze werden (unter sonst gleichen Umständen) geschaffen; • Entwicklung der Arbeitsproduktivität (wπ); sie entscheidet über die potenzielle Freisetzung von Arbeitskräften im Zuge des technischen und organisatorischen Fortschritts; • Entwicklung des Erwerbspersonenpotenzials (wEPP); nimmt das Arbeitskräfteangebot zu, so ist (unter sonst gleichen Umständen) ein höheres Produktionswachstum erforderlich, um Vollbeschäftigung aufrechtzuerhalten. Bei einem abnehmenden Arbeitskräfteangebot ist umgekehrt nur ein geringeres Wachstum erforderlich, damit die Vollbeschäftigungssituation bestehen bleibt; • Entwicklung der jahresdurchschnittlichen Arbeitszeit (wAZ); eine Verkürzung der Arbeitszeit kann (unter sonst gleichen Umständen) zur Entlastung des Arbeitsmarktes beitragen. Als Bestimmungsgleichung für die Entwicklung des Beschäftigungsgrades (b) folgt: wb = wY – wπ – wEPP – wAZ Im Folgenden werden diese Ursachen genauer analysiert und ursachengerechte Ansätze zur Bekämpfung anhaltender Arbeitslosigkeit diskutiert. a. Technischer Fortschritt und technologische Arbeitslosigkeit Häufig wird die These vertreten, die zentrale Ursache für die anhaltende Arbeitslosigkeit in der Bundesrepublik liege im technischen Fortschritt. Er ziehe eine Beschleunigung des Rationalisierungsprozesses nach sich, die Folge sei Unterbeschäftigung. Tatsächlich sind in einzelnen Wirtschaftszweigen erhebliche Rationalisierungsschübe als Folge der Anwendung neuer Technologien (Prozessinnovationen) zu beobachten. Dass technischer Fortschritt, gemessen an einer Steigerung der Arbeitsproduktivität (Output je Arbeitskraft), unter sonst gleichen Umständen Arbeitskräfte einspart, ist zweifellos zutreffend. Es handelt sich hierbei jedoch erst einmal um „hypothetische Arbeitskräfteeinsparungen“. Ob der technische Fortschritt in der Realität „unter dem Strich“ tatsächlich beschäftigungsfeindlich wirkt, oder umgekehrt selbst sogar Vor- C. Hoher Beschäftigungsstand82 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 aussetzung für Mehrbeschäftigung ist, hängt letztlich davon ab, wie sich die anderen für die Beschäftigung wichtigen „Umstände“ – z. B. das Wirtschaftswachstum – entwickeln. Aus theoretischer Sicht lassen sich derartige Freisetzungseffekte auf einfache Weise darstellen (Abbildung C.18). Durch eine Verbesserung des technischen Fortschritts verschiebt sich die Produktionsfunktion nach oben (von PF1 auf PF2): Im Ausgangspunkt D herrscht Vollbeschäftigung (AVB), die Produktionsmenge beträgt Y1. Infolge des technischen Fortschritts besteht nun die Möglichkeit, mit dem unveränderten Einsatz der Arbeitskräfte das Produktionsniveau Y2 zu erzielen. Fällt die Produktion jedoch niedriger aus, d. h. wird der potenzielle Wachstumsspielraum nicht voll genutzt, so kommt es zu Entlassungen. Steigt beispielsweise die Produktion lediglich auf den Wert von Y3, so sinkt die Beschäftigung auf A3, Dadurch entsteht eine technologische Arbeitslosigkeit im Umfang von AL. Bei einem Zuwachs der Produktion auf Y2 würde der Freisetzungseffekt durch den erhöhten Output vollständig kompensiert. Die Beschäftigung bliebe also unverändert. Für den Beschäftigungseffekt kommt es in der Realität also auf das Zusammenspiel von Produktions- und Produktivitätswachstum an. Ungeachtet der (potenziellen) Gefahren für den Arbeitsmarkt sind Produktivitätsfortschritte die zentrale Grundlage für die Steigerung des Wohlstandes einer Gesellschaft. Produktivitätssteigerung heißt (wie auch aus Abbildung C.18 hervorgeht), dass entweder • die gleiche Produktionsmenge mit einem geringeren Arbeitskräfteeinsatz (Arbeitskräfteeinsparungseffekt des technischen Fortschritts) oder • eine höhere Produktion mit gleichem Arbeitskräfteeinsatz (Wohlstandssteigerungseffekt des technischen Fortschritts) erzeugt werden kann – oder eine Kombination dieser Effekte stattfindet. Abb. C.18: Technologische Arbeitslosigkeit VII. Wachstumsdefizitäre Arbeitslosigkeit 83 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 Im ersten Fall wirken Produktivitätssteigerungen als ,,Jobkiller“. Es gelingt nicht, den technischen Fortschritt in vollem Umfang in entsprechende Produktionssteigerungen umzusetzen. Steigt die Produktivität um beispielsweise 1,5 % an, und nimmt gleichzeitig die Produktion nur um 1 % zu, so werden einerseits 1,5 % der Arbeitsplätze ,,wegrationalisiert“, andererseits benötigt man für die Produktionssteigerung 1 % mehr Arbeitsplätze. Per Saldo gehen 0,5 % der Arbeitsplätze verloren (Arbeitskräfteeinsparungseffekt). Im zweiten Fall hingegen steht der Produktivitätssteigerung von 1,5 % eine Zunahme der Produktion von ebenfalls 1,5 % gegenüber. Hier werden zwar ebenfalls 1,5 % der Arbeitsplätze durch den technischen Fortschritt ,,wegrationalisiert“, gleichzeitig aber entstehen 1,5 % mehr Arbeitsplätze, um die Produktionssteigerung bewältigen zu können. Dies bedeutet, dass die rechnerische Freisetzung von Arbeitsplätzen infolge des technischen Fortschritts vollständig kompensiert wird durch den Mehrbeschäftigungseffekt infolge der Zunahme der Produktion (Wohlstandssteigerungseffekt). Diese Zusammenhänge lassen sich leicht verdeutlichen: Die durchschnittliche Arbeitsproduktivität je Erwerbstätigen (π) ist definiert als Quotient aus Produktionsmenge und Arbeitseinsatz: π = Y/A In Wachstumsraten geschrieben lautet der Ausdruck: wπ = wY – wA Ist wY = wπ (2. Fall), so verändert sich die Beschäftigung nicht (wA = 0). Den „wegrationalisierten“ Arbeitsplätzen stehen per Saldo gleich viele neue Arbeitsplätze gegenüber. Infolge von Profildiskrepanzen tritt möglicherweise gleichwohl Arbeitslosigkeit auf. Diese ist dann aber „strukturell“, und nicht gesamtwirtschaftlicher Natur. Wächst die Arbeitsproduktivität hingegen schneller als die Produktion (wπ > wY , 1. Fall), so sinkt die Beschäftigung, und es steigt – unter sonst gleichen Umständen – die Arbeitslosigkeit. Ein Paradebeispiel für die sektoralen Freisetzungskräfte des technischen Fortschritts bildet die Landwirtschaft. Hier fiel das Wachstum der Produktivität (infolge von Mechanisierung und Düngung) wesentlich höher aus als das Produktionswachstum. Effektive Freisetzungen waren bzw. sind die unausweichliche Folge. Würde eine solche Konstellation auch auf gesamtwirtschaftlicher Ebene bestehen, so wäre technologische Arbeitslosigkeit praktisch unvermeidbar. Auf gesamtwirtschaftlicher Ebene sind recht unterschiedliche Konstellationen zwischen Arbeitsproduktivitäts- und Produktionsentwicklung zu beobachten: In den sechziger Jahren übertraf das Produktionswachstum den Produktivitätsfortschritt (wY > wπ). Die Freisetzungsrate war also geringer als die Wiederbeschäftigungsrate. Die sich öffnende Lücke am Arbeitsmarkt wurde vor allem durch Frauen und ausländische Arbeitskräfte geschlossen. In der Folgezeit öffnete sich die Schere zwischen Produktivitäts- und Produktionswachstum aber in der umgekehrten Richtung. Das Wachstum des realen Inlandsprodukts war zu gering, um den Freisetzungseffekt des technischen Fortschritts noch vollständig zu kompensieren. Die Folge dieser „Lücke“ war eine anhaltende gesamtwirtschaftliche Arbeitslosigkeit. C. Hoher Beschäftigungsstand84 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 Umstritten ist allerdings, ob die auftretende Arbeitslosigkeit als ,,technologisch“ etikettiert werden sollte. Ursache der Lücke zwischen dem Produktions- und dem Produktivitätswachstum war nämlich nicht eine Beschleunigung des technischen Fortschritts. Im Gegenteil: Die Zuwachsraten der Arbeitsproduktivität sind im Zeitablauf gesunken. Die potenzielle Freisetzung hat sich also – prozentual betrachtet – abgeschwächt. Noch rascher als die Produktivität sind allerdings die Zuwachsraten der Produktion gesunken. Die (verringerte) Freisetzung von Arbeitskräften konnte somit nicht mehr durch Produktionssteigerungen kompensiert werden. Es wurden dadurch per Saldo Arbeitskräfte eingespart. Die eigentliche Ursache dieser Arbeitslosigkeit liegt insoweit nicht in der Beschleunigung des Rationalisierungsprozesses, sondern in der Verlangsamung des wirtschaftlichen Wachstums. Die zunehmende Arbeitslosigkeit in der Bundesrepublik seit Mitte der siebziger Jahre ist damit zu einem erheblichen Teil auf die anhaltende Wachstumsschwäche zurückzuführen. So zeigen Berechnungen, dass für eine Verbesserung der Arbeitsmarktsituation gegenwärtig mindestens eine Zuwachsrate des realen BIP von ca. 1 % bis 1,5 % erforderlich ist. Diese „Beschäftigungsschwelle“ hat sich im Laufe der Jahre allerdings deutlich nach unten verlagert. Es ist deshalb sachgerechter, diese Art der Arbeitslosigkeit als „Stagnationsarbeitslosigkeit“ zu bezeichnen. Hierauf wird im Folgenden näher eingegangen. b. Wachstumsschwäche und Stagnationsarbeitslosigkeit Stagnationsarbeitslosigkeit kann entstehen, wenn die Zuwachsraten der gesamtwirtschaftlichen Produktion im Trend abnehmen und nicht gleichzeitig – bedingt durch die Veränderung anderer Beschäftigungsparameter wie eine Verringerung des Rationalisierungseffekts oder eine Abnahme des Erwerbspersonenpotenzials – eine Entlastung des Arbeitsmarktes stattfindet. Stagnation ist allerdings von Rezession zu unterscheiden. Eine rezessive Entwicklung ist dadurch gekennzeichnet, dass das Produktionswachstum (Inlandsprodukt) temporär zurückgeht. Konkret versteht man darunter einen Rückgang des realen Bruttoinlandsprodukts in zwei aufeinander folgenden Quartalen jeweils gegenüber dem Vorjahresquartal. Von Stagnation spricht man hingegen, wenn ein anhaltender Rückgang der Zuwachsraten des realen Inlandsprodukts zu verzeichnen ist. Die Ursachen einer anhaltenden „Wachstumsschwäche“ sind strittig. Vertreter der Sättigungsthese weisen darauf hin, dass Volkswirtschaften ohnehin nicht über längere Zeiträume hinweg mit konstanten Raten wachsen können. Denn ein derartiges Wachstum müsste exponentiell verlaufen. Die Konsequenz wäre, dass der absolute Wohlstandszuwachs (in Mrd. Euro) fortwährend progressiv zunehmen würde. Es ist unbestritten, dass Wirtschaftssysteme in diesem Fall an „Grenzen des Wachstums“ (Club of Rome) stoßen müssen. Die Vertreter der Sättigungsthese verweisen zudem darauf, dass es mit zunehmendem Wohlstand auf immer mehr Märkten zu Nachfragesättigungen kommt, d. h. das Wirtschaftswachstum von der Nachfrageseite her begrenzt werde. In modernen Gesellschaften verlagern sich, so die Hypothese, die Bedürfnisse zunehmend weg von denjenigen Bedürfnissen, die über die Märkte befriedigt werden, hin VII. Wachstumsdefizitäre Arbeitslosigkeit 85 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 zu solchen Bedürfnissen, die ,,nicht marktorientiert“ sind. Verwiesen wird insbesondere auf das Verlangen nach mehr Freizeit und nach mehr immaterieller Lebensqualität. Die Folge eines derartigen Wertewandels von der marktorientierten Wohlstandsgesellschaft hin zur Freizeitgesellschaft sei die zu beobachtende Stagnation von Produktion und damit realem Volkseinkommen. Angebotstheoretiker, wie beispielsweise der Sachverständigenrat, sind hingegen der Auffassung, dass „Sättigung“ der über den Markt befriedigten Bedürfnisse keine reale Erscheinung ist. Die in der Realität zu beobachtende Stagnation des Produktions- und Volkseinkommenswachstums sei vielmehr Folge „falscher Rahmenbedingungen“ für die Investoren. Der Wunsch nach mehr materiellen und über die Märkte bereitgestellten immateriellen Gütern sei ohnehin vorhanden. Nach Auffassung des Rates sind die Bedürfnisse noch keineswegs ,,gesättigt“. Es gibt, so die Angebotstheoretiker, auch heute noch einen unbefriedigten Wunsch nach mehr Wohlstand und damit einen Wunsch nach noch höheren Realeinkommen – diese latenten Wünsche müssten nur geweckt und seitens der Produzenten befriedigt werden. Richtig sei zwar, dass auf einzelnen Märkten (Landwirtschaft, Haushaltsgeräte u. a. m.) Sättigungstendenzen zu beobachten seien. Diese ,,partiellen“ Sättigungen dürften jedoch nicht mit ,,allgemeiner“ Sättigung gleichgesetzt werden. Die zentrale Ursache der beobachtbaren Wachstumsschwäche wird vielmehr in ,,angebotsseitigen“ Störungen gesehen. Es gibt – so die zentrale These – nicht mehr genug wagemutige Pionierunternehmer, die durch das Eröffnen neuer Märkte das Wirtschaftssystem und damit das Wachstum in einem ,,Prozess der schöpferischen Zerstörung“ (Josef Alois Schumpeter, 1883 bis 1950) vorantreiben. Die Gründe für die angebotsseitigen Hemmnisse sind vielschichtig. Sie werden vor allem in leistungs- und motivationshemmenden Steuern und sozialpolitischen Regelungen sowie in einem Netz staatlicher Regulierungen und Bevormundungen erblickt. Derartige Faktoren erweisen sich als Innovations- und Investitionshemmnisse. Dadurch gerät die für den volkswirtschaftlichen Entwicklungsprozess so wichtige Bildung von Sachkapital ins Stocken. Bezüglich der negativen Rückwirkungen auf den Arbeitsmarkt könnte man dann von einer Kapitalmangel-Arbeitslosigkeit sprechen. Verwiesen wird in diesem Zusammenhang auch auf überhöhte Löhne, die zu einer Verschlechterung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit führen und damit den deutschen Standort für die Produzenten zunehmend unattraktiver machen. Ebenso sieht man in den – im internationalen Vergleich – geringen Maschinenlaufzeiten in deutschen Unternehmen einen Standort- und Wettbewerbsnachteil; die Flexibilisierung der Arbeitszeiten ist ein Instrument, diesem Nachteil zu begegnen. Indiz für die mangelnde Bereitschaft zur Flexibilität und Anpassung an technologische Veränderungen sei auch die Neigung, das gesamte Gesellschaftssystem in zu hohem Maße mit einem Netz von wohlfahrtsstaatlichen Sicherungen zu durchziehen. Erforderlich sei nicht das Festhalten und Bewahren ,,alter“ Strukturen, sondern das Aufbrechen dieser Verkrustungen und die Bereitschaft zur Anpassung an Neuerungen. Jüngst hat beispielsweise auch die OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Ent- C. Hoher Beschäftigungsstand86 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 wicklung, Paris) die Notwendigkeit zu mehr Flexibilität und Reformen in der Bundesrepublik Deutschland betont. Gerade die Flexibilität von Löhnen ist geeignet, die Arbeitslosigkeit zu reduzieren. Insbesondere (Neo-)Klassiker betonen in diesem Zusammenhang die Verantwortung der Lohnpolitik. Die durch Freisetzungseffekte bedingte Unterbeschäftigung verschwindet danach automatisch, wenn die Löhne nach unten flexibel sind. Abbildung C.19 veranschaulicht diesen Sachverhalt. Den Rahmen bildet der klassische Arbeitsmarkt, auf dem Arbeitsangebot und Arbeitsnachfrage von der Höhe des Reallohnsatzes (l) abhängen. Im Ausgangszeitpunkt liegt nun das Arbeitsangebot höher als die Arbeitsnachfrage, d. h. beim Lohnsatz l1 besteht Arbeitslosigkeit im Umfang von AL. Ist nun der Arbeitsmarkt, wie die Klassiker voraussetzen, ein Konkurrenzmarkt, so werden die Arbeitslosen bereit sein, zu einem niedrigeren Lohnsatz zu arbeiten. Dieser Unterbietungsprozess dauert so lange an, bis schließlich ein Lohnsatz zu Stande kommt, bei dem jeder Arbeiter, der zum herrschenden Lohn einen Arbeitsplatz sucht, auch einen Arbeitsplatz findet. Das ist aber nichts anderes als die Vollbeschäftigungssituation (A*). Nach diesen Überlegungen ist Arbeitslosigkeit also die Folge zu hoher Löhne, man spricht daher auch von ,,Hochlohnarbeitslosigkeit“. Zu beachten ist jedoch, dass bei diesem Ansatz nur der Kostencharakter der Löhne betont wird. Des Weiteren geht die Klassik von der Marktform des vollkommenen Polypols aus; in der Realität sind die Arbeitsmärkte jedoch zumeist bilaterale Monopole. Außerdem sind Löhne nach unten hin nicht flexibel; die Existenz von Tarifverträgen zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern sorgt für Mindestlöhne, die nicht ohne weiteres unterschritten werden können. Abb. C.19: ,,Hochlohnarbeitslosigkeit“ VII. Wachstumsdefizitäre Arbeitslosigkeit 87 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 Neben der Höhe und Entwicklung der Löhne im nationalen Raum muss auch das internationale Lohngefüge beachtet werden. Darauf wird immer wieder im Rahmen der „Standort-Diskussion“ hingewiesen. Gegenwärtig sind insbesondere in den Volkswirtschaften Osteuropas und in Asien die Arbeitskosten teilweise extrem niedrig. Dies kann zu Wettbewerbsnachteilen der heimischen Wirtschaft und zur Verlagerung von Arbeitsplätzen in das kostengünstigere Ausland sowie zu vermehrten Importen von Vorleistungen führen. Die zu verzeichnende Globalisierung der Güter- und Finanzmärkte wird auf diese Weise begleitet von einer Internationalisierung der Arbeitsmärkte. Dieser Trend kann sich per Saldo negativ auf den deutschen Arbeitsmarkt auswirken. c. Bevölkerungsentwicklung und demographische Arbeitslosigkeit Arbeitsmarktprobleme können auch Folge einer zu starken Ausdehnung des Arbeitskräfteangebots sein. Auslöser dieses Effekts sind Faktoren wie: • Eintritt geburtenstarker Jahrgänge auf dem Arbeitsmarkt, • Zuwanderungen aus dem Ausland, • Zunahme der Erwerbstätigkeit von Frauen. Steigt die Nachfrage nach Arbeitskräften nicht im entsprechenden Ausmaß, ist also der Arbeitsmarkt nicht in der Lage, das zusätzliche Arbeitskräfteangebot zu absorbieren, so kommt es zu Unterbeschäftigung. Die Ursache für Arbeitslosigkeit liegt also in diesem Fall in der demographischen Entwicklung (Demographie ist die Bevölkerungswissenschaft). Man spricht daher von ,,demographischer Arbeitslosigkeit“. Abb. C.20: Demographische Arbeitslosigkeit C. Hoher Beschäftigungsstand88 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 Formal kommen die beispielhaft genannten Vorgänge in einer Verlagerung der Vollbeschäftigungsmenge nach rechts zum Ausdruck (Abbildung C.20). Um den Anstieg von A0 auf das neue Vollbeschäftigungsniveau AVB herbeizuführen, müsste sich die Produktion von Y0 auf Y1 erhöhen. Fällt das Wachstum der Produktion jedoch geringer aus (z. B. Y2), so findet nur ein Teil des zusätzlichen Arbeitskräfteangebots einen Arbeitsplatz. Dadurch entsteht demographische Arbeitslosigkeit im Umfang von AL. Eine solche Erhöhung des Arbeitskräfteangebots war in der Bundesrepublik Deutschland seit Ende der siebziger Jahre beobachtbar. Folgt man den Schätzungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, so hat sich das Arbeitskräfteangebot in Westdeutschland von 1977 bis 1989 um etwa 2,4 Mio. Personen erhöht. Das entspricht einem durchschnittlichen jährlichen Anstieg des Angebots an Arbeitskräften von über 200.000 Personen. Der Anstieg des Erwerbspersonenpotenzials seit 1978 war insbesondere Folge der Entwicklung der Geburtenraten in den sechziger Jahren, der erheblich gestiegenen Erwerbsbeteiligung von Frauen sowie der Zuwanderungen aus dem Ausland. Soll ein derartiger demographisch bedingter Anstieg des Arbeitskräfteangebots nicht zu Arbeitslosigkeit führen, so müsste (unter sonst gleichen Umständen) die Zuwachsrate der gesamtwirtschaftlichen Produktion kräftig gesteigert werden. Das ist aber in den achtziger Jahren nicht in ausreichendem Maße gelungen. Das Produktionswachstum reichte nicht nur nicht aus, um die durch Rationalisierung eingesparten Arbeitsplätze neu entstehen zu lassen; es war zudem auch ,,zu gering“, um den demographisch bedingten Anstieg des Erwerbspersonenpotenzials zu kompensieren. Die Arbeitslosigkeit in der Bundesrepublik war insoweit zu einem erheblichen Teil auch demographischer Natur. Mit dem Ende des ersten Jahrzehnts dieses Jahrhunderts dürfte der Höhepunkt dieser Entwicklung erreicht sein. Nach allen vorliegenden Prognosen ist künftig mit einem ausgeprägten Rückgang der Erwerbspersonenpotenzials zu rechnen. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung schätzt, dass das gegenwärtige Niveau des Erwerbspersonenpotenzials in Höhe von knapp 45 Mio. Arbeitskräften (2010) bis zum Jahr 2025 auf etwa 41 Mio. Personen sinken wird. Der in den kommenden Jahrzehnten zu erwartende Rückgang des Arbeitskräfteangebots dürfte insoweit das Arbeitslosenproblem in Deutschland entschärfen. Bis 2050 wird sogar mit einem Rückgang des Arbeitskräfteangebots auf nur noch 32 Mio. Personen gerechnet (mittlere Basisvariante). Das sinkende Arbeitskräfteangebot wird die Wirtschaftspolitik vor neue Herausforderungen stellen (siehe hierzu auch Abschnitt C.VII.3) 2.  Bekämpfungsmöglichkeiten der wachstumsdefizitären Arbeitslosigkeit Den theoretischen Rahmen für eine ursachengerechte Bekämpfung der wachstumsdefizitären Arbeitslosigkeit liefert die bereits angeführte Bestimmungsgleichung für den Beschäftigungsgrad wb = wY – wπ – wAZ – wEPP. VII. Wachstumsdefizitäre Arbeitslosigkeit 89 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 Ausgehend von dieser Gleichung kommen prinzipiell zwei beschäftigungsfördernde Strategien in Betracht (siehe auch Abbildung C.21): • offensive Strategien: Das Beschäftigungsproblem kann offensiv angegangen werden. Hierzu ist der Versuch zu unternehmen, das wirtschaftliche Wachstum derart zu steigern, dass neue Arbeitsplätze entstehen, und die Arbeitslosigkeit gesenkt wird. Diese Wachstumsstrategie stellt quasi den Versuch dar, durch „Flucht nach vorn“ die Beschäftigungsprobleme zu lösen. Strittig ist allerdings das ,,Wie“, also die Frage des geeigneten Instrumentariums. Um 100.000 zusätzliche Arbeitsplätze in Deutschland zu schaffen, müsste das Produktionswachstum um etwa einen Prozentpunkt beschleunigt werden – das ist eine gewaltige Aufgabe für die Wachstumspolitik; • defensive Strategien: Skeptiker bezweifeln, dass die erforderlichen hohen Zuwachsraten des Inlandsprodukts erreicht werden können, um auf diese Weise die Beschäftigungsprobleme zu lösen. Will man eine anhaltend hohe Arbeitslosigkeit nicht in Kauf nehmen, so kommen ergänzend oder sogar alternativ zur offensiven Wachstumsstrategie defensive Maßnahmen zur Entlastung des Arbeitsmarktes in Betracht. Gefordert werden eine Verkürzung der Arbeitszeit, die Herabsetzung der flexiblen Altersgrenze und/oder die Drosselung des Produktivitätsfortschritts. Derartige Forderungen wurden in der Vergangenheit insbesondere von Seiten der Gewerkschaften erhoben und beschäftigungspolitisch begründet. Im Folgenden soll die Frage der Eignung dieser beiden Strategien näher untersucht werden. Abb. C.21: Ansatzpunkte zur Bekämpfung der wachstumsdefizitären Arbeitslosigkeit C. Hoher Beschäftigungsstand90 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 a. Offensive Strategien Die Beantwortung der Frage, wie das wirtschaftliche Wachstum gesteigert werden kann, hängt entscheidend davon ab, welches die Ursachen der anhaltenden Wachstumsverlangsamung sind. Hier lassen sich im Kern zwei Strömungen unterscheiden. Es stehen sich Ökonomen gegenüber, die an der • Nachfrageseite bzw. an der • Angebotsseite des Gütermarktes ansetzen. Eine detaillierte Darstellung der angebotsorientierten und nachfrageorientierte Wachstumspolitik findet sich in Kapitel E. Die Stärkung der Nachfrageseite steht im Zentrum des beschäftigungspolitischen Konzepts der Sättigungspessimisten. Sie vertreten die Auffassung, dass es zwar Bedarfssättigungen im privaten Bereich gebe; die Versorgung mit öffentlichen Leistungen sei jedoch noch unzureichend. Insbesondere in den Bereichen Umwelt, Städtesanierung, Sozialleistungen, Bildung, Energie u. a. m. gebe es einen bisher unbefriedigten Bedarf. Nach dieser Auffassung ist es Aufgabe des Staates, die Sättigungstendenzen im privaten Sektor durch Erhöhung der staatlichen Ausgaben zu kompensieren und damit die Arbeitsplatzverluste aufzufangen. Im Unterschied zum keynesianischen Ansatz soll hier allerdings der Staat nicht nur vorübergehend, sondern über eine längere Periode hinweg die privaten Nachfrageausfälle ausgleichen. In Abgrenzung zum keynesianischen Konzept der Konjunkturpolitik wird diese Strategie auch als „links-keynesianisch“ bezeichnet. Der Tatbestand, dass infolge dieser Strategie der Anteil des Staates am Inlandsprodukt permanent steigt, bedeutet eine aus ordnungspolitischer Sicht fragwürdige Entwicklung. Problematisch an diesem Vorschlag ist zum andern die Finanzierung der Staatsausgaben. Der Weg der Finanzierung der zusätzlichen Staatsausgaben über Steuern kommt nicht in Betracht. Die Steuerfinanzierung würde zu einer unerwünschten Zurückdrängung der privaten Nachfrage führen (,,steuerliches crowding out“). Sofern die Finanzierung der Ausgaben über Geldschöpfung bei der Zentralbank erfolgen würde, müsste mit einem Anheizen der Inflation gerechnet werden. Zudem bedürfte dies im Euro-Währungsgebiet entweder einer Änderung der geltenden Gesetze oder aber zumindest der Bereitschaft, eine derartige Politik aktiv zu betreiben. Dies galt bereits zu der Zeit, als die Deutsche Bundesbank noch die währungspolitische Hoheit in der Bundesrepublik besaß. Das Verbot der Gewährung von Zentralbankkrediten an den Staat entstammt den teilweise schmerzhaften historischen Erfahrungen, die man machen musste, wenn sich der Staat ungehindert der Notenpresse bedienen konnte. Gleichwohl wurde in der Vergangenheit immer wieder die Forderung erhoben, staatliche Beschäftigungsprogramme über zinslose und tilgungsfreie Zentralbankkredite, also faktisch über Geldschöpfung, zu finanzieren. Infolge der Erhöhung der Geldmenge und damit der Gefährdung der Geldwertstabilität würden auf Dauer die internationale Wettbewerbsfähigkeit und VII. Wachstumsdefizitäre Arbeitslosigkeit 91 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 das wirtschaftliche Wachstum beeinträchtigt (,,inflatorisches crowding out“). Die Finanzierung der Staatsausgaben über die Erhöhung der Kreditaufnahme am Geld- und Kapitalmarkt (ohne zusätzliche Geldschöpfung der Zentralbank) würde das Zinsniveau in die Höhe treiben. Dadurch käme es zu einer Beeinträchtigung der beschäftigungspolitisch notwendigen privaten Investitionen (,,zinsbedingtes crowding out“). Auch bei dieser Art der Finanzierung wäre durch die Schaffung von Giralgeld mit einem Anstieg der Geldmenge zu rechnen. Das Mehr an kreditfinanzierter Staatsnachfrage würde auf Kosten der privaten Nachfrage erreicht. In keinem der Fälle wäre für die Beschäftigung etwas gewonnen. Es würden per Saldo lediglich Arbeitsplätze im privaten Sektor gegen Arbeitsplätze beim Staat getauscht. Abgesehen von der ordnungspolitischen Problematik der Erhöhung der Staatsquote ist die beschäftigungspolitische Effizienz dieser Strategie also äußerst fragwürdig. Links-Keynesianer argumentieren zwar, dass ein derartiges staatliches Beschäftigungsprogramm mit erheblichen Multiplikatoreffekten einhergehe und sich auf diese Weise quasi von selbst finanziere. Ob und wie stark diese Multiplikatoreffekte jedoch in der Realität ausfallen, ist sehr umstritten. Wie bereits erwähnt, geht die Bundesbank davon aus, dass staatliche Beschäftigungsprogramme auf Dauer mehr schaden, als sie beschäftigungspolitisch nützen (negativer Multiplikatoreffekt). Lediglich kurzfristig seien positive Wachstums- und Beschäftigungseffekte zu erwarten, die Strategie liefe also auf ein Strohfeuer mit langfristig negativen Folgen hinaus. In der Bundesrepublik Deutschland haben sich die Vertreter einer links-keynesianischen Beschäftigungspolitik politisch nicht durchsetzen können. In Frankreich wurde zu Beginn der Staatspräsidentschaft von François Mitterrand eine wirtschaftspolitische Strategie verfolgt, die sich an links-keynesianischen Theorien orientierte (Programme zur Ausweitung der Beschäftigung im Staatssektor). Seit  1986 vollzog sich allerdings auch dort ein Kurswechsel von der Verschuldungsstrategie hin zu einer Politik der Verbesserung der Wachstumsbedingungen im privaten Sektor (angebotsorientierte Wirtschaftspolitik). Auch in Schweden ist eine ähnliche Entwicklung zu verzeichnen. Die Steigerung des Angebots auf dem Gütermarkt bildet den zentralen Angelpunkt der beschäftigungspolitischen Strategie der Angebotstheoretiker. Ein Vertreter der angebotspolitischen Konzeption ist in Deutschland der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Er plädiert für eine Wachstumspolitik, die nicht den öffentlichen, sondern den privaten Sektor stärkt. Das für Vollbeschäftigung erforderliche Wirtschaftswachstum soll durch Revitalisierung der Marktkräfte erreicht werden. Die Devise lautet: ,,Mehr Markt und weniger Staat“. Dem Staat kommt danach die Aufgabe zu, Wachstumshemmnisse zu beseitigen und private Initiative und Wagemut wieder lohnend zu machen. Plädiert wird insbesondere für • Steuerentlastungen (speziell in den hohen Progressionszonen), die das Ziel verfolgen, die Leistungsbereitschaft der Wirtschaftssubjekte zu steigern, • die Beseitigung administrativer Investitionshemmnisse (z. B. Verordnungen im Bauwesen, langwierige Genehmigungsverfahren), C. Hoher Beschäftigungsstand92 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 • den Abbau von Subventionen, die lediglich der Erhaltung von Krisenbranchen dienen (,,Subventionen sind ein Krebsschaden“, so der Sachverständigenrat) und • die Verringerung (Konsolidierung) der zinstreibenden und damit die Investitionstätigkeit beeinträchtigenden Staatsschulden (Konsolidierung der ,,strukturellen“ Budgetdefizite). Den Tarifparteien kommt in diesem Zusammenhang die Aufgabe zu, durch Lohnzurückhaltung zur Kostenentlastung der Unternehmen und damit zur Verbesserung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit beizutragen. Die Lohnpolitik soll insbesondere der Produktivitätsentwicklung in den jeweiligen Branchen verstärkt Rechnung tragen (sektoral differenzierte Lohnpolitik). Darüber hinaus wird für das Aufbrechen von Verkrustungen am Arbeitsmarkt (Kündigungsschutzverordnungen, Rationalisierungsschutzabkommen, flexiblere Arbeitszeitregelungen) plädiert. Im Übrigen wird eine Wirtschaftspolitik gefordert, die sich durch Stetigkeit und Berechenbarkeit auszeichnet und damit einen stabilen Rahmen für das Wirtschaften der privaten Investoren schafft. Angebotsorientierte Wirtschaftspolitik verheißt jedoch keine raschen Erfolge. Sie ist vielmehr eine „Politik des langen Atems“, die sich von der Überzeugung leiten lässt, dass die Wachstums- und Beschäftigungsprobleme nur durch eine auf längere Frist angelegte Politik der Revitalisierung der Marktkräfte überwunden werden können. Das Risiko dieser Politik besteht vor allem darin, dass die Milderung der Beschäftigungsprobleme kurzfristig nicht gesichert ist. Im Gegenteil, es muss unter Umständen sogar eine vorübergehend noch höhere Arbeitslosigkeit in Kauf genommen werden. Die Botschaft der Angebotstheoretiker lautet, dass die Wirtschaftspolitik nicht erst dann auf Probleme reagieren darf, wenn das ,,Kind schon in den Brunnen gefallen ist“, sondern dass unabhängig von Krisensituationen die Rahmenbedingungen so gestaltet werden müssen, dass das Marktsystem in die Lage versetzt wird, Krisen über die Selbstheilungskräfte des Marktes zu überwinden. In diesem Gedanken zeigt sich deutlich der klassisch-neoklassische Glaube an die inhärente Stabilität des privaten Sektors. Die Erfahrungen mit der angebotsorientierten Wirtschaftspolitik in der Bundesrepublik Deutschland haben gezeigt, dass diese Strategie durchaus geeignet ist, die Wachstums- und Beschäftigungsbedingungen zu verbessern. Zunächst war dies in den achtziger Jahren der Fall. In der jüngeren Vergangenheit führten die mit der ,,Agenda 2010“ eingeleiteten Reformen, wie steuerliche Entlastungen der Unternehmen, Senkung der Lohnstückkosten, Konsolidierung der Haushalte oder Liberalisierung der Märkte zu einer – wenn auch zeitlich verzögert einsetzenden – verstärkten Wachstumsdynamik. Die Folge war ein Rückgang der Arbeitslosenzahlen sowie ein Anstieg der Beschäftigung. Die große Krise der Weltwirtschaft 2008/09 hat diese Entwicklung zumindest in Deutschland kurzfristig unterbrochen, die wirtschaftliche Dynamik ist allerdings auch im Jahr 2011 (erneut) ungebremst. Diese Entwicklungen können als Beleg für die Erfolge einer angebotsorientierten Wirtschaftspolitik gewertet werden. Aufgabe der Politik muss es daher sein, die eingeschlagenen Reformwege nicht zu verlassen. Für die Zukunft bedeutet dies vor allem auch, dass die öffentlichen VII. Wachstumsdefizitäre Arbeitslosigkeit 93 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 Haushalte konsolidiert werden müssen. Trotz der inzwischen eingetretenen deutlichen Belebung am Arbeitsmarkt hat sich gleichwohl ein erheblicher Teil des Arbeitslosenproblems so sehr verfestigt, dass es kaum mehr möglich sein dürfte, diese Dauerarbeitslosen wieder in ,,Lohn und Brot“ zu bringen. Hier tritt deutlich die Existenz der strukturellen Arbeitslosigkeit, insbesondere von sog. „Problemgruppen“ zutage. Zudem zeigen die Erfahrungen mit den Vorschlägen der angebotsorientierten Wirtschaftspolitik auch, dass in der politischen Realität viele für erforderlich gehaltene Maßnahmen nicht durchgesetzt werden können. Als Beispiele seien der geforderte Subventionsabbau oder die Reduzierung sozialer Leistungen erwähnt. Die verteilungs- und sozialpolitischen Begleiterscheinungen der Angebotspolitik werden häufig als „ungerecht“ empfunden. Die Folge sind Widerstände im politischen Raum und die Verwässerung der Maßnahmen. In keinem Land, auch nicht in der jüngeren Vergangenheit in den USA unter der Führung von Präsident Ronald Reagan oder in Großbritannien unter Margaret Thatcher wurde allerdings ,,angebotsorientierte Wirtschaftspolitik“ jemals in ,,Lehrbuchform“ praktiziert. b. Defensive Strategien Skeptiker bezweifelten insbesondere in der Zeit der hohen Unterbeschäftigung in Deutschland, dass das Beschäftigungsproblem allein mittels einer offensiven Wachstumsstrategie einer Lösung zugeführt werden könnte. Sie finden sich vielmehr mit einem relativ geringen Wirtschaftswachstum ab und plädierten für defensive Maßnahmen. Hierzu gehören insbesondere drei Ansatzpunkte, nämlich • Arbeitszeitverkürzungen, • Bremsung des technischen Fortschritts und • zurückhaltende Lohnpolitik Die Verkürzung der Arbeitszeit zielt generell darauf ab, die bei nicht ausreichendem Wachstum nur eingeschränkt zur Verfügung stehenden Arbeitsplätze „gerechter“ auf alle Arbeitnehmer zu verteilen. Dies kann theoretisch durch die Verkürzung der Lebens-, Jahres- und/oder Wochenarbeitszeit geschehen. In diesen Zusammenhang ist auch die Forderung nach Abbau von Überstunden einzuordnen. Unstrittig ist, dass durch Verkürzung der Arbeitszeit bereits in der Vergangenheit der Arbeitsmarkt entlastet worden ist. Strittig ist jedoch, ob es gelingen kann, durch eine forcierte Arbeitszeitverkürzung (z. B. durch Übergang zur 35-Stunden-Woche) das Beschäftigungsproblem tatsächlich nachhaltig zu lösen. Es ist nämlich keineswegs so, dass ein gegebenes Arbeitsvolumen (berechnet als Produkt aus Beschäftigten mal durchschnittlicher Arbeitszeit) rechnerisch einfach nur derart umgeschichtet werden kann, dass also die durchschnittliche Arbeitszeit gesenkt und im Gegenzug die Zahl der Beschäftigten entsprechend gesteigert wird. Berechnungen, wonach die Reduktion der Wochenarbeitszeit um eine Stunde zu einem Beschäftigungseffekt von 500.000 Personen führe, C. Hoher Beschäftigungsstand94 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 sind jedenfalls reine „Milchmädchenrechnungen“. In der Praxis ist nämlich zu beobachten, dass • der Beschäftigungseffekt der Arbeitszeitverkürzung ganz oder teilweise durch Produktivitätssteigerungen neutralisiert wird. Dies ist zum einen Folge der Arbeitsverdichtung, d. h. höherer Leistung bei unverändertem Maschinenpark; diese Entwicklung dürfte in vielen Fällen mit einem höheren Arbeitsdruck für die Beschäftigten einhergehen. Zum andern tätigen die Unternehmer Rationalisierungsinvestitionen, insbesondere bei Arbeitszeitverkürzung mit vollem Lohnausgleich. Zu beachten ist außerdem, dass Arbeitszeitverkürzungen nicht selten dazu führen, dass die Beschäftigten verstärkt Überstunden abzuleisten haben; dies nicht zuletzt auch wegen des Fehlens zusätzlicher Fachkräfte. Angesichts dieser Effekte erscheint die Entstehung neuer Arbeitsplätze fraglich; • die Arbeitszeitverkürzung dann zur Verschlechterung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit und damit zu Exporteinbußen führen kann, wenn im Inland wesentlich kürzer gearbeitet wird als im Ausland (längere Maschinenstillstandzeiten führen zu höheren Produktionskosten); • die Arbeitszeitverkürzung zu einem steigenden Arbeitskräfteangebot führen kann, und zwar deshalb, weil sich bei verkürzter Wochenarbeitszeit insbesondere verheiratete Frauen zunehmend für eine (Halbtags-)Erwerbstätigkeit entscheiden; dann wird aber der Arbeitsmarkt von der Seite des Arbeitskräfteangebots zusätzlich belastet; • eine Verkürzung der Lebensarbeitszeit zu einem Vorziehen der Rentenzahlungen führt, mit der Folge von zunehmender Finanzierungsprobleme der Altersversorgungssysteme. Angesichts der gegenwärtig ohnehin leeren Kassen der Rentenversicherungsträger würde sich deren Finanzlage noch weiter anspannen. Die beschäftigungspolitischen Effekte einer Arbeitszeitverkürzung sind im Vorhinein kaum abschätzbar. Auch im Nachhinein ist strittig, ob und in welchem Ausmaß die in der Bundesrepublik Deutschland insbesondere seit Mitte der 1980er Jahre durchgesetzte Arbeitszeitverkürzung zu einer Mehrbeschäftigung geführt hat. Hierzu müsste ja die Frage beantwortet werden, wie sich Arbeitsproduktivität, Exporte, Inlandsprodukt und andere beschäftigungspolitisch wichtige Parameter entwickelt hätten, wenn keine Arbeitszeitverkürzung durchgesetzt worden wäre. Klar muss aber sein, dass eine Umverteilung von Arbeit mit einer Umverteilung von Einkommen einhergehen muss. Insofern ist der Streit um die Arbeitszeitverkürzung auch eine Auseinandersetzung zwischen denjenigen, die einen Arbeitsplatz „besitzen“ und denjenigen, die arbeitslos sind. Wenn zusätzliche Arbeits- und Einkommensmöglichkeiten für die bisherigen arbeitslosen geschaffen werden sollen, so kann der vorhandene Verteilungsspielraum kann nicht sowohl für Einkommenssteigerungen als auch in Form einer Verkürzung der Arbeitszeit der bisher Beschäftigten ausgeschöpft werden. Die Beschäftigten müssen vielmehr zu einer Einfrierung oder gar Reduzierung ihrer Realeinkommen bereit sein. Arbeitszeitverkürzungen mit vollem Lohnausgleich führen VII. Wachstumsdefizitäre Arbeitslosigkeit 95 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 letztlich nur zu Inflation und erzwingen somit auf diesem Wege die Anpassung der Realeinkommen nach unten. Eine weitere defensive beschäftigungspolitische Strategie mündet in die Bremsung des technischen Fortschritts. Unbeschadet der Tatsache, dass sich der Produktivitätsfortschritt in der Bundesrepublik nicht beschleunigt, sondern sogar verlangsamt hat, ist ein Teil des Beschäftigungsproblems auf Rationalisierungen zurückzuführen. Es wird daher teilweise vorgeschlagen, den Rationalisierungsprozess zu verlangsamen, um hierdurch den Freisetzungseffekt des technischen Fortschritts, d. h. das Problem der technologischen Arbeitslosigkeit, zu mildern. Die Verlangsamung des Rationalisierungsprozesses kann zum einen direkt erfolgen, z. B. mittels Rationalisierungsschutzabkommen. Derartige Maßnahmen würden sich jedoch auf Dauer sehr nachteilig auf die internationale Wettbewerbsfähigkeit auswirken. So erlangt die Bundesrepublik ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit vornehmlich bei forschungs- und technologieintensiven Produkten. Durch Rationalisierungsschutzabkommen würde die internationale Wettbewerbsposition verschlechtert. Die Folge wären rückläufige Exporte und damit Wachstums- und Beschäftigungsverluste. Widerstände gegen technische Neuerungen schwächen die internationale Wettbewerbsfähigkeit und vereiteln Chancen zur Schaffung neuer Arbeitsplätze. Empirisch ist belegbar, dass es gerade die innovativen Branchen sind, die Wachstums- und Beschäftigungsgewinne zu verzeichnen haben. Auch hier ist die „Flucht nach vorn“ sicherlich erfolgversprechender als die Verteidigung alter technologischer Strukturen. Andererseits besteht aber auch die Möglichkeit, die Bremsung des technischen Fortschritts auf indirekte Weise vorzunehmen. Ansatzpunkt hierfür sind die Löhne. Steigen die Nominallöhne schwächer als das Preisniveau, so sinken – bei unveränderter Produktivität – die Reallöhne. Dies kann den ,,beschäftigungsfeindlichen“ Substitutionsprozess von Arbeit durch Kapital verlangsamen, möglicherweise sogar umkehren. Die marktwirtschaftskonforme Strategie der Lohnzurückhaltung erlaubt es, lohnkostenseitig unrentable Arbeitsplätze zumindest teilweise zu erhalten. Allerdings ist nicht zu erwarten, dass durch eine forcierte Reallohnsenkung die Richtung des bisher arbeitskräftesparenden technischen Fortschritts grundlegend umgekehrt werden kann. Zudem kann und darf ein hoch entwickeltes Land wie die Bundesrepublik Deutschland nicht versuchen, durch ,,künstliche“ Lohnzurückhaltung ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit in Branchen zu erhalten, deren Produktion und Arbeitsplätze sinnvollerweise an ausländische Produzenten abgegeben werden sollten. Beispielsweise sind die deutschen Arbeitskräfte für die Herstellung von geringwertigen Textilien nicht nur zu teuer, sie sind hierzu auch zu gut qualifiziert. Das heißt jedoch nicht, dass durch Lohnerhöhungen die Beschäftigungsprobleme gelöst werden können – das Gegenteil ist der Fall. Einen zusammenfassenden Überblick zur wachstumsdefizitären Arbeitslosigkeit gibt Abbildung C.22. C. Hoher Beschäftigungsstand96 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 Abb. C.22: Zusammenfassende Übersicht zur wachstumsdefizitären Arbeitslosigkeit VII. Wachstumsdefizitäre Arbeitslosigkeit 97 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 An dieser Stelle ist es angebracht, noch kurz auf das besondere Beschäftigungsproblem in den neuen Bundesländern einzugehen. Aufgrund der obigen Ausführungen kann die in Ostdeutschland bestehende Arbeitslosigkeit als eine Mischform von struktureller und wachstumsdefizitärer Arbeitslosigkeit typologisiert werden. Strukturelle Arbeitslosigkeit liegt dort in einer ganz spezifischen Form vor. Man könnte von einer systemwandelbedingten Arbeitslosigkeit sprechen. Die drei relevanten Sektoren wiesen zum Zeitpunkt der Wiedervereinigung im Vergleich zu Westdeutschland eine ganz andere Struktur auf: Der primäre und der sekundäre Sektor waren wesentlich bedeutsamer („Arbeiter- und Bauernstaat“), dagegen der tertiäre Sektor weniger ausgeprägt. Mit dem Wechsel der Wirtschaftsordnung ist nun aber auch ein Wechsel in der Produktionsstruktur erforderlich. Sie entsprach, wie mit dem Wegfall der Mauer jedem drastisch vor Augen geführt wurde, nicht der Bedürfnisstruktur der Bevölkerung. Daher waren (bzw. sind) viele Betriebe in Ostdeutschland nicht mehr in der Lage, ihre Mitarbeiter zu beschäftigen. Zu dem Problem der ,,falschen Produkte“ kommt auf der Angebotsseite die geringe Produktivität hinzu. Sie liegt, wie man inzwischen weiß, in vielen Betrieben noch niedriger als befürchtet. Veraltete Maschinen und veraltete Produktionsmethoden verhindern vielfach noch immer die Wettbewerbsfähigkeit auf nationaler und internationaler Ebene. Dieser Aspekt mündet in die wachstumsdefizitäre Arbeitslosigkeit. Um sie zu bekämpfen, gilt es in erster Linie, den in Ostdeutschland bestehenden Kapitalmangel möglichst rasch zu beseitigen. Hierzu sind Investitionen in gro- ßem Ausmaß erforderlich. Sie müssen sowohl vom Staat (Infrastrukturinvestitionen) als auch von Privaten getätigt werden. Erst dann ist eine nennenswerte Steigerung des Angebots und damit einhergehend die Schaffung neuer Arbeitsplätze möglich. Der Versuch, die Beschäftigungsprobleme durch Einführung der 35-Stunden-Woche zu lösen, ist angesichts der Produktivitätslücke sehr skeptisch zu beurteilen. Für die betroffenen Unternehmen bzw. Branchen ist dadurch mit einer weiteren Verschlechterung der Wettbewerbsbedingungen zu rechnen, was sich kontraproduktiv auf die Arbeitsplätze auswirken wird. Abschließend bleibt festzuhalten, dass die Ausführungen zum Ziel des hohen Beschäftigungsstandes zeigten, dass keine der vorgestellten Optionen für sich allein in Anspruch nehmen kann, ein Patentrezept zur Lösung des Arbeitslosenproblems zu sein. Jede Strategie ist mit mehr oder minder ausgeprägten ökonomischen und sozialen Risiken verbunden. Die Entscheidung für eine Strategie bzw. für einen Strategie-Mix hat sich an den jeweiligen Ursachen des Beschäftigungsproblems zu orientieren, sie muss sich aber auch vom politisch Machbaren leiten lassen. Theoretisch optimale, politisch jedoch nicht durchsetzbare Maßnahmen sind schließlich auch nicht geeignet, die Arbeitslosigkeit zu verringern. Zudem sollten die Ausführungen deutlich machen, dass angesichts der Komplexität des Problems der Arbeitslosigkeit nur ein Bündel von aufeinander abgestimmten ursachengerechten Maßnahmen erfolgversprechend ist. Patentrezepten ist zu misstrauen.

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Wirtschaftspolitik verständlich erklärt.

"Wer eine kompakte und verständliche Einführung in die Wirtschaftspolitik sucht, ist mit diesem schon seit langem erfolgreichen und weitverbreiteten Lehrbuch bestens bedient."

in: Studium 90/2012

Alles zur Wirtschaftspolitik

Dieses Lehrbuch befasst sich mit den Grundfragen und den aktuellen, zentralen Aufgabenfeldern der Wirtschaftspolitik: Sicherung des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts und Gewährleistung einer nachhaltigen ökologischen Entwicklung. Die Neuauflage geht jetzt noch ausführlicher auf die Problematik des demografischen Wandels sowie die Eurokrise ein.

"Wer immer eine gelungene Einführung in die Wirtschaftspolitik sucht - ob Studierende der Wirtschaftswissenschaften im Grundstudium bzw. Teilnehmer vergleichbarer Aus- und Fortbildungsstätten oder am Wirtschaftsgeschehen interessierte Praktiker - wird von diesem Lehrbuch nicht enttäuscht werden."

in: www.rezensionen.ch 15.5.12

Autoren

Prof. Dr. Gerhard Mussel unterrichtet Volkswirtschaftslehre an der Dualen Hochschule

Baden-Württemberg Stuttgart.

Prof. Dr. Jürgen Pätzold ist Honorarprofessor an der Universität Hohenheim.