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VII. Umweltschutz und Standortqualität in:

Gerhard Mussel, Jürgen Pätzold

Grundfragen der Wirtschaftspolitik, page 289 - 290

8. Edition 2012, ISBN print: 978-3-8006-4261-8, ISBN online: 978-3-8006-4374-5, https://doi.org/10.15358/9783800643745_300

Bibliographic information
VII. Umweltschutz und Standortqualität 289 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 schaftlich wichtigen Informationsfeldern zusammenzustellen. Hierzu zählen neben der Umwelt z. B. auch das Gesundheitswesen, das Ausbildungssystem und die Forschungsaktivitäten. Ende der achtziger Jahre beschloss das Statistische Bundesamt, das Satellitensystem ,,Umwelt“ zu einer ,,Umweltökonomischen Gesamtrechnung“ (UGR) auszubauen. Ziel eines solchen Systems ist es, die in der Sozialproduktberechnung nicht berücksichtigten externen Effekte der Produktion und des Konsums auf die Umwelt quantitativ zu erfassen. Die Umweltökonomische Gesamtrechnung (UGR) soll sowohl eine laufende Umweltberichterstattung als auch wissenschaftliche Analysen im Bereich der Umweltökonomie ermöglichen. Die entsprechenden Informationen werden parallel zum traditionellen Inlandsprodukt ausgewiesen. 3. Soziale Indikatoren Die praktische Statistik greift damit einen Ansatz auf, der in der Wissenschaft bereits in den siebziger Jahren entwickelt wurde und als ,,Soziale Indikatoren“ bekannt ist. Mit einem gesellschaftlichen Kennziffernsystem wird der Rahmen der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung verlassen, und es wird versucht, auf der Basis eines umfassenden Berichtssystems die verschiedenartigsten Komponenten der Wohlfahrt eines Landes zu erfassen und einem internationalen Vergleich zugänglich zu machen. Angesichts der Bewertungsproblematik wird auf eine Aggregation zu einer einzelnen „Wohlfahrtsgröße“ bewusst verzichtet. VII. Umweltschutz und Standortqualität In der Debatte um den Wirtschaftsstandort Deutschland nimmt neben der Höhe der Löhne und der Steuerbelastung auch die Intensität der Umweltschutzauflagen einen wachsenden Stellenwert ein. Einerseits wird darauf verwiesen, dass hohe deutsche Umweltstandards die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Firmen beeinträchtigen und als Investitionshemmnis wirken. Insbesondere die Kompliziertheit der Umweltschutzvorschriften und die Länge der Genehmigungsverfahren wirke auf die Investoren abschreckend. Andererseits wird argumentiert, dass die anspruchsvolle deutsche Umweltschutzpolitik maßgeblich dafür verantwortlich sei, dass die deutsche Wirtschaft eine sehr gute Position auf dem Markt für Umweltschutzgüter erreicht habe. Eine Vorreiterrolle in der Umweltschutzpolitik löse daher Investitionsimpulse aus, die auch zu Vorsprüngen beim internationalen Wettbewerb in der Umwelttechnologie führten und damit auch wachstums- und beschäftigungsfördernd wirken. Darüber hinaus wird argumentiert, dass eine geringe Umweltbelastung in einem Land ein zunehmend wichtigerer positiver (,,weicher“) Standortfaktor sei. ,,Weiche Standortfaktoren“ sind im Unterschied zu ,,harten“ Standortfaktoren (wie Lohnkosten, Produktivität, Steuersätze, Verkehrsanbindungen, Versorgungs- und Entsorgungsleistungen, Verfügbarkeit und Ausbildung der Arbeits- VII. Umweltschutz und Standortqualität G. Ökologisches Gleichgewicht290 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 kräfte) qualitative Aspekte; Beispiele sind Wohn- und Freizeitwert, kulturelles Angebot, Bildungsangebote, Imagewerte und die Umweltgüte der betreffenden Region. Die Umweltqualität einer Region hat besondere Bedeutung für die Wohn- und Freizeitqualität. Sie wirkt sich damit positiv auf die Möglichkeit aus, qualifiziertes Fach- und Führungspersonal zu halten oder zu gewinnen. Eine hohe Umweltqualität ist für einige Unternehmen sogar ein bedeutender Produktionsfaktor. Land- und Forstwirtschaft, Fremdenverkehr, Fischerei, Mineralwasserhersteller, aber auch verschiedene Bereiche der Mikrotechnologie (z. B. Chip- und Solarzellenhersteller) bedürfen intakter Umweltbedingungen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass in einem „globalen Weltmarkt“ ohne Schranken auch hohe Umweltauflagen Anlass für Standortverlagerungen in das Ausland sein können. Wettbewerbs- und Standortnachteile sind aber vor allem auch Folge einer ökonomisch ineffizienten Umweltpolitik. Solange sich die Umweltschutzpolitik den Luxus leistet, Schadstoffe nicht dort zu verringern, wo dies am kostengünstigsten erfolgen kann, ist mit stärkeren negativen Standorteffekten zu rechnen als bei einer intelligenten Umweltschutzpolitik, die sich marktsteuernder Instrumente bedient. Statt integriertem Umweltschutz mit marktwirtschaftlichen Instrumenten herrscht in Deutschland immer noch der additive oder nachsorgende Umweltschutz vor, der sich in erster Linie auf das teure Instrument des Ordnungsrechts stützt. Die schnelle Abfolge neuer Auflagen verhindert die systematische Suche der Unternehmen nach ökonomisch effizienten (integrierten) Lösungen. Auch die Beschäftigungseffekte einer marktsteuernden Umweltschutzpolitik sind höher einzuschätzen als die Beschäftigungseffekte einer Umweltschutzpolitik, die am Ende des Produktionsprozesses ansetzt (end-of-pipe-Strategie). Denn integrierter Umweltschutz ist in der Regel wirtschaftlicher als nachsorgender Umweltschutz.

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References

Zusammenfassung

Wirtschaftspolitik verständlich erklärt.

"Wer eine kompakte und verständliche Einführung in die Wirtschaftspolitik sucht, ist mit diesem schon seit langem erfolgreichen und weitverbreiteten Lehrbuch bestens bedient."

in: Studium 90/2012

Alles zur Wirtschaftspolitik

Dieses Lehrbuch befasst sich mit den Grundfragen und den aktuellen, zentralen Aufgabenfeldern der Wirtschaftspolitik: Sicherung des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts und Gewährleistung einer nachhaltigen ökologischen Entwicklung. Die Neuauflage geht jetzt noch ausführlicher auf die Problematik des demografischen Wandels sowie die Eurokrise ein.

"Wer immer eine gelungene Einführung in die Wirtschaftspolitik sucht - ob Studierende der Wirtschaftswissenschaften im Grundstudium bzw. Teilnehmer vergleichbarer Aus- und Fortbildungsstätten oder am Wirtschaftsgeschehen interessierte Praktiker - wird von diesem Lehrbuch nicht enttäuscht werden."

in: www.rezensionen.ch 15.5.12

Autoren

Prof. Dr. Gerhard Mussel unterrichtet Volkswirtschaftslehre an der Dualen Hochschule

Baden-Württemberg Stuttgart.

Prof. Dr. Jürgen Pätzold ist Honorarprofessor an der Universität Hohenheim.