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VI. Ökologische Erweiterung der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung in:

Gerhard Mussel, Jürgen Pätzold

Grundfragen der Wirtschaftspolitik, page 287 - 288

8. Edition 2012, ISBN print: 978-3-8006-4261-8, ISBN online: 978-3-8006-4374-5, https://doi.org/10.15358/9783800643745_298

Bibliographic information
VI. Ökologische Erweiterung der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung 287 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 Infolge der genannten internen und externen Vorteile des Öko-Audits kann sich auditiertes Umweltmanagement für ein Unternehmen also durchaus rechnen. Den Vorteilen und Nutzen stehen allerdings auch Kosten gegenüber. Sie setzen sich einerseits aus den direkten Kosten für die Umweltbegutachtung und die Registrierung der Umwelterklärung sowie für externe Berater, die vor allem bei einer erstmaligen Auditierung zu konsultieren sind, zusammen. Hinzu kommen die Kosten für die Mitarbeiter, die mit der Errichtung und laufenden Durchführung des betrieblichen Umweltmanagements beauftragt sind. Umwelt-Audit ist ein noch junges Instrument zur Stärkung der umweltpolitischen Eigenverantwortung der Unternehmen. Abschließende Urteile über die Eignung dieses Instruments können daher noch nicht gefällt werden. Tendenziell lassen die ersten Erfahrungen jedoch den Schluss zu, dass die Unternehmen durch die Teilnahme an einer Öko-Auditierung durchaus betriebliche Vorteile erzielen können und gleichzeitig der Umweltschutz verbessert wird. Die Stärkung der Eigenverantwortung fördert zudem den integrierten Umweltschutz. Öko-Audit ist außerdem ein geeigneter Ansatz zur angestrebten Deregulierung der Umweltpolitik. Dennoch muss darauf hingewiesen werden, dass Öko-Audit nur unterstützend eingesetzt werden kann. Es ist insbesondere kaum geeignet, die marktorientierten Instrumente der Umweltpolitik zu ersetzen. Öko-Audit dient aber der besseren Kooperation zwischen Wirtschaft auf der einen und Staat auf der anderen Seite. Es kann den Staat aber nicht aus seiner Verantwortung für die Internalisierung der negativen externen Effekte des Handelns von Unternehmen und Konsumenten entlassen. VI. Ökologische Erweiterung der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung Mit einem höheren realen Bruttoinlandsprodukt wird insbesondere im politischen Bereich gewöhnlich ein höheres Wohlstandsniveau einer Volkswirtschaft verbunden. Diese Schlussfolgerung ist seit Ende der sechziger Jahre jedoch zunehmend kritisiert worden. Einer der Kritikpunkte bezieht sich auf die mit der Produktion verbundenen Umweltschäden. Werden durch die Güterproduktion z. B. die Luft oder das Wasser verschmutzt, so wird dies in der traditionellen Sozialproduktrechnung nicht als Werteverzehr an der natürlichen Ressource ,,Umwelt“ gewertet und damit nicht als sozialprodukts- bzw. wohlfahrtsmindernd erfasst. Auch eine mit der Produktion einhergehende Lärmbelästigung oder Gesundheitsminderung reduziert den Wert des traditionellen Sozial- bzw. Inlandsprodukts nicht, obwohl von all diesen Einflüssen eine Minderung der Wohlfahrt ausgeht. Werden dagegen Umweltschäden beseitigt, Kläranlagen oder Lärmschutzwälle gebaut bzw. Aufwendungen für die Gesundheit getätigt, so steigt das BIP, obwohl hierdurch lediglich eine ursprüngliche Wohlfahrtseinbuße kompensiert wird, und zwar häufig nur teilweise. Das traditionelle Bruttoinlandsprodukt ist daher ein denkbar ungeeignetes Maß, wenn es darum geht, die ökologischen VI. Ökologische Erweiterung der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung G. Ökologisches Gleichgewicht288 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 Wohlfahrtseffekte in einem Land zu erfassen. Es ist für die Konjunkturanalyse recht gut geeignet. Als Wohlfahrtsindikator taugt das Inlandsprodukt dagegen nicht. In den letzten Jahren sind vielfältige Versuche unternommen worden, die Wohlfahrtsentwicklung eines Landes besser zu erfassen. Die Forschungen weisen dabei in drei Richtungen: • Ermittlung eines Öko-Nationalprodukts, • Satellitenrechnungen, • Soziale Indikatoren. Diese Konzeptionen sollen kurz beleuchtet werden. 1. Ermittlung eines Öko-Nationalprodukts Ein Ziel der Revision der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung ist es, die umweltrelevanten Sachverhalte adäquat zu erfassen und zu bewerten und in die traditionelle Sozialproduktrechnung zu integrieren. Damit soll das bisherige Sozial- bzw. Inlandsproduktmaß auch hinsichtlich seiner ökologischen Aussagefähigkeit verbessert werden. Letztlich zielen diese Korrekturansätze darauf ab, ein ,,Netto-Wohlfahrtsprodukt“ oder ein ,,Öko-Nationalprodukt“ zu ermitteln. Der neueste Versuch, einen Index der nachhaltigen ökonomischen Entwicklung (Index of Sustainable Economic Walfare, ISEW) zu entwickeln und damit dem Inlandsprodukt ein Maß für die allgemeine Wohlfahrt gegenüberzustellen, wurde von Clifford Cobb (1989) und H. E. Daly u. J. B. Cobb jr. (1994) für die USA unternommen. Inzwischen liegen entsprechende Berechnungen für die Bundesrepublik Deutschland, England und Österreich vor. Dabei zeigt sich, dass das Nettowohlstandsmaß (ISEW) wesentlich langsamer gestiegen ist als das reale Brutto- oder Nettonationalprodukt (NSP). Die Differenz zwischen dem ISEW und dem NSP repräsentiert die ,,Wohlstandskosten“. Diese Kosten der Wohlstandsentwicklung haben nicht nur absolut, sondern auch relativ zum NSP zugenommen. Für eine zusätzlich Einheit an Nettowohlstand (ISEW) muss inzwischen etwa das Doppelte an zusätzlichem Inlandsprodukt (ISEW + Wohlstandskosten) hergestellt werden. Insgesamt ist aber festzuhalten werden, dass sich das komplexe Phänomen „Wohlfahrt“ kaum mit einem wie auch immer gestalteten eindimensionalen Wohlfahrtsmaß erfassen lässt. 2. Satellitenrechnungen Die praktische Statistik geht zurzeit einen anderen Weg: Sie versucht nicht, das traditionelle Sozial- bzw. Inlandsproduktmaß durch ein ,,Öko-Sozialprodukt“ zu ersetzen, sondern verfolgt das Ziel, die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung um Aussagen über eine Veränderung der Umweltqualität zu ergänzen. Hierzu werden zurzeit ,,Satellitensysteme zu den Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen“, die auch die Umwelt einbeziehen, erarbeitet. Mit diesen Satellitensystemen wird das Ziel verfolgt, Angaben zu bestimmten, gesell-

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References

Zusammenfassung

Wirtschaftspolitik verständlich erklärt.

"Wer eine kompakte und verständliche Einführung in die Wirtschaftspolitik sucht, ist mit diesem schon seit langem erfolgreichen und weitverbreiteten Lehrbuch bestens bedient."

in: Studium 90/2012

Alles zur Wirtschaftspolitik

Dieses Lehrbuch befasst sich mit den Grundfragen und den aktuellen, zentralen Aufgabenfeldern der Wirtschaftspolitik: Sicherung des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts und Gewährleistung einer nachhaltigen ökologischen Entwicklung. Die Neuauflage geht jetzt noch ausführlicher auf die Problematik des demografischen Wandels sowie die Eurokrise ein.

"Wer immer eine gelungene Einführung in die Wirtschaftspolitik sucht - ob Studierende der Wirtschaftswissenschaften im Grundstudium bzw. Teilnehmer vergleichbarer Aus- und Fortbildungsstätten oder am Wirtschaftsgeschehen interessierte Praktiker - wird von diesem Lehrbuch nicht enttäuscht werden."

in: www.rezensionen.ch 15.5.12

Autoren

Prof. Dr. Gerhard Mussel unterrichtet Volkswirtschaftslehre an der Dualen Hochschule

Baden-Württemberg Stuttgart.

Prof. Dr. Jürgen Pätzold ist Honorarprofessor an der Universität Hohenheim.