Content

II. Keynesianische stabilisierungspolitische Konzeption in:

Gerhard Mussel, Jürgen Pätzold

Grundfragen der Wirtschaftspolitik, page 15 - 23

8. Edition 2012, ISBN print: 978-3-8006-4261-8, ISBN online: 978-3-8006-4374-5, https://doi.org/10.15358/9783800643745_27

Bibliographic information
II. Keynesianische stabilisierungspolitische Konzeption 15 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 Vorstellung die Trendentwicklung des Produktionspotenzials. Die Erhöhung der Geldmenge sollte an diesem Zuwachs der volkswirtschaftlichen Produktionskapazität ausgerichtet werden. Milton Friedman (1912–2006) fordert in diesem Zusammenhang eine klare ,,potenzialorientierte Geldmengenregel“. Neoklassiker plädieren somit für eine potenzialorientierte Geldpolitik. Da Änderungen des Produktionspotenzials naturgemäß nur langsam vonstattengehen, impliziert die Potenzialorientierung der Geldpolitik auch die von Neoklassikern geforderte Stetigkeit und Berechenbarkeit der Wirtschaftspolitik („credibility“). Eine Stabilisierung der Erwartungen und des Verhaltens der privaten Wirtschaftssubjekte ist die Folge. Daraus erhoffen sich Neoklassiker zugleich eine stetigere Wirtschaftsentwicklung. Neoklassische Politik ist deshalb von ihrem Charakter her längerfristige Politik. Bezüglich des Beschäftigungszieles lehnen Neoklassiker staatliche Vollbeschäftigungsgarantien ab. An die Stelle der „Sozialisierung des Beschäftigungsrisikos“ soll dessen ,,Privatisierung“ treten. Damit übernehmen die Tarifpartner mit ihrer Lohnpolitik die Verantwortung für den Beschäftigungsstand in der Volkswirtschaft. Voraussetzung für eine vollbeschäftigungskonforme Lohnpolitik ist die Orientierung der Lohnsteigerungen an der Entwicklung der Arbeitsproduktivität (sog. „produktivitätsorientierte Lohnpolitik“). Die staatliche Einnahmen-Ausgaben-Politik übernimmt, wie bereits erwähnt, keine eigenständige aktive stabilisierungspolitische Verantwortung. Eine Fiskalpolitik keynesianischer Prägung wird abgelehnt. Die Finanzpolitik soll sich vielmehr auf das konzentrieren, was ihre ureigenste Aufgabe ist: Die Bereitstellung öffentlicher Güter. Eine ,,angemessene“ Versorgung von Wirtschaft und Gesellschaft mit den öffentlichen Gütern innere und äußere Sicherheit, Rechtsprechung, Infrastruktur und Bildung ist zugleich beste Voraussetzung für einen dynamischen Wachstumsprozess der Wirtschaft. II. Keynesianische stabilisierungspolitische Konzeption 1. Basishypothesen Die Arbeiten von Keynes stellten eine Antwort auf das klassische Denken dar. Dieses konnte länger andauernde Wirtschaftskrisen nicht erklären und war damit auch nicht in der Lage, der Wirtschaftspolitik konkrete Handlungsanweisungen zur Krisenbekämpfung zu geben. Das Auftreten der Weltwirtschaftskrise des vorherigen Jahrhunderts sollte jedoch nicht vorschnell als Indiz für die ,,falsche“ klassische Theorie gewertet werden. Denn diese basiert auf der Prämisse des Wettbewerbs auf allen Märkten. In den zwanziger Jahren überrollte jedoch eine regelrechte Kartellierungs- und Monopolisierungswelle die Volkswirtschaften und setzte damit den Wettbewerb weitgehend außer Kraft. Es konnte daher auch aus klassischer Sicht nicht überraschen, dass es zu schweren wirtschaftlichen Störungen kam. II. Keynesianische stabilisierungspolitische Konzeption B. Stabilisierungspolitische Konzeptionen16 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 Im Gegensatz zur Klassik lieferte die Theorie von John Maynard Keynes der Wirtschaftspolitik praktische Rezepte zur Krisenbewältigung. Sie gelangten nicht nur während der Weltwirtschaftskrise zur Anwendung, sondern auch in der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg. In der Bundesrepublik Deutschland verursachte die Rezession von 1966/67 einen Paradigmawechsel zum Keynesianismus. Zu Beginn der siebziger Jahre tauchten jedoch mit dem sog. Stagflationsphänomen (Stagnation bzw. zunehmende Unterbeschäftigung bei gleichzeitig steigender Inflation) wirtschaftliche Probleme auf, bei deren Bekämpfung die Rezeptur von Keynes versagte. Die Folge war ein erneuter Paradigmawechsel in Richtung einer wiederum stärker neoklassisch geprägten Wirtschaftspolitik. Die jüngste globale Wirtschaftskrise 2008/09 ließ das paradigmatische Pendel wieder in eine andere Richtung ausschlagen. Angesichts des weltweiten drastischen Wachstums- und Beschäftigungseinbruchs sahen sich nahezu alle Regierungen und Notenbanken veranlasst, mit „Rettungsschirmen“, massiven Konjunkturprogrammen und einer extrem lockeren Geldpolitik dem drohenden Zusammenbruch der Volkswirtschaft entgegen zu steuern. Folge der „Hilfsmaßnahmen“ war, dass in den Staaten die Staatsverschuldung in bisher kaum bekannten Größenordnungen zunahm. Innerhalb des Euroraums löste dies Spekulationen um den Staatsbankrott peripherer Euroländer aus. Zum Verständnis dieses erneuten „Politikschwenks“ wird die stabilisierungspolitische Konzeption des Keynesianismus nun kurz vorgestellt. Die Originalwerke von J. M. Keynes werden zwar als ,,Werke eines Genies, jedoch für Lehrzwecke ungeeignet“ eingeschätzt. Daher unternahmen namhafte Ökonomen, insbesondere J. R. Hicks und A. H. Hansen, in den vierziger Jahren den Versuch, die keynesianische Theorie in eine leichter verständliche Form zu übertragen. Da diese Darstellungen bis zum heutigen Tag weit verbreitet sind, empfiehlt es sich, bei diesen (teilweise allerdings umstrittenen) Interpretationen der ,,keynesianischen Theorie“ zu sprechen. Die sich auf dieses Gedankengebäude stützende Wirtschaftspolitik wird auch als ,,Postkeynesianismus“ bezeichnet. Das keynesianische Gedankengebäude ruht im Wesentlichen auf drei Säulen: • inhärente Instabilität des privaten Sektors, • nachfragetheoretische Fundierung, • Dominanz der Fiskalpolitik gegenüber der Geldpolitik. Die erste Säule beinhaltet die These, dass wirtschaftliche Störungen immanenter Bestandteil von Marktwirtschaften sind. Die krisenhaften Entwicklungen „belegen“ offensichtlich diese Auffassung. Aus keynesianischer Sicht besteht sogar eine Tendenz zu einem „Gleichgewicht bei Unterbeschäftigung“. Die Marktkräfte allein sind in der Realität nicht in der Lage, die Volkswirtschaft aus einer Krise herauszuführen. Der Staat muss intervenieren. Aufgrund dieses Glaubens an systemimmanente Störkräfte in Verbindung mit einem zu schwachen ,,Immunsystem“ der Wirtschaft stuft man die Keynesianer als ,,Marktpessimisten“ ein. Seine theoretische Erklärung findet dieser Pessimismus in Marktunvollkommenheiten sowie in einem destabilisierend wirkenden Verhalten der Wirt- II. Keynesianische stabilisierungspolitische Konzeption 17 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 schaftsakteure. Die unvollkommenen Märkte sind nach keynesianischer Meinung die unvermeidbare Konsequenz marktwirtschaftlicher Systeme. Ursache ist ein nicht funktionsfähiger Wettbewerb mit Preis- und Lohnstarrheiten. Diese Faktoren lähmen die von klassischer Seite beschworenen Kräfte des Marktes. Neben dem Marktversagen tragen die Wirtschaftssubjekte durch ihr instabiles Verhalten sozusagen „Unruhe“ in den Wirtschaftsprozess hinein. Dies ist vor allem an der instabilen Entwicklung der Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals, also der Rendite einer Investition, zu erkennen. Diesen Wert berechnen die Unternehmen aufgrund subjektiver Erwartungen. Da sich die Zukunftsaussichten laufend ändern, schwankt die Grenzleistungsfähigkeit und damit die Investitionstätigkeit in kaum prognostizierbarer Weise. Das instabile Verhalten der Investitionstätigkeit ist eine wesentliche für die Entstehung von Konjunkturzyklen. Instabilitäten sind jedoch nicht nur im güterwirtschaftlichen Bereich, sondern auch im monetären Sektor der Volkswirtschaft zu verzeichnen. Dort treten sie innerhalb der Geldnachfrage auf. Schwankungen der Geldnachfrage gehen auf eine instabile Liquiditätsneigung der privaten Wirtschaftssubjekte zurück. Darunter versteht man die Reaktion der Spekulationskasse auf Zinsänderungen. Folge der Instabilität der Liquiditätsneigung ist eine instabile Entwicklung der Umlaufgeschwindigkeit des Geldes. Gerade die jüngste Krise der Weltwirtschaft 2008/09 hat deutlich gemacht, wie rasch spekulative „Blasenbildungen“ im finanzwirtschaftlichen Sektor auf den güterwirtschaftlichen Bereich übergreifen und dort zu massiven Verwerfungen führen können. Die Schlüsselrolle für die wirtschaftliche Entwicklung übernimmt jedoch nach wie vor der realwirtschaftliche Sektor. Nach keynesianischer Auffassung dominiert die (instabile) gesamtwirtschaftliche Nachfrage auf dem Gütermarkt das Geschehen in der Volkswirtschaft. Daraus wird deutlich, dass Keynesianer primär kreislauftheoretisch, nicht aber in erster Linie preistheoretisch argumentieren. Die güterwirtschaftliche Nachfrage entscheidet über die Höhe der Produktion und damit die Höhe des Beschäftigungsgrades. Die Nachfrage schafft sich also ihr Angebot – das bekannte Saysche Theorem wird in sein Gegenteil verkehrt. Typisch für reife Volkswirtschaften ist, so Keynes, ein Nachfragemangel, also eine Kontraktions- oder Deflationslücke. Eine einbrechende gesamtwirtschaftliche Nachfrage zieht kontraktive Prozesse nach sich. Verstärkt werden die Abschwungtendenzen durch das Auftreten von Multiplikator- und Akzeleratoreffekten. Die Ausrichtung des Keynesianismus auf die zyklisch schwankende Nachfrage unterstreicht den kurzfristigen Charakter dieser Theorie. Noch deutlicher tritt dies durch das berühmte Keynes-Zitat: ,,In the long run we are all dead“ zutage. In Einklang mit der kurzfristigen Sicht steht auch die keynesianische Vorstellung von der Endlichkeit der Bedürfnisse. Diese Endlichkeit führe zur Sättigung von Märkten, d. h. zu einem Nachfragemangel. Formal findet die keynesianische Theorie ihren Ausdruck in dem aus der makroökonomischen Theorie bekannten IS-LM-Diagramm: B. Stabilisierungspolitische Konzeptionen18 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 Die IS-Kurve beinhaltet das Gleichgewicht auf dem Gütermarkt. Es liegt dann vor, wenn geplantes Güterangebot und geplante Güternachfrage gleich hoch sind, bzw. wenn geplantes Sparen und geplantes Investieren übereinstimmen. Das Zustandekommen des güterwirtschaftlichen Gleichgewichts erfordert jedoch ganz bestimmte Kombinationen von Volkseinkommen (Y) und Zins (z). Dasselbe gilt für die LM-Kurve. Sie ist der geometrische Ort aller denkbaren Zuordnungen von Einkommen und Zins, bei denen das Geldangebot mit der Geldnachfrage übereinstimmt. Eine weitere Säule des Keynesianismus bildet die sog. Dominanzhypothese. Sie schreibt der Fiskalpolitik eine dominante Rolle zur Stabilisierung der Wirtschaft zu. Unter Fiskalpolitik (,,fiscal policy“) versteht man Einnahmen- und Ausgabenänderungen des Staates zum Zwecke der Steuerung des Wirtschaftsablaufes. Der Geldpolitik der Zentralbank kommt dagegen nur eine untergeordnete Bedeutung zu. Im Extremfall der ,,Liquiditätsfalle“, d. h. im waagerechten Bereich der LM-Kurve, zeigen Belebungsmaßnahmen der Zentralbank (Verschiebung der LM-Kurve nach rechts) keinerlei Wirkungen im realen Sektor. Auf Grund der angenommenen Überlegenheit der Fiskalpolitik gegenüber der Geldpolitik werden Keynesianer vielfach auch als ,,Fiskalisten“ bezeichnet. 2. Stabilisierungspolitische Konsequenzen Aus den genannten Basisthesen resultieren Konsequenzen für die Wirtschaftspolitik. Es geht vor allem darum, den von Störungen betroffenen Wirtschaftsprozess zu stabilisieren. Nach keynesianischer Überzeugung erfordern die Abb. B.1: IS-LM-Diagramm II. Keynesianische stabilisierungspolitische Konzeption 19 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 auftretenden Instabilitäten das Eingreifen des Staates. Die Keynesianer vertreten somit prinzipiell eine interventionistische Staatsauffassung. Der Staat muss die Rolle des Stabilisators der Volkswirtschaft übernehmen, er soll ,,Stabilisierungspolitik“ betreiben. Insoweit plädieren Keynesianer im Gegensatz zur Neoklassik für ,,mehr Staat“. Von untergeordneter Bedeutung ist für Keynesianer dagegen die Ordnungspolitik. Zwar benötigt eine Volkswirtschaft auch nach keynesianischer Auffassung adäquate, vom Staat gesetzte Rahmenbedingungen. Die konkrete Ausgestaltung bzw. mögliche Ansätze zur Verbesserung der bestehenden institutionellen Rahmenbedingungen werden von den Keynesianern allerdings nicht weiter analysiert. Im Mittelpunkt der Wirtschaftspolitik hat ihrer Überzeugung nach vielmehr die Prozesspolitik zu stehen. Das theoretische Denken der Keynesianer und die daraus abgeleiteten wirtschaftspolitischen Empfehlungen sind kurzfristig orientiert. Es geht ihnen darum, hier und heute die auftretenden Probleme zu lösen, während die Neoklassik den Blick vor allem auf die langfristige Entwicklung der Gesellschaft richtet und im Zweifel kurzfristige Einbrüche als notwendige „Reinigungskrisen“ toleriert. Während neoklassische Wirtschaftstheoretiker, wie beispielsweise der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, dafür eintreten, die „Marktdefekte“ über zum Teil langwierige ordnungspolitische Reformen zu beseitigen (Kausaltherapie), plädiert der Keynesianismus in erster Linie für Maßnahmen, die zum Ziel haben, die Konsequenzen des Marktversagens zu lindern; es handelt sich beim Postkeynesianismus also stärker um eine „reparierende“ Wirtschaftspolitik (Syptomtherapie), die möglichst rasche Erfolge verspricht. Im Hinblick auf die anzustrebenden Ziele gilt die Priorität der Vollbeschäftigung. Während aus klassischer Sicht die Verantwortung für die Vollbeschäftigung bei den Tarifparteien liegt, soll gemäß dem keynesianischen Paradigma der Staat die Verantwortung für die Sicherung eines hohen Beschäftigungsstandes übernehmen. Die beschäftigungspolitische Verantwortung wird damit gleichsam ,,sozialisiert“. Keynesianer sind überzeugt, dass es dem Staat durch geeigneten Instrumenteneinsatz gelingt, die Arbeitslosigkeit zu beseitigen und ihr Entstehen zu vermeiden. Weniger bedeutsam als die Bekämpfung unfreiwilliger Arbeitslosigkeit ist die Erreichung bzw. Erhaltung eines stabilen Preisniveaus. Im Zweifel gebührt dem Beschäftigungsziel der Vorrang vor dem Ziel der Geldwertstabilität. Da die gesamtwirtschaftliche Nachfrage zyklischen Schwankungen unterliegt, wird für eine „antizyklische“ Konjunkturpolitik plädiert. Zentraler Ansatzpunkt sind hierbei die Nachfrageaggregate. Befindet sich die Wirtschaft in der Rezession, so sind Ankurbelungsmaßnahmen, also expansiv wirkende Instrumenteneinsätze erforderlich. Umgekehrt sollte die Wirtschaftspolitik einem Boom durch kontraktive Maßnahmen entgegentreten. Den analytischen Ansatzpunkt bildet die bekannte Nachfragegleichung, d. h. die Verwendungsgleichung des Inlandsprodukts: N = C + I + G + Ex – Im B. Stabilisierungspolitische Konzeptionen20 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 Die gesamtwirtschaftliche Nachfrage (N) setzt sich aus dem privaten Konsum (C), den privaten Bruttoinvestitionen (I), den Staatsausgaben (G) sowie dem Au- ßenbeitrag, d. h. Exporten (Ex) abzüglich Importen (Im) von Gütern zusammen. Die Summe entspricht also dem Bruttoinlandsprodukt zu Marktpreisen (die Unterscheidung zwischen Inlands-, Sozial- und National- bzw. Volkseinkommen spielt für die folgenden Überlegungen keine Rolle). Aufgabe der Wirtschaftspolitik ist die Glättung der Schwankungen der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage (,,demand management“). Da es darum geht, gesamtwirtschaftliche Nachfrageaggregate expansiv oder kontraktiv zu beeinflussen, nicht aber das Verhalten einzelner Wirtschaftssubjekte zu steuern, spricht man auch von „Globalsteuerung“. Keynesianer sind überzeugt, dass es gelingen kann, die wirtschaftliche Entwicklung quasi wie eine Maschine zu steuern. Die Wahl der Instrumente und der Zeitpunkt des Einsatzes dieser Instrumente liegen im freien Ermessen der wirtschaftspolitischen Akteure. Eine derartige Politik, bei welcher die Träger frei über die Art des Instruments, den zeitlichen Einsatz, die Dosierung usw. entscheiden können, bezeichnet man auch als ,,diskretionäre Konjunkturpolitik“. Wie bereits betont, präferieren Keynesianer die Fiskalpolitik. Den entscheidenden Hebel sehen Keynesianer hierbei in der antizyklischen Handhabung der Staatsausgaben. Diese müssen im Boom gesenkt und in der Rezession gesteigert werden. Als Instrument können jedoch auch die Steuern variiert werden. In der Rezession kommen Steuererleichterungen, im Boom Steuererhöhungen in Betracht. Sie verfolgen das Ziel, die private Konsum- und Investitionsnachfrage in der Rezession zu beleben und im Boom zu drosseln. In der Rezession ist damit zu rechnen, dass die laufenden Einnahmen nicht ausreichen, um die Konjunktur- und Beschäftigungsprogramme zu finanzieren. In diesem Fall soll der Staat nach keynesianischer Auffassung durchaus Kredite aufnehmen und konjunkturelle Budgetdefizite in Kauf nehmen. Gelingt die beabsichtigte Ankurbelung der Wirtschaft, so erhöhen sich in der Folgezeit die Steuereinnahmen wieder. Mit diesem Steuermehraufkommen können dann, so die Vorstellung, die Schulden aus der Rezession getilgt werden. Der Ausgleich des staatlichen Budgets erfolgt also über den gesamten Konjunkturzyklus hinweg und nicht nur, wie von klassischer Seite gefordert, im jeweiligen Haushaltsjahr. Ökonomisch erklären sich die günstigen Erfolgsaussichten der Fiskalpolitik durch deren unmittelbare Nachfragewirksamkeit sowie durch die damit einhergehenden Multiplikatoreffekte. Die Geldpolitik übernimmt demgegenüber im keynesianischen Konzept eine eher flankierende Rolle. Gleichwohl sollte die Zentralbank eine antizyklische Zinspolitik betreiben. Durch Erhöhung der Geldmenge und Senkung des Zinsniveaus in konjunkturellen Abschwungphasen soll die Konjunktur (insbesondere die private Investitionstätigkeit) angekurbelt und die Finanzierung der staatlichen Konjunkturprogramme erleichtert werden. Umgekehrt werden in der Hochkonjunktur die Drosselung der Geldmenge und die Anhebung des Zinsniveaus empfohlen, um der konjunkturellen Überhitzung entgegen zu wirken. Dem Erfolg der Geldpolitik stehen allerdings insbesondere die Liquiditätsfalle sowie eine mangelnde Reaktion der privaten Investitionstätigkeit auf II. Keynesianische stabilisierungspolitische Konzeption 21 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 Zinsänderungen entgegen. Insbesondere in der Rezession ist mit einer geringen Zinselastizität der Investitionstätigkeit zu rechnen. Das Handicap der Geldpolitik besteht generell darin, dass sie nur indirekt auf die Güternachfrage einwirkt und mit langen Wirkungsverzögerungen verbunden ist. Abbildung B.2 liefert einen synoptischen Überblick der alternativen stabilisierungspolitischen Konzeptionen. Ungeachtet der alternativen Sichtweisen bezüglich der Funktionsweise einer Volkswirtschaft sowie den Aufgaben des Staates im Rahmen der Stabilisierung der Wirtschaft besteht Einigkeit darin, dass eine Volkswirtschaft ,,gute“ Ergebnisse für die Bevölkerung liefern soll. Die „Idealzustände“ stellen die „Ziele“ der Wirtschaftspolitik dar. Sie bilden den Schwerpunkt dieses Buches. Am bekanntesten sind die Ziele des sog. „magischen Vierecks“ der Wirtschaftspo- Abb. B.2: Synopse der stabilisierungspolitischen Konzeptionen B. Stabilisierungspolitische Konzeptionen22 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 litik. Sie finden sich u. a. im Stabilitäts- und Wachstumsgesetz (StWG), welches in Deutschland im Juni 1967 erlassen wurde. Gemäß § 1 StWG haben Bund und Länder ,,bei ihren wirtschafts- und finanzpolitischen Maßnahmen die Erfordernisse des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts zu beachten. Die Maßnahmen sind so zu treffen, dass sie im Rahmen der marktwirtschaftlichen Ordnung gleichzeitig“ zu • Stabilität des Preisniveaus, • hohem Beschäftigungsstand, • stetigem und angemessenem Wirtschaftswachstum sowie • außenwirtschaftlichem Gleichgewicht beitragen (siehe auch Abbildung B.3). Gemäß § 2 StWG ist die Bundesregierung verpflichtet, im Januar eines jeden Jahres dem Bundestag und dem Bundesrat einen Jahreswirtschaftsbericht vorzulegen, in dem die für das laufende Jahr angestrebten wirtschaftspolitischen Ziele im Rahmen einer Jahresprojektion dargelegt werden. Die Erreichung dieser vier Ziele, die in der Wirtschaftspolitik weitgehend unbestritten sind, bedeutet für die Volkswirtschaft einen optimalen Zustand. Sowohl Keynesianer als auch Neoklassiker teilen die Auffassung, dass die Volkswirtschaft sich möglichst „gleichgewichtig“ entwickeln sollte. Dissens herrscht allerdings hinsichtlich des einzuschlagenden Weges zur Erreichung dieser Ziele. Keynesianer plädieren, wie erwähnt, für eine mehr oder weniger interventionistische Wirtschaftspolitik, um die Ziele zu realisieren. Neoklassiker setzen dagegen mehr auf die Selbststabilisierungskraft des Marktmechanismus und eine Ordnungspolitik des Staates, die dafür Sorge trägt, dass die Marktmechanismen möglichst gut funktionieren. Trotz aller Unterschiede bezüglich der konkreten Rolle des Staates in der Marktwirtschaft herrscht Einigkeit, dass die genannten Ziele nur dann erreicht werden können, wenn die Ursachen von Zielverletzungen richtig diagnostiziert werden und – ausgehend von diesen Ursachen – eine wirtschaftspolitische Abb. B.3: Magisches Viereck in der Bundesrepublik Deutschland II. Keynesianische stabilisierungspolitische Konzeption 23 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 Strategie entwickelt wird, die als geeignet erscheint, um die Fehlentwicklungen zu bekämpfen. In den folgenden Abschnitten dieses Buches werden • die Ziele des Stabilitäts- und Wachstumsgesetzes näher beschrieben, • die möglichen Ursachen von Zielverletzungen analysiert und die • ,,ursachengerechte“ Strategien dargestellt, um die Wirtschaft zum gesamtwirtschaftlichen Gleichgewicht zurückzuführen. In jedem Abschnitt erfolgt dabei eine in sich geschlossene Darstellung der jeweiligen zielgerechten Strategien. Dabei wird versucht, alle vier Ziele nach einem einheitlichen Modus gewissermaßen über denselben Kamm zu scheren: (1) in einem ersten Schritt werden Begründungen genannt, weshalb es sinnvoll ist, das jeweilige Ziel anzustreben; (2) im Anschluss daran erfolgt die sog. Operationalisierung, d. h. Konkretisierung des Zieles mittels geeigneter Indikatoren. In diesem Zusammenhang wird auch anhand empirischer Daten die bisherige Entwicklung der vier wirtschaftspolitischen Ziele in der Bundesrepublik Deutschland nachgezeichnet; (3) der dritte Schritt befasst sich mit der Frage nach den Ursachen von Fehlentwicklungen; (4) hierauf aufbauend werden dann in einem letzten Schritt Strategien zur ursachengerechten Bekämpfung von Zielverletzungen aufgezeigt. Spätestens hier begegnen wir wieder den konkurrierenden theoretischen Sichtweisen der Neoklassiker einerseits und der Keynesianer andererseits. Bei der Verwendung dieses Rasters lassen sich naturgemäß Überschneidungen nicht immer vermeiden. Dennoch erscheint diese einheitliche Vorgehensweise sinnvoll. Sie erlaubt es nämlich, ein einzelnes Ziel isoliert herauszugreifen und über dieses Ziel das Wesentliche in geschlossener Form zu erfahren. Der Zielkatalog der praktischen Wirtschaftspolitik enthält allerdings nicht nur die genannten Ziele des magischen Vierecks. Konsens besteht auch darüber, dass in einem Land soziale Gerechtigkeit herrschen soll. Dies mündet in das Ziel einer gerechten Einkommens- und Vermögensverteilung. Hierauf wird allerdings im Rahmen dieses Lehrbuches nicht näher eingegangen. Durch Hinzufügen dieses anzustrebenden Zustandes gelangt man zum ,,magischen Fünfeck“ der Wirtschaftspolitik. In neuerer Zeit tritt ein weiteres wirtschaftspolitisches Ziel zunehmend in den Vordergrund, nämlich die Erhaltung und Verbesserung der natürlichen Umwelt (sog. ,,ökologisches Gleichgewicht“). Wie bereits ausgeführt, besteht die Gefahr, dass der marktwirtschaftliche Preismechanismus bei der Nutzung der Umwelt versagt. Dadurch kommt es zu vielfältigen Schädigungen der Umwelt, denen es entgegenzutreten gilt (,,Marktergänzungspolitik“). Fügt man das Umweltziel hinzu, so ergibt sich das „magische Sechseck“ der Wirtschaftspolitik. Mit dem Umweltziel befasst sich das letzte Kapitel dieses Buches. Bei der Analyse dieses Zieles liegt der Schwerpunkt naturgemäß beim Schritt (4), also bei der Erörterung der umweltpolitischen Strategien bzw. der Instrumente der Umweltpolitik.

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Wirtschaftspolitik verständlich erklärt.

"Wer eine kompakte und verständliche Einführung in die Wirtschaftspolitik sucht, ist mit diesem schon seit langem erfolgreichen und weitverbreiteten Lehrbuch bestens bedient."

in: Studium 90/2012

Alles zur Wirtschaftspolitik

Dieses Lehrbuch befasst sich mit den Grundfragen und den aktuellen, zentralen Aufgabenfeldern der Wirtschaftspolitik: Sicherung des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts und Gewährleistung einer nachhaltigen ökologischen Entwicklung. Die Neuauflage geht jetzt noch ausführlicher auf die Problematik des demografischen Wandels sowie die Eurokrise ein.

"Wer immer eine gelungene Einführung in die Wirtschaftspolitik sucht - ob Studierende der Wirtschaftswissenschaften im Grundstudium bzw. Teilnehmer vergleichbarer Aus- und Fortbildungsstätten oder am Wirtschaftsgeschehen interessierte Praktiker - wird von diesem Lehrbuch nicht enttäuscht werden."

in: www.rezensionen.ch 15.5.12

Autoren

Prof. Dr. Gerhard Mussel unterrichtet Volkswirtschaftslehre an der Dualen Hochschule

Baden-Württemberg Stuttgart.

Prof. Dr. Jürgen Pätzold ist Honorarprofessor an der Universität Hohenheim.