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I. Begründung und Operationalisierung des Umweltziels in:

Gerhard Mussel, Jürgen Pätzold

Grundfragen der Wirtschaftspolitik, page 249 - 251

8. Edition 2012, ISBN print: 978-3-8006-4261-8, ISBN online: 978-3-8006-4374-5, https://doi.org/10.15358/9783800643745_260

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Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 G. Ökologisches Gleichgewicht I. Begründung und Operationalisierung des Umweltziels 1. Nachhaltige Entwicklung Den entscheidenden Anstoß für das Erkennen des Umweltproblems lieferte die in den siebziger Jahren verfasste Studie ,,Grenzen des Wachstums“ durch den ,,Club of Rome“. Mit dieser Studie wurde erstmals einer breiteren Öffentlichkeit bewusst gemacht, dass die natürlichen Ressourcen endlich sind und sich von daher „Grenzen des Wachstums“ ergeben. Das Ziel der ,,Sozialen Marktwirtschaft“ ist es, die marktwirtschaftliche Ordnung um einen sozialen Rahmen zu ergänzen. Angesichts der zunehmenden Umweltprobleme wird heute allenthalben gefordert, die Marktwirtschaft zu einer „sozialen und ökologischen Marktwirtschaft“ weiterzuentwickeln. Im Fall der Umweltbelastung funktioniert allerdings der marktwirtschaftliche Anpassungsmechanismus nicht. Da die Nutzung des ,,freien Gutes“ Umwelt in einem reinen Marktsystem keinen Preis hat, signalisiert das System, dass die natürlichen Ressourcen im Überfluss vorhanden seien. Die Marktsignale lenken also die Produzenten und Konsumenten in die falsche Richtung, denn in einer sich selbst überlassenen Marktwirtschaft gibt es keine Anreize, mit dem kostenlosen Gut „natürliche Umwelt“ sparsam umzugehen. Anders ausgedrückt, der marktwirtschaftliche Selbstregulator versagt. Es ist zweifellos die Aufgabe des Staates, diesen Defekt der Marktwirtschaft zu korrigieren. Die politisch Verantwortlichen müssen die richtigen Daten setzen, die den Marktteilnehmern bewusst machen, dass Umwelt eben keine freie, unbegrenzt zur Verfügung stehende Ressource ist, sondern ein Gut, mit dem alle sorgsam umgehen müssen. Hierzu braucht die Marktwirtschaft einen ökologischen Ordnungsrahmen. Erforderlich sind Vorschriften, Gesetze, Gebote und Verbote, Kontrollen und Strafen, also Maßnahmen, die den Marktteilnehmern die richtigen Signale für einen sorgsameren Umgang mit unseren natürlichen Ressourcen geben. Anzustreben ist eine ,,nachhaltige Entwicklung“ (sustainable development), die dadurch gekennzeichnet ist, dass – vergleichbar der Forstwirtschaft – die Nutzung der Umwelt nicht intensiver ist als deren natürliche Regenerationsfähigkeit, und die Freisetzung von Schadstoffen nicht die Aufnahmefähigkeit der Umweltmedien Luft, Gewässer und Boden übersteigt. Eine derartige Entwicklung dient vor allem der Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen für die nachfolgenden Generationen. Im ,,Brundtland-Bericht“ wird unter nachhaltiger Entwicklung eine ,,Entwicklung verstanden, die den gegenwärtigen Bedarf zu decken vermag, ohne G. Ökologisches Gleichgewicht I. Begründung und Operationalisierung des Umweltziels G. Ökologisches Gleichgewicht250 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 gleichzeitig späteren Generationen die Möglichkeit zur Deckung des ihren zu verbauen“. Ausgehend von dem Postulat einer Gerechtigkeit zwischen den Generationen (intergenerative Gerechtigkeit) wird ein Wachstum gefordert, das die Erhaltung der Umwelt und ihrer mannigfaltigen Funktionen auch für die Menschen künftiger Generationen sichert. Das Prinzip der intergenerativen Gerechtigkeit bedeutet offensichtlich, dass die Wohlfahrt der gegenwärtigen Generation nur gesteigert werden darf, wenn die Wohlfahrt zukünftiger Generationen sich hierdurch nicht verringert. Sustainable Development ist inzwischen das zentrale Leitbild der Umweltpolitik. Dies zeigen die Konferenzen von Rio de Janeiro (1992) sowie die nachfolgenden UN-Umweltgipfel (sog. COP: Conference of the Parties), zuletzt die COP 16 in Cancún (Mexico) im Jahr 2010. In diesem Sinne kann das Ziel des ökologischen Gleichgewichts mit der Forderung nach „nachhaltiger Entwicklung“ qualitativ operationalisiert werden. Einigkeit besteht darüber, dass umweltgerechtes Wirtschaften zumindest drei grundlegenden Kriterien genügen muss, die auch als ,,Regeln der Nachhaltigkeit“ bezeichnet werden können: • Die Nutzung erneuerbarer Naturgüter (z. B. Wälder oder Fischbestände) darf auf Dauer nicht größer sein als ihre Regenerationsrate – andernfalls ginge diese Ressource zukünftigen Generationen verloren; • die Nutzung nicht-erneuerbarer Naturgüter (z. B. fossile Energieträger) darf auf Dauer nicht größer sein als die Substitution ihrer Funktionen (Beispiel: Substitution fossiler Energieträger durch Wasserstoff aus solarer Elektrolyse); • die Freisetzung von Stoffen und Energie darf auf Dauer nicht größer sein als die Absorptionsfähigkeit der natürlichen Umwelt (Beispiel: Anreicherung von Treibhausgasen in der Atmosphäre oder von säurebildenden Substanzen in Waldböden). 2. Ursachen des Umweltproblems Die Ursachen der Umweltprobleme sind komplex. Zu den wesentlichsten Ursachenfaktoren zählen: • die Bevölkerungszunahme, • das Wirtschaftswachstum, • der zunehmende Energieverbrauch. Die heutigen Umweltprobleme wie verschmutzte Gewässer, Müllhalden, die Ausdünnung der Ozonschicht oder der Treibhauseffekt sind letztlich auf die zunehmende Produktionstätigkeit der Menschen zurückzuführen. Der Mehrbedarf an Gütern ist sowohl auf die weltweit stetig steigende Bevölkerung als auch auf gestiegene Bedürfnisse – speziell in den Industrieländern – zurückzuführen. Für die Herstellung der immer größer und komplexer werdenden Gütermengen werden zunehmend Energie, Rohstoffe und natürliche Ressourcen (einschließlich Umwelt) verbraucht. Das dominierende globale Umweltproblem ist das Klimaproblem. Das Klimaproblem hat seinen Ursprung darin, dass der Mensch durch seine vielfältigen wirtschaftlichen Aktivitäten bestimmte klimarelevante Spurengase in die At- I. Begründung und Operationalisierung des Umweltziels 251 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 mosphäre entlässt. Diese Spurengase führen zu einer zusätzlichen Erwärmung der Erdoberfläche und der unteren Luftschichten, dem ,,anthopogenen Treibhauseffekt“. Von größter Bedeutung ist dabei das Kohlendioxid (CO2), welches vor allem durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe (Erdöl, Kohle, Erdgas) in die Atmosphäre entweicht. Der weltweite CO2-Ausstoß ist damit eng an den weltweiten Energieverbrauch gekoppelt, da die Energiegewinnung vor allem auf fossilen Energieträgern basiert. Zudem ist der motorisierte Verkehr eine wichtige Determinante der CO2-Entwicklung. Das Kohlendioxid hat einen Anteil von etwa 50 % an dem durch den Menschen verursachten (anthropogenen) Treibhauseffekt. Vom Menschen in die Atmosphäre emittiertes CO2 hat eine typische Verweildauer von etwa 100 Jahren, was die Langfristigkeit des Klimaproblems verdeutlicht. Andere wichtige Spurengase sind Methan (CH4), Distickstoffoxid (N2O), und die Fluor-Chlor-Kohlenwasserstoffe (FCKW). Messungen belegen zweifelsfrei, dass sich die Konzentration von CO2 in der Atmosphäre seit Beginn der industriellen Revolution rasant erhöht hat. Dass der Mensch für diesen Anstieg verantwortlich ist, sollte unstrittig sein. Bereits für die letzten 100 Jahre ist eine offensichtlich anthropogene Erwärmung der Erdtemperatur nachweisbar (IPCC-Bericht). Hätte die Erde keine Atmosphäre, würde sich die Oberflächentemperatur ausschließlich aus der Bilanz zwischen eingestrahlter Sonnenenergie und der vom Boden abgestrahlten Wärme (Infrarot-)Strahlung ergeben und im globalen Mittel etwa – 18 °C betragen. CO2 und andere Spurengase absorbieren die von der Erdoberfläche ausgehende Wärmestrahlung, mit der Folge, dass die Temperatur der Erdoberfläche im globalen Mittel etwa + 15 °C beträgt. Dieser ,,natürliche“ Treibhauseffekt ermöglicht erst das Leben auf der Erde. Die Konzentration der langlebigen Treibhausgase nimmt systematisch zu: Seit Beginn der Industrialisierung bis heute bei CO2 um etwa 30 %, bei Methan um 120 % und bei Distickstoffoxid um etwa 10 %. Die Folge ist eine langfristige Erwärmung der unteren Atmosphäre und der Erdoberfläche. Ein verstärkter Treibhauseffekt führt auch zu Veränderungen des Niederschlags, der Bewölkung, der Schneebedeckung und zu einem Anstieg des Meeresspiegels sowie zu extremeren Wettersituationen; die Folge ist eine globale Klimaveränderung. Bis zum Jahr 2100 rechnen Klimaforscher mit einem Temperaturanstieg von bis zu 3 °C. Zusammen mit der bereits realisierten Erwärmung von etwa 0,7 °C entspräche dies fast dem Temperaturunterschied von der letzten Eiszeit bis heute. Es würde sich also um eine für die Menschheit einmalig rasante globale Klimaänderung handeln, für die es in den letzten Millionen Jahren kein Beispiel gäbe. Das Klimaproblem steht inzwischen auch an oberster Stelle auf der Agenda der Weltpolitik. Am 10. Dezember 1997 haben 159 Vertragsstaaten der Rahmenkonvention der Vereinten Nationen zu Klimaänderungen einstimmig das sog. Kyoto- Protokoll angenommen. In dem Protokoll verpflichten sich die Industriestaaten erstmals völkerrechtlich verbindlich dazu, ihre Treibhausgasemissionen zwischen 2008 und 2012 insgesamt um mindestens 5 % unter das Niveau von 1990 zu senken. Die Europäische Union muss im Mittel ihre Emissionen um 8 Prozent reduzieren. Das Kyoto-Protokoll ist inzwischen völkerrechtlich

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References

Zusammenfassung

Wirtschaftspolitik verständlich erklärt.

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in: Studium 90/2012

Alles zur Wirtschaftspolitik

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in: www.rezensionen.ch 15.5.12

Autoren

Prof. Dr. Gerhard Mussel unterrichtet Volkswirtschaftslehre an der Dualen Hochschule

Baden-Württemberg Stuttgart.

Prof. Dr. Jürgen Pätzold ist Honorarprofessor an der Universität Hohenheim.