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III. Klassifikation der Ursachen von außenwirtschaftlichen Ungleichgewichten in:

Gerhard Mussel, Jürgen Pätzold

Grundfragen der Wirtschaftspolitik, page 224 - 230

8. Edition 2012, ISBN print: 978-3-8006-4261-8, ISBN online: 978-3-8006-4374-5, https://doi.org/10.15358/9783800643745_235

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F. Außenwirtschaftliches Gleichgewicht224 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 Eine Zunahme der Nettoforderungen Deutschlands gegen den Rest der Welt ist in der Kapitalbilanz ebenfalls mit einem Minus-Saldo verbucht. Entsprechendes gilt auch für eine Veränderung der Währungsreserven der Bundesbank. Nehmen die Währungsreserven zu, so erscheint ein Minus-Vorzeichen, bei einer Abnahme hingegen ein Plus-Vorzeichen. Dieser Sachverhalt ist bei der Interpretation der letzten Spalte in Tabelle 2 zu berücksichtigen. In dieser Zahlenreihe ist kein einheitlicher Trend festzustellen, vielmehr fallen die starken Schwankungen bei den Veränderungen der Währungsreserven auf. Sie können auf Entwicklungen der Leistungsbilanz bzw. der Kapitalbilanz beruhen. Dahinter können aber auch Eingriffe der Zentralbank auf den Devisenmärkten stehen. Dies galt für Deutschland vor allem in den neunziger Jahren. Zu dieser Zeit war die Deutsche Bundesbank gezwungen, innerhalb des herrschenden Europäischen Währungssystems (EWS) in teilweise massivem Umfang ausländische Währungen anzukaufen, um deren Kurse im geforderten Maße zu stützen. Inzwischen sind die transaktionsbedingten Veränderungen der Währungsreserven der Deutschen Bundesbank vergleichsweise gering (2010: – 1,6 Mrd. Euro). III. Klassifikation der Ursachen von außenwirtschaftlichen Ungleichgewichten In der Realität sind die Zahlungsbilanzen der meisten Länder durch Ungleichgewichte gekennzeichnet. Die Unausgeglichenheit der Zahlungsbilanz äußert sich in Aktiv- oder Passivsalden der Teilbilanzen der Zahlungsbilanz. Strebt die Wirtschaftspolitik jedoch den Zustand eines außenwirtschaftlichen Gleichgewichts an, so muss es ihr gelingen, die Devisenzuflüsse bzw. Devisenabflüsse in die gewünschte Richtung zu steuern. Hierzu ist die Kenntnis der Ursachen, welche hinter den Devisenströmen stehen, erforderlich. Daraus können dann ursachenadäquate Maßnahmen abgeleitet werden, die auf ein außenwirtschaftliches Gleichgewicht hinwirken. Im Folgenden werden die Bestimmungsgründe für Devisenströme systematisch vorgestellt. Wie die Zahlungsbilanz zeigte, bestehen internationale Wirtschaftsbeziehungen prinzipiell aus Leistungs- und Kapitaltransaktionen. Es erweist sich daher als zweckmäßig, zunächst einmal festzustellen, welche Vorgänge hinter den Devisenbewegungen stehen, die mit Leistungs- und Kapitaltransaktionen einhergehen. 1. Determinanten von Devisenzuflüssen Zunächst soll auf die Determinanten von Devisenzuflüssen eingegangen werden. Sie treten, sieht man von den vom Ausland erhaltenen einseitigen Übertagungen ab, prinzipiell infolge von Güterexporten sowie Kapitalimporten auf. Für Devisenzuflüsse, die aus der Leistungsbilanz stammen, d. h. die aus Güterexporten resultieren, sind vor allem folgende Faktoren verantwortlich: III. Klassifikation d. Ursachen v. außenwirtschaftl. Ungleichgewichten III. Klassifikation d. Ursachen v. außenwirtschaftl. Ungleichgewichten 225 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 • ein internationales Preisgefälle zugunsten des Inlandes, • Wechselkurse und Wechselkurserwartungen, • die Nichtverfügbarkeit von Gütern im Ausland bzw. Präferenzen bezüglich von Importgütern, • die Höhe und Entwicklung des ausländischen Sozialprodukts. Das internationale Preisgefälle ist bei gegebenen Wechselkursen definiert als die Differenz zwischen der inländischen und der ausländischen Inflationsrate. Steigen die Preise im Ausland schneller als im Inland, so ergibt sich für die heimische Volkswirtschaft ein preislicher Wettbewerbsvorteil. Die ,,preisbewussten“ ausländischen Wirtschaftssubjekte kaufen jetzt verstärkt Waren und Dienstleistungen im Inland. Dadurch steigen die Importe des Auslandes an, die ausländische Leistungsbilanz wird passiv, die des Inlandes aktiv. Zweifellos waren in der Vergangenheit die vergleichsweise hohen Inflationsraten im Ausland ein wichtiger Motor für den positiven Außenbeitrag der Bundesrepublik sowie die weitgehende Preisniveaustabilität in Deutschland. Eine weitere Determinante für Leistungsbilanzüberschüsse stellen die Wechselkurse dar. Sie bilden sich auf dem Devisenmarkt, wo Devisenangebot und Devisennachfrage aufeinandertreffen. Insoweit ist der Wechselkurs das Ergebnis des Zusammenwirkens von Devisenzuflüssen und Devisenabflüssen. Allerdings ist hier auf eine wichtige Interdependenz hinzuweisen. Der Wechselkurs ist nicht nur die Folge von Devisenströmen, sondern kann auch deren Ursache sein. Steigt der Wechselkurses beispielsweise des US-Dollars, wird also der Euro gegenüber dieser Devise abgewertet, so bewirkt dies eine Aktivierung der inländischen Leistungsbilanz. So wird es bei einem steigenden Dollar-Kurs für amerikanische Touristen attraktiv, ihren Urlaub in Deutschland zu verbringen. Dies bedeutet nichts anderes als einen zusätzlichen Export von Dienstleistungen, der einen Devisenzufluss zur Folge hat. Umgekehrt wird es für deutsche Touristen teurer, ihre Ferien in den USA zu verbringen, d. h. die Devisenabflüsse (aus dem Dienstleistungsimport) gehen zurück. Entsprechendes gilt für den Warenhandel. Neben dem aktuellen Wechselkurs spielen auch Erwartungen über die künftige Kursentwicklung eine Rolle für die Entwicklung der Leistungsbilanz. Rechnen Ausländer damit, dass ihre Währung in Zukunft gegenüber dem Euro an Wert verliert, so werden sie noch „rechtzeitig“ Güter aus der Bundesrepublik erwerben. Infolge der erwarteten Aufwertung des Euro und der damit verbundenen vorgezogenen Güterkäufe im Inland kommt es daher zu einem Devisenzufluss. Allerdings zeigt die Erfahrung, dass die Exporterfolge einer Volkswirtschaft nicht ausschließlich mit unterschiedlichen Inflationsgeschwindigkeiten oder Wechselkursen erklärt werden können. So mussten etwa in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre die Ausländer deutlich mehr für westdeutsche Güter bezahlen. Dies lag weniger an der heimischen Inflationsentwicklung, als vielmehr an der für Ausländer ungünstigen Wechselkursentwicklung. Trotzdem ,,schluckte“ das Ausland die solchermaßen entstandene (indirekte) Verteuerung westdeutscher Produkte in erstaunlichem Maße. F. Außenwirtschaftliches Gleichgewicht226 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 Das deutet darauf hin, dass für eine Volkswirtschaft auch nichtpreisliche internationale Wettbewerbsvorteile existieren können. Sie ergeben sich u. a. aus der Nichtverfügbarkeit von Gütern im Ausland. Denn wenn das Ausland ein bestimmtes Produkt benötigt, welches nicht im eigenen Land hergestellt wird, dann muss das Ausland dieses Gut zwangsläufig, d. h. unabhängig vom Preis, importieren. Makroökonomisch gesprochen tätigt das Ausland autonome Importe (ImA): ImA = ImA Beispiele für eine derartige preisunelastische Nachfrage bilden Rohstoffe oder Ersatzteile für bereits installierte Anlagen; aber auch ein bestimmter Fahrzeugtyp kann in den Augen des Auslandes als „konkurrenzlos“ eingestuft werden. In die Kategorie der nichtpreislichen Wettbewerbsvorteile fallen folglich auch Präferenzen. Ein Produkt „Made in Germany“ verdankt seinen Ruf unter anderem Faktoren wie Qualität, Liefertreue, After-sale-Service oder der Fähigkeit heimischer Firmen, Spezialwünsche zu erfüllen. Dieses Bündel von Einflussgrößen dürfte in der Vergangenheit ebenfalls wesentlich zu den Exporterfolgen der deutschen Wirtschaft beigetragen haben. Von großer Bedeutung für die Exporte eines Landes ist auch die wirtschaftliche Lage in den Abnehmerstaaten. Sie kommt in der Höhe und Entwicklung des ausländischen Inlandsprodukts (YA) zum Ausdruck. Läuft die Konjunktur im Ausland günstig, so steigen dort Produktion und Volkseinkommen. Da eine in die weltwirtschaftliche Arbeitsteilung eingebundene Volkswirtschaft zur Herstellung dieser Güter zumindest zum Teil auch Importe benötigt, steigt bei zunehmendem Sozialprodukt im Ausland auch dessen Import. Die Importfunktion des Auslandes hat dann folgende Form: ImA = ImA (YA) Mit Berücksichtigung der autonomen Importe lautet die Improtrfunktion: ImA = ImA (YA) + ImA Aus Sicht des Inlandes stellen die Importe des Auslandes aber nichts anderes als Exporte (Ex) dar. Folglich kann man auch schreiben: Ex = Ex (YA) Mit Berücksichtigung der autonomen Importe des Auslandes (ImA), die ja aus Sicht des Inlandes autonome Exporte (Ex) sind, gilt: Ex = Ex (YA) + Ex Die in Deutschland verschiedentlich zu beobachtende Abschwächung des Exportgeschäfts war in der Vergangenheit immer wieder vor dem Hintergrund konjunktureller Probleme wichtiger Abnehmerländer zu sehen. Umgekehrt führte ein Wirtschaftsaufschwung bei wichtigen Partnerländern zu einem Anstieg der Importe und damit auch zu einem Anspringen der Konjunktur im Inland. Für Devisenzuflüsse innerhalb der Kapitalbilanz sind Kapitalimporte verantwortlich. Sie können vor allem auf zwei Ursachen zurückgeführt werden: III. Klassifikation d. Ursachen v. außenwirtschaftl. Ungleichgewichten 227 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 • internationales Zinsgefälle, • Wechselkurse und Wechselkurserwartungen. Unter dem internationalen Zinsgefälle versteht man die Zinsdifferenz zwischen dem inländischen und dem ausländischen Zinsniveau. Zinsdifferenzen sind vor allem Folge der unterschiedlichen Geldpolitik in den jeweiligen Ländern. Die Zinsdifferenzen unterscheiden sich nach dem betrachteten monetären Markt; je nachdem, ob die Geldanlage etwa auf dem Geldmarkt, dem Bankeneinlagenmarkt oder dem Wertpapiermarkt erfolgen soll, errechnen sich spezifische Zinsdifferenzen. Ungeachtet dieses mehr technischen Aspektes kommt es ceteris paribus immer dann zu einem Zufluss von Devisen, wenn das inländische Zinsniveau über dem ausländischen Zinsniveau liegt. Von Bedeutung für die Entwicklung der internationalen Kapitalströme ist auch die Höhe des Wechselkurses. Erfährt beispielsweise der US-Dollar eine Aufwertung gegenüber dem Euro, so werden Kapitalanlagen in Deutschland für Ausländer attraktiver; sie müssen nunmehr weniger heimische Währung (Dollars) bezahlen, um deutsche Wertpapiere bei unverändertem Kurs zu kaufen. Eine Aufwertung der ausländischen Währung, d. h. gleichbedeutend eine Abwertung der heimischen Währung, regt also die Kapitalimporte an, und es fließen zusätzliche Devisen ins Inland. Internationale Geldanlagen sind prinzipiell mit einem Wechselkursrisiko behaftet. Dies gilt insbesondere bei einem System flexibler Wechselkurse; aber auch bei festen Wechselkursen kann es zu einer Neufestsetzung der Paritäten kommen. Diesem Risiko kann insbesondere im kürzerfristigen Bereich durch Kurssicherungsgeschäfte begegnet werden. Dabei wird bereits am Tag der Geldanlage, an dem der Tageskurs für die Fremdwährung verrechnet wird (Kassakurs), der Wechselkurs für den Tag der Fälligkeit (Terminkurs) vereinbart. Üblicherweise schließen die Banken solche Kurssicherungsgeschäfte jedoch nur bis zu einem Jahr ab. Längerfristige Anlagen sind also mit einem Kursrisiko behaftet. Internationale Kapitalströme sind vielfach das Ergebnis von Wechselkurserwartungen. Zu Kapitalzuflüssen kommt es hierbei immer dann, wenn die ausländischen Kapitalanleger auf eine Aufwertung der Währung des Partnerlandes spekulieren. Ein einfaches Beispiel macht dies leicht verständlich. Angenommen, für einen Euro muss ein US-Bürger heute einen US-Dollar bezahlen. Wenn dieser potenzielle Anleger der Meinung ist, der Euro werde innerhalb der nächsten zwölf Monate auf 0,90 US-Dollar fallen (Euro-Abwertung), dann kauft er heute die europäische Gemeinschaftswährung, z. B. 1000  Euro für 1000 US-Dollar. Treffen die Erwartungen des Spekulanten ein, dann wechselt er ein Jahr später seine 1000 Euro in Dollar zurück. Beim Kurs von 0,90 erhält er dafür nunmehr 1111 US-Dollar, d. h. der Anleger macht einen Währungsgewinn von 11,1 %, eventuell zuzüglich Zinsen. Gerade im kurzfristigen Kapitalverkehr führen Wechselkurserwartungen immer wieder zu hohen spekulativen Devisenbewegungen. F. Außenwirtschaftliches Gleichgewicht228 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 2. Determinanten von Devisenabflüssen Für Devisenabflüsse gelten im Grunde die analogen Überlegungen wie für Devisenzuflüsse. Grundsätzlich fließen Devisen durch Güterimporte und Kapitalexporte aus dem Inland in das Ausland ab. Sofern Devisenabflüsse Folge einer Passivierung der Leistungsbilanz sind, kann dies zum einen das Ergebnis eines internationalen Preisgefälles zugunsten des Auslandes sein. Ist die Inflation im Inland höher als das Ausland, so wird es für Inländer ceteris paribus preisgünstiger, Güter im Ausland zu kaufen. Das internationale Preisgefälle zieht in diesem Fall einen Anstieg der Importe nach sich, bei deren Bezahlung Devisen abfließen. Bezüglich des Wechselkurses sind Devisenabflüsse dann zu verzeichnen, wenn der Euro aufgewertet wird, d. h. der Kurs der ausländischen Währung sinkt. In diesem Fall bezahlt man beispielsweise für einen US-Dollar statt bisher einen Euro nur noch 0,92 Euro. Dadurch wird für Deutsche das Einkaufen von Waren und Dienstleistungen im Dollarraum um 8 % preiswerter, sodass es zu verstärkten Güterimporten und damit einem Abfluss von Devisen kommt. Neben dem aktuellen Wechselkurs sind wiederum Wechselkurserwartungen, d. h. Einschätzungen über die künftige Wechselkursentwicklung, von Bedeutung für internationale güterwirtschaftliche Transaktionen. So kann es zu einer Zunahme der Importe und damit zu einem Abfluss von Devisen kommen, wenn die inländischen Importeure eine Abwertung des Euro befürchten und deshalb Güterkäufe zeitlich ,,vorziehen“. Steigende Importe können auch die Konsequenz nichtpreislicher Faktoren sein. Benötigt die heimische Volkswirtschaft etwa Rohstoffe, die im eigenen Land nicht vorkommen, oder ausländische Ersatzteile, so ist deren Einfuhr unumgänglich. Diese autonomen Importe des Inlandes sind das Ergebnis der Nichtverfügbarkeit bestimmter Güter. Ebenso spielen auch Präferenzen eine Rolle für Einfuhren. Beispielsweise ist es möglich, dass ein deutscher Verbraucher skandinavische Möbel oder italienische Bekleidung höher schätzt als vergleichbare heimische Produkte. Dadurch kommt es zu Importen. Auch hier ist der Übergang zwischen Nichtverfügbarkeit und Präferenzen fließend: Falls der Verbraucher beschließt, seine Wohnung ausschließlich mit skandinavischen Möbeln auszustatten, d. h. deutsche Möbel für ihn keinesfalls in Betracht kommen, sind für ihn Möbel aus der heimischen Produktion faktisch nicht verfügbar. Im gewerblichen Bereich fallen etwa bestimmte ausländische Leistungen wie pünktliche Zahlungsweise, Gewährleistungen oder persönliche Beratung in die Rubrik der Präferenzen. Für die Importe ist neben preislichen und nichtpreislichen Wettbewerbsvorteilen auch die Entwicklung des inländischen Einkommens entscheidend. Steigt das Inlandseinkommen, so nimmt gemäß der bereits angeführten Importfunktion der Wert der Einfuhren zu. Wachstum im Inland ist also mit Devisenabflüssen verbunden und führt insoweit zu einer Passivierung der Leistungsbilanz. Über den vermehrten Importbedarf kurbelt die inländische Konjunktur zugleich auch die wirtschaftliche Entwicklung im Ausland an. Die Inlandskonjunktur wirkt als ,,Lokomotive“ für die Weltkonjunktur. Diese III. Klassifikation d. Ursachen v. außenwirtschaftl. Ungleichgewichten 229 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 Lokomotivfunktion können allerdings nur große und stark in die internationale Arbeitsteilung integrierte Länder übernehmen. Devisenabflüsse sind auch innerhalb der Kapitalbilanz zu verzeichnen. Für Kapitalexporte ist neben Aspekten wie steuerlichen Überlegungen insbesondere das internationale Zinsgefälle verantwortlich. Liegt das ausländische Zinsniveau über demjenigen des Inlandes, so sind – bei unveränderten Wechselkursen – Geldanlagen im Ausland attraktiver als im Inland. Es kommt zu Kapitalabflüssen, die ein Ungleichgewicht in der Kapitalbilanz verursachen. Ebenso beeinflusst der Wechselkurs die in der Kapitalbilanz erfassten Devisenströme. So eröffnet ein gesunkener Dollarkurs die Möglichkeit, die US- Währung preiswerter zu kaufen. Dadurch wird es für inländische Anleger günstiger, zum Beispiel amerikanische Aktien zu erwerben. Die Folge sind höhere Devisenabflüsse, also steigende Kapitalexporte. Umgekehrt wird für Ausländer das ,,Einsteigen“ in den inländischen Geld- und Kapitalmärkten teurer, was zu sinkenden Kapitalimporten führt. Noch stärker können sich Wechselkurserwartungen auf die Kapitalbilanz auswirken. Rechnen inländische Anleger beispielsweise mit einer Abwertung des Euro, so wird es interessant, im Ausland umgehend eine Geldanlage zu bilden, es kommt wiederum zu steigenden Kapitalexporten. Denn wenn das im Ausland angelegte Geld später zu einem höheren Wechselkurs zurückgetauscht wird, erhält der inländische Anleger für die ausländische Währung eine größere Menge an Euro, er macht also einen Spekulationsgewinn. Außerdem lohnt sich die Anlage auch wegen der Verzinsung. Denn die ausländischen Zinsen sind in diesem Fall vielleicht nicht nur höher als im Inland, sondern ihr Eintausch in Euro erfolgt dann ebenfalls zu einem günstigeren Kurs. Hinzuweisen ist noch auf die Personenkreise, welche die Devisenströme induzieren. Bisher wurde davon ausgegangen, dass die internationalen wirtschaftlichen Transaktionen vom privaten Sektor abgewickelt werden. Dieser scheint damit für die Bildung des Wechselkurses verantwortlich zu sein. Wie die Erfahrungen zeigen, können prinzipiell auch die Zentralbanken die Entwicklung des Wechselkurses beeinflussen. Gibt die Zentralbank Devisen aus ihren Reserven ab, so übt sie einen Druck auf den Wechselkurs aus; umgekehrt führt der Ankauf von Devisen seitens der Währungsbehörde zu einem Anstieg des Wechselkurses. Da der Wechselkurs aber, wie bereits betont, seinerseits auf die Devisenströme einwirkt, ist die Zentralbank in der Lage, über die Beeinflussung des Wechselkurses die Devisenzu- und -abflüsse zu steuern und damit Einfluss auf die Zahlungsbilanzsituation zu nehmen. Allerdings darf der Einfluss der Zentralbank auf die Entwicklung des Wechselkurses nicht überschätzt werden. Kurzfristig mag der Kurs durchaus kräftig reagieren. Auch können zentralbankseitige Interventionen am Devisenmarkt psychologische Reaktionen auslösen, die in die gewünschte Richtung führen. Auf Dauer kann sich jedoch eine Zentralbank nicht den Kräften des Marktes entgegenstemmen. Insbesondere die internationalen Finanzinvestoren entscheiden letztlich, welcher Wechselkurs zustande kommt. F. Außenwirtschaftliches Gleichgewicht230 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 Ein abschließender Überblick fasst die wichtigsten Ursachen der Devisenströme und damit des außenwirtschaftlichen Gleichgewichts in schematischer Form zusammen (siehe Abbildung F. 3) Die aufgeführten Gründe für das Zustandekommen von Ungleichgewichten in der Zahlungsbilanz stellen die Ansatzpunkte für eine ursachenadäquate Au- ßenwirtschaftspolitik dar. Die wirtschaftspolitischen Möglichkeiten zur Herbeiführung eines außenwirtschaftlichen Gleichgewichts sollen im Folgenden in • marktmäßige Maßnahmen und • administrative Maßnahmen unterschieden werden. Marktmäßige Bekämpfungsmaßnahmen setzen an den genannten Determinanten der Zahlungsbilanz an; daraus werden dann Rückwirkungen auf den Export und Import von Gütern und Kapital erwartet. Dagegen steuern administrative Maßnahmen die internationalen Güter- und Kapitalströme in direkter Weise. Abb. F.3: Determinanten für das Entstehen von außenwirtschaftlichen Ungleichgewichten

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References

Zusammenfassung

Wirtschaftspolitik verständlich erklärt.

"Wer eine kompakte und verständliche Einführung in die Wirtschaftspolitik sucht, ist mit diesem schon seit langem erfolgreichen und weitverbreiteten Lehrbuch bestens bedient."

in: Studium 90/2012

Alles zur Wirtschaftspolitik

Dieses Lehrbuch befasst sich mit den Grundfragen und den aktuellen, zentralen Aufgabenfeldern der Wirtschaftspolitik: Sicherung des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts und Gewährleistung einer nachhaltigen ökologischen Entwicklung. Die Neuauflage geht jetzt noch ausführlicher auf die Problematik des demografischen Wandels sowie die Eurokrise ein.

"Wer immer eine gelungene Einführung in die Wirtschaftspolitik sucht - ob Studierende der Wirtschaftswissenschaften im Grundstudium bzw. Teilnehmer vergleichbarer Aus- und Fortbildungsstätten oder am Wirtschaftsgeschehen interessierte Praktiker - wird von diesem Lehrbuch nicht enttäuscht werden."

in: www.rezensionen.ch 15.5.12

Autoren

Prof. Dr. Gerhard Mussel unterrichtet Volkswirtschaftslehre an der Dualen Hochschule

Baden-Württemberg Stuttgart.

Prof. Dr. Jürgen Pätzold ist Honorarprofessor an der Universität Hohenheim.