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I. Neoklassische stabilisierungspolitische Konzeption in:

Gerhard Mussel, Jürgen Pätzold

Grundfragen der Wirtschaftspolitik, page 11 - 14

8. Edition 2012, ISBN print: 978-3-8006-4261-8, ISBN online: 978-3-8006-4374-5, https://doi.org/10.15358/9783800643745_23

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Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 B. Stabilisierungspolitische Konzeptionen I. Neoklassische stabilisierungspolitische Konzeption 1. Basishypothesen Die klassische Lehre der Nationalökonomie wurde etwa in der Mitte des 18. Jahrhunderts begründet. Sie erfuhr zum Ende des 19. Jahrhunderts eine mikroökonomisch fundierte Weiterentwicklung, die üblicherweise unter der Bezeichnung „Neoklassik“ firmiert. Mit dem Aufkommen keynesianischer Gedanken zur Zeit der Weltwirtschaftskrise des vergangenen Jahrhunderts geriet der klassische Ansatz jedoch lange Zeit in Vergessenheit. Erst in den sechziger Jahren des 20. Jahrhundert führten vor allem die Arbeiten von M. Friedman zu einer Renaissance des klassischen Denkens. Diese Strömung trägt vielfach die Bezeichnung „Monetarismus“, da sich die Monetaristen in erster Linie mit der Verantwortung der Geldpolitik auseinandergesetzt haben. Friedman untersuchte vor allem das Inflationsproblem und stellte die Bedeutung der Geldpolitik für die Preisniveaustabilität heraus. Der Monetarismus wurde in den siebziger Jahren um weitere Fragestellungen ergänzt, woraus dann die ,,Angebotstheorie“ (,,supply side economics“) entstand. In der Bundesrepublik Deutschland werden angebotstheoretische Positionen vor allem vom Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (sog. ,,Fünf Weise“) vertreten. Alle diese Stufen der Weiterentwicklung der Klassik werden im Folgenden unter den Begriff „Neoklassik“ subsumiert. Die stabilisierungspolitische Konzeption der Neoklassiker basiert auf drei zentralen Hypothesen: • der Hypothese der inhärenten Stabilität des privaten Sektors, • der angebotstheoretischen Fundierung, • der Dominanz der Geldpolitik. Grundlegend für die neoklassische Sichtweise des Wirtschaftsprozesses ist der Glaube an die inhärente (d. h. innewohnende) Stabilität des privaten Sektors. Danach schafft es ein privatwirtschaftlich-kapitalistisches Wirtschaftssystem aus eigener Kraft heraus, mit seinen Problemen fertig zu werden. Der wirtschaftliche Organismus verfügt sozusagen über ein sehr starkes Immunsystem. Dank dieser Selbstheilungskräfte neigt die Volkswirtschaft nicht eigendynamisch zu Konjunkturschwankungen, sondern baut exogene Schocks in gedämpfte Bewegungen ab. Störungen sind allenfalls temporärer Natur und als solche hinzunehmen. Das gilt auch für vorübergehende Arbeitslosigkeit. Auf längere Sicht erreicht eine Volkswirtschaft wieder ihren Gleichgewichtszustand. Das Marktsystem funktioniert nach klassischer Auffassung also wie eine automatische Zentralheizung: Ist die Temperatur erst einmal eingestellt und das B. Stabilisierungspolitische Konzeptionen I. Neoklassische stabilisierungspolitische Konzeption B. Stabilisierungspolitische Konzeptionen12 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 Heizungssystem in Ordnung (funktionsfähige Märkte), so wird die Raumtemperatur mit geringen vorübergehenden Abweichungen (temporäre Ungleichgewichte) auf dem vorher eingestellten Wert stabilisiert. Bezogen auf eine Volkswirtschaft bedeutet dies, dass die Volkswirtschaft automatisch in einer „gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichtssituation“ stabilisiert wird. Dies bezieht sich nicht nur auf die Gütermärkte, sondern insbesondere auch auf den Arbeitsmarkt, wo sich längerfristig automatisch ein Vollbeschäftigungsgleichgewicht einpendelt. Neoklassiker können daher aufgrund ihres unverbrüchlichen Vertrauens in die Marktkräfte als ,,Marktoptimisten“ bezeichnet werden. Sie sind zugleich skeptisch hinsichtlich der Fähigkeit der Politik, das Marktsystem durch fallweise (diskretionäre) staatliche Maßnahmen zu stabilisieren (,,Staatsversagen“). Eine noch so gut gemeinte (antizyklische) Wirtschaftspolitik richtet, so die Überzeugung der Neoklassiker, im Zweifel mehr Schaden an, als sie Nutzen stiftet. Theoretische Basis der Neoklassik sind das Saysche Theorem und die Theorie der relativen Preise. Gemäß des Sayschen Theorems (J. B. Say, 1767–1832) schafft sich jedes Angebot seine erforderliche Nachfrage. Denn bei der Produktion von Waren und Dienstleistungen entstehen Kosten und damit in gleicher Höhe automatisch auch Einkommen (z. B. Lohneinkommen) und somit kaufkräftige Nachfrage; sie stellt sicher, dass die Produktion auch abgesetzt werden kann. Eine gesamtwirtschaftliche Überproduktion ist somit allenfalls vorübergehend zu erwarten. Auf einzelnen Märkten können allerdings durchaus temporäre Ungleichgewichte zwischen Angebot und Nachfrage herrschen; sie werden jedoch nach kurzer Zeit wieder abgebaut. Die Erklärung für die ,,Verkaufsgarantie“ der Güter liefert – wie erwähnt – der Sachverhalt, dass im Zuge der Herstellung von Gütern wertgleiches Einkommen entsteht. Dieses geben die Wirtschaftssubjekte wieder aus. Tun sie dies vollständig, so besteht die Nachfrage nur aus Konsumnachfrage. Sparen die Haushalte hingegen einen Teil ihres Einkommens, so tritt über den Zinsmechanismus an die Stelle des Konsumverzichts, d. h. des Sparens, eine gleich hohe Investitionsnachfrage. In jedem Fall wird, so die Überzeugung der Neoklassik, das Einkommen zu kaufkräftiger Nachfrage. Das Problem eines Ausfalls von Nachfrage, also Nachfragemangel, wird von den Klassikern bestritten. Das Saysche Theorem impliziert also die Unendlichkeit der Bedürfnisse. Diese Vorstellung findet ihre Unterstützung in den Arbeiten von J. A. Schumpeter (z. B. Schumpeters ,,Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung“, 1911). Seiner Auffassung nach treten zwar auf einzelnen Märkten im Laufe der Zeit Sättigungstendenzen auf. Innovative Unternehmer (,,Pionierunternehmer“) erschließen jedoch über neue Produkte und Produktionsverfahren immer wieder neue Märkte. Im Wege dieses Prozesses der ,,schöpferischen Zerstörung“ (Schumpeter) werden Nachfragesättigungen auf alten Märkten durch Mehrnachfrage nach neuen Gütern und durch neue Techniken überkompensiert. Dadurch werde in einer Volkswirtschaft der Wachstumsprozess langfristig gesichert. Dieser Wachstumsprozess ist zudem mit einem permanenten Strukturwandel verbunden. Das Hemmen dieses Wandels würde auch den Entwicklungsprozess zum Erliegen bringen. Den Innovatoren, die neue Güter und I. Neoklassische stabilisierungspolitische Konzeption 13 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 Technologien in den Marktprozess einschleusen, fällt damit die Schlüsselrolle für die wirtschaftliche Entwicklung zu. Dem Schumpeter-Theorem folgend, können Neoklassiker deshalb auch als ,,Fortschrittsoptimisten“ bezeichnet werden. Sie lehnen die Vorstellung einer allgemeinen Nachfragesättigung konsequenterweise ab. Bezüglich des Zeithorizonts argumentiert die Neoklassik längerfristig. Die Gültigkeit des Sayschen Theorems und die Theorie von Schumpeter belegen die ,,lange Sicht“ der wirtschaftlichen Entwicklung. Für Neoklassiker ist der Trend der wirtschaftlichen Entwicklung entscheidend, nicht der Zyklus. Die Wirtschaftspolitik soll sich nicht antizyklisch, sondern stetig (trend- bzw. potenzialorientiert) verhalten. Nicht die aktuelle Entwicklung des Inlandsprodukts soll Richtschnur für das Handeln sein, sondern das vergleichsweise stetige Wachstum der volkswirtschaftlichen Produktionskapazität (sog. Produktionspotenzial). Die Arbeiten der Klassiker basieren, wie bereits mehrfach erwähnt, auf der Funktionsfähigkeit des Preismechanismus auf allen Märkten. Die dahinterstehende Theorie der relativen Preise existiert in Form einer älteren und einer modernen Version. Der ursprüngliche klassische Ansatz ging davon aus, dass die Struktur der Produktion durch das Verhältnis der Güterpreise bestimmt wird. Ändert sich die Nachfragestruktur, so ändern sich auch die Preisverhältnisse und damit die Zusammensetzung der Produktion. Denn an diesem „Spiel der relativen Preise“ orientieren die Unternehmen ihre Produktionspläne. Steigen dagegen alle Preise infolge einer Geldmengenausweitung proportional, so hat dies keine Auswirkungen auf die Entwicklung im realen Sektor. Diese „Neutralität des Geldes“ bildet den Inhalt der sog. „naiven Quantitätstheorie“ des Geldes. Die moderne Fassung der relativen Preistheorie ist wesentlich komplizierter und subtiler. Sie kommt zum Ergebnis, dass eine Änderung der Geldmenge kurzfristig durchaus realwirtschaftliche Effekte auslösen kann. Der Grund hierfür liegt darin, dass Geldmengenveränderungen das Vermögensgleichgewicht der Wirtschaftssubjekte stören. Dadurch kommt es zu Anpassungsvorgängen, in die zuerst finanzielle Aktiva, schließlich aber auch reales Vermögen (z. B. die Investitionstätigkeit) involviert werden. Es finden jedoch auch Rückkoppelungsprozesse statt, welche die realwirtschaftlichen Effekte wieder rückgängig machen. Letztendlich wirkt sich eine Geldmengenerhöhung lediglich auf das Preisniveau aus. Damit behält die Quantitätstheorie weiterhin ihre Gültigkeit: Geld ist in güterwirtschaftlicher Hinsicht langfristig neutral. Eine Geldmengenerhöhung wirkt langfristig ausschließlich inflationär. In wirtschaftspolitischer Hinsicht wird von Neoklassikern vor allem die Bedeutung der Preisniveaustabilität betont. Inflation beeinträchtigt den Marktmechanismus, indem sie das Spiel der relativen Preise stört und zur Fehllenkung der Produktionsfaktoren führt. Die Folgen sind langfristig weniger Wachstum und weniger Beschäftigung, als dies in einer inflationsfreien Wirtschaft der Fall wäre. Besonderes Gewicht legen die Neoklassiker daher auf die Geldpolitik. Sie soll so gestaltet werden, dass die Preisniveaustabilität aufrechterhalten wird. Geldpolitische Impulse gelten zudem als dominant im Vergleich zur Fiskalpo- B. Stabilisierungspolitische Konzeptionen14 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 litik. Letztere wird als vergleichsweise unwirksam eingestuft. Die Dominanz geldpolitischer Impulse verleiht den Neoklassikern auch die Bezeichnung ,,Monetaristen“. 2. Stabilisierungspolitische Konsequenzen Ihrer Grundidee des stabilen privaten Sektors folgend, sehen Neoklassiker grundsätzlich keinen Bedarf für fallweise (diskretionäre) Eingriffe des Staates in den Wirtschaftsprozess. Insoweit orientiert sich die Neoklassik tendenziell an der liberalen Laissez-faire-Staatsauffassung der Klassik. Das Wirtschaftsleben ist eine ,,private Veranstaltung“, die ohne Zutun des Staates optimal funktioniert. Die in der Realität beobachtbaren Instabilitäten sind nicht durch ein „Fehlverhalten“ der privaten Wirtschaftssubjekte verursacht, sondern vielfach Folge der interventionistischen Eingriffe des Staates in die Marktprozesse. Antizyklische Maßnahmen mögen zwar gut gemeint sein; sie führen jedoch nicht zur Stabilisierung, sondern im Gegenteil zur Destabilisierung des Systems. Erst die staatliche Intervention in die Marktprozesse produziert die Fehlentwicklungen (These vom Staatsversagen). Daher treten Neoklassiker für ,,weniger Staat“ ein und lehnen eine intervenierende, antizyklische Wirtschaftspolitik ab. Das Schwergewicht der Wirtschaftspolitik legen die Neoklassiker auf die Gestaltung der Rahmenbedingungen der Wirtschaftsordnung, also auf die Ordnungspolitik. Der Gesetzgeber hat die Aufgabe, den ordnungskonformen Rahmen für das Funktionieren des Marktsystems zu schaffen. Hierzu zählen in erster Linie eine konsequente Wettbewerbsgesetzgebung, die weitreichende Entstaatlichung in denjenigen Bereichen, in denen auch private Unternehmen die entsprechenden Leistungen erbringen können (,,Deregulierung“), der Abbau administrativer Hemmnisse und allgemein die Schaffung eines investitionsfreundlichen Klimas (z. B. durch eine entsprechende Ausgestaltung des Steuersystems). Im Übrigen soll sich die Wirtschaftspolitik durch Stetigkeit und Berechenbarkeit auszeichnen (potenzialorientierte Wirtschaftspolitik). Staatsdefizite werden abgelehnt, sie sind durch gesetzliche „Schuldenbremsen“ zu vermeiden, wie dies in der Bundesrepublik Deutschland inzwischen der Fall ist; von Seiten der Zentralbank ist eine konsequente Politik der Geldwertstabilität zu betreiben, d. h. die Geldmengenentwicklung ist am mittelfristigen Wachstum der Wirtschaft auszurichten („potenzialorientierte Geldmengenpolitik“). Neben der Forderung einen funktionsfähigen Wettbewerb zu sichern, gebührt der Preisniveaustabilität konsequenterweise innerhalb des Zielbündels der Stabilisierungspolitik der oberste Rang. Sie ist der monetäre Garant für die Funktions- und Leistungsfähigkeit des marktwirtschaftlichen Systems. Die Bekämpfung von Inflation ist Aufgabe der Geldpolitik. Träger der Geldpolitik ist die Zentralbank (im Euroraum ist dies die Europäische Zentralbank, EZB). Um Preisniveausteigerungen konsequent bekämpfen zu können, sollte die Zentralbank autonom, d. h. von Weisungen der Regierung unabhängig sein. Sie sollte insbesondere nicht verpflichtet sein, Defizite des Staates zu finanzieren. Die Zentralbank übernimmt eine explizite stabilisierungspolitische Verantwortung. Richtschnur für ihr Handeln ist gemäß der quantitätstheoretischen

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References

Zusammenfassung

Wirtschaftspolitik verständlich erklärt.

"Wer eine kompakte und verständliche Einführung in die Wirtschaftspolitik sucht, ist mit diesem schon seit langem erfolgreichen und weitverbreiteten Lehrbuch bestens bedient."

in: Studium 90/2012

Alles zur Wirtschaftspolitik

Dieses Lehrbuch befasst sich mit den Grundfragen und den aktuellen, zentralen Aufgabenfeldern der Wirtschaftspolitik: Sicherung des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts und Gewährleistung einer nachhaltigen ökologischen Entwicklung. Die Neuauflage geht jetzt noch ausführlicher auf die Problematik des demografischen Wandels sowie die Eurokrise ein.

"Wer immer eine gelungene Einführung in die Wirtschaftspolitik sucht - ob Studierende der Wirtschaftswissenschaften im Grundstudium bzw. Teilnehmer vergleichbarer Aus- und Fortbildungsstätten oder am Wirtschaftsgeschehen interessierte Praktiker - wird von diesem Lehrbuch nicht enttäuscht werden."

in: www.rezensionen.ch 15.5.12

Autoren

Prof. Dr. Gerhard Mussel unterrichtet Volkswirtschaftslehre an der Dualen Hochschule

Baden-Württemberg Stuttgart.

Prof. Dr. Jürgen Pätzold ist Honorarprofessor an der Universität Hohenheim.