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I. Begründung der Notwendigkeit des außenwirtschaftlichen Gleichgewichts in:

Gerhard Mussel, Jürgen Pätzold

Grundfragen der Wirtschaftspolitik, page 211 - 213

8. Edition 2012, ISBN print: 978-3-8006-4261-8, ISBN online: 978-3-8006-4374-5, https://doi.org/10.15358/9783800643745_222

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Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 F. Außenwirtschaftliches Gleichgewicht Das vierte und damit letzte Ziel des „gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts“ ist das Außenwirtschaftsziel. Auch das Ziel des „außenwirtschaftlichen Gleichgewichts“ ist in § 1 des Stabilitäts- und Wachstumsgesetzes verankert. Es kann als eine Voraussetzung für die Erreichung der binnenwirtschaftlichen Stabilisierungsziele – Preisniveaustabilität, hoher Beschäftigungsstand, stetiges und angemessenes Wirtschaftswachstum – interpretiert werden. Das Ziel des außenwirtschaftlichen Gleichgewichts beinhaltet insoweit ganz allgemein die außenwirtschaftliche Absicherung der binnenwirtschaftlichen Entwicklung. Es ist sicherzustellen, dass internationale wirtschaftliche Transaktionen sich nicht störend auf die nationale Wirtschaftsentwicklung auswirken. In Bezug auf die binnenwirtschaftlichen Ziele heißt dies, dass ,,importierte Inflation“, ,,importierte Arbeitslosigkeit“ und ,,importierte Wachstumsschwäche“ vermieden werden sollen. Umgekehrt dürfen aber auch die heimischen Probleme nicht zulasten des Auslandes gelöst werden, also kein „Export von Inflation“, ,,Export von Unterbeschäftigung“ oder ,,Export heimischer Wachstumsschwäche“ stattfinden. I. Begründung der Notwendigkeit des außenwirtschaftlichen Gleichgewichts Bei der Begründung des außenwirtschaftlichen Gleichgewichts steht üblicherweise der internationale Güterverkehr im Vordergrund. Angestrebt wird eine ausgeglichene Tendenz, d. h. die Ausfuhr von Waren und Dienstleistungen sowie die Einfuhr von Gütern sollten sich (in etwa) die Waage halten. Sofern Exporte und Importe nicht übereinstimmen, kommt es zu verschiedenen Effekten, die letztlich unerwünscht sind. Diese werden im Folgenden am Beispiel eines Exportüberschusses durchgespielt (für einen Importüberschuss gelten die Überlegungen mit umgekehrtem Vorzeichen). Aus binnenwirtschaftlicher Sicht bringt ein Exportüberschuss zunächst eine Reihe von (tatsächlichen oder vermeintlichen) Vorteilen für die exportstarke Volkswirtschaft: • Exporte sichern Arbeitsplätze; dieser Tatbestand ist gerade für eine Exportnation wie die Bundesrepublik Deutschland von großer Bedeutung. Die Ausfuhren leisten damit einen wesentlichen Beitrag zur Erreichung und Sicherung eines hohen Beschäftigungsstandes; • mit der Abwicklung von Exportaufträgen ist die Erzeugung von Gütern verbunden. Diese Mehrproduktion erhöht das Inlandsprodukt einer Volkswirt- F. Außenwirtschaftliches Gleichgewicht I. Begründung der Notwendigkeit des außenwirtschaftl. Gleichgewichts F. Außenwirtschaftliches Gleichgewicht212 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 schaft und sorgt damit für Wachstum. Mit der Erzeugung von mehr Gütern ist untrennbar ein Anstieg des Einkommens verbunden; • infolge des Exportüberschusses fließen (über die Ausfuhren) mehr Devisen ins Inland, als umgekehrt (über die Einfuhren) Devisen ins Ausland abfließen. Per Saldo entsteht im Inland ein Devisenüberschuss. Er erhöht die Nettovermögensposition des Inlandes gegenüber dem Ausland. Das Inland ist Gläubigerland. Der solchermaßen entstandene Devisenvorrat stellt für die heimische Volkswirtschaft ein Polster dar, auf welches zurückgegriffen werden kann, wenn plötzlich internationale Zahlungsprobleme – etwa infolge steigender Importpreise – auftreten. Die Devisenreserven können im Ausland wiederum zinstragend angelegt werden und erhöhen so über die Kapitalerträge weiterhin den Exportüberschuss. Hält die Bundesbank bzw. die Europäische Zentralbank die Devisenreserven und legt sie diese im Ausland zinstragend an, so steigern die Kapitalerträge den ,,Bundesbankgewinn“, der dem Staat zusätzliche Einnahmen bringt. Nicht alle diese „Vorteile“ erweisen sich jedoch bei genauerem Hinsehen als echte Vorzüge, und zwar sowohl für das Inland, als auch für das Ausland. Mögliche Nachteile von Exportüberschüssen sind für das Inland: • mit steigenden Exporten nimmt auch die Gefahr der Abhängigkeit vom Ausland zu. Die Erfahrungen in der Bundesrepublik zeigen, wie leicht eine Volkswirtschaft in das Schlepptau der nachlassenden Konjunktur wichtiger Abnehmerstaaten geraten kann; • derjenige Teil der Produktion, der in das Ausland verkauft wurde, steht der heimischen Bevölkerung nicht zur Verfügung. Er wirkt also im Inland nicht wohlstandsmehrend. Bezieht das Inland nicht in gleichem Umfang Güter aus dem Ausland, so entsteht im Inland per Saldo eine Güterlücke. Die heimische Bevölkerung sieht sich also aufgrund des Exportüberschusses einer schlechteren Güterversorgung gegenüber, als dies ohne einen Exportüberschuss der Fall wäre. Die inländische Produktion von Waren und Diensten ist im Fall eines Exportüberschusses größer als die inländische Absorption (Konsum-, Investitions- und Staatsnachfrage). Das Inland lebt offensichtlich unter seinen Verhältnissen, das Ausland dagegen lebt über seine Verhältnisse. Es stellt sich die Frage, welcher gesamtwirtschaftliche Sinn darin zu sehen ist, Güter zu produzieren, die den Wohlstand dieser Gesellschaft nicht erhöhen – es sei denn, es handelt sich bei dem Inland um eine altruistische Nation, die gerne für das Ausland arbeitet. • im Zuge der Herstellung von Exportgütern entsteht, wie bereits ausgeführt, im Inland automatisch Einkommen. Da diesem Einkommen und der damit verbundenen höheren Binnennachfrage aber infolge der Güterlücke ein geringeres Angebot entspricht, besteht die Gefahr von Preisniveausteigerungen im Inland (importierte Inflation). Diese Tendenz wird in einem System fester Wechselkurse zudem von der monetären Seite her unterstützt: Da die Zentralbank in einem derartigen Wechselkursregime zum Ankauf von Devisen verpflichtet ist, steigt die Zentralbankgeldmenge und damit die Geldmenge an, was zusätzlich zum Nachfrageeffekt der Exporte inflatorisch wirkt; I. Begründung der Notwendigkeit des außenwirtschaftl. Gleichgewichts 213 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 • die durch Exportüberschüsse entstandenen Devisenreserven unterliegen (insbesondere bei flexiblen Wechselkursen) dem Wechselkursrisiko. Sinkt der Kurs der Devisen, so verliert die Nettovermögensposition des Inlandes an Wert. Diese Negativpunkte lassen erkennen, dass zumindest ein anhaltend hoher Exportüberschuss nicht wünschenswert sein kann. Nun könnte man dem aber die zuvor erwähnten Vorzüge entgegenhalten, etwa die positiven Beschäftigungs- und Wachstumseffekte. Diese Vorteile erweisen sich indes als vordergründig. Denn zu bedenken ist, dass dem Exportüberschuss des Inlandes immer ein Importüberschuss des Auslandes entgegensteht, der dort eine Reihe negativer Konsequenzen nach sich zieht: • Die Güter, welche das Ausland im Inland kauft, werden logischerweise nicht im Ausland nachgefragt. Die ausländischen Unternehmen erhalten also weniger Aufträge, als dies potentiell möglich wäre. Dadurch erreicht die Produktion im Ausland ein geringeres Volumen. Der Exportüberschuss des Inlandes wirkt sich somit für das Ausland wachstumshemmend aus. Das Überschussland (Inland) exportiert folglich Wachstumsschwäche; es macht sozusagen den Nachbarn zum Bettler („Beggar-my-neighbour-policy“); • infolge des Produktionsrückgangs im Ausland ist dort auch mit einer geringeren Beschäftigung zu rechnen. Anders ausgedrückt heißt dies, dass mit dem Export von Gütern aus dem Inland zugleich ein Export von Arbeitslosigkeit in das Ausland verbunden ist. Im Überschussland herrscht tendenziell Vollbeschäftigung, es löst seine Arbeitsmarktprobleme durch Export von Arbeitslosigkeit. • zur Bezahlung der Importe benötigt das Ausland Devisen. Sofern dort noch Devisenvorräte vorhanden sind, werden diese abgebaut. Dadurch verschlechtert sich die Nettovermögensposition des Auslandes. Sind die Devisenreserven aufgebraucht, so muss das ausländische Defizitland Kredite aufnehmen. Das Ausland wird zum Schuldnerland. All diese Probleme wird das Ausland auf Dauer nicht hinnehmen. Vielmehr ist mit Bemühungen zu rechnen, die einen Abbau der Importüberschüsse zum Gegenstand haben. Es kommt zu Abwehrmaßnahmen des Auslandes wie beispielsweise der Erhebung von Importsteuern, der Einführung von Importkontingenten oder anderer Schutzmaßnahmen zugunsten der dortigen Wirtschaft. Erfahrungsgemäß lösen derartige Aktionen wiederum interventionistische Gegenmaßnahmen aus. Auf diese Weise besteht die Gefahr, dass eine Spirale protektionistischer Aktionen in Gang gesetzt wird. Mit solchen „Handelskriegen“ treten in der Regel auch politische Spannungen auf, die dann das Verhältnis der Länder nicht nur auf wirtschaftlicher Ebene belasten können. Diese Überlegungen machen deutlich, welche Gefahren in außenwirtschaftlichen Ungleichgewichten stecken. Zwar mögen protektionistische Maßnahmen aus Sicht der betroffenen Volkswirtschaften notwendig sein. Letztlich ist damit aber für keine Volkswirtschaft etwas gewonnen. Denn es ist unstrittig, dass die internationale Arbeitsteilung und der damit verbundene freie und ungestörte Handel, also die Globalisierung, in der Lage ist, im Endergebnis allen am Welthandel beteiligten Volkswirtschaften Vorteile zu bringen. Au-

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References

Zusammenfassung

Wirtschaftspolitik verständlich erklärt.

"Wer eine kompakte und verständliche Einführung in die Wirtschaftspolitik sucht, ist mit diesem schon seit langem erfolgreichen und weitverbreiteten Lehrbuch bestens bedient."

in: Studium 90/2012

Alles zur Wirtschaftspolitik

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in: www.rezensionen.ch 15.5.12

Autoren

Prof. Dr. Gerhard Mussel unterrichtet Volkswirtschaftslehre an der Dualen Hochschule

Baden-Württemberg Stuttgart.

Prof. Dr. Jürgen Pätzold ist Honorarprofessor an der Universität Hohenheim.