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IV. Nachfrageseitige Stagnation in:

Gerhard Mussel, Jürgen Pätzold

Grundfragen der Wirtschaftspolitik, page 180 - 185

8. Edition 2012, ISBN print: 978-3-8006-4261-8, ISBN online: 978-3-8006-4374-5, https://doi.org/10.15358/9783800643745_191

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E. Wirtschaftswachstum180 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 Unabhängig von dieser statistischen Begründung eines Prozesses der Wachstumsverlangsamung wird immer wieder nach den Ursachen von Stagnation gefragt. Eine bekannte Stagnationshypothese geht auf den englischen Klassiker Thomas Robert Malthus (1766 bis 1834) zurück. In seinem berühmten Bevölkerungsgesetz geht er von einer lediglich linearen Steigerung der (Nahrungsmittel-)Produktion aus, während das Wachstum der Bevölkerung exponentiell erfolgt. Infolge des relativ zum Bevölkerungswachstum ,,zu geringen“ Wachstum des Inlandsprodukts sinke das Pro-Kopf-Einkommen und es komme zu Hungersnöten und Krankheiten. Auf Dauer könne – so die These – infolge der relativen Stagnation des Inlandsprodukts nur eine begrenzte Bevölkerungszahl ernährt werden. Auch der Club of Rome ist der Tradition des Malthusianismus verbunden. In der Meadows-Studie aus dem Jahr 1972 (erster Bericht des Club of Rome) werden die ,,Grenzen des Wachstums“ zwar nicht mehr (nur) auf die begrenzte Nahrungsmittelproduktion zurückgeführt, sondern auf Ressourcengrenzen. Die Endlichkeit der natürlichen Ressourcenvorräte auf der Erde führe dazu, dass die wirtschaftliche Entwicklung an ihre Grenzen stoße und das System letztlich kollabiere. In einer neueren Club-of-Rome-Studie (1992) wird verstärkt die Umwelt als wachstumsbeschränkender Faktor herausgestellt. Nach wie vor erscheint dem Club of Rome der Kollaps unausweichlich, wenn nicht ein grundlegendes Umsteuern in der Wirtschafts-, Umwelt- und Gesellschaftspolitik erfolgt. In enger ausgerichteten ökonomischen Analysen von länger anhaltenden Wachstumsstockungen sind prinzipiell zwei Denkansätze zu unterscheiden: • der nachfrageorientierte Ansatz sowie • der angebotsorientierte Ansatz. Die nachfrageorientierte Stagnationserklärung steht in der keynesianischen Tradition. Ursächlich für die Wachstumsschwäche sind Sättigungstendenzen bei der Nachfrage nach Gütern. Der angebotsorientierte Erklärungsansatz steht dagegen in der klassischen Tradition. Nach Auffassung der Angebotstheoretiker sind vielschichtige Angebotshemmnisse für das Erlahmen der Investitionsund Wachstumsdynamik verantwortlich. Auf diese beiden Erklärungen der Stagnation (siehe Abbildung  E.6) sowie den daraus resultierenden Bekämpfungsmöglichkeiten soll nunmehr näher eingegangen werden. IV. Nachfrageseitige Stagnation 1. Ursachen der nachfrageseitigen Stagnation Die keynesianische Stagnationstheorie stimmt insoweit mit der traditionellen Keynesschen Theorie überein, als in beiden Ansätzen die Güternachfrage das Wirtschaftsgeschehen dominiert. Allerdings stellt die IS-LM-Diagrammatik in erster Linie auf die kurzfristigen Wirkungen von Nachfrageschwankungen ab. IV. Nachfrageseitige Stagnation IV. Nachfrageseitige Stagnation 181 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 Der berühmte Ausspruch von J. M. Keynes: ,,on the long run we are all dead“ unterstreicht dessen ,,short-run“-Sichtweise. Demgegenüber tritt dieser Aspekt in der keynesianischen Stagnationstheorie, die auf A. H. Hansen zurückgeht, in den Hintergrund. Dieser Ansatz ist langfristig ausgerichtet. Zentraler Ausgangspunkt ist wiederum die Güternachfrage, allerdings vorrangig die private Nachfrage nach Konsumgütern. Nach dieser Theorie kommt es langfristig zu Sättigungstendenzen. Dahinter steht die Vorstellung endlicher Bedürfnisse. Diesen Standpunkt vertrat im Übrigen bereits Keynes in Gestalt seines „psychologischen Gesetzes“; danach nimmt die Sparneigung mit steigendem Einkommen zu, d. h. die Konsumneigung sinkt. Die für reife Volkswirtschaften unterstellte Sättigung der Konsumgütermärkte ist jedoch nicht nur das Resultat von sich ändernden Konsum- oder Spargewohnheiten. Vielmehr spielt auch die Bevölkerungsentwicklung eine unterstützende Rolle. Stagnationstheoretiker behaupten ein auf längere Sicht eintretendes Ende des Bevölkerungswachstums. Dadurch seien der Konsumgüternachfrage ebenfalls Grenzen gesetzt. Einen weiteren Grund für die langfristige Stagnation der Produktion erblicken Keynesianer im rückläufigen technischen Fortschritt. Nach ihrer Auffassung ist in reifen Volkswirtschaften mit einem allmählichen Ende bahnbrechender technischer Neuerungen zu rechnen. Daher versiegen auf längere Sicht die Impulse für das wirtschaftliche Wachstum, d. h. es kommt zu einer technologisch verursachten Stagnation. Keynesianer sind also Sättigungs- und Fortschrittspessimisten. Angesichts der Nachfragesättigungen und der erlahmenden technologischen Innovationen stagniert die Investitionstätigkeit, was ihrerseits Abb. E.6: Übersicht über die Ursachen von Stagnation E. Wirtschaftswachstum182 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 negative Multiplikator- und Akzeleratorprozesse in Gang setzt. Dies forciert den Wachstumsverfall zusätzlich. Der keynesianische Sättigungspessimismus ist jedoch heftig umstritten. Interpretiert man das Inlandsprodukt, wie in der Theorie vielfach üblich, als eine „Ein-Gut-Volkswirtschaft“, so ist Nachfragesättigung sehr wahrscheinlich. Es ist nur zu verständlich, dass mit steigendem Einkommen die Nachfrage nach diesem einen Gut relativ sinkt, dass also das psychologische Gesetz von Keynes Gültigkeit bekommt. Volkswirtschaften sind jedoch in der Realität keine Ein- Gut-Wirtschaften. Der wirtschaftliche Entwicklungsprozess ist dadurch gekennzeichnet, dass zwar alte Märkte stagnieren; gleichzeitig expandieren aber neue Märkte. Es findet mithin eine permanente Verlagerung der Nachfrage statt. Sind alte Bedürfnisse gedeckt, so entstehen neue Wünsche, die der Befriedigung harren. Dieser permanente strukturelle Wandel wird in der keynesianischen Theorie völlig vernachlässigt. Die wirtschaftliche Entwicklung wird in der Wirklichkeit nicht von den ,,keynesianischen Unternehmern“ vorangetrieben, die nur das produzieren, was schon immer produziert worden ist. Vielmehr treten immer wieder Pionierunternehmer auf, die neue Märkte erschließen und latent vorhandene Bedürfnisse wecken und befriedigen. Sättigung kann zudem nicht – wie vielfach fälschlicherweise vermutet – aus der Entwicklung der Sparneigung geschlossen werden. Sättigung ist vielmehr, sofern sie überhaupt zu beobachten ist, ein Phänomen des Wertewandels. Materielle Sättigung liegt vor, wenn Menschen danach streben, anstelle der materiellen Bedürfnisbefriedigung in zunehmendem Maße immaterielle Bedürfnisse zu befriedigen. Ein solcher Wertewandel könnte sich dahingehend äußern, dass anstatt prinzipiell erzielbarem Realeinkommen mehr Freizeit nachgefragt wird. Die in der Bundesrepublik heftig geführte Diskussion um die Frage von Arbeitszeitverkürzungen ist letztlich eine Auseinandersetzung zur Frage der dominierenden Werte in einer Gesellschaft. Arbeitszeitverkürzung bedeutet (unter sonst gleichen Umständen) immer auch Verzicht auf ansonsten erzielbare Realeinkommenssteigerungen und damit Verzicht auf die Befriedigung materieller Bedürfnisse zugunsten des immateriellen Bedürfnisses ,,Muse“. Für eine Arbeitszeitverkürzung dürfte zweifellos die große Mehrzahl der Arbeitnehmer sein. Wird jedoch danach gefragt, ob sie gleichzeitig bereit sind, auf im Prinzip realisierbare Einkommenssteigerungen zu verzichten, so fallen die Antworten keineswegs mehr so eindeutig aus. Offensichtlich gibt es immer noch genügend materielle Bedürfnisse, die befriedigt werden wollen. Nach wie vor ist umstritten, ob wir in der Bundesrepublik Deutschland bereits in eine „postmaterielle Gesellschaft“ eingeschwenkt sind, bei der immaterielle Wohlfahrt letztlich mehr zählt als materieller Wohlstand. Wie bereits erwähnt, ist auch ein Anstieg der Sparquote kein Indiz für Sättigung. Steigt die Sparquote, sinkt also der Anteil des Konsums am verfügbaren Einkommen, so stagniert die Konsumnachfrage. Die Stagnation der Konsumnachfrage führt ihrerseits zur Erlahmung der Investitionstätigkeit. Die Folgen sind ein geringeres wirtschaftliches Wachstum und damit geringere Einkommenssteigerungen. Von diesem geringeren Einkommen wird dann möglicherweise wiederum der gleiche, vielleicht sogar ein höherer Anteil für IV. Nachfrageseitige Stagnation 183 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 Konsumzwecke verausgabt, wie dies vor dem Anstieg der Sparquote der Fall war. Die Veränderung der Konsum- bzw. Sparquoten ist noch längst kein Indiz für Sättigung. Im Übrigen ist auch in der Bundesrepublik Deutschland kein permanenter Anstieg der Sparquote zu verzeichnen. Weltweit liegt ohnehin keine Sättigung der Bedürfnisse vor. Verwiesen sei in diesem Zusammenhang nur auf die unbefriedigten Bedürfnisse der Menschen in Entwicklungsländern. Zudem wird im keynesianischen Fortschrittspessimismus die Kraft des technischen Fortschritts unterschätzt. Zwar herrschte immer wieder in der Vergangenheit eine Art von ,,Untergangsstimmung“, weil der Glaube an technische Neuerungen erschüttert schien. Doch gelang es bislang jedes Mal, durch bahnbrechende Erfindungen neue längerfristige Wachstumsschübe auszulösen. Die Studien von J. A. Schumpeter (1911) belegen dies eindrucksvoll. Für die fernere Zukunft werden insbesondere große Chancen in den Bereichen Mikroelektronik, Kommunikationstechnik, Energietechnik, Gentechnik sowie neue Werkstoffe gesehen. 2. Nachfrageorientierte Wachstumspolitik Die keynesianische Strategie zur Bekämpfung von Stagnationstendenzen liegt auf der Hand. Sie wurde bereits im Rahmen der Ausführungen zur wachstumsdefizitären Arbeitslosigkeit angesprochen. Da langfristig, so die Hypothese, die private Nachfrage zur Sättigung tendiert, sei es Aufgabe des Staates, seine Nachfrage permanent zu steigern. Nachfrageorientierte Wachstumspolitik ist somit in erster Linie expansive Finanzpolitik. Der Staat hat die Rolle zu übernehmen, Träger des Wachstums zu sein. Diese Vorstellung steht auf den ersten Blick in vollem Einklang mit der keynesianischen Lehre. Der entscheidende Unterschied ist allerdings, dass der traditionelle Keynesianismus lediglich ein Konzept zur Bekämpfung temporärer Nachfragestockungen entwickelt hat. Er empfiehlt daher eine Erhöhung der Staatsnachfrage ausschließlich in der Rezession, d. h. auf kurze Sicht. Die Übertragung dieses Stabilisierungskonzepts auf die lange Frist ist jedoch nicht unproblematisch. Sie führt letztlich zu der Konsequenz, dass die Staatsausgaben auf Dauer, und nicht nur in der Rezession, schneller wachsen, als die Gesamtwirtschaft wächst. Eine dauerhaft kompensatorische Ausgabenpolitik der öffentlichen Hand führt also zu einem ständigen Anstieg der Staatsquote, d. h. zu einem höheren Anteil des Staates am Inlandsprodukt. Die nachfrageorientierte Wachstumspolitik setzt voraus, dass • der Anstieg der Staatsquote gesellschaftspolitisch erwünscht ist, und • die steigende Staatsnachfrage problemlos finanziert werden kann. Welche Staatsausgaben überproportional gesteigert werden sollen, wird von den Vertretern einer nachfrageorientierten Wachstumspolitik (in Deutschland sind vor allem der Deutsche Gewerkschaftsbund [DGB], das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung [DIW] in Berlin und die Minderheitsvoten in den Jahresgutachten des Sachverständigenrates zu nennen) mit Verweis auf die noch unzureichende Ausstattung mit materieller und sozialer Infrastruktur näher E. Wirtschaftswachstum184 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 konkretisiert. Als Schwerpunkte werden die Bereiche Wohnungs- und Städtebau, Verkehr, Umwelt, Bildung, Energie sowie Forschung und Entwicklung genannt. Sie sollen das quantitative mit dem qualitativen Wachstum verbinden. Die kontinuierliche Erhöhung der Staatsquote setzt voraus, dass es bei öffentlichen Gütern (im Gegensatz zu privaten Gütern) keine Sättigung gibt. Die Umleitung von Produktionsfaktoren aus dem privaten in den staatlichen Bereich sei allokationspolitisch erwünscht. Bereits der amerikanische Ökonom John Kenneth Galbraith (1908 - 2006) hat in diesem Zusammenhang von ,,privatem Reichtum“ und der ,,öffentlichen Armut“ gesprochen. Ob Sättigung bei privaten Gütern bereits gegeben ist und ob die Bedürfnisse nach öffentlichen Gütern noch ungesättigt sind, lässt sich wissenschaftlich nicht entscheiden. Die diesbezüglichen Wünsche der Gesellschaft sind subjektiver Natur; sie äußern sich letztlich auch im Verhalten der Bürger bei Wahlen. Unabhängig von der Frage der gesellschaftspolitischen Angemessenheit einer Erhöhung der Staatquote stellt sich die Frage, wie der überproportionale Anstieg der Staatsausgaben finanziert werden soll. Für die Verfechter der nachfrageorientierten Wachstumspolitik ist dies im Grunde kein Problem. Infolge der Sättigung im privaten Sektor steigt dort die Sparquote. Dies eröffnet dem Staat die Möglichkeit, die Steuern zu erhöhen, und zwar ohne dass hierdurch private Nachfrage zusätzlich zurückgedrängt werde. An die Stelle des privaten Nachfrageausfalls tritt die staatliche Nachfrage. Der Staat lenkt praktisch die ausfallende Privatnachfrage in den öffentlichen Sektor um. Theoretisch bewirkt eine parallele Erhöhung der Steuerquote und der Ausgabenquote per Saldo sogar einen positiven Wachstumseffekt. Dies folgt aus dem sog. Havelmoo-Theorem: Da der (positive) Staatsausgabenmultiplikator einen höheren Wert aufweist als der (negative) Steuermultiplikator, steige per Saldo das Inlandsprodukt. Von den nachfrageorientierten Wachstumstheoretikern wird allerdings immer wieder auch die Alternative der Kreditfinanzierung der zusätzlichen Staatsausgaben empfohlen, und zwar wohl deshalb, weil die Steuererhöhung möglicherweise doch zur einer unerwünschten Zurückdrängung privater Nachfrage führen kann und daher wachstumsschädlich ist. Oder aber schlicht deshalb, weil die Kreditfinanzierung politisch leichter durchsetzbar erscheint als die Steuerfinanzierung. Steigt die Sparquote, so erhöht sich die private Geldvermögensbildung. Diese Geldvermögensbildung steht dann dem Staat, so die Vorstellung, für staatliche Kredite zur Finanzierung der Ausgaben zur Verfügung. Die zusätzliche staatliche Kreditaufnahme führe daher zu keinen Zinssteigerungen und dränge damit keine private Nachfrage zurück. Es erfolgt also mit anderen Worten kein zinsbedingter crowding-out-Effekt. Vielfach wird jedoch auch für Direktkredite bei der Zentralbank plädiert. Damit möchte man den komplizierten – und wegen der latenten Zinssteigerungsgefahr risikoreichen – Weg der Defizitfinanzierung über Anleihen im privaten Sektor oder der Aufnahme von Krediten bei Geschäftsbanken vermeiden. Diese Zentralbankkredite sollten, so die Vorstellung, zins- und tilgungsfrei sein. Faktisch würde dies bedeuten, dass das neu geschaffene Zentralbankgeld nur noch über den Staat in die Wirtschaft eingeschleust wird. Im Falle einer zu starken Ausweitung der Geldmenge wäre Inflation die Folge dieses Finanzierungswe- IV. Nachfrageseitige Stagnation 185 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 ges. Ob dieser Vorstellung einer durch den Staat erzwungenen Zentralbankgeldschöpfung entsprochen wird, hängt wesentlich von den institutionellen Gegebenheiten in einer Volkswirtschaft ab. In den gesetzlichen Regelungen des mit einem hohen Grad an Autonomie ausgestatteten Europäischen Systems der Zentralbanken ist keine Möglichkeit vorgesehen, den Regierungen Zentralbankkredite zu gewähren. Diese Praxis war schon zu Zeiten der national betriebenen Geldpolitik in der Bundesrepublik Deutschland zu verzeichnen; das Bundesbankgesetz sah keine Möglichkeiten zur langfristigen Kreditfinanzierung der Staatsausgaben durch die Deutsche Bundesbank vor. Im Übrigen verweisen die Anhänger der nachfrageorientierten Wachstumspolitik auf die Kräfte einer Selbstfinanzierung zusätzlicher staatlicher Ausgaben. Die theoretische Erklärung hierfür liefert der Staatsausgabenmultiplikator. Die Kreislaufwirkungen öffentlicher Investitionen werden als stark genug angesehen, um das Wachstum der Wirtschaft per Saldo anzukurbeln und damit höhere Steuereinnahmen fließen zu lassen. Zudem sinken auch bestimmte Staatsausgaben, etwa für Unterstützungszahlungen an Arbeitslose. Dadurch erfolge auf längere Sicht eine Selbstfinanzierung der zusätzlichen Ausgaben der öffentlichen Gebietskörperschaften. Gegen die angeführte Argumentationsweise der Vertreter einer nachfrageorientierten Wachstumspolitik lassen sich jedoch verschiedene Vorbehalte anbringen. Zunächst ist es mehr als fraglich, ob die zur Finanzierung der höheren Staatsausgaben ins Auge gefasste Erhöhung der Steuerquote tatsächlich keine negativen Rückwirkungen auf die private Nachfrage hat. Sofern die dadurch in Gang gesetzte Zurückdrängung der Privatnachfrage lediglich durch entsprechende Staatsausgaben kompensiert wird, käme es kaum zu positiven Wachstumseffekten. Jedoch bestehen erhebliche Wachstums- und Beschäftigungsrisiken, sofern die Steuererhöhungen auf den Unternehmensbereich ausgerichtet sind; in diesem Falle ist mit rückläufigen privaten Investitionen und damit auf Dauer mit weniger Wachstum zu rechnen. Skepsis ist auch gegenüber dem Multiplikatoroptimismus angebracht. Empirische Untersuchungen, etwa der Deutschen Bundesbank oder von wirtschaftswissenschaftlichen Forschungsinstituten, widerlegen die Annahme, zusätzliche staatliche Investitionen finanzierten sich quasi von selbst. Danach lassen die optimistischen Berechnungen vor allem auch die Folgelasten öffentlicher Investitionen außer Acht. Beispielsweise folgen dem Bau eines Hallenbades die Aufwendungen für dessen Unterhalt. Dieser durch die Investition induzierte Staatskonsum dürfte bei jährlich rund 20 bis 30 Prozent der ursprünglichen Investitionssumme liegen, sie übersteigen also schnell das ursprüngliche Investitionsvolumen. Dem könnte man entgegenhalten, dass die dabei eingesetzten Bediensteten ein Einkommen beziehen, das seinerseits nachfragewirksam wird. Gleichwohl sind die Investitionen einschließlich der Folgekosten nur dann vertretbar, wenn die staatlichen Investitionen tatsächlich „investiv“ in dem Sinne sind, dass sie die infrastrukturellen Rahmenbedingungen einer Volkswirtschaft nachhaltig verbessern. Diese These ist jedoch umstritten. Zudem halten die Kritiker dieses Konzepts (z. B. die Bundesbank oder der Sachverständigenrat) dem Multiplikatoroptimismus der Nachfragetheoretiker einen

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References

Zusammenfassung

Wirtschaftspolitik verständlich erklärt.

"Wer eine kompakte und verständliche Einführung in die Wirtschaftspolitik sucht, ist mit diesem schon seit langem erfolgreichen und weitverbreiteten Lehrbuch bestens bedient."

in: Studium 90/2012

Alles zur Wirtschaftspolitik

Dieses Lehrbuch befasst sich mit den Grundfragen und den aktuellen, zentralen Aufgabenfeldern der Wirtschaftspolitik: Sicherung des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts und Gewährleistung einer nachhaltigen ökologischen Entwicklung. Die Neuauflage geht jetzt noch ausführlicher auf die Problematik des demografischen Wandels sowie die Eurokrise ein.

"Wer immer eine gelungene Einführung in die Wirtschaftspolitik sucht - ob Studierende der Wirtschaftswissenschaften im Grundstudium bzw. Teilnehmer vergleichbarer Aus- und Fortbildungsstätten oder am Wirtschaftsgeschehen interessierte Praktiker - wird von diesem Lehrbuch nicht enttäuscht werden."

in: www.rezensionen.ch 15.5.12

Autoren

Prof. Dr. Gerhard Mussel unterrichtet Volkswirtschaftslehre an der Dualen Hochschule

Baden-Württemberg Stuttgart.

Prof. Dr. Jürgen Pätzold ist Honorarprofessor an der Universität Hohenheim.