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I. Begründung des Wachstumsziels in:

Gerhard Mussel, Jürgen Pätzold

Grundfragen der Wirtschaftspolitik, page 165 - 168

8. Edition 2012, ISBN print: 978-3-8006-4261-8, ISBN online: 978-3-8006-4374-5, https://doi.org/10.15358/9783800643745_176

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Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 E. Wirtschaftswachstum Ein weiteres Ziel der Wirtschaftspolitik ist das wirtschaftliche Wachstum. Es soll, dem Wortlaut des § 1 Stabilitäts- und Wachstumsgesetzes folgend, „stetig und angemessen“ sein. Das Wachstumsziel kann als Sekundärziel interpretiert werden. Es ist Voraussetzung für die Erreichung und Erhaltung eines hohen Beschäftigungsstandes. Insofern handelt es sich beim Ziel des „hohen Beschäftigungsstandes“ um ein Primärziel der Wirtschaftspolitik. Dies gilt im Übrigen ebenso für das Ziel der Preisniveaustabilität. Gleichwohl verdient auch das stabilisierungspolitische Nebenziel des Wirtschaftswachstums eine eigenständige Erörterung. I. Begründung des Wachstumsziels Das wirtschaftliche Wachstum zeigt sich allgemein in einer Zunahme der Güterproduktion in der Volkswirtschaft. Daraus resultieren unzweifelhafte Vorteile, aber auch Nachteile. Die Gegner des Wachstums sehen dessen Probleme insbesondere in den negativen Folgen für die Umwelt sowie im Abbau nicht regenerierbarer Ressourcen. In der Tat folgte bisher aus der Produktionstätigkeit der Unternehmen eine erhebliche Belastung der Umwelt in Gestalt einer Verschlechterung der Qualität von Luft, Gewässern oder Böden. Dies geschah ungeachtet des Wirtschaftssystems – die Erfahrung lehrt, dass planwirtschaftliche Systeme in der Vergangenheit sogar in höherem Maße die Umwelt belasteten, als dies in marktwirtschaftlichen Systemen der Fall war. Vor dem Hintergrund dieser Probleme forderten Kritiker des Wachstumsdenkens ein ,,Nullwachstum“. Diese Forderung mag auf den ersten Blick verständlich klingen. Dabei werden jedoch die positiven Seiten des Wachstums übersehen, die es ebenfalls zu bedenken gilt, insbesondere auch in Bezug auf die Umwelt. Wachstum ist zunächst die entscheidende Basis für den materiellen Wohlstand in einem Land. Gemeint ist damit eine höhere Güterversorgung der Bevölkerung. Das Wachstumsziel dient damit dem gesellschaftlichen Oberziel der Wohlfahrt, also der allgemeinen Verbesserung der Lebensverhältnisse der Menschen. Die Verfügbarkeit über Waren und Dienstleistungen ist eine wesentliche Säule dieser Wohlfahrt. Die jüngeren Erfahrungen in Osteuropa belegen, welche Konsequenzen eine schlechte Güterversorgung der Bevölkerung haben kann; neben dem Bedürfnis nach mehr Freiheit war die unzureichende Güterversorgung insbesondere in der ehemaligen DDR der maßgebliche Anstoß für die Reformbewegungen, die letztlich in die deutsche Einheit mündeten. Wachstum dient insoweit zugleich der Erhaltung der Stabilität politischer Systeme. E. Wirtschaftswachstum I. Begründung des Wachstumsziels E. Wirtschaftswachstum166 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 Wirtschaftswachstum ist darüber hinaus, wie bereits erwähnt, eine entscheidende Vorbedingung für Vollbeschäftigung. Dies machen einfache produktionstheoretische Überlegungen deutlich, wie sie aus Abbildung E.1 folgen. Angenommen, es bestehe ein Beschäftigungsstand in Höhe von A1, der durch Unterbeschäftigung (UB) gekennzeichnet ist; das zugehörige Produktionsvolumen liege bei Y1. Eine Erhöhung des Beschäftigungsgrades auf das Niveau der Vollbeschäftigung (A2 = VB) ist ceteris paribus nur möglich, wenn die Produktion auf den Wert von Y2 steigt. Die Produktionszunahme ist aber nichts anderes als Wachstum. Wird das Wachstum allerdings ganz oder teilweise durch den technischen Fortschritt getragen, so verschiebt sich die Produktionsfunktion nach oben. Die Folge ist, dass der positive Beschäftigungseffekt des wirtschaftlichen Wachstums zumindest zum Teil neutralisiert wird (siehe auch Abbildung C.18). In jedem Fall steigt aber gleichwohl die Güterversorgung pro Beschäftigten. Der Beschäftigungseffekt wird umso mehr abgeschwächt, je stärker sich die Produktionsfunktion infolge des technischen Fortschritts nach oben verschiebt. Er kann im Extremfall sogar dafür sorgen, dass die höhere Produktion mit einem geringeren Einsatz von Arbeitskräften als A1 erstellt wird. Wachstum ist also eine notwendige, jedoch keine hinreichende Bedingung für eine Erhöhung des Beschäftigungsstandes. Normalerweise muss eine bestimmte „Beschäftigungsschwelle“ überschritten werden, damit sich das Wirtschaftswachstum beschäftigungserhöhend auswirkt. Diese Beschäftigungsschwelle wird maßgeblich von der Entwicklung der Arbeitsproduktivität bestimmt. Diese Schwelle, ab Abb. E.1: Wachstum und Beschäftigung I. Begründung des Wachstumsziels 167 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 der das Wirtschaftswachstum positive Beschäftigungseffeket bewirkt, liegt in Deutschland bei etwa 1 % bis 1,5 %. Ein weiterer positiver Aspekt des Wirtschaftswachstums ist dessen Fähigkeit, Verteilungskonflikte zu entschärfen. Damit bildet Wachstum zugleich eine entscheidende Voraussetzung zur Verhinderung des Auftretens der Verteilungskampfinflation, also der Angebotsinflation. Verteilungskämpfe finden auf den unterschiedlichsten Ebenen der Gesellschaften statt, nämlich insbesondere zwischen: • Arbeitnehmern und Arbeitgebern, • Inland und Ausland, • Wirtschaft und Umwelt, • privatem und öffentlichem Sektor. Der Verteilungskampf zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern zeigt sich regelmäßig bei den Tarifverhandlungen. Die Arbeitnehmer fordern einen grö- ßeren Anteil des ,,gesamtwirtschaftlichen Kuchens“, was naturgemäß den Interessen der Arbeitgeber zuwiderläuft. Je mehr nun bildhaft gesprochen der Kuchen wächst, desto leichter lassen sich höhere Ansprüche befriedigen, da der Verteilungsspielraum größer wird, und so jede Gruppe mehr erhalten kann. Daher überrascht es nicht, dass die Tarifverhandlungen in Zeiten hohen Wachstums wesentlich schneller und reibungsloser ablaufen, als dies während rezessiver Phasen der Fall ist. Verteilungskämpfe finden auch auf internationaler Ebene statt. Wie das Beispiel der Ölpreiserhöhungen zeigte, versuchten die OPEC-Staaten mehrfach, durch eine Begrenzung der Fördermengen eine drastische Heraufsetzung der Ölpreise und damit höhere Einnahmen zu erzielen. Damit waren sie (zumindest vorübergehend) in der Lage, größere Teile der Weltproduktion zu erwerben. Bei gleichbleibender Gesamtproduktion in den Öl-Importländern geht dies zulasten der heimischen Güterversorgung und damit des inländischen Verteilungsspielraums. Eine Zunahme der Verteilungskämpfe ist nahezu unausweichlich. Je stärker aber die Wirtschaft wächst, desto leichter können die gestiegenen Forderungen des Auslandes an die heimische Produktionsleistung erfüllt werden. In diesem Zusammenhang gewinnt der innerdeutsche Verteilungskampf besondere Aktualität. Angesichts des gegenwärtigen Zustandes der ehemaligen DDR-Wirtschaft ist in absehbarer Zeit nicht mit einem ausreichend hohen ,,Ost- Wachstum“ zu rechnen, welches zu einer Angleichung an das ,,Westniveau“ führt. Im Jahr 1992 war in Ostdeutschland die inländische Absorption, also die Konsumausgaben, Investitionstätigkeit und die Staatsausgaben, etwa doppelt so hoch wie das in den neuen Bundesländern produzierte Inlandsprodukt. Die ostdeutschen Bürger haben also – verständlicherweise – weit über ihre Verhältnisse gelebt. Auch in Zukunft werden hohe Transferleistungen erforderlich sein, um so eine Angleichung der materiellen Lebensverhältnisse zwischen Westund Ostdeutschland zu sichern. Dies erfordert wiederum ein entsprechend hohes Wachstum in den alten Bundesländern. Auf Dauer ist aber ein höheres Wachstum in Ostdeutschland im Vergelich zu Westdeutschland erforderlich, um die selbst erwirtschaftete materielle Basis an die der alten Bundesländer E. Wirtschaftswachstum168 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 anzugleichen. Wirtschaftswachstum ist also im gesamten Deutschland notwendig, um den Prozess der politisch geglückten Wiedervereinigung auch auf ökonomischem Felde möglichst konfliktarm zu vollenden. Mit Blick auf die Lösung der drängenden Umweltschutzaufgaben kommt dem wirtschaftlichen Wachstum ebenfalls eine zentrale Rolle zu. Es ist zwar richtig, dass Produktionstätigkeit und Umweltbelastungen positiv gekoppelt sein können, dass also eine Steigerung der Produktion mit einer zusätzlichen Belastung der Umwelt und einem zusätzlichen Ressourcenverzehr einhergeht. Die umweltpolitischen Probleme lassen sich aber keineswegs, wie vielfach vermutet, besser dadurch lösen, dass die Wirtschaft gar nicht mehr wächst. Die Forderung nach ,,Nullwachstum“ ist zwar populär, sie löst aber die Probleme keineswegs. Denn zum einen würde ein Nullwachstum bedeuten, dass die jährliche Umweltbelastung nicht zurückginge, da ja jährlich die gleiche Produktionsmenge neu erzeugt wird. Zum andern hätte Nullwachstum zur Folge, dass der Innovationsprozess erlahmt. Mit den alten, umweltverschmutzenden Anlagen würde länger produziert, als dies bei ausgeprägtem technischem Fortschritt der Fall wäre. Wachstum kann hingegen auch den umwelttechnischen Fortschritt fördern. Entscheidend für eine „nachhaltiges“ Wirtschaftswachstum ist, dass die umweltpolitischen Rahmenbedingungen durch den Staat richtig gesetzt werden (siehe hierzu Teil G). Außerdem ermöglicht Wachstum auch, einen Teil des Wohlstandszuwachses für Umweltschutzausgaben abzuzweigen, ohne dass der materielle Wohlstand der Bevölkerung sinkt. Bei Nullwachstum wäre dies zwangsläufig unmöglich. Es kann daher nur darum gehen, die Mehrproduktion zumindest teilweise in die „Entsorgungsindustrie“ zu lenken und Produkte sowie Produktionsverfahren umweltschonender zu gestalten. Je stärker die Wirtschaft wächst, umso leichter kann sie Produktionsfaktoren für den Bereich der Umweltindustrie abstellen. Insoweit besteht zwischen Wachstum und Umwelt nicht nur ein Zielkonflikt, sondern auch eine Zielharmonie. Der „Kampf um den Kuchen“ findet nicht zuletzt zwischen dem privaten und dem öffentlichen Sektor statt. In Deutschland wurde in den letzten Jahren etwa ein Viertel der volkswirtschaftlichen Produktionskapazitäten vom Staat in Anspruch genommen (Staatsausgaben ohne die Sozialleistungen in Prozent des nominalen BIP). Die hierfür eingesetzten Produktionsfaktoren standen folglich dem privaten Sektor nicht zur Verfügung. Zwar erwartet die Mehrzahl der Bürger auf der einen Seite zunehmend mehr und bessere staatliche Leistungen (wie Gesundheitswesen, kulturelle Angebote, Bildungseinrichtungen und öffentliche Infrastruktur). Auf der anderen Seite steigt aber auch der Bedarf an privaten Gütern. Je höher nun das Wachstum ausfällt, desto leichter ist es, dieses Dilemmaproblem zu lösen. Eine Steigerung der Wirtschaftsleistung bewirkt bei einem gegebenen Steuersystem eine Erhöhung der Steuereinnahmen. Dadurch ist der Staat in der Lage, seinen Bürgern mehr bzw. bessere öffentliche Güter wie Ausbildung oder Verkehrsinfrastruktur bereitzustellen. Die kollektiven Bedürfnisse der Bevölkerung werden dann in höherem Maße befriedigt. Außerdem ermöglicht eine

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References

Zusammenfassung

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in: Studium 90/2012

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in: www.rezensionen.ch 15.5.12

Autoren

Prof. Dr. Gerhard Mussel unterrichtet Volkswirtschaftslehre an der Dualen Hochschule

Baden-Württemberg Stuttgart.

Prof. Dr. Jürgen Pätzold ist Honorarprofessor an der Universität Hohenheim.