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IV. Nachfrageinflation und ihre Bekämpfung in:

Gerhard Mussel, Jürgen Pätzold

Grundfragen der Wirtschaftspolitik, page 123 - 131

8. Edition 2012, ISBN print: 978-3-8006-4261-8, ISBN online: 978-3-8006-4374-5, https://doi.org/10.15358/9783800643745_134

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IV. Nachfrageinflation und ihre Bekämpfung 123 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 IV. Nachfrageinflation und ihre Bekämpfung 1. Inflation im Konjunkturverlauf Inflation ist einerseits ein typisch konjunkturelles Phänomen. Die Preisniveausteigerung fällt in der Hochkonjunktur hoch aus und ist in der Rezession gering (siehe Abbildung D. 10). Ursächlich hierfür ist die Entwicklung der Nachfrage im Vergleich zur vorhandenen Produktionskapazität: Steigt ausgehend von einer Situation der Unterbeschäftigung die gesamtwirtschaftliche Nachfrage an, so nimmt in dieser Konjunkturphase die reale Produktion ohne nennenswerte Preissteigerungen zu. Je mehr sich die Wirtschaft jedoch der Vollauslastung der Kapazitäten nähert, umso mehr wirkt sich der Nachfrageanstieg inflatorisch aus; schließlich wird in der Situation der Vollauslastung nur noch das Preisniveau (P) in die Höhe gezogen („demand-pull-inflation“). In einer Situation der „Normalauslastung“ der volkswirtschaftlichen Produktionskapazitäten halten sich dagegen die inflatorischen Risiken in Grenzen. Abbildung D.11 verdeutlicht den Sachverhalt mit Hilfe einer gesamtwirtschaftlichen Angebotsfunktion (GA) und einer gesamtwirtschaftlichen Nachfragefunktion (GN). Die Nachfragefunktion nimmt die übliche Gestalt an. Hinsichtlich des Verlaufs der Angebotsfunktion wird angenommen, dass bei geringer Auslastung der Kapazitäten eine Erhöhung der Nachfrage noch zu keinerlei Preissteigerungen IV. Nachfrageinflation und ihre Bekämpfung Abb. D.10: Konjunkturelle Inflation D. Preisniveaustabilität124 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 führt (völlig elastischer, waagerechter Teil). Dagegen treibt ab Erreichen der 100-Prozent-Auslastungsgrenze jede Nachfragesteigerung nur noch die Preise in die Höhe, da die Wirtschaft real nicht mehr wachsen kann (völlig unelastischer, senkrechter Teil der Angebotsfunktion). Im dazwischen liegenden Engpassbereich steigen sowohl das reale Inlandsprodukt als auch das Preisniveau. Da die Nachfrage die Preise in die Höhe zieht, nennt man diese Inflationsart auch Nachfragesoginflation oder Demand-pull-Inflation. Wegen ihres konjunkturabhängigen Auftretens heißt sie auch konjunkturelle Inflation. Aus makroökonomischer Sicht liegt eine inflatorische Lücke (Nachfrage 4 Angebot bzw. Investieren 4 Sparen) vor. Innerhalb der Nachfrageinflation lassen sich verschiedene Typen unterscheiden. Sie sind auf die jeweilige Nachfragekomponente zurückzuführen, welche die Preissteigerungen verursacht. Ausgangspunkt ist wiederum die bekannte Gleichung für die gesamtwirtschaftliche Endnachfrage: N = C + I + G + Ex – Im Besteht die Ursache in einer zu großen Konsumnachfrage der privaten Haushalte, so kommt es zur sog. Konsumnachfrageinflation. Hierfür können beispielsweise eine Verringerung der Sparneigung oder günstigere Zinsen für Konsumentenkredite verantwortlich sein. Im einfachen dreipoligen Kreislauf entsteht dadurch ceteris paribus eine inflatorische Lücke vom Typ: I > S Abb. D.11: Nachfrageinflation IV. Nachfrageinflation und ihre Bekämpfung 125 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 Steigt die private Investitionsnachfrage im Vergleich zum Angebot an Produktionsmitteln zu stark an, dann handelt es sich um eine Investitionsnachfrageinflation. Die Investoren werden vielleicht durch verbesserte Gewinnerwartungen, günstigere Abschreibungsmöglichkeiten, neue Technologien oder sinkende Faktorpreise zu einer Erhöhung ihres Kapitalstocks angeregt. Daraus resultiert wiederum die Lücke: I > S Falls die gestiegene Gesamtnachfrage auf eine zu kräftige Ausdehnung der staatlichen Güternachfrage (G) bei konstanten Steuereinnahmen (T) zurückgeht, herrscht eine Staatsnachfrageinflation. Die inflatorische Lücke hat dann das Aussehen: I + G > S + T Erfahrungsgemäß sind preistreibende Staatsausgaben, welche die Steuereinnahmen übersteigen, Reflex einer unsoliden Finanzpolitik des Staates. Hinter den bisher erörterten drei Formen der Inflation steht jeweils eine Nachfrageausweitung, die auf inländische Personen zurückgeht. Deshalb spricht man hier auch von ,,hausgemachter“ Nachfrageinflation. Demgegenüber ist die importierte Nachfrageinflation das Ergebnis eines Stabilitätsvorsprungs des Inlandes gegenüber dem Ausland. Infolge des Preisgefälles zugunsten des Inlandes lohnt es sich für Ausländer, bei gegebenen Wechselkursen im Inland verstärkt einzukaufen, d. h. nachzufragen. Gleichzeitig nehmen die Importe preisbedingt ab, die Nachfrage der Inländer richtet sich ebenfalls verstärkt auf heimische Produkte. Die unvermeidbare Konsequenz ist bei ausgelasteten Kapazitäten ein Anstieg des binnenwirtschaftlichen Preisniveaus. In der makro- ökonomischen Sprache übersteigen die Injektionen (kreislaufbelebende Ströme) wiederum die Sickerverluste (kreislaufhemmende Ströme): I + G + Ex > S + T + Im Am bekanntesten und zugleich am wichtigsten sind in der Realität die Staatsnachfrageinflation und die importierte Inflation. Auf diese Typen wird im Folgenden etwas genauer eingegangen. Wie die Erfahrungen zeigen, kommt ihnen allerdings von Land zu Land ein unterschiedliches Gewicht zu. In der Bundesrepublik überwog in der Vergangenheit die importierte Inflation. In zahlreichen Ländern, etwa in Lateinamerika, dominierte hingegen die Staatsnachfrageinflation. Die Staatsnachfrageinflation ist üblicherweise Ausdruck einer unsoliden, preistreibenden Ausgabenpolitik des Staates. Die Frage, inwieweit die überzogene öffentliche Güternachfrage überhaupt finanzierbar ist, hängt untrennbar mit der Autonomie der Zentralbank zusammen. Man versteht darunter die Unabhängigkeit der Zentralbank eines Landes von Weisungen der Regierung. Ist die Währungsbehörde nicht genügend autonom, sondern an Weisungen der Regierung gebunden, so muss sie gegebenenfalls dieser Regierung „frisches Geld“ durch Betätigung der „Notenpresse“ bereitstellen. Internationale Vergleiche belegen, dass die Inflationsraten umso niedriger ausfallen, je höher der Autonomiegrad der jeweiligen Zentralbank ist. Die Unabhängigkeit der D. Preisniveaustabilität126 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 Notenbank ist daher eine zentrale Voraussetzung für die Verhinderung von Staatsnachfrageinflation. Für die Verhältnisse der Bundesrepublik Deutschland war Staatsnachfrageinflation bislang weniger relevant. Die Deutsche Bundesbank war gemäß § 12 Bundesbankgesetz von Weisungen der Bundesregierung unabhängig. Zur Finanzierung von Ausgaben konnten die öffentlichen Haushalte in Deutschland nicht auf die Bundesbank zurückgreifen. Bund und Länder hatten lediglich die Möglichkeit, bei der Bundesbank innerhalb eines engen Rahmens kurzfristige Überziehungskredite in Anspruch zu nehmen. Die Autonomieregelung wurde auch vom System der Europäischen Zentralbanken übernommen (Artikel 107 des Vertrags zur Gründung der Europäischen Gemeinschaft sowie Artikel 7 der Satzung des Europäischen Systems der Zentralbanken und der Europäischen Zentralbank). Damit wird eine direkte Finanzierung von Staatsausgaben durch die Notenbank (EZB) in den Euro-Ländern ausgeschlossen. Wie die jüngste Entwicklung im Zusammenhang mit peripheren Mitgliedsländern (insbesondere Griechenland) deutlich gemacht hat, schließt dies allerdings nicht aus, dass auch die EZB faktisch Defizite von Staaten finanziert und zwar über den indirekten Weg das Ankaufs staatlicher Anleihen am „offenen Markt“ (sog. „Sekundärmarkt“). In der jüngsten Krise ist die Europäische Zentralbank massiv unter Druck geraten, derartige Maßnahmen zur Vermeidung einer Krise des Euro zu ergreifen. Bis Sommer 2011 erwarb die EZB Anleihen von „klammen“ Euroländern in Höhe von über 75 Mrd. Euro. Hinzu kommt, dass die Europäische Zentralbank den Geschäftsbanken frisches Geld auch gegen die Hinterlegung von (griechischen oder anderen) Staatsanleihen im Rahmen von Refinanzierungsgeschäften gewährt. Vor dem Hintergrund dieser „toxischen“ Anleihen besteht die Gefahr, dass sich die EZB (und andere Notenbanken) zur größten „Bad Bank“ der Welt entwickelt. Inflatorische Risiken und Beschränkungen der Handlungsautonomie der EZB sind zumindest nicht von der Hand zu weisen. Aber auch eine weitreichende Autonomie der Notenbank schließt eine vorübergehend auftretende Staatsnachfrageinflation keineswegs mit Sicherheit aus. Denn zum einen sind auch die Geschäftsbanken in der Lage, im Zuge ihres Giralgeldschöpfungsprozesses neues Geld herzustellen. Allerdings besitzt die Zentralbank mit Hilfe der ihr zur Verfügung stehenden Instrumente zahlreiche Möglichkeiten, die Kreditgewährung der Banken zumindest zu bremsen; eine volle Kontrolle der Geldmengenentwicklung ist ihr allerdings nicht möglich. Zum andern kann die Finanzierung inflationärer Staatsausgaben auch durch einen Anstieg der Umlaufgeschwindigkeit des Geldes, wie er für Boomphasen typisch ist, ermöglicht werden. Dies ist allerdings nur ein temporärer Vorgang. Die Folgen einer unsoliden Ausgabenpolitik der öffentlichen Hände sind für die Volkswirtschaft und für einen einheitlichen Währungsraum, wie etwa den Euro-Währungsraum, äußerst negativ. Die Problematik einer hohen Staatsverschuldung ist insbesondere im Zusammenhang mit dem potenziellen Staatsbankrott Griechenlands in das allgemeine Bewusstsein getreten. Dabei gerät häufig aus dem Blickfeld, dass auch führende Volkswirtschaften, wie etwa die USA seit Jahrzehnten über ihre Verhältnisse leben, und zwar nicht nur die privaten Wirtschaftssubjekte, sondern auch der Staat selbst. Die Neuverschuldung IV. Nachfrageinflation und ihre Bekämpfung 127 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 des US-amerikanischen Staates erreichte in den Jahren 2009/2010 mit nahezu 10 % des BIP beinahe „griechische Dimensionen“ (2009: knapp 14 % und 2010: 10,5 % des BIP). Die ausstehenden Staatschulden beliefen sich Ende des Jahres 2010 auf 14,3 Billionen Dollar; dies war zugleich die budgetrechtlich maximal zugelassene Schuldengrenze. Kurz bevor die Zahlungsfähigkeit der USA eingetreten wäre, wurde dieses Schuldenlimit in einem spektakulären Kompromiss zwischen Demokraten und Republikanern angehoben. Die langfristigen Schuldenprobleme und die sich daraus ergebenden Inflationsgefahren sowie die Risiken für die weltweiten Finanzmärkte bleiben weiterhin ungelöst. Mit Blick auf das Thema Inflation bedeutet dies: Betreibt der Staat eine sehr defizitäre Ausgabenpolitik, so steigt die Staatsnachfrage. Übersteigt dadurch die Güternachfrage die realen Produktionskapazitäten, also das Güterangebot, so sind Preissteigerungen unausweichlich. Gelingt es in einer solchen Situation der Zentralbank, die Geldmengenentwicklung im Zaum zu halten, so wird der Preiserhöhungsprozess relativ rasch zum Stillstand kommen. Und zwar deshalb, weil der Staat über seine Verschuldungspolitik die Zinsen in die Höhe treibt und damit die Bedingungen für die private Investitionsnachfrage verschlechtert, oder weil hohe Lohnkostensteigerungen infolge der relativ knappen Geldmengenentwicklung doch nicht voll in die Produktpreise überwälzt werden können. Dann steigen jedoch die Stückkosten, und es verschlechtert sich die internationale Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Unternehmen mit der Folge von Exporteinbußen. Die Entwicklung kommt also letztlich über eine Wirtschaftskrise zum Stillstand. Damit wird eine hohe Staatsverschuldung auch zu einem Problem der Geldpolitik. In der Öffentlichkeit wird die Schuld an der Krise nicht zwingend der unsoliden Finanzpolitik zugeschoben, sondern der „Hochzinspolitik“ der Notenbank angelastet. Auch eine unabhängige Notenbank kommt hier in eine prekäre Situation. Im Zweifel wird sie eine „lockere“ Geldpolitik betreiben, um die Wirtschaft nicht abzuwürgen. Die tendenziell seit Jahrzehnten lockere USamerikanische Notenbankpolitik des Federal Reserve Systems (Fed) ist hierfür ein Indiz. Kurzfristig wird hierdurch eine (notwendige) Stabilisierungskrise vermieden, allerdings um den Preis von Inflation und – längerfristig – um den Preis einer Zerrüttung der Volkswirtschaft mit weniger Wachstum und weniger Beschäftigung. Die Wirtschaftskrise wird so allerdings zeitlich nur hinausgeschoben. Sie müsste dann umso drastischer ausfallen, je höher die Inflation ist, die gestoppt werden soll. Die Zentralbank ist also in einer derartigen Situation einer erheblichen Belastungsprobe ausgesetzt. Die Politiker, die ihre Haushaltsdefizite zu möglichst günstigen Zinsen finanzieren wollen, fordern verständlicherweise eine Abkehr von der restriktiven Geldpolitik. Demgegenüber hat die Zentralbank ihre Hauptaufgabe wahrzunehmen, d. h. für ein stabiles Preisniveau zu sorgen. Angesichts der divergierenden Interessen des Staates und der Notenbank sind somit kontroverse Diskussionen vorprogrammiert. Hausgemachte Nachfrageinflation war in der Bundesrepublik Deutschland zu DM-Zeiten eher ein Randproblem, und zwar deshalb, weil es der Geldpolitik letztlich immer gelang, die Geldmengenausweitung im Zaum zu halten. Im Zweifel war die Bundesbank auch bereit, eine Stabilisierungskrise in Kauf zu D. Preisniveaustabilität128 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 nehmen. Schwerwiegender war hingegen das Problem der importierten Nachfrageinflation. Das Ausland betrieb in der Regel eine weniger stabilitätsgerechte Geld-, Finanz- und Lohnpolitik als die Bundesrepublik. Die Inflationsraten waren in den Ländern der (europäischen) Handelspartner vielfach höher als im Inland. Folge dieser relativen Preisniveaustabilität in der Bundesrepublik Deutschland war, dass bei unveränderten Wechselkursen zwischen den meisten EU-Ländern die deutschen Exporte aus Sicht des Auslandes billiger wurden, während sich die Importe verteuerten. Dadurch stieg der Außenbeitrag und damit die gesamtwirtschaftliche Nachfrage. Der zunehmende Exportüberschuss war zwar beschäftigungspolitisch positiv zu bewerten. Übersteigen jedoch die Auslandsnachfrage sowie die nunmehr auf das Inland umgeleitete Binnennachfrage die Produktionsmöglichkeiten der heimischen Wirtschaft, so steigen hier – nachfragebedingt – die Preise. Die höhere Inflationsrate wird auf diesem Wege in das Inland importiert. Zudem erzielen die begünstigten Wirtschaftszweige steigende Erlöse. Damit können den dort beschäftigten Arbeitnehmern höhere Löhne bezahlt werden. Der Prozess von steigenden Preisen und Löhnen pflanzt sich in die übrigen Wirtschaftszweige fort, sodass es zu einem allgemeinen Anstieg des Preisniveaus kommt – die höhere Inflationsrate des Auslandes wird über den internationalen Preiszusammenhang in das Inland importiert. Bezüglich des zeitlichen Auftretens der Nachfrageinflation ist anzumerken, dass sie in der Realität der Nachfrageentwicklung erst zeitlich verzögert folgt. Das bedeutet, dass in der Hochkonjunktur, also der Phase der hohen Auslastung der volkswirtschaftlichen Produktionskapazitäten, die Inflationsrate ihren Gipfelpunkt noch nicht erreicht haben muss. Möglicherweise führt das in dieser Phase zu einer Unterschätzung des inflatorischen Risikos. Außerdem erweist es sich als äußerst schwierig, den Einfluss der Nachfrage auf die Preisentwicklung statistisch zu ermitteln, d. h. die Nachfrageinflation von anderen Inflationsarten zu separieren. Die beobachtbare Inflationsrate hängt nämlich nicht nur von der Nachfrageentwicklung, sondern auch von anderen Einflüssen (beispielweise von der Preisentwicklung importierter Rohstoffe oder von der Lohnentwicklung) ab. Der inflatorische Effekt eines Nachfrageüberhangs kann also z. B. durch sinkende Importpreise verdeckt werden. Eine solche Situation lag in Deutschland extrem im Jahr 1986 vor. Damals belief sich die importierte Kostenentlastung aufgrund stark gesunkener Rohstoffpreise auf 11,3 Prozent. Diese Entlastung bildete die wesentliche Ursache dafür, dass die Inflationsrate im Jahr 1986 erstmals seit 1953 wieder ein negatives Vorzeichen (– 0,1 Prozent) aufwies. 2. Bekämpfungsmöglichkeiten der Nachfrageinflation Soll die Nachfrageinflation erfolgreich bekämpft werden, so ist an deren Ursache anzusetzen. Die Strategie der Inflationsbekämpfung besteht folglich in einer Dämpfung der Nachfrage während der Hochkonjunktur. Analog zur Bekämpfung der konjunkturellen Arbeitslosigkeit bedarf es also des Einsatzes kontraktiver Maßnahmen. Die Steuerung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage IV. Nachfrageinflation und ihre Bekämpfung 129 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 wird auch als „demand management“ bezeichnet. Sie basiert auf der keynesianischen Theorie. Als Verantwortlicher, d. h. als Träger der Nachfragesteuerung kommt zum einen der Staat in Betracht. Über die Fiskalpolitik können Bundesregierung und Länderregierungen sowohl direkt als auch indirekt auf die Gesamtnachfrage einwirken. Zum anderen besitzt die Zentralbank mit ihrer Geldpolitik die Möglichkeit, die Nachfrage zu drosseln. Die geldpolitischen Instrumente wirken jedoch nur indirekt auf die inländischen Nachfragekomponenten sowie den Außenbeitrag. a. Kontraktive Fiskalpolitik Im Bereich der Fiskalpolitik eröffnet das Stabilitäts- und Wachstumsgesetz der Bundesregierung und den Ländern die Möglichkeit, haushaltspolitische Instrumente mit dem Ziel einzusetzen, die wirtschaftliche Entwicklung im gesamtwirtschaftlichen Gleichgewicht zu halten. Da die Instrumente bereits in diesem Gesetz rechtlich verankert sind, bedarf es keines langwierigen Gesetzgebungsverfahrens mehr, um die Maßnahmen auf den Weg zu bringen. Selbstverständlich können auch andere geeignete Instrumente, die nicht im Stabilitäts- und Wachstumsgesetz vorgesehen sind, zum Einsatz kommen. Dann ist allerdings der übliche – und das heißt häufig sehr zeitraubende – Gesetzgebungsweg einzuhalten. Die fiskalpolitischen Maßnahmen wurden bereits bei der Analyse der konjunkturellen Arbeitslosigkeit beschrieben. Für den kontraktiven Einsatz können Bund und Länder die Staatsausgaben drosseln. Dies hat auf die gesamtwirtschaftliche Nachfrage eine direkte Auswirkung; sie kann durch Multiplikator- und Akzeleratoreffekte sogar noch verstärkt werden. Gemäß § 6 StWG hat der Bundesfinanzminister das Recht, ,,im Fall einer die volkswirtschaftliche Leistungsfähigkeit überschreitenden Nachfrageausweitung“ die durch das Parlament beschlossenen Ausgaben zeitlich zu verzögern bzw. die Verausgabung der Mittel ganz oder teilweise zu streichen. Zur Drosselung der Konsum- und Investitionsausgaben der privaten Haushalte und der privaten Unternehmen können gemäß § 26 und § 27 StWG Zuschläge zur Einkommen- und Körperschaftsteuer erhoben werden (maximal 10 Prozent für höchstens ein Jahr). Zudem ist die Aussetzung der degressiven Abschreibung bzw. von Sonderabschreibungen möglich. Das Ziel besteht hierbei vor allem darin, die Investitionsnachfrage (insbesondere die Bautätigkeit) zu drosseln. In der Hochkonjunktur Anfang der siebziger Jahre wurden derartige Konjunkturzuschläge erhoben und die Abschreibungsmöglichkeiten verschlechtert. Diese Maßnahmen wirken jedoch nur indirekt auf die private Konsum- und Investitionsnachfrage. Werden in der Hochkonjunktur die Staatsausgaben reduziert, so verringert sich der Verschuldungsbedarf des Staates, gegebenenfalls entstehen sogar Budgetüberschüsse. Entsprechendes gilt für eine Erhöhung der Steuersätze bzw. die Verschlechterung der Abschreibungsmöglichkeiten. Die sich aus diesen Maßnahmen ergebenden Mehreinnahmen sind in einer sog. Konjunkturausgleichsrücklage (§ 15 StWG) bei der Bundesbank stillzulegen. Diese Rücklage darf dann erst in der nächsten Rezession wieder aufgelöst werden. D. Preisniveaustabilität130 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 Die Erfolgsaussichten einer kontraktiven Fiskalpolitik sind allerdings nicht besonders günstig. Das liegt weniger daran, dass die Instrumente nicht greifen würden. Das Hauptproblem ist vielmehr die politische Durchsetzbarkeit kontraktiver Maßnahmen. Ausgabenkürzungen bedeuten in der Regel eine Verschlechterung der öffentlichen Leistungen bzw. das Fehlen von Aufträgen bei den „Zulieferbetrieben“ des Staates. Ebenso stoßen Steuererhöhungen auf Widerstände in der Bevölkerung und bei den Unternehmen. Die betroffenen Personenkreise werden sich auf legale und illegale Weise zur Wehr setzen: Politisch über die Einschaltung von Verbänden, ökonomisch durch Leistungsminderung, verstärkte Schwarzarbeit oder Steuerhinterziehung. Eine auf ihre Wiederwahlchancen bedachte Regierung wird im Zweifel auf die vielschichtigen Widerstände Rücksicht nehmen müssen. b. Kontraktive Geldpolitik Geldpolitisch kommt der Einsatz des gesamten Arsenals der Instrumente der Zentralbank in Betracht. Ziel dieses Instrumenteneinsatzes ist es, die Liquidität in der Hochkonjunktur zu verknappen, die Zinsen zu erhöhen und dadurch die gesamtwirtschaftliche Nachfrage zu drosseln. Keynesianer plädieren für den kontraktiven Einsatz der Geldpolitik im Boom. Über eine Politik des knappen und teuren Geldes (Kreditverknappung und Zinserhöhung) soll insbesondere die Investitionstätigkeit gedrosselt werden. Soweit die Konsumnachfrage zinsabhängig ist, unterliegt auch sie dem Einfluss der Geldpolitik. Dagegen gelten kreditfinanzierte Staatsausgaben als vergleichsweise zinsrobust. Auch bei einer kontraktiven Geldpolitik sind verschiedene Wirkungsgrenzen zu beachten. Zunächst ist die Bremswirkung auf vermeintlich zinsabhängige Nachfrageaggregate nicht gesichert. Haben die Unternehmen im Boom günstige Zukunftsaussichten, so ,,schlucken“ sie im Zweifelsfall die höheren Finanzierungskosten und investieren trotzdem. Ein weiteres Problem stellt das sog. elastische Bankensystem dar. Sofern die Banken über genügend Liquidität verfügen, sind sie auch ohne Hilfe der Zentralbank in der Lage, eine hohe Kreditnachfrage zu befriedigen. Diese Wirkungsgrenzen der Geldpolitik äußern sich in langen time lags. Unter Umständen vergehen ein oder gar zwei Jahre, bis die Maßnahmen der Zentralbank endlich greifen. Dadurch unterbleibt die zur Inflationsbekämpfung erforderliche Sofortwirkung. Schließlich tritt auch hier der Zielkonflikt mit der Vollbeschäftigung zutage. Eine harte Geldpolitik läuft Gefahr, zumindest kurzfristig eine Stabilisierungskrise einzuleiten und damit Arbeitslosigkeit zu verursachen. c. Kontraktive Außenwirtschaftspolitik Zur Bekämpfung der importierten Nachfrageinflation kommen staatliche und zentralbankpolitische Maßnahmen in Betracht. Ziel ist es, den Außenbeitrag zu reduzieren – sowohl durch die Drosselung der Exporte als auch durch die Belebung der Importe. Die Möglichkeiten, die Entwicklung des Außenbeitrags wirkungsvoll zu beeinflussen, sind jedoch beschränkt. Liegt ein System flexibler Wechselkurse IV. Nachfrageinflation und ihre Bekämpfung 131 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 vor, so kann die Zentralbank versuchen, durch Devisenverkäufe die heimische Währung aufzuwerten. Hierdurch würde die Exportnachfrage gedämpft und der Import angeregt. Die Folge wäre eine geringere Nachfrage nach heimischen Gütern. Allerdings ist es äußerst fraglich, ob die für den Verkauf erforderlichen Devisenbestände der Zentralbank ausreichen, um sich den Marktkräften dauerhaft entgegenzustemmen und den Wechselkurs der Fremdwährung niedrig zu halten. Bei festen Wechselkursen, wie sie gegenwärtig innerhalb der EU z. B. noch gegenüber der dänischen und schwedischen Krone installiert sind, kommt (theoretisch) eine Aufwertung der heimischen Währung durch Paritätsänderung in Betracht (z. B. Aufwertung des Euro gegenüber der dänischen Krone). Diese Entscheidung treffen jedoch die beteiligten Regierungen, und nicht die Zentralbanken. Eine weitere Möglichkeit zur Reduzierung des Außenbeitrages bestünde in der Abschaffung von Importhemmnissen bzw. im Abbau von Exportsubventionen. Mit Widerständen seitens der Exportwirtschaft und seitens jener Branchen, die durch die Importkonkurrenz bedroht sind, ist jedoch zu rechnen. Abb. D.12: Arten, Ursachen und Bekämpfungsmöglichkeiten der Nachfrageinflation

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References

Zusammenfassung

Wirtschaftspolitik verständlich erklärt.

"Wer eine kompakte und verständliche Einführung in die Wirtschaftspolitik sucht, ist mit diesem schon seit langem erfolgreichen und weitverbreiteten Lehrbuch bestens bedient."

in: Studium 90/2012

Alles zur Wirtschaftspolitik

Dieses Lehrbuch befasst sich mit den Grundfragen und den aktuellen, zentralen Aufgabenfeldern der Wirtschaftspolitik: Sicherung des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts und Gewährleistung einer nachhaltigen ökologischen Entwicklung. Die Neuauflage geht jetzt noch ausführlicher auf die Problematik des demografischen Wandels sowie die Eurokrise ein.

"Wer immer eine gelungene Einführung in die Wirtschaftspolitik sucht - ob Studierende der Wirtschaftswissenschaften im Grundstudium bzw. Teilnehmer vergleichbarer Aus- und Fortbildungsstätten oder am Wirtschaftsgeschehen interessierte Praktiker - wird von diesem Lehrbuch nicht enttäuscht werden."

in: www.rezensionen.ch 15.5.12

Autoren

Prof. Dr. Gerhard Mussel unterrichtet Volkswirtschaftslehre an der Dualen Hochschule

Baden-Württemberg Stuttgart.

Prof. Dr. Jürgen Pätzold ist Honorarprofessor an der Universität Hohenheim.