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I. Begründung der Notwendigkeit der Preisniveaustabilität in:

Gerhard Mussel, Jürgen Pätzold

Grundfragen der Wirtschaftspolitik, page 105 - 113

8. Edition 2012, ISBN print: 978-3-8006-4261-8, ISBN online: 978-3-8006-4374-5, https://doi.org/10.15358/9783800643745_116

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Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 D. Preisniveaustabilität Ein weiteres zentrales Anliegen der Wirtschaftspolitik ist die Bekämpfung von Inflation. Dies mündet in das Ziel der Stabilität des Preisniveaus. Aus dieser Formulierung geht bereits hervor, dass bei diesem Ziel nicht die Vermeidung des Anstiegs einzelner Güterpreise, sondern die Verhinderung von Steigerungen des Preisniveaus, d. h. eines Anstiegs der Preise auf breiter Front im Mittelpunkt steht. Die Europäische Zentralbank spricht etwas verkürzt von Preisstabilität. Gemeint ist damit ebenfalls die Stabilität des Preisniveaus. Gleichwohl könnte diese Formulierung zu einer Fehlinterpretation in dem Sinne führen, dass im Zeitablauf sämtliche Preise stabil bleiben sollen. Für die Funktionsfähigkeit des Allokationsmechanismus und damit der Marktwirtschaft schlechthin sind jedoch Preiserhöhungen auf einzelnen Märkten ein unabdingbares Erfordernis; dem müssen jedoch entsprechende Preissenkungen auf anderen Märkten gegenüberstehen. Vielfach spricht man auch vom Ziel der Geldwertstabilität. Die Inflationsbekämpfung nahm in der Wirtschaftspolitik der Bundesrepublik Deutschland stets einen hohen Rang ein. Zum einen sind Bund und Länder gemäß § 1 Stabilitäts- und Wachstumsgesetz explizit zur Erhaltung der Stabilität des Preisniveaus verpflichtet. Zum andern hatte die Deutsche Bundesbank gemäß § 3 Bundesbankgesetz (alt) bis zum 31. Dezember 1998 die Aufgabe, ,,die Währung zu sichern“, d. h. ihre Geldpolitik primär am Ziel der Preisniveaustabilität auszurichten. Sinkt das Preisniveau über eine längere Periode, so liegt eine Deflation vor. Sie bedeutet genauso eine Verletzung des Zieles der Stabilität des Preisniveaus wie die Inflation. Denn deflatorische Entwicklungen sind ökonomisch gefährlich, weil sich die Wirtschaftssubjekte beim Konsumieren und Investieren zurückhalten, da sie mit noch weiter sinkenden Preisen rechnen. Deflation kann daher rasch in eine allgemeine Depression münden. Sinken dagegen die Inflationsraten, so bezeichnet man dieses Phänomen auch als ,,Disinflation“. Ihre herausragende Bedeutung verdankt die Geldwertstabilität in Deutschland zweifellos der überdurchschnittlich ausgeprägten Inflationsmentalität. Sie ist vor allem bei älteren Menschen anzutreffen. Die Ursache hierfür liegt in den historischen Erfahrungen, denn schon zweimal musste die Bevölkerung in Deutschland auf schmerzliche Weise die Verletzung des Ziels der Preisniveaustabilität erfahren. Die erste verheerende Inflation trat zu Beginn der zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts auf. Sie kulminierte bis Oktober 1923 in eine Hyperinflation mit einer monatlichen Inflationsrate von 32.000 Prozent. Am Ende des Zweiten Weltkrieges zeigten sich dann für die Bevölkerung zum zweiten Mal die verhängnisvollen Auswirkungen einer schweren Inflation; abermals wurden Geldvermögen massiv entwertet. Auch in der Nachkriegszeit traten mehrfach Inflationsschübe auf, die jedoch bei weitem nicht das Ausmaß der beiden vorangegangenen Inflationen erreichten. Im internationalen D. Preisniveaustabilität D. Preisniveaustabilität106 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 Vergleich kann man die Bundesrepublik durchaus als eine Insel der Stabilität einstufen. Das gilt trotz der weitgehend angeglichenen Preise auch innerhalb der Eurozone. Es hat den Anschein, als ob es sich beim Phänomen der Inflation um eine allgemeine gesellschaftliche Erscheinung handelt. Inflation ist letztlich Ausdruck des Sachverhaltes, dass die mit Geld ausgestattete Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen höher ist als das Güterangebot, d. h. die reale Produktion. Offensichtlich ist Inflation Reflex des Tatbestandes, dass die Summe aller nominellen Einkommen schneller wächst als die realen Produktionsmöglichkeiten zunehmen. Inflation ist somit Ausdruck eines allgemeinen Anspruchsverhaltens, einer Unzufriedenheit der Wirtschaftssubjekte mit der realen Einkommensposition. An diesem Verteilungskampf beteiligen sich nicht nur die Privaten, sondern auch der Staat und das Ausland. Ist die Summe der durchgesetzten und nachfragewirksamen Einkommenssteigerungen größer als die reale Produktionsmöglichkeit, so vollzieht sich in einer Marktwirtschaft der Ausgleich unweigerlich über steigende Preise. Inflation ist folglich eine Art sozialer Besänftiger im Verteilungskampf: Die Wirtschaftssubjekte verfügen zwar über höhere Nominaleinkommen, sie können sich jedoch mit diesem Einkommen keinen entsprechend höheren realen Lebensstandard leisten, da parallel die Güterpreise gestiegen sind. Das inflatorische Anspruchsverhalten scheint zudem nicht nur ein typisches Phänomen kapitalistischer Marktwirtschaften zu sein. Auch in sozialistischen Zentralverwaltungswirtschaften ist bzw. war die Geldentwertung zu beobachten. In sozialistischen Ländern wurde in der Vergangenheit immer wieder der Versuch unternommen, die Einkommensforderungen der Bürger dadurch zu befriedigen, dass der Staat ihnen höhere Einkommenssteigerungen gewährte, als es dem realen Produktionszuwachs entsprach. Die Folge ist dann zwar nicht zwingend eine offene Inflation, also der sichtbare Anstieg der Preise (die Preise wurden ja im Sozialismus regelmäßig durch den Staat kontrolliert). Es tritt vielmehr häufig eine zurückgestaute Inflation auf. Sie äußert sich in zunehmenden Warteschlangen. Dann können allerdings, ebenso wie bei der offenen Inflation, die Einkommenssteigerungen nicht vollständig für die Verbesserung des realen Lebensstandards eingesetzt werden. Inzwischen sind auch in diesen Ländern im Zuge der Öffnung hin zur Marktwirtschaft offene Preiserhöhungen an der Tagesordnung. So führte die vollständige oder teilweise Freigabe der Preise der ehemaligen UdSSR zu Preiserhöhungen von teilweise über 1000 Prozent. In vielen Ländern beurteilt man die Inflation nicht so negativ wie in der Bundesrepublik Deutschland. Es wird sogar gelegentlich die Auffassung vertreten, dass ,,ein bisschen“ Inflation quasi ein Schmiermittel darstelle. Es gewähre einen reibungsloseren Ablauf des Wirtschaftslebens. Kaum auszurotten ist die Vorstellung, durch eine inflatorische Wirtschaftspolitik ließen sich Wachstum und Beschäftigung steigern. Sowohl theoretische Analysen als auch die zurückliegenden Erfahrungen sollten jedoch ausreichen, um diese Vorstellung endlich zu begraben. I. Begründung der Notwendigkeit der Preisniveaustabilität 107 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 I. Begründung der Notwendigkeit der Preisniveaustabilität Die negativen Konsequenzen von Inflation zeigen sich sowohl bei Wachstum und Beschäftigung als insbesondere auch bei der Verteilung von Einkommen und Vermögen. 1. Negative Allokations- und Wachstumseffekte Wie bereits ausgeführt, übernehmen die Preise in einer Marktwirtschaft die Steuerungs- und Signalfunktion für die Marktteilnehmer. Steigen nun die Preise auf breiter Front an, so wird nicht mehr sichtbar, welche Güter aufgrund einer Angebotslücke bzw. eines Nachfrageüberschusses wirklich knapp sind. Die Anbieter sehen in den überall ansteigenden Preisen sozusagen ,,grünes Licht“ auf allen Märkten; konsequenterweise dehnen sie ihr Angebot aus. Die Inflation täuscht Knappheiten vor. Dies setzt den für die Funktionsfähigkeit einer Marktwirtschaft existenziell wichtigen Marktmechanismus außer Kraft. Das Spiel der relativen Preise wird blockiert, wodurch es zu einer Fehllenkung der Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital in falsche Produktionsrichtungen kommt. Dadurch werden Produktivleistungen vergeudet. Inflation führt somit zur Störung der Allokationsfunktion der Preise. Die Konsequenz ist eine Beeinträchtigung von Wachstum und Beschäftigung. Üblicherweise handelt es sich hierbei um einen schleichenden und eher längerfristigen Prozess. 2. Inflation und Beschäftigung Die immer wieder anzutreffende These, Inflation begünstige die Beschäftigung und das Wachstum, gilt allenfalls nur kurzfristig. Dahinter steht die bekannte Phillips-Kurve, die einen Zielkonflikt zwischen Preisniveaustabilität und Vollbeschäftigung behauptet. Die grafische Darstellung enthält die beiden wirtschaftspolitischen Ziele in negativer Formulierung, d. h. auf den Achsen stehen die Inflationsrate (wP) und die Arbeitslosenquote (ALQ): Eine Politik der Inflationsbekämpfung führt offensichtlich zu erhöhter Arbeitslosigkeit, und umgekehrt kann man einen höheren Beschäftigungsstand mit einer höheren Inflationsrate erkaufen. Dieses „Menükarten-Denken“ hat die praktische Wirtschaftspolitik lange Zeit stark geprägt. Sichtbarer Ausdruck hierfür ist der bekannte Ausspruch des ehemaligen Bundeskanzlers Helmut Schmidt, ,,lieber 5 Prozent Inflation, als 5 Prozent Arbeitslosigkeit“ zu akzeptieren. Dieser behauptete Zusammenhang zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit ist jedoch heftig umstritten. Die Erfahrung zeigt, dass es den Zielkonflikt höchstens kurzfristig im Verlauf eines Konjunkturzyklus gibt. Beispielsweise kann ein in der Rezession aufgelegtes Konjunkturprogramm zwar zu positiven Beschäftigungseffekten führen. Gleichzeitig entsteht aber durch die höhere Nachfrage eine inflatorische Lücke, welche die Preise in die Höhe treibt. Die gestiegenen Preise werden in Tarifverhandlungen zum Anlass genommen, höhere Löhne zu fordern. Deren Durchsetzung bedeutet für die Unternehmen I. Begründung der Notwendigkeit der Preisniveaustabilität D. Preisniveaustabilität108 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 höhere Kosten, die wiederum in höheren Preisen weitergegeben werden. Dies setzt die berüchtigte Lohn-Preis-Spirale in Gang, im Zuge derer sich Löhne und Preise gegenseitig aufschaukeln. Die Inflation wird immer stärker. Was die Beschäftigungseffekte anbetrifft, so darf aus den kurzfristigen Erfolgen einer expansiven Konjunkturpolitik nicht der Schluss gezogen werden, man könne sich die Vollbeschäftigung durch das ,,süße Gift“ der Inflation auf Dauer erkaufen. Langfristig ist vielmehr genau das Gegenteil der Fall. Die Unternehmen werden versuchen, den immer teurer werdenden Produktionsfaktor Arbeit zunehmend durch Kapital zu substituieren. Die kurzfristigen positiven Beschäftigungseffekte erweisen sich somit nur als ein Strohfeuer. Auf lange Sicht kann die Vollbeschäftigung nicht durch Inflation erkauft werden. Abbildung D.2. illustriert diese Zusammenhänge. Zunächst findet eine Bewegung entlang der Phillips-Kurve PK1 von Punkt A nach Punkt B statt. Typischer Auslöser hierfür ist die Zentralbank, der eine „Politik des billigen Geldes“ empfohlen wird. Sinkende Zinsen stimulieren die Investitionstätigkeit, wodurch die Güternachfrage steigt. Dies zieht eine Erhöhung der Produktion nach sich, die eine höhere Beschäftigung erforderlich macht, also die Arbeitslosenquote absenkt (auf ALQ2). Dies ist der ,,Strohfeuer- Effekt“: Parallel dazu findet im Zuge der expansiven Geldpolitik eine Ausweitung der Geldmenge statt, die einen Anstieg des Preisniveaus verursacht; die Inflationsrate steigt auf wP 2 an. Abb. D.1: Phillips-Kurve I. Begründung der Notwendigkeit der Preisniveaustabilität 109 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 Allerdings hat die Situation in Punkt B keinen Bestand. Infolge der gestiegenen Inflationsrate werden die Gewerkschaften höhere Löhne fordern. Die Unternehmen reagieren auf die gestiegenen Arbeitskosten mit Entlassungen; im Bild wird Punkt C erreicht. Dieser Punkt liegt analytisch auf einer neuen, nach rechts verlagerten Phillips-Kurve (PK2). Damit ist der Prozess jedoch keineswegs zu Ende, sondern er läuft nach demselben Muster weiter. Die Inflationsrate schraubt sich kontinuierlich nach oben, während die Arbeitslosigkeit auf Dauer nicht geringer wird. Neoklassische Modelle gehen vielfach davon aus, dass das System langfristig auf dem Niveau seiner ursprünglichen Arbeitslosenquote (ALQ1) verharrt. Man bezeichnet dieses Niveau der Unterbeschäftigung als ,,natürliche Arbeitslosigkeit“. Es ist jedoch durchaus denkbar, dass der in jeder „Runde“ erfolgende Beschäftigungsabbau noch stärker ausfällt, und zwar vor allem deswegen, weil im Zuge der Inflation – wie dargestellt – Wachstum und Beschäftigung beeinträchtigt werden. Die Folge ist, dass sich die Phillips-Kurve nicht nur senkrecht nach oben verschiebt, sondern zugleich nach rechts außen wandert. Im Zuge dieser Entwicklung nehmen Inflation und Arbeitslosigkeit zu. Es herrscht Stagflation (siehe Abbildung D.3). In jedem Fall ist auf Dauer durch die Inkaufnahme von Inflation nichts für die Beschäftigung und das Wachstum gewonnen. Sie unterminiert die Funk- Abb. D.2: Natürliche Arbeitslosigkeit D. Preisniveaustabilität110 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 tionsweise des Marktsystems und führt zu einem schleichenden Prozess der Fehlallokation von Produktionsfaktoren. Für die Bundesrepublik Deutschland erhält man bezüglich des Zusammenhangs zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit ein differenziertes Bild (Abbildung D.4). In den sechziger Jahren bewegte man sich, formal gesprochen, auf einer kurzfristigen Phillips-Kurve, die relativ nahe beim Ursprung lag. Mit Beginn der siebziger Jahre verschob sich die Phillips-Kurve infolge der zunehmenden Verteilungsauseinandersetzungen nach oben, seit Mitte der siebziger Jahre folgte dann eine Rechtsverlagerung in ungünstigere Beschäftigungsbereiche. Mitte der achtziger Jahre wanderte die Phillips-Kurve vorübergehend wieder nach links. 3. Beeinträchtigung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit Die bisherigen Ausführungen zu den Konsequenzen von Inflation bezogen sich lediglich auf binnenwirtschaftliche Tatbestände. Bezieht man das Ausland mit ein, so tritt eine weitere negative Auswirkung von Preisniveausteigerungen in Erscheinung. Infolge der steigenden Preise auf den Gütermärkten im Inland sinkt nämlich die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Volkswirtschaft. Das ist jedenfalls dann der Fall, wenn die Preise im Inland schneller als im Ausland Abb. D.3: Stagflation I. Begründung der Notwendigkeit der Preisniveaustabilität 111 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 steigen und der Wechselkurs der heimischen Währung nicht in entsprechendem Maße abgewertet wird. Die Ausländer müssen dann bei den gegebenen Umtauschkursen mehr für die heimischen Waren und Dienstleistungen bezahlen. Dieser Aspekt gewinnt umso größere Bedeutung, je höher die Exportquote einer Volkswirtschaft liegt. Gerade für die Bundesrepublik Deutschland spielte diese positive Wirkung der (relativen) Preisniveaustabilität eine erhebliche Rolle. Allerdings gilt es zu beachten, dass Erfolge im Exportgeschäft nicht allein preisbedingter Natur sind. Zudem ist zu betonen, dass bei flexiblen Wechselkursen der „Wettbewerbsvorteil“ eines stabilen Preisniveaus infolge einer Aufwertung der heimischen Währung verloren gehen kann. 4. Negative Umverteilungseffekte Neben den erörterten negativen Beschäftigungs- und Wachstumseffekten bewirkt Inflation auch verschiedene negative Umverteilungseffekte. Bezüglich der Einkommensverteilung ist zunächst die Lohn-lag-Hypothese zu erwähnen. Wenn die Lohneinkommen langsamer wachsen als das Preisniveau steigt, dann sinken die Realeinkommen der Unselbständigen. Demgegenüber partizipieren die Gewinnbezieher infolge der steigenden Preise unmittelbar an der allgemeinen Teuerung, da bei steigenden Umsätzen zumindest der Kostenblock für Arbeit bis zur nächsten Tarifrundes konstant bleibt. Auf der Ebene der Primärverteilung kommt es also zu einer Umverteilung zugunsten der Einkommen aus Unternehmertätigkeit und zulasten der Einkommen aus unselbständiger Arbeit. Die Bezieher von Löhnen und Gehältern sind die Verlierer der Inflation. Abb. D.4: Entwicklung der Phillips-Kurve in der Bundesrepublik Deutschland (alte Bundesländer) D. Preisniveaustabilität112 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 Auch auf der Ebene der Sekundärverteilung können ebenfalls unerwünschte und unkontrollierte Umverteilungseffekte auftreten. Dieses Phänomen wird als Transfer-lag-Hypothese bezeichnet. Unter Transfers versteht man sämtliche staatlichen Sozialleistungen wie Renten, Sozialhilfe, Wohnungsgeld oder BAföG. Die Empfänger von Transferzahlungen sind normalerweise von der Inflation negativ betroffen. Grund hierfür ist die Tatsache, dass die Anpassung der öffentlichen Transferleistungen an die allgemeine Teuerungsrate in der Regel nicht in vollem Umfang erfolgt (z. B. Kindergeld) bzw. erst verspätet geschieht (z. B. Dynamisierung der Renten, deren Bezugsgröße die ohnehin nachhinkende Lohnentwicklung ist). Damit werden die Bezieher der Transfers zu Verlierern der Inflation. Dieser Personenkreis muss eine Verschlechterung seiner Realposition hinnehmen. Für die Vermögensverteilung ist zum einen die Gläubiger-Schuldner-Hypothese relevant. Sie bezieht sich auf Kreditbeziehungen, d. h. auf Finanzaktiva bzw. Finanzpassiva. Kommt es zu Inflation, so verliert die Forderung des Kreditgebers (Gläubigers) sukzessive an Kaufkraft. Dagegen können die Schulden im Laufe der Zeit vom Kreditnehmer (Schuldner) immer müheloser zurückbezahlt werden, sofern seine Einkommen inflationsbedingt steigen. Das „Euro-gleich- Euro-Prinzip“ wird verletzt. Der Euro von heute ist morgen von seiner Kaufkraft her vielleicht nur noch fünfzig Cent wert. Inflationsverlierer ist folglich der Gläubiger, während der Schuldner als Gewinner der Inflation hervorgeht. Zum andern berührt die Inflation das Finanzvermögen (,,Nominal“- oder ,,Geldvermögen“ wie Bargeld, Bankguthaben, Obligationen usw.) und das Sachvermögen (,,Realvermögen“ wie Grundstücke, Häuser usw.) in unterschiedlicher Weise. Vielfach liegen in inflatorischen Zeiten die tatsächlich bezahlten Zinsen (Nominalzinsen) für Finanzaktiva unterhalb der Inflationsrate. Daraus resultiert eine negative Realverzinsung, das Finanzvermögen erfährt einen inflatorisch bedingten Substanzverlust. Diese Entwicklung ließ sich beispielsweise in der Bundesrepublik Deutschland in der Vergangenheit immer wieder für den Spareckzins bzw. die Sparguthaben mit dreimonatiger Kündigungsfrist beobachten. Die Sparer sind bei dieser Anlageform die Verlierer der Inflation. Die Größenordnungen für die Substanzverluste des Nominalvermögens durch Inflation dürfen nicht unterschätzt werden. In Deutschland belief sich das Geldvermögen der privaten Haushalte Ende 2010 auf etwa 5 Billionen Euro; das bedeutet, dass 1 Prozent Inflation einen Substanzverlust von rund 50 Mrd. Euro bewirkt. Auf der anderen Seite steigen die Preise für das Sachvermögen im Zuge der Inflation an, unter Umständen sogar stärker als die Inflationsrate. Dadurch kommt es zur bekannten, in inflatorischen Zeiten immer wieder beobachtbaren ,,Flucht in die Sachwerte“, die am ehesten einen Inflationsschutz bieten. Geht man davon aus, dass Sparbücher typischerweise im Besitz des ,,kleinen Mannes“ sind, das Sachvermögen hingegen verstärkt den ,,Reichen“ gehört, so kommt man zum Ergebnis, dass die Inflation die Reichen reicher und die Armen ärmer macht. Unter Verteilungsaspekten erweist sich die Inflation somit als im höchsten Maße ungerecht. Inflation wird zum ,,Taschendieb der kleinen Leute“. Diese Entwicklung macht den häufig anzutreffenden Satz verständlich, wonach eine konsequente Antiinflationspolitik die beste Sozialpolitik ist. I. Begründung der Notwendigkeit der Preisniveaustabilität 113 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 Auch der Staat kann Inflationsgewinner sein, und zwar nicht nur als Schuldner, sondern vor allem als Folge der Konstruktion des Steuersystems. Steigen die Einkommen (z. B. Lohneinkommen) im Ausmaß der Inflationsrate, so bleiben die Realeinkommen der Arbeitnehmer unverändert. Im herrschenden System der Einkommensbesteuerung werden allerdings infolge der Progressionswirkungen die höheren Einkommen prozentual auch mit einer höheren Steuer belastet. Bei der Lohnsteuer ist dieser Effekt besonders ausgeprägt: Steigen die Lohneinkommen um 10 Prozent, so steigt das Lohnsteueraufkommen um beispielsweise 19 Prozent (Faktor 1,9). Der Staat ist über diesen Progressionseffekt folglich Inflationsgewinner. Bleiben periodische Steuerentlastungen aus, so verändert sich die Einkommensverteilung zugunsten des Staates und zulasten der privaten Wirtschaftssubjekte – speziell zulasten der Lohnbezieher. Die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute sprechen sich in ihrer Gemeinschaftsdiagnose Frühjahr 2011 für eine dauerhafte Beseitigung der „kalten Progression“ des Einkommensteuersystems aus. Sie plädieren für einen „Tarif auf Rädern“; dies kann z. B. über eine Fortschreibung der Freibeträge in der Einkommensteuer mit der Inflationsrate erreicht werden (sog. Indexierung). Die Wirtschaftsforschungsinstitute betonen allerdings, dass hierdurch die Bemühungen zur Senkung der Staatsverschuldung nicht konterkariert werden dürfen. Wegen des starken Gewichts der indirekten Steuern mit festen Tarifen liegt der Progressionsfaktor des deutschen Steuersystems bei insgesamt etwas über dem Faktor Eins. Allerdings sind den staatlichen Inflationsgewinnen auch Inflationsverluste entgegenzustellen. Denn der Staat muss im Rahmen seiner Käufe von Waren und Dienstleistungen ebenso wie die Privaten die inflationsbedingt höheren Preise bezahlen. Ob die öffentliche Hand per Saldo Inflationsgewinner oder Inflationsverlierer ist, bleibt umstritten. Die Auflistung der vielschichtigen negativen Auswirkungen der Inflation sollte deutlich machen, dass deren Bekämpfung in der Wirtschaftspolitik einen sehr hohen Stellenwert einnehmen muss. Bei neoklassischen Ökonomen genießt das Ziel der Preisniveaustabilität die höchste Priorität aller wirtschaftspolitischen Ziele. In einem stabilen Geldwert sehen Neoklassiker die entscheidende Voraussetzung für die Funktionsfähigkeit des Marktmechanismus und damit für Wachstum und Vollbeschäftigung. Für Keynesianer rangiert hingegen das Beschäftigungsziel an oberster Stelle: In Konfliktsituationen hat sich die Wirtschaftspolitik in erster Linie für Vollbeschäftigung stark zu machen, die Verfolgung der Preisniveaustabilität sollte nicht übertrieben werden. Bei dieser Auffassung muss man sich jedoch der ,,Strohfeuer-Wirkung“ und der längerfristigen negativen Auswirkungen von Inflation bewusst sein und darf die negativen Verteilungswirkungen nicht aus den Augen verlieren.

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References

Zusammenfassung

Wirtschaftspolitik verständlich erklärt.

"Wer eine kompakte und verständliche Einführung in die Wirtschaftspolitik sucht, ist mit diesem schon seit langem erfolgreichen und weitverbreiteten Lehrbuch bestens bedient."

in: Studium 90/2012

Alles zur Wirtschaftspolitik

Dieses Lehrbuch befasst sich mit den Grundfragen und den aktuellen, zentralen Aufgabenfeldern der Wirtschaftspolitik: Sicherung des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts und Gewährleistung einer nachhaltigen ökologischen Entwicklung. Die Neuauflage geht jetzt noch ausführlicher auf die Problematik des demografischen Wandels sowie die Eurokrise ein.

"Wer immer eine gelungene Einführung in die Wirtschaftspolitik sucht - ob Studierende der Wirtschaftswissenschaften im Grundstudium bzw. Teilnehmer vergleichbarer Aus- und Fortbildungsstätten oder am Wirtschaftsgeschehen interessierte Praktiker - wird von diesem Lehrbuch nicht enttäuscht werden."

in: www.rezensionen.ch 15.5.12

Autoren

Prof. Dr. Gerhard Mussel unterrichtet Volkswirtschaftslehre an der Dualen Hochschule

Baden-Württemberg Stuttgart.

Prof. Dr. Jürgen Pätzold ist Honorarprofessor an der Universität Hohenheim.