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VIII. Beschäftigungspolitik im Zeichen einer Verknappung des Arbeitskräfteangebots in:

Gerhard Mussel, Jürgen Pätzold

Grundfragen der Wirtschaftspolitik, page 98 - 104

8. Edition 2012, ISBN print: 978-3-8006-4261-8, ISBN online: 978-3-8006-4374-5, https://doi.org/10.15358/9783800643745_109

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C. Hoher Beschäftigungsstand98 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 VIII. Beschäftigungspolitik im Zeichen einer Verknappung des Arbeitskräfteangebots 1. Künftige Entwicklung des Erwerbspersonenpotenzials Die bisher beschriebenen Entwicklungen spiegeln eher die Arbeitsmarktprobleme der Vergangenheit und der Gegenwart in Deutschland wider, sowie die vielfältigen Versuche der sich aus dem Zuwachs des Erwerbspersonenpotenzials ergebenden Beschäftigungsprobleme Herr zu werden. Die Probleme der Zukunft am Arbeitsmarkt sind jedoch inzwischen anders geartet. Alle Prognosen deuten darauf hin, dass zukünftig sowohl die Bevölkerung als auch das Erwerbspersonenpotenzial deutlich abnehmen werden. Ab dem Jahr 2003, in dem Deutschland mit 82,5 Millionen Personen den bisher höchsten Bevölkerungsstand erreicht hatte, setzte bereits der Rückgang der Einwohnerzahl ein. Bis zum Jahr 2009 nahm diese bereits um mehr als 700.000 Personen ab. Dieser Trend wird sich nach allen Varianten der 12. Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes in den kommenden Jahrzehnten fortsetzen und zunehmend verstärken. Unter der Annahme einer konstanten Geburtenziffer von 1,4 Kindern je Frau und bei einer unterstellten jährlichen Nettozuwanderung von 100.000 Personen ab 2014 beziehungsweise von 200.000 Personen ab dem Jahr 2020 werden im Jahr 2060 zwischen 11,6 und 17,1 Millionen Personen weniger in Deutschland leben als heute. Dies entspricht einer Abnahme der Bevölkerungszahl gegenüber dem Referenzjahr 2008 um etwa 14 % bis 21 %. In einer Modellrechnung, die einen Wanderungssaldo von Null unterstellt, würde sich die Bevölkerung in den nächsten 50 Jahren sogar um knapp 24 Millionen Personen oder um 29 % verringern. Ein Anstieg der Geburtenziffer auf 1,6 Kinder je Frau bei einer gleichzeitigen Erhöhung der Lebenserwartung könnte den Rückgang der Bevölkerungszahl deutlich verlangsamen und zwar bis zum Jahr 2060 auf voraussichtlich nur noch knapp fünf Millionen Personen. Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung geht in seiner Expertise 2011 zum demographischen Wandel davon aus, dass das Arbeitsangebot um fast 30 % auf 31 Millionen Erwerbspersonen im Jahr 2060 zurückgehen wird (Basisszenario). Entsprechende Prognosen wurden auch seitens des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) erstellt (siehe Abbildung C.23). Der demographische Wandel bewirkt also eine Verkleinerung des Arbeitsangebots. Der Umbruch scheint in Deutschland bereits in der Realität am Arbeitsmarkt anzukommen. Hierfür sind auch vielfältige Klagen von Unternehmen über Knappheiten am Arbeitsmarkt ein Indiz. Die Entwicklung betrifft vorerst noch die Ballungsräume und den stärker wachsenden Süden der Bundesrepublik Deutschland. Die Unsicherheiten dieser Projektionen sind allerdings beachtlich. Es wird versucht, die Spannbreite durch die Berechnung unterschiedlicher Szenarien einzugrenzen. Das optimistische und das pessimistische Szenario des Sachverständigenrates bilden einen Korridor für den Rückgang des Arbeitsangebots von 18 % bis 36 %. Die Prognoseprobleme liegen dabei vor allem in den Bereichen Prognose der künftigen Erwerbsbeteili- VIII. Beschäftigungspolitik im Zeichen einer Verknappung des … VIII. Beschäftigungspolitik im Zeichen einer Verknappung des … 99 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 gung und Prognose des Wanderungssaldos. Der Trend der Entwicklung ist aber im Wesentlichen unbestritten. Im Hauptinteresse der Öffentlichkeit steht die Frage, ob der demographische Wandel eine Reduktion der Erwerbslosigkeit zur Folge haben wird und wann und in welchem konkreten Umfang ein Arbeitskräftemangel zu erwarten ist. Zudem altert die Erwerbsbevölkerung, und zwar insbesondere, weil die geburtenstarken Jahrgänge demnächst in Rente gehen werden. Würde dies negative Auswirkungen auf die künftige Arbeitsproduktivität zur Folge haben, so hätte dies zur Konsequenz, dass auch die künftigen Wachstumsspielräume schrumpfen. Sowohl die volkswirtschaftlichen Produktionskapazitäten als auch das Pro-Kopf-Einkommen würden sinken, was wiederum negative Auswirkungen auf die Arbeitskräftenachfrage hätte. Inwieweit der demographische Wandel zu einem Abbau der Erwerbslosigkeit führen wird und wann und in welchem konkreten Ausmaß ein Arbeitskräftemangel entstehen wird, hängt also entscheidend vom Zusammenspiel von Arbeitsangebot und Arbeitsnachfrage ab. Abbildung C.23 verdeutlicht, dass nach einer Prognose des IAB (Basisszenario) in Zukunft mit deutlichen Rückgängen beim Erwerbspersonenpotenzial zu rechnen ist. Während diese begründeten Vermutungen eine Größenordnung für die voraussichtliche Entwicklung des Erwerbspersonenpotenzials liefern, sind entsprechende Prognosen des Arbeitskräftebedarfs deutlich schwieriger; das gilt erst recht für spezifische Berufe, Qualifikationen und die regionale Verteilung der Nachfrage nach Arbeitskräften. Klar ist aber auch, dass die Nachfrage nach Arbeitskräften letztlich von der Entwicklung des wirtschaftlichen Wachstums bestimmt werden wird. Annahmen: Steigende Erwerbsquoten und Rente mit 67 sowie Wanderungssaldo 100 Tsd. Personen p.a. Quelle: Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, DGB/BMAS-Workshop Berlin 28. Januar 2011 Abb. C.23: Entwicklung des Erwerbspersonenpotenzials bis 2050 C. Hoher Beschäftigungsstand100 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 2. Strategische Ansatzpunkte künftiger Beschäftigungspolitik Die künftige Arbeitsmarktpolitik steht damit vor großen Herausforderungen. Die strategischen Ansatzpunkte der Beschäftigungspolitik sollen nachfolgend kurz skizziert werden. a) Offensive Wachstumspolitik Das Zusammenspiel von sinkender Bevölkerung bei einer gleichzeitig alternden Gesellschaft mit einem starken Absinken des Arbeitskräfteangebots führt unter sonst gleichen Umständen tendenziell zu geringeren Wachstumsraten des Produktionspotenzials. Eine Aufgabe der Wirtschaftspolitik wird es daher sein, die Voraussetzungen für mehr wirtschaftliches Wachstum am Standort Deutschland möglichst positiv zu gestalten, um von daher die Nachfrage nach Arbeitskräften zu steigern. Voraussetzung dafür ist nach Meinung des Rates eine konsequente angebotsorientierte Wirtschaftspolitik einschließlich einer zurückhaltenden, beschäftigungsorientierten Lohnpolitik der Tarifvertragsparteien. Auch sollten die zu Beginn der 2000er-Jahre durchgeführten Reformen am Arbeitsmarkt weiterwirken; zudem muss der Flexibilisierungsgrad der Arbeitsmärkte noch weiter gesteigert werden. Insgesamt dürfte die Anzahl an Erwerbslosen schon deshalb sinken, weil das Arbeitskräfteangebot abnimmt. Dies löst allerdings keineswegs die sich stellenden Probleme einer alternden Gesellschaft mit hohen Belastungen der Rentenversicherungen. Die Finanzierung der zusätzlichen Alterslasten muss ja im Ergebnis letztlich von einer geringeren Zahl Erwerbstätiger geschultert werden. So wichtig die Wachstumsstrategie ist, so konzediert auch der Sachverständigenrat, dass ohne flankierende Maßnahmen die Wachstumsspielräume zu gering sein werden, um die Zukunftsprobleme zu bewältigen. Wenn „nichts weiteres geschieht“, dann wird nach Einschätzung des Sachverständigenrates (Expertise 2011) die künftige Trendwachstumsrate des BIP voraussichtlich deutlich unter ein Prozent liegen. b) Steigerung der Geburtenrate Eine „Stellschraube“ zur Hebung des künftigen Wachstumsspielraums ist die Steigerung der Geburtenrate. Die durchschnittliche Geburtenrate je Frau ist inzwischen auf den Faktor 1,35 (2010) gesunken. Im Zuge der Einführung des Elterngeldes ist diese Rate leicht gestiegen. Um die Bevölkerung zu stabilisieren, müsste diese Rate jedoch bei 2,1 liegen. Ansätze wären z. B. der weitere Ausbau von Kinderbetreuungsmöglichkeiten sowie familiengerechtere Arbeitszeiten. Die Steigerung der Geburtenrate wäre insgesamt die „natürlichste“ Antwort auf die demographische Herausforderung. Die Zielsetzung, eine Geburtenrate in Höhe des natürlichen Reproduktionsniveaus zu erreichen, dürfte allerdings unrealistisch sein; sie stellt keine echte Option zur Sicherung der Dynamik der deutschen Volkswirtschaft dar. Das Statistische Bundesamt geht daher bei seinen Bevölkerungsprognosen auch von einer unveränderten Geburtenrate für Gesamtdeutschland aus. Die deutsche Wirtschaft wird sich somit auf einen Rückgang des Erwerbspersonenpotenzials einstellen müssen. Wie stark dieser ausfällt, hängt allerdings auch davon ab, wie sich die Gesellschaft bei den VIII. Beschäftigungspolitik im Zeichen einer Verknappung des … 101 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 übrigen Wahlmöglichkeiten (siehe unten) entscheidet. Doch selbst wenn eine Steigerung der Geburtenrate erreicht werden könnte, würde sich dies auf das Arbeitskräfteangebot naturgemäß erst sehr langfristig auswirken. c) Ausschöpfung des vorhandenen Erwerbspersonenpotenzials Ein weiterer Ansatz, die Probleme anzugehen ist die „Hilfe von innen“. Hierbei bestehen im Inland prinzipiell vier Möglichkeiten, um dem demographisch bedingten Rückgang des Faktors Arbeit entgegenzuwirken: α) Reduzierung der Arbeitslosigkeit, β) Erhöhung der Erwerbsquote von Frauen, γ) Ausweitung der Lebensarbeitszeit, δ) Erhöhung der durchschnittlichen Jahresarbeitszeit. Zu α) Die erste Möglichkeit, Abbau der Arbeitslosigkeit, entspricht einer intensiveren Ausschöpfung des Erwerbspersonenpotenzials. Bislang Arbeitslose werden in den Produktionsprozess integriert und erhöhen damit den quantitativen Einsatz des Faktors Arbeit. Hierzu wird auf die voranstehenden Ausführungen verwiesen. Zu β) Bei der Erhöhung der Erwerbsquote von Frauen geht es darum, den Teil der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter in den Arbeitsmarkt einzugliedern, der diesem bisher nicht bzw. nicht mehr zur Verfügung stand. Diese Möglichkeit konzentriert sich vor allem auf eine Erhöhung und auf eine weitere Steigerung der Erwerbsbeteiligung von Frauen. Im internationalen Vergleich ist die Erwerbsquote von Frauen im Alter zwischen 25 und 54 Jahren mit 64 % immer noch unterdurchschnittlich. In der Schweiz stehen beispielsweise fast 90 % der Frauen dem Arbeitsmarkt zur Verfügung. Ob der bisherige steigende Trend der Erwerbsbeteiligung von Frauen in Deutschland anhält, ist keineswegs sicher. Er bedarf zumindest der politischen Unterstützung. Die Frauenerwerbsquote ließe sich durch einen weiteren Ausbau der Kinderbetreuungsmöglichkeiten sowie durch familienadäquate Arbeitszeiten anheben. Infolge der bereits eingeleiteten Reform des Elterngeldes und des Ausbaus der Kinderbetreuung wurde bereits ein Anstieg der Partizipationsquote und des Arbeitsvolumens von Müttern festgestellt. Zu γ) Im Rahmen der Strategie einer Ausweitung der Lebensarbeitszeit kommt vor allem die Heraufsetzung des Renteneintrittsalters in Betracht. Bezüglich der Altersbeschäftigung ist festzustellen, dass die 55- bis 64-Jährigen in Deutschland derzeit nur zu etwa 41 % einer Beschäftigung nachgehen. Die niedrige Quote passt zu einer Feststellung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, wonach jedes zweite Unternehmen in Deutschland keine Arbeitnehmer mehr über 50 Jahren beschäftigt. Dies ist auch Folge der seit Jahrzehnten verfolgten Strategie, die durch eine entsprechende Gesetzgebung noch forciert wurde, Mitarbeiter in den vorzeitigen Ruhestand zu schicken, um die Belegschaften zu verjüngen und das Überangebot auf dem Arbeitsmarkt zu reduzieren. Das gesetzliche Renteneintrittsalter beträgt in Deutschland derzeit noch 65 Jahre, das tatsächliche durchschnittliche Alter bei Rentenbeginn dagegen nur rund 59 Jahre. Inzwischen ist weitgehend unbestritten, dass auf diesem Feld Re- C. Hoher Beschäftigungsstand102 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 formbedarf besteht. Ein späterer Austritt aus dem Erwerbsleben ist unerlässlich; dies wurde bereits mit der stufenweise Heraufsetzung des gesetzlichen Renteneintrittsalters ab dem Jahr 2012 bis auf 67 Jahre im Jahr 2029 angegangen. Diese Entscheidung ist eine erste Antwort auf die in Zukunft steigenden Renten- und Pensionslasten und den drohenden Kollaps des Rentensystems. Die Erhöhung der Erwerbsquote älterer Arbeitnehmer ist allerdings ebenso ein Mittel, der Arbeitskräfteknappheit zu begegnen und damit das Wirtschaftswachstum in Deutschland zu sichern. Die starke Nutzung des Vorruhestandes könnte auch durch den (weiteren) Abbau von Frühverrentungsanreizen verringert werden; zumindest realistische versicherungsmathematische Abschläge wären erforderlich. Ein Anstieg der Erwerbslebensphase könnte zudem durch einen früheren Eintritt in das Erwerbsleben (z. B. kürzere Berufsausbildung) sowie einen späteren Austritt erreicht werden. Da es auch über das 67. Alter hinaus voraussichtlich zu einem weiteren Anstieg der Lebenserwartung kommen wird, sollte über einen zusätzlichen – idealerweise an die Entwicklung der ferneren Lebenserwartung gekoppelten – Anstieg des gesetzlichen Renteneintrittsalters nachgedacht werden. Weitere reformpolitische Ansatzpunkte für eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit wären u. a. die Verbesserung der Qualifikationen älterer Arbeitnehmer, die Förderung altersgerechter Arbeitsplätze. Bei älteren Beschäftigten steht zudem die Schaffung altersgerechter Arbeitsplätze sowie generell ein lebenslanges Lernen im Vordergrund. Zu δ) Ein weiterer Ansatzpunkt ist die Erhöhung der jahresdurchschnittlichen Arbeitszeit. Die Quantität des Einsatzfaktors Arbeit kann auch durch eine längere Wochen- bzw. Jahresarbeitszeit erhöht werden. Dies würde allerdings eine Abkehr von Teilen der „sozialen Errungenschaften” der vergangenen Dekaden bedeuten. Die durchschnittliche Wochenarbeitszeit ist in Deutschland auf etwa 38 Stunden gesunken. Dahinter standen gewerkschaftliche Forderungen nach einer Umverteilung der vorhandenen Arbeit auf eine größere Anzahl von Arbeitnehmern, um die Beschäftigung zu erhöhen, aber auch der Wunsch der Beschäftigten, mehr Freizeit zu genießen. Der zu erwartende Rückgang des Arbeitsvolumens durch die Abnahme der Anzahl der Erwerbstätigen könnte durch eine Erhöhung der durchschnittlichen Arbeitszeit reduziert werden. Die Umsetzung dürfte allerdings mit einigen Problemen verbunden sein, da die Wunscharbeitszeit der Arbeitnehmer nicht auf mehr Arbeit, sondern auf weniger Arbeit gerichtet ist. Rasche Erfolge sind auf diesem Gebiet kaum zu erwarten. Flexiblere Arbeitszeitgestaltungen und home-work könnten allerdings helfen, das heimische Arbeitskräftepotenzial besser auszuschöpfen. d) Steigerung des technischen Fortschritts Zu e) Wirtschaftswachstum basiert allerdings nicht nur auf dem vermehrten quantitativen und qualitativen Einsatz des Produktionsfaktors Arbeit, sondern es wird auch maßgeblich vom Faktor Kapital und der Rate des technischen Fortschritts bestimmt. Technischer Fortschritt gilt geradezu als der Wachstumstreiber. VIII. Beschäftigungspolitik im Zeichen einer Verknappung des … 103 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 Während die Neoklassik den technischen Fortschritt als exogen bestimmt ansieht, versuchen neuere Ansätze der Wachstumstheorie, ihn endogen zu erklären, d. h. es wird untersucht, welche Bedingungen in den Unternehmen für den technischen Fortschritt verantwortlich sind. Technischer Fortschritt basiert demnach auf neuen technologischen Produktionsverfahren, neuen Produkten, besser ausgebildeten Arbeitskräften sowie einer effizienteren Betriebsorganisation. Er ist somit das Ergebnis von Investitionen in Forschung & Entwicklung, die das Wissen einer Volkswirtschaft und damit ihr Humankapital erhöht. Humankapital wird so zur entscheidenden Größe, den Knappheiten des Einsatzfaktors Arbeit entgegenzuwirken. Um das Schrumpfen des Erwerbspersonenpotenzials ganz oder teilweise zu kompensieren, müsste sich die Rate des technischen Fortschritts (je nach Szenarium) in etwa verdoppeln, und zwar in einer gleichzeitig alternden Gesellschaft. Da das Leistungspotenzial der Arbeitskräfte im Wesentlichen durch Erziehung und Ausbildung bestimmt ist, wird es notwendig sein, die Ressource Bildung so weit als möglich auszuschöpfen. Das gilt auch für die älteren Erwerbspersonen, deren physische und kognitive Fähigkeiten im Alter zwar tendenziell abnehmen, deren Erfahrungen und Menschenkenntnis sich andererseits positiv auf die Fortschrittsentwicklung auswirken können. Insgesamt wird aber bezweifelt, dass die notwendige Beschleunigung der Fortschrittsrate erreicht werden kann, um das Absinken des Erwerbspersonenpotenzials zu kompensieren. Vieles deutet nämlich darauf hin, dass die Innovationsfähigkeit in Ländern mit einer jungen wachsenden Bevölkerung höher ist als in Ländern, in denen das Durchschnittsalter der Arbeitskräfte in Richtung 50 Jahre steigt und denen es an Nachwuchs mangelt. Dies hängt auch damit zusammen, dass die Risikobereitschaft einer jüngeren Gesellschaft größer ist als die einer alternden Gesellschaft. Dennoch ist auch die Beschleunigung der Produktivitätsentwicklung ein Mosaikstein einer umfassenden Strategie. e) Immigrationspolitik Schließlich ist ein weiterer Ansatz zur Steigerung der Wachstumsspielräume die „Hilfe von außen“. In der Prognose des Erwerbspersonenpotenzials wird eine Nettozuwanderung von 100.000 Personen unterstellt (Abbildung C.23); damit wird ein etwas geringerer Wert angenommen, als er über einen längeren Zeitraum in der Vergangenheit beobachtet wurde. In der jüngeren Zeit hat sich allerdings die Nettozuwanderung auf diesen Wert eingependelt. Die Zuwanderung vollzog sich in den vergangenen Dekaden unter großen Schwankungen. Der Höhepunkt war in den 1990er Jahren zu verzeichneten; die Nettozuwanderungen lagen 1992 bei gut 780.000 Personen. Danach verlangsamte sich der Zuwachs merklich. Aktuell liegt der Wanderungssaldo – wie erwähnt – bei etwa 100.000 Nettozuwanderungen. Neben der besseren Ausnutzung des heimischen Arbeitskräftepotenzials könnte die Zuwanderung von qualifizierten Arbeitskräften den Rückgang des Arbeitsvolumens dämpfen und gleichzeitig positive Wachstums- und Produktivitätseffekte auslösen. Um hier nennenswerte Effekte zu erreichen, müsste nach Meinung des Sachverständigenrates die bisher restriktive Einwanderungspo- C. Hoher Beschäftigungsstand104 Mussel/Pätzold – Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 8. Auflage – Verlag: Vahlen Herstellung: Frau Deuringer – Status: Imprimatur – Ausgabedatum: 16.01.2012, 11:17 litik gegenüber einer Arbeitsmigration aus Drittstaaten aufgegeben und stattdessen eine gezielte Immigrationspolitik verfolgt werden, wie sie beispielsweise Australien und Kanada praktizieren. Die Wohlfahrtsgewinne der Migration hängen allerdings entscheidend von der Struktur der zugewanderten Arbeitskräfte ab. Wichtig dabei ist, dass die Zuwanderer das gleiche Ausbildungsniveau oder ein besseres als die inländischen Arbeitskräfte haben. Nur dann können Zuwanderer in etwa eins zu eins den Rückgang des heimischen Erwerbspersonenpotenzials ausgleichen. Derzeit bewegt sich das Qualifikationsniveau von Zuwanderern deutlich unter dem Niveau der einheimischen Bevölkerung, was u. a. auch auf die eher restriktive und nicht an ökonomischen Kriterien orientierte Zuwanderungspolitik Deutschlands zurückzuführen ist. Die Erhöhung der Erwerbsquoten von Personen mit Migrationshintergrund ließe sich etwa auch durch eine erleichterte Anerkennung von ausländischen Bildungsabschlüssen erreichen. Migration bremst zudem auch die Alterung; denn durch Migration verläuft der Alterungsprozess gedämpfter, da es sich bei den Zuwanderern überwiegend um jüngere Personen handelt. Dies mildert auch das Problem der Finanzierung der Rentensysteme. Ohne eine offensivere Migrationspolitik sind die künftigen Probleme Deutschlands kaum zu bewältigen. Zusammengefasst scheint klar: Die Dynamik der deutschen Wirtschaft wird tendenziell demographisch bedingt an Schwung verlieren. Wie stark dies ausfallen wird, hängt davon ab, wie Politik und Gesellschaft in Deutschland auf die demographische Herausforderung reagieren. Eine einzelne Maßnahme allein wird nicht ausreichen, das Wachstumspotenzial Deutschlands zu sichern. Es ist vielmehr ein Bündel von Maßnahmen erforderlich. Hierbei handelt es sich teils um politische Entscheidungen, teils aber auch um individuelle Wahlentscheidungen jedes Einzelnen in der Gesellschaft, beispielsweise hinsichtlich der Geburtenrate, der Migration, des Renteneintrittsalters und der durchschnittlichen Jahresarbeitszeit. Das Gefährliche an der demographischen Entwicklung liegt darin, dass sie schleichend vonstattengeht und sich die Handlungsakteure zunächst noch in Sicherheit wiegen.

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References

Zusammenfassung

Wirtschaftspolitik verständlich erklärt.

"Wer eine kompakte und verständliche Einführung in die Wirtschaftspolitik sucht, ist mit diesem schon seit langem erfolgreichen und weitverbreiteten Lehrbuch bestens bedient."

in: Studium 90/2012

Alles zur Wirtschaftspolitik

Dieses Lehrbuch befasst sich mit den Grundfragen und den aktuellen, zentralen Aufgabenfeldern der Wirtschaftspolitik: Sicherung des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts und Gewährleistung einer nachhaltigen ökologischen Entwicklung. Die Neuauflage geht jetzt noch ausführlicher auf die Problematik des demografischen Wandels sowie die Eurokrise ein.

"Wer immer eine gelungene Einführung in die Wirtschaftspolitik sucht - ob Studierende der Wirtschaftswissenschaften im Grundstudium bzw. Teilnehmer vergleichbarer Aus- und Fortbildungsstätten oder am Wirtschaftsgeschehen interessierte Praktiker - wird von diesem Lehrbuch nicht enttäuscht werden."

in: www.rezensionen.ch 15.5.12

Autoren

Prof. Dr. Gerhard Mussel unterrichtet Volkswirtschaftslehre an der Dualen Hochschule

Baden-Württemberg Stuttgart.

Prof. Dr. Jürgen Pätzold ist Honorarprofessor an der Universität Hohenheim.