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5.7 Das Beispiel der Abwasserabgabe in der Bundesrepublik Deutschland in:

Eberhard Feess, Andreas Seeliger

Umweltökonomie und Umweltpolitik, page 94 - 99

4. Edition 2013, ISBN print: 978-3-8006-4668-5, ISBN online: 978-3-8006-4365-3, https://doi.org/10.15358/9783800643653_94

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Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 82 5 Steuern und Abgaben (Preislösungen)82 zwar physisch, aber nicht ökonomisch iden tische „Güter“ sind. Dies ist eine Komplikation, die auch bei der politischen Durchsetzung internationaler Steuerlösungen problematisch ist, weil sie – auf etwas aggregierterer Ebe ne – durchaus unterschiedliche Steuersätze in unterschiedlichen Ländern, beispielsweise der Europäischen Union, erfordern kann. Als entscheidenden Sachverhalt können wir je doch zweifelsfrei festhalten, dass es empirisch höchst relevante Bereiche gibt, in denen die Grenzkostenfunktionen der Schadstoffvermeidung so unterschiedlich sind, dass durch den Übergang auf marktorientierte Ins trumente wie Abgaben erhebliche Gelder einge spart werden können. Dies gilt auch dann, wenn wir den Sachverhalt einbeziehen, dass die Umweltqualität nicht nur von der Summe der Emissionen, sondern wesentlich auch von der lokalen Verteilung der Immissionen bestimmt wird. 5.7 Das Beispiel der Abwasserabgabe in der Bundesrepublik Deutschland Trotz der in relevanten Bereichen offensichtlich bestehenden Kostensenkungspotentiale durch Preislösungen war bis zur Einführung der Öko-Steuer die schon seit 1978 existie rende Abwasserabgabe die einzige bundesweit gültige, relevante Preislösung für Umweltprobleme in der Bundesrepublik Deutschland.12 Daneben gibt es zwar länderspezifische Abfallabgaben, aber die Einführung einer bundesweit einheitlichen Abfallabgabe wurde – unter anderem wegen der Kosten durch die Wiedervereinigung – zunächst vertagt. In der Europäischen Union waren Frankreich und die Niederlande die ersten Länder, die eine Abgabe auf Abwasser einführten.13 Darüber hinaus werden entsprechende Regeln auf nationaler Ebene seit 1997 auch in Dänemark angewandt, während es in Belgien (Flandern), Italien und Spanien lediglich regionale Anwendungsbeispiele gibt.14 Da die Abwasserabgabe einige interessante Einblicke bei der praktischen Umsetzung von Abgaben ermöglicht, möchten wir sie kurz skizzieren. Im Kern möchten wir dabei zeigen, dass die Abwasserabgabe zwar insgesamt einen Fortschritt gegenüber reinen Auflagenlösungen darstellt, ihre Lenkungswirkung aber ganz erheblich durch – in unseren Augen eher überflüssige – Sonderregelungen eingeschränkt wird. Hauptsächlich theore tisch interessierte Leser/innen wird der Detaillierungsgrad vielleicht etwas „nerven“, doch ist dieser erforderlich, um die konkreten mit Abgaben verbundenen Schwierigkeiten, die auch die Einstellung der Unternehmen zur Einführung neuer Preislösungen stark prägt, wirklich zu verstehen. 12 Einen Überblick über das ursprüngliche Abwasserabgabegesetz sowie die seitdem erlassenen zahlreichen Novellen gibt Nisipeanu (2006). 13 Für eine Beschreibung des französischen Systems vgl. bspw. Glachant (2002). 14 Vgl. hierzu z.B. Ecotec (2001), S. 77. Die im Jahre 2000 erlassene Wasserrahmenrichtlinie der EU (2000/60/EG) fordert von den Mitgliedsstaaten, zukünftig über ihre Wassergebührengestaltung stärkere Anreize zur effizienten Wassernutzung zu setzen. Dadurch sind alle Staaten, bei denen dies bisher nicht erfolgt ist, gezwungen, eine kostendeckende Abgabe (o.ä.) einzuführen und die v.a. in Südeuropa vorherrschende Praxis der Subvention des Wasserverbrauchs zu beenden. Vgl. EU-KOM (2000). Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 83 5.7 Das Beispiel der Abwasserabgabe in der Bundesrepublik Deutschland 83 Gemessen wird die Abgabenpflicht an der Schädlichkeit des Abwassers, wobei zahlreiche Schadstoffe berücksichtigt und miteinander gewichtet werden.15 Zur Verminderung der Erhebungs- bzw. Kontrollkosten wird dabei nicht die ständig gemessene, wirkliche Abgabenfracht, sondern die im Genehmigungsbescheid der Behörde erlaubte Abgabenfracht zugrunde gelegt. Sollten Unternehmen allerdings im veranschlagten Zeitraum wi der Erwarten nach unten abweichen, so haben sie bei einer Abweichung von mindestens 20 Prozent vom Genehmigungsbescheid die Möglichkeit, eine Verminderung der Abgabenzahlungen zu beantragen. Die Orientierung am Genehmigungsbescheid ist durchaus sinnvoll, weil die damit verbundenen fehlenden Anreize zur geringfügigen Verminderung der Abwasserfracht, die dann ja nicht zur Reduktion der Abwasserabgabe führt, von den niedrigeren Transaktionskosten vermutlich überwogen wird.16 Abweichungen nach oben müssen die Unternehmen der Behörde melden, was sich schon daraus ergibt, dass die Einleitung von Abwasser nicht nur der Abwasserabgabe, sondern auch der Genehmigungspflicht unterliegt. Die Abgabenpflicht beschränkt sich ausschließlich auf Direkteinleiter, während Indirekteinleiter nicht erfasst sind. Unter Indirekteinleitern versteht man die Unternehmen, deren Abwasser zunächst von kommunalen Kläranlagen gereinigt und erst anschließend eingeleitet wird. Da dann die Kommunen die Abwasserabgabe entrichten müssen, würde ein direkter Zugriff auf Indirekteinleiter eine Doppelbelastung bedeuten, sofern die Kommunen ihre Zahlungen bei der Erhebung der Abwassergebühr an die Indirekteinleiter zurückwälzen. Wir werden auf diesen Punkt unten noch zu sprechen kommen. Obwohl der Abwasserabgabe ein gewisser Lenkungseffekt durchaus zugestanden werden muss, überwiegt von allen Seiten die Kritik.17 Unter dem Gesichtspunkt der Kosteneffizienz weist die Abwasserabgabe vor allem den entscheidenden Nachteil auf, dass zahlreiche Nebenbedingungen die Orientierung der Abwasserfrachten an den Grenzkosten der Vermeidung verhindern. Der wichtigste Punkt dabei ist, dass die Abwasserabgabe kein ausschließliches Instrument darstellt, sondern in ordnungsrechtliche Regelungen (Mindestanforderungen nach § 7a Wasserhaushaltsgesetz) eingebunden ist. Dies führt da zu, dass die Schadstoffe nicht an den Stellen mit den geringsten Kosten vermieden werden können, sondern bestimmte Anforderungen von allen Unternehmen eingehalten werden müssen. Die mit reinen Abgaben verbundene Kosteneffizienz wird dadurch behindert. 15 Eine Schadenseinheit stellt entweder 50  kg Chemischen Sauerstoffbedarf (Maß für die Summe aller im Wasser vorhandenen organischen Stoffe, ausgedrückt über die zur Oxidation benötigte Menge an Sauerstoff), 25 kg Stickstoff, 3 kg Phosphor, 2 kg organische Holgene, 20 g Quecksilber, 100 g Cadmium, 500 g Chrom, 500 g Nickel, 500 g Blei oder 1000 g Zinn dar (vgl. für weitere Details RIZA (1995), S. 102). 16 Gawel et al. (2011), S. 176–177, schlagen eine „modifizierte Messlösung“ als Kompromiss vor. Die Berechnung der Abgabenlast basiert hierbei auf einer durchschnittlichen Jahresabwassermenge und den Mittelwerten einer stichprobenhaft gemessenen Schadstoffkonzentration. Weiterhin wird diskutiert, ob diese Messlösung nur für bestimmte Einleiter und darüber hinaus als Option eingeführt wird. Diese Einleiter haben dann die Wahl, zwischen dem Bescheidsystem (i.d.R. höhere Abgabenlast) und der Messlösung (i.d.R. höhere Mess- und Verwaltungskosten bei niedrigeren Abgaben). 17 Vgl. z.B. Gawel et al. (2011); Rahmeyer (2002), S. 21 f. oder schon Hansmeyer/Gawel (1993); Wicke (1993), S. 403–406. Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 84 5 Steuern und Abgaben (Preislösungen)84 Trotz zahlreicher Studien über die deutsche Abwasserabgabe18 gibt es bisher unse res Wissens keine Bundesländer übergreifende Evaluation.19 Verwendet werden könnten dazu grundsätzlich die vom Statistischen Bundesamt veröffentlichten Daten zum industriellen Ausstoß von Abwasser sowie über die Investitionen zum Zwecke der Abwasservermeidung.20 Dabei besteht allerdings das Problem, dass die Abwasserabgabe wie oben beschrieben aufgrund ihrer Einbettung in ein Portfolio von Instrumenten zur Abwasservermeidung letztlich lediglich ein ergänzendes Instrumentarium darstellt. Da das Verhältnis des gesamten Abgabenaufkommens zum abwasserbezogenen Investitionsvolumen – letzteres entspricht den Gesamtkosten der Einhaltung des Standes der Technik – rund 3 % beträgt, hat die Abwasserabgabe wohl nur einen relativ geringeren Einfluss auf die Wahl des Verschmutzungsniveaus. Je strenger die Auflage, desto geringer ist der Ein fluss der Abwasserabgabe, und desto weniger ist es möglich, dass die Unternehmen ihre Vermeidungsaktivitäten so an ihre unterschiedlichen Grenzvermeidungskostenfunktionen anpassen, dass es im Ergebnis zum Ausgleich der Grenzvermeidungskosten kommt. Die ökologischen Auswirkungen der Abwasserabgabe können über die zeitliche Entwicklung des Abwasseraufkommens beurteilt werden, sofern man möglichst gut für die Entwicklung anderer Faktoren kontrolliert.21 Trotz der Einbeziehung der neuen Bundesländer in die offizielle Statistik ist das Abwasseraufkommen mittlerweile deutlich niedriger als noch vor 40 Jahren. So hat sich die Gesamtaufkommen nahezu halbiert. Seit der Wiedervereinigung ist das Abwasseraufkommen von 45 Mrd. m3 pro Jahr auf ca. 30 Mrd. m3 zurückgegangen. Ein Großteil der Reduktion ist dabei auf die deutsche Industrie als Direkteinleiter zurückzuführen, während die Indirekteinleiter sich seither relativ konstant, aber auf niedrigerem Niveau (ca. 5 Mrd. m3) bewegen.22 Allerdings konnte aufgrund der engen Verflechtung der Abwasserabgabe mit ordnungspolitischen Regelungen lediglich ein systematischer Einfluss der Abwasserabgabe auf die Abwasserfracht, nicht aber auf die Quantität dieses Effekts gezeigt werden.23 Da die wasserrechtlichen Bestimmungen in der Bundesrepublik Deutschland streng sind, ist der Lenkungsspielraum der Abwasserabgabe von vornherein ausgesprochen be grenzt – je strenger die Auflagen, desto geringer wie erwähnt die Möglichkeit, die Schadstofffrachten an den Grenzkostenfunktionen zu orientieren. Angesichts der geringen Lenkungswirkung verwundert es nicht, dass Unternehmensvertreter die Abwasserabgabe in erster Linie als Instrument zur Finanzierung öffentlicher Haushalte interpretieren, die kaum einen Einfluss auf ihr Verhalten bzgl. der Schadstoffvermeidung ausübt. Nach den Erfahrungen des Verfassers prägt dies die Einstellung der Unternehmensvertreter zu mög lichen neuen Abgaben ganz entscheidend, weil stets die Befürchtung geäußert wird, dass die Öffentliche Hand nur ihren Finanzierungsbedarf 18 Für einen Überblick siehe beispielsweise Scholl (1998). 19 Laut Gawel et al. (2011), S. 79, fand die letzte bundesweite Abschätzung der Grenzvermeidungskosten im Abwasserbereich 1974 (also vor Erlass des Gesetzes) durch den Sachverständigenrat für Umweltfragen statt. Eine umfassende empirische Überprüfung der Lenkungswirkung ist seitdem nach unserer Kenntnis nicht erfolgt. 20 Vgl. zum Folgenden z.B. Ecotec (2001), S. 323 ff. und Gawel et al. (2011), S. 95. 21 Beispielsweise können sich im gleichen Zeitraum die Grenzvermeidungskostenfunktionen und die ordnungsrechtlichen Rahmenbedingungen geändert haben. 22 Siehe Gawel et al. (2011), S. 95. 23 Vgl. z.B. Andersen (1994), S. 142. Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 85 5.7 Das Beispiel der Abwasserabgabe in der Bundesrepublik Deutschland 85 auf elegante Weise decken wolle. Zumindest mit Hinblick auf die Abwasserabgabe kann diese Befürchtung jedoch zurückgewiesen werden, da die Abgabe nur kostendeckend erhoben werden darf (also keine Subventionen wasserfremder Ausgaben erfolgen dürfen) und zudem die Einnahmen in den letzten Jahren (aufgrund der sinkenden Abwassermenge bei, wie gleich diskutiert wird, konstanten Abgabensätzen) stark rückläufig waren. Dies ist allerdings eher die Ausnahme bei Steuern und Gebühren.24 Die Lenkungsfunktion der Abwasserabgabe wird zusätzlich dadurch geschmälert, dass vorgesehene Erhöhungen der Abgabensätze unter dem politischen Druck der Wirtschafts verbände immer wieder ausgesetzt wurden. So wurden die Abgabensätze mit Beginn des Jahres 1997 auf einem Niveau von 36 Euro eingefroren, was angesichts einer positiven Infla tionsrate selbstverständlich eine reale Verminderung der Sätze impliziert. Um eine vergleichbare Lenkungswirkung wie 1997 zu erreichen, müsste der tatsächliche Abgabensatz aktuell bei ca. 56 Euro liegen. Hinzu kommt, dass fast alle Unternehmen lediglich einen ermäßigten Abgabensatz25 entrichten, der im mer dann wirksam wird, wenn die Mindestanforderungen in Form von Auflagen über schritten werden – was die Regel ist. Es ist aber klar, dass eine Lenkungsfunktion von Abgaben angesichts der Einbettung in strenge Auflagen nur von hohen Abgabensätzen ausgehen kann – andernfalls wird einfach die ordnungsrechtliche Vorgabe von allen Unter nehmen eingehalten und für die Restemissionen der verminderte, eingefrorene und daher niedrige Abgabensatz entrichtet. Neben der Einbettung in Auflagen, der fehlenden Anpassung des Abgabensatzes an die Inflationsrate und der Verwendung eines ermäßigten Abgabensatzes bei der Einhaltung der ordnungsrechtlichen Vorgaben gibt es schließlich noch einen vierten Punkt, der die Lenkungswirkung der Abwasserabgabe vermindert. Dieser besteht darin, dass Auf wendungen (beispielsweise zum Bau von Kläranlagen), die zu einer Verminderung der Abwasserbelastung um mindestens 20 % gegenüber dem Genehmigungsbescheid führen, mit der Abgabenlast verrechnet werden können. Dies impliziert selbstverständlich eine weitere Verminderung der tatsächlichen Abgabenhöhe. Unter theoretischen Gesichtspunkten ist bei den Kompensationsmöglichkeiten aber noch ein anderer Punkt von Interesse: Auf den ersten Blick scheinen solche zusätzlichen Entlastungsmöglichkeiten ausgesprochen sinnvoll, weil sie den Anreiz zur Durchführung umweltfreundlicher Innovationen ceteris paribus erhöhen. Auf den zweiten Blick zeigt sich jedoch, dass dies zu allokativen Ineffizienzen führt und der Anreiz zum umweltfreundlichen Anlagenbau eher über einen höheren Abgabensatz als über Kompensationsmöglichkeiten erreicht werden sollte. Zunächst ist zu bedenken, dass Abgaben auch ohne komplizierte Sonderregelungen eine kosteneffiziente Internalisierung ermöglichen, so dass zusätzliche Anreize überflüssig sind. Entscheidend ist aber ein anderer Punkt:26 Ob ein Unterneh men sich für zusätzliche Vermeidungstechnologien entscheidet, hängt ja von der Höhe der Vermeidungskosten ab – je niedriger die Vermeidungskosten, desto eher lohnt sich bei ge gebener Abgabe die Durchführung 24 Das Abgabenaufkommen hat sich seit 1994 von ca. 550 Mio. Euro auf rund 275 Mio. Euro in 2008 halbiert. 25 Bis zum Jahr 1998 reduzierte sich die Abwasserabgabe für industrielle Direkteinleiter um 75 %, wenn der Einleiter die Mindestanforderungen gemäß der besten zur Verfügung stehenden Technologie erfüllte, seit 1999 gilt ein verminderter Satz von 50 %. 26 Vgl. ähnlich Hansmeyer/Gawel (1993), S. 328. Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 86 5 Steuern und Abgaben (Preislösungen)86 der Maßnahme.27 Da eine Verrechnung mit der Abgabe im Ergebnis nichts anderes als eine weitere Ermäßigung des Abgabensatzes darstellt, bezahlen Unternehmen mit unterschiedlichen Vermeidungskostenfunktionen demnach auch unterschiedliche Abgabensätze. Wenn wir von dem Problem der regionalen Verteilung der Emissionen und Immissionen absehen, verlangt eine kosteneffiziente Internalisierung aber gerade, dass alle Unternehmen mit dem gleichen Abgabensatz konfrontiert werden, weil es sonst auch nicht zum Ausgleich der Grenzkosten kommt.28 Die Zusatzregelung ist unter dem Gesichtspunkt der Allokationseffizienz also kontraproduktiv, weil sie das Kriterium der Kosteneffizienz verletzt. Wenn man schon mit unterschiedlichen Abgabensätzen operieren möchte, dann sollte sich die Differenzierung nicht an den Vermeidungskosten, sondern – ganz analog zum ausführlich geschilderten Vorschlag des EWI zur SO2-Verminderung – an der regional unterschiedlichen ökologischen Knappheit, d.h. den unterschiedlichen Aufnahmekapazitäten der Gewässer und der lokalen Einleitungsintensität orientieren. Eine letzte anzusprechende Schwachstelle der Abwasserabgabe kann schließlich darin gesehen werden, dass Indirekteinleiter nicht erfasst werden.29 Auf den ersten Blick scheint eine direkte Belastung der Indirekteinleiter mit der Abwasserabgabe überflüs sig zu sein, weil diese eine Entwässerungsgebühr an die Kommunen entrichten müssen, bei der die Schädlichkeit des Abwassers durchaus berücksichtigt werden kann. Eine solche Berücksichtigung ist deshalb naheliegend, weil die Kommunen bei Überschreitung einer bestimmten Schwelle selbst abgabenpflichtig sind und daher eine Rückwälzung auf die Indirekteinleiter im Interesse der Gemeinden liegen müsste. Inwieweit auch die In direkteinleiter der Abwasserabgabe unterliegen, hängt also von der Gebührenpolitik der Gemeinden ab. Die Praxis zeigt, dass eine Orientierung der kommunalen Entwässerungsgebühr an der Schädlichkeit des Abwassers nur sehr eingeschränkt stattfindet. Dies liegt daran, dass die von den Kommunen ihrerseits zu entrichtende Abwasserabgabe nur einen recht geringen Teil der gesamten Entsorgungskosten ausmacht, auf deren Deckung die Erhebung der Gebühr gerichtet ist. In der Praxis ziehen die Kommunen als Bemessungsgrundlage der Entwässerungsgebühr nicht selten den puren Wasserverbrauch (sog. Frischwassermaßstab) heran, was unter umweltbezogenen Lenkungsgesichtspunkten natürlich nicht überzeugen kann. Eine Indirekteinleiterabgabe kann also damit begründet werden, Ver zerrungen zwischen Direkt- und Indirekteinleitern zu vermindern und die Kosten für Indirekteinleiter stärker als bisher an der Schmutzfracht zu orientieren. Zu beachten wäre bei der Einführung einer Indirekteinleiterabgabe eine Verrechnung der Abgabe mit den kommunalen Entwässerungsgebühren, da die Indirekteinleiter ja nicht für den gleichen Sachverhalt zweimal herangezogen werden sollen. Eine Möglichkeit be steht dabei darin, dass die Indirekteinleiter die an die Kommunen bereits gezahlte Abgabe bei der Bemessung der Abwasserabgabenbelastung in Abzug bringen können („Abzugsverfahren“). Dies setzt allerdings voraus, dass der in der kommunalen 27 Präziser ausgedrückt muss man statt von der Höhe der „Vermeidungskosten“ stets von der Lage der „Vermeidungskostenfunktion“ sprechen. 28 Einen konkreten Vorschlag für eine Tarifreform entwickelten bereits Ewringmann/Scholl (1996). Weitere Reformvorschläge finden sich bspw. bei Gawel et al. (2011). 29 Vgl. zum Folgenden ausführlich Gawel/Ewringmann (1994). Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 87 5.8 Von Umweltabgaben zur ökologischen Umgestaltung des Steuersystems? 87 Entwässerungsgebühr enthaltene Anteil der rückgewälzten Abwasserabgabe explizit ausgewiesen wird, so dass die praktischen Probleme nicht zu unterschätzen sind. Angesichts der großen Bedeutung der Indirekteinleiter – diese machen nach Schätzungen zwischen 80 und 90 Prozent aller gewerblichen und industriellen Einleiter aus – und der unter ökologischen Gesichtspunk ten unbefriedigenden Praxis der Bestimmung der kommunalen scheint die Erweiterung der Abwasserabgabe auf Indirekteinleiter insgesamt aber dennoch wünschenswert.30 Als wesentliche Ergebnisse der Untersuchung können wir festhalten, dass die einzige bundesweit wichtige Umweltabgabe in der Bundesrepublik Deutschland durch folgende Faktoren in ihrer Anreizwirkung deutlich geschmälert wird: 1. Die Einbettung in enge ordnungsrechtliche Bestimmungen erschwert eine Orien tierung der Emissionen an den Grenzkostenfunktionen. 2. Der wirksame Abgabensatz ist zu niedrig, weil • auf Anpassungen an die Inflationsrate verzichtet wurde; • bei Übererfüllung der ordnungsrechtlichen Vorschriften ein reduzierter Satz wirksam wird; • und weitere Verrechnungsmöglichkeiten eine zusätzliche Verminderung der Zahlung bewirken, was gleichzeitig dazu führt, dass der Ausgleich der Grenz kosten aller beteiligten Unternehmen verhindert wird. 3. Der Ausschluss von Indirekteinleitern führt angesichts der ökologisch unbefriedigenden Gebührenpolitik der Kommunen dazu, dass die quantitativ bedeutsamen Indirekteinleiter nur unzureichend von der Abwasserabgabe erfasst werden. 5.8 Von Umweltabgaben zur ökologischen Umgestaltung des Steuersystems?31 5.8.1 Überblick Während die bisher diskutierte Form von Lenkungsabgaben „lediglich“ die Funktion einer Internalisierung externer Effekte hat, zielt der umfassendere Ansatz einer ökologischen Steuerreform auf eine weitgehende Umgestaltung des Steuersystems unter Umweltgesichtspunkten.32 In diesem Abschnitt stellen wir die wesentlichen Unterschiede zwischen Abgaben und Steuern dar, wozu wir zunächst (Abschnitt 5.8.2) mit einigen unter finanz wissenschaftlichen und rechtlichen Gesichtspunkten wichtigen Begriffs- 30 Hierbei sind allerdings die Transaktionskosten zu berücksichtigen. Grawe et al. (2011), S. 203 ff., schlagen vor, zumindest bestimmte gewerbliche Indirekteinleiter einzubeziehen. Die Belastung könnte dann analog zu den Direkteinleitern erfolgen, wobei eine Beschränkung auf bestimmte Problemstoffe den Verwaltungsaufwand reduzieren könnte. 31 Vgl. zum gesamten folgenden Abschnitt auch schon die umfassenden Ausführungen BMU (1996b), Kapitel 4. 32 Vgl. aus der Fülle der „frühen“ Literatur, die die tatsächliche politische Umsetzung in Deutschland beeinflusst hat, z.B. Benkert/Bunde/Hansjürgens (1990); Nutzinger/Zahrnt (1989); Zimmermann (1993); Sprenger et al. (1994); Ewringmann (1994); Bach/Kohlhaas/Meinhardt (1995) sowie Huckestein (1996).

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References

Zusammenfassung

Umweltökonomie – neue Aspekte

Die rasanten Entwicklungen in der Umweltpolitik in den vergangenen Jahren führten zu umfangreichen Anpassungen in diesem beliebten Lehrbuch, die insbesondere die anwendungsorientierten Abschnitte betreffen. Hier wurden vor allem die Kapitel über die Umweltinstrumente (Auflagen, Steuern, Zertifikate), die Kosten-Nutzen-Analyse sowie die internationalen Umweltaspekte (bspw. Klimakonferenzen) grundlegend aktualisiert. Darüber hinaus enthält das Kapitel zur Ressourcenökonomie nun ebenfalls eine anwendungsbezogene Diskussion.

Umweltökonomie – die Schwerpunkte

- Spieltheoretische Grundlagen

- Theorie externer Effekte

- Auflagen

- Steuern und Abgaben

- Zertifikate

- Verhandlungslösungen

- Umwelthaftung

- Umwelttechnischer Fortschritt

- Internationale Aspekte des Umweltproblems

- Umweltpolitik bei asymmetrischer Informationsverteilung

- Kosten-Nutzen-Analyse

- Ressourcenökonomie

Zielgruppe

Studierende der Volks- und Betriebswirtschaftslehre an Universitäten und Hochschulen sowie interessierte Praktiker in Wirtschaft, Politik und Verwaltung

Prof. Dr. Eberhard Feess ist seit 2008 Professor für Managerial Economics an der Frankfurt School of Finance and Management. Zuvor hatte er Lehrstühle an der EBS, der Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt und der RWTH Aachen.

Prof. Dr. Andreas Seeliger lehrt seit 2011 Volks- und Energiewirtschaftslehre an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Mosbach. Zuvor war er bei Frontier Economics, der Trianel European Energy Trading sowie dem Energiewirtschaftlichen Institut an der Universität zu Köln beschäftigt.