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5.5 Ökologische Treffsicherheit in:

Eberhard Feess, Andreas Seeliger

Umweltökonomie und Umweltpolitik, page 88 - 89

4. Edition 2013, ISBN print: 978-3-8006-4668-5, ISBN online: 978-3-8006-4365-3, https://doi.org/10.15358/9783800643653_88

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Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 76 5 Steuern und Abgaben (Preislösungen)76 Kosten von Reparaturen (z.B. der Akropolis in Athen), die im Vergleich zu niedrigeren Emissionen höheren Kosten des Fischfangs, die Krankenhauskosten von Allergikern, die geringere Freude von Spaziergängern und anderes mehr enthalten sind. Dieses Problem der exakten Schätzung der Schadensfunktionen bzw. der Nutzen von Umweltschutzmaßnahmen4 stellt sich aber für alle umweltpolitischen Instrumente, so dass es für die Beurtei lung von Instrumenten nach dem Pareto-Kriterium nebensächlich ist. Der entscheidende Punkt ist ein anderer: während bei der Auflagenlösung die Kenntnis der individuellen Kostenfunktionen der Schadstoffvermeidung schon für Kosteneffizienz – und damit auch für Pareto-Effizienz – erforderlich ist, genügt bei der Preislösung die Kenntnis der aggre gierten Grenzkostenfunktion. Dies ist durchaus ein wichtiger Vorteil, weil sich die aggre gierte Grenzkostenfunktion aus einer repräsentativen Stichprobe schätzen lässt, so dass die Informationskosten weit geringer als bei der Erhebung jeder einzelnen Kostenfunktion sind. Wir können daher festhalten, dass die Informationskosten zur Annäherung an das Pareto-Optimum bei der Preislösung geringer als bei der Auflagenlösung sind, weil nicht jede einzelne, sondern nur die aggregierte Grenzkostenfunktion der Schadstoffvermeidung bekannt sein muss. Dies ergänzt die Argumente für die Vorteilhaftigkeit von Preis- gegen über Auflagenlösungen, die unter dem Kriterium der Kosteneffizienz angeführt wurden. 5.5 Ökologische Treffsicherheit Wenn die Ordnungsstrafen bei der Missachtung von Auflagen hoch genug sind und wir vom Vollzugsdefizit einmal absehen, so besteht ein Vorteil der Auflagenlösung in der großen ökologischen Treffsicherheit, da die Umweltbehörde die Emissionen grundsätzlich an jeder Quelle genau bestimmen kann. Dies ist bei Preislösungen nicht der Fall, da sich die Unternehmen am Ausgleich von Abgabe und Grenzkosten orientieren und eine Fehleinschätzung der aggregierten Grenzkostenfunktion daher auch zu einer Abweichung der wirklichen von der erwarteten Umweltqualität führen wird. Die zur Einhaltung der gewünschten Umweltqualität erforderlichen Informationen sind bei der Preislösung also größer als bei ordnungsrechtlichen Strategien. Dieses Problem verschärft sich, wenn es nicht nur auf die Emissionen, sondern auch auf die Immissionen, also auf die lokale Verteilung der Schadstoffe ankommt. Durch Fehleinschätzungen der Grenzkostenfunktionen kann es dann nicht nur zu einer falschen Prognose über die gesamten Emissionen, sondern auch über die lokale Verteilung der Emissionen und Immissionen kommen. Eine erste Möglichkeit zur Erhöhung der ökologischen Treffsicherheit von Preislösungen ist, diese im Sinne eines Instrumenten-Mix in das ordnungsrechtliche Instrumentarium einzubetten, so dass jedes Unternehmen nur bis zu einem festgelegten Maximum emittieren darf. Damit wird aber der Ausgleich der Grenzkosten über alle Unterneh men hinweg verhindert, so dass Abstriche bei der Kosteneffizienz gemacht werden müs sen. Dieser in der Praxis dominierende Weg sollte also nur beschritten werden, wenn die Unsicherheit besonders groß ist oder bestimmte (lokale) Umweltqualitäten keines falls 4 Vgl. hierzu ausführlich Kapitel 12 sowie die dort angegebene Literatur. Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 77 5.6 Ein Beispiel für die Kostensenkungspotentiale 77 unterschritten werden dürfen.5 Ein überlegener Weg besteht aber selbst dann darin, nicht Emissionswerte, sondern maximale regionale Immissionsgrenzen vorzugeben, de ren Überschreitung der Umweltbehörde zusätzliche Handlungsspielräume gibt (dies ist im Bundesimmissionsschutzgesetz auch durchaus verankert). Die Orientierung an Immissionen ist schon deshalb vernünftig, weil die Immissionen die Lebensbedingungen von Mensch, Tier und Pflanze bestimmen und es daher unter Umweltgesichtspunkten ganz gleichgültig ist, wie die Immissionen (spiegelbildlich: das Umweltqualitätsniveau) erreicht werden. Bei einigen Schadstoffen (das Standardbeispiel ist erneut CO2) ist es indes nicht übermäßig schlimm, wenn zu bestimmten Zeiten und an bestimmten Orten die Preislösung zu einer unerwartet hohen Schadstoffbelastung führt. So ist es für den Treibhauseffekt weitgehend egal, ob heute 10 und morgen 20 Einheiten oder jeweils 15 Einheiten CO2 emittiert werden. Es scheint dann ohne weiteres möglich, zunächst einen Abgabensatz vorzugeben, für den man die erwünschte Schadstoffreduktion für plausibel hält und diesen anschließend in einem trial-and-error-Verfahren zu korrigieren, sofern der wirkliche Umwelteffekt zu weit von dem von der Umweltbehörde gewünschten abweicht. Man sollte den Abgabensatz allerdings nicht ständig und willkürlich verändern, weil die Unterneh men bezüglich der Höhe der Abgabe auf eine gewisse Planungssicherheit nicht verzichten können. Schließlich handelt es sich bei der Abgabe um einen Preis für einen Produkti onsfaktor, und ständige, unvorhersehbare Schwankungen eines Faktorpreises führen zu falschen Investitionen.6 Denken Sie einfach an ein Unternehmen, dass sich zum Zeitpunkt t0 angesichts einer hohen Abgabe für eine teure, schadstoffsparende Investition entschei det. Zum Zeitpunkt t1 bemerkt die Umweltbehörde, dass die Schadstoffreduktion viel größer war als erwartet und reduziert daher den Abgabensatz drastisch. Während die nicht-innovativen Unternehmen nun nur noch die geringe Abgabe bezahlen müssen, ist die Wettbewerbsfähigkeit unseres Beispielunternehmens gesunken, weil sich die Innova tion angesichts der geringen Abgabe nicht amortisiert. Es ist daher wichtig, dass die Abgabenpolitik der Umweltbehörde durchschaubar ist, so dass man das Problem der ökologischen Treffsicherheit nicht durch beliebige Variationen der Abgabenhöhe in den Griff bekommen kann. 5.6 Ein Beispiel für die Kostensenkungspotentiale durch Preislösungen: SO2 Verminderung in Westeuropa In Abschnitt 5.3 wurde als zentrales Ergebnis abgeleitet, dass Abgaben (dies gilt auch für Zertifikate und somit für marktorientierte Instrumente allgemein) gegenüber Auflagenlösungen unter dem Gesichtspunkt der Kosteneffizienz immer dann überlegen sind, wenn die beteiligten Emittenten unterschiedliche Grenzkostenfunktionen der Schadstoffvermei dung haben. Vor diesem Hintergrund verdienen empirische Studien, die die Kostensenkungspotentiale durch den Einsatz marktorientierter Instrumente auf 5 Die Einbettung in das Ordnungsrecht führt beispielsweise bei der Abwasserabgabe zu erheblichen Effizienzeinbußen; vgl. hierzu z.B. Hansmeyer/Gawel (1993); Gawel/Ewring mann (1994); Gawel et al. (2011) und für eine zusammenfassende Beurteilung unten, Abschnitt 5.7. 6 Diese Argumentation gilt natürlich auch für Zertifikate.

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References

Zusammenfassung

Umweltökonomie – neue Aspekte

Die rasanten Entwicklungen in der Umweltpolitik in den vergangenen Jahren führten zu umfangreichen Anpassungen in diesem beliebten Lehrbuch, die insbesondere die anwendungsorientierten Abschnitte betreffen. Hier wurden vor allem die Kapitel über die Umweltinstrumente (Auflagen, Steuern, Zertifikate), die Kosten-Nutzen-Analyse sowie die internationalen Umweltaspekte (bspw. Klimakonferenzen) grundlegend aktualisiert. Darüber hinaus enthält das Kapitel zur Ressourcenökonomie nun ebenfalls eine anwendungsbezogene Diskussion.

Umweltökonomie – die Schwerpunkte

- Spieltheoretische Grundlagen

- Theorie externer Effekte

- Auflagen

- Steuern und Abgaben

- Zertifikate

- Verhandlungslösungen

- Umwelthaftung

- Umwelttechnischer Fortschritt

- Internationale Aspekte des Umweltproblems

- Umweltpolitik bei asymmetrischer Informationsverteilung

- Kosten-Nutzen-Analyse

- Ressourcenökonomie

Zielgruppe

Studierende der Volks- und Betriebswirtschaftslehre an Universitäten und Hochschulen sowie interessierte Praktiker in Wirtschaft, Politik und Verwaltung

Prof. Dr. Eberhard Feess ist seit 2008 Professor für Managerial Economics an der Frankfurt School of Finance and Management. Zuvor hatte er Lehrstühle an der EBS, der Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt und der RWTH Aachen.

Prof. Dr. Andreas Seeliger lehrt seit 2011 Volks- und Energiewirtschaftslehre an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Mosbach. Zuvor war er bei Frontier Economics, der Trianel European Energy Trading sowie dem Energiewirtschaftlichen Institut an der Universität zu Köln beschäftigt.