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4.5 Kosteneffizienz in:

Eberhard Feess, Andreas Seeliger

Umweltökonomie und Umweltpolitik, page 74 - 77

4. Edition 2013, ISBN print: 978-3-8006-4668-5, ISBN online: 978-3-8006-4365-3, https://doi.org/10.15358/9783800643653_74

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Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 62 4 Auflagen62 Stoffen, aber auch bei riskanten Tätigkeiten wie – außerhalb des Umweltbereichs – beispielsweise beim Autofahren, wo die Vorgabe von Geschwindigkeitsbeschränkungen daher sicherlich ein probates Mittel ist.5 Da die Umweltbehörde bei hinreichend hohen Strafen die Einhaltung von iE + herbeiführen kann, schneidet die Auflagenlösung unter dem Gesichtspunkt der ökologischen Treffsicherheit hervorragend ab. Der entscheidende Vorteil der Auflagen lösung bezüglich der ökologischen Treffsicherheit ist, dass die Umweltbehörde keinerlei Information benötigt, um die gewünschte Umweltqualität zu erreichen. Dies gilt für jede „diktatorische Vorgabe“ – wenn man einen Standard setzt, dessen Missachtung zu harten Strafen führt, so sind die Chancen gut, dass dieser eingehalten wird – allerdings unab hängig davon, ob es der richtige (pareto-effiziente) Standard ist oder nicht. 4.5 Kosteneffizienz Die letzten Überlegungen zeigen, dass Auflagen als Instrumente der Umweltpolitik überall dort unumstritten sind, wo die exakte Einhaltung einzelner Standards besonders wichtig ist. Gleichzeitig führt der hohe Anreiz zur Einhaltung von iE + aber zu Schwierigkeiten, wenn der vorgegebene Standard iE + vom pareto-effi zien ten Standard f iE abweicht. Las sen Sie uns nochmals deutlich machen, was wir mit der Einhaltung einzelner Standards meinen. Charakteristisch für das Risiko beim Autofahren ist, dass die einzelnen Geschwin digkeiten nur sehr bedingt gegeneinander substituierbar sind. Beispielsweise ist es nicht das gleiche, ob von vier Autofahrern im Ort alle 50 km/h, oder einer 140 km/h und drei 20 km/h fahren, weil es nicht (nur) um die Summe der Geschwindigkeiten, sondern auch um die Verteilung auf die einzelnen Fahrer geht. Es ist dann naheliegend, verbindliche Vorgaben zu treffen, die von jedem beachtet werden müssen und die damit verbunde nen Ineffizienzen (vielleicht liegt das Optimum des einen Fahrers wegen seiner größeren Reaktionsfähigkeit bei 70 km/h und das des anderen bei 35 km/h) in Kauf zu nehmen. Die Situation sieht allerdings ganz anders aus, wenn es in viel stärkerem Maße als beim Autofahren primär auf die Summe der riskanten Tätigkeiten, und nur sekundär auf ihre Verteilung ankommt. Unter diesen Umständen ist das Kriterium der Kosteneffizi enz von herausragender Bedeutung: Unter Kosteneffizienz versteht man wie erwähnt die Minimierung der volkswirtschaftlichen Gesamtkosten zur Einhaltung einer bestimmten, exogen vorgegebenen Umweltqualität. Das Kriterium der Kosteneffizienz kann daher auch dann angewendet werden, wenn die pareto-effiziente Umweltqualität unbekannt ist. Zur Analyse der Kosteneffizienz von Auflagen betrachten wir vereinfachend einen Schadstoff, bei dem es keinerlei Rolle spielt, wo er ausgestoßen wird. Dies gilt vor allem für CO2, da das Problem bei CO2 ausschließlich im Treibhauseffekt besteht und für diesen die räumliche Verteilung des Schadstoffs ganz gleichgültig ist. Dies bedeutet, 5 Ob der Gebrauch von Glühlampen einen solch gefährlichen Tatbestand darstellt, sei einmal dahingestellt. Die Autoren verwundert es jedoch schon, dass offenbar auch aktuell die Politik bevorzugt Auflagen bzw. Verbote implementiert, während marktnähere Lösungen (siehe Kapitel 5) trotz aller Vorteile nur selten in Erwägung gezogen werden. Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 63 4.5 Kosteneffizienz 63 dass wir uns hinsichtlich der Umweltqualität vollständig auf die Summe der Emissionen bzw. Immissionen konzentrieren können, während die Verteilung der Immissionen belanglos ist.6 Wir nehmen an, dass i = 1 bis n Unternehmen den Schadstoff emittieren und be zeichnen die Emissionen des Unternehmens i mit Ei. Ferner unterstellen wir, dass die Umweltbehörde die Gesamtemissionen auf E = iΣ Ei beschränken möchte. Wie gewohnt gehen wir davon aus, dass jedes Unternehmen beim Fehlen umweltpolitischer Eingriffe jeder Art maxiE emittiert. Wie mehrfach erläutert, können wir bei den Zielfunktionen der beteiligten Unternehmen entweder vom Nutzen der Emissionen oder von den Kosten der Emissionsreduktion ausgehen, weil der Nutzen eines Unternehmens aus der Schad stoff emission einfach darin besteht, dass es die Kosten der Schadstoffreduktion einspart. Da wir hier direkt über Kosten reden wollen, nennen wir die Kosten des Unternehmens i zur Vermeidung von Schadstoffen Ki(Vi), wobei Vi die von Unternehmen i reduzierten Emissionen ausdrückt. Dabei nehmen wir an, dass in Ki(Vi) alle Kosten enthalten sind, also auch die, die möglicherweise durch eine Verminderung der Produktion entstehen. Welche volkswirtschaftlichen Kosten entstehen nun durch die Emissionsbeschränkung auf E = iΣ Ei? Die über alle Unternehmen aggregierten Vermeidungskosten sind 1 1 2 2 1 ( ) ( ) ( ) ( ) ( ) n n n i i i K V K V K V K V K V = = + + ⋅⋅⋅ + = ,∑ (4.3) wobei wir die gesamte Emissionsverminderung (im Unterschied zu den gesamten Emissionen E) als V bezeichnet haben. Wenn sich die Umweltbehörde – aus welchen Gründen auch immer – für eine zulässige Gesamtemission E entschieden hat und es auf die Verteilung der Emissionen nicht ankommt, so rückt das Kriterium der Kosteneffizienz – also die Minimierung von (4.3) – ganz in den Mittelpunkt. Wenn wir die dabei gültigen Bedingungen wie gewohnt über die Lagrangemethode herleiten wollen, so müssen wir als Nebenbedingung die insgesamt geforderte Emissionsverminderung beachten:7 1 2 1 n n i i V V V V V = = + + ⋅⋅⋅ + =∑ (4.4) Als Lagrangefunktion zur kostenminimalen Verminderung von V folgt 1 1 2 2 1 2( ) ( ) ( ) ( )n n nL K V K V K V V V V V= + + + −λ + + ⋅⋅⋅+ − . (4.5) Wir erhalten als Bedingungen erster Ordnung 1 1 K V ∂ = λ ∂ (4.6) 6 Dies gilt für andere Schadstoffe selbstverständlich nicht, weil es keineswegs gleichgültig ist, ob in Frankfurt und Hamburg die Ozonbelastung jeweils 200 Einheiten, oder aber in Frankfurt 100 und in Hamburg 300 Einheiten beträgt. 7 Bedenken Sie bitte, dass jeder zulässigen Gesamtemission E eine zulässige Gesamtvermeidung V entspricht. Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 64 4 Auflagen64 2 2 K V ∂ = λ ∂ (4.7) … n n K V ∂ = λ. ∂ (4.8) l ist der Schattenpreis der Emissionen, der angibt, wie stark sich die Vermeidungskosten ändern, sofern die durch V ausgedrückte Emissionsbeschränkung infinitesimal verändert wird. Da alle Grenzkosten der Vermeidung (also alle K / V )i i∂ ∂ mit dem Schattenpreis l identisch sind, sind sie auch untereinander gleich und wir können die Bedingung für ein Pareto-Optimum als 1 2 1 2 n n KK K V V V ∂∂ ∂ = = = = λ ∂ ∂ ∂ (4.9) schreiben. Gleichung (4.9) drückt den ausgesprochen wichtigen Sachverhalt aus, dass die kostenminimale Schadstoffvermeidung dann erreicht ist, wenn die Grenzkosten der Vermeidung für alle beteiligten Unternehmen gleich sind. Dieses elementare Ergebnis ist für den Vergleich umweltpolitischer Instrumente von großer Bedeutung und intui tiv einsichtig. Nehmen wir an, Gleichung (4.9) sei nicht erfüllt, weil beispielsweise die Grenzkosten eines beliebigen Unternehmens mit dem Index „5“ bei der gewählten Emis sionsreduktion bei 10 Geldeinheiten und die eines anderen Unternehmens mit dem Index „7“ nur bei 8 Geldeinheiten liegen. Dann könnte das gleiche Umweltziel offensichtlich erreicht werden, in dem das Unternehmen „7“ mehr reduziert (also weniger emittiert) und das Unternehmen „5“ weniger Schadstoffe reduziert (bzw. mehr Schadstoffe emittiert). Wenn die Grenzkostenfunktion steigt, erhöhen sich dadurch die Grenzkosten von Unternehmen 7 langsamer als die von Unternehmen 5 zurückgehen. Dabei handelt es sich letztlich um ein ganz gewöhnliches Resultat der Mikroökonomie und Produktionstheorie: Wenn beispielsweise ein Unterneh men das gleiche Produkt auf verschiedenen Anlagen produzieren kann und sich für eine bestimmte Produktionsmenge entschieden hat, dann muss es die Gesamtmenge so auf die beiden Anlagen verteilen, dass die Grenzkosten identisch sind. Die Allgemeinheit dieses Ergebnisses wird noch deutlicher, wenn wir es wieder umgekehrt über die Nutzenfunktionen der Schadstoffemissionen statt über die Kosten der Reduktion formulieren. Ganz analog ergibt sich als Resultat der Lag range-Optimierung dann 1 2 1 2 n n UU U E E E ∂∂ ∂ = = = , ∂ ∂ ∂ (4.10) was nichts anderes heißt, als dass der Produktionsfaktor „Emission“ so eingesetzt wer den soll, dass er in allen Verwendungsarten den gleichen Grenznutzen stiftet. Das Ergebnis gleicher Grenznutzen in allen Verwendungsarten aber ist Ihnen für die Produktionsfak toren Arbeit und Kapital, oder auch für den Nutzen von Gütern in der Haushaltstheorie, wohlbekannt. Was bedeutet dieses elementare Resultat, auf das wir an zahlreichen Stellen zurückkommen werden, nun für die Auflagenpolitik und deren – meist nicht vorhandene – Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 65 4.6 Das Beispiel der deutschen Luftreinhaltepolitik 65 Kosteneffizienz? Die formalen Ableitungen haben zu dem intuitiv einsichtigen Ergebnis geführt, dass die Antwort auf die Frage, welches Unternehmen bei gegebenen Gesamtemissionen E bzw. gegebener Gesamtvermeidung V wie viel Schadstoffe vermeiden soll, von den individuellen Grenzkostenfunktionen der Schadstoffvermeidung abhängt – fiE bzw. Vi f ist eine Funktion von Ki. Je „weiter oben“ die Grenzkostenfunktion verläuft, desto weniger Schadstoffe sollte das Unternehmen vermeiden – so lange, bis die wirkli chen Grenzkosten aller Unternehmen identisch sind. Da die Unternehmen im Falle der Auflage aber wie gezeigt einen sehr starken Anreiz zur Einhaltung der vorgegebenen Standards iE + haben, kommt es nur dann zur kosteneffizienten Schadstoffvermeidung, wenn die Umweltbehörde die Emissionswerte für alle Unternehmen entsprechend vorge ben kann. Dies bedeutet, dass die Umweltbehörde bei der Auflagenlösung zur Erreichung einer kosteneffizienten ebenso wie zur pareto-effizienten Internalisierung externer Effekte alle individuellen Grenzkostenfunktionen der Schadstoffvermeidung kennen muss. 4.6 Das Beispiel der deutschen Luftreinhaltepolitik Im Folgenden möchten wir die praktische Auflagenpolitik kurz am Beispiel der deutschen Luftreinhaltepolitik skizzieren,8 die – beispielsweise im Unterschied zu den USA9 – erst in sehr geringem Ausmaß mit marktorientierten Instrumenten der Umweltpolitik operiert. Die Grundlage der deutschen Luftreinhaltepolitik ist das sog. Bundesimmissionsschutzge setz (BImschG), das 1974 eingeführt und seither in zahllosen Novellen verfeinert wurde. Das BImschG besteht aus sechs großen Teilen, von denen in unserem Zusammenhang der Kosteneffizienz die Teile 2 und 3 sowie deren Konkretisierungen in Rechtsverordnun gen und Verwaltungsvorschriften entscheidend sind.10 Für diese liefert das BImschG die rechtliche Grundlage. Teil 2 des BImschG umfasst die §§ 4–31 und enthält die Vorschriften für die Errich tung und den Betrieb der Anlagen, die vom BImschG erfasst sind. Teil 3 (§§ 32–37) richtet sich auf die Beschaffenheit von Anlagen, Stoffen, Erzeugnissen und ähnlichem. Nach § 4 BImschG müssen alle Anlagen genehmigt werden, die zur Umweltbeeinträchtigung ge eignet sind. Bei der Genehmigung sind drei Kernpunkte zu beachten, die teilweise über Rechtsverordnungen wie die Großfeuerungsanlagenverordnung (13. BImschV) und teilweise über Verwaltungsvorschriften wie die Technische Anleitung Luft (kurz TA Luft) geregelt sind. Dabei sind drei Kernbereiche zu beachten: 1. Die festgelegten Immissionsgrenzwerte für die einzelnen Gebiete dürfen nicht überschritten werden. Droht bei der Genehmigung einer Anlage die Überschreitung der zugelassenen Belastung, so kann die Behörde die Genehmigung verweigern. Zur Vermeidung der Überschreitung von Immissionen kann der Antragsteller aller dings 8 Für ausführliche Darstellungen vgl. z.B. Hoppe/Beckmann/Kauch (2000); Wicke (1993), S. 178 ff.; Kemper (1993). 9 Vgl. hierzu ausführlich Abschnitt 6.6. 10 Ein Beispiel für eine solche Verordnung ist die 35. BImschV („Feinstaubverordnung“). Aufbauend auf dieser Verordnung wurden ab Januar 2008 in zahlreichen deutschen Städten sog. „Umweltzonen“ eingerichtet, in denen für bestimmte Fahrzeugtypen Fahrverbote erlassen wurden. Einen Überblick geben Malina/Fischer (2012).

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Zusammenfassung

Umweltökonomie – neue Aspekte

Die rasanten Entwicklungen in der Umweltpolitik in den vergangenen Jahren führten zu umfangreichen Anpassungen in diesem beliebten Lehrbuch, die insbesondere die anwendungsorientierten Abschnitte betreffen. Hier wurden vor allem die Kapitel über die Umweltinstrumente (Auflagen, Steuern, Zertifikate), die Kosten-Nutzen-Analyse sowie die internationalen Umweltaspekte (bspw. Klimakonferenzen) grundlegend aktualisiert. Darüber hinaus enthält das Kapitel zur Ressourcenökonomie nun ebenfalls eine anwendungsbezogene Diskussion.

Umweltökonomie – die Schwerpunkte

- Spieltheoretische Grundlagen

- Theorie externer Effekte

- Auflagen

- Steuern und Abgaben

- Zertifikate

- Verhandlungslösungen

- Umwelthaftung

- Umwelttechnischer Fortschritt

- Internationale Aspekte des Umweltproblems

- Umweltpolitik bei asymmetrischer Informationsverteilung

- Kosten-Nutzen-Analyse

- Ressourcenökonomie

Zielgruppe

Studierende der Volks- und Betriebswirtschaftslehre an Universitäten und Hochschulen sowie interessierte Praktiker in Wirtschaft, Politik und Verwaltung

Prof. Dr. Eberhard Feess ist seit 2008 Professor für Managerial Economics an der Frankfurt School of Finance and Management. Zuvor hatte er Lehrstühle an der EBS, der Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt und der RWTH Aachen.

Prof. Dr. Andreas Seeliger lehrt seit 2011 Volks- und Energiewirtschaftslehre an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Mosbach. Zuvor war er bei Frontier Economics, der Trianel European Energy Trading sowie dem Energiewirtschaftlichen Institut an der Universität zu Köln beschäftigt.