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12.3.5 Direkte Methoden der Präferenzermittlung in:

Eberhard Feess, Andreas Seeliger

Umweltökonomie und Umweltpolitik, page 328 - 331

4. Edition 2013, ISBN print: 978-3-8006-4668-5, ISBN online: 978-3-8006-4365-3, https://doi.org/10.15358/9783800643653_328

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Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 319 12.3 Nutzen des Umweltschutzes 319 Untertreibung verschlechtern, während Übertreiben in Fall 3 nichts schaden, aber auch nichts nützen kann. Überprüfen Sie nun bitte selbst, dass wir alle denkbaren Konstellationen untersucht und dabei festgestellt haben, dass Lügen nie nützen, aber sowohl Unter- als auch Übertreiben in bestimmten Situationen den Gesamtnutzen von i vermindern kann. Da i aber nicht weiß, was die anderen antworten, weiß er auch nicht, ob er sich in Fall 1, 2 oder 3 befindet. Da dies für alle Beteiligten gilt, ist es auch für alle eine dominante Strategie, die Wahrheit zu sagen. Überlegen wir noch einmal genau, worin der entscheidende „Trick“ beim Groves- Mechanismus besteht: Sobald die Höhe der Zahlung eines Befragten i auch von seiner eigenen Antwort abhängt, hat er einen Grund, seine Zahlungsbereitschaft in der Hoffnung zu untertreiben, dass seine Zahlung sinkt und die Maßnahme dennoch durchgeführt wird. Also muss die Höhe der Zahlung unabhängig von der Antwort sein, sofern die Maß nahme durchgeführt wird. Genau dies leistet der Groves-Mechanismus, weil die Zahlung ( )i jj iz K u≠ ′= −∑ unabhängig von iu′ ist. Es besteht daher kein Anlass zu „strategischem Verhalten“. Das Freifahrerproblem ist überwunden. Die geäußerte Zahlungsbereitschaft iu′ kann demnach lediglich über die Durchführung der Maßnahme und darüber entschei den, ob ein Befragter i überhaupt zur Finanzierung herangezogen wird, aber nicht über die Höhe der Zahlung. Dies ist der Kern des Groves-Mechanismus. 12.3.5 Direkte Methoden der Präferenzermittlung In der Praxis besteht die Methode der sog. direkten Präferenzermittlung wesentlich einfa cher darin, Zahlungsbereitschaften für Umweltgüter abzufragen, ohne damit irgendeinen Zahlungsmechanismus zu verbinden. Die Befragten haben also nur dann einen Grund, ihre Zahlungsbereitschaften wahrheitsgemäß zu äußern, wenn sie davon ausgehen, dass ihre Antworten keinen wirklichen Einfluss auf die Durchführung der Maßnahmen haben, oder aber sie die Grundidee strategischen Verhaltens weniger verinnerlicht haben als wir zweifellos etwas „abgedrehten“ Ökonomen. Methodisch lassen sich bei Zahlungsbereitschaftsbefragungen vier Ansätze unterscheiden, die auch jeweils zu unterschiedlichen Ergebnissen führen. Gefragt werden kann nach39 • der Zahlungsbereitschaft für eine Verbesserung der Umweltqualität („willingness to pay to secure a benefit“) (A), • der Zahlungsbereitschaft zur Vermeidung einer Verschlechterung der Umweltquali tät („willingness to pay to prevent a loss“) (B), • der Forderung dafür, auf eine potentielle Verbesserung der Umweltqualität zu verzichten („willingness to account to forego a benefit“) (C), • und schließlich der Forderung dafür, eine Verschlechterung der Umweltqualität hinzunehmen („willingness to account to tolerate a loss“) (D). Die vier Verfahren lassen sich durch die beiden Ausprägungen von zwei Variablen systematisieren: 39 Die Terminologie ist aus Pearce/Markandya (1989), S. 14 übernommen. Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 320 12 Kosten-Nutzen-Analyse320 Beibehaltung der Ausgangswohlfahrt Umweltveränderung schon eingetreten willingness to pay A B willingness to sell D C Tabelle 12.3: Unterschiedliche Verfahren zur Ermittlung der Zahlungsbereitschaften (ta bellarische Darstellung) Die erste Variable ist, ob das Wohlfahrtsniveau des Ausgangszustandes beibehalten werden soll oder nicht. Dies gilt in den Fällen A (weil für eine Verbesserung der wohlfahrtsrelevanten Umweltqualität bezahlt werden muss) und D (weil man für eine Verschlechterung kompensiert werden würde). Dem entgegen wird in den Fällen B und C nicht von der wirklichen Umweltqualität ausgegangen: In Fall B wird hypothetisch unter stellt, dass die Verschlechterung der Umweltqualität schon eingetreten sei, so dass man zur Erreichung der wirklichen Umweltqualität bezahlen müsste. Das derzeit bestehende Wohlfahrtsniveau kann daher gar nicht erreicht werden. Im Fall C verhält es sich genau umgekehrt. Die zweite Variable drückt aus, ob nach der willingness to pay (Bezahlung zum ,,Kauf“ einer verbesserten Umweltqualität/Fälle A und B) oder der willingness to account (Kom pensationsforderung beim ,,Verkauf“ von Umweltqualität/Fälle C und D) gefragt wird. Die Tabelle 12.3 und die Abbildung 12.1 systematisieren die vier Fälle, die sich aus den 2 × 2-Möglichkeiten ergeben. In Abbildung 12.1 wird die Beibehaltung der Ausgangswohlfahrt in den Fällen A und D dadurch ausgedrückt, dass von der ursprünglichen Indifferenzkurve I0 ausgegangen wird, wobei jede Indifferenzkurve die gleiche Wohlfahrt für unterschiedliche Kombinationen aus Einkommen bzw. Sozialprodukt und Umweltqualität ausdrückt. Anhand von Abbildung 12.1 sehen wir nun leicht, dass die unterschiedlichen Befragungsmethoden im Allgemeinen auch zu unterschiedlichen Resultaten führen müssen: So ist beispielsweise D stets größer als A, weil – bei gleichem Nutzenniveau I0 – die Zahlungsbereitschaft für eine ,,Einheit Umwelt“ bei abnehmender Umweltqualität wegen der sinkenden Grenzrate der Substitution zunimmt. Allgemein sind bei der Beurteilung also sowohl die sinkenden Grenzraten der Substitution als auch die positiven Einkommenselastizitäten zu berück sichtigen, die dadurch zum Ausdruck kommen, dass auf einem höheren Wohlfahrtsniveau auch die Zahlungsbereitschaft zunimmt.40 Die vorliegenden empirischen Ergebnisse zeigen, dass weniger die Einkommenselastizität der Nachfrage als der Wunsch zur Bewahrung des Status Quo ausschlaggebend zu sein scheint. Dies äußert sich darin, dass große Differenzen vor allem zwischen (A) und (B) einerseits und (C) und (D) andererseits bestehen. Eine Verschlechterung der Umweltqualität wird offenbar wesentlich höher bewertet als der Verzicht auf eine potentielle 40 Die höhere Nachfrage nach Umweltgütern in der Bundesrepublik Deutschland im Vergleich zu är meren Ländern kann wohl nur zum kleinen Teil auf unterschiedliche Präferenzordnungen zurückgeführt werden, und ergibt sich vermutlich stark aus einer positiven Einkommenselastizität der Nachfrage. Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 321 12.3 Nutzen des Umweltschutzes 321 Verbesserung.41 Der Sachverständigenrat für Umweltfragen hat sich 1987 eindeutig für die willingness to pay gegenüber der willingness to account ausgesprochen, weil letztere – sofern sie nicht nur partiell angewendet wird – von einem Sozialprodukt ausgeht, dass bei der angebotenen Verbesserung der Umweltqualität nicht bestehen würde.42 Typisch für die Ermittlung von Zahlungsbereitschaften ist eine Studie des Instituts für Stadtforschung und Strukturpolitik in Berlin. Die Untersuchung basierte auf direkten Befragungsansätzen zur Feststellung der Zahlungsbereitschaften in verschiedenen Umweltbereichen und umfasste 3850 Haushalte in den alten Bundesländern.43 Auf den standardisierten Fragebögen wurde Informationen zu folgenden Bereichen abgefragt: 1. Zahlungsbereitschaften in den Umweltbereichen. 2. Betroffenheit von Umweltschäden. 3. Informations- und Meinungsstand zum Umweltschutz. 4. Persönliche Umweltschutzaktivitäten. 5. Soziodemographische Daten. 41 Für eine Zusammenfassung empirischer Ergebnisse vgl. z.B. Pearce/Markandya (1989), S. 310. 42 Vgl. BMU (1987), Tz. 225. 43 Vgl. zum Folgenden BMU (1991a), S. 48–51 und BMU (1991b). Abbildung 12.1: Unterschiedliche Verfahren zur Ermittlung der Zahlungsbereitschaften (grafische Darstellung) D C B I I 0 Y 0 Sozial− produkt Y U0 Umweltqualität U A Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 322 12 Kosten-Nutzen-Analyse322 Die Zusatzinformationen der Punkte 2–5 sollten eine bessere Interpretation der monetären Angaben der Befragten ermöglichen. Aus den gewonnenen Daten wurde die durch schnittliche Zahlungsbereitschaft je Haushalt und Monat für eine „ideale“ Situation in al len Umweltbereichen berechnet. Bei der Darstellung dieser Zahlungsbereitschaften wurde in einem weiteren Schritt eine Korrektur der Zahlen aufgrund der Annahmen vorgenom men, dass • weniger gut informierte Bürger geringere Beträge für Verbesserungen angegeben haben, als dies bei einem höheren Informationsstand der Fall gewesen wäre • und untere Einkommensschichten geringere Beträge für Verbesserungen der Umweltbedingungen angegeben haben, als dies bei größeren Budgets der Fall gewesen wäre. Diese Korrekturen sind selbstverständlich problematisch, weil der Informationsstand und die Einkommen ja reale Restriktionen sind. Unter Berücksichtigung dieser beiden Korrekturen ergab sich, dass die durchschnittliche Zahlungsbereitschaft des Haushalts im Monat 294  DM beträgt. Hochgerechnet auf alle Haushalte der Bundesrepublik Deutsch land folgt daraus eine jährliche Zahlungsbereitschaft von 94,4 Mrd. DM. Es muss al lerdings befürchtet werden, dass dieser Betrag die wirkliche Zahlungsbereitschaft über schätzt, weil immer die Gefahr besteht, dass sozial erwünschte Angaben gemacht werden. So behaupteten 77,2 % der Befragten, dass der Nutzen anderer Menschen ein wesentlicher Einflussfaktor ihres eigenen Nutzens sei. Ob diese Haltung angesichts der großräumigen Umweltprobleme auch zu konkreten Verhaltensänderungen führt, scheint zumindest frag lich. 12.3.6 Indirekte Methoden der Präferenzermittlung am Beispiel des Konzepts der hedonischen Preise44 Neben der direkten Messung spielt auch die indirekte Messung aus der Analyse von Marktdaten eine Rolle bei der Ermittlung von Zahlungsbereitschaften. Eine spezielle Form dieser Methode ist das Konzept der hedonischen Preise, das im Folgenden kurz vorgestellt werden soll. Daneben gibt es zahlreiche andere Ausprägungen der indirekten Präferenzermittlung wie die Marktpreis- und die Aufwandsmethode, die sich in der Grundkonzeption jedoch stark ähneln.45 Um die Geduld geneigter Leser/innen nicht noch weiter zu strapazieren, beschränken wir uns daher auf das Konzept hedonischer Preise. Dieses geht davon aus, dass Zahlungsbereitschaften für Güter in verschiedene Gütereigenschaften zerlegt werden können.46 Betrachten wir als Beispiel die Zahlungsbereitschaft für Häuser und Wohnungen. Die Zahlungsbereitschaft für eine Wohnung setzt sich aus mehreren Merkmalen wie dem Alter des Gebäudes, der Größe der Wohnung und der Qualität des Wohnungsumfeldes zusammen. Die gesamte Zahlungsbereitschaft (d.h. der Nachfragepreis) P(W) für die Wohnung kann demnach als Funktion der Zahlungsbereit schaften für die einzelnen Merkmale Mi dargestellt werden: 1 2 3( ) ( )nP W P M M M M= , , , , (12.8) 44 Vgl. zum Folgenden z.B. BMU (1991b). 45 Einen allgemeinen Überblick gibt bspw. Blankart (2011), Kapitel 21.D. 46 Dies entspricht dem Lancaster-Ansatz in der Mikroökonomie.

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References

Zusammenfassung

Umweltökonomie – neue Aspekte

Die rasanten Entwicklungen in der Umweltpolitik in den vergangenen Jahren führten zu umfangreichen Anpassungen in diesem beliebten Lehrbuch, die insbesondere die anwendungsorientierten Abschnitte betreffen. Hier wurden vor allem die Kapitel über die Umweltinstrumente (Auflagen, Steuern, Zertifikate), die Kosten-Nutzen-Analyse sowie die internationalen Umweltaspekte (bspw. Klimakonferenzen) grundlegend aktualisiert. Darüber hinaus enthält das Kapitel zur Ressourcenökonomie nun ebenfalls eine anwendungsbezogene Diskussion.

Umweltökonomie – die Schwerpunkte

- Spieltheoretische Grundlagen

- Theorie externer Effekte

- Auflagen

- Steuern und Abgaben

- Zertifikate

- Verhandlungslösungen

- Umwelthaftung

- Umwelttechnischer Fortschritt

- Internationale Aspekte des Umweltproblems

- Umweltpolitik bei asymmetrischer Informationsverteilung

- Kosten-Nutzen-Analyse

- Ressourcenökonomie

Zielgruppe

Studierende der Volks- und Betriebswirtschaftslehre an Universitäten und Hochschulen sowie interessierte Praktiker in Wirtschaft, Politik und Verwaltung

Prof. Dr. Eberhard Feess ist seit 2008 Professor für Managerial Economics an der Frankfurt School of Finance and Management. Zuvor hatte er Lehrstühle an der EBS, der Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt und der RWTH Aachen.

Prof. Dr. Andreas Seeliger lehrt seit 2011 Volks- und Energiewirtschaftslehre an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Mosbach. Zuvor war er bei Frontier Economics, der Trianel European Energy Trading sowie dem Energiewirtschaftlichen Institut an der Universität zu Köln beschäftigt.