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12.3.4 Der Groves-Mechanismus in:

Eberhard Feess, Andreas Seeliger

Umweltökonomie und Umweltpolitik, page 322 - 328

4. Edition 2013, ISBN print: 978-3-8006-4668-5, ISBN online: 978-3-8006-4365-3, https://doi.org/10.15358/9783800643653_322

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Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 313 12.3 Nutzen des Umweltschutzes 313 keit und die mittlere Erkrankungsdauer für das Belastungsgebiet und das Vergleichsgebiet abzuleiten.32 Bezüglich der Materialschäden können Schwefeldioxid und seine Folgeprodukte als be deutsamste Schädiger angesehen werden. Zur Berechnung des verursachten Schadens ori entiert man sich an den luftverschmutzungsbedingten Instandhaltungs- und Erneuerungs kosten. Um diese Kosten von den normalbedingten Instandhaltungs- und Erneuerungsko sten trennen zu können, vergleicht man Belastungs- mit Reinluftgebieten. Dabei konnte ein eindeutiger Zusammenhang zwischen Schadstoffkonzentrationen in der Luft und Ma terialschäden ermittelt werden. Die wirklichen Folgekosten dürften allerdings noch höher liegen, da die Limitationen bezüglich der Datenbasis und der Dosis-Wirkungs-Forschung nur eine teilweise Betrachtung der immissionsbedingten Materialschäden zuließen. Zu den Vegetationsschäden werden Tierschäden (z.B. Gesundheitsbeeinflussung, verminderte Artenvielfalt), Schäden im Bereich der Freilandvegetation (z.B. Auswirkungen auf den Pflanzenbestand sowie damit verbundene Ertragseinbußen für Landwirte) sowie Waldschäden (hierbei spielen vor allem die Aspekte Forstwirtschaft, verringerter Freizeit - und Erholungswert und die gesteigerte Gefahr von Hochwasser, Lawinen, Bodenerosion, etc. eine Rolle) gezählt.33 Die Studie des Umweltbundesamtes hat am Beispiel der Luftverschmutzung die Grenzen des Folgekostenansatzes deutlich gemacht. Neben den oben bereits erwähnten theo retischen Schwächen entstehen vor allem erhebliche Probleme bei der praktischen Umset zung. Eine genaue zeitliche und sachliche Abgrenzung der entstandenen Schäden und den damit verbundenen Kosten ist oftmals nicht möglich. Des Weiteren sind die Auswirkun gen des entstandenen Schadens häufig so komplex, dass noch nicht einmal eine genaue Bestimmung der betroffenen Bereiche zweifelsfrei möglich ist. Trotz der pragmatischen Beschränkung auf bereits monetär wirksame Kosten ergeben sich also auch schon beim Folgekostenansatz erhebliche Schwierigkeiten. Bei der Beurteilung dieser Probleme ist aber zu bedenken, dass Kosten-Nutzen-Analysen als Grundlage rationaler Entscheidun gen unverzichtbar sind, so dass man mit den Unschärfen leben muss. 12.3.4 Der Groves-Mechanismus Die naheliegendste Möglichkeit zur monetären Bewertung der Umweltqualität besteht darin, die Wirtschaftssubjekte einfach nach ihrer Zahlungsbereitschaft zu fragen und die Antworten analog zum Ausgleich von Preis und Grenznutzen in der gewöhnlichen Haus haltstheorie als Nutzenbewertung zu interpretieren. Neben praktischen Problemen wie dem Sachverhalt, dass die Befragten beispielsweise die mit dem Treibhauseffekt verbun denen Konsequenzen kaum einschätzen können, besteht eine theoretische Schwierigkeit darin, dass die Betroffenen bei externen Effekten und öffentlichen Gütern keine Veranlassung haben, ihre Präferenzen wahrheitsgemäß zu äußern. Nehmen wir zum Beispiel an, dass die Verwaltung einer Gemeinde überlegt, ob sie eine zusätzliche Maßnahme zur Reinigung eines ehemaligen Badesees durchführen soll. Nehmen wir 32 Vgl. hierzu und zum Folgenden BMU (1991a), S. 19 ff. 33 Vgl. hierzu auch Wicke (1993), S. 62 ff. Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 314 12 Kosten-Nutzen-Analyse314 ferner an, dass die Verwaltung die Wohlfahrt der Gemeinde maximieren und daher den See reinigen möchte, wenn die Summe der Zahlungsbereitschaften die Kosten mindestens deckt.34 Welche Möglichkeiten hat die Verwaltung nun, die Präferenzen der Gemeindemit glieder durch Befragungen zu erfahren? Wenn die Befragten wissen, dass sie den als Zahlungsbereitschaft geäußerten Betrag auch tatsächlich entrichten müssen, so haben sie allen Grund ihre Zahlungsbereitschaft zu untertreiben: Je größer die Anzahl der Befrag ten, desto unwahrscheinlicher wird es für jeden einzelnen, dass die Entscheidung über die Reinigungsmaßnahme von der eigenen Antwort abhängt. Jeder wird daher hoffen, dass diese auch ohne eigene Zahlung durchgeführt und der saubere See dann dennoch genutzt werden kann. Dies ist das klassische Freifahrerverhalten, das sich bei öffentlichen Gütern stets stellt. Da diese Haltung für jeden einzelnen rational ist, wird die Reinigungsmaßnah me auch dann nicht durchgeführt, wenn die Summe der wirklichen Zahlungsbereitschaften über den Kosten liegt. Wenn wir im anderen Extremfall annehmen, dass die Befragten keinen von ihrer Antwort abhängigen Beitrag zur Finanzierung der Maßnahme leisten müssen, so werden sie ihre Zahlungsbereitschaft übertreiben. Auch eine einfache Finanzierung aus Steuergeldern führt offensichtlich nicht zum Ziel: Wenn wir annehmen, dass die Maßnahme aus Steu ergeldern finanziert wird, die Kosten K verursacht und n Gemeindemitglieder betroffen sind, so zahlt im einfachsten Fall jeder K/n. Jeder wird sich also für die Maßnahme aussprechen, wenn seine Zahlungsbereitschaft über K/n liegt, so dass die Intensität der Präferenzen in keiner Weise in die Entscheidung eingeht. Bedenken Sie, dass dies für jede Abstimmung gilt, bei der jede Stimme – völlig unabhängig von der Intensität, mit der ein Ergebnis gewünscht wird – gleich gewichtet wird. Die Frage lautet also, ob sich ein Zahlungsmechanismus konstruieren lässt, der die Betroffenen dazu bringt, ihre Zahlungsbereitschaft wahrheitsgemäß zu äußern. Dieser An forderung genügt der sog. Groves-Mechanismus,35 den wir daher im Folgenden erläutern. Wir verwenden folgende Bezeichnungen:36 • K seien die Kosten der Umweltschutzmaßnahme; • ui sei der Nutzen bzw. die wirkliche Zahlungsbereitschaft des Wirtschaftssubjekts i für die Maßnahme; • ui’ sei die geäußerte Zahlungsbereitschaft von i, die aus den genannten Gründen keineswegs mit ui übereinstimmen muss; • und zi(u’) sei die Zahlung, die dem Wirtschaftssubjekt i in Abhängigkeit vom Vektor der geäußerten Zahlungsbereitschaften aller Befragten auferlegt wird. Die Entscheidungsregel für den Fragenden (in unserem Fall also für die Gemeindeverwaltung) besteht darin, die Maßnahme immer durchzuführen, wenn die Summe der geäußerten Zahlungsbereitschaften die Kosten mindestens deckt (Durchführung für ).ii u K′ ≥∑ Der Zahlungsmechanismus z, der jedem Beteiligten eine Zahlung in 34 Damit klammern wir Zusatzprobleme, wie die Stimmenmaximierung politischer Entscheidungsträger, aus. 35 Vgl. ähnlich auch Weimann (1995), Anhang II. 36 Geneigte Leser/innen werden bemerken, dass die Behörde letztlich wieder ein Screening zwischen verschiedenen Typen anstrebt. Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 315 12.3 Nutzen des Umweltschutzes 315 Abhän gigkeit von den Antworten aller (z = z(u’)) auferlegt, soll nun so konstruiert werden, dass jeder Befragte die Wahrheit sagt (also dass für jeden Befragten ui = ui¢ gilt). Da bei wird die Befragung so durchgeführt, dass keiner zum Zeitpunkt seiner Antwort weiß, was die anderen antworten. Es gibt also keine irgendwie geartete „Reihenfolge“ bei der Befragung. Wann können wir annehmen, dass jeder die Wahrheit sagen wird, obwohl die Zahlung jedes Einzelnen von den Antworten aller abhängt und keiner weiß, was die anderen sagen? Wenn wir sicher gehen wollen, dass wir die wirklichen Präferenzen erfahren, müssen wir offenbar einen Zahlungsmechanismus konstruieren, der dafür sorgt, dass es für alle Befragten eine dominante Strategie ist, die Wahrheit zu äußern. Denn dann ist es ja im Eigeninteresse jedes Befragten, unabhängig von den Äußerungen der anderen (die er nicht kennt), die Wahrheit zu sagen. Wir beschreiben den Mechanismus zunächst und beweisen anschließend, dass die wahrheitsgemäße Angabe der Zahlungsbereitschaften tatsächlich für alle Beteiligten eine dominante Strategie ist (bitte folgen Sie zunächst der Beschreibung und denken Sie nicht sofort darüber nach, warum dieser Mechanismus funktioniert). Der Zahlungsmodus sieht folgendermaßen aus: 0 für 0 für für und i i i j j j i j j i i j i u K z u K i K u u K u K ≠ ≠ ′ < ′= ≥ ∀ ′ ′ ′− ≥ < ∑ ∑ ∑ ∑ ∑ (12.1) Betrachten wir die einzelnen Zeilen des durch (12.1) ausgedrückten Mechanismus, um diesen genauer zu verstehen. Bedenken Sie dabei stets, dass der Ausdruck i besagt, dass zi ein Zahlungsmechanismus ist, der für jeden Beteiligten gilt, d.h. jedes der n Wirtschaftssubjekte wird bei der Festlegung seiner individuellen Zahlung als Spieler i betrachtet. Wenn es also 3 Spieler gibt und gerade die Zahlung des zweiten Spielers ermittelt wird, so ist der zweite Befragte i und alle Spieler j außer i sind die Befragten 1 und 3. Die erste Zeile in (12.1) besagt, dass keiner eine Zahlung leisten muss, wenn die Summe aller geäußerten Zahlungsbereitschaften unter den Kosten der Maßnahme liegt. Allerdings wird diese dann auch nicht durchgeführt. Dies ist ein einfacher Fall. Etwas kniffliger ist schon die zweite Zeile. Diese drückt aus, dass ein Spieler i keine Zahlung leisten muss, wenn die Summe der geäußerten Zahlungsbereitschaften aller anderen die Kosten schon deckt. In diesem Fall wird die Maßnahme gemäß der Entscheidungsregel „führe durch, wenn ( )ii u K′ ≥∑ “ vorgenommen. Der eigentliche Knackpunkt im Groves-Mechanismus ist die dritte Zeile: Wenn die Summe aller geäußerten Zahlungsbereitschaften die Kosten deckt ( ),ii u K′ ≥∑ die Summe der Zahlungsbereitschaften der anderen (also ohne die Zahlungsbereitschaft des i) aber nicht ( ),jj i u K≠ ′ ≤∑ dann zahlt i genau die Differenz aus den Kosten der Umweltschutzmaßnahme und der Summe der geäußerten Zahlungs bereitschaften der anderen ( ).i jj iz K u≠ ′= −∑ Bedenken Sie erneut, dass es nicht einen i gibt, sondern jeder Befragte genau dann die Rolle des i einnimmt, wenn seine Zahlungs bereitschaft ermittelt wird. Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 316 12 Kosten-Nutzen-Analyse316 Verdeutlichen wir den Mechanismus zunächst an einem Beispiel, bevor wir beweisen, dass dieser tatsächlich dazu führt, dass jeder die Wahrheit sagt. Nehmen wir an, es gäbe vier Mitglieder der Gemeinde, die Kosten seien K = 10 und die geäußerten Zahlungsbereitschaften 1 4,u′ = 2 5,u′ = 3 3u′ = und 4 1.u′ = Zunächst stellen wir fest, dass die Maßnahme durchgeführt wird, weil 13ii u K′ = >∑ gilt. Welche Zahlungen müssen die einzelnen Befragten nun leisten? Dazu bezeichnen wir jeden Befragten als i, wenn wir seine Zahlung ermitteln. Beginnen wir mit Spieler 1: Dieser befindet sich offensichtlich in der dritten Zeile des Mechanismus, denn die Summe der geäußerten Zahlungsbereitschaften der anderen beträgt 1 9,jj u≠ ′ =∑ so dass 1 jj u K ≠ ′ <∑ ist. Demnach bezahlt der Befragte 1 die Differenz aus K und 1 ,jj u≠ ′∑ also 1 1 10 9 1jjz K u≠ ′= − = − =∑ . Auf die gleiche Weise ermitteln wir für den Befragten 2 eine Zahlung von 2 10 (4 3 1) 2z = − + + = , da sich auch dieser in der dritten Zeile des Groves-Mechanismus befindet (zwar weiß kein Befragter zum Zeitpunkt seiner Antwort, in welcher Zeile er sich befindet, aber die Gemeinde kennt alle Antworten, wenn sie die Zahlungen schließlich ermittelt). Dem entgegen befindet sich Spieler 3 nicht in der dritten, sondern in der zweiten Zeile des Mechanismus, weil die Summe der geäußerten Zahlungsbereitschaften der anderen die Kosten bereits deckt: 3 4 5 1 10jj u K≠ ′ = + + = ≥∑ . Er muss daher nichts bezahlen. Das gleiche gilt für Spieler 4, da 4 4 5 3 12 .jj u K≠ ′ = + + = ≥∑ Lassen Sie sich nun nicht davon irritieren, dass die Summe der Zahlungen in unserem Beispiel nur 1 2 3 4 1 2 0 0 3z z z z+ + + = + + + = beträgt und die Kosten der Umweltschutzmaßnahme daraus demnach gar nicht gedeckt werden. Der Groves-Mechanismus führt im Allgemeinen nicht zur Kostendeckung, d.h. als Instrument zur Finanzierung der betreffenden Maßnahme ist er nicht geeignet. Dies ist zwar bedauerlich, aber nicht die eigentliche Aufgabe des Mechanismus. Die Zielsetzung der Gemeinde besteht in einer prä zisen Information darüber, ob die Maßnahme gemessen an den wirklichen Präferenzen der Gemeindemitglieder sinnvoll ist oder nicht, und nicht in der Finanzierung. Wenn einmal geklärt ist, ob sich die Maßnahme unter dem Gesichtspunkt einer Kosten-Nutzen- Analyse lohnt, kann sie immer noch aus allgemeinen Steuermitteln finanziert werden. Wir müssen nun zeigen, dass es bei Gültigkeit des Mechanismus z tatsächlich eine dominante Strategie für alle Befragten ist, die Wahrheit zu sagen. Versetzen wir uns hier zu in die Lage eines beliebigen Befragten i, der nicht weiß, was die anderen antworten. Den Gesamtnutzen (Nettonutzen) eines Befragten i können wir als Differenz seines wirk lichen Nutzens aus der Umweltschutzmaßnahme und der Zahlung definieren, die er als Funktion seiner Antwort und der Antworten aller anderen leisten muss. Wenn wir diesen Gesamtnutzen vi nennen, so gilt offenbar: i i iv u z= − (12.2) Die Schwierigkeit für jeden i ist, dass er zum Zeitpunkt seiner Antwort zwar ui, aber nicht zi kennt, weil zi auch von den Antworten der anderen abhängt. Er kennt allerdings den in (12.1) ausgedrückten Zahlungsmechanismus. Das Sagen der Wahrheit ist nun genau dann eine (schwach) dominante Strategie, wenn es unter allen möglichen Umständen (also bei allen möglichen Antworten der anderen) zu einem mindestens gleich guten (und manchmal besseren) Ergebnis führt wie jede denkbare Lüge, d.h. es muss gelten: ( ) ( )i i i i i i iv u u v u u u′ ′ ′= ≥ ∀ ≠ (12.3) Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 317 12.3 Nutzen des Umweltschutzes 317 (12.3) drückt also aus, dass sich keine Lüge lohnen darf. Um dies zu zeigen, müssen wir alle Situationen betrachten, in die i kommen kann, und für jede Situation zeigen, dass (12.3) erfüllt ist. Denn da i bei seiner Antwort nicht weiß, in welcher Situation er sich befindet, muss er alle möglichen Situationen durchdenken, um zu prüfen, ob er eine dominante Strategie hat. Denken Sie an das Gefangenendilemma, bei dem jeder Gangster auch nicht weiß, ob der Komplize gesteht oder nicht. Fall 1 j j i u K ≠ : ≥∑ Die erste Möglichkeit besteht darin, dass die Summe der geäußerten Zahlungsbereitschaften der anderen jj i u≠ ′∑ die Kosten schon deckt. Dies führt dazu, dass die Maßnahme unabhängig von iu′ durchgeführt wird und i unabhängig von seiner Antwort nichts bezahlen muss (er befindet sich stets in Zeile 2 des Mechanismus). Also kann Fall 1 zwar kein Argument für das Äußern der Wahrheit, aber auch kein Grund zum Lügen sein; es ist einfach egal, wie sich i verhält. Fall 2 undj j i j i j i u K u u K ≠ ≠ ′ ′: < + <∑ ∑ Wenn die Summe der geäußerten Zahlungsbereitschaften der anderen unter K liegt ( )jj i u K≠ ′ <∑ , dann ist die Antwort des i( )iu′ wichtig, weil sie über die Durchführung der Maßnahme entscheidet. Zur Analyse der Situationen, in denen sich i befinden kann, müssen wir danach unterscheiden, ob die Summe aus den geäußerten Zahlungsbereitschaften der anderen und der wirklichen Zahlungsbereitschaft von i also ( )j ij i u u≠ ′ +∑ die Kosten deckt oder nicht. In Fall 2 unterstellen wir zunächst willkürlich, dass dies nicht gegeben ist, also j ij i u u K≠ ′ + <∑ . Nehmen wir nun zunächst an, i sagt die Wahrheit. Dann gilt definitionsgemäß i iu u′ = , so dass j ij i u u K≠ ′ ′+ <∑ : Die Maßnahme wird nicht durchgeführt. Der Gesamtnutzen von i ist dann 0iv = . Wenn i seine Zahlungsbereitschaft untertreibt (also ),i iu u′ < dann gilt erst recht j ij i u u K≠ ′ ′+ <∑ , so dass sich nichts ändert. Der Gesamtnutzen von i ist weiterhin 0,iv = so dass ,,Untertreiben“ in Fall 2 dem Befragten weder schaden noch nutzen kann. Wenn i dagegen übertreibt, so gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder es gilt trotz der Übertreibung j ij i u u K≠ ′ ′+ <∑ , so dass die Maßnahme weiterhin nicht vorgenommen wird und iv bei Null bleibt. 37 Oder aber er übertreibt so stark, dass j ij i u u K≠ ′ ′+ ≥∑ zustande kommt und die Maßnahme gemäß der Entscheidungsregel der Gemeindeverwaltung durchgeführt wird. Der Spieler i befindet sich dann nicht in der ersten, sondern in der dritten Zeile des Zahlungsmechanismus und muss folgerichtig die Differenz aus K und den geäußerten Zahlungsbereitschaften der anderen Gemeindemitglieder bezahlen. Also gilt in diesem Unterfall von Fall 2 bei Übertreibung i j j i z K u ≠ ′= − .∑ (12.4) Als Gesamtnutzen ergibt sich daraus ( )i i i i j j i v u z u K u ≠ ′= − = − − .∑ (12.5) 37 Nehmen Sie einfach an, die Kosten seien 100 und die geäußerten Zahlungsbereitschaften der anderen 50. Wenn dann i seine Zahlungsbereitschaft von 20 auf 30 übertreibt, wird die Maßnahme trotzdem nicht durchgeführt. Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 318 12 Kosten-Nutzen-Analyse318 Bedenken Sie nun, dass wir in Fall 2 j ij i u u K≠ ′ + <∑ vorausgesetzt haben, da wir jede mögliche Bedingung einzeln durchgehen müssen. j ij i u u K≠ ′ + <∑ bedeutet aber unmittelbar ,iu K< so dass (12.5) kleiner als Null ist. Der Gesamtnutzen von i ist in diesem Fall also negativ, weil seine Zahlung über seinem Nutzen aus der Umweltschutzmaßnahme liegt. Wenn wir alle Überlegungen zu Fall 2 zusammenfassen, so stellen wir fest, dass sich i nicht verbessern kann, wenn er lügt: • ,,Untertreiben“ ändert in Fall 2 nie etwas; • ,,Übertreiben“ ändert manchmal nichts, führt aber manchmal dazu, dass die Maßnahme durchgeführt wird, und der Spieler ,,i“ einen Betrag zahlen muss, der seinen Nutzen übersteigt. Der Gesamtnutzen wird dann negativ. Sofern sich der Spieler in Fall 2 befindet – was er nicht weiß –, ist es also die beste Strategie, die Wahrheit zu sagen. Fall 3 undj j i j i j i u K u u K ≠ ≠ ′ ′: < + ≥∑ ∑ Wir müssen den Beweis nun fortsetzen, indem wir annehmen, dass die Summe aus den geäußerten Zahlungsbereitschaften der anderen und der wirklichen Zahlungsbereitschaft von i (also )j i iu u≠′ + die Kosten deckt. Da analog zu Fall 2 jj i u K≠ ′ <∑ gilt, hängt es erneut von der Antwort des i ab, ob die Maßnahme durchgeführt wird oder nicht.38 Nehmen wir zunächst wieder an, dass i die Wahrheit sagt. Dann gilt ,j ij i u u K≠ ′ ′+ ≥∑ so dass die Maßnahme durchgeführt wird. Der Spieler i befindet sich dann wieder in der dritten Zeile des Zahlungsmechanismus und zahlt i j j i z K u ≠ ′= − .∑ (12.6) Als Gesamtnutzen ergibt sich daraus wieder ( ) 0i i i i j j i v u z u K u ≠ ′= − = − − ≥ .∑ (12.7) (12.7) kann niemals unter Null liegen, da wir in Fall 3 j ij i u u K≠ ′ + ≥∑ bzw. i j iu K u≠ ′≥ −∑ vorausgesetzt haben. Analog zu Fall 2 müssen wir nun wieder fragen, was passiert, wenn i über- oder untertreibt. Wenn er übertreibt, so ändert sich gar nichts: Es gilt nach wie vor j ij i u u K≠ ′ + ≥∑ und die Zahlung ändert sich auch nicht. Dies liegt daran, dass die Höhe seiner Zahlung völlig unabhängig von seiner Antwort ist, sofern die Maßnahme überhaupt durchgeführt wird. Wenn i aber untertreibt, so kann es bei hinreichender Untertreibung passieren, dass die Summe aller geäußerten Zahlungsbereitschaften ( )j i ij i iu u u≠ ′ ′+ =∑ ∑ unter K sinkt und die Maßnahme nicht durchgeführt wird. Der Gesamtnutzen ist dann vi = 0. Da aber (12.7) – also der Nutzen bei einer wahrheitsgemäßen Offenbarung der Präferenzen – niemals kleiner als Null sein kann, kann sich der Befragte in dieser Situation durch eine Untertreibung offensichtlich ohne weiteres schaden. Dies bedeutet, dass sich i – genau wie in Fall 2 – nie verbessern kann, wenn er lügt. Nun kann er sich aber durch eine 38 Bedenken Sie stets, dass diese Überlegungen für alle Spieler gelten, da sich jeder in der betreffenden Situation befinden kann (keiner weiß, was die anderen sagen). Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 319 12.3 Nutzen des Umweltschutzes 319 Untertreibung verschlechtern, während Übertreiben in Fall 3 nichts schaden, aber auch nichts nützen kann. Überprüfen Sie nun bitte selbst, dass wir alle denkbaren Konstellationen untersucht und dabei festgestellt haben, dass Lügen nie nützen, aber sowohl Unter- als auch Übertreiben in bestimmten Situationen den Gesamtnutzen von i vermindern kann. Da i aber nicht weiß, was die anderen antworten, weiß er auch nicht, ob er sich in Fall 1, 2 oder 3 befindet. Da dies für alle Beteiligten gilt, ist es auch für alle eine dominante Strategie, die Wahrheit zu sagen. Überlegen wir noch einmal genau, worin der entscheidende „Trick“ beim Groves- Mechanismus besteht: Sobald die Höhe der Zahlung eines Befragten i auch von seiner eigenen Antwort abhängt, hat er einen Grund, seine Zahlungsbereitschaft in der Hoffnung zu untertreiben, dass seine Zahlung sinkt und die Maßnahme dennoch durchgeführt wird. Also muss die Höhe der Zahlung unabhängig von der Antwort sein, sofern die Maß nahme durchgeführt wird. Genau dies leistet der Groves-Mechanismus, weil die Zahlung ( )i jj iz K u≠ ′= −∑ unabhängig von iu′ ist. Es besteht daher kein Anlass zu „strategischem Verhalten“. Das Freifahrerproblem ist überwunden. Die geäußerte Zahlungsbereitschaft iu′ kann demnach lediglich über die Durchführung der Maßnahme und darüber entschei den, ob ein Befragter i überhaupt zur Finanzierung herangezogen wird, aber nicht über die Höhe der Zahlung. Dies ist der Kern des Groves-Mechanismus. 12.3.5 Direkte Methoden der Präferenzermittlung In der Praxis besteht die Methode der sog. direkten Präferenzermittlung wesentlich einfa cher darin, Zahlungsbereitschaften für Umweltgüter abzufragen, ohne damit irgendeinen Zahlungsmechanismus zu verbinden. Die Befragten haben also nur dann einen Grund, ihre Zahlungsbereitschaften wahrheitsgemäß zu äußern, wenn sie davon ausgehen, dass ihre Antworten keinen wirklichen Einfluss auf die Durchführung der Maßnahmen haben, oder aber sie die Grundidee strategischen Verhaltens weniger verinnerlicht haben als wir zweifellos etwas „abgedrehten“ Ökonomen. Methodisch lassen sich bei Zahlungsbereitschaftsbefragungen vier Ansätze unterscheiden, die auch jeweils zu unterschiedlichen Ergebnissen führen. Gefragt werden kann nach39 • der Zahlungsbereitschaft für eine Verbesserung der Umweltqualität („willingness to pay to secure a benefit“) (A), • der Zahlungsbereitschaft zur Vermeidung einer Verschlechterung der Umweltquali tät („willingness to pay to prevent a loss“) (B), • der Forderung dafür, auf eine potentielle Verbesserung der Umweltqualität zu verzichten („willingness to account to forego a benefit“) (C), • und schließlich der Forderung dafür, eine Verschlechterung der Umweltqualität hinzunehmen („willingness to account to tolerate a loss“) (D). Die vier Verfahren lassen sich durch die beiden Ausprägungen von zwei Variablen systematisieren: 39 Die Terminologie ist aus Pearce/Markandya (1989), S. 14 übernommen.

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References

Zusammenfassung

Umweltökonomie – neue Aspekte

Die rasanten Entwicklungen in der Umweltpolitik in den vergangenen Jahren führten zu umfangreichen Anpassungen in diesem beliebten Lehrbuch, die insbesondere die anwendungsorientierten Abschnitte betreffen. Hier wurden vor allem die Kapitel über die Umweltinstrumente (Auflagen, Steuern, Zertifikate), die Kosten-Nutzen-Analyse sowie die internationalen Umweltaspekte (bspw. Klimakonferenzen) grundlegend aktualisiert. Darüber hinaus enthält das Kapitel zur Ressourcenökonomie nun ebenfalls eine anwendungsbezogene Diskussion.

Umweltökonomie – die Schwerpunkte

- Spieltheoretische Grundlagen

- Theorie externer Effekte

- Auflagen

- Steuern und Abgaben

- Zertifikate

- Verhandlungslösungen

- Umwelthaftung

- Umwelttechnischer Fortschritt

- Internationale Aspekte des Umweltproblems

- Umweltpolitik bei asymmetrischer Informationsverteilung

- Kosten-Nutzen-Analyse

- Ressourcenökonomie

Zielgruppe

Studierende der Volks- und Betriebswirtschaftslehre an Universitäten und Hochschulen sowie interessierte Praktiker in Wirtschaft, Politik und Verwaltung

Prof. Dr. Eberhard Feess ist seit 2008 Professor für Managerial Economics an der Frankfurt School of Finance and Management. Zuvor hatte er Lehrstühle an der EBS, der Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt und der RWTH Aachen.

Prof. Dr. Andreas Seeliger lehrt seit 2011 Volks- und Energiewirtschaftslehre an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Mosbach. Zuvor war er bei Frontier Economics, der Trianel European Energy Trading sowie dem Energiewirtschaftlichen Institut an der Universität zu Köln beschäftigt.