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11.4.2 Asymmetrische Information und Screening im Illing-Modell in:

Eberhard Feess, Andreas Seeliger

Umweltökonomie und Umweltpolitik, page 290 - 297

4. Edition 2013, ISBN print: 978-3-8006-4668-5, ISBN online: 978-3-8006-4365-3, https://doi.org/10.15358/9783800643653_290

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Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 281 11.4 Asymmetrische Information und das Coase-Theorem 281 dabei aber von pareto-effizienten Verträgen abweichen muss. In diesem Sinne kommt es nur zu einem second best, nicht aber zu einem first best.10 Das Coase-Theorem kann daher nur bei einer bestimmten Informationsstruktur Gültigkeit beanspruchen. 11.4.2 Asymmetrische Information und Screening im Illing- Modell11 11.4.2.1 Grundlagen des Modells Wir betrachten einen Geschädigten, dessen Nutzen U eine eindeutige Funktion der vermiedenen Emissionen x eines Emittenten ist: ( )U U x= (11.1) Übertragen auf die im 7. Kapitel untersuchte Situation wäre der Geschädigte der Getreidebauer und der Schädiger der Viehzüchter. Da wir x als Schadstoffvermeidung interpretieren, müssten wir x also im Getreidebauer-Viehzüchter-Modell als Verringerung der Fressmenge auffassen. Die Schadstoffvermeidung x ist dabei beobachtbar und verursacht beim Schädiger (Viehzüchter) die Kosten K: ( )K K x= , θ (11.2) Wir unterstellen wieder progressiv steigende Kosten (positive erste und zweite Ableitungen nach x). Zur Vereinfachung werden wie im 7. Kapitel lineare Funktionsverläufe angenommen, d.h. die Grenznutzen sinken und die Grenzkosten steigen linear an. Typisch für das Problem unvollständiger Information ist, dass der genaue Verlauf der Kostenfunk tion auch vom Typ θ abhängt, der nur dem Schädiger selbst bekannt ist. Wir nehmen an, dass es nur zwei mögliche Typen gibt, nämlich einen Typ mit hohen Kosten (ge nauer gesagt: einer steilen Kostenfunktion) und einen mit niedrigen Kosten (d.h. einer flachen Kostenfunktion). Die erste Kostenfunktion nennen wir KH, die zweite KT. Den Typ mit der steilen Kostenfunktion nennen wir auch den schlechten Typ, den anderen den guten Typ. Während der Schädiger seinen Typ kennt, kann der Geschädigte nur die Wahrscheinlichkeiten pH (schlechter Typ bzw. hohe Kosten) bzw. pT (guter Typ bzw. tiefe Kosten) zuordnen. Gegeben eine wirkliche Kostenfunktion des Agenten, können wir die zugehörigen Wohlfahrtsfunktionen offenbar als ( ) ( ) ( )H HW x U x K x= − (11.3) bzw. ( ) ( ) ( )T TW x U x K x= − (11.4) 10 Wir beschränken uns hier auf den Teil des Modells von Illing, in dem der Wohlfahrtsverlust abgeleitet wird, der durch die asymmetrische Informationsverteilung entsteht. Daneben untersucht Illing auch, wie die Eigentumsrechte festgelegt werden müssen, um den entstehenden Wohlfahrtsverlust zu minimieren; ferner wird der Wohlfahrtsverlust von Abgaben und Eigentumsrechten verglichen. Eine Verallgemeine rung des Modells mit teilweise unterschiedlichen Ergebnissen stammt von Demougin/Illing (1993). 11 Die Darstellung orientiert sich an Feess (2004), Abschnitt 22.4. Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 282 11 Umweltpolitik bei asymmetrischer Informationsverteilung282 schreiben. Diese Wohlfahrtsfunktionen interessieren uns deshalb, weil wir überprüfen wollen, ob es angesichts der asymmetrischen Informationsverteilung noch zur pareto effizienten Internalisierung externer Effekte kommt. Als Bedingungen erster Ordnung für ein Wohlfahrtsmaximum ergeben sich selbstverständlich, dass der Grenznutzen des Ge schädigten den Grenzkosten des Schädigers entsprechen muss: 0H H W U K x x x ∂ ∂ ∂ = − = ∂ ∂ ∂ (11.5) bzw. 0T T W U K x x x ∂ ∂ ∂ = − = ∂ ∂ ∂ (11.6) Abbildung 11.4 verdeutlicht, dass zu jedem unterschiedlichen Typ des Schädigers auch ein unterschiedliches pareto-effizientes fx gehört. 11.4.2.2 Formale Analyse Wir werden nun prinzipiell das gleiche Verhandlungsspiel wie in Kapitel 7 betrachten, indem wir davon ausgehen, dass der Geschädigte (bzw. der Getreidebauer) dem Schädiger (bzw. dem Viehzüchter) ein take-it-or-leave-it-Angebot macht. In Abschnitt 7.4.2 haben wir gezeigt, dass es bei vollständiger Information unter diesen Umständen zu einem Pareto-Optimum kommt, das sich unter anderem dadurch auszeichnet, dass der gesamte Verhandlungsgewinn an den Getreidebauern geht. Denn wenn dieser dem Viehzüchter ein Angebot macht, welches den Viehzüchter gerade noch infinitesimal besser als seinen Reservationsnutzen (also seinen Nutzen beim Abbruch der Verhandlungen) 12 Abbildung 11.4 enthält auch einige Bezeichnungen, die wir erst später benötigen. ∂KH ∂x ∂KT ∂ x ∂U ∂ x x f T xx f HxH A B C ∂U ∂x ∂K ∂x Abbildung 11.4: Pareto-effiziente Schadstoffvermeidung in Abhängigkeit vom Typ12 Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 283 11.4 Asymmetrische Information und das Coase-Theorem 283 stellt, so wird er das Angebot annehmen, und der gesamte Verhandlungsgewinn geht an den Geschä digten.13 In diesem Abschnitt betrachten wir nun den interessanteren Fall, in dem der Getreidebauer nicht weiß, ob der Viehzüchter hohe oder tiefe Kosten hat.14 Der entschei dende Punkt ist, dass der Nettonutzen des Geschädigten nun von zwei Einflussfaktoren bestimmt wird: • erstens davon, wie groß der Verhandlungsgewinn insgesamt (also der Zuwachs an sozialer Wohlfahrt) ist; • und zweitens davon, wieviel von diesem Verhandlungsgewinn unter welchen Umständen an ihn geht. Wir werden feststellen, dass gerade der Sachverhalt, dass nicht der gesamte Wohlfahrtsgewinn an den Getreidebauern fließt, zu einer Abweichung vom Pareto-Optimum führt. Die Grundidee des folgenden Modells ist, dass der Getreidebauer durch verschiedene Vertragsangebote versuchen wird, zwischen den beiden Typen des Viehzüchters zu unterscheiden, denn nur dann kann er Angebote machen, die nahe an fHx und an f Tx liegen, weil diese unterschiedlich sind. Diesen Versuch zur Unterscheidung unterschiedlicher Typen bezeichnet man in der allgemeinen mikroökonomischen Literatur als Screening. Im Kern geht es darum, dass der Typ mit den tiefen Kosten eine hohe Zahlung und ein hohes x eher vorziehen wird als der schlechte Typ, für den die Schadstoffvermeidung x ja defini tionsgemäß hohe Kosten verursacht. Formal besteht die Zielsetzung des Getreidebauern darin, die durch Gleichung (11.7) gegebene Zielfunktion zu maximieren: ( ( ) ( )) ( ( ) ( ))T T T T H H H HV p U x z x p U x z x= − + − (11.7) Gleichung (11.7) drückt aus, dass der Getreidebauer für beide Fälle als Nettonutzen jeweils die Differenz aus dem Nutzen durch die jeweilige Leistung x und der zugehörigen Kompensationszahlung z erhält. Diese Kompensationszahlung ist notwendig, weil der Viehzüchter andernfalls keinen Anlass hat, überhaupt irgendwelche Anstrengungen zur Schadstoffvermeidung zu unternehmen.15 Die durch die Zielfunktion gegebenen Nettonutzen muss der Getreidebauer mit den zugehörigen Wahrscheinlichkeiten gewichten, um seinen Erwartungsnutzen V zu erhalten. Bedenken Sie nun den wichtigen Punkt, dass die Gewichtung mit den jeweiligen Wahrscheinlichkeiten bereits unterstellt, dass die jeweili gen Typen tatsächlich die Vertragsangebote xT bzw. xH wählen, die für sie „zugeschnitten“ sind. Dies ist aber alles andere als selbstverständlich, weil es beispielsweise ohne weiteres sein kann, dass der Typ mit den niedrigen Kosten den Vertrag wählt, den „eigentlich“ nur der Typ mit den hohen Kosten wählen soll. Anders formuliert wird in (11.7) also unterstellt, dass das beabsichtigte Screening des Getreidebauern wirklich gelingt. 13 Wir bitten Sie, sich Abschnitt 7.4.2 nochmals in Erinnerung zu rufen, da die nachfolgenden Überle gungen andernfalls nur schwer verständlich sind. 14 In der allgemeinen Sprache der Mikroökonomie handelt es sich um ein sog. Principal-Agent- Modell, in dem ein schlecht informierter Principal (in unserem Fall der Geschädigte bzw. der Getreidebauer) versucht, den Agenten (in diesem Fall den Schädiger bzw. den Viehzüchter) dazu zu bewegen, sich in seinem Sinne (also im Sinne des Principals) zu verhalten. Die Schwierigkeit ist dabei, dass der Principal über bestimmte Sachverhalte (in unserem Fall die Vermeidungskosten) nur unvollständig informiert ist. 15 Vgl. Abschnitt 7.4.2, oben. Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 284 11 Umweltpolitik bei asymmetrischer Informationsverteilung284 Wann aber gelingt dieses Screening? Genau dann, wenn es im Eigeninteresse der jeweiligen Typen des Viehzüchters liegt, die für sie vorgesehenen Verträge auch anzunehmen. Dies drücken die folgenden Nebenbedingungen (11.8) – (11.11) aus: ( ) ( )T T T Tz x K x≥ (11.8) ( ) ( )H H H Hz x K x≥ (11.9) ( ) ( ) ( ) ( )T T T T H H T Hz x K x z x K x− ≥ − (11.10) ( ) ( ) ( ) ( )H H H H T T H Tz x K x z x K x− ≥ − (11.11) Die ersten beiden Ungleichungen (11.8) und (11.9) bringen zum Ausdruck, dass beide Typen mindestens ihren Reservationsnutzen erhalten müssen, sofern sie die vorgesehenen Verträge annehmen. Weil die Typen die Verträge andernfalls ablehnen und in diesem Sinne gar nicht am Spiel teilnehmen, nennt man die Ungleichungen (11.8) und (11.9) Teilnahmebedingungen. Ungleichung (11.10) nennt man die Anreizverträglichkeitsbedingung für den Typ mit den niedrigen Kosten, worunter verstanden wird, dass es im Eigeninteresse des guten Typs liegen muss, den für ihn zugeschnittenen Vertrag anzunehmen. Dies drückt Un gleichung (11.10) deshalb aus, weil auf der linken Seite sein Nettonutzen steht, wenn er die vom Getreidebauer vorgesehene Schadstoffvermeidung xT vornimmt, während auf der rechten Seite sein Nettonutzen bei xH steht. Ungleichung (11.11) stellt den entsprechen den Sachverhalt für den Typ mit den hohen Kosten dar. Machen Sie sich die Bedeutung der Ungleichungen (11.10) und (11.11) nochmals genau klar, denn diese Anreizverträglichkeitsbedingungen sind für die spieltheoretische Behandlung unvollständiger Information zentral: vorausgesetzt, dass der Agent überhaupt irgendeinen Vertrag annimmt – dies stellen die Teilnahmebedingungen (11.8) und (11.9) sicher – garantieren die Anreizverträglichkeitsbedingungen, dass das Screening gelingt, weil jeder Typ aus dem für ihn vorgesehenen Vertrag mindestens den gleichen Nutzen zieht wie aus einem anderen Ver trag. Kein Typ hat demnach einen Grund, aus dem Screening-Vertrag abzuweichen, so dass es sich um ein Nash-Gleichgewicht handelt. Anreizverträglichkeitsbedingungen sind also lediglich ein Ausdruck dafür, dass die vom Anbieter des Vertrags (in diesem Fall also vom Getreidebauern) „geplante“ Allokation ein Nash-Gleichgewicht ist. Die Lösung entsprechender Probleme besteht nun stets darin, den Nutzen des Anbieters des Ver trags unter Berücksichtigung der Anreizverträglichkeits- und Teilnahmebedingungen des Verhandlungspartners zu maximieren. Ein wichtiger Punkt in der Argumentation ist nun die Frage, welche der vier Ungleichungen (11.8) – (11.11) bindend, d.h. genau mit einem Gleichheitszeichen erfüllt sein wird.16 Betrachten wir zunächst die Teilnahmebedingungen (11.8) und (11.9), und nehmen wir an, dass diese für den Typ mit den hohen Kosten gerade erfüllt ist, so dass zH(xH) = KH(xH) gilt. Wenn sich der Typ mit den niedrigen Kosten für das gleiche x (also für xH) entscheidet, so bekommt er auch die gleiche Zahlung zH(xH) wie der Typ mit den hohen Kosten. Dies liegt daran, dass der Getreidebauer zwar verschiedene Ver träge anbieten, aber nicht hinzufügen kann „der mit den hohen Kosten kriegt das und der mit 16 Wir beantworten diese Fragen nicht formal, sondern durch Überlegung, um uns bestimmte mathe matische Komplikationen zu ersparen. Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 285 11.4 Asymmetrische Information und das Coase-Theorem 285 den niedrigen Kosten das“ – er kennt die Typen ja nicht. Also hat der gute Typ immer die Möglichkeit, den für den schlechten Typen vorgesehenen Vertrag anzu nehmen und die für diesen vorgesehene Kompensationszahlung zu kassieren. Da aber die Kosten des niedrigen Typs definitionsgemäß geringer sind, gilt wegen zH(xH) = KH(xH) und KT(xH) < KH(xH) auch KT(xH) < zH(xH). Wenn die Teilnahmebedingung für den Typ mit den hohen Kosten erfüllt sein soll, kann der Typ mit den niedrigen Kosten also immer einen positiven Nettonutzen dadurch erzielen, dass er sich verhält wie der Typ mit den hohen Kosten. Also muss der Getreidebauer dem Typ mit den niedrigen Kosten einen positiven Nettonutzen überlassen, den man als Informationsrente bezeichnet und der darin zum Ausdruck kommt, dass Ungleichung (11.8) im Unterschied zu Ungleichung (11.9) nicht bindend erfüllt ist. Diese Überlegung lässt sich verallgemeinern: bei unvoll ständiger Information muss der Getreidebauer dem guten Typ (in unserem Fall also dem Typen mit den niedrigeren Kosten) immer eine Informationsrente überlassen, sofern er den schlechten Typ überhaupt zur Teilnahme bewegen will. Dieser Sachverhalt ist deshalb ausgesprochen wichtig, weil die Informationsrente impliziert, dass die soziale Wohlfahrtsfunktion und die Zielfunktion des Getreidebauern – und dieser macht ja das Vertragsangebot – nicht mehr miteinander übereinstimmen, und er daher auch keinen Anlass mehr zur Wahl der pareto-effizienten Allokation der Ressour cen hat.17 Analoge Überlegungen können wir auch für die Anreizverträglichkeitsbedingungen anstellen. Versetzen wir uns in die Situation des Typs mit den hohen Kosten. Für ihn ist es nie lohnend, den für den guten Typ (niedrige Kosten) entworfenen Vertrag zu wählen, weil bei niedrigen Kosten niedrigere Zahlungen erforderlich sind. Also ist Ungleichung (11.11) auch nicht bindend erfüllt, weil die Wahl des Paares (zH/xH) für den schlechten Typ deutlich günstiger ist. Der gute Typ hat dagegen einen Anreiz, den schlechten Typ zu imitieren, um in den Genuss der hohen Kompensationszahlung zu kommen. Genau dies ist der Grund für das Problem der Informationsrente, das wir bezugnehmend auf die Teilnahmebedingung erläutert haben. Daher wird ein nutzenmaximierender Getreidebauer den Vertrag so aus gestalten, dass die Anreizverträglichkeitsbedingung für den guten Typ „gerade so“, also bindend erfüllt ist. Zusammenfassend ergibt dies, dass von den vier Ungleichungen lediglich die Teilnahmebedingung für den schlechten Typ (11.9) und die Anreizverträglichkeitsbedingung für den guten Typ (11.10) bindend erfüllt sind. Wenn wir in die Zielfunktion des Getreidebauern Gleichung (11.7) für zH Gleichung (11.9) und für zT Gleichung (11.10) einsetzen, so erhalten wir nach einigen Umformungen ( ( ) ( )) ( ( ) ( ))T T T T H H H HV p U x K x p U x K x= − + − ( ( ) ( ))T H H T Hp K x K x− − . (11.12) Die ersten beiden Klammern entsprechen der erwarteten sozialen Wohlfahrt, weil es sich einfach um die Differenz aus Nutzen und Kosten handelt. Die gesamte Zielfunktion 17 Bedenken Sie, dass sich die Maximierung der sozialen Wohlfahrt bei vollständiger Information in Abschnitt 7.4.2 genau dadurch ergab, dass die Zielfunktion des Getreidebauern mit der sozialen Wohlfahrtsfunktion übereinstimmte. Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 286 11 Umweltpolitik bei asymmetrischer Informationsverteilung286 des Getreidebauern ist wegen der Asymmetrie der Informationsverteilung aber nun nicht mehr mit der sozialen Wohlfahrtsfunktion identisch, weil die dritte Klammer hinzukommt. In der dritten Klammer steht genau die Informationsrente, die der Getreidebauer dem guten Typ überlassen muss. Diese Informationsrente ist die Differenz aus den Kosten des schlechten Typs bei xH und den Kosten des guten Typs bei xH. Denn der gute Typ kann sich stets (wie der schlechte Typ) für xH entscheiden, wobei er dann wegen seiner flacher verlaufenden Kostenfunktion niedrigere Kosten hat. Damit er sich dennoch für den anderen Vertrag (also für die höhere Leistung xT) entscheidet, muss ihm exakt dieser Nutzenzuwachs als Informationsrente zugestanden werden, um die Abweichung nach xH zu vermeiden. Die marginale Informationsrente, die dem guten Typ zugestanden werden muss, entspricht genau der Strecke AB in Abbildung 11.4, da diese genau die Kostendifferenz bei der niedrigen Leistung xH ist, die sich für die beiden Kostenfunktionen ergibt. In Abb. 11.4 sind wir – noch ohne Begründung – davon ausgegangen, dass sich der Getreidebauer beim schlechten Typ für ein Vertragsangebot xH entscheidet, das unter dem pareto-effizienten Angebot fHx liegt (andernfalls hätten wir die marginale Informationsrente bezüglich fHx und nicht bezüglich xH einzeichnen müssen). Wir werden die Begründung dafür später nachreichen und genau erläutern. Bestimmen wir nun die gewinnmaximalen Angebote des Getreidebauern, indem wir Gleichung (11.12) partiell nach xH und xT ableiten. Als Bedingungen erster Ordnung erhalten wir 0TT T T T V U K p x x x ∂ ∂ ∂ = − = ∂ ∂ ∂ (11.13) T T T U K x x ∂ ∂ ⇒ = ∂ ∂ (11.14) 0H H TH T H H H H H V U K K K p p x x x x x ∂ ∂ ∂ ∂ ∂ = − − − = ∂ ∂ ∂ ∂ ∂ (11.15) H H T H T H H H H U K K K p p x x x x ∂ ∂ ∂ ∂ ⇒ − = − ∂ ∂ ∂ ∂ (11.16) Für den Fall niedriger Kosten (guter Typ) erhalten wir aus Gleichung (11.14) genau die gleiche Bedingung wie bei der Maximierung der sozialen Wohlfahrtsfunktionen – der Grenznutzen der Schadstoffvermeidung entspricht den Grenzkosten. Für den guten Typ ergibt sich also trotz der Informationsasymmetrie die pareto-effiziente Allokation .fTx Dies liegt daran, dass der Getreidebauer nicht befürchten muss, dass der schlechte Typ den guten Typ imitiert und er diese potentielle Imitation daher auch nicht durch ein über f Tx liegendes Angebot verhindern muss. Für den schlechten Typ (hohe Kosten) zeigt Gleichung (11.16) aber, dass die Bedin gung erster Ordnung nicht mit der Maximierung der sozialen Wohlfahrtsfunktion übereinstimmt. Da der Ausdruck auf der rechten Seite gemäß der Definition hoher und niedriger Kosten positiv ist, muss auch der Abstand zwischen den Grenznutzen und den Grenzkosten auf der linken Seite positiv sein. Beim schlechten Typ kommt es demnach nicht zum pareto-effizienten Schnittpunkt zwischen Grenznutzen und Grenzkosten, sondern Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 287 11.4 Asymmetrische Information und das Coase-Theorem 287 zu ei nem darunter liegenden Leistungsniveau xH < f Hx (denn nur dann liegen die Grenznutzen über den Grenzkosten). Der dadurch entstehende marginale Wohlfahrtsverlust entspricht der Strecke BC in Abb. 11.4. Wie kommt es nun aber, dass der Getreidebauer diesen Wohlfahrtsverlust in Kauf nimmt, obwohl die Teilnahmebedingung für den schlechten Typ bindend erfüllt ist und damit der gesamte Wohlfahrtsverlust in diesem Fall an den Getreidebauern geht? Der Grund dafür ist, dass der Getreidebauer dem guten Typ eine Informationsrente zugestehen muss, weil dieser die Möglichkeit hat, den schlechten Typ zu imitieren. Je geringer aber xH (und damit natürlich auch zH(xH)), desto geringer ist der Imitationsanreiz für den Typ mit den niedrigen Kosten und damit auch die Informationsrente. Vom Stand punkt des Getreidebauern aus ist auch die Informationsrente eine „Ineffizienz“, weil sie seinen Nutzen reduziert. Er gleicht daher die marginale Informationsrente mit dem margi nalen Verlust durch die Differenz von xH und , f Hx gewichtet mit den Wahrscheinlichkeiten für den guten und den schlechten Typ, aus. Genau diesen Sachverhalt bringt Gleichung (11.16) zum Ausdruck. Graphisch wird dieser Abwägungsprozess deutlich, wenn wir (willkürlich) pH = pT = 0,5 setzen. Die Strecke AB in Tabelle 11.1 ist dann der marginale Nutzenverlust des Getreidebauern, der durch die Informationsrente entsteht, die er dem guten Typ überlassen muss (nämlich die Differenz aus KH und KT bei xH). BC ist dagegen der voll zu Lasten des Getreidebauern gehende Wohlfahrtsverlust beim schlechten Typ, der durch die Abweichung von xH von f Hx entsteht. Bei gleichen Wahrscheinlichkeiten für den guten und den schlechten Typ sind diese Strecken genau gleich groß. Lassen Sie uns diesen wichtigen Punkt noch etwas anders formulieren: der interessante Aspekt ist, dass die Informationsrente für den guten Typ zu einem pareto-ineffizienten Vertragsangebot an den schlechten Typ führt, weil die Informationsrente durch die Imi tation des schlechten Typs zustande kommt. Durch eine Abweichung des Vertrags für den guten Typ vom Pareto-Optimum kann dessen Informationsrente dagegen nicht vermindert werden, so dass es beim guten Typ zum Pareto-Optimum kommt. Dem Getreidebauern gelingt also das Screening zwischen den beiden Typen, aber da er dem einen Typ eine Informationsrente überlassen muss und sein Nettonutzen daher nicht mit der sozialen Wohlfahrtsfunktion übereinstimmt, kommt es auch nicht zum Pareto- Optimum. 11.4.2.3 Zusammenfassende Schlussfolgerungen Das Modell von Illing kommt bezüglich der Analyse des Coase-Theorems zu folgenden Ergebnissen: • die Behauptung von Coase, dass die Festlegung von Eigentumsrechten durch den Verhandlungsprozess der Beteiligten zur pareto-effizienten Allokation der Ressourcen führt, kann nur dann aufrechterhalten werden, wenn bestimmte Informationsstrukturen vorliegen. Wir haben den Fall untersucht, dass der Geschädigte nur unvollständig über die Vermeidungskosten des Schädigers informiert ist und dabei festgestellt, dass es beim schlechten Typ nicht zum Pareto-Optimum kommt; • ein interessanter Punkt bestand darin, dass der Geschädigte das Problem unvollständiger Information zwar nicht lösen, aber dadurch verringern kann, dass er durch verschiedene Vertragsangebote zwischen den verschiedenen Typen des Schädigers Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 288 11 Umweltpolitik bei asymmetrischer Informationsverteilung288 „screent“. Dieses Screening ist gegenüber der puren Maximierung des Erwartungsnutzens überlegen; • die Methode zur Lösung von take-it-or-leave-it-Verhandlungen bei asymmetrischer Informationsverteilung (allgemein spricht man von Principal-Agent-Problemen) besteht darin, den Nutzen des Anbieters des Vertrags (hier des Getreidebauern) unter Beachtung der Anreizverträglichkeits- und Teilnahmebedingungen der unterschiedlichen Typen des Verhandlungspartners zu maximieren;18 • sofern der Viehzüchter der gute Typ ist, kommt es zur pareto-effizienten Allokation der Ressourcen und einer gegenüber der Situation mit vollständiger Information geänderten Verteilung, weil der gute Typ (niedrige Kostenfunktion) eine Informationsrente erzielt; • für den schlechten Typ des Viehzüchters geht zwar der gesamte Wohlfahrtsgewinn aus dem Vertrag an den Getreidebauern, aber es kommt nicht zur pareto-effizienten Allokation der Ressourcen; • der Nutzen des Getreidebauern ist daher in beiden Fällen geringer als er bei vollständiger Information wäre (einmal durch den höheren Nutzen des guten Agenten, einmal durch die nicht pareto-effiziente Allokation der Ressourcen). Dies liegt daran, dass er die beiden Probleme, die durch die nicht-bindende Teilnahmebedingung des guten Typs und die nicht-bindende Anreizverträglichkeitsbedingung des schlechten Typs entstehen, gegeneinander abwägt. 11.5 Umwelttechnische Innovationen bei unvollständiger Information 11.5.1 Fragestellung und Annahmen des Modells In Abschnitt 11.3 haben wir erläutert, welche Wohlfahrtsverluste durch Abgaben und Zer tifikate entstehen können, wenn die Umweltbehörde sich bei den Grenzkostenfunktionen der Schadstoffverminderung verschätzt. Dabei haben wir das Problem wie ein Problem unter Unsicherheit behandelt, bei dem bessere Informationen einfach nicht verfügbar sind. Im Kern handelt es sich aber nicht um ein (entscheidungstheoretisches) Problem unter Unsicherheit, sondern um ein (spieltheoretisches) Problem unter asymmetrischer Informa tion. Denn analog zum vorhergehenden Abschnitt muss davon ausgegangen werden, dass die Unternehmen selbst (dort war dies der Viehzüchter) über ihre Grenzkostenfunktionen (näherungsweise) informiert sind, so dass die Umweltbehörde versuchen sollte, zwischen den unterschiedlichen möglichen Typen von Unternehmen zu unterscheiden („screenen“). Wir erläutern im Folgenden exemplarisch eine (leicht modifizierte) Version eines Modells, das sich dieser Fragestellung widmet.19 In diesem Modell wird davon ausgegangen, dass die Umweltbehörde in einem Land eine maximale Emissionshöhe festlegen möchte, ohne dadurch die internationale Konkur- 18 Diese Methode geht wesentlich auf Arbeiten von Mirrlees (1971) zurück, der dafür 1996 den Nobel preis erhielt. 19 Vgl. Carraro/Siniscalco (1992).

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Zusammenfassung

Umweltökonomie – neue Aspekte

Die rasanten Entwicklungen in der Umweltpolitik in den vergangenen Jahren führten zu umfangreichen Anpassungen in diesem beliebten Lehrbuch, die insbesondere die anwendungsorientierten Abschnitte betreffen. Hier wurden vor allem die Kapitel über die Umweltinstrumente (Auflagen, Steuern, Zertifikate), die Kosten-Nutzen-Analyse sowie die internationalen Umweltaspekte (bspw. Klimakonferenzen) grundlegend aktualisiert. Darüber hinaus enthält das Kapitel zur Ressourcenökonomie nun ebenfalls eine anwendungsbezogene Diskussion.

Umweltökonomie – die Schwerpunkte

- Spieltheoretische Grundlagen

- Theorie externer Effekte

- Auflagen

- Steuern und Abgaben

- Zertifikate

- Verhandlungslösungen

- Umwelthaftung

- Umwelttechnischer Fortschritt

- Internationale Aspekte des Umweltproblems

- Umweltpolitik bei asymmetrischer Informationsverteilung

- Kosten-Nutzen-Analyse

- Ressourcenökonomie

Zielgruppe

Studierende der Volks- und Betriebswirtschaftslehre an Universitäten und Hochschulen sowie interessierte Praktiker in Wirtschaft, Politik und Verwaltung

Prof. Dr. Eberhard Feess ist seit 2008 Professor für Managerial Economics an der Frankfurt School of Finance and Management. Zuvor hatte er Lehrstühle an der EBS, der Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt und der RWTH Aachen.

Prof. Dr. Andreas Seeliger lehrt seit 2011 Volks- und Energiewirtschaftslehre an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Mosbach. Zuvor war er bei Frontier Economics, der Trianel European Energy Trading sowie dem Energiewirtschaftlichen Institut an der Universität zu Köln beschäftigt.