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11.3.3 Fehleinschätzung der Grenzkostenfunktion der Schadstoffvermeidung in:

Eberhard Feess, Andreas Seeliger

Umweltökonomie und Umweltpolitik, page 285 - 289

4. Edition 2013, ISBN print: 978-3-8006-4668-5, ISBN online: 978-3-8006-4365-3, https://doi.org/10.15358/9783800643653_285

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Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 276 11 Umweltpolitik bei asymmetrischer Informationsverteilung276 hen würden,7 bleibt der Vorteil marktorientierter Instrumente bei Unsicherheiten über die Grenznutzen bestehen, da sich der Vorteil ja nicht aus der Pareto-, sondern aus der Kosteneffizienz zur Erreichung jedes beliebigen Umweltstandards ergibt. 11.3.3 Fehleinschätzung der Grenzkostenfunktion der Schadstoffvermeidung Kommen wir nun zu dem Fall, in dem die Umweltbehörde einer Fehleinschätzung der aggregierten Grenzkostenfunktion unterliegt. Die Abbildungen 11.2 und 11.3 zeigen eine steile Grenznutzenfunktion, so dass der Grenznutzen mit jeder zusätzlichen Emissionsver minderung schnell sinkt. Die Grenzkostenfunktion ist flach, d.h. die Kosten jeder zusätz lich vermiedenen Einheit sind relativ konstant. Die Umweltbehörde geht fälschlicherweise von der Grenzkostenfunktion 1K V∂ / ∂ aus, während die wirkliche Grenzkostenfunktion 2K V∂ / ∂ unterhalb von 1K V∂ / ∂ verläuft. Dies kann beispielsweise darauf zurückzuführen sein, dass die Unternehmen in ihren Gesprächen mit der 7 Auflagen können nicht unmittelbar in dieses Modell integriert werden, weil es dort ja nicht zum Ausgleich der Grenzkosten aller beteiligten Unternehmen kommt. Es ist deshalb nicht möglich, von der aggregierten Grenzkostenfunktion auszugehen. t f = p fz C B V 1 V f A ∂U2 ∂V ∂U1 ∂V V X 0 ∂K ∂V ∂K ∂V ∂U ∂V t1 = p1z Abbildung 11.1: Unsicherheit über die Grenznutzen der Schadstoffreduktion Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 277 11.3 Abgaben und Zertifikate unter Unsicherheit 277 Umweltbehörde die entstehen den Umweltschutzkosten übertreiben, um eine moderate Umweltpolitik zu bewirken. Die Abbildungen 11.2 und 11.3 zeigen die Ergebnisse für Abgaben und Zertifikate. Da die Umweltbehörde von 1K V∂ / ∂ ausgeht, entscheidet sie sich für den Abgabensatz t1 und erwartet die Emissionsverminderung V 1. Die vorgesehene Schadstoffreduktion liegt also unter der optimalen, weil die Umweltbehörde ja die Grenzkosten überschätzt. Bei der Schadstoffvermeidung interessieren sich die Unternehmen verständlicherweise nicht für die Einschätzung der Umweltbehörde, sondern sie orientieren sich am Vergleich t1 t f A B V fV 1 V 2 V D ∂U ∂V ∂K ∂V ∂U ∂V ∂K1 ∂V ∂K 2 ∂V Abbildung 11.2: Steuern bei Überschätzung der Grenzkostenfunktion ∂K1 ∂V ∂K 2 ∂V ∂U ∂V p2z p fz p1z V fV 1 V A C D ∂U ∂V ∂K ∂V Abbildung 11.3: Zertifikate bei Überschätzung der Grenzkostenfunktion Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 278 11 Umweltpolitik bei asymmetrischer Informationsverteilung278 des (falschen) Steuersatzes mit ihren wirklichen Grenzkosten 2( ).K V∂ / ∂ Dies führt zur Schadstoffre duktion V 2. Die pareto-effiziente Emissionsverminderung liegt bei V f. Werden die Grenzkosten von der Umweltbehörde überschätzt, so kommt es bei der Abgabenregelung demnach zu einer Emissionsverminderung, die – gemessen am Pareto- Optimum – zu hoch ist. Dies ist darauf zurückzuführen, dass die Umweltbehörde annimmt, dass die Unternehmen auf Grund hoher vermuteter Grenzkosten schon bei einer recht ge ringen Schadstoffreduktion lieber die Abgabe bezahlen und daher ein hoher Abgabensatz erforderlich ist, um die gewünschte Umweltqualität zu erreichen. Es stellt sich somit das nicht reizlose Resultat ein, dass die Unternehmen gerade durch ihre Übertreibung der Grenzkosten eine zu hohe Abgabe provozieren, sofern die Umweltbehörde ihnen glaubt und sich konsequent am vermuteten Optimum orientiert. Bei der Zertifikatelösung limitiert die Umweltbehörde die Umweltverschmutzung auf ein Niveau, das eine Schadstoffreduktion in Höhe von V 1 impliziert (denken Sie wieder an die spiegelbildliche Darstellung, wenn wir auf der Abszisse nicht die Schadstoffreduktion, sondern -emission darstellen). Der zugehörige Zertifikate preis pendelt sich dann nicht wie erwartet bei 1,zp sondern bei 2 zp ein, was allerdings an der Schadstoffvermeidung V 1 nichts ändert. Wenn wir die Ergebnisse der Abgaben- und der Zertifikatelösung miteinander vergleichen, so stellen wir fest, dass sich bei Unsicherheit über die Grenzkosten entgegengesetzte Ergebnisse einstellen: Wenn die Grenzkostenfunktion von der Umweltbehörde überschätzt wird, so ist bei Abgaben die Schadstoffreduktion gemessen am Optimum zu hoch und bei Zertifikaten zu niedrig. Dies liegt daran, dass bei Zertifikaten die von der Umweltbehörde vorgegebene Menge völlig unabhängig von der wirklichen Grenzkostenfunktion eingehal ten werden muss und eine Überschätzung der Grenzkostenfunktion dazu führt, dass die Umweltbehörde die optimale Schadstoffreduktion unterschätzt. Bei Abgaben geht sie zwar vom gleichen (fehlerhaften) Optimum aus, die Vorgabe eines (hohen) Preises führt aber bei niedrigen Grenzkosten dazu, dass die Unternehmen lieber vermeiden als bezahlen. Deshalb sind die Resultate nicht mehr identisch, sondern entgegengesetzt. Unterschätzt die Umweltbehörde die Grenzkostenfunktion, so ergeben sich spiegelbildliche Resultate, wie man in den Abbildungen 11.2 und 11.3 leicht durch Vertauschen von 1K V∂ / ∂ und 2K V∂ / ∂ sieht: Bei der Abgabenlösung wählt die Umweltbehörde einen zu niedrigen Preis, der die Unternehmen zur Zahlung der Abgabe und damit zu einer gemessen am Optimum zu geringen Schadstoffreduktion bewegt. Bei der Mengenlösung werden zu wenig Zertifikate ausgegeben; die geforderte Emissionsverminderung ist also zu hoch. Diese hohe Emissionsverminderung muss unabhängig von der wirklichen Grenz kostenfunktion durchgeführt werden, so dass die Schadstoffreduktion über dem Optimum liegt. Tabelle 11.1 fasst die Ergebnisse für die Über- und Unterschätzung der Grenzko stenfunktion bei Abgaben und Zertifikaten tabellarisch zusammen. Neben diesen Unterschieden interessiert uns natürlich, welche Wohlfahrtsverluste bei den beiden Instrumenten entstehen, wenn die Grenzkostenfunktionen falsch eingeschätzt werden. Dazu betrachten wir den Fall einer Überschätzung der Grenzkostenfunktion durch die Umweltbehörde; der zweite Fall kann ganz analog behandelt werden. Bei der Ab gabenlösung werden die Schadstoffe über das optimale Niveau V f hinaus auch dann noch reduziert, wenn die Grenzkosten gemäß der wirklichen Funktion 2K V∂ / ∂ schon Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 279 11.3 Abgaben und Zertifikate unter Unsicherheit 279 über den Grenznutzen liegen. Der dadurch entstehende Wohlfahrtsverlust entspricht dem Dreieck DBA in Abbildung 11.2 (nämlich der über alle zuviel reduzierten Einheiten aufsummier ten Differenz aus Grenzkosten und -nutzen).8 Bei der Zertifikatelösung wird die Schadstoffreduktion dagegen zu früh eingestellt, weil die Grenzkostenfunktion 2K V∂ / ∂ zwischen V 1 und V f noch unter der Grenznutzenfunktion U V∂ / ∂ liegt. Die Wohlfahrtsverluste entsprechen dem Dreieck DAC in Abbildung 11.3, das kleiner ist als das Dreieck DBA in Abbildung 11.2. Dies zeigt, dass in unserem Beispiel der durch die Fehleinschätzung der Grenzkosten entstehende Wohlfahrtsverlust bei Zertifikaten kleiner ist als bei Abgaben. Grenzvermeidungskosten Instrument Grenzvermeidungskosten sind niedriger als erwartet Grenzvermeidungskosten sind höher als erwartet Abgaben Die optimale Umweltqualität wird überschritten (der Abgabesatz ist zu hoch und es werden weniger Abgaben gezahlt als erwartet) Die optimale Umweltqualität wird unterschritten (der Abgabesatz ist zu niedrig und es werden mehr Abgaben gezahlt als erwartet) Zertifikate Die optimale Umweltqualität wird unterschritten; der Preis der Zertifikate ist zu niedrig Die optimale Umweltqualität wird überschritten; der Preis der Zertifikate ist zu hoch Tabelle 11.1: Steuern und Zertifikate bei Unsicherheit über die Grenzkostenfunktion: Tabellarische Auswertung Dies gilt allerdings keineswegs immer, sondern liegt daran, dass die Grenznutzenfunktion relativ steil und die Grenzkostenfunktion relativ flach verläuft. Eine flache Grenz kostenfunktion bedeutet, dass die Grenzkosten langsam auf eine Änderung des Reini gungsgrades reagieren. Im Umkehrschluss folgt daraus, dass die Emissionsverminderung stark auf Preisänderungen reagiert, weil es bei einer langsamen Reaktion der Grenzko sten einer großen Mengenänderung bedarf, um bei falschen Abgaben zum Ausgleich der (falschen) Abgabe mit der wirklichen Grenzkostenfunktion zu kommen. Selbst geringfü gig falsche Abgabesätze führen deshalb zu großen Abweichungen der wirklichen von der optimalen Schadstoffreduktion. Zusätzlich bewirkt die steile Grenznutzenfunktion, dass sich jede Veränderung der Schadstoffvermeidung stark auf den Grenznutzen auswirkt und die Konsequenzen falscher Schadstoffreduktionen auf den Gesamtnutzen daher hoch sind: Abbildung 11.2 zeigt, dass das Dreieck DBA ceteris paribus umso größer ist, je steiler die Grenznutzenfunktion ist. Es ergibt sich somit das Resultat, dass bei der Abgabenlösung der Wohlfahrtsverlust durch eine Fehleinschätzung der Grenzkosten umso größer ist, je steiler die Grenznutzen- und je flacher die Grenzkostenfunktion ist. Bei der Zertifikatelösung führen eine flache Grenzkosten- und eine steile Grenznutzenfunktion hingegen dazu, dass die Abweichung der vorgegebenen Emissionsverminderung (V 1) von der optimalen (V f) gering ist: Bei einer senkrechten Grenznutzenfunktion 8 Selbstverständlich bezieht sich der Begriff „Wohlfahrtsverlust“ nicht auf den Vergleich mit dem Zu stand ohne Umweltpolitik, sondern mit dem Zustand der optimalen Umweltpolitik. Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 280 11 Umweltpolitik bei asymmetrischer Informationsverteilung280 sind V 1 und V f unabhängig vom Ausmaß der Fehleinschätzung über die Grenzkostenfunktion identisch. Wir können somit zusammenfassend (und nur leicht vereinfachend) festhalten, dass die Abgabenlösung gegenüber der Zertifikatelösung überlegen (unterlegen) ist, sofern die Grenznutzenfunktion im relevanten Bereich flacher (steiler) ist als die Funktion der Grenzkosten. Man könnte Zertifikate also in Bereichen favorisieren, in denen jede zusätzlich vermiedene Emissionseinheit im relevanten Bereich ungefähr gleichviel kostet wie die Einheiten zuvor (flache Grenzkostenfunktion). Obwohl praktische Schlussfolgerungen wegen der bestehenden Unsicherheiten über die Funktionsverläufe mit großer Vorsicht zu genie- ßen sind, kann man vielleicht vermuten, dass dies beispielsweise bei der CO2-Reduktion eher zutrifft als bei der SO2-Verminderung, einfach weil es sehr viele Möglichkeiten des Energiesparens gibt. Bei SO2 wissen wir dagegen z.B. für den Kraftwerkssektor, dass die Grenzkosten mit zunehmender Vermeidung ebenfalls zunehmen. Allerdings sind diese Überlegungen bei gegenwärtiger Kenntnis der Sachlage wie gesagt recht hypothetisch. Ferner ist zu bedenken, dass wir in diesem Abschnitt davon ausgingen, dass die Umweltbehörde ihren Informationsstand einfach als gegeben hinnimmt und keinen Versuch startet, die Unternehmen zur Offenbarung ihrer wirklichen Grenzkostenfunktionen zu bewegen. Derartige Überlegungen integrieren wir in den folgenden Abschnitten. 11.4 Asymmetrische Information und das Coase-Theorem 11.4.1 Überblick Im 7. Kapitel haben wir das Coase-Theorem ausführlich untersucht und dabei gezeigt, dass bei einer symmetrischen Informationsverteilung durch Verhandlungen ein Pareto- Optimum erreicht werden kann. Die Integration des Coase-Theorems in die moderne spiel theoretische Verhandlungstheorie belegt dabei die Intuition, dass die Aufteilung des Ver handlungsgewinns davon abhängt, wie das Verhandlungsspiel spezifiziert wird. Wir hatten angenommen, dass der Getreidebauer dem Viehzüchter ein take-it-or-leaveit-Angebot macht, worunter verstanden wird, dass die Verhandlungen zum Stillstand kommen, sofern der Viehzüchter das Angebot ablehnt. Da der Viehzüchter unter diesen Umständen (und bei unterstelltem Rationalverhalten) jedes Angebot annehmen wird, das ihm min destens den gleichen Nutzen bringt wie die Ablehnung des Angebots, geht der gesamte Verhandlungsgewinn an den Getreidebauern. Können beide Verhandlungspartner dage gen abwechselnd Angebote und Gegenangebote machen und ist der Diskontsatz Null, so befinden sich beide in der gleichen Situation, so dass es auch zu einer gleichmäßigen Aufteilung des Verhandlungsgewinns kommt. In diesem Abschnitt prüfen wir nun, ob sich ein Pareto-Optimum auch dann einstellt, wenn eine asymmetrische Informationsverteilung besteht. Dazu erläutern wir ein interes santes Modell von Gerhard Illing, in dem (übertragen auf das hier verwendete Beispiel) angenommen wird, dass der Getreidebauer über die Nutzenfunktion des Viehzüchters nicht vollständig informiert ist.9 Es zeigt sich, dass der Getreidebauer durch geschickte Verträge zwar die wirkliche Nutzenfunktion des Viehzüchters erfährt, er 9 Vgl. Illing (1992).

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References

Zusammenfassung

Umweltökonomie – neue Aspekte

Die rasanten Entwicklungen in der Umweltpolitik in den vergangenen Jahren führten zu umfangreichen Anpassungen in diesem beliebten Lehrbuch, die insbesondere die anwendungsorientierten Abschnitte betreffen. Hier wurden vor allem die Kapitel über die Umweltinstrumente (Auflagen, Steuern, Zertifikate), die Kosten-Nutzen-Analyse sowie die internationalen Umweltaspekte (bspw. Klimakonferenzen) grundlegend aktualisiert. Darüber hinaus enthält das Kapitel zur Ressourcenökonomie nun ebenfalls eine anwendungsbezogene Diskussion.

Umweltökonomie – die Schwerpunkte

- Spieltheoretische Grundlagen

- Theorie externer Effekte

- Auflagen

- Steuern und Abgaben

- Zertifikate

- Verhandlungslösungen

- Umwelthaftung

- Umwelttechnischer Fortschritt

- Internationale Aspekte des Umweltproblems

- Umweltpolitik bei asymmetrischer Informationsverteilung

- Kosten-Nutzen-Analyse

- Ressourcenökonomie

Zielgruppe

Studierende der Volks- und Betriebswirtschaftslehre an Universitäten und Hochschulen sowie interessierte Praktiker in Wirtschaft, Politik und Verwaltung

Prof. Dr. Eberhard Feess ist seit 2008 Professor für Managerial Economics an der Frankfurt School of Finance and Management. Zuvor hatte er Lehrstühle an der EBS, der Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt und der RWTH Aachen.

Prof. Dr. Andreas Seeliger lehrt seit 2011 Volks- und Energiewirtschaftslehre an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Mosbach. Zuvor war er bei Frontier Economics, der Trianel European Energy Trading sowie dem Energiewirtschaftlichen Institut an der Universität zu Köln beschäftigt.