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11.3.1 Überblick in:

Eberhard Feess, Andreas Seeliger

Umweltökonomie und Umweltpolitik, page 283 - 284

4. Edition 2013, ISBN print: 978-3-8006-4668-5, ISBN online: 978-3-8006-4365-3, https://doi.org/10.15358/9783800643653_283

Bibliographic information
Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 274 11 Umweltpolitik bei asymmetrischer Informationsverteilung274 11.3 Abgaben und Zertifikate unter Unsicherheit – eine  einfache graphische Analyse 11.3.1 Überblick In den Kapiteln 5 und 6 wurde gezeigt, dass Abgaben und Zertifikate zur kosteneffizienten Schadstoffvermeidung führen. Dabei wurde hervorgehoben, dass dies keinerlei Kenntnisse der Umweltbehörde über die Vermeidungskostenfunktionen der beteiligten Unternehmen voraussetzt, da sich die Unternehmen unabhängig von der Höhe des Steuersatzes (Preis lösung) oder der insgesamt zulässigen Emissionshöhe (Mengenlösung) am Ausgleich von Preis und Grenzkosten orientieren und daher im Endeffekt alle Grenzkosten der Vermei dung identisch sind. Als Vorteil der Zertifikate wurde dabei hervorgehoben, dass diese in jedem Fall zur Einhaltung der gewünschten Gesamtemissionsmenge führen, während dies bei Abgaben die Kenntnis der aggregierten Grenzkostenfunktion seitens der Umweltbe hörde voraussetzt. Die kosteneffiziente Schadstoffvermeidung impliziert allerdings noch nicht, dass auch die pareto-effiziente Schadstoffmenge vermieden wird: Dies setzt sowohl bei Abgaben als auch bei Zertifikaten die Kenntnis der aggregierten Grenznutzen- und Grenzkostenfunktionen voraus, damit das Optimum Ef bestimmt werden kann.4 In diesem Abschnitt untersuchen wir, welche am Pareto-Optimum gemessenen Wohlfahrtsverluste sich bei Abgaben und Zertifikaten ergeben, wenn die Umweltbehörde keine vollständige Information über die relevanten Funktionen besitzt. Dabei unterstellen wir, dass die Umweltbehörde eine der beiden Funktionen (d.h. die Grenznutzen- oder die Grenzkostenfunktion) falsch einschätzt und ihre Abgaben- oder Zertifikatevorgabe an dieser Fehleinschätzung orientiert.5 Bezüglich der Grenznutzenfunktion der Schadstoffver minderung (bzw. den Grenzschäden durch Emissionen) ist dabei die Annahme plausibel, dass die Kenntnis der Umweltbehörde zwar nicht perfekt, aber auch nicht schlechter ist als die der emittierenden Unternehmen (obwohl es natürlich auch sein kann, dass diese die Schädlichkeit ihrer Emissionen besser einschätzen können). Bezüglich der Grenzkosten funktionen handelt es sich dagegen wirklich um asymmetrische Informationsverteilung, weil diese den Unternehmen besser bekannt sind als der Umweltbehörde. In beiden Fällen gehen wir wie einleitend (Abschnitt 11.1) erwähnt aber davon aus, dass die Umweltbe hörde ihren Informationsstand als unveränderlich betrachtet und ihre Vorgaben einfach an den Funktionen ausrichtet, die ihrer Schätzung entsprechen. Wir betrachten also in Abschnitt 11.3 noch nicht die Möglichkeit, dass die Umweltbehörde versucht, die Unter nehmen durch geschickte Verträge zur Preisgabe ihrer Informationen zu bewegen. 4 Dies wurde bereits im zweiten Kapitel ausführlich erläutert. 5 Vgl. zum Folgenden z.B. Kemper (1993). Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 275 11.3 Abgaben und Zertifikate unter Unsicherheit 275 11.3.2 Fehleinschätzung der Grenznutzenfunktion der Schadstoffvermeidung In vielen praxisrelevanten Fällen lassen sich die Kosten der Emissionsverminderung recht gut abschätzen, während der Nutzen der verbesserten Umweltqualität zahlreichen Un sicherheiten unterworfen ist: Die ökologischen Zusammenhänge sind nicht hinreichend bekannt, und die Bewertung der Umweltqualität bereitet arge Schwierigkeiten.6 Wir be trachten daher zunächst die Situation, in der die Grenzkostenfunktionen bekannt sind, während die Grenzschäden – und damit die Grenznutzen der Schadstoffreduktion – un terschätzt werden. Dabei gehen wir stets von den aggregierten Grenzkosten- und Grenz nutzenfunktionen aus. Die Umweltbehörde vermutet als Grenznutzenfunktion der Schadstoffvermeidung 1 ,U V∂ / ∂ während die richtige Funktion durch 2U V∂ / ∂ dargestellt wird. Im Falle der Abgabenregelung wählt die Umweltbehörde t1, weil sie das Optimum ja im Schnittpunkt von 1U V∂ / ∂ und K V∂ / ∂ vermutet. Mit diesem falschen Abgabensatz erreicht die Umweltbehörde eine Schadstoffverminderung in Höhe von V 1. Diese Menge entspricht der von der Umweltbehörde vorgesehenen Schadstoffreduktion, was einfach daran liegt, dass für die Höhe der tatsächlich durchgeführten Emissionsvermeidung ausschließlich der Steuer satz und die Grenzkostenfunktion relevant sind, während die Grenznutzenfunktion keine Rolle spielt. Analog wird bei der Zertifikatelösung das zulässige Emissionsniveau so fixiert, dass eine Verminderung von V 1 erreicht wird; der zugehörige Zertifikatepreis 1zp entspricht dem Abgabensatz t1. Die pareto-effiziente Emissionsverminderung liegt dagegen im Schnitt punkt der wirklichen Grenznutzenfunktion mit der Funktion der Grenzkosten und somit bei V f. Zur Bestimmung des durch die Fehleinschätzung der Nutzenfunktion hervorgerufenen Wohlfahrtsverlustes verwenden wir das Konzept der Summe aus Konsumenten- und Pro duzentenrente: Im Optimum entspricht der gesamte Nutzen aus der Schadstoffreduktion der Fläche unter der Grenznutzenfunktion und somit der Fläche OV f AX in Abbildung 11.1. Die (variablen) Gesamtkosten sind das Integral unter der Grenzkostenfunktion und somit das Dreieck OV fA; der Wohlfahrtsgewinn als Differenz aus Nutzen und Kosten entspricht dem Dreieck OAX. Aus analogen Überlegungen ergibt sich bei der fälschlicherweise angestrebten Schadstoffreduktion V 1 ein suboptimaler Wohlfahrtsgewinn in Höhe von OBCX. Die Differenz des maximalen Wohlfahrtsgewinns OAX und des bei V 1 erzielten Wohlfahrtsgewinns OB CX entspricht dem Dreieck BAC und drückt den Wohlfahrtsverlust aus, der durch die unvollständige Information entsteht. Der entscheidende Punkt bei der Fehleinschätzung der Grenznutzenfunktion ist, dass der Wohlfahrtsverlust für Abgaben und Zertifikate identisch ist. Die ausschließliche Un kenntnis bezüglich der Grenznutzenfunktion spielt daher keine Rolle bei der relativen Beurteilung der beiden Instrumente. Dies liegt einfach daran, dass bei bekannter Grenz kostenfunktion sowohl die Abgaben- als auch die Zertifikatelösung zu V1 führen, so dass kein Unterschied bestehen kann. Da für die Auflage ähnliche Probleme entste- 6 Vgl. hierzu ausführlich unten, Kapitel 12.

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References

Zusammenfassung

Umweltökonomie – neue Aspekte

Die rasanten Entwicklungen in der Umweltpolitik in den vergangenen Jahren führten zu umfangreichen Anpassungen in diesem beliebten Lehrbuch, die insbesondere die anwendungsorientierten Abschnitte betreffen. Hier wurden vor allem die Kapitel über die Umweltinstrumente (Auflagen, Steuern, Zertifikate), die Kosten-Nutzen-Analyse sowie die internationalen Umweltaspekte (bspw. Klimakonferenzen) grundlegend aktualisiert. Darüber hinaus enthält das Kapitel zur Ressourcenökonomie nun ebenfalls eine anwendungsbezogene Diskussion.

Umweltökonomie – die Schwerpunkte

- Spieltheoretische Grundlagen

- Theorie externer Effekte

- Auflagen

- Steuern und Abgaben

- Zertifikate

- Verhandlungslösungen

- Umwelthaftung

- Umwelttechnischer Fortschritt

- Internationale Aspekte des Umweltproblems

- Umweltpolitik bei asymmetrischer Informationsverteilung

- Kosten-Nutzen-Analyse

- Ressourcenökonomie

Zielgruppe

Studierende der Volks- und Betriebswirtschaftslehre an Universitäten und Hochschulen sowie interessierte Praktiker in Wirtschaft, Politik und Verwaltung

Prof. Dr. Eberhard Feess ist seit 2008 Professor für Managerial Economics an der Frankfurt School of Finance and Management. Zuvor hatte er Lehrstühle an der EBS, der Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt und der RWTH Aachen.

Prof. Dr. Andreas Seeliger lehrt seit 2011 Volks- und Energiewirtschaftslehre an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Mosbach. Zuvor war er bei Frontier Economics, der Trianel European Energy Trading sowie dem Energiewirtschaftlichen Institut an der Universität zu Köln beschäftigt.