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11.2 Formen asymmetrischer Information und ihre Bedeutung in:

Eberhard Feess, Andreas Seeliger

Umweltökonomie und Umweltpolitik, page 282 - 283

4. Edition 2013, ISBN print: 978-3-8006-4668-5, ISBN online: 978-3-8006-4365-3, https://doi.org/10.15358/9783800643653_282

Bibliographic information
Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 273 11.2 Formen asymmetrischer Information und ihre Bedeutung 273 11.2 Formen asymmetrischer Information und ihre Bedeutung Wie einleitend erwähnt versteht man unter asymmetrischer Information, dass es relevante Sachverhalte gibt, über die die Beteiligten „eines Spiels“ unterschiedlich gut informiert sind. Dabei gibt es zwei Grundformen einer asymmetrischen Informationsverteilung, die unter den Begriffen unvollständige und unvollkommene Information behandelt werden. Unter unvollständiger Information versteht man, dass die Beteiligten über bestimmte Eigenschaften unterschiedlich informiert sind, die während des Spiels nicht beeinflusst werden können. Für diesen Fall werden in der Literatur die Begriffe unvollständige In formation, unbekannte Typen, hidden information und adverse selection verwendet. Es ist offensichtlich, dass in praktisch allen ökonomisch relevanten Entscheidungssituationen mit unvollständiger Information gerechnet werden muss: denken Sie etwa an Versiche rungssitua tio nen, in denen der Versicherungsnehmer sein Krankheitsrisiko besser kennt als der Versicherungsträger, an die Qualität von Restaurants, die die Besitzer besser ein schätzen können als die Kunden, an die Fähigkeiten von Arbeitnehmern, die diese besser kennen als die (potentiellen) Arbeitgeber oder an Oligopolsituationen, in denen ein Un ternehmen die Kostenfunktion eines anderen nicht kennt. Im Zusammenhang mit der Umweltpolitik spielt die unvollständige Information eine herausragende Rolle, weil häufig angenommen werden muss, dass die emittierenden Unternehmen ihre Grenzkosten der Schadstoffvermeidung oder die Schädlichkeit der emittierten Substanzen besser kennen als die Umweltbehörde. Im Unterschied zur unvollständigen Information versteht man unter unvollkommener Information, dass zwar die Eigenschaften aller Beteiligten zu Beginn des Spiels bekannt sind, aber bestimmte Spielzüge (Handlungen, Aktionen) der Spieler unbeobachtbar sind. Bei dieser Art von Informationsasymmetrie spricht man synonym auch von unbeobachtbaren Aktionen, hidden action und moral hazard. Im Unterschied zur unvollständigen Information bezieht sich unvollkommene Information also auf Veränderungen, die durch (bewusst gewählte) Spielzüge zustande kommen. Auch hier gibt es zahllose Beispiele, die die Praxisrelevanz des moral hazard-Problems sofort deutlich machen: denken Sie etwa wieder an Versicherungen, die das Fahrverhalten ihrer Kunden nicht vollständig beob achten können oder an einen Abteilungsleiter im Unternehmen, der den Arbeitseinsatz seiner Mitarbeiter nicht beobachten kann. Auch im Umweltbereich spielt unvollkommene Information eine Rolle, wenn beispielsweise die Umweltbehörden nicht eindeutig klären können, welches Unternehmen die Schadstoffe in einen See eingeleitet hat (und die Emis sionen in diesem Sinne unbeobachtbar sind). Wir werden uns in den folgenden Abschnitten allerdings auf unvollständige Informa tion in Form unbekannter Grenzkosten der Schadstoffvermeidung beschränken, weil dies die im Umweltbereich naheliegendste und praktisch vermutlich wichtigste Form einer asymmetrischen Informationsverteilung ist. heit aufgrei fen und das Coase-Theorem anschließend behandeln. Der Grund ist, dass das geschilderte Modell zum Coase-Theorem besonders gut geeignet ist, um die mit einer asymmetrischen Informationsverteilung verbundenen Schwierigkeiten zu erläutern, und daher vorgezogen wird. Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 274 11 Umweltpolitik bei asymmetrischer Informationsverteilung274 11.3 Abgaben und Zertifikate unter Unsicherheit – eine  einfache graphische Analyse 11.3.1 Überblick In den Kapiteln 5 und 6 wurde gezeigt, dass Abgaben und Zertifikate zur kosteneffizienten Schadstoffvermeidung führen. Dabei wurde hervorgehoben, dass dies keinerlei Kenntnisse der Umweltbehörde über die Vermeidungskostenfunktionen der beteiligten Unternehmen voraussetzt, da sich die Unternehmen unabhängig von der Höhe des Steuersatzes (Preis lösung) oder der insgesamt zulässigen Emissionshöhe (Mengenlösung) am Ausgleich von Preis und Grenzkosten orientieren und daher im Endeffekt alle Grenzkosten der Vermei dung identisch sind. Als Vorteil der Zertifikate wurde dabei hervorgehoben, dass diese in jedem Fall zur Einhaltung der gewünschten Gesamtemissionsmenge führen, während dies bei Abgaben die Kenntnis der aggregierten Grenzkostenfunktion seitens der Umweltbe hörde voraussetzt. Die kosteneffiziente Schadstoffvermeidung impliziert allerdings noch nicht, dass auch die pareto-effiziente Schadstoffmenge vermieden wird: Dies setzt sowohl bei Abgaben als auch bei Zertifikaten die Kenntnis der aggregierten Grenznutzen- und Grenzkostenfunktionen voraus, damit das Optimum Ef bestimmt werden kann.4 In diesem Abschnitt untersuchen wir, welche am Pareto-Optimum gemessenen Wohlfahrtsverluste sich bei Abgaben und Zertifikaten ergeben, wenn die Umweltbehörde keine vollständige Information über die relevanten Funktionen besitzt. Dabei unterstellen wir, dass die Umweltbehörde eine der beiden Funktionen (d.h. die Grenznutzen- oder die Grenzkostenfunktion) falsch einschätzt und ihre Abgaben- oder Zertifikatevorgabe an dieser Fehleinschätzung orientiert.5 Bezüglich der Grenznutzenfunktion der Schadstoffver minderung (bzw. den Grenzschäden durch Emissionen) ist dabei die Annahme plausibel, dass die Kenntnis der Umweltbehörde zwar nicht perfekt, aber auch nicht schlechter ist als die der emittierenden Unternehmen (obwohl es natürlich auch sein kann, dass diese die Schädlichkeit ihrer Emissionen besser einschätzen können). Bezüglich der Grenzkosten funktionen handelt es sich dagegen wirklich um asymmetrische Informationsverteilung, weil diese den Unternehmen besser bekannt sind als der Umweltbehörde. In beiden Fällen gehen wir wie einleitend (Abschnitt 11.1) erwähnt aber davon aus, dass die Umweltbe hörde ihren Informationsstand als unveränderlich betrachtet und ihre Vorgaben einfach an den Funktionen ausrichtet, die ihrer Schätzung entsprechen. Wir betrachten also in Abschnitt 11.3 noch nicht die Möglichkeit, dass die Umweltbehörde versucht, die Unter nehmen durch geschickte Verträge zur Preisgabe ihrer Informationen zu bewegen. 4 Dies wurde bereits im zweiten Kapitel ausführlich erläutert. 5 Vgl. zum Folgenden z.B. Kemper (1993).

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References

Zusammenfassung

Umweltökonomie – neue Aspekte

Die rasanten Entwicklungen in der Umweltpolitik in den vergangenen Jahren führten zu umfangreichen Anpassungen in diesem beliebten Lehrbuch, die insbesondere die anwendungsorientierten Abschnitte betreffen. Hier wurden vor allem die Kapitel über die Umweltinstrumente (Auflagen, Steuern, Zertifikate), die Kosten-Nutzen-Analyse sowie die internationalen Umweltaspekte (bspw. Klimakonferenzen) grundlegend aktualisiert. Darüber hinaus enthält das Kapitel zur Ressourcenökonomie nun ebenfalls eine anwendungsbezogene Diskussion.

Umweltökonomie – die Schwerpunkte

- Spieltheoretische Grundlagen

- Theorie externer Effekte

- Auflagen

- Steuern und Abgaben

- Zertifikate

- Verhandlungslösungen

- Umwelthaftung

- Umwelttechnischer Fortschritt

- Internationale Aspekte des Umweltproblems

- Umweltpolitik bei asymmetrischer Informationsverteilung

- Kosten-Nutzen-Analyse

- Ressourcenökonomie

Zielgruppe

Studierende der Volks- und Betriebswirtschaftslehre an Universitäten und Hochschulen sowie interessierte Praktiker in Wirtschaft, Politik und Verwaltung

Prof. Dr. Eberhard Feess ist seit 2008 Professor für Managerial Economics an der Frankfurt School of Finance and Management. Zuvor hatte er Lehrstühle an der EBS, der Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt und der RWTH Aachen.

Prof. Dr. Andreas Seeliger lehrt seit 2011 Volks- und Energiewirtschaftslehre an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Mosbach. Zuvor war er bei Frontier Economics, der Trianel European Energy Trading sowie dem Energiewirtschaftlichen Institut an der Universität zu Köln beschäftigt.