Content

10.1 Überblick in:

Eberhard Feess, Andreas Seeliger

Umweltökonomie und Umweltpolitik, page 223 - 224

4. Edition 2013, ISBN print: 978-3-8006-4668-5, ISBN online: 978-3-8006-4365-3, https://doi.org/10.15358/9783800643653_223

Bibliographic information
Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 213 10 Internationale Aspekte des Umweltproblems 10.1 Überblick In einigen der vorhergehenden Kapitel wurde die internationale Dimension des Umweltproblems bereits explizit angesprochen. So wurde in Abschnitt 5.6 erläutert, dass gerade bei grenzüberschreitenden Schadstoffen wie SO2 der Übergang von Auflagen zu Abgaben angesichts stark unterschiedlicher Vermeidungskosten erhebliche Kostensenkungen ermöglicht. Dabei wurden bereits zwei Kernprobleme der internationalen Umweltpolitik erwähnt: Erstens ist es für jedes Land rational, lediglich die Schadstoffimmissionen im Inland zu berücksichtigen, so dass bei grenzüberschreitenden Schadstoffen nicht die gesamte Schädlichkeit der Emissionen einbezogen wird (ein Teil der Emissionen wandert bei grenzüberschreitenden Schadstoffen ja definitionsgemäß ins Ausland). Zweitens können von einer internationalen Koordination zwar alle beteiligten Nationen profitieren, doch ist die Aufteilung der Verhandlungsgewinne theoretisch beliebig. Es muss daher stets damit gerechnet werden, dass effiziente Lösungen durch Verteilungskämpfe blockiert werden. So wurde beispielsweise der Hauptteil der Weltenergiekonferenz in Berlin 1995 damit verbracht, einen für alle teilnehmenden Nationen akzeptablen Kompromiss über Abstimmungsregeln zu finden. Wenn man die internationale Dimension der Umweltproblematik anspricht, so lassen sich unseres Erachtens zwei Kerngebiete analytisch unterscheiden: • der erste Problemkreis betrifft direkt den grenzüberschreitenden oder globalen Charakter von Umweltproblemen und die Schwierigkeiten, gemeinsame Strategien zur Vermeidung der Schadstoffbelastung zu finden. Diesem Gebiet sind die Abschnit te 10.2 und 10.3 gewidmet: In Abschnitt 10.2 erläutern wir zunächst die optimale internationale Differenzierung von Umweltstandards unter der Prämisse, dass auf allen Märkten vollständige Konkurrenz besteht. Die durchaus realitätsferne Annah me vollständiger Konkurrenz treffen wir, weil wir die Konsequenzen, die sich aus dem grenzüberschreitenden und globalen Charakter von Umweltproblemen erge ben, zunächst ohne „Komplikationen“ durch unvollständige Gütermärkte darstellen wollen. Dabei beschränken wir uns weitgehend auf intuitive Erläuterungen und reduzieren formale Überlegungen auf ein Minimum.1 In Abschnitt 10.3 konkretisieren wir die internationalen Koordinationsprobleme bei globalen Umweltproblemen anhand der 1 Formal interessierte Leser/innen seien auf Abschnitt 10.5 verwiesen, der die Effizienzbedingungen (und das im Mittelpunkt unserer inhaltlichen Überlegungen stehende Koordinationsproblem) bei grenz überschreitenden Schadstoffen in formal anspruchsvollerer Weise herleitet. Da rein nationale sowie globale Umweltprobleme als Spezialfälle des Problems grenzüberschreitender Schadstoffe aufgefasst werden kön nen, ist der als „Exkurs“ gekennzeichnete Abschnitt 10.5 in dieser Hinsicht erschöpfend. Leider ist der Abschnitt nicht nur in dieser Hinsicht erschöpfend, was der Grund dafür ist, dass wir ihn als „Exkurs“ gekennzeichnet haben. Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 214 10 Internationale Aspekte des Umweltproblems214 aktuellen Versuche, gemeinsame Strategien zur weltweiten Verminderung des CO2- Ausstoßes zu formulieren und durchzusetzen.2 • die zweite internationale Dimension der Umweltproblematik hat mit dem grenzüberschreitenden oder globalen Charakter von Schadstoffen grundsätzlich nichts zu tun und stellt sich auch dann, wenn die Emissionen in nationalen Grenzen verbleiben. Gemeint ist das in jüngster Zeit viel diskutierte sog. Öko-Dumping, worunter der Versuch verstanden wird, durch niedrige Umweltstandards die internationale Konkurrenzfähigkeit von Unternehmen zu steigern. In vielen westlichen Ländern gibt es mittlerweile eine starke Allianz aus Industrievertretern und Umweltschützern, die den Import aus Ländern mit niedrigen Umweltstandards unterbinden oder zumindest Importzölle einführen will. Ein niedriger Umweltstandard wird analog zu Exportsubventionen als Instrument der strategischen Handelspolitik interpretiert, das den Einsatz bila teraler Gegenmaßnahmen legitimieren soll. Selbstverständlich stellt sich dabei auch die Frage, ob die Disqualifizierung niedriger Umweltstandards als Öko- Dumping in einigen Fällen nicht ihrerseits nur ein neues Mittel des Protektionismus dar stellt. Angesichts der großen Bedeutung dieser Thematik für den internationalen Handel bemüht sich Abschnitt 10.4 darum, die Argumente und Gegenargumente für umweltbezogene „Gegenschläge“ zu strukturieren. Dabei gehen wir auch ausführlich auf die neuere theoretische Literatur ein, die die Anreize der beteiligten Länder zum Öko-Dumping aus dem Vorliegen international unvollständiger Konkurrenz ableitet. Der Grundgedanke ist einfach: Wenn unvollständige Konkurrenz herrscht und dadurch Gewinne auf den Weltmärkten gemacht werden können, so hat jedes Land einen Anreiz, die Position seiner Unternehmen durch eine unzureichende Internalisierung externer Effekte zu verbessern. In der Untersuchung der sich dabei ergebenden strategischen Anreize knüpft Abschnitt 10.4 recht direkt an das vorhergehende neunte Kapitel über strategische Innovationsanreize im Oligopol an. Um das Stoffgebiet im Rahmen eines Lehrbuchs auch nur halbwegs bewältigen zu können, beschränken wir unsere Überlegungen weitgehend auf Prozessstandards, worunter wir den Schadstoffausstoß im Produktionsprozess verstehen. Die internationale Differenzierung von Produktstandards, d.h. die in Produkten enthaltenen Umweltbelastungen (z.B. den Schadstoffgehalt von Äpfeln), sowie die im Konsum entstehenden Umweltbelastungen (beispielsweise Autofahren mit und ohne Katalysator), betrachten wir an einigen Stellen am Rande (vor allem in Abschnitt 10.4.2 unter Bezug auf die Regelungen im GATT), gehen aber aus Platzgründen nicht systematisch darauf ein. 10.2 Die optimale internationale Differenzierung von Umweltstandards bei vollständiger Konkurrenz In diesem Abschnitt bemühen wir uns darum, möglichst einfach die wohlfahrtsoptimale internationale Differenzierung von Umweltstandards zu erläutern. Dabei können wir uns kurz fassen, weil wir sehr eng an die in den vorhergehenden Kapiteln ange- 2 Die Einführung des CO2-Zertifikatehandels in der Europäischen Union ist ein Ergebnis dieses internationalen Koordinationsprozesses. Eine detaillierte Diskussion dieses Instruments erfolgt in Kapitel 6.7.

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Umweltökonomie – neue Aspekte

Die rasanten Entwicklungen in der Umweltpolitik in den vergangenen Jahren führten zu umfangreichen Anpassungen in diesem beliebten Lehrbuch, die insbesondere die anwendungsorientierten Abschnitte betreffen. Hier wurden vor allem die Kapitel über die Umweltinstrumente (Auflagen, Steuern, Zertifikate), die Kosten-Nutzen-Analyse sowie die internationalen Umweltaspekte (bspw. Klimakonferenzen) grundlegend aktualisiert. Darüber hinaus enthält das Kapitel zur Ressourcenökonomie nun ebenfalls eine anwendungsbezogene Diskussion.

Umweltökonomie – die Schwerpunkte

- Spieltheoretische Grundlagen

- Theorie externer Effekte

- Auflagen

- Steuern und Abgaben

- Zertifikate

- Verhandlungslösungen

- Umwelthaftung

- Umwelttechnischer Fortschritt

- Internationale Aspekte des Umweltproblems

- Umweltpolitik bei asymmetrischer Informationsverteilung

- Kosten-Nutzen-Analyse

- Ressourcenökonomie

Zielgruppe

Studierende der Volks- und Betriebswirtschaftslehre an Universitäten und Hochschulen sowie interessierte Praktiker in Wirtschaft, Politik und Verwaltung

Prof. Dr. Eberhard Feess ist seit 2008 Professor für Managerial Economics an der Frankfurt School of Finance and Management. Zuvor hatte er Lehrstühle an der EBS, der Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt und der RWTH Aachen.

Prof. Dr. Andreas Seeliger lehrt seit 2011 Volks- und Energiewirtschaftslehre an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Mosbach. Zuvor war er bei Frontier Economics, der Trianel European Energy Trading sowie dem Energiewirtschaftlichen Institut an der Universität zu Köln beschäftigt.